Widerrufen und gestorben

Der Zeuge Goldfarb ist, wie andere Zeugen in dieser Sache, längst tot und wird nicht mehr erläutern können, ob er in Zusammenhang mit Treblinka jemals den Namen "Demjanjuk" erwähnt hat und wie dieser Name in das Buch Langbeins kam — wenn Goldfarb doch schriftlich erklärt hat, "Iwan der Schreckliche" sei seit 1943 nicht mehr am Leben.

Aber auch von den wenigen noch lebenden jüdischen Zeugen wird es keine Aufklärung geben. Der deutsche Rechtsanwalt Rudolf Stratmann in Düsseldorf, der als Verteidiger eines der Angeklagten den Treblinkaprozeß intensiv verfolgte und "die Aussagen der jüdischen Zeugen durchweg vollständig mitgeschrieben hat", hat seine Aufzeichnungen "noch einmal alle durchgesehen. In diesen Aufzeichnungen habe ich von keinem Zeugen mögliche Aussagen über Iwan oder Nikolai gefunden." (084) Der Name "Iwan der Schreckliche", das wird immer deutlicher, existierte zur Zeit der deutschen Treblinkaprozesse noch gar nicht; er wurde erst später von der amerikanischen Presse erfunden. Und erst, als man John Demjanjuk in Cleveland/Ohio mit jenem "schrecklichen Iwan" zu identifizieren begann, setzte auch in den Hirnen einiger Zeugen jener Prozeß ein, bei dem sich völlig verschollene Erinnerungen unter dem

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Eindruck immer neuer Enthüllungen in der Presse zu völlig neuartigen Zeugenaussagen formierten : Plötzlich waren nicht mehr die längst abgeurteilten oder nicht mehr erreichbaren Deutschen im KZ Treblinka die Hauptpersonen, sondern der Ukrainer "Iwan der Schreckliche" alias John Demjanjuk aus Ohio.

Nach Rosenberg, dessen Aussage wir schon erwähnt haben, trat als zweiter Zeuge gegen John Demjanjuk ein gewisser Pinchas Epstein auf, auch er belastete Demjanjuk schwer. Er habe selbst gesehen, wie "Iwan der Schreckliche" zu einer Gruppe jüdischer Gefangener ging und ihnen "einem nach dem anderen die Schädel spaltete." Bei anderen Gefangenengruppen habe er mit einem Eisenrohr die Füße zerschmettert : "Ich finde keine Worte, dies zu beschreiben." Während der Hauptverhandlung in Jerusalem rief Epstein gellend aus : "Das ist der Mann, der da. Natürlich hat ihn das Alter etwas verändert, aber man kann ihn wieder erkennen." Epstein sah Demjanjuk nicht das erstemal wieder. Er hatte Demjanjuk schon beobachtet, als dieser nach seiner Auslieferung an Israel das Flugzeug verließ : "Da sah ich, wie er geht. Ich erkannte dieselben Bewegungen wieder, die er schon in Treblinka an sich hatte."

Eine besonders erschütternde Erzählung von Epstein ging mit Hilfe der Medien rund um die Welt und muß Millionen Herzen erweicht haben. Denn Epstein erzählte auch : "Einmal kam ein kleines Mädchen, nicht älter als 12 Jahre alt, lebendig wieder aus der Gaskammer. Es schrie nach seiner Mutter." Epstein brauchte einige Zeit, ehe er diese teuflische Handlung schilderte, denn er war deutlich erschüttert : "Iwan befahl einem Gefangenen, das Kind zu vergewaltigen und dann zu erschießen." Nach dieser Aussage versank der Zeuge Epstein hinter einem großen Taschentuch, in das er hineinweinte.

Das Problem mit dem Zeugen Epstein besteht nur darin, daß er schon oft als Zeuge in Treblinkaprozessen gedient hatte. So liegt eine eidesstattliche Erklärung Epsteins vor, in der er sich anbietet, selbst nach Deutschland zu kommen, um alle Verbrecher von Treblinka "zu agnoszieren" : An einige Verbrecher erinnert er sich nur mit den Spitznamen. So nennt er einen deutschen Unterscharführer "Frankenstein". Andere Verantwortliche kennt er nur mit Vornamen. Ein Großteil der Angaben über Treblinka stammt von Rosenberg und Epstein. Nur er-

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klärte Epstein in seiner zitierten eidesstattlichen Erklärung überhaupt nichts, was auf die Gaskammern hinweist. Er nennt "tausende Juden", die in Treblinka "mißhandelt und getötet" worden seien : sie alle wären auf sadistische und individuelle Weise ermordet worden, durch Erschießung. (085)

Folgt man dieser eidesstattlichen Erklärung Epsteins aus viel früheren Jahren, drängt sich der Eindruck auf, daß es in Treblinka entweder überhaupt keine Gaskammer gegeben hat oder daß er davon nichts wußte, weil er als Häftling gar nicht im sogenannten "Totenlager", sondern im unteren Lager war — von dem aus man die Ereignisse im "Totenlager" nicht einsehen konnte. Da sich besagter grausamer Iwan aber im "Totenlager" befunden haben soll, kann ihn Epstein überhaupt nicht gekannt haben, und schon gar kein Mädchen, das die Gaskammer lebend wieder verlassen haben soll.

Dem deutschen Gericht, das sich mit den Verbrechen in Treblinka befaßte, war Epstein als Zeuge so unheimlich, daß man darauf verzichtete, ihn zu vereidigen. Das Urteil in den deutschen Treblinka-Verfahren klammerte Epstein als Zeugen sogar aus. Dennoch ist er jetzt der zweitwichtigste Zeuge gegen Iwan Demjanjuk, den er nach über 40 Jahren an dessen Bewegungen wiedererkannt haben will. Auch "vergaß" Epstein in allen früheren Zeugenaussagen, die er machte, völlig die Rolle, die in Treblinka "Iwan der Schreckliche" gespielt haben soll : Dieser Iwan wurde von Epstein niemals zuvor auch nur am Rande erwähnt. Jetzt soll er die eigentliche Bestie von Treblinka gewesen — und mit Iwan Demjanjuk identisch sein.

Die Rolle jüdischer Zeugen wurde aus solchen Gründen nicht nur von deutschen Gerichten gering bewertet. Auch in den USA haben sich Richter der Praxis angeschlossen, Urteile lieber nicht zu fest auf solche jüdischen Aussagen zu bauen. Nicht nur der geschilderte Fall Wallus hat bewiesen, daß solche Zeugen "Irrtümer" begehen und zu bühnenreifen Szenen fähig sind — obgleich sie sich an nichts mehr genau erinnern können, wenn sie überhaupt Zeuge der Ereignisse waren. Als 1978 ein anderer Ukrainer, Feodor Fedorenko, ähnlich wie später Demjanjuk, wegen angeblicher Anwesenheit in Trawniki und dann in Treblinka seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft beraubt werden sollte, traten gegen ihn sechs Zeugen auf, die beschworen, daß sie Augenzeuge furchtbarer Grausam-

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Dok. 14 : Pinchas Epstein schildert viele Verbrecher von Treblinka, aber keinen "Iwan den Schrecklichen".

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keiten gewesen seien, die Fedorenko begangen haben soll. Der Richter in Florida aber kam zur Überzeugung, daß die Aussagen der jüdischen Zeugen "voller Konflikte und Ungewißheiten" und deshalb "nicht geeignet sind, daraus Schlüsse zu ziehen."

Die Zeugen wurden als unglaubwürdig entlassen. Es waren genau dieselben Zeugen, die jetzt gegen Iwan Demjanjuk antreten.

Die deutsche Justiz beurteilt jüdische Zeugen aus vielen Gründen schon seit den Treblinka-Prozessen "vorsichtig" und versucht, ihr Urteil besser auf Aussagen deutscher Tatbeteiligter zu gründen. Doch heute, über 40 Jahre nach den Ereignissen, leben nur noch sehr wenige deutsche Tatbeteiligte, unter ihnen der deutsche KZ-Wächter August Wilhelm Miete, inzwischen fast 80 Jahre alt. Er wurde erst kürzlich aus der Haft entlassen, erinnert sich aber an "keinen Iwan". Als die Treblinka-Prozesse stattfanden, gab es noch weitaus mehr deutsche Zeugen. Doch damals sprach kein einziger von einem "Iwan dem Schrecklichen" — auf den man doch leicht einen Großteil der Schuld hätte abwälzen können.

Nur jüdische Zeugen erwähnten — am Rande — einen "Iwan". Matthes, ein deutscher Angeklagter, erinnerte sich 1962, als man ihn befragte, an keinen Iwan, sondern an einen Nikolai.

Deutsche Zeugen

Aus der Aussage von Matthes :

"Im oberen Lager mögen etwa 14 Deutsche Dienst getan haben. Dann waren ständig zwei Ukrainer im oberen Lager. Von diesen hieß einer NICOLAI. Der aber war klein von Statur, an seinen Namen kann ich mich nicht erinnern. Wenn ich gefragt werde, ob dieser Iwan hieß, so erkläre ich : "Das weiß ich nicht." Diese beiden Ukrainer, die im oberen Lager wohnten, haben vor den Gaskammern Dienst getan. Sie waren es, welche die Türen der Gaskammern schlossen.

Sie haben sich auch um den Motorenraum gekümmert, wenn

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der FRITZ SCHMIDT nicht da war. Dieser Schmidt war sonst für den Motorenraum verantwortlich. Die durch den Gang nach oben gebrachten Menschen mußten dann in die einzelnen Gaskammern hereingehen. Nachdem im Sommer 1942 die neuen Gaskammern gebaut worden waren, die, glaube ich, jedoch im Herbst erst in Betrieb genommen werden konnten, standen insgesamt sechs Gaskammern zur Verfügung. Ich schätze, daß in jede Kammer etwa 300 Menschen hereinpaßten.

Die Menschen sind ohne Widerstand in die Kammern gegangen. Zuletzt haben jedoch die ukrainischen Wachmannschaften nachgedrückt. Ich habe auch selbst gesehen, daß die Ukrainer die Menschen mit den Gewehrkolben gestoßen haben. Wenn ich gefragt werde, ob die Menschen auch mit Lederpeitschen geschlagen worden sind; so erkläre ich : "Nein, nicht beim Hineinschieben !"

Wenn die Gaskammern voll waren, wurden die Türen geschlossen. Wenn ich gefragt werde, wer den Befehl jeweils hierzu gab, so erkläre ich : "Das haben die Ukrainer von sich aus gemacht." Die Gaskammern blieben etwa 30 Minuten geschlossen. Dann hat Schmidt das Gas abgestellt und die beiden Ukrainer im Motorenraum haben die Gaskammern auf der anderen Seite geöffnet. Wenn ich gefragt werde, ob es nicht in den Gaskammern Fenster gegeben hat, so erkläre ich, "Bei den neuen Gaskammern hat es solche Fenster gegeben, durch die man in die Kammern hineinsehen konnte, wenn sie geschlossen waren." Wenn ich gefragt werde, wer sich jeweils vor dem Öffnen der Gaskammern durch einen Blick durch das Fenster davon überzeugt hat, daß die Insassen tot waren, so erkläre ich : "Die im Motorenraum haben sich durch einen Blick durch die Fenster überzeugt, daß die Gaskammern geöffnet werden konnten."

Wenn ich gefragt werde, wer "die im Motorenraum" waren, so erkläre ich : "Schmidt und die zwei Ukrainer."

Wenn ich gefragt werde, ob Schmidt immer zugegen gewesen ist, so erkläre ich : "Wenn Schmidt nicht da war, haben es nur die beiden Ukrainer gemacht." (086)

Folgt man dieser Aussage, war "der andere Ukrainer", an dessen Namen sich der Zeuge nicht mehr erinnern konnte, "klein von Statur", was sicher nicht auf Iwan Demjanjuk mit 1,80 m zutrifft.

Ein anderer Zeuge, der dem Gericht damals zur Verfügung

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stand, war der Angeklagte Münzberger, der von Belastungszeugen bezichtigt wurde, selbst vor dem Eingang zur Gaskammer gestanden und dort die Todeskommandos gegeben zu haben. Münzberger wurde wegen "der Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens 300 000 Personen" für schuldig befunden und verurteilt.

Münzberger

Richterliche Vernehmung vom 1. April 1960 (Auszug) :

"In die Gaskammern wurden Motorengase eingeleitet. Als die großen Gaskammern in Betrieb waren, gab es einen besonderen Motorenraum. Von dem dort befindlichen Motor liefen Verbindungsrohre zu den einzelnen Gaskammern. Dieser Motorenraum ist von dem gestern von mir erwähnten SS-Angehörigen Schmidt, Fritz eingerichtet worden. Dieser hat auch zwei Ukrainer im Gebrauch des Motors unterwiesen. Diese beiden Ukrainer waren ständig dort. Einer von ihnen war sehr groß und stark. Er wurde Iwan genannt. Der andere ist mir weder dem Namen noch dem Spitznamen nach bekannt.

Die eben erwähnten zwei Ukrainer, welche die Motoren bedienten, die haben oben geschlafen, weil sie auch die Lichtmaschine beaufsichtigt haben, die sich im Bereich der kleinen Gaskammern befand."

Wie man sieht, weichen die Zeugenaussagen erheblich voneinander ab : für Münzberger war Iwan "sehr groß und stark", Matthes bezeichnet ihn als klein und spricht im übrigen nicht nur von zwei, sondern sogar von "sechs bis acht Ukrainern", die an der Gaskammer Dienst getan haben sollen. Doch besonders interessant ist, was Münzberger sagt : "Einer von ihnen war sehr groß und stark. Er wurde Iwan genannt. Der andere ist mir weder dem Namen noch dem Spitznamen nach bekannt." Offenbar wurden die Ukrainer — wenn es welche waren — oft anders genannt als sie wirklich hießen. Es gab "Spitznamen". Der "Iwan" wurde so "genannt". War Iwan gar nicht der wirkliche Vorname des Mannes, mit dem Iwan Demjanjuk identisch sein soll ?

Auf diese wichtige Frage gab Münzberger bereits in einer Vernehmung durch das bayerische Landeskriminalamt vom 17. September 1960 genaue Antwort :

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"Ich kann mich nunmehr auch an einen gewissen Schmidt, Vorname Fritz, Uscha (Unterscharführer) und vermutlich Mechaniker, aus Pirna oder Umgebung erinnern, der bei uns in Treblinka das Lichtaggregat überwachte und die Verbrennungsmotoren für die Gaskammern reparierte. Soweit ich weiß, wurden die Motoren bei Vergasungen nur von einem Ukrainer mit dem Spitznamen "Iwan" bedient. Dieser lief später in Italien zu den Partisanen über."

Das beantwortet vieles, etwa die Frage danach, weshalb die deutschen Justizbehörden niemals nach diesem "Iwan" gefahndet haben : Denn Iwan war — laut Münzberger — nur "ein Spitzname". Aber wenn es ein Spitzname war, kann "Iwan" nicht der Vorname des Mannes an der Gaskammer gewesen sein : und Demjanjuk hieß immer Iwan.

Dieser Spitzname "Iwan" tauchte schon viel früher, unmittelbar nach Kriegsende, auf. Damals legten die polnischen Behörden Kriegsverbrecherlisten vor. Gesucht wurde, auf Grund von Zeugenaussagen, jemand, der in Treblinka an den Massentötungen in den "Wasserdampfzellen", aus denen später die Gaskammern wurden, führend beteiligt war — und "Iwan" genannt wurde : in Wirklichkeit hieß er Beelitz und, mit Vornamen, vermutlich Wilhelm. Auch der Zeuge Münzberger erinnerte sich 1960 an diesen Beelitz :

"Mit Vornamen glaube ich Willi. Aus Berlin und Umgebung stammend, Ende 20 oder Anfang 30 Jahre alt. Ursprünglich SA-Angehöriger. Ich erinnere mich, daß er zeitweise Dienst außerhalb des Lagers gemacht hat : Kontrolle der Posten, Beaufsichtigung von Außenkommandos." Daraus geht hervor, daß dieser Beelitz engen Kontakt mit den "Ukrainern" hatte, die seinem Befehl unterstellt waren. Münzberger weiter : "Hat auch innerhalb des Lagers Dienst getan, mal oben, mal unten. Er war groß und blond." Der Hinweis, daß Beelitz "auch oben Dienst getan hat", bestätigt, daß er auch an den Gaskammern tätig war : und dieser Beelitz wurde "Iwan" genannt — aus welchen Gründen auch immer, möglicherweise wegen seines kurzen Haarschnitts.

Somit ist möglicherweise klar, wer der "Iwan" von der Gaskammer wirklich war. Leider kann man diesem Hinweis nicht weiter nachgehen, denn Beelitz ist verschwunden, wahrscheinlich tot, auch blocken die deutschen Behörden ab. Denn als

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1987 der Verdacht auftauchte, Beelitz könne jener "Iwan" sein, teilte die Zentralstelle für die Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen in Ludwigsburg fernmündlich mit, sie habe über Beelitz "gar nichts", lediglich einen Hinweis darauf, daß er während des Krieges bei einer Polizeieinheit in Polen gedient habe. In Wirklichkeit fahndet die Volksrepublik Polen seit Kriegsende nach jenem Beelitz alias "Iwan" wegen seiner Mordaktivitäten im KZ Treblinka, und seit fast 30 Jahren liegt die Aussage Münzbergers vor, derzufolge Beelitz nicht nur in Treblinka, sondern in diesem Lager "auch oben" war — also im Bereich der Gaskammer.

Aber völlig klar ist, daß "Iwan" von der Gaskammer gar nicht Iwan, sondern mit Vornamen ganz anders hieß : denn "Iwan", das war, laut Münzberger, "ein Spitzname".

Münzberger wurde zu 12 Jahren Freiheitsentzug verurteilt; vier Jahre wurden zur Bewährung ausgesetzt. Er ist inzwischen verstorben.

1973 trat Münzberger noch einmal als Zeuge im Strafverfahren gegen Streibel, den ehemaligen Lagerkommandanten von Trawniki, auf. Dabei erwähnte Münzberger, daß der Sold an "die Ukrainer" im Lager Treblinka von einem gewissen "Mätzig" ausgezahlt worden sei. Willi Mätzig wird von der Anklage in Jerusalem als Zeuge gegen Iwan Demjanjuk aufgeführt — aber er kann sich überhaupt nicht an einen Ukrainer erinnern, der Iwan oder gar Iwan Demjanjuk hieß. Mätzig wurde nach dem Kriege gleichfalls strafrechtlich verfolgt, aber nie verurteilt.

Hier drängt sich, nebenbei, ein Vergleich auf, der bei der Bewertung des Falles Demjanjuk sicher auch eine Rolle spielen sollte : Münzberger, der, zusammen mit Matthes, die Aufsicht an den Gaskammern gehabt haben soll, wurde zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt und war nach acht Jahren wieder frei. Mätzig wurde nie verurteilt, weil ihm eine Beteiligung an Verbrechen in Treblinka nicht nachgewiesen werden konnte. Ein kleiner Ukrainer aber soll jetzt gehängt werden, weil er unfreiwillig in Treblinka gewesen sein soll, und obgleich es dafür weder jüdische noch deutsche Zeugen gibt. Freilich : die Aussagen aller deutschen Angeklagten zu dieser Problematik zeichnen sich dadurch aus, daß sie selbst "nicht vor den Gaskammern Dienst taten" und natürlich mit der Vergasung auch nichts zu

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tun hatten. Viele Angeklagte erklärten sogar, ausschließlich im "unteren Lager" gewesen zu sein, von wo aus man nicht einsehen konnte, was im "oberen Lager" geschah. Bei vielen Angeklagten hatte man den Eindruck, daß sie die Möglichkeit von Massentötungen durch Gas erst unter Druck der langen, bereits verbüßten Untersuchungshaft und der Erwartungen des Gerichts, in dessen Händen ihr Schicksal lag, einräumten. Hätte sich die deutsche Justiz damals ausschließlich auf jüdische Zeugen verlassen, wären die Folgen unvorstellbar : denn wenn beispielsweise der für "glaubhaft" befundene Zeuge Elias Rosenberg nicht die Wahrheit sagt und sich deshalb widerspricht oder wenn der Zeuge Goldfarb dementiert, was er, angeblich, vor einem deutschen Gericht gesagt haben soll und was ihm von deutschen Richtern geglaubt wurde, dann wäre, ohne Teilgeständnisse der Täter, kaum noch irgendein Beweis dafür vorhanden, was in Treblinka geschah !

Zur Taktik der Angeklagten gehörte es offenbar aber auch, sich gegenseitig möglichst nicht zu belasten. Als eigentliche Schuldige erschienen in ihren Aussagen angeblich Haupttäter, die nicht greifbar waren und nicht einmal genau identifiziert wurden — beispielsweise diese beiden mysteriösen Ukrainer, die von vielen deutschen Angeklagten gesehen wurden — die man dann aber nicht einmal annähernd beschreiben konnte, so daß sich auch aus diesen Aussagen nicht der geringste Hinweis auf John Demjanjuk entnehmen läßt.

Der "große Unbekannte"

"Iwan" (der Beiname "der Schreckliche" wurde ja erst viel später erfunden) blieb in den beiden deutschen Treblinka-Prozessen "der große Unbekannte", wie er in vielen Strafverfahren von belasteten Angeklagten eingeführt wird. Doch wie in den meisten solchen Fällen scheint die deutsche Justiz von der möglichen Existenz eines "großen Unbekannten" nicht sehr überzeugt gewesen zu sein, denn es wurde nicht einmal danach gefragt, wie er ausgesehen haben könnte — und die Frage, wer

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jener "Nikolai" gewesen sein könnte, wurde bis heute von keiner Seite gestellt. Auf Anfragen teilte die deutsche Zentralstelle der deutschen Länderjustizverwaltungen in Ludwigsburg, die sich auf die Verfolgung noch nicht entdeckter NS-Gewaltverbrecher konzentriert hat, mehrfach noch Mitte der achtziger Jahre, als John Demjanjuk in den USA schon in Haft genommen worden war, mit, daß es dort überhaupt keinen Aktenvorgang gibt, der sich auf jenen Iwan von Treblinka bezieht. Schließlich war der Name ja auch während der deutschen Strafverfahren nur am Rande aufgetaucht — obgleich der Mann, der den Gasmotor bediente, eigentlich im Mittelpunkt hätte stehen müssen.

Der Zeuge Horn

Es gab freilich auch noch den deutschen Zeugen Otto Horn, der selbst wegen "Beihilfe zum Mord" angeklagt war, aber während des deutschen Treblinka-Verfahrens weniger Rücksicht auf seine ehemaligen Kameraden nahm : Er wurde freigesprochen, obgleich er nach eigenem Geständnis im oberen Lager von Treblinka die Leichenträger beaufsichtigte, an der Leichengrube und später an den Verbrennungsrosten tätig war. Dieser Zeuge hatte nach Feststellungen des deutschen Gerichts also den Mord "gefördert" : "Wären die Leichen nicht schnell von den Gaskammern zu den Gruben und später zu den Verbrennungsrosten gebracht und dort verbrannt worden, so wäre eine erneute Füllung der Kammern nicht in der vorgesehenen kurzen Zeit möglich gewesen, und die Massenvernichtung wäre ins Stocken geraten." Der Freispruch dieses Haupttäters erstaunt umso mehr, als ermittelt wurde, daß er, bevor er nach Treblinka kam, am deutschen Euthanasieprogramm beteiligt gewesen war.

Angeklagt und Zeuge der Anklage

Obgleich Otto Horn "vorsätzlich" handelte, auch "das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit seines Verhaltens" hatte und überhaupt keinen "Rechtfertigungsgrund" für seine aktive Beteiligung an der Entleerung der Gaskammern und Vernichtung der Leichen hatte, billigte ihm das Gericht eine "vermeintliche Zwangslage" zu : Horn habe geglaubt, in Treblinka befehlsmä-

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ßig handeln zu müssen, weil er andernfalls um seine eigene Freiheit und sogar sein Leben hätte fürchten müssen. Aber sein Freispruch wegen "Mangels an Beweisen" wurde möglicherweise auch dadurch gefördert, daß er als Augenzeuge der Ereignisse im "Totenlager" Aussagen machte, die von seinen mitangeklagten Ex-Kameraden bestritten wurden.

Horn bestritt nicht, im "Totenlager" tätig gewesen zu sein, und bestätigte dem Gericht alles, was die Staatsanwaltschaft hören wollte. Er belastete vor allem die mitangeklagten Matthes und Münzberger sehr schwer :

Richterliche Vernehmung vom 6.11.1961

"Vor den Gaskammern hielt sich Matthes auf, und zwar zusammen mit einigen SS-Angehörigen aus dem oberen Lager. Es waren dies meiner Erinnerung nach Schmidt, Münzberger und andere, an deren Namen ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann. Ferner waren meist zwei Ukrainer zugegen, die ständig an den Gaskammern Dienst taten. Ich glaube, diese beiden Ukrainer haben mit Schmidt zusammen die Motoren in Ordnung gehalten."

Doch wer diese beiden Ukrainer waren, von denen auch Horn berichtete, schien das deutsche Gericht nicht zu interessieren. Die Freudigkeit, mit der Otto Horn, um seinen Freispruch bangend, die Anklage bestätigte, machte ihn sehr viel später auch für die amerikanischen Behörden, die plötzlich John Demjanjuk für einen dieser Ukrainer hielten, interessant. Denn Horn, der noch heute als freier Mann in Westberlin lebt (freilich als alter Mann und aus verständlichen Gründen von seiner Zeit in Treblinka nichts mehr wissen wollend), wurde zwanzig Jahre später in seiner kleinen Wohnung an der Kreuzberger Yorckstraße von US-Fahndern aufgesucht. Sie zeigten ihm mehrere Fotos, an Hand derer Otto Horn einen der Ukrainer vor der Gaskammer mit John Demjanjuk identifizierte. Seitdem ist Otto Horn Zeuge gegen John Demjanjuk. Als Horn daraufhin freilich von den Verteidigern John Demjanjuks aufgesucht wurde, geriet sein scheinbar eindeutiges Urteil sofort ins Wanken : man habe ihm, so erklärte er, suggestiv ein Foto solange vor die Augen geschoben, bis er den darauf abgebildeten Mann "wiedererkannte". Horn erklärte, in Wirklichkeit könne er sich gar nicht darauf besinnen, wie jener Ukrainer

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ausgesehen haben könnte. Er gab dies detailliert zu Protokoll. Er habe jenen "Iwan" von der Gaskammer nur immer aus weiter Entfernung gesehen und könne sich an keine Gesichtszüge erinnern. Im Dezember 1984 fiel ihm ein, jener "Iwan" möge "achtundzwanzig Jahre alt" gewesen sein — also fünf Jahre älter als Demjanjuk, aber etwa ebenso alt wie Beelitz, der "Iwan" genannt wurde.

Dieses Verhalten Otto Horns verstörte die Anklagebehörde in Jerusalem. Kaum war bekannt geworden, daß Horn als Belastungszeuge gegen Demjanjuk nicht mehr in Frage kam, erhielt auch Horn mehrere "Hausbesuche". Dort wurde er auf die Folgen seines Widerrufs der ersten Aussage hingewiesen und dann im Berliner Polizeipräsidium noch einmal vernommen : Jetzt war sich Horn wieder sicher, daß er Demjanjuk doch "genau" identifizieren könne. So wurde Otto Horn zum einzigen deutschen Kronzeugen der Anklage. Um ihn sympathisch zu zeigen, erscheint Horn seitdem in der amerikanischen und israelischen Presse als "male nurse", als "Krankenpfleger", der Demjanjuk identifizieren könne : denn Horn war "Krankenpfleger" im Rahmen des deutschen Euthanasieprogramms gewesen, bevor er nach Treblinka kam.

Israelisches Gericht im Juni 1987 in der Bundesrepublik Deutschland

Seit Beginn dieses Jahres steht in Jerusalem der gebürtige Ukrainer Iwan Demjanjuk unter dem schweren Vorwurf vor Gericht, im ehemaligen deutschen Konzentrationslager von Treblinka eigenhändig den Gasmotor bedient und hunderttausende Juden ermordet zu haben. Demjanjuk wird belastet durch jüdische Zeugen und einen sogenannten Dienstausweis, aus dem hervorgeht, daß er zunächst im Lager Trawniki ausgebildet wurde. Demjanjuk behauptet, weder in Trawniki noch in Treblinka gewesen zu sein. Auf der Suche nach weiteren Zeugen bereiste jetzt im Juni 1987 das israelische Gericht die Bundesrepublik Deutschland, doch die drei Richter und der is-

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raelische Staatsanwalt Horowetz dürften eher frustriert in ihre Heimat zurückgekehrt sein. Ohnehin schon bestehende und erhebliche Zweifel an der Identität des Angeklagten mit jenem "Iwan dem Schrecklichen" von Treblinka wurden durch die Ereignisse der Reise eher noch vertieft.

Vorbehandelte Zeugen

Dabei waren alle drei Zeugen, die das israelische Gericht vernehmen sollte, gut vorbereitet worden. Sie hatten schon während des Auslieferungsverfahrens gegen Demjanjuk in den USA "Hausbesuche" von Seiten des Office of Special Investigations (OSI) erhalten, einer Einrichtung des amerikanischen Justizministeriums, die sich ausschließlich mit der Verfolgung mutmaßlicher Naziverbrecher in den Vereinigten Staaten befaßt. Dabei waren die Zeugen auf Aussagen festgelegt worden, die Demjanjuk eindeutig belasteten : Ein Zeuge erinnerte sich daran, daß es den sogenannten Dienstausweis, den Demjanjuk in Treblinka bekommen haben soll, tatsächlich in dieser Form gegeben habe. Ein anderer Zeuge, Otto Horn in Berlin, der im Konzentrationslager Treblinka die Beseitigung der Leichen überwachte, erinnerte sich, an der Gaskammer auch Iwan Demjanjuk gesehen zu haben, den er anhand von Bildern identifizierte. Freilich : ein Zeuge beschwerte sich anschließend schriftlich darüber, daß man ihm, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, Suggestivfragen gestellt habe.

Widerruf eidesstattlicher Erklärungen

Als die Verteidigung Iwan Demjanjuks die Zeugen der Anklage kontaktierte, erklärten sie allesamt, ihre Aussagen seien völlig falsch wiedergegeben worden : Der Zeuge Heinrich Schäfer, der zum Verwaltungspersonal des Ausbildungslagers Trawniki gehört hatte, ging selbst zu seiner Gemeindebehörde und gab dort eine eidesstattliche Erklärung ab, der zu entnehmen ist, daß es solch einen "Dienstausweis" in Trawniki überhaupt nicht gegeben habe. Und der Westberliner Zeuge Otto Horn, der Iwan Demjanjuk zunächst an Hand von Photos identifiziert hatte, erklärte unter Eid vor dem amerikanischen Generalkonsulat in Westberlin, dies könne er niemals gesagt haben; denn er habe jenen "Iwan" vor der Gaskammer nur aus einer

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Entfernung von vierzig Metern gesehen und könne sich an keinerlei Einzelheiten erinnern, schon gar nicht an dessen Gesichtszüge. Außerdem, so Otto Horn, hätten die Deutschen in Treblinka sehr viele dort tätige russische oder ukrainische Wachmänner mit dem Namen "Iwan" angerufen — so daß fraglich sei, ob "Iwan der Schreckliche" von Treblinka überhaupt Iwan hieß. Diese Vermutung deckt sich mit einer Aussage des verurteilten Münzberger, der als deutscher KZ-Wächter schon im Strafverfahren gegen ihn selbst erklärt hatte, "Iwan" sei nur ein Spitzname gewesen, sodaß der geheimnisvolle Ukrainer vor der Gaskammer gar nicht Iwan hieß, also schon deshalb nicht mit Iwan Demjanjuk identisch sein kann.

Weitere "Vorgespräche"

Zu den vielen Merkwürdigkeiten im Strafverfahren gegen Iwan Demjanjuk gehört, daß die Zeugen auch weiter nicht in Ruhe gelassen wurden. Denn als den israelischen Strafverfolgungsbehörden bekannt wurde, daß die deutschen Zeugen der Anklage ihre zunächst unter dem Einfluß der OSI-Beamten abgegebenen Erklärungen allesamt widerrufen hatten, erhielten die deutschen Zeugen erneut "Hausbesuche" : diesmal von Beamten der israelischen Polizei und Staatsanwaltschaft. Im Laufe solcher "Vorgespräche" wurden die Zeugen erneut auf ihre erste Aussage festgelegt. Sogar der israelische Staatsanwalt Horowetz persönlich nahm an solchen "Vorgesprächen" teil : noch unmittelbar vor der Reise des israelischen Gerichts in die Bundesrepublik Deutschland wurde der Zeuge Schäfer von Horowetz heimgesucht und eindringlich darum gebeten, seinen eidesstattlichen Widerruf erneut zu widerrufen. Solche "Vorgespräche" wurden auch in Köln mit dem Zeugen Leonhardt und in Westberlin mit dem Zeugen Otto Horn geführt. Der Besuch des israelischen Gerichts in der Bundesrepublik Deutschland sollte zu einer Objektivierung dieser mehrfach beeinflußten Zeugenaussagen beitragen. Doch schon der in Köln lebende ehemalige deutsche Polizeibeamte Leonhardt erwies sich als denkbar schlechte Stütze der israelischen Anklage. Leonhardt, der im Ausbildungslager von Trawniki in der Verwaltung tätig gewesen war, hatte zwar zunächst erklärt, er könne sich an den sogenannten "Dienstausweis" genau erin-

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nern. Hinzugefügt hatte er freilich, er habe solche Dienstausweise "nur selten in Händen gehabt", was auf den widersprüchlichen Charakter dieser Aussage hinwies : denn wenn es in Trawniki überhaupt solche Dienstausweise gab, mußten sie von Leonhardt selbst und von niemand anderem ausgefüllt worden sein. Da es, nach Schätzungen des deutschen Sachverständigen Prof. Wolfgang Scheffler, in Trawniki rund 5000 hilfswillige Angehörige von Ostvölkern gegeben hatte, mußte Leonhardt selbst rund 5000 solcher "Dienstausweise" ausgestellt haben. Er konnte folglich nicht erklären, er kenne solche Dienstausweise zwar, sei mit ihnen persönlich aber nur selten in Kontakt gekommen. Während seiner Vernehmung vor einem deutschen Richter in Köln stellte sich heraus, daß Leonhardt das Dokument überhaupt nicht identifizieren konnte. Zum Schluß der Vernehmung erklärte dieser Zeuge, darauf hingewiesen, daß in dem sogenannten "Dienstausweis" sogar das Ausgabedatum und die Gültigkeitsdauer fehlen, mit Bestimmtheit : solch ein fehlerhaftes "Dokument" wäre weder von ihm noch von irgendeinem anderen in Trawniki an Ukrainer ausgegeben worden. Der Zusammenbruch dieses Belastungszeugen veranlaßte die israelische Staatsanwaltschaft, gleich auch auf den Zeugen Schäfer zu verzichten : denn auch hier bahnte sich der völlige Zusammenbruch des Zeugen an, nachdem dieser bereits eidesstattlich erklärt hatte, niemals ein solches "Dokument" gesehen zu haben.

Kein einziger deutscher Belastungszeuge

Auch die drei Tage währende Einvernahme des wichtigsten Belastungszeugen Otto Horn in Berlin verlief ähnlich. Horn, der einmal unter Eid erklärt hatte, Iwan Demjanjuk identifizieren zu können, erklärte vor dem Amtsgericht Tiergarten und in Anwesenheit von drei israelischen Richtern, ebenfalls unter Eid, er könne sich nicht einmal mehr an das Aussehen seines besten Lager- und Kriegskameraden, Eisold, erinnern — und schon gar nicht an jenen Iwan, der in Treblinka war.

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Der Zeuge Kurt Franz

Überhaupt kein Interesse hatte die Anklage von Jerusalem freilich an dem einzigen Zeugen, der jenen Iwan gekannt haben muß : an Kurt Franz, dem ehemaligen Leiter des Lagers Treblinka. Denn Kurt Franz, der eine lebenslängliche Gefängnisstrafe verbüßt, beschrieb jenen Iwan von Anfang an sehr eindeutig, aber ganz anders, als Iwan Demjanjuk aussieht.

Im Februar 1984 erklärte Kurt Franz, als er im Gefängnis aufgesucht wurde, um über jenen Iwan von Treblinka befragt zu werden : "Der Iwan von Treblinka war ein Stück größer als ich. Ich bin 1,81 m. Der Iwan war mindestens 1,90. Das war ein Riesenklotz. Iwan war viele Jahre älter als ich. Damals war er mindestens 40 Jahre alt und hatte schon etwas graue Haare."

Am 5. Dezember 1984 wurde Kurt Franz befragt, wobei man ihm abermals ein Photo zeigte, das der Anklage gegen John Demjanjuk dient und das angeblich "Iwan den Schrecklichen" im Jahre 1942 zeigt. Er antwortete : "Der Iwan von Treblinka hat ganz anders ausgesehen." Franz betonte erneut, daß Iwan schon in Treblinka etwa doppelt so alt war wie er und unmöglich John Demjanjuk sein könne, der damals natürlich, als kaum 20jähriger, auch noch keine grauen Haare hatte.

Am 29.11.1986, als die ersten Fernsehbilder vom Strafverfahren gegen Iwan Demjanjuk um die Welt liefen, schrieb Kurt Franz an seinen Anwalt einen Brief :

"Heute sah ich im Fernsehen den Angeklagten Iwan Demjanjuk auf der Anklagebank im Jerusalemer Prozeß. Ich kann Ihnen versichern, daß der Mann niemals der Iwan ist, den ich in Treblinka sah und in Erinnerung habe.

Der Iwan in Treblinka war ein hochaufgeschossener Mann. Wegen seiner Größe war seine körperliche Haltung etwas nach vorn geneigt. Er durfte schon damals 40 Jahre alt gewesen sein. Er müßte demnach heute über 80 Jahre alt sein. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn man diesbezüglich hier in Lüttringhausen mit mir Rücksprache halten würde."

Bei einem Gefängnisbesuch erklärte Kurt Franz vor laufender Videokamera, der Iwan, an den er sich erinnert, habe trotz riesiger Gestalt eine nach vorn geneigte Körperhaltung gehabt,

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die Franz auf einen eingesunkenen Brustkorb zurückführt : eine Beschreibung, die noch weiter vom Aussehen Iwan Demjanjuks abweicht.

Obgleich Kurt Franz wichtigster Zeuge sein sollte, wurde er nicht geladen. Stattdessen durfte der Besuch, der das Video-Interview mit Kurt Franz gemacht hatte, danach mehrere Stunden darauf warten, wieder aus dem Gefängnis entlassen zu werden : denn irgend jemand "im Ministerium" in Düsseldorf war nervös geworden. Seitdem darf Franz angeblich keine Besuche mehr empfangen : fürchtet man die Zeugenaussage dieses Mannes im Fall Demjanjuk oder gar Schlimmeres ? Denn man hört aus Düsseldorf auch, Franz könne den Holocaust, der in Treblinka begangen wurde, überhaupt bestreiten : obgleich Franz dort zumindest stellvertretender Lagerleiter war, will er von Vergasungen nichts bemerkt haben.

Je bedenkenloser man Iwan Demjanjuk mit Hilfe von falschen Dokumenten und Zeugen belastet, desto stärker wird der Eindruck, daß man die volle Wahrheit über Treblinka und den Holocaust erst viel später erfahren wird.

Je mehr sich die Verfolger Demjanjuks eigener "Irrtümer" schuldig machen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß man eines Tages alle Behauptungen über den Holocaust wieder in Frage stellt. Dies ist einer der Gründe dafür, weshalb auch viele Menschen in Israel nicht sehr glücklich über dieses Verfahren sind.

Wie mit Namen manipuliert wird

1947 erschien aus der Feder der jüdischen Autorin Rachel Auerbach in der polnischen Stadt Lodz ein Buch, das den Titel Auf den Feldern von Treblinka trug. Die Autorin gehörte nach Kriegsende zum Stab des Jüdischen Historischen Komitees in Polen, und es war das Jüdische Historische Komitee von Lodz, das 1947 das Copyright für dieses Buch erwarb.

Frau Auerbach wird zu den besten Kennern der Verhältnisse im Lager Treblinka gerechnet. Schon während des Krieges

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stenographierte sie, was ihr ein gewisser Abraham Jakob Krzepicki anvertraute, der von sich behauptete, aus dem Lager Treblinka geflohen zu sein. Im November 1945 vertrat sie das Jüdische Historische Komitee bei einer Besichtigung des ehemaligen Lagergeländes durch Angehörige der Zentralen Polnischen Staatskommission für deutsche Verbrechen in Polen.

In dem 1947 veröffentlichten Buch wird auf Seite 63 auch jener "Iwan" beschrieben, der an der Gaskammer tätig gewesen sein soll. Hier heißt es — in hebräischer Sprache — unter anderem :

"Als in den ersten Wintermonaten des Jahres 1943 die Gefangenentransporte weniger wurden, nicht mehr als zwei oder drei in der Woche, drohte jenen jüdischen Arbeitern, die gewöhnlich die Mahlzeiten für neuankommende jüdische Gefangene bereiteten, der Hungertod, während die deutschen und ukrainischen SS-Männer, auf der anderen Seite, vor Langeweile umkamen. In jenen Tagen, als die Transporte immer seltener und auch keine neuen angekündigt wurden, organisierten die Deutsch-Ukrainischen Dienstmänner gemeinsam mit Iwan Brosh, der den Motor bediente, eine besondere Unterhaltung, eine Art von Zeitvertreib."

Wie daraus hervorgeht, hieß der Mann, der den Gasmotor bediente, also Iwan Brosh (oder zumindest ähnlich).

1976 verstarb Rachel Auerbach, die bis zu ihrem Tode eine Unzahl weiterer Bücher über den Holocaust veröffentlicht hatte. Nach ihrer Auswanderung nach Israel hatte sie dem ständigen Mitarbeiterstab des Holocaust-Erinnerungszentrums in Yad Vashem angehört.

Drei Jahre nach ihrem Tode, 1979, erschien das bereits 1947 gedruckte Buch auch in englischer "Übersetzung" : doch In the Fields of Treblinka weicht auf Seite 50 in einem Punkt vom Original ab. Auch hier wird, wörtlich übersetzt, die Endphase des Lagers von Treblinka beschrieben : die geringer werdende Zahl der Transporte, der Hunger, der damit für die im Lager arbeitenden Juden verbunden ist, die Langeweile der Wächter. Nur an einer Stelle weicht die Übersetzung vom Original ab : Aus dem "Iwan Brosh, der den Motor bediente", wird hier einfach "Iwan" — denn als die Übersetzung vorgelegt wurde, hatte die Hetzjagd gegen Iwan Demjanjuk schon begonnen. Da durfte der Ukrainer nicht mehr Brosh oder ähnlich heißen . . .

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Weiterhin ist der Zeuge Lambert zu nennen. Lambert nannte folgende "Ukrainer" : "Busch, Andrejewski, Kostenko, Makoda und Lazarenko."

Lambert wurde während der deutschen Treblinkaverfahren beschuldigt, selbst die Gaskammern gebaut zu haben. Aber er war nur zeitweise in Treblinka, wenn auch mehrere Male. Als Lambert seine Aufgabe verrichtet hatte, wurde er ins Reich zurückbeordert. Als Mitarbeiter des sogenannten T 4-Programmes, das sich mit der Euthanasie an Geisteskranken befaßte, wurde er in Hartheim und Steineck eingesetzt. Nach eigenen Angaben nahm Lambert zwei Ukrainer mit sich : Makoda und Lazarenko. Daraus ergibt sich, daß Busch in Treblinka zurückblieb. Zweifellos galt Busch (oder Bosch) als Fachmann für die Gaskammern und die dazu gehörigen Leitungen, denn er hatte beim Bau geholfen. Wer wäre besser geeignet, solche Vorrichtungen zu bedienen, deren Konstruktion er bestens kannte ? Die Aussage der ersten jüdischen Zeugen im Treblinka-Komplex, "Iwan der Schreckliche von Treblinka" habe "Iwan Brosh" geheißen, weist ziemlich eindeutig darauf hin, daß sie jenen Herrn Busch oder Bosch meinten — und natürlich nicht Iwan Demjanjuk, von dem überhaupt keine Rede war.

Leider wissen wir nicht, wie Bosch oder Busch mit Vornamen hieß : doch als Deutscher, der aus der Ukraine oder aus Rußland stammte, kann er sehr wohl den Vornamen Iwan getragen haben — oder von seinen reichsdeutschen Kameraden als "Iwan" gerufen worden sein. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Aussage des deutschen KZ-Wächters Münzberger, der ja gleich zweimal erklärte, jener "Iwan" an der Gaskammer habe nicht so geheißen, sondern dies sei lediglich sein "Spitzname" gewesen. Auch Münzberger erwähnt einen Dolmetscher, auf den er sich bei der Gaskammer stützte und der sowohl Deutsch als auch Russisch (oder Ukrainisch) sprach : aber dieser sei vor Ende des Krieges mit der deutschen Lagermannschaft nach Norditalien versetzt worden — und dort zu den Partisanen übergegangen, also desertiert. Über das weitere Schicksal dieses Herrn Bosch oder Busch weiß man nichts und möchte man auch gar nichts wissen : denn an seiner Stelle sitzt jetzt Iwan Demjanjuk auf der Anklagebank. Und der Herr Bosch oder Busch könnte das Verfahren gegen Demjanjuk nur stören . . .

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Wer war "Iwan Brosh" (oder Brosch) ?

Daß 1947, als die Erinnerungen noch frisch waren, ein gewisser "Iwan Brosh" (oder Brosch) als jener "Iwan von Treblinka" bezeichnet wurde, der den Gasmotor bediente, verdient besondere Aufmerksamkeit — zumal 1979, als die Kampagne gegen Iwan Demjanjuk bereits begonnen hatte, der Nachname "Brosh" (oder Brosch) plötzlich "verschwand" : Denn jetzt sollte Iwan Demjanjuk jener "Iwan von Treblinka" gewesen sein. Obgleich natürlich der israelischen Staatsanwaltschaft die Existenz des Treblinkabuches aus dem Jahre 1947 bekannt ist, wird dieses Dokument völlig verschwiegen — möglicherweise in der Hoffnung, die Verteidiger Demjanjuks könnten kein Hebräisch lesen.

Hat es diesen "Iwan Brosh" (oder Brosch) wirklich gegeben ? Die Autorin des Buches, Rachel Auerbach, muß diesen Namen schon während des Krieges, als sie nach eigenen Angaben mit ersten jüdischen Flüchtlingen aus Treblinka zusammentraf, oder unmittelbar nach Kriegsende gehört haben. Natürlich hatte ein Häftling in Treblinka keinen Zugang zu den Personalakten. So können solche Zeugen diesen Namen nur gehört haben, aber in Treblinka gab es offenbar keinen "Brosh" oder Brosch. Doch erstaunlicherweise gab es in Treblinka sehr wohl einen Mann namens Bosch : so wird er in einer nach Kriegsende veröffentlichten Kriegsverbrecherliste der polnischen Regierung aufgeführt. Er taucht auch während der deutschen Treblinka-Prozesse wieder in Aussagen deutscher Zeugen auf : diesmal in einer anderen Abweichung, nämlich als Busch. Solche Abweichungen von der richtigen Schreibweise waren während der Treblinka-Verfahren nicht unüblich : man konnte sich nur noch ungefähr an die Namen einstiger Lagerkameraden erinnern. Phonetisch liegt es ziemlich nahe, daß jener "Iwan Brosh" oder Brosch, von dem die jüdischen Häftlinge erzählten, mit jenem Herrn Bosch oder Busch identisch ist.

Wer war dieser Bosch oder Busch ? Bosch war Volksdeutscher, vermutlich aus der Ukraine. Er diente im Lager von Treblinka unter anderem als Dolmetscher zwischen den Deutschen und den ukrainischen Wachmännern. Als während der deutschen Treblinka-Verfahren der Zeuge Lambert nach jenen Ukrainern befragt wurde, die ihm in Treblinka unterstanden,

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nannte er als Ersten jenen "Busch" : woraus hervorgeht, daß er in den Augen der Reichsdeutschen eher als Ukrainer denn als Deutscher angesehen wurde.

Der Zeuge August Miete

Am 20. Juni 1987 befragten wir — zum zweitenmal — den heute in einem Dorf bei Osnabrück lebenden August Miete. August Miete gehörte zur deutschen Lagermannschaft von Treblinka. Während der deutschen Treblinkaverfahren wurde er schwer belastet. Der Mitangeklagte Münzberger beispielsweise hielt ihm vor : "Er war mal beim Ausziehen der Häftlinge, dann mal beim Sortieren der Kleider. Als ich nach Treblinka kam, war er schon da." Miete wurde von deutschen Zeugen, allesamt Mitangeklagte, besonders zum Vorwurf gemacht, er habe die Mitverantwortung im sogenannten "Lazarettbereich" von Treblinka gehabt, wo Juden unmittelbar nach ihrer Ankunft erschossen worden sein sollen. Zwar tat Miete überwiegend im sogenannten "unteren Lager" Dienst, aber wie er zugibt, will er "auch schon mal" im "oberen Lager" gewesen sein.

Als Zeuge ist August Miete aus zwei Gründen unerläßlich :

Erstens ist Miete einer der vier deutschen Überlebenden aus den Reihen der Wachmannschaft von Treblinka. Er wurde seinerzeit verurteilt, verbüßte 24 Jahre in einer deutschen Justizvollzugsanstalt und wurde erst kürzlich entlassen. Er hat nichts mehr zu befürchten und ist durchaus bereit, die volle Wahrheit über Treblinka zu sagen. Zwar meint Miete, die Zahl der in Treblinka getöteten Juden sei übertrieben worden. Doch er gibt "etwa die Hälfte" der ihm und den anderen Angeklagten zur Last gelegten Tötungen, an denen sie mitgewirkt haben, zu. Für Treblinka würde dies, seiner Meinung nach, immerhin 300.000 bis 400.000 Tote bedeuten. Er bestreitet den Holocaust also nicht und würde auch Iwan Demjanjuk, dessen Bild er kennt, belasten, wenn er diesen jemals in Treblinka gesehen hätte.

Zweitens war Miete, wie er zugibt, auch schon mal im "oberen Lager". Außerdem genoß jener Iwan von Treblinka, nach Darstellungen von Zeugen, große Freiheiten, er bewegte sich als privilegierte Person in allen Bereichen des Lagers. Er hätte

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also, wäre er Iwan Demjanjuk gewesen, Miete auffallen und oft begegnet sein müssen.

Dennoch verzichteten die Israelis bislang darauf, Miete als Zeugen überhaupt anzuhören. Denn Miete bestätigt, was auch der stellvertretende Lagerkommandant von Treblinka, Kurt Franz, sagt : den Mann, der jetzt in Jerusalem auf der Anklagebank sitzt, kann er nicht identifizieren. Er erinnert sich nicht, ihm jemals begegnet zu sein.

Polnische Zeugen

Neben jüdischen und deutschen Zeugen stehen auch polnische Zeugen zur Verfügung. Dabei soll gleich gesagt werden, daß sich die polnische Justiz schon zur Zeit des Nürnberger Verfahrens gegen die Hauptkriegsverbrecher mit Treblinka befaßte. Dokument Nr. 3311-PS bezichtigt Hans Frank, im Kriege Generalgouverneur von Polen, "im März 1942 das Vernichtungslager Treblinka zum Massenmord an Juden" errichtet zu haben : die Juden seien dort durch "Wasserdampf", den man in Kammern strömen ließ, ermordet worden. Diesem Bericht zufolge gab es in Treblinka zehn Gaskammern — eine Behauptung, die von Zeugen auch noch in den deutschen Treblinka-Verfahren aufgestellt, vom deutschen Gericht aber aus objektiven Gründen so nicht akzeptiert wurde. Auch in diesem ersten polnischen Bericht ist von "Ukrainern" unter dem Kommando eines SS-Mannes namens Sauer die Rede : dieser "Lagerschutz" habe auch an Exekutionen teilgenommen. Aber kein Ukrainer wird besonders erwähnt, und bis heute erklären polnische Dienststellen, niemals etwas von "Iwan dem Schrecklichen" erfahren zu haben. Es gibt deshalb auch keine polnischen Fahndungsmaßnahmen — weder gegen "Iwan den Schrecklichen" noch gar gegen John Demjanjuk, von dem man zuerst aus amerikanischen Presseveröffentlichungen erfuhr.

Das Ende von Treblinka

Unter dem Anklagepunkt Nr. 6 der polnischen Regierung gegen Hans Frank, wo es ausschließlich um Treblinka geht,

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heißt es : "Es ist nicht einmal möglich, eine nur einigermaßen korrekte Zahl (der Opfer) festzustellen, denn im Frühjahr 1943 begannen die Deutschen, die Leichen zu exhumieren und sie zu verbrennen, um jeden Beweis für ihre Verbrechen zu vernichten. Diese Exhumierungen dauerten bis zum Sommer 1943, als die Opfer einen Aufstand machten und in der Lage waren, einige der Wärter zu töten, was einigen hundert Juden die Flucht aus dem Lager ermöglichte." (087)

Folgt man dieser Schilderung, müssen vom Frühjahr bis zum Sommer 1943 Hunderttausende exhumierte und frische Leichen aus den Gaskammern in Treblinka verbrannt worden sein, und zwar spurenlos. Wie das technisch möglich gewesen sein soll, ist bis heute ungeklärt. Jedenfalls müßte Treblinka im Sommer 1943 ständig von riesigen Rauch- und Geruchswolken verhüllt gewesen sein. Rauchwolken sah auch der in Polen befragte Zeuge Stanislaw Swistek, aber erst am Tage des Aufstandes, als rebellierende Opfer im Lager Baracken anzündeten :

"Aussage

Ich, Stanislaw Swistek, geboren am 28. Oktober 1902, z.Zt. wohnhaft in Poniatowa, 3 Praga Straße, und ausgewiesen durch das Dokument, ausgestellt von MO in Wegrow am 29. Juni 1964, sage wie folgt aus :

Während der deutschen Besetzung Polens 1939-44 wurden meine beiden Brüder Wladyslaw und Waclaw Swistek von den Deutschen in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo sie umgekommen sind. Ich blieb allein auf unserem Bauernhof, der ein paar Morgen Land umfaßte. Wiederholt wurde ich gezwungen, mit meinen Pferden verschiedene Arbeiten in beiden Treblinka-Lagern zu verrichten. Während meiner Fahrten bemerkte ich einen ukrainischen Wachmann namens Iwan, einen großen, kräftigen Menschen, dessen schreckliches Temperament sogar andere ukrainische Wachmänner erschreckte. Manches Mal kam er nach Poniatowa für Bimber (schwarz hergestellter Wodka) und für Frauen. Ich wagte mich nie, ihn persönlich anzusprechen, aber ich wußte, daß er etwas ukrainisch, aber meistens deutsch sprach. Am 2. August 1943, während des Aufstandes der jüdischen Gefangenen, welcher am Nachmittag vorgefallen ist, haben wir Rauchsäulen und Feuer über Treblinka 2 aufsteigen se-

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hen. Kurz danach sind einige jüdische Gefangene durch unser Dorf gelaufen, und es wurde ihnen von unseren Bauern geholfen. Sie wurden von den deutschen und ukrainischen Wachmännern verfolgt, unter denen ich Iwan nicht gesehen habe. Ich habe gehört, daß er während des Aufstandes von den Gefangenen umgebracht wurde. Ich wurde einige Male gezwungen, mit meinem Wagen und Pferden bei der Auflösung des Lagers, welche kurz darauf folgte, zu arbeiten".

Uns interessiert in diesem Zusammenhang lediglich, was Swistek damals hörte : Iwan sei "während des Aufstandes von den Gefangenen umgebracht worden". Da "Iwan der Schreckliche", wie auch jüdische Zeugen berichten, das KZ beliebig verlassen durfte, um im Dorf Lebensmittel und Schnaps zu kaufen, muß es unter Polen noch Zeugen geben, die ihn beschreiben könnten.

"Aussage

Ich, der Unterzeichnete, Jozef Wujek geboren am 4. Juli 1915 in der Ortschaft Wolka-Okraglak, z.Zt. wohnhaft in Bagno 3, Warschau, Polen, und ausgewiesen durch das Dokument Nr. S J 5431020, ausgestellt von der Staatspolizei der Stadt Warschau, erkläre wie folgt :

Während ich noch in Wolka-Okraglak wohnhaft war, wurde ich von den Deutschen verhaftet und in das Lager Treblinka I gebracht und war dort vom 20. Dez. 1941 bis April 1942.

Am 3. September 1942 wurde der Besitz meiner Eltern von den Deutschen während ihrer Abwesenheit überfallen, und es wurde versucht, von mir und meinem jüngeren Bruder Informationen über "Juden und Ukrainer", die angeblich im Hause meiner Eltern versteckt waren, zu erpressen. Meine Eltern waren damals in Kosow-Lacki, einem Nachbardorf. Die Deutschen suchten besonders die Juden, und weil sie die nicht finden konnten, haben sie mich und meinen Bruder so geschlagen, daß wir beide ohnmächtig wurden und erst wieder erwachten, als die Deutschen Wasser auf uns schütteten. Als Folge der schweren Hiebe wurden die Knochen meines Vorderarmes zerquetscht, und die Rippen meines Bruders wurden gebrochen, während sie mit ihren Stiefeln auf uns herumgetreten sind. Unsere Hände wurden mit Draht gebunden, und wir waren bei halbem Bewußtsein, als wir auf einen Lastwagen geworfen wurden und zum Vernichtungs-

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Lager Treblinka II gebracht wurden. Gleich beim Eingangstor habe ich ukrainische Wachmänner gesehen, die ich später besser kennenlernte. Der auffallendste darunter war einer mit dem Namen Iwan, dessen Aussehen und Benehmen einfach schrecklich waren. Er wurde sogar von den Ukrainern gefürchtet. Er nahm, zum Beispiel, eine Fotokamera von den Wachmännern, die von seinem grausamen Benehmen Bilder machen wollten, und hat sie mit seinen Stiefeln zertreten. Er war von mittlerem Alter und war bekannt für seine Besuche bei benachbarten Dörfern. Seine charakteristische Erscheinung ist tief in mein Bewußtsein gedrungen, und ich würde ihn zu jeder Zeit und überall Wiedererkennen".

Sowohl der deutsche Lagerkommandant Franz als auch die polnischen Zeugen sind sich einig, daß jener Iwan von Treblinka ein Körperriese gewesen sein muß, während Iwan Demjanjuk nur 1,80 m groß ist und im sogenannten "Dienstausweis", der seine Identität beweisen soll, sogar mit nur 1,75 m beschrieben wird. Ähnlichkeiten mit dem Bild auf dem sogenannten Dienstausweis konnte kein befragter polnischer Zeuge feststellen.

"Aussage

Ich, Eugenia Samuel, geborene Podles (Mädchenname), geboren am 28.1.1927 in Wolka, Sokolow, Kreis Podlaski, ausgewiesen durch das Dokument Nr. BP 8642499, ausgestellt von KPMO (Komenda Powiatowa Milicji Obywatelskiej) in Sokolow Podlaski am 12. Mai 1967, sage hiermit aus, daß ich als Jüdin im Sommer 1943 verhaftet wurde und in das Todeslager Treblinka gebracht wurde, da viele jüdische Entkommene vom Lager von den polnischen Bauern versteckt wurden, was als ein Verbrechen, mit dem Tode bestrafbar, galt, wie zum Beispiel die ganze Familie Samsel, welche von den Deutschen ausgerottet wurde, weil sie die Juden versteckten. Glücklicherweise war die Familie, zu welcher ich von Warschau kam, mutig genug, um auszusagen, daß ich nichtjüdisch bin und dadurch meine Befreiung von den Torturen veranlaßten, die Spuren an meinem Körper hinterließen wie zerrissene Ohrläppchen und Stücke meines Fleisches, herausgerissen von Spezialschuhen mit herausstehenden Nägeln. Während meines Aufenthalts in dem Todeslager Treblinka kannte ich einen ukrainischen Wachmann mit einem schrecklichen Tempera-

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ment, bekannt als "Iwan der Brutale", ein kräftiger Mann mit buschigem Haar und hervorstehenden Augen. Ich habe ihn im Gerichtsfall in Krasnodar, USSR, wo ich und Jozef Wujek in 1960 (6. bis 19. Apr.) als Zeugen gerufen wurden, nicht gesehen, und ich sehe keine Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Bild, welches auf einer Karte, ausgestellt auf den Namen Demjanjuk, die mir vorgelegt wird, angebracht ist.

Warschau, den 23. Januar 1984 Samuel, Eugenia

An den letzten beiden Aussagen fällt auf, daß der Zeuge Swistek meint, jener Iwan habe "meistens deutsch" gesprochen : war er gar kein Ukrainer, sondern der volksdeutsche Vorgesetzte ukrainischer Wachmänner ? Die Zeugin Samuel hatte, wie Wujek, schon 1960 im sowjetischen Krasnojarsk als Zeugin gedient : dort war weder ein "Iwan" noch Demjanjuk überhaupt erwähnt worden.

Die polnischen Zeugen ließen nach ihren Angaben sogar ein Phantombild jenes Iwan anfertigen, an den sie sich erinnern können : doch das Bild ähnelt Demjanjuk überhaupt nicht.

Dok. 15

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In Sachen Treblinka stehen die polnischen Behörden vor einem Vakuum; soweit das Lager Treblinka nicht von den aufständischen Gefangenen schon am 2. August 1943 zerstört worden war, wurde es anschließend von den Deutschen völlig beseitigt. Die meisten der wenigen Juden, die sich noch im Lager befanden, wurden nach Sobibor verlegt und mußten sich dann dort am Abbruch des Lagers beteiligen. Sie sollen anschließend erschossen worden sein. In Treblinka verblieben nur ganz wenige Juden als Restkommando. Auch sie sollen im November 1943 erschossen worden sein. Nur ein Ukrainer blieb in Treblinka zurück, wo man das Lagergelände mit Lupinen besäte und einen Bauernhof errichtete. Aufgabe dieses Ukrainers war es, das spurenfreie Gelände zu bewachen.

Mitwisser wurden "liquidiert"

Nach Abschluß der "Aktion Reinhardt" sollen auch anderswo alle einschlägigen Akten — unter ihnen die Personallisten der deutschen Lagermannschaften von Belzec, Sobibor und Treblinka — spurenlos vernichtet worden sein, ein Grund dafür, daß es in Polen, dem Schauplatz, überhaupt kein Treblinka-Verfahren gegeben hat. Sorgfältig wurden alle Spuren beseitigt. Doch wenn dies so war und die verantwortlichen Verbrecher alle jüdischen Mitwisser und Mittäter so sorgfältig liquidierten, stellt sich die Frage, wieso sie nicht auch jenen Ukrainer als lästigen Zeugen beseitigten, der selbst den Gasmotor betätigt haben soll — wenn er den Aufstand überhaupt überlebte ?

Ukrainer waren rechtlos

Die in Treblinka eingesetzten Ukrainer wurden in Treblinka zeitweise von derselben Küche versorgt, aus der auch die jüdischen Häftlinge versorgt wurden. Schon dies weist darauf hin, daß sie in den Augen der deutschen SS kaum besser als die "Arbeitsjuden" behandelt wurden. Ukrainer bewachten jüdische Arbeitskommandos, die in den Wäldern außerhalb des Lagers Reisig und Holz sammelten. Aber dabei wurden die Ukrainer, wie bei allen Arbeiten, wieder von Deutschen beaufsichtigt. Zwar wurden ukrainische Wachmänner in solchen Lagern mit Peitschen ausgerüstet — natürlich nicht mit "Schwertern".

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Aber auch jüdische Kapos erhielten solche Peitschen. Ukrainer hatten "die Befehle eines jeden deutschen Aufsehers durchzuführen", standen also niedriger als jeder Deutsche im Lager. Sie galten, wie auch von Kogon beschrieben, als höchst unzuverlässig : einige Ukrainer ließen sich von Juden bestechen und verkauften ihnen nicht nur Waffen, sie schmuggelten auch Informationen aus dem "Todeslager" heraus — so daß Informationen aus der Nähe der Gaskammern, die heute von jüdischen Zeugen als Eigenerlebnisse ausgegeben werden, möglicherweise auf solchen Informationen beruhen. Ukrainer planten sogar, die deutsche Lagermannschaft zu vergiften. Mehrfach ließen sich Ukrainer entwaffnen : so auch in Sobibor während eines Aufstandes.

Auch Ukrainer wurden erschossen

Während die deutsche Justiz davon ausgeht, "daß Deutsche, die sich weigerten, an den Verbrechen teilzunehmen, für sich keine schweren Folgen befürchten mußten", "ist allerdings nach den unwiderlegten Angaben der Angeklagten davon auszugehen, daß Wirth (der als "der Schreckliche" bezeichnet wurde) Angehörige der ukrainischen Wachmannschaft hat erschießen lassen" (090) — weil sie Tauschgeschäfte mit Juden machten oder versucht hatten zu desertieren. Die Ukrainer unterstanden im Lager der Sondergerichtsbarkeit der deutschen Lagerbehörden, die Ukrainer erschießen ließ, wenn sie sich auch nur das geringste zu schulden kommen ließen.

Notstandshandlungen

Dies wirft eine theoretische Frage auf : Da die Ukrainer, bevor sie in die KZ transportiert wurden, nicht informiert wurden, welche Aufgaben sie dort zu versehen hätten, und im KZ keinen Befehl verweigern durften, und da sie auch, anders als Deutsche, keine Möglichkeit hatten, sich vor dem Dienst in einem Lager zu "drücken", handelten sie zweifellos im "putativen Notstand" — sie gingen davon aus, daß sie selbst ihr Leben

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verwirkten, wenn sie sich nicht beteiligten. Nach Artikel 52 des deutschen Strafgesetzbuches kann jedoch nicht bestraft werden, wer unter unwiderstehlichem Zwang steht. Sogar, wenn man ein Mitglied der eigenen Familie bedroht sieht, kann man den Not- oder Nötigungsstand für sich beanspruchen, bleibt also straffrei. Nach § 34 des deutschen Strafgesetzbuches — für den es auch im Strafrecht der USA und Israels entsprechende Vorschriften gibt — kann niemand bestraft werden, wer unter unwiderstehlichem Zwang handelt. Solch ein Zwang lag jedoch gegen die Ukrainer vor : es handelte sich um junge Soldaten der Sowjetarmee, die in Gefangenschaft geraten waren und befürchten mußten, in deutscher Kriegsgefangenschaft elend zu verhungern. Sie entzogen sich diesem Schicksal, indem sie sich als Hilfswillige den Deutschen zur Verfügung stellten. Sie wurden nur oberflächlich ausgebildet und dann, meist zur Bewachung von Objekten, abkommandiert, ohne zu wissen, worum es sich handelte : nur sehr wenige von ihnen gelangten auf diese Weise in deutsche KZ.

Demjanjuk : Ich war nie dort

Selbst dann, wenn Demjanjuk wirklich "Iwan von Treblinka" gewesen wäre, muß man die Frage stellen, ob der heute 66jährige für Straftaten verantwortlich gemacht werden kann, die er als 20jähriger, um sein eigenes Leben oder seinen Leib zu retten, begangen haben könnte. John Demjanjuk freilich nimmt diese Möglichkeit der Verteidigung nicht in Anspruch, denn er bleibt dabei, niemals in Treblinka oder in einem anderen KZ Wachmann gewesen zu sein.

Im Frühjahr 1987 ging, was die polnischen Zeugen anbelangt, eine eigenartige Meldung durch die internationale Presse : die Zeugen, die sich sehr wohl an einen "Iwan" erinnern können, aber bereit sind, zu beschwören, daß dieser mit Iwan Demjanjuk keine Ähnlichkeit hatte, seien in Polen wegen unerlaubter Beziehungen zu Ausländern allesamt in Haft genommen worden (091). So verschwinden auch heute noch Zeu-

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gen, wie schon zuvor der sowjetische Zeuge Daniltschenko verschwunden ist.

Dies wirft noch einmal die Frage nach jenem toten, vermutlich hingerichteten Zeugen Daniltschenko auf. Denn wenn dieser tatsächlich den Namen "Iwan Demjanjuk" schon in den fünfziger Jahren zu Protokoll gegeben hätte — wieso erhielt die in der Sowjetunion lebende Mutter Demjanjuks dann noch lange eine Rente ? Doch deswegen, weil der Staat davon ausging, Demjanjuk sei gefallen oder in deutscher Kriegsgefangenschaft gestorben ? Denn für Angehörige von Überläufern und Kriegsverbrechern würde der sowjetische Staat wohl keine Rente zahlen. Wie schon erwähnt, wurde während des Kriegsverbrecherprozesses in Krasnojarsk, bei dem auch polnische Zeugen aus der Umgebung von Treblinka vernommen wurden, weder ein "Iwan der Schreckliche" noch gar Iwan Demjanjuk auch nur erwähnt. Offenbar hörten die Sowjetbehörden von Iwan Demjanjuk erst, als ihnen ihr Mittelsmann in den USA von John Demjanjuk in Cleveland erzählte, der bei seiner Einwanderung in die USA nicht die volle Wahrheit gesagt hatte und im übrigen zu den "mehr als achtzig" ukrainischen Nationalisten in Cleveland gehöre, denen man am liebsten mit Hilfe der amerikanischen Behörden und der Propaganda jüdischer Organisationen — das Wasser abgrabe.

Die Rente wurde der Mutter Demjanjuks erst gestrichen, als die sowjetischen Behörden von der Existenz Demjanjuks in den Vereinigten Staaten erfuhren. Damals erschien im Haus der Mutter die sowjetische Geheimpolizei und beschlagnahmte unter anderem alle Bilder, die sie als persönliche Erinnerung an ihren Sohn aufbewahrte : auch ein Bild, das Demjanjuk als jungen sowjetischen Soldaten zeigt. Und es ist offensichtlich dieses Foto, das dann in den sogenannten "Dienstausweis" von Trawniki geklebt wurde — wogegen bei der deutschen Behörde alle Paßfotos geklammert wurden.

Dies taten auch die Sowjets : auf dem Foto, das auf dem Trawniki-Ausweispapier lediglich klebt, sind bei genauer Betrachtung noch deutlich Klammerspuren zu entdecken, die darauf hinweisen, daß dieses Foto vorher schon einmal benutzt worden war.

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