aus dem Französischen übersetzt von Hans Rudolf
Printed in Switzerland
Copyright 1949 by Hans Rudolf
Zürich (Switzerland)
Druck: E. & A. Kreutler, Zürich
Das ganze Buch im PDF-Format (400k) : 
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Dieses Buch ist ein Beitrag zu der grossen Krise des Rechtsgedankens, in der das Abendland heute steht. Wie der Lichtstrahl sich durch eine Wellenbewegung fortsetzt, so verwirklicht der Sinn unseres Daseins sich durch ein Auf und Ab des Lebensstroms. Einem Wellenberg folgt ein Wellental und diesem wieder ein Wellenberg. Einer Blüte ein Verfall und diesem ein neuer Aufstieg. Kaum scheint das ferne Ziel erreicht, tritt auch die Abkehr von ihm schon wieder ein. Aeusserlich gesehen macht ein Wechselspiel von Annäherung an das Ziel und Wiederentfernung von ihm den Inhalt der Menschengeschichte aus. Aber ohne Abstieg kein Aufstieg. Wie das Licht den Punkt, nach dem es ausgesandt ist, nur in den unzählbaren Schwingungen des Aethers erreicht, so findet das Leben seine Sinnsverwirklichung nur in den ewigen Auf- und Abschwankungen zwischen Geburt und Tod, Jugend und Alter, Aufstieg und Niedergang. Aus Gegensätzen gebiert die Weltgeschichte die ewigen Werte des Daseins. Wo kein Wechsel der Jahreszeiten ist, wird das Blut träge.
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Diesem Auf und Ab, hoher Geltung und völliger Missachtung ist auch das Recht unterworfen. Rechtsblüte und Rechtszerfall folgen einander wie Frühling und Herbst, Sommer und Winter. Wir finden Zeitalter, in denen der Richter sein Amt in keiner anderen Weise übt als der Arzt, der ein gebrochenes Glied «einrichtet», damit die Natur die Heilung an ihm vollziehen und es wieder gesund machen kann. Und gleich darauf begegnen wir wieder Zeiten, in denen aus Rachedurst und um der Vergeltung willen gerichtet wird und Rechtsprechung nicht dazu da ist, zu bessern und von Irrtum zu heilen, sondern um am Unterlegenen sein Mütchen zu kühlen. Schon der griechische Dichter Aeschylos beschwor in seinen Tragödien vor zweieinhalbtausend Jahren seine Zeitgenossen, der Blutrache ein Ende zu setzen. Und Plato bezeichnete strafen um zu vergelten als tierisch. Das Neue Testament schliesslich glaubte mit seinem «Richte nicht, damit nicht auch über Dich wieder das Gericht der Vergeltung kommt», der hasserfüllten Welt des Alten Testaments den Endpunkt gesetzt haben.
Aber im jüngsten Wettstreit der Kontinente ist wieder ein vermeintlich längst überwundener, heilloser Geist über unsern Erdteil gekommen. Eine fremdartige Denk- und Empfindungsweise hat sich unser bemächtigt und uns mit allen Uebeln einer allgemeinen Rechtsverwilderung, eines bedenkenlosen Missbrauchs der öffentlichen Gewalt, einer Entwürdigung der menschlichen Persönlichkeit und einer alle Herzensbande auflösenden Unaufrichtigkeit geschlagen. Europa steht wieder einmal in einem Wellental. Als einziger Reichtum ist uns die Armut geblieben. Gerade sie aber bildet den Ausgang für den Wiederaufstieg zum Wellenberg. Niemand weiss die Freiheit höher zu schätzen, als wer sie verlor. Niemand setzt sich entschlossener für seine Menschenwürde ein als der, dem man sie raubte. Niemandem ist die Gerechtigkeit teurer als dem, dem Unrecht geschah. Niemand ist mehr erfüllt vom Mut zur Wahrheit, als wer die Lüge am eigenen Leibe erfahren hat. Weil es den Löwenmut zur Wahrheit besitzt, haben wir das vorliegende Buch
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des französischen Schriftstellers Maurice Bardèche ins Deutsche übersetzt. Möge die Fackel der Wahrheit in jedes abendländische Gewissen und Herz leuchten. Dann wird aus der Nacht wieder Tag werden!
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Maurice Bardèche hat sich seinen Schriftstellernamen mit zwei Veröffentlichungen über Gegenstände der schönen Literatur gemacht. Die eine, 1940 erschienen, ist Balsac, die zweite 1947, Stendhal gewidmet. 1908 bei Bourges geboren, erwirbt er, in die Ecole Normale Supérieure eingetreten, 1932 die Universitätsgrade, liest 1940/41 an der Sorbonne Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts und wird 1942 an der Universität Lille zum ordentlichen Professor der französischen Literatur ernannt. Sein dortiges Wirken nimmt ein plötzliches Ende, als er im Spätsommer 1944 von der Säuberungsbewegung abgesetzt und mehrere Monate in Haft gehalten wird. Da er sich weder persönlich noch schriftstellerisch politisch betätigt hat, bleibt er von Anklage und Verurteilung verschont. Umso schwerer trifft ihn das Schicksal seines ehemaligen Schulfreundes und engen Mitarbeiters an seiner literarischen Arbeit, mit dem ihn, durch Verheiratung mit seiner Schwester, auch verwandtschaftliche Beziehungen verknüpfen, Robert Brasillach's. Brasillach, schon in der Vorkriegszeit von neuen geistigen und politischen Gedanken bewegt und an der Wochenschrift «Je Suis Partout» tätig, wird während der deutschen Besetzungszeit deren führender Kopf, so dass das Blatt bis zu 200.000 Stück wöchentlicher Auflage erreicht und die heranwachsende französische Jugend in ihren Bann zieht. Seine Unerschrockenheit und hohe schriftstellerische Begabung — von letzterer zeugen an die zwanzig Bände Dichtungen und Abhandlungen — gereichen dem Fünfunddreissigjährigen aber zum Verhängnis. Von der Säuberungsbewegung der Zusammenarbeit mit Deutschland bezichtigt und zum Tode verurteilt, endet sein junges Leben am 6. Februar 1945 am Fuss eines Erdwalles im Fort Montrouge.
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Von da an beginnt Bardèche sich mit den Dingen des öffentlichen Lebens, vor allem des öffentlichen Rechts zu befassen. 1947 erscheint die in Anredeform geschriebene Schrift «Lettre à François Mauriac». Bardèche gibt darin dem führenden Kopf französischer Rechtskreise Antwort auf dessen Frage aus dem Jahre 1945: «Anerkennen Sie jetzt, dass Sie Unrecht gehabt haben?». Zwei Jahre furchtbarster Nachkriegsenttäuschung sind verstrichen. Keine Voraussage trifft zu. Kein Versprechen geht in Erfüllung. Statt dass, wie man einer leichtgläubigen Welt eingehämmert hatte, nach der Niederwerfung des nationalsozialistischen Deutschlands Frieden und Wohlstand eintrat, steht man bereits vor einem dritten Weltkrieg. Not, Elend, Unzufriedenheit, Hass, Ungerechtigkeit über Ungerechtigkeit, Lüge, Heuchelei, Unduldsamkeit, Verfolgung Andersgesinnter, Unfreiheit . . . Die Antwort von Bardèche im Jahre 1947 lautet ganz einfach: «Anerkennen Sie jetzt, dass Sie (!!) Unrecht gehabt haben?» — Anfang 1949 kommt dann das vorliegende Buch «Nuremberg ou La Terre Promise», Nürnberg oder das Gelobte Land, heraus.
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«Ich übernehme nicht die Verteidigung Deutschlands — leitet Bardèche sein Buch ein —; ich übernehme die Verteidigung der «Wahrheit». Und an anderer Stelle nennt er das Buch ein «Vorwort» zur Versöhnung. Ruft aber, was ungeschminkt die Wahrheit ausspricht, nicht unter Umständen einer neuen Aufwühlung der Gefühle und damit dem Gegenteil von Versöhnung? Sind nicht Verhältnisse denkbar, wo es zweckmässiger erschiene, an den Dingen, wie sie einmal sind, nicht zu rütteln? Wäre einem mühsam hergestellten Frieden nicht vielleicht besser gedient, wenn geschwiegen und nicht geredet wird? Und ergreift schliesslich, wer für die Wahrheit Partei ergreift, tatsächlich nicht eben doch Partei für eine Partei? Diese Frage kann durchaus gestellt, es kann aber auch eine eindeutige Antwort darauf gegeben werden. Wer ein Freund des Krieges ist, dem wird immer mehr an der Macht als an der Wahrheit liegen. Und wer den
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Frieden durch Versöhnung will, wird nicht ruhen, bis die Wahrheit sich durchgesetzt hat. Denn die Wahrheit ist immer die Voraussetzung, oder eben das «Vorwort» zur Versöhnung. Die Versöhnung aber ist die Aufhebung aller bisherigen Spaltung in Parteien. Allein durch sie wird einem Krieg ein wirkliches Ende gesetzt. Friede ohne Versöhnung ist blosse Hinausschiebung des nächsten Krieges.
Wer von der überwindenden Macht der Wahrheit überzeugt ist, wird nie den guten Zweck mit schlechten Mitteln, die innere Versöhnung durch äussere Gewalt erreichen wollen. Daher liegt es Bardèche völlig fern, einer Aenderung der bestehenden Machtverhältnisse das Wort zu reden. Verändert muss der innere Mensch werden. Und zwar nicht nur auf der Seite der Sieger, sondern ebensosehr auf der der Besiegten. Ein grosser Friedensfreund hat einmal den strafenden Frieden als einen Frieden des Gefängnisses bezeichnet. Daher verlangt Bardèche von den Siegern, dass sie dem Besiegten nicht nur beim Wiederaufbau seiner zerstörten Städte helfen, sondern auch bei der Beseitigung des Unheils, das sie durch ihren Gefängnisfrieden in seiner Seele angerichtet haben. Er selbst will mit seinem Buch, von dem er schreibt, dass es sich an die ehrlos erklärten Besiegten, «an diese Verworfenen wendet, damit sie wissen, dass nicht die ganze Welt blind den Wahrspruch der Sieger angenommen hat», einen ersten Schritt tun. Und in Amerika, wo es manchmal Leute mit einem erstaunlichen Verständnis für die seelische Lage anderer Völker gibt, macht man sich Sorge, dass in dem seelisch misshandelten Deutschland der Zweifel an einer Gerechtigkeit und an allen geistigen Werten überhaupt Anfälligkeit für eine Politik der Verzweiflung schaffen könnte. Die abendländische Gesellschaft von heute wundert sich allerdings immer noch, dass 95 von 100 Gefängnisinsassen, die man aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestossen hat, nach ihrer sogenannten Wiederaufnahme in diese eine «Politik der Verzweiflung» einschlagen, d. h. rückfällig werden.
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Eine Wandlung von der Verzweiflung und ihren Folgen hinweg wird sich im Besiegten nicht anders bewirken lassen, als indem man ihm Genugtuung dafür gibt, dass man ihn seelisch misshandelt und seine Ehre und Menschenwürde mit Füssen getreten hat. Mit anderen Worten: durch die Revision des Urteils, das über ihn gefällt worden ist. Gleichzeitig muss der Sieger sich aber auch Rechenschaft darüber ablegen, dass es überhaupt ein Irrtum ist, über Seinesgleichen zu Gericht zu sitzen. Er muss sich von der Vorstellung los machen, dass er mit Nürnberg irgendetwas Neues und im Vergleich zum Bisherigen gar Verdienstliches geschaffen habe. Neu an der Rechtsprechung von Nürnberg war allein, dass man die Ketzer, die man früher auf den Holzstoss warf, jetzt an den Holzpfahl hängt. Im übrigen hat man einfach alles, was einmal im Abendland als Recht galt, und von dem das heutige Geschlecht bald nur noch vom Hörensagen weiss, über Bord geworfen. Mit den Moskauerprozessen der dreissiger Jahre fing es an. In Nürnberg erreichte es eine bisher nie gesehene Höhe. Man unterschied zwischen Handlung und Handelndem. Was beim Einen gottgefälliges Werk, war beim Anderen todeswürdiges Verbrechen. Man bestrafte nicht die Verfehlung, sondern die Andersgläubigkeit. Rechtskundige Leute mit unrechtskundigem Gewissen mussten eigens für diesen Zweck Gesetze herstellen. Schliesslich stellte man den Verurteilten, zur Erhöhung des eigenen Ruhmes öffentlich zur Schau. An die Stelle der Menschenachtung trat die Leichenschändung. — Und wie hatte es doch früher geheissen? Unabänderliche Festlegung im Gesetz, was strafbare Handlung ist. Unabhängigkeit der Bestrafung von der Person. Durch die Rücksichtnahme auf die Absicht des Beschuldigten war die Rechtsfindung zu einer Erforschung der seelischen Ursachen der Verfehlung und die Strafe zu einem Mittel der Erziehung geworden. Der Mensch galt nicht als ein in Sünde geborenes und zu ewiger Verdammnis bestimmtes Wesen, sondern als ein zu Einsicht und Umkehr fähiger Irrender. Wer sich verfehlte, den merzte man nicht einfach aus. Und selbst noch im schlimmsten Verbrecher wurde, in-
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dem man ihn der Erlösung teilhaftig werden liess, die menschliche Persönlichkeit geachtet.
Also ein paar Jahrtausende zurück ist man in Nürnberg gegangen. Und das gilt auch für das «Gelobte Land», nach dessen Vorstellungen der Friede gebaut werden sollte. Es ist ein Land ewiger Versprechung und niemaliger Erfüllung. Buchstabengläubigkeit, Unduldsamkeit, Feindeshass, Rachebedürfnis und Auserwähltheitsglaube kennzeichnen es. Ihm ist jene erlösende und versöhnende Kraft fremd, die allein im Menschen den Schöpfergeist entbindet und ihn mit seinem Schöpfungsgrund versöhnt. Darum hat der Hassfriedensplan von Nürnberg seinen Ursprung letztlich im Hass aus Unvermögen. Hass aus dem Unfrieden des eigenen Herzens. Darum ginge dieser weltliche Ueberstaat, dieses wiederauferstehende messianische Reich, das die Gewissen allein durch die Furcht vor Strafe und Vergeltung beherrscht und sich als Verkörperung des Weltgewissens ausgeben möchte, nie aus der freien Zustimmung seiner Glieder hervor. Es wäre ein den Völkern übergeworfenes Netz, in dem diese ohnmächtig ihr Sklavendasein dahinleben müssten. Das geistige Reich, das nur ein inneres Reich ist, würde als Vorspann vor Zwecken und Zielen weltlicher Herrschaft missbraucht. Sein Amt, durch die Herrschaft des Herzens den Menschen den Weg durch den weltlichen Bereich zu weisen, fiele dahin und mit ihm der höhere Sinn unseres Erdenlebens.
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Bardèche setzt würdig eine alte Ueberlieferung seines Landes fort. Er führt seinen geistigen Kampf für die Gesundung einer kranken Welt und eines Erdteiles vor allem, der heute sein überliefertes Gut vertan und seine Seele verspielt hat, mit dem schneidenden Schwert der Ironie. Aber daneben bricht auch immer wieder der Dichter durch. Aus seinem Buch weht uns das Heimweh nach der einstigen Heimat entgegen, nach der Mutter Erde und dem erdverbundenen Menschen und seinen einfachsten gesellschaftlichen Lebens-
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formen der Familie und der Gemeinde. Die stillen Bauerngehöfte inmitten der weiten Felder, die verträumt dahinziehenden Flussläufe, die im vollen Lichtglanz flimmernde Landschaft der «doulce France» erstehen vor unserem geistigen Auge. Wir hören das Rauschen ihrer Bäume und das Läuten ihrer Glocken, für das dem vermeintlichen Weltbürger, wie er aus dem Gesetz von Nürnberg hervorgehen sollte, für alle Zeiten das Gehör gefehlt hätte.
Zürich, im Sommer 1949.
H. R.
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