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27. Judas Ischariot. (Eines der Rätsel im N. T.)

„Hallo, Mister Schulz, wir haben nun bereits einige Herren interviewt und dabei wieder die Frauen vergessen. Mich plagt fast ein schlechtes Gewissen. Wie ist Ihre Meinung?"

„Sie haben völlig recht, Herr Hearst! Ich fühle mich besonders schuldig, weil doch in Deutschland der ganze politische Klüngel nur noch von Quoten-Damen spricht. Aber im Grunde ist das Augenwischerei. Es kommt diesen Spinnern nicht darauf an, für eine Aufgabe die richtige Persönlichkeit zu finden, sondern es geht allein darum, den Menschen eine Abart von Gerechtigkeit vorzugaukeln. In unserm Falle allerdings meine ich, sollte es um die Abwechslung gehen. Eine Gesprächsrunde mit einer Frau würde in Ton und Mentalität mehr Farbe bringen. Haben Sie einen Vorschlag ... „

„Guten Morgen, meine Herren! Wie ich hörte, veranstalten Sie Interviews mit Personen, die auf der Erde einmal eine Rolle ge-


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spielt haben. Jedenfalls traf ich soeben Ihren Kollegen Ford, der sich auf einem Umweg zu Ihnen befindet und mir auftrug Ihnen auszurichten, Sie möchten sich etwas gedulden. Er wird bald hier sein. Sie sollten sich aber schon einmal mit mir befassen. Er meinte, ich könnte für Sie interessant sein. Besonders würde dies wohl für den Herrn Schulz zutreffen, weil er sich mit der Bibel auskennen soll. Ist das so? Ich bin nämlich der Judas. Und wer von Ihnen ist Herr Schulz?"

Otto Schulz: „Den Sie suchen, der bin ich. Neben mir das ist Mister Hearst. Er ist Amerikaner. Zwar standen Sie nicht auf unserm Programm, Judas Ischariot, aber ein äußerst interessanter Fall sind Sie absolut, auch wenn die Damen jetzt schon wieder zu kurz kommen."

„Also, ich möchte mich nicht vordrängen. Wenn Sie lieber mit einer Dame sprechen wollen, so komme ich zu einer anderen Zeit gern wieder."

Hearst: „No, no! Mister Judas, bleiben Sie hier! Ich bin zwar nicht so bibelfest wie Mister Schulz, aber ich weiß doch zumindest soviel, daß Sie der weltbekannteste Verräter sind. Ist es nicht so?"

„Wenn Sie Ihr Urteil schon gefällt haben, Mister Hearst, dann kann ich ja wieder gehen! Warum dann noch ein Gespräch führen?"

Hearst: „Nun bleiben Sie doch! Selbst wenn alles stimmt, was Sie auf Ihrem Kerbholz haben, so wäre ein Gespräch mit Ihnen durchaus willkommen! Da Sie aber durchblicken lassen, daß es Zweifel geben könnte, so machen Sie mich um so neugieriger. Aber, wie ich schon sagte: Meine Kenntnisse sind recht lückenhaft. Mein Freund Otto Schulz ist der Fachmann. Ich bin also voller Erwartung, was dabei herauskommt!"

Schulz: „Judas Ischariot, wie möchten Sie angesprochen werden?" „Judas allein genügt! Wenn auch der Name Ischariot eine nähere Bezeichnung ist, so dürfte man in meinem Falle darauf verzieh-


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ten. Unter Judas bin ich bekannt wie ein bunter Hund. Oder sollte ich sagen, wie ein schwarzes Schaf? Ich denke aber, es gibt mehr schwarze Schafe als bunte Hunde."

Schulz: Judas, Sie kennen die Bibel? Das Neue Testament?"

„Alles bestens bekannt! Man muß doch auf dem laufenden sein, wenn es um den persönlichen Ruf geht."

Schulz: „Das wird alles leichter machen. Wie war das nun damals? Haben Sie den Rabbi Jesus mit einem Kuß verraten?"

„Es war damals Sitte, und es ist heute wieder Sitte, daß sich die Menschen zur Begrüßung küßten. Oder meint der 'Spiegel' etwas anderes, wenn er schreibt: 'Die Welt ist eben jüdischer geworden.' Daß ich nicht lache! Damit müßten ja all die Küssenden jetzt als Verräter gelten! Vielleicht stimmt dies sogar? Aber Sie können bei Matthäus 26,55 lesen, daß Jesus den Leuten, die ihn gefangen nahmen, sagte, sie hätten ihn doch schon früher bei irgendeiner Versammlung festnehmen können. Er war nämlich in unseren Kreisen auch bekannt! Wie ein bunter Hund!"

Schulz: „Hatten Sie denn einen Auftrag bekommen, Jesus zu verraten?"

„Nun hören Sie doch schon mit diesem verdammten Wort 'Verrat' auf! Ich kann es nicht mehr hören! Sie scheinen die Bibel doch nicht sehr gut zu kennen, denn bei Johannes 13,27 steht, daß der Satan von mir Besitz ergriffen hatte. Wenn dem Teufel soviel Macht zugestanden wird, daß er sich einen Menschen Untertan machen kann, dann ist dieser Mensch doch absolut unschuldig für das, was er tut! Das muß doch jedem Frommen klar sein! Außerdem ist noch eine Frage zu beantworten: Ist die Macht Gottes nicht groß genug, um den Satan an seinem Vorhaben zu hindern?"

Schulz: „Wenn ich hier Fragen stelle, Judas, dann nur, um die Punkte anzusprechen, über die wir von Ihnen Auskunft haben möchten. Eine Bewertung, ob dies oder jenes richtig ist, ist mit der Fragestellung nicht beabsichtigt.


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An anderer Bibelstelle kann man lesen, daß Sie von Gott den Auftrag gehabt hätten, Jesus zu verraten. Damit wäre Gott, dem Vater von Jesus, die Möglichkeit gegeben, seinen Sohn hinrichten zu lassen, um angeblich damit die ganze Menschheit zu retten. Was halten Sie für richtig? Hatte Gott seine Hand im Spiel, oder der Teufel?"

„Also, Sie stellen vielleicht Fragen! Das ist genau das, was ich eben gesagt habe! Das hört sich doch alles ein bißchen verrückt an! Zu diesem Schluß muß jeder normale Mensch kommen, nicht wahr?"

Schulz: „Sie, Judas, waren aber ein Zeitzeuge. Sie sollten schließlich wissen, wie alles abgelaufen ist!"

„Das mit den Zeitzeugen ist so eine Sache. Habe ich etwa das Neue Testament geschrieben? Waren diese Leute, wie Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, Zeitzeugen? Nicht einer war tatsächlich dabei! Nicht einer kannte Jesus persönlich! Die kamen erst hundert Jahre und noch später auf die Idee, darüber etwas zu schreiben und sich damit eine goldene Nase zu verdienen! So sieht die Sache aus! Aber damit nicht genug: Es gab ja noch eine Menge mehr Bücher, die zum Neuen Testament gehörten. Sie sind alle weg! Einfach weg! Und was stand in ihnen? Nein, nein, wenn Sie mich fragen, so muß ich erhebliche Zweifel anmelden!

Und dann überlegen Sie einmal folgendes: Da soll angeblich auf den Wunsch Gottes ein Mensch, sein eigener Sohn, geopfert werden? Denken Sie einmal darüber nach: Wann wurde bei den Juden ein Schaf oder ein Stier geopfert? Natürlich dann, wenn sie von ihrem Gott etwas haben wollten! Sie dachten, ihn damit milde zu stimmen oder etwas zu erbitten."

Schulz: „Das ist bekannt und leuchtet bei der damaligen Denkweise ein."

„Sehen Sie, das ist der Knackpunkt! Wenn heute ein Mensch von seinem Vorgesetzten oder von einer Behörde etwas Besonde-


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res haben möchte, eine Genehmigung, einen Vorteil oder so etwas, dann nimmt er ebenfalls ein 'Opfer' mit. Das kann ein kleines Geschenk sein oder, wenn es um einen größeren Vorteil geht, auch schon mal ein Bündel Banknoten. Habe ich recht?! - Und wissen Sie, wie man diese Masche nennt?: Bestechung! Das ist Korruption! Ja, meinen Herren, das haben wir erfunden!"

Schulz: Judas, Judas, ich habe das Gefühl, Sie entfernen sich damit in eine ganz andere Richtung. Bleiben Sie bei Ihrem Fall!"

„Meine Herren, ich bin mittendrin in meinem Fall! Die Sache geht noch weiter: Gott, der Allmächtige, soll nicht in der Lage gewesen sein, das Problem mit der Erlösung der Menschheit von der Erbsünde allein zu bewältigen? Kraft seiner Einmaligkeit ist er auf die Ermordung seines Sohnes angewiesen? Wer soll das begreifen? Wer kann das glauben? Ich kann es nicht!

Wie würden Sie einen ähnlichen Fall beurteilen? Da wird von langer Hand ein Mord geplant. Der ganz große Boss, einen größeren gibt es nicht, hat den Plan erdacht. Da er sich selber nicht die Finger schmutzig machen will, beauftragt er eine zwielichtige Gestalt. Einen Killer! Das wäre kein normaler Mensch mehr, sondern ein Satan! Ja, der Teufel in Menschengestalt! Und da der teuflische Mensch ein Auftragskiller ist, will er sichergehen, das richtige Opfer zu killen. Es wird ihm noch ein untergeordneter Handlanger zugegeben, der das Opfer mit einem Kuß markieren soll: Das ist der, den du umbringen sollst!

Der Satan, wie auch der Handlanger stehen rangmäßig alle unter dem großen Boss. Sie haben weder das Format, noch die Übersicht, noch die Erkenntnis über das Gute oder Böse ihres Tuns, weil sie ja vom großen Boss den Auftrag bekamen.

Solange die ganze Sache nicht aufgedeckt wird, geht alles gut. Es wird keine Anklage erhoben. Es kommt zu keiner Verurteilung. Solange jedenfalls, wie nichts an die Öffentlichkeit dringt. Aber da haben sich die Menschen wieder einen Schnitzer erlaubt. Sie


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meinten, ihren Gott aus der Verantwortung zu nehmen, wenn sie einen oder zwei Dumme mit allem belasten können: Den Satan und den Judas! Was sagen Sie nun?"

Schulz: „Über die ganze Geschichte wäre schon lange Gras gewachsen, wenn Sie sich nicht gewehrt hätten. Aber Sie stehen mit Ihrer Abwehr auf verlorenem Posten. Die Christen aller Schattierungen haben Sie abgestempelt. Und diese Farbe läßt sich nicht abwaschen!"

„Sie irren, Herr Schulz! Sie sind schon wieder nicht auf dem neuesten Stand! Da gibt es einen Landsmann von mir, einen Professor Pinchas Lapide, der jüdischer Theologe und Religionswissenschaftler ist. Der hat mir einen Brief geschrieben. Darin steht etwa folgendes: Man habe mit der Darstellung meiner religiösen Aufgabe im Evangelium die Juden in Verruf gebracht. Tatsache wäre dagegen, daß mich Jesus flehentlich gebeten habe, diese kleine Rolle des angeblichen 'Verräters' zu übernehmen. Damit sich 'seine Messianität durch seine Todesqualen offenbart'. Judas, als sicarius, - was das heißt, weiß ich nicht, aber der Sinn bleibt deutlich - als Zelot somit, habe seinem geliebten Rabbi dann widerwillig aber hilfsbereit dazu die Hand gereicht, indem er ihn den Römern überlieferte. Und dies streicht er ganz dick heraus: 'Wo ist hier Verrat im Spiel?'"

Schulz: „Diese Auslegung ist ein Muster an mosaischer Dialektik. Womit ich wiederum keinerlei Wertung abgeben möchte. Können Sie, Judas, uns noch ein abschließendes Wort sagen?"

„Gern! Was Sie, meine Herren, nun von der ganzen Geschichte überhaupt glauben wollen, das muß ich Ihnen überlassen. Aber ich möchte noch auf folgendes hinweisen. Bei Matthäus 27,5 lesen Sie über meinen Tod: 'Da warf er die Silberstücke in den Tempel; dann ging er weg und erhängte sich.'

Bei Apg. 1,18 finden Sie dagegen: 'Mit dem Lohn für seine Untat kaufte er sich ein Grundstück. Dann aber stürzte er vornüber zu


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Boden, sein Leib barst auseinander, und alle Eingeweide fielen heraus.' Damit können Sie sich weitere Gedanken über alles andere machen!"

Schulz: „Und welche Version ist richtig?"

„Ich denke nicht im Traum daran, denen Hilfestellung zu geben, die sich die Sache mit dem widersprüchlichen 'Wort Gottes' eingebrockt haben! Stellen Sie sich doch einmal vor, welche Wirkung das hätte, wenn es heißen würde: Der Judas ist einer der Lektoren des 'Wort Gottes'! Schalom, meine Herren!"

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