1. Auswanderung und Umsiedlung

Die schon erwähnte gegenseitige Unversöhnlichkeit zwischen Hitler und der NSDAP auf der einen und dem Weltjudentum auf der anderen Seite und der eben geschilderten Vorkommnisse im November 1938 hatte zur Folge, daß die Anstrengungen, die Juden in Deutschland zur Auswanderung zu bewegen, verstärkt wurden. Hermann Göring wurde beauftragt, die bis dahin auf verschiedene Ämter verteilten Ressorts zur Judenauswanderung zusammenzufassen. Die „Reichszentrale für die jüdische Auswanderung" wurde gegründet. Ihre Hauptaufgabe war, den jüdischen Bürgern, die sich zur Auswanderung entschlossen hatten, weitgehend Unterstützung zu gewähren und die Abwicklung der notwendigen Formalitäten zu erleichtern. U. a. wurden sie z. B. von der Zahlung der „Reichsfluchtsteuer" befreit -eine Abgabe, die damals jeder Deutsche zu entrichten hatte, der ins Ausland übersiedelte. Die Aufrechterhaltung ihrer persönlichen finanziellen Ansprüche wurde gewährleistet, das heißt eventuelle Renten, Pensionen oder andere Bezüge wurden ihnen an ihren zukünftigen Aufenthaltsort überwiesen. Auf Kosten der Reichsregierung wurden Umschulungslager eingerichtet, in denen die auswanderungswilligen Juden einen anderen Beruf erlernen konnten, um sich den Gegebenheiten im neuen Land besser anpassen zu können. Zumeist handelte es sich da um ein Handwerk oder die Landwirtschaft.

Die Transferierung ihres Vermögens wurde großzügig gehandhabt -ein Vorteil, den sie gegenüber deutschen Auswanderern hatten, da die-

171


sen die Mitnahme ihres Vermögens gesetzlich nicht gestattet war. Den minderbemittelten Juden wurden durch die Reichszentrale die zur Auswanderung erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Als entsprechende Organisation auf jüdischer Seite wurde die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" ins Leben gerufen. Ihre Aufgabe war es, die Juden in Auswanderungsfragen zu beraten und ihre Rechte gegenüber der „Reichszentrale" wahrzunehmen. Der Zusammenhang zwischen den Ereignissen in der Kristallnacht und der Förderung der jüdischen Auswanderung durch Schaffung dieser beiden Organisationen wurde in der ersten Sitzung der Reichszentrale für die jüdische Auswanderung, am 11. Februar 1939, ausdrücklich festgestellt.

„Nach einem kurzen Rückblick auf die Ereignisse am 9./10. November 1938 und die insbesondere durch diese Entwicklung geschaffene Notwendigkeit zur einheitlichen Bearbeitung der Judenauswanderungs-frage, legte SS-Gruppenführer Heydrich die Aufgabe der Reichszentrale im einzelnen dar und ging zunächst auf den Rublee-Plan ein. Dieser sollte eine Grundlage für eine organisierte jüdische Massenauswanderung bilden." (Vogel, „Ein Stempel hat gefehlt", Seite 292.) Bereits im Mai 1933 wurden mit der Gründung der „Haavara" die Anfänge einer organisierten Auswanderung der Juden aus Deutschland gelegt. Diese Organisation ermöglichte Tausenden von deutschen Juden einen geordneten Transfer nach Palästina unter Mitnahme ihrer Habe und ihres Vermögens. Auswandernde Juden zahlten ihre Vermögenswerte in Deutschland auf ein Sperrkonto ein und erhielten dafür in Palästina Waren, Haus- und Landbesitz. Mit den auf dem Sperrkonto eingezahlten Reichsmarkbeträgen bezahlte die palästini-sche Vertragsfirma aus Deutschland importierte Waren. Das erste Abkommen dieser Art wurde im Mai 1933 zwischen dem Reichswirtschaftsministerium und der palästinischen Zitrus-Pflanzen-gesellschaft „Hanotea Ltd." getroffen. Einer der ehemaligen Berater der Haavara, der jüdische Bankfachmann und Wirtschaftsexperte Dolf Michaelis, beschreibt es so:

„Das Abkommen mit diesem Ministerium sah vor, im Rahmen von einer Million Reichsmark Auswanderern oder solchen, die später auswandern wollten, die Genehmigung zu erteilen, durch Zahlung auf ein

172


Sperrkonto der Hanotea - bis zu RM 40 000 im Einzelfall - sich eine Heimstätte in Palästina zu schaffen. Die Hanotea verpflichtet sich vertragsgemäß, dem Transferenten als Gegenwert ein Haus oder eine Zi-truspflanzung zur Verfügung zu stellen, die er selbst bewirtschaften konnte; er konnte sie aber gemäß einem Sondervertrag durch die Hanotea bewirtschaften lassen.

Die Hanotea-Gesellschaft ihrerseits erwarb mit den auf ihr Sperrkonto eingezahlten Reichsmarkbeträgen Waren für ihren eigenen Bedarf, wie z. B. Röhren, landwirtschaftliche Maschinen, Pumpen usw." (Werner Feilchenfeld/Dolf Michaelis/ Ludwig Pinner, „Haavara-Transfer nach Palästina und Einwanderung deutscher Juden 1933-1939", Tübingen 1972, Seite 24.)

Das Abkommen wurde bald erweitert und auf andere Treuhandfirmen ausgedehnt, die zum Transfer genehmigten Summen wurden beträchtlich erhöht, oder die Limitierung wurde aufgehoben. Im Jahr 1936 übernahm die Jewish Agency die Haavara und löste die einzelnen Treuhandfirmen ab. Dieses Abkommen hatte eine Laufzeit von über acht Jahren. Auch nach Kriegsausbruch waren die deutschen Behörden bereit, den Haavara-Transfer fortzusetzen, da sie den Standpunkt einnahmen, daß das dem Völkerbund unterstehende Mandatsland Palästina nicht im Krieg mit Deutschland sein könne.

Erst die Einbeziehung von Palästina in die Kriegsorganisation des Britischen Empire machte den direkten Transfer nach dorthin unmöglich. Weiterhin konnten jedoch deutsche Juden über eine Zweigstelle der Haavara in London, der „Intria", unter Einschaltung neutraler Länder ihren Vermögenstransfer nach Palästina bewerkstelligen. Erst im Dezember 1941, als Amerika in den Krieg eintrat, war die Verbindung abgebrochen.

Durch die Haavara wurde jedoch nicht nur den vermögenden Juden die Auswanderung ermöglicht, sondern auch den minderbemittelten. (Die „Kapitalisten" bildeten eine eigene Einwanderer-Kategorie, „A l"; für sie gab es keine Einwanderungsbeschränkung.) Da die in Deutschland eingezahlten Summen bei weitem den Warenbedarf des kleinen Jischuw in Palästina überstiegen, wurden aus den angesammelten Beträgen langfristige Kredite an die auswanderungswilligen

173


Juden gegeben, die die Mittel dazu nicht besaßen. Praktisch war durch die Haavara jedem Juden die Auswanderung möglich, sofern er nach Palästina wollte.

„Die durch den deutschen Kapitalfluß ermöglichte wirtschaftliche Betätigung und die Transaktionen der Haavara für den privaten und öffentlichen Sektor waren von größter Bedeutung für den Aufbau des Landes. Viele neue Industrie- und Handelsbetriebe sind damals im jüdischen Palästina entstanden, und eine Reihe von Gesellschaften, die heute noch für die Wirtschaft des Staates Israel erhebliche Bedeutung haben, verdanken der Haavara ihre Gründung. Dazu gehört z. B. eine der lebenswichtigsten Einrichtungen Israels, die das ganze Land mit Wasser versorgende Gesellschaft ,Mekoroth'.

In den Jahren 1933-1940 wurde das jüdische Siedlungswerk an Umfang und Produktion verdoppelt. Das war allein möglich durch die Siedlungskredite, die im Rahmen des Haavara-Abkommens entstanden waren." (Feilchenfeld/Michaelis/Pinner, a. a. O., Seite 56, 58, 59, 105, 108.) Es ist klar erwiesen, daß die Haavara dadurch, daß sie den Juden aus Deutschland die Einwanderung ermöglichte, den Grund legte für den späteren Staat Israel. Ohne das deutsche Kapital, ohne das Fachwissen, die Initiative und die Energie der Juden aus Deutschland hätte es keinen Staat Israel gegeben. Sie erst haben auch die Einwanderung ärmerer Juden aus anderen Teilen der Welt durch den Ausbau der Siedlungen und der Industrie ermöglicht.

Wohl selten hat ein einzelnes Abkommen mehr zur Entstehung eines Staates beigetragen als die Haavara zur Gründung Israels. Wer mit dem „Geist der Zeit" vertraut ist, wird sich nicht wundern, daß in heutigen Geschichtsdarstellungen über den Staat Israel die Haavara nicht einmal erwähnt wird. Wenn man das täte, müßte man ja zugeben, daß das nationalsozialistische Deutschland, das doch die Juden ausrotten wollte, in Wirklichkeit durch dieses großzügige Auswanderungsabkommen erst den Grundstein für den heutigen Staat Israel gelegt hat. Was Herzl erträumt hatte, ist durch die Haavara Wirklichkeit geworden: die gesamte legale Einwanderung von Juden aus Deutschland ging in einem organisierten Rahmen vor sich, wobei die Haavara die Rolle der von Herzl vorgeschlagenen „Jewish Company" übernahm und für die Abwicklung des Vermögenstransfers sorgte.

174


Trotz auftretender Belastungen für den deutschen Devisenhandel entschied Adolf Hitler wiederholt, daß die Auswanderung der Juden mit allen Mitteln zu fördern sei und eine Aufhebung des Haavara-Abkommens nicht in Frage komme. Die Folge dieser Führer-Entscheidungen war, daß die Haavara bis ins Jahr 1941 hinein in Kraft blieb. Um der Welt zu zeigen, daß man für die eine neue Heimat suchenden Juden auch etwas tun wolle, tagte auf die Initiative von Präsident Roosevelt hin im Sommer 1938 im Schweizer Kurort Evian-les-Bains am Genfer See eine internationale Flüchtlingskonferenz. Vertreter von zweiunddreißig Staaten trafen sich vom 6.-15. Juli zu geheimen Besprechungen, in denen über Hilfsmöglichkeiten für die aus Deutschland auswandernden Juden beraten werden sollte. Alle Konferenzteilnehmer waren sich einig, daß die Auswanderung der Juden eine unerhörte Grausamkeit der deutschen Regierung sei und die Lage erfordere sofort eine internationale Zusammenarbeit. Jeder einzelne Abgesandte hielt eine flammende Rede gegen den deutschen Antisemitismus und erklärte, daß speziell sein Land leider nicht in der Lage sei, durch die Aufnahme einer größeren Zahl von Einwanderern zu helfen.

Nach zehn Tagen brachen die Abgesandten der zweiunddreißig Nationen ihre Zelte am Genfer See wieder ab und reisten nach Hause. Übrig blieb Georg Rublee und das „Zwischenstaatliche Komitee der Evian-Konferenz". Das Komitee war gegründet worden, um den Schein zu wahren und so zu tun, als ob man weiterhin um das Schicksal der Juden aus Deutschland besorgt sei. Das Beste am Komitee war der gewählte Direktor, Rechtsanwalt Georg Rublee aus den USA, ein Mann mit einem ungewöhnlichen Durchsetzungsvermögen, tiefem humanitärem Engagement und der Fähigkeit, schwierige Probleme mit sanfter Hand zu lösen.

Rublee blieb bis Ende Februar 1939 auf diesem Posten. In den sieben Monaten seiner Tätigkeit hatte er sich nicht zuletzt mit der Gleichgültigkeit der übrigen Komitee-Angehörigen herumzuschlagen. Etwa fünfundzwanzig Jahre später veröffentlichte er einen Bericht über diese seine Arbeit, in dem er sagte:

„Ich stellte bald fest, daß weder in britischen Regierungskreisen, noch im Diplomatischen Corps besonderes Interesse an meiner Ar-175


beit bestand. Der amerikanische Botschafter Joseph P. Kennedy zeigte nur geringes Interesse und ließ mir nie wesentliche Unterstützung angedeihen. Ich vermutete . . ., daß auch Präsident Roosevelt kein sonderliches Interesse zeigte. Ich vermute, daß der Präsident gedacht haben mag, daß irgendeine Geste nötig sei, um die durch die Judenverfolgungen erzeugte Empörung zu besänftigen." (Vogel, a. a. O., Seite 230.)

Wenn man heute die Evian-Konferenz irgendwo erwähnt, geschieht es regelmäßig mit der Bemerkung, daß keinerlei Wirkung von ihr ausgegangen sei und auch die Bemühungen des „Zwischenstaatlichen Komitees" im Sande verlaufen wären. Von jüdischer Seite wird an dieser internationalen Konferenz die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber der Judenverfolgung demonstriert. Die ehemaligen Teilnehmerstaaten betonen die Hilflosigkeit freiheitlicher Demokratien im Angesicht der Brutalität der „braunen Diktatur". Damit wird der Sachverhalt ins völlige Gegenteil verkehrt. Zwar waren es tatsächlich nicht die „freiheitlichen Demokratien" und ihre internationalen Konferenzen, die irgendeinen realitätsbezogenen Hilfsplan aufstellten. Jedoch die deutsche Regierung, die „brutale braune Diktatur", unterzeichnete im Februar 1939 nach knapp vierwöchigen Verhandlungen mit Georg Rublee ein Geheimabkommen, das in eingeweihten Kreisen als „sensationell, ganz außergewöhnlich, liberaler und großzügiger, als man erwartet hatte" bezeichnet wurde. Und das Abkommen war wirklich sensationell: Gegen den Willen von Chaim Weizmann, dem Präsidenten der Jewish Agency, gegen den Widerstand englischer, französischer und amerikanischer Juden wurde für die auswandernde jüdische Bevölkerung ein Hilfsprogramm aufgestellt, das die Umsiedlung von mehr als 400 000 Juden finanziell sichergestellt hätte.

Ohne Vermögens Verluste, falls erforderlich, nach einer von der deutschen Regierung geförderten Ausbildung zu bestimmten im Einwandererland bevorzugten Facharbeitern, hätten die jüdischen Familien Deutschland verlassen und in einem Land ihrer Wahl eine neue Heimat finden können. Auch die - aus anderen als kriminellen Gründen - in Lagern festgehaltenen Juden sollten die Genehmigung zur Auswanderung erhalten.

176


Außer der in Etappen zu erfolgenden Freistellung der jüdischen Vermögen und der Umschulung gingen die deutschen Behörden sogar noch weiter, um Juden die Aufnahme in einem anderen Land zu erleichtern: eventuelle Eintragungen im Strafregister sollten getilgt werden, soweit das möglich und zu verantworten war. Den Juden über fünfundvierzig Jahren blieb es freigestellt, ob sie ebenfalls auswandern oder in Deutschland bleiben wollten. Ihnen wurde garantiert, daß sie in Deutschland in Ruhe leben, volle Bewegungsfreiheit genießen und arbeiten könnten, wo sie wollen. Die Älteren, nicht mehr arbeitsfähigen sollten in ein Sozialprogramm eingegliedert werden, das ihnen einen sorglosen Lebensabend ermöglichte.

Mit Inkrafttreten dieses Programms sollten Restriktionen gegen Juden (Reichsbeschränkungen, Berufsverbote) weitgehend aufgehoben werden. (Vogel, a. a. O., Seite 247-251, Quelle Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Inland II A/B 83/-.)

Schwierigkeiten entstanden durch die Weigerung vieler Länder, jüdische Einwanderer bei sich einreisen zu lassen. So erklärte auch der amerikanische Präsident Roosevelt anläßlich einer Pressekonferenz am 15. November 1938 ausdrücklich, daß eine Erhöhung der Einwanderungsquote für Immigranten aus Deutschland nicht beabsichtigt sei. Nach Ansicht des amerikanischen Unterstaatssekretär Sumner Welles in seinem Buch „My Mission to Europe" hätten hinter dieser Entscheidung „einflußreiche jüdische Führer" Amerikas gestanden, die strikt gegen ein Anwachsen der jüdischen Einwanderer aus Deutschland seien.

Auch die finanzielle Seite fand schließlich eine zufriedenstellende Regelung. In England wurde eine Gesellschaft mit einem Kapital von einer Million Dollar gegründet, deren Direktor Paul von Zeeland, Ministerpräsident von Belgien, war. Unterredungen, die der amerikanische Vertreter des Evian-Komitees, Taylor, in Amerika hatte, führten schließlich ebenfalls zum Erfolg. Der deutsche Verhandlungspartner von Mister Rublee, Helmuth Wohlthat, konnte am 29. April 1939 in einem Aktenvermerk feststellen:

„Mr. Taylor hat aus New York telefoniert und als Ergebnis seiner Verhandlungen, die teilweise recht schwierig waren, festgestellt, daß die

177


amerikanischen jüdischen Bankiers sich bereit erklärt haben, die genügenden Mittel aufzubringen und die Durchführung jedes einzelnen Siedlungsprojektes zu garantieren. Die Herren Taylor, Sir Herbert Emerson und Pell sind nunmehr davon überzeugt, daß die Finanzierung der Auswanderung gesichert ist." (Vogel, a. a. O., Seite 270.) Abschließend George Rublee in seinem Bericht: „Die Deutschen erfüllten alle ihre Verpflichtungen, und bis zum August wurde auch von jüdischer Seite das Erforderliche getan. Dann kam der Krieg und brachte alles zum Erliegen. Vielleicht hätte, wenn der Krieg nicht gekommen wäre, die Judenverfolgung in Deutschland aufgehört. ... In den Monaten zwischen meiner Abreise aus Deutschland und dem Ausbruch des Krieges kam es kaum noch, wenn überhaupt, zu Judenverfolgungen in Deutschland. Einige reisten aus, und die übrigen hatten es in Deutschland leichter. Ich erhielt eine ganze Anzahl von Briefen aus Deutschland, in denen mir Juden ihren Dank für das, was ich für sie getan hatte, zum Ausdruck brachten." (Vogel, a. a. O., Seite 241 f.)


Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum nächsten Kapitel
Zum vorhergehenden Kapitel
Zurück zum Archive