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26. Josef Pilsudski (1867-1935). Marschall von Polen

Hearst: „Herr Pilsudski, Sie sind Pole mit Leib und Seele. Welche Rolle spielten Sie für Ihr Vaterland?"

„Was Sie von Leib und Seele sprechen, trifft nicht nur besonders auf mich zu. Wir Polen haben durchweg ein so starkes Nationalgefühl, daß es schon eine Ausnahme ist, wenn einer dies nicht erkennen läßt. Wir sind besessen von unserem Polentum! Mir fällt keine Nation ein, in der das Nationalgefühl eine größere Rolle spielt als bei uns.

Zu Ihrer Frage: Ich war als Soldat Marschall, und als Politiker Ministerpräsident und Staatschef. Und ich bin vor allem Autodidakt!"

Hearst: „Waren Sie lieber Soldat oder lieber Politiker?"

„Alles zu seiner Zeit. Wir Polen standen durch die Teilung unseres Landes immer auf Kriegsfuß mit der Doppelmonarchie Öster-


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reich-Ungarn, Preußen, dem Deutschen Reich und Rußland. Während des l. Weltkrieges bot sich uns die Gelegenheit, diese für Polen erniedrigende Lage zu bereinigen. Ich hatte bei der k. u. k. Armee gedient, dort das Kriegshandwerk gelernt. Die schwierige militärische Lage der Mittelmächte bot uns zuerst die Gelegenheit, mit Österreich und danach mit dem Deutschen Reich über eine Revision der Beschlüsse des 'Wiener Kongresses' von 1815 ins Gespräch zu kommen. Die Russen dagegen, mit denen wir von jeher auf unverträglicherem Boden standen, wollten davon nichts wissen. Schließlich erreichten wir das Einverständnis Österreichs und Deutschlands, Polen die Selbständigkeit zu gewähren. Leider geschah dies nur halbherzig, mehr der Not durch die militärische Lage gehorchend als jeder vernünftigen Einsicht. Aber diese unklare Haltung war nicht nur beim Deutschen Reich und Österreich zu erkennen, sondern ebenso bei den westlichen Alliierten. Denn die Russen sträubten sich gegen ein freies Polen, und die Russen waren die Alliierten der Westmächte. Diese Situation änderte sich erst mit der Revolution in Rußland. Die Bolschewisten hatten genug Schwierigkeiten im eigenen Land, und die westlichen Alliierten verloren damit einen Verbündeten. Allein dadurch kamen wir in den Genuß einer Unterstützung aus dem Westen.

Sie können daraus erkennen, daß es allen kriegführenden Mächten überhaupt nicht um die Existenz und das Wohl eines polnischen Staates ging. Wir waren lediglich ein Rädchen im Räderwerk der internationalen Politik, die jetzt im Weltkrieg mit anderen Mitteln fortgesetzt wurde. Für mich war dies keine neue Erkenntnis. Jeder dachte eben nur an seinen Vorteil. So ist der Lauf der Geschichte überhaupt. Und die Politiker sollen doch nicht so tun, als würden allgemeine menschheitsbeglückende Motive eine Rolle spielen. Jede Nation ist sich selbst am nächsten. Daran sollten auch die Menschen der kleineren Völker denken."


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Hearst: „Ich darf meine Frage wiederholen? Waren Sie lieber Soldat als Politiker?"

„Ich wiederhole: jedes zu seiner Zeit. Als die Bolschewisten bis zum Hals in ihren revolutionären Problemen steckten, sah ich die Möglichkeit gekommen, unsere territorialen Forderungen zu stellen. Mit den Russen wie mit den Bolschewisten gab es keine Verhandlungsbasis. Es blieb nur der militärische Weg. Den sind wir gegangen, und zwar mit Erfolg. Wenn auch mit dem Landgewinn eine Vergrößerung der Minderheiten eintrat, so ließen wir uns dadurch nicht blenden. Schließlich hatten wir bei unseren Landforderungen jetzt auch die Rückendeckung der Alliierten, denn unser Verhältnis zu Deutschland war immer noch gespannt, und die Alliierten hofften auf unsere Hilfe gegen Deutschland. Das sieht alles ein bißchen verzwickt aus, ist aber im Grunde sehr übersichtlich."

Hearst: „Was sagten dazu die Deutschen, denn Deutschland war ja auch unter die Verlierer geraten?"

„Ich hatte schon vorher mit den Deutschen Probleme bekommen. Weil ich allzusehr die Interessen des neuen Polen vertrat, wurde ich von den Deutschen in die Festung nach Magdeburg gebracht. Das war aber schon im Jahre 1917. Es war ja überhaupt eine Zeit der völligen Wirrnisse auf allen Gebieten. So haben wir uns, die Schwäche der Deutschen ausnutzend, später Reichsgebiete angeeignet, die niemals zur Debatte gestanden hatten.

Auch unter meinen polnischen Landsleuten herrschten unmögliche Zustände. Da waren zum Beispiel die linken Internationalisten, die ein Aufgehen Polens in der neuen Sowjetmacht anstrebten. Rosa Luxemburg, die früher für die Interessen der Polen gegen Rußland eingetreten war, verriet jetzt diese ehemalige Haltung durch ihr Bestreben, den Anschluß an die Sowjets zu suchen. Aber das waren nicht die einzigen Quertreiber."

Hearst: „Ich sehe, daß Sie ein nachdenkliches Gesicht machen.


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Welche besonderen Tugenden schreiben Sie dem polnischen Volk zu?"

„Tugenden können, wenn man sie übertreibt, leicht zu Untugenden führen. Ich sagte schon, daß wir unser Volkstum besonders hochhalten. Da kann es leicht passieren, daß wir übers Ziel hinausschießen. Wenn man ehrlich mit sich selbst ist, so muß man eine gewisse Überheblichkeit als nationale Untugend der Polen zugeben. Wir hatten jetzt soviel Land geschluckt, daß es uns einen verdorbenen Magen verursachte. Wir wurden nicht nur mit dem Boden nicht fertig, sondern auch mit dem Zugewinn an Menschen, die keine Polen waren. Dieses Problem ist jedoch nicht neu. Wir hatten bereits kurz nach dem l. Weltkrieg damit zu tun. In neuerer Zeit ist es noch schlimmer.

Meine Landsleute kennen kein Maß. Sie leben politisch auf zu großem Fuß. Sie denken nicht daran, im Beschränken ein gesichertes Gedeihen des Staates anzustreben.

Das erschreckt mich, läßt befürchten, daß es früher oder später wieder zu einem Kollaps kommen wird. Bedenken Sie, daß wir über 30 Prozent Minderheiten im Lande haben! Dazu kommt die unsinnige Einstellung, für unsere Minderheiten in Litauen die Vorteile zu verlangen, die wir den Minderheiten anderer Völker in unserem eigenen Lande nicht gewähren. Muß es da nicht zu Ärger kommen?"

Otto Schulz: „Marschall Pilsudski, mit welchen nationalen Problemen hat Ihr Staat noch zu kämpfen?"

„Es gibt zwar viele hervorragende Köpfe und harte Arbeiter im polnischen Volk. Wenn man sich aber den großen Durchschnitt ansieht, dann müssen wir zugeben, daß der Pole faul ist, um es kraß auszudrücken. Er bringt es nicht fertig, in die Hände zu spucken und die Schwierigkeiten zu beseitigen. Lieber legt er die Hände in den Schoß und verrichtet ein Gebet. Andererseits kann er eine derartige Energie aufbringen, daß einem angst und bange


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wird, denn sie wird manchmal an der falschen Stelle angewandt." Schulz: „Sie sprachen davon, daß eine Nation gegebenenfalls sich auch beschränken müßte, um ein organisches Wachsen zu ermöglichen. So hatte ich Sie jedenfalls verstanden. Sind Sie in der Lage, so zu handeln?"

„Dann hätte ich es nicht erwähnt. Ich habe diese Einsicht gewonnen und zog daraus die Konsequenzen. Das ist alles!"

Schulz: „Können Sie uns ein Beispiel aus der Praxis nennen?"

„Sehen Sie, wir haben nach dem l. Weltkrieg gegen alle Beteuerungen von Selbstbestimmungsrecht so manches Stück Land den Deutschen abgenommen. Zwar haben alle deutschen Nach-kriegsregierungen dagegen protestiert, aber es half ihnen niemand. Die Alliierten scherten sich einen Dreck um das versprochene Völkerrecht der Selbstbestimmung, nämlich durch Abstimmung der Bevölkerung in den fraglichen Gebieten, den Wünschen der Menschen gerecht zu werden. Deutschland zog man ganz einfach das Fell über die Ohren. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen.

Wir, also die Polen, haben immer einen Zugang zu r Ostsee angestrebt. Durch die Einverleibung der deutschen Provinz Posen hatten wir uns diesen Wunsch erfüllt. Nun lebten aber sehr viel Deutsche in diesem Gebiet. Und der sogenannte Korridor, welcher die Verbindung des Deutschen Reiches mit seiner Provinz Ostpreußen ermöglichte, blieb ein territorialer Streitpunkt zwischen Polen und dem Deutschen Reich. Um diesen aus der Welt zu schaffen, machte ich folgenden Vorschlag: Es sollte in diesem Gebiet eine Volksabstimmung erfolgen. Je nach Wunsch der Bevölkerung sollte dieses Gebiet an Polen oder Deutschland fallen. Zum Ausgleich schlug ich vor, ausreichende exterritoriale Verkehrswege von Süd nach Nord oder von West nach Ost zu schaffen. - Ich sehe, Sie zweifeln meine Worte an? Bitte, widersprechen Sie mir ruhig, wenn Sie einen Grund sehen!"


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Schulz: „Sie vermuten richtig! Da muß ich energisch widersprechen. Marschall, Sie scheinen hier Zeit und Personen durcheinander zu bringen. Dieser Vorschlag wurde nämlich 1939 von dem Deutschen Reichskanzler Adolf Hitler gemacht, von der polnischen Regierung aber leider überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Man hielt ihn nicht einmal einer Beantwortung für würdig!"

„Herr Schulz, Sie irren ganz gewaltig! Diese Idee mit der Abstimmung im Gebiet des 'Korridors' stammt allein von mir! Sie haben keinen Schimmer von Ahnung der historischen Abläufe! Aber wie sollten Sie auch? Ich hatte mit der Gründung meiner „Moralischen Diktatur", deren Fundament die soldatischen Tugenden Pflichter-füllung, Gehorsam, Uneigennützigkeit und Patriotismus waren, großen Zuspruch in der Bevölkerung Polens gefunden. Aber die Polen waren und blieben ein Volk von Individualisten. Als ich 1933 auch noch das Ermächtigungsgesetz durchdrückte, traten die Quertreiber in Aktion.

Inzwischen war in Deutschland Hitler Reichskanzler geworden. Er hatte alle Hände voll zu tun, um im Innern die nötige Stabilität zu erreichen. Auf vertraulichen Wegen hatte ich ihn wissen lassen, daß ich seine politischen Prinzipien gutheiße und in Polen ähnliche Verhältnisse habe. Ich wäre zur Bereinigung der strittigen Frage des 'Korridors' zu einer Volksabstimmung in diesem Gebiet einverstanden. Hitler ließ mich daraufhin wissen, daß diese Frage für ihn Zeit habe. Er wolle nichts überstürzen. Seine Aufgaben lägen vorläufig in Deutschland. Zu gegebener Zeit wolle er auf diesen Vorschlag gern zurückkommen. Wie ernst und mit welcher Freude er seine Reaktion zum Ausdruck brachte, wurde mir durch meinen Vertrauten in herzlicher Weise zum Ausdruck gebracht."

Schulz: „Ich bin sprachlos! Ja, aber warum kam denn später Ihr Vorschlag nicht mehr auf den Tisch?"

„Ja, so spielt das Schicksal manchmal. 1935 starb ich. Meine Nachfolger waren nicht in der Lage, meine Ideen zu verwirklichen.


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Ihnen fehlte die Erkenntnis der positiven Wirkung einer zweckmäßigen Selbstbeschränkung. Der polnische Chauvinismus brach sich Bahn. Als Hitler später, 1939, eine Volksabstimmung vorschlug, war kein Papier vorhanden, das auf den Ursprung dieser Idee hinwies. Dies hätte auch nichts geholfen, denn meine Nachfolger waren nicht fähig, mit kühlem Kopf zu handeln. Sie befanden sich ganz und gar im Fahrwasser Englands, das seinen Vorteil nur in der Zerschlagung der deutschen Wirtschaftskraft sah. Und dafür mußte Polen bluten! So, wie England schon oft für seine Interessen andere Völker zur Ader ließ.

Wie nahe mir Hitler stand, mögen Sie, lieber Herr Schulz, daraus ersehen, daß Hitler mir zu Ehren eine Seelenmesse in der Hed-wigs-Kirche in Berlin besuchte."

Hearst: „Es ist erschütternd, an welch 'seidenem Faden' manchmal das Schicksal ganzer Völker hängt! Wir danken Ihnen, Marschall Pilsudski!"

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