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1. Charles Darwin, 1809-1882. (Wir Affen?)

Ford: „Mister Darwin, haben Sie ihr Ziel, Naturforscher zu werden, instinktiv angestrebt?"

„Mit einem klaren Ja oder Nein läßt sich diese Frage nicht beantworten. Lassen Sie mich mit dem Nein beginnen: In der Schule war ich nur mittelmäßig. Ohne Abschluß verließ ich sie nach dem Willen meines Vaters. Damals durfte man auch ohne die heutige Voraussetzung, den Schulabschluß, die Universität besuchen. Ich sollte Arzt werden. Als ich jedoch der ersten Operation beiwohnte, hatte ich von diesem Beruf genug. Ich begann Theologie zu studieren. Sie sehen, ich habe einige Haken geschlagen, denn erst danach kam ich auf die Zielgerade.

Nun zum eingeschränkten Ja: Ich habe mich bereits sehr früh für die Natur interessiert. So sammelte ich Käfer, Schnecken und andere Kleintiere, um sie einzuordnen, Zusammenhänge zu suchen, Abweichungen festzustellen. Dies tat ich ununterbrochen auch in


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der Zeit, als ich versuchte, Mediziner zu werden und auch als ich ein richtiger christlicher Theologe wurde, mit Abschluß und Doktorgrad der Anglikanischen Kirche. Doch ich war noch mehr stolz darauf, wenn gelegentlich in einer Zeitung ein Artikel, zu dem eine bildliche Darstellung eines Käfers, mit Nennung meines Namens erschien. Das förderte meinen Ehrgeiz, in dieser Richtung weiter zu arbeiten.

Während ich in Cambridge Theologiestudent war, hielt eigenartigerweise mein Professor Henslowauch Vorlesungen über Botanik, die ich eifrig besuchte. Er war zwar dreizehn Jahre älter als ich, aber es erwuchs durch die gleichen Interessen eine besonders herzliche Verbindung.

Meine feste Verankerung in der Naturforschung wurde durch einen Brief von Professor Henslow bewirkt, der mich in meinem Elternhaus erreichte. Darin wurde mir vorgetragen, daß eine Vermessungsreise nach Feuerland geplant sei, an der ein Naturforscher teilnehmen solle. Am Ende dieses Briefes entnahm ich, daß er mich als den geeigneten Mann für eine solche Aufgabe vorgeschlagen habe.

Das war für mich natürlich eine Riesen Überraschung, von der ich jedoch gar nicht begeistert war, denn ich hielt mich nicht für ausreichend vorgebildet. Meine Bedenken hat dann aber Mister Henslow zerstreut, indem er mir erklärte, worauf es bei diesem Unternehmen ankomme: Sammeln, Sortieren, Vergleichen, Einordnen und Geduld bei der Arbeit zu behalten. Das sehe er in mir vereinigt, und deshalb hielt er mich für den richtigen Mann. Die Reise sollte drei Jahre dauern. Ich sagte zu.

Ford: „Wie beurteilen Sie diese Reise? War sie ein Erfolg? Ach ja, wie alt waren Sie eigentlich, als Sie die Reise antraten?"

„Das Unternehmen wurde zu einem vollen Erfolg. Obgleich ich erst 22 Jahre alt war, durfte ich die Kabine des Kapitäns, Mister Fitz Roy, teilen. Er war ein erfahrener Mann, der die „Beagle" und seine 66 Mann Besatzung voll im Griff hatte.


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Ich hatte inzwischen mehr Selbstsicherheit gefunden. Professor Henslow unterstrich in einem Brief an einen maßgeblichen Professor, was er bei mir beobachtet habe und worauf es ja bei der Reise auch ankam: daß ich nämlich qualifiziert sei, zu sammeln, zu beobachten und alles, was für die Naturforschung wertvoll sein könnte. Und das tat ich dann mit ganzer Passion. Damit hatte er meine eigenen Zweifel beseitigt."

Ford: „Sie waren also sehr jung. Waren Sie tatsächlich bereits so aufnahmefähig, Erkenntnisse zu gewinnen?"

„Es war noch nicht meine Aufgabe, gleich zu Erkenntnissen zu kommen. Vorrangig war das Sammeln und das Festhalten gewisser Tatsachen. Zu Ergebnissen konnte man erst später bei der Durcharbeitung des Materials kommen.

Doch recht bald gelangte ich zu einer anderen Erkenntnis. Als Kind, und später als Theologe, hatte ich immer an die Bibel blind geglaubt. Nun entdeckte ich ziemlich schnell, daß vieles nicht so sein konnte wie es geschrieben stand. Die Bibel war mir mit ihrem Aberglauben, mit dem Gegensatz zur Natur und zur Natürlichkeit, zum Widerspruch der Entwicklung und der Evolution geworden. So kam es, daß ich mich von dem Bibelglauben immer mehr entfernte. Ich konnte mit dieser Art von Religion nichts mehr anfangen."

Ford: „Man hat Ihnen vorgeworfen, Sie würden die Abstammung des Menschen auf den Affen zurückführen."

„Darauf habe ich gewartet! Wissen Sie, Mister Ford, ich glaube, es ist viel interessanter, wenn man sich die Diskussionen anhört, die oft zwischen Anhängern und Gegnern meiner Thesen stattfanden. Ich denke hier an eine zwischen meinem Freund Thomas Huxley auf der einen Seite und dem Bischof Samuel Wilberforce auf der anderen. Es waren zu jener Fachveranstaltung in Oxford etwa 800 Professoren gekommen. Die Spannung war enorm, und es ging hoch her. Ich will Ihnen sagen, wie diese Redeschlacht ausging.


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Der Bischof hatte zwar redegewandt sofort die Situation beherrscht und auch eine volle halbe Stunde lang in Lebhaftigkeit geschwelgt, aber dann waren am Ende nur Leere und Unfairnes übrig geblieben. Und er machte mich in schlimmer und Huxley in wütender Weise lächerlich. Dann wandte er sich direkt an Huxley und fragte ihn, ob es ihm gleichgültig wäre, zu wissen, daß sein Großvater ein Affe gewesen sei. Darauf konterte Huxley: 'Ich würde in derselben Lage sein wie Eure Lordschaft!' Und: 'Wenn die Frage an mich gerichtet würde, ob ich lieber einen miserablen Affen zum Großvater haben möchte als einen durch die Natur hochbegabten Mann von großer Bedeutung und großem Einfluß, der aber diese Fähigkeiten und den Einfluß nur dazu benutzt, um Lächerlichkeit in eine ernste wissenschaftliche Diskussion hineinzutragen, dann würde ich ohne Zögern meine Vorliebe für den Affen bekräftigen/ Dieser Conter saß wie die Faust auf dem Auge! Die Kirche war also auf dem Holzwege und fand nicht mehr herunter. Wahr ist, daß die anatomischen Verschiedenheiten, welche den Menschen vom Gorilla und Schimpansen scheiden, nicht so groß sind als die, welche den Gorilla von den niederen Affen trennen."

Ford: „Was können die Menschen daraus für die Zukunft lernen?"

„Ob sie es tun werden, das ist die Frage! Wir sehen es am Beispiel der Religionsgewaltigen, daß sie sich von ihrem Aberglauben nicht trennen können, besser, nicht trennen wollen! Das kommt davon, wenn man sich nicht mehr der Natur verbunden fühlt! Ich deutete es schon an: Die Bibel ist von Menschen gemacht worden, wird aber als 'Gottes Wort' ausgegeben. Das ist eine Unverschämtheit gegen die ganze Menschheit! Und wenn es dann auch noch ins Persönliche geht, daß sich ein ganzes Volk für 'auserwählt' gegenüber allen anderen ausgibt, dann ist dies eine Lästerung der Natur! Einerseits gaukeln diese angeblich 'Auserwählten' den Menschen Gleichheit aller vor, beanspruchen aber andererseits für sich eine Sonderstellung. Hier müssen die Menschen end-


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lieh zur Vernunft kommen, sonst wird die ganze Menschheit eines Tages an dieser Überheblichkeit zugrunde gehen.

Lassen Sie mich noch eines sagen! Der Mensch kann durch künstliche Züchtung Veränderungen bei Pflanzen, Tieren und Menschen herbeiführen. Hier und da hat diese Methode Vorteile für den Menschen gebracht. Ob es aber ein Vorteil auch für die Kreatur war, das bleibt dahingestellt. Bei einer natürlichen Evolution, die wohl langsamer abläuft, werden in jedem Falle keinerlei nachteilige Nebenerscheinungen auftreten. Das Gesündere und Zweckmäßigere für jede einzelne Art hat sich immer durchgesetzt. Das ist Naturgesetz und wird es bleiben. Hieraus könnten die Menschen auch für sich selber lernen. Eine künstliche, gewollte Vermischung der Arten wird immer mehr das Negative zum Vorschein bringen. Bleibt aber die Evolution arttreu, und sie tut es ja, wie durch unsere Beobachtungen festgestellt, so wird in jedem Falle zur Kräftigung und Erhaltung der speziellen Art beigetragen."

Ford: „Was hat Sie auf Ihrer Reise sonst noch besonders bewegt?"

„Ich habe das Dasein der Sklaven beobachten können. Darüber geriet ich mit meinem Kapitän in Streit. Er, ein überzeugter Christ, hielt es für ganz in Ordnung, daß es Herren gibt, die sich Sklaven halten können. Auch dies hat er mit der Bibel belegt. Nun, das stimmt, soweit es das Alte Testament betrifft. Das 'auserwählte' Volk hält sich für berechtigt, Sklaven zu halten und auch mit ihnen zu handeln. Hier wäre es nun Aufgabe der Christen, einzuschreiten. Sie tun es jedoch nicht, weil sie selber an diesem Geschäft mit den Sklaven verdienen, und sie beziehen sich wiederum auf das Alte Testament!

Noch etwas: Die Reise war für drei Jahre vorgesehen, sie dauerte jedoch fünf Jahre. Ich kam mit soviel Material beladen nach Hause, daß ich über Jahre zu tun hatte, um alles aufzuarbeiten."

Ford: „Mister Darwin, wir bedanken uns für dieses Gespräch!"

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