VI. Kriegsbeginn mit dem Angriff auf Polen

Von allen Anschuldigungen, die nach 1945 gegen Deutschland erhoben worden sind, bedeutet die der alleinigen Kriegsschuld zunächst eine Entlastung für die Sieger. Genau wie nach dem Ersten Weltkrieg haben die siegreichen Mächte dem unterlegenen Deutschen Reich auch nach dem Zweiten Weltkrieg die alleinige Schuld am Kriegsausbruch aufgebürdet, nach dem Motto, „Der Unterlegene ist immer der Schuldige".

Eine erfolgreiche Greuelpropaganda mit den unglaublichsten Fälschungen und Entstellungen (Sefton Delmer läßt grüßen), während, aber vor allem nach dem Kriege, mit einer gleichzeitig stattfindenden Umerziehung des deutschen Volkes, der Aburteilung von sogenannten Kriegsverbrechern und der Entnazifizierung ergaben eine äußerst erfolgreiche „psychologische Nachkriegführung" der Alliierten, der das erschöpfte und gepeinigte deutsche Volk zum zweiten Mal unterlag. Im Gegensatz zur Nachkriegszeit 1914/18 führten die Anstrengungen der Sieger zu einem vollen Erfolg, und der Unterlegene akzeptierte alle die ihm zur Last gelegten „Kriegsverbrechen". Große Schuld haben vor allem auch die deutschen Geschichtsforscher. Lehnten nach 1918 deutsche Historiker wie auch alle Parteien der Weimarer Republik die den Deutschen wider Recht und Wahrheit aufgezwungene Kriegsschuldthese im Artikel 231 des Versailler Diktates ab, so war nach 1945 die Hervorhebung und Betonung der deutschen Schuld und der Nachweis deutscher Verbrechen ein Hauptanliegen deutscher Zeitgeschichtler. Sie widmeten sich dem mit wahrer Inbrunst, da es ja zugleich die beste Voraussetzung für eine Hochschulkarriere war. Damit wurde ein nicht wieder gutzumachender Schaden angerichtet.

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Erst Mitte der achtziger Jahre gelang mit dem sogenannten „Historikerstreit" ein erster wesentlicher Einbruch in die Front der „Umerziehung" und das für die Deutschen von den Alliierten verordnete „Geschichtsbild". In all den Jahren nach 1945 wurde von den Siegern nur das die Deutschen belastende Material freigegeben (auch Fälschungen), während das Deutschland entlastende Material weiterhin in den Archiven unter Verschluß gehalten wird. Allein dieser Vorgang nach fast fünfzig Jahren gibt zu denken, daß hierfür Gründe vorliegen müssen und die von den Siegern geschriebene Zeitgeschichte einer Revision unterworfen werden muß. Gerüchten zufolge soll vor allem in England an diesem bisher geheimgehaltenen Dokumentenmaterial eifrig manipuliert, verdünnt und gefälscht werden. Getreu dem alten Sprichwort aus dem Volksmund: „Die Wahrheit mag untergehen, doch ertrinken kann sie nicht!" wollen wir uns bemühen, die wahren Ursachen und Ursprünge zu finden, die zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geführt haben. Vielleicht sollte man in dem Zusammenhang auch Honore de Balzac zitieren, der schon Mitte des 19. Jahrhunderts sagte: „Es gibt zwei Arten von Weltgeschichte: Die eine ist die offizielle, verlogene, für den Schulunterricht bestimmte - die andere ist die geheime Geschichte, welche die wahren Ursachen der Ereignisse birgt."

Da der Krieg als Auseinandersetzung zwischen den beiden Nachbarn Deutschland und Polen begann, müssen wir zunächst einen kurzen Rückblick in die polnische Geschichte werfen: Im Jahre 1795 widerfuhr Polen seine dritte Teilung durch Rußland, Preußen und Österreich. Es war keine Teilung als Folge eines Eroberungskrieges, sondern hervorgerufen durch die damalige Unfähigkeit Polens, sich selbst zu regieren. Hätten Preußen und Österreich sich an der Teilung nicht beteiligt, so wäre ganz Polen von Rußland einverleibt worden.

Nachdem im Ersten Weltkrieg die verbündeten Truppen Deutschlands und Österreichs den russisch besetzten Teil Polens mit ihrem Blut freigekämpft hatten, kamen am 5. November 1916 Kaiser Wilhelm II und Kaiser Franz Josef I überein, das polnische Volk in seine Selbständigkeit zurückzuführen. Durch die Gründung des neuen Staates Polen wurde wieder eine Pufferzone gegen Rußland geschaffen. Nicht

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unerwähnt darf bleiben, daß auf Seiten der Mittelmächte auch eine von ihnen ausgerüstete „Polnische Legion" unter Pilsudski kämpfte. Die beiden Kaiser verkündeten ihr Vorhaben in einer ausführlichen Depesche an Polen. Von dort kam noch am selben Tag die Antwort zurück, deren Wortlaut erhalten geblieben ist und wie folgt lautete: „An diesem Tag, da das polnische Volk erklärt, daß es frei sei und einen selbständigen Staat mit einem eigenen König und eigener Regierung erhalten wird, durchdringt die Brust eines jeden freiheitsliebenden Polen das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber jenen, die es mit ihrem Blute befreit und zur Erneuerung eines selbständigen Lebens berufen haben. Daher senden wir den Ausdruck unserer tiefen Dankbarkeit und die Versicherung, daß das polnische Volk seinen Bundesgenossen die Treue für immer zu bewahren imstande sein wird." Im Vertrauen auf die vierzehn Punkte des amerikanischen Präsidenten Wilson „ein Kriegsende ohne Sieger und Besiegte", unterzeichnete die deutsche Delegation am 11. November 1918 den vorgelegten Waffenstillstand.

Der dreizehnte Punkt verkündete die „Errichtung eines unabhängigen polnischen Staates". Damit hatte der US-Präsident zwar nichts Neues gesagt, denn bereits 1916 war diese Absicht durch die beiden Souveräne Deutschlands und Österreichs verkündet worden, jedoch unter ganz anderen Vorstellungen. Der neue polnische Staat sollte in den Gebieten errichtet werden, in dem „unbestreitbar polnische Bevölkerung lebt", besagte das Papier von US-Präsident Wilson. Darüber hinaus wurde verkündet, daß der neue Staat Polen einen gesicherten Zugang zum Meer haben müsse.

Diese vagen Vorstellungen des dreizehnten Punktes präzisierte Präsident Wilson im November 1918, indem er hinzufügte: „Ich bin nicht gewillt, deutsches Gebiet den Polen zu überlassen." Mit dem Begriff des freien Zuganges zum Meer für Polen wollte er nichts anderes erreichen als eine Neutralisierung der Weichsel und die Einräumung eines Freihafenbezirkes in Danzig für Polen.

Die großzügige Handhabung zugunsten Polens nur dieser beiden Forderungen des US-Präsidenten in den Versailler Verhandlungen waren dann 1939 eine der Hauptursachen für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

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Daß Präsident Wilson sich so für Polen einsetzte, hing auch damit zusammen, daß der bekannte polnische Pianist Ignaz Paderewski, der spätere polnische Ministerpräsident, als Künstler und polnischer Patriot großen Einfluß in Washingtoner Regierungskreisen ausübte.

1916: Nachdem Polen als Staat seit 1795 nicht mehr bestanden, sondern größtenteils als „Kongreß-Polen" Rußland unterstanden hatte, wurde am 5. November 1916, nach Vertreibung der zaristischen Armeen, in einer Erklärung des deutschen und des österreichisch-ungarischen Kaisers ein unabhängiges Polen proklamiert.

Am 27. Dezember brach unter Führung des Pianisten Paderewski der großpolnische Aufstand los. Ausgelöst wurde dieser Aufstand durch den Besuch Paderewskis in Posen, wo er von dem berühmtberüchtigten polnischen Rädelsführer und früheren Reichstagsab-

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geordneten Korfanty, der später auch soviel Unheil über Oberschlesien bringen sollte, empfangen wurde. Bevor noch Versailles über deutsche Gebietsabtretungen an Polen entschieden hatte, annektierte Polen bereits als erstes Opfer widerrechtlich die deutsche Provinz Posen.

Demonstrationen deutscher Truppen, die sich in der Demobilisation befanden, und zahlreicher Bürger gegen die Beflaggung der Stadt Posen mit polnischen und alliierten Fahnen wurden mit großer Brutalität niedergeknüppelt. Etwa 1500 Deutsche, Zivilisten und ehemalige Soldaten, darunter auch fünfzig Offiziere, wurden im Lager Szcypi-orna eingesperrt und schlimmsten Mißhandlungen ausgesetzt. Dieses Lager und ein weiteres mit Namen Stralkowo waren übrigens die ersten Konzentrationslager auf mitteleuropäischem Boden. Ab diesem Zeitpunkt muß unbedingt festgehalten werden, daß die Drangsalierung deutscher Menschen bis zum Exzeß im polnischen Machtbereich bis zum Kriegsausbruch 1939, also zwanzig Jahre ununterbrochen anhielt und ab 1945 ihre Fortsetzung fand. In dem Zeitraum zwischen beiden Kriegen gab es keine Vergeltungen von Deutschen oder gar Greueltaten an polnischen Menschen, mit denen sich Polen für die unmenschlichen Vorkommnisse in den deutschen Ostgebieten nach 1945 herausredete. Daß während der deutschen Besetzung Polens von 1939 bis 1944 Täter an Verbrechen gegen deutsche Menschen dingfest gemacht und abgeurteilt wurden, bewegte sich völlig im Rahmen der Gesetzlichkeit.

Bereits am 8. Oktober 1918, also noch während des Krieges (Wölfe und Hyänen folgen ebenfalls dem noch lebenden aber angeschlagenen Opfer), hatte der Führer des polnischen Nationalkomitees, Roman Dmowski, gegenüber Wilson unglaubliche Forderungen gestellt: Ganz Posen und Westpreußen, ganz Oberschlesien sowie drei Kreise Niederschlesiens sollten an Polen fallen. Ostpreußen als autonome Provinz mit Polen verbunden werden. Der 1864 in Warschau geborene Roman Dmowski verfolgte schon seit Jahren eine Politik der Versöhnung mit Rußland und verfocht einen deutschfeindlichen Nationalismus und Slawismus.

Weil Dmowskis Grenzvorstellungen, die so oder noch weitgehender mit den meisten politischen Kräften Polens übereinstimmten, nur mit

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den alliierten Siegern erreicht werden konnten, hatte Warschau schon im Dezember 1918 die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abgebrochen und die deutsche Gesandtschaft aus Polen ausgewiesen. Das, obwohl das Deutsche Reich, das für den neuen polnischen Staat die Grundlage geschaffen hatte, als weltweit erstes Land Polen international anerkannte und schon am 18. November 1918 Harry Graf Keßler zum Gesandten in Polen ernannte.

Wie hieß es doch gleich wieder im polnischen Dankschreiben vom 5. November 1916 unter anderem, nachdem die Staatsoberhäupter Deutschlands und Österreichs die Wiedergeburt eines polnischen Staates verkündet hatten? „Daher senden wir den Ausdruck unserer tiefen Dankbarkeit und die Versicherung, daß das polnische Volk seinen Bundesgenossen die Treue für immer zu bewahren imstande sein wird." (Mit „Bundesgenossen" waren das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn gemeint.)

Im Frühjahr 1919 schritt der neue polnische Imperialismus weiter voran. Von Österreich wurde Ostgalizien mit Waffengewalt erobert, während Westgalizien schon 1918 angeschlossen wurde. Im Nordosten stießen polnische Truppen bis Wilna, die alte litauische Hauptstadt, vor. Mayers Konservationslexikon von 1908 beziffert den polnischen Anteil der Bevölkerung im russisch-litauischen Gouvernement Wilna mit lediglich 8,2, während Weißrussen 61,2, Litauer 17,6 und Juden 12,8 Prozent ausmachten.

Zum Beginn der Versailler Friedenskonferenz am 18. Januar 1919 entsandte Polen eine Delegation unter Dmowski, die sogar über die maßlosen Forderungen hinausging, die gegenüber Wilson geäußert worden waren. Mit Ausnahme von vier Landkreisen verlangte man ganz Oberschlesien (eines der reichsten Gebiete Europas), östliche Teile von Niederschlesien und Pommern, Posen und Westpreußen sowie Teile von Ostpreußen.

Diese unglaubliche und unverschämte Art der Polen, deutsche Gebiete zu fordern und seine Grenzen selbst zu bestimmen, zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Jahrhundert. Bis zum Kriegsende 1918 kämpften polnische Soldaten an der Seite Deutschlands und Österreichs und somit auf die Seite der Verlierer. Aber bei den Friedensverhandlungen nahm die polnische Delegation auf der Bank der

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Siegermächte ihren Platz ein. Anstatt Deutschland gegenüber Dankbarkeit zu zeigen, hatten sie doch den Grundstein zu der Wiedergeburt eines neuen polnischen Staates gelegt, fiel Polen wie ein Wolf über deutsche Gebiete her und versuchte sie sich einzuverleiben. Fast alle westlichen Siegermächte befürworteten die polnischen Forderungen, beziehungsweise schon erfolgten Eroberungen. Konnte man doch durch diese „Gebiets-Amputationen" einer solchen Größenordnung das Deutsche Reich entscheidend zusätzlich schwächen. Auf die Tragik der hier beheimateten Menschen, nun plötzlich unter einer Fremdherrschaft leben zu müssen, nahm man keine Rücksicht. Das Versailler Diktat trat das Selbstbestimmungsrecht der Völker mit Füßen. Vor allem zum Schutz der jüdischen Minderheit machten die alliierten Sieger den Abschluß des Minderheiten-Schutzvertrages zur Voraussetzung für die Inbesitznahme der deutschen Gebiete. Doch war dieses Abkommen nicht mehr wert als ein Fetzen Papier. Polen hat es zu keinem Zeitpunkt beachtet. Bereits bei den im Versailler Vertrag vorgeschriebenen Volksabstimmungen im Juli 1920, beziehungsweise März 1921, erreichte der Terror ungeahnte neue Höhepunkte. Ein regelrechtes Martyrium begann vor allem für die Oberschlesier mit dem polnischen Überfall im August 1919 und zwei weiteren polnischen Aufständen ein Jahr später und im Mai des Jahres 1921. Unter Einsatz brutalster Gewaltmaßnahmen, auch vor Mord schreckte man nicht zurück, versuchte man, das deutsche Oberschlesien an sich zu reißen. Anführer war der schon erwähnte ehemalige Parlamentarier Korfanty. Die in Oberschlesien tätige „Interalliierte Kommission" mit englischen, italienischen und französischen Truppen konnte Ruhe und Sicherheit nicht aufrechterhalten. Ganz schlimm wurde es, als in Paris der „Rat der Vier" eine Volksabstimmung über Oberschlesien beschloß, die am 20. März 1920 stattfand und trotz aller polnischen Terrormaßnahmen und schlimmster Ausschreitungen einen sechzig-prozentigen Abstimmungssieg für den Verbleib im Deutschen Reich erbrachte.

Die Zeit der Abstimmungskämpfe war für Oberschlesien eine Periode schweren Leidens. Mehr als 3000 Menschen kamen während dieser Zeit gewaltsam ums Leben. Das bedeutete: Täglich waren sieben bis acht Tote zu beklagen. Die Zahl der Verwundeten und Verstümmelten

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1919/21: Durch das Versailler Diktat (28. Juni 1919) erhielt Polen auf Beschluß der Siegermächte, vor allem Frankreichs, mit Westpreußen und Posen, das es nach Kriegsende 1918 schon widerrechtlich besetzt hatte, meist mehrheitlich deutschbesiedeltes Land; 1920 auch Teschen; 1921 durch das Diktat von St. Germain (10. September 1919) von Österreich-Ungarn auch Westgalizien; 1923 auch Ostgahzien.

lag um ein Vielfaches höher. Immer wieder stehen irgendwo in der Welt Menschen erschüttert vor den Scherbenhaufen einer Politik, die von einigen Menschen ausgelöst wurde. In diesem Fall war es eine von Haß gegen Deutschland geblendete Handvoll Politiker, die im fernen Paris diese Geschehnisse zu verantworten hatten. In jener Zeit entstand dann auch in Oberschlesien der Begriff vom „Land unter dem Kreuz", der bis in die heutige Zeit seine Berechtigung hat. Trotz des eindeutigen Abstimmungssieges der Oberschlesier wurde das

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Land auf Grund der Entscheidung einer Völkerbund-Kommission geteilt. Polen erhielt ein Viertel des Landes, aber achtzig Prozent des reichen Industriegebietes. Somit wurden insgesamt fast 47 000 Quadratkilometer deutschen Landes mit über zwei Millionen deutschen Menschen Polen übereignet.

Die alte deutsche Hansestadt Danzig, im 16. Jahrhundert mit 60000 Einwohnern die größte deutsche Stadt, wurde im November 1920 zusammen mit zwei Stadtkreisen und drei Landkreisen zur „Freien Stadt Danzig" erklärt. Die Größe des Gebietes betrug 1966 Quadratkilometer mit einer Bevölkerung von über 400000 Menschen. Da Polen in der Frage Danzig sein Ziel nicht erreicht hatte, war es in den folgenden Jahren ständig bemüht, seine Einflußnahme zu erweitern, was zunehmend zu Spannungen führte und mit ein Grund für den Kriegsausbruch 1939 war.

Heute, am Ende des 20. Jahrhunderts muß man fragen, wie konnte damals ein Friedensvertrag mit so harten und unerfüllbaren Bedingungen rechtskräftig werden? Ein Vertrag, der aus dem abgrundtiefen Haß Einzelner gegen Deutschland entstanden war und durch seine Folgen soviel Leid über die deutsche Bevölkerung brachte, hätte vom Internationalen Gerichtshof des Völkerbundes für unmoralisch, sittenwidrig und als Verstoß gegen das Völkerrecht erklärt werden müssen. Umsomehr, als dieser Vertrag oder besser gesagt „Diktat" von vielen damals schon vorausgesehen, auf geradem Weg zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges führte, der ein fast nicht mehr meßbares Leid über die Welt brachte.

Da Polen sich in keiner Weise an den im Juli 1919 abgeschlossenen „Minderheitenschutzvertrag" hielt, sondern im Gegenteil eine Minderheiten-Politik betrieb, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, alles Deutschtum im Lande zu vernichten, verließen in den zwanzig Jahren zwischen 1919 und 1939 1,5 Millionen deutsche Menschen den polnischen Staat. Wer seine deutsche Staatsangehörigkeit nicht aufgeben wollte und sich weigerte die polnische Staatsangehörigkeit anzunehmen wurde ausgewiesen. Man scheute sich nicht, hierbei auch Zwangsmaßnahmen anzuwenden.

Die Schikanen, Repressalien und auch damals schon Vertreibung deutscher Menschen aus ihrer angestammten Heimat, von Haus und

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1921: Nach seinem Angriffskrieg gegen Rußland 1920/21 behielt Polen im Frieden von Riga (18. März 1921) Teile Weißrußlands und der Ukraine sowie das östliche Litauen mit Wilna. (Als „Ostpolen" wird heute dieses durch den Eroberungskrieg gegen Rußland gewonnene Gebiet mit damals polnischer Minderheit - unter 40 % - verstanden Die punktiert eingezeichnete „Curzon-Lime" - nach dem britischen Unterhändler Curzon - gibt die ostliche Volksgrenze Polens und den Vorschlag der Westalliierten von 1919/20 für die Ostgrenze Polens an, die Polen damals auch anerkannte.)

Hof, mutet im Nachhinein wie eine Generalprobe für die unmenschlichen Ereignisse in den deutschen Ostprovinzen nach 1945 durch Polen an.

Sehr gut schildert die damaligen Zustände im polnischen Machtbereich das 1930 von Hermann Rauschning veröffentlichte bedeutsame Buch: „Die Entdeutschung Westpreußens und Posens. Zehn Jahre pol-

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nische Politik." Es ist eine wichtige Darstellung der Verhältnisse in dem 1919 abgetrennten Gebiet, über die Aufstände 1919, 1920 und 1921, wobei viele der hinterhältigen Tricks und Kniffe der Polen zur Vernichtung des deutschen Grundbesitzes beschrieben werden. Dem Kampf um die deutsche Kulturpflege ist ein ausführliches Kapitel gewidmet. Auf Seite 398 steht der interessante Ausspruch des britischen Premiers Lloyd Georges:

„Der Vorschlag der polnischen Kommission, daß wir 2,1 Millionen Deutsche der Autorität eines Volkes mit einer anderen Religion unterstellen sollen, eines Volkes, das im Laufe seiner Geschichte niemals gezeigt hat, daß es sich zu regieren versteht, dieser Vorschlag würde uns früher oder später zu einem neuen Krieg in Osteuropa führen."

Am 15. Juni 1932, sieben Monate vor der Berufung Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten von Hindenburg, fand im britischen Oberhaus eine ausführliche Aussprache über die Mißachtung anerkannter Rechte der deutschen Minderheit im mit England befreundeten Polen statt. Erörtert wurde das brutale Vorgehen der Polen, nicht nur gegen die deutschen Minderheiten in den von ihnen annektierten Gebieten. Der Vertreter der englischen Regierung im Oberhaus stellte fest: „. .. Wir dürfen nicht vergessen, daß Polen ganz besondere Ursache hat, diese Verträge (Minderheitenschutzverträge, der Vertriebenen) zu achten, denn die ihm zugestandenen Annexionen wurden ihm nur unter der Bedingung gestattet, daß es diesen Gebieten Autonomie gewährt."

Knapp sieben Jahre später, am 31. März 1939, gab die britische Regierung die allseits bekannte „Garantieerklärung für Polen" ab, die entscheidend mitverantwortlich dafür gemacht wird, daß es schließlich zum Kriegsausbruch zwischen Deutschland und Polen gekommen ist. Der große Leichtsinn (oder war es Absicht?) bestand vor allem darin, daß man einem Land wie Polen praktisch die Entscheidung über Krieg oder Frieden in Europa überließ.

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