1. Deutsch-polnische Politik in den dreißiger Jahren

In der Zeit der Weimarer Republik blieben die Beziehungen beider Länder untereinander weiterhin kühl. In Berlin hatte man weder Oberschlesien noch Danzig vergessen und betrachtete die Behandlung der deutschen Minderheit in den abgetrennten Ostgebieten kritisch. Auch in Warschau blieb man mißtrauisch und war über den allmählichen Aufschwung des deutschen Nachbarn im Westen besorgt, fürchtete aber gleichzeitig die Sowjetunion im Osten. Man war weiterhin bemüht, das Reich schwach zu halten, und sparte nicht mit Drohgebärden. Drei Jahre vor Hitlers Machtübernahme, im September 1930, erklärte der polnische Außenminister Zaleski dem Präsidenten des Danziger Senats, Dr. Ziehm, daß nur ein polnisches Armeekorps die Danziger Frage lösen könne.

Derartige Kriegsreden Warschauer Staatsmänner und gewisser Generäle häuften sich mit der Zeit. Sie fanden bei dem damals schon einflußreichen Führer der britischen Kriegspartei, Winston Churchill, offene Ohren und wurden auch von Roosevelt mit Genugtuung gehört. Der uneingeschränkte Führer Polens in jener Zeit war Marschall Pil-sudski, der als Ministerpräsident diktatorisch amtierte. Das Bild, das der polnische Staat sowohl in seiner Innen- wie auch in seiner Minderheiten- und Außenpolitik bot, war erschütternd. Das verschärfte sich noch, als Pilsudski ein Ermächtigungsgesetz durchsetzte. Doch die Diktatur in Polen schien niemanden zu stören. Frankreich hielt in Treue fest zum autoritären Bundesgenossen. Die Empörung richtete sich nur gegen das Deutsche Reich im Jahr 1933. Das System Polens interessierte genausowenig wie der Sowjetkommunismus, der Austrofaschismus ab 1934 und all die anderen autoritären Regime im übrigen Europa. Obwohl von Polen eine ständige Kriegsgefahr ausging.

Die explosive Mischung von Expansionismus, Intoleranz und polnischen Kriegsgelüsten zu Beginn der dreißiger Jahre mögen drei Zeitdokumente beispielhaft charakterisieren:

Am 3. Oktober 1930 zitierten die „Münchener Neuesten Nachrichten" unter der Überschrift „Polnische Kriegsfanfaren" das Warschauer Blatt „Die Liga der Großmächte":

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„Der Kampf zwischen Polen und Deutschland ist unausbleiblich. Wir müssen uns dazu systematisch vorbereiten. Unser Ziel ist ein neues Grunwald, aber diesmal ein Grunwald in den Vororten Berlins, das heißt die Niederlage Deutschlands muß von polnischen Truppen in das Zentrum des Terrorismus getragen werden, um Deutschland im Herzen zu treffen. (In Grunwald bei Tannenberg, Ostpreußen, wurde im Jahre 1410 der deutsche Kreuzritterorden vernichtend geschlagen, der Verfasser.)

Unser Ideal ist ein Polen im Westen mit der Oder und Neiße als Grenze. Preußen muß für Polen zurückerobert werden, und zwar das Preußen an der Spree. In einem Krieg mit Deutschland wird es keine Gefangenen geben und es wird weder für menschliche noch kulturelle Gefühle Raum sein. Die Welt wird erzittern vor dem deutsch-polnischen Krieg. In die Reihen unserer Soldaten müssen wir übermenschlichen Opfermut und den Geist unbarmherziger Rache und Grausamkeit tragen. Vom heutigen Tag an wird jede Nummer dieses Blattes dem kommenden Grunwald in Berlin gewidmet sein." Der ehemalige Reichsinnenminister und Reichskanzler der Weimarer Zeit, Dr. Joseph Wirth, erklärte als Zeuge vor dem Tribunal der Sieger in Nürnberg: „Alle deutschen Regierungen zwischen 1918 und 1933 und die deutsche Heeresleitung waren von der Sorge um den Bestand des Reiches beseelt, den sie innen- und außenpolitisch bedroht sahen. Bereits in den ersten Jahren nach dem Weltkrieg hatte Polen wiederholt versucht, Teile des Reichsgebietes gewaltsam vom Reich abzutrennen. Die Furcht vor weiteren Angriffen war nicht unbegründet. Nationalistische polnische Kreise forderten weitere Gebietsabtrennungen . . . Die Unruhe an der deutschen Ostgrenze war eine dauernde. In den Jahren 1930 und 1931 ging eine neue Welle großer Besorgnisse durch die Ostgebiete des Reiches. Als Reichsminister des Innern bereiste ich Schlesien, um den Vertretern aller Parteien klarzumachen, daß die Reichsregierung willens ist, Schlesien wie im Jahre 1921 zu verteidigen . . . Dabei war die Bewaffnung unserer Reichswehr kläglich. In keiner Weise war sie befähigt, der polnischen Armee längere Zeit zu widerstehen.

Reichskanzler Dr. Brüning und Reichswehrminister Gröner beschlossen daher, bei einem Angriff der Polen Schlesien zu räumen. Wer an-

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gesichts dieser Tatsache noch behauptet, daß wir Angriffsabsichten gehabt hätten, ist zu bemitleiden. Allen Provokationen der Polen gegenüber blieben wir ruhig und gelassen. Es war angesichts der jammervollen Lage an den deutschen Ostgrenzen selbstverständlich, daß Umschau gehalten worden ist, wie man wehrpolitisch die Lage verbessern könne. Als süddeutsche katholische Demokraten war uns jeder Haß gegen Polen durchaus fern. Aber gerade meine Freunde und ich machten mit den Polen die bittersten Erfahrungen." Das unter den Augen der Weltöffentlichkeit sich abspielende Verhalten der Polen gegenüber Deutschland war für jeden ersichtlich auf Krieg ausgelegt! Als dieser dann 1939 endlich ausbrach, stempelte man Deutschland bis heute als Alleinschuldigen ab, wobei doch die deutsche Regierung nachweislich alles tat, um diesen Krieg zu verhindern.

Konkret wurden die polnischen Kriegspläne 1933. Im November war der erst 38jährige Oberst Beck mit der Außenpolitik Polens betraut worden. Der neue Außenminister, der bis 1939 eine Schlüsselfigur der polnischen Außenpolitik blieb, war alles andere als ein Freund Deutschlands und pokerte sehr hoch, im Vertrauen auf Polens Armee.

Polens Ziel war es, die führende Stellung in Ostmitteleuropa zu erlangen. Pilsudski befürwortete unter diesen Umständen einen Krieg mit Deutschland. 1958 enthüllte Lord Vansittart, der bekannte Feind Deutschlands, die Kriegspläne Pilsudskis mit Einverständnis der britischen Regierung im Detail. Vansittart hieß dessen Pläne für richtig, da man 1933 einen Krieg gegen Deutschland noch mit 30000 Opfern statt mit dreißig Millionen Opfern hätte gewinnen können. Wäre es jetzt nicht auch an der Zeit, fast fünfzig Jahre nach Kriegsende des Zweiten Weltkrieges, alle die großangelegten Planungen der späteren Siegermächte offenzulegen, die nur eines zum Ziel hatten: Deutschland endgültig zu vernichten? Man kann die Geschichte des 20. Jahrhunderts doch nicht auf einem derartigen Lügengewebe festschreiben wollen!

Da Pilsudski allein aber nicht marschieren wollte, baute er auf die Mithilfe Englands und Frankreichs bei dem geplanten Präventivkrieg. England lehnte dieses Vorhaben, wie Lord Vansittart bedauernd be-

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richtet, ab und beeinflußte auch Paris in diesem Sinne. Dazu der bekannte französische Militärhistoriker Ferdinand Otto Miksche: „Vergeblich hoffte Polen damals auf Frankreichs Zustimmung, gegen Deutschland Krieg zu führen."

Um doch noch einen Krieg gegen Deutschland auslösen zu können, betrieb Polen mehrere Provokationen. Die gravierendste war die plötzliche Besetzung des Polen zugesprochenen Munitionsdepots auf der Wester-platte im Danziger Hafen mit weit stärkeren Truppen als vereinbart. Am 6. März 1933 setzte Polen noch einen weiteren Vertragsbruch, nachdem das Deutsche Reich aus dem Völkerbund ausgetreten war: Das polnische Kriegsschiff „Wilja" setzte am frühen Morgen Truppen auf der Westerplatte bei Danzig ab, mit denen die Besatzung nochmals, und zwar erheblich, verstärkt wurde. Dank der Besonnenheit der deutschen Seite blieben die erwarteten Zwischenfälle zum Ärger der polnischen Führung aber aus. Dr. Wirth hatte recht, als er in Nürnberg aussagte: „Allen Provokationen Polens gegenüber blieben wir ruhig und gelassen." Diesen Grundsatz beherzigte auch Hitler 1933.

Damit war die eigentliche Absicht Polens, einen Kriegsgrund herbeizuführen, gescheitert. Mit der überraschenden Aktion hatte es nicht nur Danzig und damit Deutschland bedroht, sondern auch einen unfreundlichen Akt gegenüber dem Völkerbund gesetzt, über dessen bindende Vorschriften es sich hinweggesetzt hatte. Entsprechend groß war die internationale Erregung auch in der Presse, die aufsehenerregende Berichte über den „polnischen Coup auf Danzig" weltweit veröffentlichte. Sir John Simon, der britische Außenminister, kritisierte seinen polnischen Kollegen Josef Beck im Völkerbundsrat auf das schärfste. Beck gab bei der öffentlichen Ratssitzung in Genf schließlich die Zusage, die neu stationierten Truppen von der Westerplatte wieder abzuziehen. Eine Woche später zogen sie tatsächlich ab, was bei der Einstellung der polnischen Führung schon erstaunlich war. Ein dritter Versuch, einen Präventivkrieg zu organisieren, scheiterte im November 1933. Hitler bekundete gegenüber Polen mehrmals friedliche Absichten. Den Warnungen des deutschen Botschafters in Warschau, von Moltke, schenkte er wenig Gehör. Im Zeichen seiner Verständigungspolitik mit Polen stand auch seine bekannte Friedens-

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rede vom 17. Mai 1933. Der im Mai gewählte Danziger Senatspräsident Hermann Rauschning bemühte sich, die Polen-Danziger Konflikte zu bereinigen.


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