Bis hin zur Erklärung des polnischen Historikers Prof. Waclaw Zajaczkowski, derzufolge "ein sogenannter Iwan der Schreckliche im Aufstand am 2.8.1943 in Treblinka ermordet wurde", spricht alles gegen eine Schuld Iwan Demjanjuks, von dem inzwischen sensationsgierige Journalisten zu berichten wissen, er sei sogar noch an weiteren schweren Verbrechen beteiligt gewesen. Wie vor allem italienische und jugoslawische Zeitungen (insbesondere die kommunistische Unita in Rom und das jugoslawische Nachrichtenmagazin NIN in Belgrad, Ausgabe vom 16.3.1986) meldeten, wurde 1943 im Auftrage des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, auch in einer Reismühle bei Triest ein Lager errichtet. Lagerleiter Globocnik sollte dort für das adriatische Küstenland die Aktion Reinhard durchführen, befand sich "in Begleitung von 50 seiner treuesten SS-Männer", die zuvor schon an den Menschenvernichtungen im Generalgouvernement teilgenommen hätten. Unter dem Tarnnamen "T4" sollten dort "siebzigtausend geistig behinderte Jugendliche" ermordet werden — die Zeitungen in Rom und Belgrad erklärten allerdings nicht, woher diese alle gekommen sein sollten. Außerdem sollten dort, im Lager San Sabo bei Triest, unter dem schon aus Polen bekannten Decknamen Reinhard "Juden und Antifaschisten" in Massen umgebracht werden. In Globocniks Begleitung habe sich, so versicherte die Presse, damals auch Iwan Demjanjuk befunden, der also auch in Italien an der Ermordung "tausender Antifaschisten", unter ihnen "eine unbestimmte Zahl Partisanen aus Italien, Slowenien und Kroatien", führend beteiligt gewesen sein soll.
Der Phantasie sind keine Grenzen mehr gesetzt
Dieses Lager San Sabo existierte wirklich, aber nach Feststellungen der deutschen Justiz war es gar kein Vernichtungslager : es war ein Sammellager, von wo aus die Insassen "nach Auschwitz gebracht werden sollten bzw. wurden." (094) Außerdem "führte die Zunahme der Partisanentätigkeit in diesem Gebiet dazu, daß es nicht mehr zu größeren Aktionen gegen die Juden kam." Als man 1975/76 in einem Strafverfahren gegen die
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für dieses Lager Verantwortlichen ermittelte, ging das italienische Gericht davon aus, daß in San Sabo möglicherweise 3000 Menschen ums Leben gekommen waren. Doch während des gesamten Verfahrens vor mehr als zehn Jahren wurde der Name Iwan Demjanjuk kein einziges Mal erwähnt. Warum sollte er auch ? Nach Aussagen des mysteriösen sowjetischen Zeugen soll Demjanjuk angeblich von Sobibor nach Flossenbürg und später nach Regensburg verlegt worden sein, was gegen seinen Einsatz im Raum Triest spricht. Nach Aussagen vieler anderer Zeugen hätte Demjanjuk — wenn er mit "Iwan dem Schrecklichen" identisch war — schon seit 1943 tot sein müssen, er hätte dann also nicht in Triest oder San Sabo gewesen sein können.
Demjanjuk "bis 1952 verborgen in Triest"
Leider, so räumt die kommunistische Presse Italiens und Jugoslawiens ein, gibt es für die "Folterungen, die man an den Gefangenen vor ihrer Tötung vornahm" und die im Lager San Sabo stattgefunden haben sollen, heute nur noch "wenige Zeugen." (095) Um die Verbrechen von San Sabo sei eine künstliche "Mauer des Schweigens" errichtet worden. Dafür seien vermutlich "einheimische Kollaborateure" verantwortlich, die kein Interesse an der Aufklärung der Verbrechen in der ehemaligen Reismühle hätten. (096) Auch der Umstand, daß Iwan Demjanjuk noch nach Kriegsende "sieben Jahre lang unangefochten in Triest lebte, bis er 1952 nach Amerika floh", soll mit solchen Hintergründen etwas zu tun haben. (097) Es habe, so wird ein Triester Untersuchungsrichter zitiert, "viele solcher SS-Männer gegeben, die auch noch nach 1945 in Triest geblieben sind." (098)
Demjanjuks Stationen in Westdeutschland
Alles weist darauf hin, daß der "Fall Demjanjuk" zu einer innenpolitischen Affäre auch noch in Italien aufgeblasen werden soll : man will den Fall nutzen, um politische Gegner als Helfershelfer "faschistischer Verbrecher gegen die Menschlichkeit" zu desavouieren. Aber alles weist auch darauf hin, daß man die Anwesenheit Demjanjuks in San Sabo und sogar noch "sieben Jahre nach Kriegsende" frei erfunden hat — als man die ersten
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Presseberichte über die Auslieferung Demjanjuks an Israel auch in Italien las.
Denn Demjanjuk, dies wird nicht einmal in den USA bezweifelt, befand sich nach Kriegsende gar nicht in Triest, sondern in Landshut, wo er zwei Jahre in einem Lager lebte, dann in Regensburg, wo er für die US-Truppen Kohle und Brennholz transportierte (099). Er heiratete dort am 1.9.1947. Im April 1950, immer noch in Westdeutschland, wurde ihm eine Tochter, Lydia, geboren. Danach, immer noch in Westdeutschland, beantragte er beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart ein Visum und verließ am 1. Februar 1952 Bremerhaven, um nach den USA auszuwandern.
Die jugoslawische Presse, die über die "Verbrechen Demjanjuks auch in Triest" auf den Titelseiten berichtet hatte, ließ das Thema aber plötzlich fallen, als immer klarer wurde, daß es sich dabei um freie Erfindung handelte — und daß diese These alle anderen Vorwürfe gegen Demjanjuk zusammenbrechen ließ. Noch am selben Tag, an dem sich die jugoslawische Presse von Demjanjuk verabschiedete, erschien ein neues Opfer der Kampagne : der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Waldheim.
Gleichwohl ließen sich Israels Nazijäger Akten aus Triest in Bündeln zustellen, um zu prüfen, ob man gegen den Ukrainer auch Anklage erheben sollte wegen Verbrechen, die er in Italien begangen haben soll : aus Iwan Demjanjuk wäre dann eine Art reisender Reichshenker geworden, der überall erschien, wo Krematorien rauchten. Übrigens gab es auch für den "Triest-Komplex" einen "Zeugen", der sich sogar an die Schuhgröße von Demjanjuk erinnerte — leider war es die falsche.
Man ließ also den "Komplex Triest" zunächst einmal fallen, denn man hätte der Menschheit etwas zuviel zugemutet, hätte man Demjanjuk auch noch mit diesen Verbrechen belastet :
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schließlich konnte Demjanjuk nicht gleichzeitig tot und an zwei völlig verschiedenen Orten gewesen sein.
Auf dem Höhepunkt des Prozesses gegen Demjanjuk in Jerusalem veröffentlichte eine deutsche Illustrierte ein Greuelbild aus dem KZ Treblinka als Illustration zu den Verbrechen Iwan Demjanjuks. Es sollte, laut Unterschrift, aus dem Erinnerungsalbum des ehemaligen Lagerkommandanten Kurt Franz stammen, das man bei dessen Verhaftung gefunden hatte. Das Bild zeigte zerstümmelte Leichen, davor "KZ-Wächter" : möglicherweise Ukrainer. Doch einem Leser, Egon Stellmach, fiel auf, daß die KZ-Wächter sowjetische Uniformen trugen. Er wandte sich daraufhin an die Redaktion, die völlig unkritisch das Foto veröffentlicht hatte. Die Redaktion veröffentlichte eine Richtigstellung. Darin hieß es, man habe das Foto von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem erhalten und von dort inzwischen eine Entschuldigung zugeschickt bekommen : Yad Vashem habe sich "geirrt". Das Bild sei "irrtümlich dem Album von Kurt Franz zugeordnet worden" — in dem übrigens überhaupt keine Abbildungen von Leichen zu finden sind. Das Bild, so die deutsche Redaktion jetzt, zeige natürlich keine KZ-Wächter, sondern "sowjetische Soldaten nach der Einnahme von Treblinka" — laut neuer Auskunft von Yad Vashem (100).
Doch damit wurde die deutsche Illustrierte, wurden hunderttausende deutsche Leser erneut getäuscht — und niemand scheint es zu merken. Denn als die Sowjets die Ortschaft Malkinia mit Treblinka besetzten, gab es das KZ Treblinka schon fast ein ganzes Jahr nicht mehr. Sie fanden nur ein Getreidefeld, kein einziges Lagergebäude und keine einzige Leiche.
Läßt sich angesichts solcher Vorgänge noch guten Gewissens die Frage unterdrücken, wie häufig die Öffentlichkeit schon derart plump getäuscht worden sein mag ? Die Beweise gegen Demjanjuk sind jedenfalls noch erbärmlicher.
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Wenn Iwan Demjanjuk verurteilt wird — vielleicht sogar nach einem Geständnis, das man dann als Folge seiner Lage in israelischer Haft erklären könnte —, wird es zweifellos Menschen geben, die die Frage nach der Rechtmäßigkeit anderer Urteile stellen werden. In der Bundesrepublik diskutiert man immer heftiger, warum es plötzlich einen "neuen Antisemitismus" gibt. Sind es solche Prozesse wie der gegen Iwan Demjanjuk, die diesen Antisemitismus erst schaffen ?
In den Vereinigten Staaten, wo Demjanjuk als amerikanischer Bürger gelebt hat, spricht man gleichfalls von einem "neuen Antisemitismus", seitdem es die Auslieferungen an sowjetische, jugoslawische und israelische Henker gibt. Denn betroffen fühlen sich nicht nur die Familienangehörigen, sondern starke ethnische Gruppen, zu denen die Verfolgten und Ausgelieferten gehören : Letten, Litauer, Esten, Ukrainer, Kroaten und andere. Sie neigen dazu, in jenen Verfolgern, die an diesen Auslieferungen, Prozessen und Hinrichtungen wesentlich beteiligt sind, lediglich Vertreter einer anderen ethnischen Gruppe zu sehen, die sich das Recht anmaßt, alle anderen Nationen, die sich unter dem Dach der Vereinigten Staaten zu friedlichem Zusammenleben versammelt haben, kollektiv anzuklagen.
Im Fall Demjanjuk fühlen sich alle Ukrainer betroffen, auch jene Mehrheit, die nie antisemitisch war. Denn viele zionistische Organisationen lassen keinen Zweifel daran aufkommen, daß man gar nicht Demjanjuk, sondern alle Ukrainer meint. Der stellvertretende israelische Parlamentspräsident, Dov B. Ben-Meir, richtete sogar an ein amerikanisches Komitee für Menschenrechte in der Ukraine einen Brief, in dem er dem ukrainischen Volk das Recht abspricht, sich für Freiheits- und Menschenrechte in der Sowjetunion einzusetzen : "Zahlreiche Ihrer Landsleute haben während der Jahre der Naziherrschaft mit dem Naziregime kollaboriert, vor allem bei der Ausrottung hunderttausender Juden. Ich schlage Ihnen und Ihren Freunden vor, nicht nur am Sonntag in die Kirche zu gehen, sondern auch an jedem Werktag. Sie sollten dort niederknien, bis die Knie bluten, und um
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Vergebung flehen für das, was Ihr Volk dem unseren angetan hat." (D 17)
Vor dem Gerichtsgebäude in Jerusalem wird nicht gegen Demjanjuk, sondern gegen die Ukrainer demonstriert; eine Verquickung, die Demjanjuk nur noch als Figur in einem Zusammenspiel zwischen zionistischen und sowjetischen Verfolgern des seit vielen Jahrhunderten verfolgten ukrainischen Volkes erscheinen läßt. Der Strafprozeß gegen Demjanjuk schürt neuen Haß — der wiederum neuen Haß gebiert.
Vor einer solchen fatalen Entwicklung, die letztlich das ganze jüdische Volk belastet, wird auch in Israel gewarnt. So veröffentlichte die Jerusalem Post einen Beitrag von Eric Lee, dem Herausgeber der New International Review, in dem es zum Demjanjuk-Prozeß unter anderem heißt :
"Daß der KGB Beweise fälscht, ist notorisch. Wie kann man sich, wenn man es ehrlich meint, auf ein Dokument stützen, das von der sowjetischen Staatsanwaltschaft stammt ? Fragen Sie Schtscharanski. Kurz gesagt : Der Demjanjuk-Prozeß ist eng verbunden mit der Geschichte der Ukrainer, der Juden und Russen. Wenn man dies aber weiß, sollten die israelischen Staatsanwälte nur nach der Wahrheit suchen — und nicht ihre Vorurteile über John Demjanjuk und die Rolle der Ukrainer beweisen wollen."
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Von Helmut Wild
Am 18. September 1986 schrieb Bozhena Olshaniwsky, die Präsidentin der Vereinigung Americans for Human Rights in Ukraine einen freundlichen Brief an die Parlamentarier der Knesset in Jerusalem.
Der Antwortbrief des Sprechers der Knesset, des israelischen Parlaments, einer der höchsten Repräsentanten des Staates Israel, ist dermaßen schockierend, daß wir es für notwendig erachten, beide auf den folgenden Seiten abgelichteten Briefe auch in der Übersetzung wiederzugeben.
Hier der Brief von Bozhena Olshaniwsky an die Knesset-Parlamentarier :
Sehr geehrte (Damen und Herren),
wir sind für die Gelegenheit dankbar, daß wir Ihr außerordentlich interessantes Land letzten Juli besuchen konnten und daß uns die Ehre zuteil wurde, von Mitgliedern Ihrer Regierung empfangen zu werden. Wir beglückwünschen Sie zu der demokratischen Verfassung Israels und zu dem Geist, in dem Ihr Land aufgebaut und verteidigt wird.
Das vorrangige Anliegen während unseres Besuches war es, mehr über den Fall von John Demjanjuk zu erfahren — der beschuldigt wird Nazi-Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. Er wird jetzt im Ayalom-Gefängnis in Ramle gefangengehalten und erwartet die Anklage der Staatsanwaltschaft für die Verbrechen, derer er beschuldigt wird. Sein Prozeß ist um die letzten sechs Monate verschoben worden, weil die Ankläger und die Polizei sagen, sie suchten nach weiteren Materialien und Zeugen.
In der Zwischenzeit haben wir, angesichts der ausgeweiteten, dem Prozeß vorangehenden Publizität, die John Demjanjuk in der israelischen Presse findet, unsere Besorgnisse gegenüber Vertretern Ihrer Regierung zum Ausdruck gebracht und dabei auf diese Berichte und deren vorverurteilende Wirkung im Falle Demjanjuk hingewiesen. Wir erhielten die Versicherung, daß
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Dok. 16 : Die Exil-Ukrainerin Olshaniwsky schreibt nach Israel . . .
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Dok. 17 : . . . und der Parlamentspräsident antwortet : "Mit blutenden Knien um Vergebung beten — täglich, nicht nur sonntags".
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Demjanjuks Prozeß gerecht und fair sein würde und daß die Richter nicht von den aus Regierungsquellen stammenden Feststellungen, die in den israelischen Nachrichten auftauchten, beeinflußt werden würden.
Wir haben die israelische Presse verfolgt und haben eine Verstärkung von Beschuldigungen festgestellt, die Repräsentanten Ihrer Regierung im Hinblick auf Demjanjuk erhoben haben.
Diesen Umstand finden wir beunruhigend, er kann zu völlig unvorhersehbaren Situationen führen. Wir sind auch über die israelische Justiz besorgt, die fortfährt, Demjanjuk seit Februar festzuhalten, ohne daß bisher formell Beschuldigungen krimineller Art gegen ihn erhoben worden wären. Wir glauben, daß diese Situation im Gegensatz zu den Gesetzen Ihres Landes steht und die Menschenrechte von John Demjanjuk verletzt.
Wir legen einen Artikel von Hans Rullmann bei, der Korrespondent des "Ost-Dienstes" ist und über den Fall John Demjanjuk schreibt. Dieser Artikel wird in verschiedene Sprachen übersetzt. Wir denken, die darin enthaltenen Informationen könnten Ihnen dienlich sein.
Ich hoffe auf Ihre Antwort, Zusammenarbeit und Freundschaft und verbleibe mit freundlichen Grüßen
Ihre Bozhena Olshaniwsky, Präsidentin
Und hier der Brief, mit dem Dov B. Ben-Meir, Sprecher der Knesset, der kürzlich den Präsidenten des Staates Israel bei seinem Besuch in die Bundesrepublik Deutschland begleitet hat, das Schreiben von Bozhena Olshaniwsky beantwortet hat :
Dov B. Ben-Meir
Abgeordnetensprecher der KnessetOktober 1986
An die Präsidentin
Americans for Human Rights in the Ukraine,ich habe Ihren Brief vom 18. September betreffs John Demjanjuk erhalten.
Zuerst wollte ich Ihren Brief überhaupt nicht beantworten, denn seit den Tagen von Bogdan Chelmenitzky hat das jüdische
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Volk eine lange offene Rechnung mit dem ukrainischen Volk zu begleichen.
Auch jetzt können wir auf Brennpunkte des Antisemitismus in der UdSSR verweisen, von denen die meisten in der Ukraine konzentriert sind.
Aber beim nochmaligen Überdenken kam ich zu dem Entschluß, daß ein Gesuch wie das Ihre, das von einem amerikanischen Bürger kommt (selbst wenn dieser ukrainischer Abstammung ist) nicht ohne Antwort bleiben sollte.
Während der ganzen Zeit der Besetzung der Ukraine durch die Nazis haben unzählige Ihrer Landsleute mit dem Nazi-Regime kollaboriert, besonders bei der Vernichtung hunderttausender von Juden.
Nach der deutschen Niederlage flohen Teile dieser Kollaborateure nach Westen und entkamen auch in die USA.
Während mehr als vier Jahrzehnten wurde von Ihrer Organisation nicht ein einziges Wort vernommen zu Gunsten der Menschenrechte von Ukrainern jüdischen Glaubens, die durch Ihre Landsleute erschossen, verbrannt oder vergast wurden. Und es ist nur die "Sorge", ob die israelische Presse durch ihre veröffentlichte Vorverurteilung die Objektivität der israelischen Justiz beeinträchtigen kann, was Sie nachts nicht schlafen läßt.
Ich darf Ihnen versichern : die israelische Justiz wird ein faires Gericht abhalten !
Ihnen und Ihren Freunden empfehle ich, nicht nur an Sonntagen sondern an jedem Wochentag in die Kirche zu gehen und dort auf Ihren Knien, bis sie bluten, um Vergebung zu bitten für das was Ihr Volk dem unseren angetan hat.
Dov Ben-Meir, M. K
Abgeordnetensprecher der Knesset
Geschichtliche und gegenwärtige Belastungen zwischen Ukrainern und Juden kommen in diesem Briefwechsel zur Sprache.
". . . since the days of Bogdan Chelmenitzky . . .", diese Bezugnahme auf den Führer der Kosakenaufstände im 17. Jahrhundert zeigt, in welchem geschichtlichen Zusammenhang der geschichtsbewußte Ben-Meir den heute in Jerusalem stattfindenden Schauprozeß gegen Iwan Demjanjuk zu sehen wünscht.
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Was ist damals, im 17. Jahrhundert, in der Ukraine geschehen ?
Wesentliche Teile des von den Bolschewisten aus der Zarenzeit übernommenen großrussisch-chauvinistischen Geschichtsbildes, das die Existenz eines der größten Völker Europas, die Existenz des ukrainischen Volkes leugnet, haben sich weltweit durchgesetzt. Daher ist in Europa die Geschichte der Ukraine aus dem 17. Jahrhundert zu wenig bekannt, als daß von vielen Lesern die Anspielung Ben-Meirs verstanden werden könnte oder gar seine besondere Sicht jener Ereignisse.
Wir nehmen also die Anknüpfung an die Ereignisse des 17. Jahrhunderts, die Dov Ben-Meir in die Diskussion bringt, wenn es in Wirklichkeit um das Schicksal eines zu Unrecht beschuldigten Ukrainers geht, gern zum Anlaß, einen Blick in die ukrainische Geschichte zu werfen.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts stand die Westhälfte der Ukraine unter polnischer Vorherrschaft. Mit dieser Vorherrschaft war auch die durch polnische Gesetze aus dem Jahre 1264 geregelte privilegierte Stellung der Juden innerhalb Polens auf die Ukraine übertragen worden.
Zur gesetzlichen Regelung der Stellung der Juden innerhalb des polnischen Hoheitsbereiches sagt Dr. Joseph L. Lichten in seinem Vorwort zu dem Buch He Who Saves One Life (006) auf S. 2 :
"Die erste gesetzliche Verordnung, die die legale Existenz von Juden in Polen regelte, war ein Freibrief von Privilegien, die 1264 durch Prinz Boleslaw "the Pious of Kalisz (1243-1279)" gewährt wurde. Die Privilegien waren in 36 Artikeln festgelegt. Sie regelten die legale Position der Juden, die von der Gerichtsbarkeit der kommunalen Gerichtshöfe ausgenommen waren. Diese Gesetze erweiterten auch den Schutz der Juden durch den König oder durch die Voivoden (die Regenten der Provinzen), umrissen die einzelnen Maßnahmen für den Schutz der Juden und legten die Höhe der Geldstrafen fest für ihre Verletzung. Andere Abschnitte regelten Angelegenheiten des Handels. Paragraph 31 verbot, die Juden zu beschuldigen, sie würden das Blut von Christen für rituelle Zwecke verwenden . . . Dieser Privilegienfreibrief wurde bekannt als Statua Judeorum . . .".
Die Statua Judeorum behielt in Polen bis über das Jahr 1765 hinaus seine Gültigkeit.
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Vom 14. Jahrhundert an stand die westliche Hälfte der Ukraine unter polnischer Vorherrschaft. Das bedeutete, daß die Statua Judeorum auch für den Westteil der Ukraine Gültigkeit hatte. Begünstigt durch diese privilegierte Rechtsstellung erlangten die Juden unter der polnisch-katholischen Aristokratie eine herausragende Sonderstellung gegenüber dem ukrainischen Volk. Ihre soziale und rechtliche Stellung entsprach in vielen Punkten der Sonderstellung der Aristokratie.
Mit der Union von Litauen und Polen im Jahre 1569 (Union von Lublin) wurde die privilegierte Sonderstellung der Juden eher noch aufgewertet. "Litauische Gesetze stellten Juden auf die gleiche Ebene mit der Aristokratie." (Zitat aus Jewish Ukrainian Relations, S. 23 (005). Unter der polnisch-katholischen Aristokratie erhielten die Juden neben vielen anderen Vorrechten auch das Privileg der Steuereintreibung in der Ukraine.
Sie handhabten dieses Privileg dermaßen hart, daß die Situation für die Ukrainer, insbesondere für die ukrainischen Bauern, völlig unerträglich wurde. Es kam zu verschiedenen Kosaken- und Bauernaufständen, die im Jahre 1648 unter der Führung von Bohdan Khmelnytsky (andere Schreibweise : Bogdan Chmelnitzky; Dov Ben-Meir verändert den Namen in : Chelmenitzky) zu einem erfolgreichen Volksbefreiungskrieg anwuchsen, in dessen Verlauf und Ergebnis die polnische Aristokratie verjagt und die Juden ihrer privilegierten Stellung enthoben wurden. In den zehn Jahren nach 1648 genoß die Ukraine staatliche Unabhängigkeit.
Diesen Befreiungskrieg gegen unerträgliche Unterdrückung dem ukrainischen Volk als Ausdruck von Antisemitismus vorzuwerfen, ist recht aufschlußreich und zeigt einen bedenklichen Mangel an dem Vermögen, den Freiheitswillen eines Volkes zu respektieren.
Soviel zur Bezugnahme des Sprechers der Knesset, Dov Ben-Meir, zu den Ereignissen im 17. Jahrhundert, auf die er ja ausdrücklich mit dem Hinweis ". . . seit den Tagen von Bogdan Chelmenitzky . . ." zu sprechen kommt.
Dov Ben-Meir scheint also den Prozeß gegen Demjanjuk als einen Teil der Vergeltung für das zu sehen, was angeblich die Ukrainer den Juden im Verlauf der Geschichte alles angetan haben. Jedenfalls ist offensichtlich, daß Ben-Meir aus dem kollektiven Vorwurf des Antisemitismus, den er gegen
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das ukrainische Volk erhebt, seinerseits die Berechtigung zu einer anti-ukrainischen Haltung ableitet.
Zwar steht Dov Ben-Meir mit seiner anti-ukrainischen Haltung in Israel und unter den führenden zionistischen Organisationen keineswegs allein da. Aber erfreulicherweise gibt es auch Gegenstimmen in Israel, die wahrscheinlich sogar die Meinung der Mehrheit der Israelis ausdrücken — wenn auch der Medienspiegel den gegenteiligen Eindruck erweckt.
Wir zitieren hier aus dem offenen Brief von Avraham Shifrin, den dieser als Antwort auf oben zitierten Brief von Dov Ben-Meir geschrieben hat (025). Avraham Shifrin war selbst viele Jahre Gefangener in einem Konzentrationslager der UdSSR :
Herr Ben-Meir !
Unser israelischer Staat hat Ihnen die ehrenvolle Rolle übertragen, die Meinungen in diesem Land zu vertreten, und darin liegen viele Verpflichtungen. Aber hier erhalte ich aus den USA von der Organisation "Americans for Human Rights in Ukraine" einen Brief, dem eine Kopie Ihrer offiziellen Antwort beigefügt ist, die Sie an die Präsidentin dieser Organisation im Oktober 1986 geschrieben haben. Diese Antwort enthält in jeder Zeile Rohheiten und unbegründete Angriffe; in dieser Antwort diskriminieren Sie demonstrativ und offen ein ganzes Volk. Der Brief, den Sie von der Präsidentin dieser Organisation, Frau Bozhena Olshaniwsky erhalten haben, berührt den Fall Demjanjuk, und es war darin die Sorge ausgedrückt, daß eine leidenschaftslose und objektive Untersuchung durch den Gerichtshof gewährt sein möge.
In Ihrer Antwort haben Sie die Diskussion auf eine Ebene gebracht, auf der die Beziehungen zwischen dem ukrainischen und jüdischen Volk betroffen sind und Sie tun das im allerscheußlichsten Ton.
Zuerst stellen Sie fest, daß Sie diesen Brief überhaupt nicht beantworten wollten, weil "seit den Tagen von Bogdan Chelmenitzky das jüdische Volk eine lange und offene Rechnung mit dem ukrainischen Volk" zu begleichen hat. Sie stellen offen fest, daß Sie nur deshalb sich entschieden haben, diesen Brief zu beantworten, weil dieser Brief von einem amerikanischen Bürger unterschrieben war, "trotz der ukrainischen Herkunft" !
Das klingt besonders bemerkenswert, da gerade jetzt die Knes-
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set ein Gesetz verabschiedet hat, das Rassismus verbietet : ein schmeichlerischer Kniefall vor Amerika und ein erklärter Rassismus gegenüber seinen Bürgern.
In diesem Zusammenhang wäre es interessant herauszufinden, ob Sie auf die gleiche Weise auch gegenüber Repräsentanten aus Polen geantwortet hätten, auf deren Territorium, unter aktiver Mitwirkung von Polen, drei Millionen Juden getötet wurden . . . und auch fast tausend durch die Polen selbst nach der Niederlage der Nazis während Pogromen gegen Juden, die gerade aus Konzentrationslagern zurückkehrten.
Antworten Sie in einem solch rohen und rassistischen Ton den Deutschen . . . von denen massenweise Hitler und seinen antijüdischen Gesetzen ihre Unterstützung gaben . . . und die Massenmorde an Juden ausgeführt haben ?. . .
Und schließlich, wie antworten Sie mit Ihrer Kenntnis der Geschichte des Mittelalters auf Vertreter Spaniens, auf deren Territorium die Inquisition durchgeführt wurde und wo unmittelbare Vorfahren der heute lebenden Spanier einer ungezählten Zahl von Juden Verfolgung, Folter und grausamen Tod gebracht haben ?
Natürlich werden Sie all denen höflich antworten, denn Deutschland, Spanien und Polen sind Staaten, die auf offizielle Unverschämtheit mit Sanktionen antworten. Im Vergleich dazu erlauben Sie sich Ukrainern gegenüber Unverschämtheiten und rein rassistische Beschuldigungen gegen das ganze Volk wegen krimineller Handlungen einzelner, nur weil Ukrainer keinen eigenen Staat haben und keine eigene Regierung, weil sie durch die UdSSR als Nation vernichtet wurden. Die Regierung (der UdSSR) gibt sogar Geld aus, um den gegenseitigen Haß zwischen Ukrainern und Juden anzuheizen.
Wenn Ihre Kenntnisse der Geschichte nicht durch die Zeit von Chelmenitzky blockiert wäre, könnten Sie sich daran erinnern, daß unmittelbar vor dem zweiten Weltkrieg 9 Millionen Ukrainer durch die künstlich erzeugte Hungersnot vernichtet wurden, die von dem kommunistischen Regime der UdSSR organisiert wurde. Es ist bekannt, daß der Prozentsatz von Juden unter denen, die diese Politik verwirklicht haben, ungeheuer hoch ist.
Wenn man bereit wäre, Ihrer Logik zu folgen, dann müßten wir heutigen Juden insgesamt die Verantwortung für die Verbrechen gegen das ukrainische Volk tragen, die von diesen jüdischen
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Kommunisten ausgeführt wurden. Aber das verleugnen Sie ganz einfach — jene 9 Millionen kümmern Sie nicht, und Sie fühlen nicht das geringste Bedürfnis "um Vergebung wegen ihres Todes zu beten, bis die Knie bluten", wie Sie das von den Ukrainern verlangen, ja Sie verdammen nicht einmal mit einem Wort diese Verbrechen . . .
Ich habe Ihre Antwort, die voll Haß und Verantwortungslosigkeit steckt, mit Abscheu und Abneigung gelesen. Sie verdammen die Ukrainer und auch die Amerika-Ukrainer dafür, daß sowjetischer Antisemitismus sich gerade in der Ukraine häuft. Aber wir, die wir durch sowjetische Konzentrationslager gegangen sind, wir kennen andere Tatsachen . . . Ukrainer haben uns oft in den Todeslagern ihre helfende Hand gereicht . . . und ich bin selbst dafür ein lebender Zeuge. Ukrainische Nationalisten haben stets in ihrer Presse volle Solidarität mit jüdischen Nationalisten ausgedrückt und auch mit Israel, das in der sowjetischen Presse heftigen Angriffen ausgesetzt ist . . . Wir wissen auch von Fällen, in denen ukrainische Nationalisten antisemitische Provokationen des kommunistischen Regimes in der Ukraine aufgedeckt und die Provokateure angegriffen haben.
Alles, was ich bisher festgestellt habe, ist kein Freispruch von Schuld jener Ukrainer, die mit den Nazis bei der Liquidierung von Juden zusammengearbeitet haben. Aber wissen Sie, daß die Nazis auch ukrainische Nationalisten liquidiert haben, die gegen Hitler von 1939 bis 1946 ( ?— Anmerkung : gemeint ist die Zeit 1941 bis 1945) in der ukrainischen Untergrundarmee (UPA) gekämpft haben; und Tausende dieser Kämpfer sind gefallen oder fanden sich zusammen mit Juden in Konzentrationslagern . . .
Und Sie haben in Ihrem Brief Ihre eigene Schuld nicht erwähnt und jetzt Israels Schuld, als 1986 auf verbrecherische Weise ein Denkmal zerstört wurde, das von einem ehrlichen ukrainischen Freund Israels errichtet wurde und das den jüdischen und ukrainischen Opfern des kommunistischen Regimes geweiht war.
Solch unverantwortliche Sprecher und Politiker wie Sie vergessen bei ihrer Sichtweise die Hauptsache : Sie können nicht ewig mit Gefühlen von Rache und gegenseitigem Haß leben . . . Ihre haßerfüllte Antwort dient am meisten dem KGB . . .
Das ukrainische Volk von heute, das von den Kommunisten vernichtet und in sowjetischen Konzentrationslagern liquidiert wurde und das Opfer von zwei Hungersnöten mit Millionen von
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Toten ist, wäre bereit, die Hand gegenüber den ukrainischen Juden auszustrecken, wenn Millionen von Ukrainern in der Ukraine erfahren würden, daß wir hier, in der freien Welt, Freunde sind . . .
Daran sollten ein Staatsmann in Israel und alle Juden in der freien Welt denken, denn eine solche Einstellung wird den Juden in der UdSSR weiterhelfen.
Aber Ihre Einstellung, Ihr feiger Brief, kann ein Meer jüdischer Tränen bewirken.
Israel — Februar 1987
Avraham Shifrin
Diese jüdische Stellungnahme wurde hier so ausführlich zitiert, um klarzustellen, wie verfehlt es wäre, den Juden insgesamt zum Vorwurf zu machen, was von jüdischen Führern im Zusammenhang mit dem Demjanjuk-Prozeß an Haß gegen die Ukrainer verbreitet wird. Genauso verfehlt wäre es, den Juden insgesamt einen Vorwurf daraus zu machen, was in den Medien mit Hilfe des Demjanjuk-Prozesses an antiukrainischen Vorurteilen vermittelt wird. Wir werden darauf noch zu sprechen kommen.
Für seinen mutigen Brief gebührt Avraham Shifrin Dank. Er wirkt mit seinem Brief dem traditionellen anti-ukrainischen Völkerhaß entgegen, den derzeit einflußreiche jüdische Kreise mittels des Prozesses in Jerusalem anzuheizen versuchen. Und er wirkt auch der zerstörerischen Allianz entgegen, die viele führende Vertreter jüdischer Organisationen und einige Repräsentanten des jüdischen Volkes mit der sowjetischen Gewaltherrschaft einzugehen bereit sind, wenn es um die Diskriminierung und Verfolgung des ukrainischen Volkes geht.
Eine andere mutige Stimme aus Israel
Die Historikerin Dr. Ruth Okuneva, Autorin des Buches Sowjetischer Antisemitismus, ist ein Beispiel für eine andere mutige Stimme in Israel, die sich im Zusammenhang mit dem Prozeß gegen Demjanjuk zu Wort gemeldet hat. In einem offenen Brief an den Präsidenten von Israel Chaim Herzog und an Israels vormaligen Premierminister Shamir greift sie sowohl die juristischen Fragwürdigkeiten dieses Prozesses schärfstens an, als auch die rassistische Hetze gegen das ukrainische Volk, die
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aus Anlaß dieses Prozesses von den israelischen Medien geführt wird. (031).
Sie kritisiert die völlig ungenügende Beweislage im Auslieferungsverfahren. Zu dem einzigen Beweisstück sagt sie wörtlich :
"a) Es wurde aus einer sehr fragwürdigen Quelle, dem KGB, geliefert, der mit Demjanjuk eine Rechnung zu begleichen hat, weil er in der Wlassow-Armee gedient hat,
b) das Dokument wurde an Israel wahrscheinlich über die Beziehungen eines zionistischen Millionärs geliefert, der mit dem KGB zusammenarbeitet,
c) das Dokument wurde lange Zeit nach der Bitte um seine Aushändigung in Empfang genommen, so daß die Möglichkeit für Manipulationen gegeben waren,
d) die Verläßlichkeit eines Dokuments, das auf eine solche Art übermittelt wurde, ist höchst fragwürdig, und es wurde bis jetzt von niemandem als Original bestätigt,
e) es ist nicht bewiesen, daß der Angeklagte der Eigentümer dieses Dokumentes war,
f) und schließlich, dieses Dokument enthält keinen Hinweis, daß sein Eigentümer in Treblinka gearbeitet hat".
Ruth Okuneva sagt weiter, daß die dürftige Beweislage der Grund sei für einen Bruch mit der üblichen Prozedur in einem Gerichtsverfahren, wonach die Klärung der Identität des Angeklagten und seine Teilnahme an dem Verhandlungsgegenstand der eigentlichen Verhandlung vorangehen müsse. "Die umgekehrte Reihenfolge dieses Ablaufs beweist, daß der israelische Gerichtshof nicht daran interessiert ist, den Angeklagten zu identifizieren".
Sie spricht von einem Schauprozeß und weist darauf hin, daß schon bei der Eröffnung des Prozesses von einem Korrespondenten der Zeitung Maariv der Haß in der Öffentlichkeit gegen das ganze ukrainische Volk aufgedeckt wurde. Sie sagt, es wäre nicht verwunderlich, wenn in einer solchen Stimmung des entflammten Hasses sich Zeugen finden, die falsche Anschuldigungen machen. Wörtlich sagt sie :
"Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf den Umstand lenken, daß dieses Gerichtsverfahren, das unter solchen Umständen und Gesetzesbrüchen stattfindet, von der Weltöffentlichkeit als
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Schauprozeß gegen das ganze ukrainische Volk gesehen werden kann, gegen das in Israel ein besonderer Haß entfesselt wird; etwa, weil Israel einen Ausgleich für diplomatische und politische Niederlagen sucht, die es in anderen Ländern der Welt erlitten hat (z.B. in Osterreich)".
Zum Schluß gibt Ruth Okuneva ihrer Sorge Ausdruck, daß dieser Prozeß neuen Antisemitismus in der Welt entfachen könnte.
Um dem vorzubeugen, gehen wir hier mit dieser Ausführlichkeit auf die Stellungnahmen dieser beiden kulturellen Vertreter ihres Volkes ein, Avram Shifrin und Ruth Okuneva. Denn nichts wäre verhängnisvoller, als einem blinden Antisemitismus Vorschub zu leisten, hinter dem sich die wenigen bequem verstecken könnten, die die Verantwortung tragen für die Strategie des Hasses, in die dieser Prozeß gegen Demjanjuk eingebettet ist.
Dieser Prozeß hat mit "den Juden schlechthin" genausowenig zu tun, wie etwa die übergroße Mehrheit der Juden in der Sowjetunion etwas mit der Errichtung des bolschewistischen Systems in der SU zu tun hatte — obwohl etwa 90 % der Mitglieder des ersten Zentralkomitees und sämtliche Chefs der berüchtigten Geheimpolizei — von Uritzky bis Andropow — der jüdischen Minderheit in der Sowjetunion zuzurechnen sind. Die übergroße Mehrheit der Juden hat unter den Machenschaften dieser wenigen genauso gelitten wie alle anderen Völker auch.
Die geschichtliche Last
Nach Possony (017) gibt es vier Perioden in der Geschichte der ukrainisch-jüdischen Beziehungen, in denen es aus jüdischer Sicht zu antijüdischen Ausschreitungen und Pogromen von Ukrainern gegen Juden kam. Diese Perioden sind :
1648-1654 : Der von Khmelinytsky angeführte Befreiungskrieg, in dessen Verlauf die Ukrainer die polnisch-jüdische Fremdherrschaft abschüttelten, wurde bereits genannt.
1760-1778 : Während dieser Periode kam es zu fortgesetzten Aufständen der Ukrainer gegen die polnische Vorherrschaft im Westteil der Ukraine
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und gegen die russische Vorherrschaft im Ostteil des Landes. Diese Erhebungen gipfelten im Jahre 1768 im Haidamak-Aufstand.
Während dieser ganzen Periode versuchten die Ukrainer ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. Die Unterdrückung der Ukrainer wurde dadurch verschärft, daß die Russen versuchten, die katholischen Teile des ukrainischen Volkes in die orthodoxe Kirche zu zwingen, während die Polen versuchten, den orthodoxen Teilen den Katholizismus aufzuzwingen.
Während dieser ukrainischen Unabhängigkeitskriege kämpften die Juden gegen die Ukrainer auf der Seite der Polen. (018)
Diese Befreiungskriege waren aber auch das Ergebnis des Vertrages von Andrusovo im Jahre 1667, der die Ukraine zwischen Polen und Rußland aufteilte. (029)
1918-1921 : Während dieser Periode vorübergehender und kurzzeitiger ukrainischer Unabhängigkeit, die dauernd von Abwehrkriegen gegen das bolschewistische Moskau geprägt war, wurde vom Zentralrat des ukrainischen Volkes (Rada) die Rechte der nationalen Minderheiten sehr großzügig geregelt. Den Juden der Ukraine wurde weitgehende Selbstverwaltung innerhalb eines selbstgewählten jüdischen Nationalrates zugestanden. Innerhalb der Regierung wurde die Vertretung der Interessen der jüdischen Minderheit durch die Gründung eines Ministeriums für jüdische Angelegenheiten geregelt. (019)
1941-1945 : Während dieser Zeit sollen etwa drei Millionen Ukrainer in den Kriegsgefangenen- und Todeslagern des nationalsozialistischen Regimes gestorben sein. Als die deutschen Soldaten 1941 die Ukraine besetzten, wurden sie in den Dörfern mit Brot und Salz als Befreier begrüßt. Das ukrainische Volk, das unter Stalin unsagbar gelitten hatte, sah im deutschen Einmarsch
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eine Chance zur Erlangung der nationalen Unabhängigkeit und zur Befreiung vom bolschewistischen Terror. Hunderttausende Sowjetsoldaten ergaben sich den deutschen Truppen kampflos.
Verblendet vom Rassismus der nationalsozialistischen Ideologie, erkannte die deutsche Führung die einmalige Chance nicht, die Ukrainer als Bündnispartner gegen das bolschewistische Moskau zu gewinnen, und begann alsbald, die Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukrainer brutal zu unterdrücken.
Aus der ursprünglich deutschfreundlichen Haltung der Ukrainer wird ihnen heute noch, nicht nur von sowjetischer Seite, sondern auch von jüdischer Seite, der Vorwurf der Kollaboration mit den Nationalsozialisten gemacht.
Diese vier geschichtlichen Perioden, die von jüdischer Seite angeführt werden, um die antijüdische Politik und Einstellung der Ukrainer zu belegen, werden auf ukrainischer Seite ganz anders beurteilt als auf jüdischer Seite.
Was aus ukrainischer Sicht Befreiungskämpfe gegen Fremdherrschaft waren, das wird jüdischerseits meist als antisemitische Politik bis hin zum Pogromvorwurf dargestellt.
Und wo die Ukrainer vor allem die Herrschaft des Bolschewismus und des Nationalsozialismus sehen, sieht die jüdische Seite hauptsächlich die Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Regime.
Die Tatsache jedoch, daß sehr starke politische Kräfte in der Ukraine unmittelbar nach dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion die Situation nutzen wollten, um die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion zu erreichen, kann nicht als "Kollaboration mit Nazi-Regime" umgedeutet werden. Am 30. Juni 1941 verkündete die OUN, die Organisation Ukrainischer Nationalisten, in Lemberg die Wiederherstellung eines unabhängigen ukrainischen Staates. Diese Proklamation der Unabhängigkeit erfolgte, nachdem das bolschewistische System vor den anrückenden deutschen Truppen kapituliert hatte. Die Nationalsozialisten beantworteten diese Unabhängigkeitserklä-
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rung unmittelbar mit Massenverhaftungen und Terror. Stephan Bandera und Jaroslaw Stetsko wurden am 12. Juli 1941 verhaftet, und, nachdem sie sich weigerten, die Proklamation der Unabhängigkeit der Ukraine zu widerrufen, in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert. Zur gleichen Zeit wurden mehr als 2000 ukrainische Nationalisten verhaftet, die an der Unabhängigkeitserklärung am 30. Juni 1941 teilgenommen hatten. Die nationale Untergrundarmee UPA wuchs bis 1944 trotz der Verfolgungen durch die Gestapo auf mehr als 200.000 Mann an und führte einen erbitterten Zweifrontenkrieg gegen die Bolschewisten und gegen die deutschen Besatzer. Wegen dieser geschichtlichen Erfahrungen herrscht auf Seiten der Ukrainer heute völliges Unverständnis für den Vorwurf von jüdischer Seite, die Ukrainer hätten mit den Nationalsozialisten kollaboriert.
Diese beiden Sichtweisen der Geschichte — die ukrainische und die jüdische — schließen einander weitgehend aus. Zu einer gemeinsamen oder objektiven Sicht kann es eigentlich nur auf der Grundlage der Respektierung der Unabhängigkeit und des Selbstbestimmungsrechtes beider Völker kommen.
Anti-ukrainische Allianz zwischen Moskau und führenden Zionisten ?
Der Vernichtungswille Moskaus gegenüber dem ukrainischen Volk wird heute in anderen Maßnahmen wirksam als unter Stalin. Um das Ziel der völligen Austilgung ukrainischer Identität zu erreichen, wird nach wie vor die ukrainische Sprache im offiziellen Gebrauch unterdrückt und propagandistisch diskriminiert.
Eine Bekannte des Autors dieses Kapitels wurde während eines Besuches in der Ukraine zusammen mit einer amerikanisch-ukrainischen Studentengruppe selbst Zeugin dieser Diskriminierung. Da sie es gewagt hat, in Kiew zusammen mit anderen in der Öffentlichkeit in ihrer ukrainischen Muttersprache zu sprechen, wurden die jungen Leute von Funktionären als "dreckige Bauern" ("Chachol") angegeifert (030). Doch gehören diese Formen der Diskriminierung, die von einer im großrussischen Chauvinismus erzogenen Funktionärsschicht getragen werden, noch zu den mildesten Formen der Un-
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terdrückung. Die Tatsache, daß 60 Prozent der Insassen in den sibirischen Zwangsarbeitslagern Ukrainer sind, sagt mehr aus über das Ausmaß der Unterdrückung.
Eine andere Form der Unterdrückung, unter der alle Völker der Sowjetunion zu leiden haben, ist das Prinzip der Arbeitsplatzzuteilung in fremden Gebieten. So werden als Lehrer ausgebildete Letten in Weißrußland oder der Ukraine eingesetzt, Ukrainer in Alma-Ata oder im Estland, Kirgisen in Litauen usw. Mit diesen planvollen Versetzungsmaßnahmen sollen die mehr als 40 Völker und Volksgruppen in dem Völkergefängnis der Bolschewisten zum "wahren Internationalismus" erzogen werden. Diese und noch viele andere Maßnahmen der Zwangsrussifizierung, die den Völkern der Sowjetunion unter der ideologisch propagierten "Internationalisierung" aufgezwungen werden, sind im Grunde nichts anderes als Rassismus, und sie treffen jeweils die Ukrainer besonders hart. Denn die Ukrainer bilden das größte der eigenständigen Völker unter der Knute Moskaus, ihre Unterdrückung hat also Vorrang, und daher werden alle Unterdrückungsmaßnahmen des Regimes an den Ukrainern beispielhaft erprobt.
Im Rahmen dieser rassistischen Politik gegenüber dem ukrainischen Volk sieht Moskau auch in den Millionen Exilukrainern, die vor Stalins Terror und den Segnungen des "Arbeiter- und Bauernparadieses" in den Westen geflohen sind, einen zu eliminierenden Feind. Moskau ist interessiert an der Ausschaltung und Zerstörung aller ukrainischen Organisationen im Westen, weil es in ihnen feindliche Bollwerke sieht und weil es befürchtet, daß von diesen eine ständige Ermutigung der in der Ukraine lebenden Ukrainer ausgeht.
Und hier ist genau der Punkt, wo sich der Wille Moskaus zur Unterdrückung und Auslöschung des ukrainischen Volkes mit der traditionell anti-ukrainischen Haltung vieler führender Vertreter des jüdischen Volkes und jüdischer Organisationen trifft. Zumindest von seiner Vorbereitung und propagandistischen Wirkung her gesehen ist der Demjanjuk-Prozeß Ausdruck einer Allianz zwischen Moskau und führenden zionistischen Kreisen. Er soll als Aufhänger dienen, um weltweit alle Ukrainer, die Stalins Terror entflohen sind, als Nazikollaborateure und Judenmörder diskriminieren zu können.
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Anti-ukrainische Berichterstattung
Unser Gedächtnis, Teil unseres Bewußtseins, arbeitet u.a. assoziativ, d.h. Bilder, Ereignisse und Begriffe, die an und für sich nichts miteinander zu tun haben, werden von unseren Bewußtseinsfunktionen in Zusammenhang gebracht, wenn diese zusammen aufgenommen werden. Unsere Medienmacher wissen darüber recht gut Bescheid. Sie machen daraus eine Technik der Beeinflussung, gegen die sich die Menschen noch nicht hinreichend zu wehren gelernt haben.
Nehmen wir ein aktuelles Beispiel aus der Berichterstattung über den Demjanjuk-Prozeß. "Wenn Zeugen davon berichten, wie sie Leichen aus den Gaskammern gezerrt haben oder Schädel von Kleinkindern auf bestialische Weise von SS-Leuten oder ihren ukrainischen Helfern zerborsten wurden, kann man im Saal eine Stecknadel fallen hören" (026).
Ulrich W. Sahm, der Verfasser dieses willkürlich herausgegriffenen Artikels, der am 7. Juni 1987 in Sonntag Aktuell erschienen ist, ist sich wahrscheinlich klar bewußt, was er tut, wenn er die "auf bestialische Weise zerborstenen Schädel von Kleinkindern" mit "SS-Leuten und ihren ukrainischen Helfern" zusammenbringt. Weil über die Ukraine und die Ukrainer bei uns im Westen normalerweise nicht berichtet wird, vielmehr die Existenz des ukrainischen Volkes meist verschwiegen wird und weil, entsprechend den Absichten der großrussischen Chauvinisten, die "Ukrainer" als "Russen" bezeichnet werden, wird durch eine solche Berichterstattung, unterschwellig die Assoziierung erzeugt, "Ukrainer sind bestialische Kindermörder".
Derselbe Autor schrieb am 4. April 1987 in der Stuttgarter Zeitung :
"Trawniki war ein Ausbildungslager für SS-Leute und Ukrainer. Diese wurden von dort als Wächter oder eben als Massenmörder in die Arbeits- und Todeslager im Generalgouvernement Polen überstellt".
Auch hier wieder "Ukrainer" und "Massenmörder". Tatsächlich wurden in Trawniki unter insgesamt 4000 Leuten 350 Ukrainer ausgebildet — als Wachpersonal, nicht als Massenmörder. Wegen diesen 350 Leuten soll jetzt dem ganzen ukrai-
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nischen Volk der assoziative Stempel "Massenmörder" aufgedrückt werden (027).
Nicht viel besser berichtet Bernhard Heimrich am 4. März 1987 in der FAZ. Er beschreibt den Gerichtssaal, in dem der Prozeß gegen Demjanjuk stattfindet, und fährt fort : "Die Fernsehkameras auf der Empore schließlich stehen da für den Rest der Welt. Sie stehen nicht zuletzt für die ukrainischen Bindestrich-Amerikaner weit weg. An der "Ukrainian Power" in Amerika findet nicht nur Demjanjuk seinen Rückhalt, sondern auch O'Connor, vor allem den finanziellen. Das ist nicht etwa nur eine Lobby für Trachtengruppen nach Kiewer Schnitt . . ." ". . . Mehr noch sind die Ukrainer eingeführt als zuverlässigste Formation des amerikanischen Antikommunismus; auch gelten sie, unter Juden, als traditionelle Antisemiten" (028).
Wie würde Bernhard Heimrich wohl reagieren, wenn jemand von den "jüdischen Bindestrich-Amerikanern" reden würde ?
Einen Gipfel an Geschmacklosigkeit erreicht dieser Bericht von Bernhard Heimrich, als er über den Sohn Demjanjuks schreibt, der im Gerichtssaal hinter seinem Vater das Prozeßgeschehen an einem Beistelltisch verfolgt : "Er ist ein ernstblickender junger Mann, wenn auch mit einem kecken Bärtchen, John Junior, eines von drei Geschwistern aus der amerikanischen Ehe Demjanjuks. Wann immer er draußen begierig gefragt wird, sagt er : nein, er halte seinen Vater für unschuldig. Doch was mag da wirklich vorgehen am Katzentisch, wenn der Zeuge Epstein, einst einer der Leichenträger, berichtet : 'Einmal kam ein 12-jähriges Mädchen lebend aus der Gaskammer. Wir zogen sie schnell zur Seite, aber sie schrie nach ihrer Mama. Iwan kam gelaufen, griff sich einen jungen Häftling und befahl ihm, das Kind zu vergewaltigen . . .'"
Bernhard Heimrich stellt hier nicht die Frage, was wohl in einem Sohn vorgeht, wenn sein Vater solch sadistischer Ungeheuerlichkeiten zu Unrecht beschuldigt wird. Er macht sich auch nicht die Mühe, selbst ein Gespräch mit dem Sohn zu führen. Statt dessen fragt er : "Doch was mag da wirklich vorgehen am Katzentisch ?"
Dieser "Katzentisch", diese Wortwahl in diesem Zusammenhang ! Bezweifelt Heimrich, ob es sich beim Sohn von Demjanjuk um ein menschliches Wesen handelt ?
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Bei einer solchen Wortwahl ist der Weg nicht mehr weit zur Wortwahl jener Haßpropaganda, mit der 1932/33 die Ausrottung von sieben Millionen Ukrainern begleitet wurde.
"Um sie zu ermorden, war es notwendig zu verkünden, daß die Kulaken keine menschlichen Wesen sind". (011)
Die Logik des Hasses erlaubt kein Zurück
Ein Prozeß kann nur dann fair sein, wenn sein Ausgang offen ist und wenn keine der beiden Alternativen eines möglichen Urteils — Schuldig oder Unschuldig — von Anfang an einer größeren politischen Belastung unterworfen ist als die andere.
Regie und Ablauf eines Schauprozesses schwören jedoch die Öffentlichkeit während des Prozesses auf die "Schuld" des Angeklagten ein. Ein möglicher Freispruch würde rückwirkend die gesamte Propaganda, die über diesen Schauprozeß der Öffentlichkeit vermittelt wurde, entwerten. Der Schuldspruch am Ende eines Schauprozesses drückt auch der Propaganda, die durch ihn vermittelt wurde, das Siegel der Objektivität auf.
Der Belastung, daß ein möglicher Freispruch am Ende als Skandal in der Öffentlichkeit empfunden würde, unterliegt jeder Schauprozeß. Im Falle des Jerusalemer Prozesses gegen Demjanjuk aber drängt nicht nur diese Art der Belastung auf eine Verurteilung des Angeklagten von Anfang an, sondern auch die einmalige politische Konstellation, die diesen Prozeß erst ermöglicht hat.
Diesem Prozeß in Jerusalem ging voraus die Verurteilung Demjanjuks in den USA. Amerikanische Gerichte haben Demjanjuk die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt, und amerikanische Gerichte haben in einer unter völkerrechtlichem Gesichtspunkt höchst fragwürdigen Entscheidung Demjanjuks Auslieferung an Israel verfügt. Grundlage für diese Entscheidungen der amerikanischen Gerichtshöfe war der von Moskau vorgelegte "Dienstausweis" aus der Fälscherwerkstatt des KGB.
Damit haben sich beide Supermächte im Vorfeld des Demjanjuk-Prozesses bereits so weit nach vorne gelehnt, daß sie nicht mehr zurück können, ohne das Gesicht zu verlieren.
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Mit anderen Worten : ein Freispruch Demjanjuks würde einen internationalen Skandal bedeuten.
Ein Freispruch würde Moskau der Desinformation mit gefälschten Dokumenten anklagen, würde die amerikanische Justiz vor der Weltöffentlichkeit bloßstellen und die Gefahr heraufbeschwören, daß die herrschende Meinung über den Holocaust und damit einen Teil der ideologischen Grundlagen der Nachkriegspolitik der "Siegermächte" ins Wanken gerät.
Wo gibt es auf der ganzen Welt einen Richter, der sich angesichts solcher politischer Konsequenzen, mit der die eine Alternative des Urteils, der Freispruch, belastet wäre, noch unbefangen an die Wahrheits- und Rechtsfindung machen könnte ? Auch würde sein Freispruch, angesichts der politischen Katastrophe, die damit verursacht würde, als die private Marotte eines weltfremden Gerechtigkeitsfanatikers erscheinen. Ihm bleibt also gar nichts anderes übrig, als aus Staatsraison den Schuldspruch zu fällen.
Nur Narren können also angesichts solcher politischer Zwänge und Belastungen, denen dieser Prozeß von Anbeginn an unterworfen war, noch auf Gerechtigkeit hoffen.
Demjanjuk selbst ist solch ein Narr. Das beweisen seine Briefe, die er aus der Zelle an seine Familie schreibt. Möge sein gutgläubiges Herz seinen Richtern zu der Erkenntnis verhelfen, daß Gerechtigkeitssinn, Wahrheitsliebe und Menschlichkeit bei Narren noch eher zu finden sind als bei kalten Rechnern der Macht.
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Die Verteidigung Demjanjuks hat 105 "Treblinka-Überlebende" namentlich festgestellt. Sie tauchten in Strafprozessen gegen Stangl, den ersten Kommandanten von Treblinka, oder Adolf Eichmann auf, oder stellten sich selbst — teilweise in Büchern und sogar in Filmen — als "Treblinka-Überlebende" vor. Von einem Teil muß es als sicher gelten, daß sie nicht in Treblinka waren — was mit absoluter Gewißheit nicht einmal bei den Zeugen, die Demjanjuk belasten, feststeht. Von vier von ihnen weiß man nicht einmal, in welchem Land sie sich niedergelassen haben.
Die Zahl der wirklichen Treblinka-Überlebenden wurde durch Tod, auf Grund des hohen Alters, erheblich reduziert. Immerhin lebten im September 1976 mit Sicherheit 34 allein in Israel. Von ihnen konnten 13 Zeugen Demjanjuk nicht als "Iwan den Schrecklichen" identifizieren. Aus verständlichen Gründen verzichtete die Anklage darauf, sie überhaupt vor das Gericht in Jerusalem zu rufen — denn diesen 13 Zeugen stehen nur 12 gegenüber, die Demjanjuk identifiziert haben wollen : Nicht bei einer persönlichen Gegenüberstellung, sondern an Hand von Fotos, die erst Jahre nach Kriegsende von Demjanjuk gemacht worden waren. Von diesen sind vier inzwischen verstorben, so daß die Anklage nur 9 Zeugen gegen Demjanjuk anbieten kann, unter ihnen Rosenberg, der 1947 erklärte, er habe 1943 persönlich an der Tötung "Iwan des Schrecklichen" teilgenommen. Inzwischen steht auch von einem der toten Zeugen fest, daß er sich geirrt hatte : Er hinterließ, daß "Iwan der Schreckliche" schon 1943 ums Leben gekommen ist. Die Frage bleibt, was die anderen Überlebenden von Treblinka wissen, die gar nicht gefragt werden.
Von 25 Zeugen, die die Anklage in Europa vernehmen lassen wollte, sind nur zwei herangezogen worden : sie erklärten vor westdeutschen Gerichten, weder die sogenannte Identitätskarte noch Iwan Demjanjuk identifizieren zu können. Auf die Vernehmung der anderen Zeugen der Anklage hat diese deshalb auch verzichtet.
Inzwischen erfuhren wir, was das OSI, die amerikanische Ju-
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stizbehörde, schon lange wußte — die meisten KZ-Überlebenden, die befragt wurden, waren nicht in der Lage, John Demjanjuk von Cleveland als "Iwan den Schrecklichen" zu identifizieren. Da Demjanjuk, laut "Dienstausweis", auch in Sobibor gewesen sein soll, fragte das OSI folgende Zeugen, die an Hand von Photos erklärten, sie könnten Demjanjuk nicht identifizieren :
Philip Bialovitz, Thomas Blatt, Herszel Cukierman, Dow Freiberg, Ester Raab, Mejer Zeiss. Somit konnte kein einziger überlebender von Sobibor die Identität Demjanjuks mit "Iwan dem Schrecklichen" bestätigen.
Folgende Zeugen, die erklärten, Überlebende von Treblinka zu sein, konnten Demjanjuk nicht als "Iwan den Schrecklichen" identifizieren :
Abrahm Bomba, Max Boraks, Henry Brenner, Harry Feldgraber, Samuel Goldberg, Abram Kolski, Sol Lackman, Samuel Lerer, Abe Rosenberg, Moses Rappaport, William Schneiderman, Samuel Schoenberg, Joseph Siedlecki, Samuel Silberstein, Joe Tekulesky, Charles Unger, Joe Weissmann, Mayor Zigelmann und Helman Shlomo. Der Zeuge Schalom Kohn vermochte Demjanjuk als angeblichen "Iwan den Schrecklichen" nur "unbestimmt" zu identifizieren.
Neben 6 Zeugen aus Sobibor und 19 Zeugen aus Treblinka, die Demjanjuk an Hand von Photos nicht identifizieren konnten, fand das OSI lediglich sechs Zeugen, die meinten, eine solche Identifizierung vornehmen zu können, doch einer von diesen Zeugen war weder in Treblinka noch Sobibor, und ein weiterer dieser Zeugen nur im "Arbeitslager Treblinka" gewesen — wo Demjanjuk, laut Anklage, gar nicht gewesen sein soll, so daß 27 "negativen" Zeugen ganze 5 "positiven Zeugen" gegenüberstehen. Zwei von ihnen waren nicht in der Lage, Demjanjuk unter 17 vorgelegten Bildern herauszufinden : Sie "identifizierten" ihn erst, als die Bilderauswahl auf acht verengt worden war.
Das OSI verschwieg die Befragung dieser Zeugen und präsentierte dem Gericht in Jerusalem nur die "positiven" Zeugen.
Zeitweise behauptete das OSI, nur "positive Zeugen" gefunden zu haben, dann wurde die Behauptung aufgestellt, die Vernehmungsprotokolle mit den "negativen Zeugen" seien der
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Behörde "gestohlen" worden. Bis heute wurden sie nicht gefunden.
Anmerkung des Verlegers : Wenn der Gesetzestext, auf dem die Verfolgungstätigkeit des OSI beruht, korrekt wiedergegeben ist (108), dann macht das sehr bedeutsame kritische Schlußfolgerungen notwendig. Eine eingehendere Überprüfung des Gesetzestextes ist uns momentan, unter Zeitdruck, nicht mehr möglich. Da wir aber keinen Anlaß haben, an der korrekten Wiedergabe dieses Gesetzestextes zu zweifeln, möchten wir uns einer Interpretation dieses Gesetzes nicht enthalten :
1. Das OSI, die neugegründete Abteilung im amerikanischen Justizministerium, kann aufgrund dieses Gesetzes keine Verfolgungsaktivitäten gegenüber bolschewistischen Massenmördern entfalten.
2. Das OSI kann jeden verfolgen, der in der Zeit vom 23. März 1933 bis 8. Mai 1945 im Gesamtraum des damaligen Deutschen Reiches oder in irgendwelchen Gebieten, die von Truppen deutscher Militärstreitkräfte besetzt waren, bolschewistische Massenmörder bekämpft hat.
3. Auf Grund dieser eindeutig definierten Verfolgungsrichtung, die dem OSI kraft Gesetz auferlegt ist, hat die in amerikanischen Einwandererkreisen kursierende Meinung, das OSI wäre "ein verlängerter Arm des KGB im amerikanischen Justizministerium", seine Berechtigung.
4. Das OSI müßte auf Grund dieses Gesetzes ungezählte Millionen Deutscher, Österreicher, Balten, Weißrussen, Ukrainer usw. usw. — alle, die in irgendeiner Form Stalins Massenmörder bekämpft haben, auf die sog. "watch-list" setzen.
Genau besehen könnte man aus diesem Gesetz noch viel weiter reichende Schlußfolgerungen ziehen.
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