Maurice Bardèche

Nürnberg oder das Gelobte Land


Salomon zählte alle Fremden, die im Lande waren, nach der Zählung, die David, sein Vater angeordnet hatte. Man fand deren hundertdreiundfünfzigtausendsechshundert. Und er nahm davon siebzigtausend zum Lastentragen, aehtzigtausend, um in den Bergen Stein zu hauen, und dreitausendsechshundert, um das Volk zu überwachen und zur Arbeit anzuhalten.
Altes Testament, 2. Buch Chronika 2, 17-18

Ich übernehme nicht die Verteidigung Deutschlands. Ich übernehme die Verteidigung der Wahrheit. Ich weiss nicht, ob die Wahrheit besteht. Und viele Leute führen sogar eine Reihe von Gründen an, um mir zu beweisen, dass sie nicht besteht. Aber ich weiss, dass die Lüge besteht. Ich weiss, dass die planmässige Entstellung der Tatsachen besteht. Wir leben seit drei Jahren auf einer Fälschung der Geschichte. Diese Fälschung ist geschickt: sie reisst die Einbildungskraft mit sich fort. Dann stützt sie sich auf das Einverständnis der Einbildungskraft. Man begann damit, zu sagen: seht, das alles habt Ihr erlitten. Dann sagt man: erinnert Ihr Euch dessen, was Ihr erlitten habt? Man hat sogar eine Philosophie dieser Fälschung erfunden. Sie besteht daran, uns zu erklären, dass das was wir wirklich waren, keinerlei Bedeutung hat, sondern dass allein das Bild zählt, das man sich von uns machte. Es scheint, dass diese Umstellung die einzige Wirklichkeit ist. Der jungen Gruppe Rotschild ist so zu einem metaphysischen Dasein verholfen worden.

Ich glaube starr an die Wahrheit. Ich glaube sogar, dass sie schliesslich über alles und selbst über das Bild, das man von uns macht, den Sieg davonträgt. Das jämmerliche Schicksal der von der Resistance erfundenen Fälschung hat uns bereits den Beweis dafür erbracht. Heute ist der Block zerbrochen. Die Farben blättern ab: Reklameflächen überdauern nur wenige Jahreszeiten. Aber wenn nun die Propaganda der Demokratien drei Jahre lang über uns gelogen hat; wenn sie verschleiert hat, was wir getan haben: dürfen wir ihr

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dann glauben, wenn sie uns von Deutschland spricht? Hat sie nicht die Geschichte der Besetzung gefälscht, so wie sie die Tätigkeit der französischen Regierung falsch dargestellt hat? Die Oeffentlichkeit beginnt ihr Urteil über die Säuberung zu berichtigen. Müssen wir uns nicht fragen, ob die gleiche Berichtigung nicht auch notwendig ist in Bezug auf das Urteil, das von den gleichen Richtern in Nürnberg gesprochen wurde? Ist es nicht wenigstens ehrlich, ist es nicht notwendig, diese Frage zu stellen? Wenn das richterliche Verfahren, das Tausende von Franzosen getroffen hat, ein Betrug ist: wer beweist uns, dass dasjenige, das Tausende von Deutschen betroffen hat, nicht auch einer ist? Haben wir das Recht, daran achtlos, ohne Rücksicht auf unsere eigenen Belange vorbeizugehen?

Werden wir dulden, dass Tausende von Menschen in dieser Zeit leiden und sich empören über unsere Weigerung, Zeugnis abzulegen, über unsere Feigheit, unser falsches Mitleid? Sie weisen die Zwangsjacke zurück, die wir ihrer Stimme und ihrer Vergangenheit anziehen wollen. Sie wissen, dass unsere Zeitungen lügen, dass unsere Filme lügen, dass unsere Schriftsteller lügen. Sie wissen es und werden es nicht vergessen: werden wir diesen Blick der Verachtung, den sie uns mit Recht zuwerfen, auf uns fallen lassen? Wir wissen es: die ganze Geschichte dieses Krieges muss neu geschrieben werden! Werden wir unsere Türe der Wahrheit verschliessen?

Wir haben diese Menschen, die sich in unsern Häusern und Städten niedergelassen hatten, gesehen. Sie waren unsere Feinde, und was noch grausamer ist, sie waren die Herren bei uns. Das beraubt sie aber nicht des Anrechtes, das alle Menschen auf die Wahrheit und die Gerechtigkeit haben; ihres Anrechtes auf die Aufrichtigkeit der anderen Menschen. Sie haben mit Mut gekämpft. Sie haben das Geschick des Krieges erlitten, den sie angenommen hatten. Heute sind ihre Städte zerstört. Sie wohnen in Löchern inmitten der Ruinen. Sie haben nichts mehr. Sie leben wie Bettler von dem, was der Sieger ihnen bewilligt. Ihre Kinder sterben

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und ihre Töchter sind die Beute des Fremden. Ihre Not übersteigt alles, was jemals vor die Vorstellungskraft der Menschen gekommen ist. Werden wir ihnen das Brot und das Salz verweigern? Und wenn diese Bettler, aus denen wir Geächtete machen, keine anderen Menschen wären als wir? Wenn unsere Hände nicht reiner wären als ihre Hände? Wenn unsere Gewissen nicht leichter wären als ihre Gewissen? Wenn wir uns getäuscht hätten? Wenn man uns belogen hätte?

Und doch verlangen die Sieger von uns, das Zwiegespräch mit Deutschland auf dieses Urteil ohne Berufung zu gründen, oder besser, zu verweigern. Sie haben sich des Schwertes Jehovas bemächtigt und Deutschland aus den menschlichen Gefilden vertrieben. Der Zusammenbruch Deutschlands genügte den Siegern nicht. Die Deutschen waren nicht nur Besiegte. Sie waren keine gewöhnliche Besiegte. Das Schlechte war in ihnen besiegt worden: man musste sie lehren, dass sie Barbaren, Barbaren seien! Was über sie kam, der letzte Grad der Not, die Verzweiflung wie am Tage der Sündflut, ihr Land verschlungen wie Gomorrha und sie verlassen umherirrend, betäubt inmitten der Ruinen wie am Tag nach dem Untergang der Welt — man musste sie lehren, dass ihnen recht geschah, wie die Kinder sagen! Es war eine gerechte Strafe des Himmels! Sie, die Deutschen, sollten sich auf ihre Ruinen setzen und sich die Brust schlagen. Denn sie waren Ungeheuer gewesen. Und es ist gerecht, dass die Städte der Ungeheuer zerstört wurden und auch die Frauen der Ungeheuer und ihre kleinen Kinder. Und der Rundfunk aller Völker der Welt, und die Presse aller Völker der Welt, und Millionen von Stimmen aller Himmelsrichtungen der Welt, ohne Ausnahme, ohne falsche Note, machten sich daran, dem Menschen, der auf seinen Ruinen sass, zu erklären, warum er ein Ungeheuer gewesen war.

Dieses Buch ist an diese Verworfenen gerichtet. Denn sie sollen wissen, dass nicht die ganze Welt den Wahrspruch der Sieger blind angenommen hat. Die Zeit, um Berufung einzulegen, wird eines Tages kommen. Die aus dem Sieg der Waf-

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fen hervorgegangenen Gerichte fällen nur vergängliche Urteile. Die politische Zweckmässigkeit und die Furcht widerrufen bereits diese Urteilssprüche. Unsere Meinung über Deutschland und das nationalsozialistische Regime ist unabhängig von diesen Zufälligkeiten. Unser einziger Ehrgeiz bei der Niederschrift dieses Buches war, es noch in fünfzehn Jahren ohne Scham lesen zu können. Wenn wir finden, dass die deutsche Armee oder die nationalsozialistische Partei Verbrechen begangen haben, werden wir diese natürlich Verbrechen nennen. Aber wenn wir denken, dass man sie mit Hilfe von Trugschlüssen oder Lügen anklagt, werden wir diese Trugschlüsse und diese Lügen zur Anzeige bringen. Denn all das sieht viel zu viel einer Theaterbeleuchtung ähnlich: man richtet die Scheinwerfer und beleuchtet während dieser Zeit nur eine einzige Szene. Alles Uebrige bleibt im Dunkeln. Es ist Zeit, dass man die Leuchter anzündet und den Zuschauern ein wenig ins Gesicht sieht!

* * *

Bemerken wir zuerst einleitend, dass dieser Prozess, den man Deutschland oder genauer dem Nationalsozialismus macht, eine feste Grundlage hat, eine viel festere Grundlage, als man allgemein glaubt. Bloss ist es nicht diejenige, die man angibt. Und die Dinge sind in Wahrheit viel ergreifender und die Begründung der Anklage und der Beweggrund zur Anklage viel beängstigender für die Sieger, als man sagt.

Die Oeffentlichkeit und die Ankläger der Siegermächte behaupten, dass sie sich zu Richtern aufgeworfen haben, weil sie die Zivilisation vertreten. Das ist die amtliche Darlegung. Aber das ist auch der amtliche Trugschluss. Denn das heisst, dasjenige zum Grundsatz und zur festen Grundlage nehmen, was gerade in Frage steht. Erst am Schlusse des zwischen Deutschland und den Alliierten eröffneten Prozesses wird man sagen können, welches Lager die Zivilisation vertrat. Aber man kann es nicht am Anfang sagen, und vor allem kann es nicht eine der in Frage stehenden Parteien sagen. Die Vereinigten Staaten, England und die USSR haben ihre gelehrtesten Juristen eingesetzt, um dieses Schlussverfahren

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kleiner Kinder zu verteidigen: «Seit vier Jahren wiederholt unser Rundfunk, dass Ihr Barbaren seid; Ihr seid besiegt worden; also seid Ihr Barbaren!» Denn es ist klar, dass Herr Shawcross, Herr Jackson und Herr Rudenko am Pult von Nürnberg nichts anderes sagen, wenn sie sich auf die einmütige Entrüstung der zivilisierten Welt berufen. Eine Entrüstung, die ihre eigene Propaganda hervorgerufen, unterstützt und geführt hat, und die nach ihrem Belieben, wie eine Wolke von Heuschrecken, auf jede Art von politischem Leben, das ihnen missfällt, gelenkt werden kann. Aber lassen wir uns nicht irreführen: diese gemachte Entrüstung war lange Zeit und ist, im ganzen gesehen, immer noch die hauptsächliche Begründung der Anklage gegen das deutsche Regime. Diese Entrüstung der zivilisierten Welt ist es, die den Prozess verlangt. Sie ist es ebenfalls, die seine Führung unterstützt. Und schliesslich ist sie alles: die Richter von Nürnberg sind nur die Geschäftsführer, die Schriftgelehrten dieser Einmütigkeit. Man setzt uns mit Gewalt rote Brillen auf und lädt uns daraufhin ein, zu erklären, dass die Dinge rot sind. Das ist ein Zukunftsprogramm, dessen philosophische Verdienste aufzuzählen wir noch nicht am Ende sind. Aber die Wahrheit ist ganz anders. Der wahre Grund des Prozesses von Nürnberg, derjenige, den man nie zu nennen gewagt hat, ich befürchte sehr, dass es die Furcht sei: es ist der Anblick der Ruinen, der Schrecken der Sieger. Es ist notwendig, dass die Anderen Unrecht haben! Es ist notwendig, denn wenn sie zufällig keine Ungeheuer gewesen wären: was für eine Last würden diese zerstörten Städte und diese Tausende von Phosphorbomben bedeuten? Der Schreck und die Verzweiflung der Sieger bilden den wahren Grund des Prozesses. Sie haben sich das Gesicht verschleiert vor dem, was sie gezwungen waren zu tun. Und um sich Mut zu geben, haben sie ihre Blutbäder in Kreuzzüge verwandelt. Sie haben nachträglich ein Recht zum Blutbad im Namen der Achtung vor der Menschlichkeit erfunden. Da sie Totschläger waren, haben sie sich zu Polizisten befördert. Wir wissen, dass von einer gewissen Zahl von Toten an jeder Krieg verbindlich

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zu einem Kriege des Rechts wird. Der Sieg ist also nur vollständig, wenn man, nachdem die Burg bezwungen ist, auch die Gewissen bezwingt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Prozess von Nürnberg ein Werkzeug des neuzeitlichen Krieges, das als Bomber beschrieben zu werden verdient.

Wir hatten schon 1918 die gleiche Sache versuchen wollen. Aber da damals der Krieg nur eine kostspielige militärische Unternehmung war, begnügte man sich, den Deutschen die Karte des Angreifers zuzuschieben. Niemand wollte für die Toten verantwortlich sein. Man belastete die Besiegten damit, indem man ihre Unterhändler nötigte, zu unterschreiben, dass ihr Land für diesen Krieg verantwortlich sei. Diesmal, nachdem der Krieg auf beiden Seiten zu einem Blutbad der Unschuldigen geworden war, genügte es nicht, dass die Besiegten sich als Angreifer bekannten. Um die Verbrechen zu entschuldigen, die in der Kriegführung auf der eigenen Seite begangen wurden, war es unbedingt notwendig, auf der anderen Seite noch schwerere Verbrechen zu entdecken. Es war unbedingt notwendig, dass die englischen und amerikanischen Bomber als das Schwert des Herrn erschienen. Die Alliierten hatten keine Wahl. Wenn sie nicht feierlich bestätigten, wenn sie nicht durch gleichgültig was für ein Mittel bewiesen, dass sie die Retter der Menschheit gewesen waren, waren sie nichts weiter als Mörder. Würden die Menschen, wenn sie eines Tages aufhörten, an die deutsche Ungeheuerlichkeit zu glauben, nicht Rechnung stellen für die verschwundenen Städte?

Es besteht also ein offensichtliches Interesse der britischen und amerikanischen Propaganda und, in einem geringeren Grade der sowjetrussischen Propaganda, die Lehre von den deutschen Verbrechen zu unterstützen. Man erkennt das noch besser, wenn man sich klar macht, dass diese Lehre sich trotz ihres öffentlichen Interesses, erst spät in ihrer endgültigen Form gebildet hat.

Am Anfang glaubte niemand daran. Der Rundfunk bemühte sich, den Eintritt in den Krieg zu rechtfertigen. Die Oeffentlichkeit fürchtete tatsächlich eine deutsche Vorherr-

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schaft, aber sie glaubte nicht an eine deutsche Ungeheuerlichkeit. «Man wird uns den Streich mit den deutschen Grausamkeiten nicht wiederholen», sagten die Offiziere in den ersten Monaten der Besetzung. Die Bombardierungen von Coventry und London, die ersten Luftbombardierungen von Zivilbevölkerungen — verdarben diese Weisheit. Und ein wenig später der Unterseebootskrieg. Dann die Besetzung, die Geiseln, die Vergeltungsmassnahmen. Jetzt gelang dem Rundfunk der erste Grad der Vergiftung der öffentlichen Meinung. Die Deutschen waren Ungeheuer, weil sie unehrliche Gegner waren und nur an das Gesetz des Stärkeren glaubten. Ihnen gegenüber anständige Völker, die immer geschlagen wurden, weil sie sich in allem ehrlich betrugen. Aber die Völker glaubten nicht, dass die Deutschen Ungeheuer waren. Sie kannten nur die Schlagworte der Propaganda aus der Zeit des Kaisers und der dicken Berta.

Die Besetzung der Länder des Ostens und der gleichzeitig in ganz Europa gegen den Terrorismus und die Sabotage unternommene Kampf lieferten weitere Beweise. Die Deutschen waren Ungeheuer, weil ihnen überall ihre Totschläger folgten. Man setzte die Sage von der Gestapo auf ihren Sockel: in ganz Europa richteten die deutschen Armeen die Schreckensherrschaft auf. Die Nächte waren erfüllt von Stiefelgeklapper. Die Gefängnisse waren voll. Und bei jedem Tagesanbruch krachten die Salven. Der Sinn des Krieges wurde klar: Millionen von Menschen von einem zum anderen Ende des Festlandes kämpften für die Befreiung der neuen Sklaven. Die Bomber nannten sich Befreier, «Liberator». Das war die Zeit, als Amerika in den Krieg eintrat. Die Völker glaubten noch nicht, dass die Deutschen Ungeheuer waren. Aber schon fassten sie diesen Krieg als einen Kreuzzug für die Freiheit auf. Das war der zweite Grad der Vergiftung.

Doch stimmten diese Bilder noch nicht mit der Hochspannung unserer gegenwärtigen Propaganda überein. Der Rückzug der deutschen Armeen im Osten erlaubte schliesslich das Stichwort auszusprechen. Das war der erwartete Augen-

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blick: denn der deutsche Rückzug hinterliess Strandgut. Man sprach von Kriegsverbrechen. Und eine Erklärung vom 30. Oktober 1943 erlaubte zur allgemeinen Genugtuung, die öffentliche Meinung auf diese Verbrechen aufmerksam zu machen und die Strafe dafür vorauszusehen. Dieses Mal waren die Deutschen richtige Ungeheuer. Sie schnitten die Hände der kleinen Kinder ab, wie man es immer behauptet hatte. Es war nicht mehr die Gewalt. Es war die Barbarei. Von diesem Augenblick an hatte die zivilisierte Welt ihnen gegenüber Rechte: denn schliesslich gibt es empfindsame Gewissen, die nicht dulden, dass man die Unehrlichkeit mit Luftbombardementen bestraft, noch dass man ein autoritäres Regime als ein gemeinrechtliches Vergehen betrachtet, wogegen die ganze Welt bereit ist, die Schlächter von Kindern ausserhalb der Kriegsrechte zu stellen. Jetzt hatte man «die frische Tat». Man verbreitete sie. Man wertete sie aus. Die Völker begannen zu überlegen, dass die Deutschen sehr wohl Ungeheuer sein konnten. Und man kam zur dritten Stufe der Vergiftung, die darin besteht, zu vergessen, was man jede Nacht auf den Flügen anrichtet, und umsomehr an das zu denken, was jeden Tag in den Gefängnissen vor sich geht.

Das war das militärische Ziel, zu dem man von Anfang an die Gewissen führen zu können wünschte. Das war der Zustand, in dem man sie erhalten musste. Man musste das umso mehr, als bald nach diesem Zeitpunkt, im Dezember 1943, die Art der Bombardierungen sich änderte: anstatt militärische Gegenstände ins Ziel zu fassen, erhielten die alliierten Flieger den Befehl, die Taktik der Bombenteppiche anzuwenden, die ganze Städte vernichtete. Und diese an einen Weltuntergang gemahnenden Zerstörungen verlangten ganz offensichtlich eine entsprechende Ungeheuerlichkeit. Man fühlte deren Notwendigkeit so sehr, dass man von diesem Zeitpunkt an eine mächtige Einrichtung zur Feststellung der deutschen Verbrechen schuf, die die Aufgabe hatte, sich in den Fusstapfen der ersten Besetzungswelle einzurichten, ähnlich wie in Russland die Polizeiformationen dem Vor-

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gehen der Panzertruppen folgten. Diese Annäherung ist sinnvoll: die Deutschen säuberten, die Amerikaner beschuldigten. Jeder verrichtete, was am dringlichsten war. Diese Nachforschungen waren, wie man weiss, von Erfolg gekrönt. Man hatte das grosse Glück, im Januar 1945 jene Konzentrationslager zu entdecken, von denen bisher niemand sprechen gehört hatte und die der Beweis wurden, dessen man gerade bedurfte: die frische Tat im Reinzustand, das Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das alles rechtfertigte. Man photographierte sie, filmte sie, veröffentlichte sie, machte sie durch eine riesenhafte Oeffentlichkeit wie eine neue Füllfedermarke bekannt. Der moralische Krieg war gewonnen. Die deutsche Scheusslichkeit war durch diese kostbaren Beweisstücke erwiesen. Das Volk, das solches erfunden hatte, besass kein Recht, sich über irgend etwas zu beklagen. Und das Stillschweigen war derart, der Vorhang so geschickt und plötzlich weggerissen, dass nicht eine Stimme zu sagen wagte, dass alles das zu schön sei um wirklich wahr zu sein.

So wurde die deutsche Straffälligkeit durch je nach den Zeiten sehr verschiedene Gründe bestätigt: und bemerkenswert ist nur, dass diese Straffälligkeit in dem Masse wächst, in dem die Bombardierungen gegen die Zivilbevölkerung zunehmen. Dieses zeitliche Zusammenfallen ist an sich recht verdächtig. Und es ist zu klar, dass wir nicht ohne Vorsicht die Anschuldigungen der Regierungen hinnehmen dürfen, die ein so offensichtliches Bedürfnis nach einem Wechselgeld haben.

Es ist vielleicht nicht unnütz, sich auf diese bewundernswerte technische Aufmachung zu berufen. Nachdem wir den Technikern, zur Hauptsache Juden, die dieses Programm orchestrierten, unsere Anerkennung übermittelt haben, besitzen wir den Wunsch, klar zu sehen und dieses Theaterstück anzuschauen, in dem die Anschuldigungen, gleich den Theaterstreichen im Melodrama, wie gerufen kommen!

Dieser Aufgabe also wollen wir uns widmen. Sicherlich kann dieses kleine Buch nur ein erster Stein sein. Es enthält mehr Fragen als Antworten. Mehr Untersuchungen als

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Beweisstücke. Aber ist es nicht bereits etwas, wenn man ein wenig Ordnung in einen Gegenstand bringt, den man absichtlich mit Verwirrung dargestellt hat? Die Arbeit ist so gut gemacht worden, dass heute niemand mehr wagt, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Man hat alles zugleich als ungeheuerlich bezeichnet: die Handlungen, die Menschen, die Begriffe. Alle Gedanken sind jetzt wie von Betäubung befallen. Sie sind erstarrt, unfruchtbar. Sie tappen in einer Watte von Lügen herum. Und manchmal wenden sie sich, wenn sie Wahrheiten begegnen, mit Schrecken davon ab, weil diese Wahrheiten geächtet sind. Der erste Gegenstand dieser Ueberlegungen wird daher eine Art Wiederherstellung der Gewissheit sein. Doch darf sich diese Arbeit der Berichtigung nicht auf die Tatsachen beschränken. Der Gerichtshof von Nürnberg hat im Namen einer gewissen Anzahl von Grundsätzen, im Namen einer gewissen politischen Moral gerichtet. Alle diese Beschuldigungen haben eine Kehrseite. Man schlägt uns eine Zukunft vor. Man bringt sie zu Ansehen, indem man die Vergangenheit verdammt. Wir wollen aber auch in diese Zukunft klar sehen. Wir möchten diese Grundsätze von Angesicht sehen. Denn schon ahnen wir, dass diese neue Sittlichkeit sich auf eine befremdliche Welt bezieht, auf eine Welt, ähnlich der Welt eines Kranken, eine dehnbare Welt, die unser Blick nicht mehr erkennt: aber eine Welt, die diejenige der Anderen ist. Gerade diejenige, die Bernanos voraussah, als er den Tag fürchtete, an dem sich die, in dem duckmäuserischen Gehirn des kleinen negerhaften Schuhputzers des New Yorker Ghettos eingeschlossenen Träume verwirklichen würden. Jetzt sind wir soweit! Man hat den Gewissen zu viel Arznei verabreicht. Man hat uns den Schlag der Circe versetzt. Wir sind alle Juden geworden!

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Beginnen wir also diesen Prozess von Nürnberg zu beschreiben, auf dessen Gipfel sich die Burg dieses neuen Gemeinwesens erhebt. Hier enden die Beschuldigungen und hier beginnt die künftige Welt.

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Die Geschäftsstelle des internationalen Militärgerichts hat seit dem letzten Jahr mit der Veröffentlichung der stenographischen Aufnahme des Nürnberger Prozesses begonnen. Diese Veröffentlichung soll vierundzwanzig Bände von ungefähr 500 bis 700 Seiten umfassen. Die französische Ausgabe umfasst gegenwärtig zwölf Bände, die vor allem den Beweisstücken der Anklage entsprechen. Dieser Teil der Arbeit genügt uns. Denn die Anklage richtet sich selbst durch das, was sie sagt. Es scheint unnütz, die Verteidigung zu hören.

Rufen wir zuerst einige Bestandteile des Bauwerkes in Erinnerung. Der internationale Militärgerichtshof wurde errichtet auf Grund der Vereinbarung von London vom 8. August 1945, die zwischen Frankreich, den Vereinigten Staaten, Grossbritannien und der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken geschlossen wurde. Dieser Vereinbarung war eine Satzung des Gerichtshofes beigeschlossen, die zugleich die Zusammensetzung, das Verfahren, die Rechtssprechung des Gerichtshofes und die Liste der Handlungen, die als verbrecherisch zu betrachten sind, feststellt. Man erfuhr also durch diese am 8. August 1945 veröffentlichte Satzung zum ersten Mal, dass gewisse Handlungen, die bisher in den Texten des Völkerrechts nicht erwähnt worden waren, als verbrecherisch betrachtet wurden, und dass die Angeklagten sich dieser Handlungen als solcher zu verantworten hatten, trotzdem es vorher nirgendwo jemals geschrieben war, dass sie verbrecherisch seien. Man erfuhr dort ausserdem, dass die Straffreiheit, die denjenigen, der einen erhaltenen Befehl ausführt, schirmte, nicht in Berücksichtigung gezogen werde. Und dass anderseits das Gericht erklären konnte, dass eine so oder so beschaffene politische Organisation, die vor das Gericht gefordert war, keine politische Organisation darstellte, sondern eine Vereinigung von Uebeltätern, die sich gebildet hatte, um eine Verschwörung oder ein Verbrechen zu verüben. Und dass infolgedessen alle ihre Mitglieder als Verschwörer oder Verbrecher behandelt werden konnten.

Der Prozess rollte während eines Jahres, vom Oktober

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1945 bis zum Monat Oktober 1946 ab. Der Gerichtshof wurde durch drei Richter gebildet, von denen der eine ein Amerikaner, der zweite ein Franzose, der dritte ein Russe war, und dem ein hoher britischer Beamter, Lord Justice Lawrence vorstand. Die Anklage wurde erhoben durch vier Hauptankläger, verbeiständigt durch neunundvierzig Rechtsgelehrte in Uniform. Eine gewichtige Geschäftsstelle war mit der Sammlung und Ordnung der Beweisstücke beauftragt. Die vier Hauptanklagepunkte lauteten: auf Verschwörung (das ist die politische Tätigkeit der nationalsozialistischen Partei seit ihrem Beginn, die mit einer Verschwörung gleichgesetzt wird) ; auf Verbrechen gegen den Frieden (das ist die Anklage, den Krieg veranlasst zu haben) ; auf Kriegsverbrechen und auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Anklage wurde erhoben mittels einer Reihe von Darlegungen des Staatsanwaltes. Jede dieser Darlegungen stützte sich auf die Beibringung von Beweisstücken, die im Laufe des Prozesses veröffentlicht worden sind. Jedermann weiss es, denn die Presse hat es des langen erklärt, dass diese Darlegungen vor einem Mikrophon gesprochen wurden. Sie mussten langsam gesprochen werden. Jeder Satz war vom nachfolgenden durch eine Pause getrennt. Uebersetzer übertrugen an Ort und Stelle. Die Angeklagten, ihre Verteidiger und die Mitglieder der Staatsanwaltschaft verfügten über Hörer, die ihnen ermöglichten, die Ausführungen in ihrer Sprache zu hören, indem sie auf die Wellenlänge einstellten, die der Sendung ihres eigenen Uebersetzers entsprach. Diese technische Meisterhaftigkeit machte auf die Einbildungskraft den stärksten Eindruck. Und doch, wenn man überlegt, war das nicht das Ueberraschendste an diesem Prozess.

Der Anschein der Rechtsmässigkeit wurde vollkommen gewahrt. Die Verteidigung hatte wenig Rechte, aber diese Rechte wurden geachtet. Einige eifrige Hilfskräfte des öffentlichen Anklägers wurden zur Ordnung gerufen, als sie sich erlaubten, die Handlungen, über die sie berichteten, voreilig zu benennen. Der internationale Gerichtshof unterbrach die Darlegungen des französischen Anklägers auf

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Grund ihres unaufrichtigen und weitschweifigen Charakters und weigerte sich, ihre Fortsetzung zu hören. Mehrere Angeklagte wurden freigesprochen. Schliesslich waren die Formen vollendet und niemals wurde zweifelhaftes Recht mit mehr Anstand gesprochen.

Denn dieses neuzeitliche Maschinenwesen hatte, wie man weiss, zum Ergebnis, die Rechtsprechung der Negerstämme wieder zum Leben zu erwecken. Der siegreiche König richtet sich auf seinem Thron ein und lässt seine Hexenmeister rufen: und unter Beisein der auf ihren Absätzen sitzenden Krieger erwürgt man die besiegten Häuptlinge. Wir beginnen zu vermuten, dass alles übrige Komödie darstellt, und die Zuschauerschaft, nach achtzehn Monaten, schon nicht mehr der Getäuschte dieser Inszenesetzung ist. Man erwürgt sie, weil sie besiegt worden sind. Die Grausamkeiten, die man ihnen vorwirft — kein gerechter Mensch kann vermeiden, sich zu sagen, dass sie ebensoschwere den Befehlshabern der alliierten Armeen vorwerfen können: die Phosphorbomben sind bestimmt der Konzentrationslager würdig! Ein amerikanisches Gericht, das Goering zum Tode verurteilt, hat nicht mehr Ansehen in den Augen der Menschen als ein deutsches Gericht, das sich angemasst hätte, Roosevelt zu verurteilen. Ein Gericht, das das Gesetz macht, nachdem es sich auf seinen Sitz gesetzt hat, führt an die Anfänge der Geschichte zurück. Zur Zeit Chilperichs wagte man nicht, so zu richten! Das Recht des Stärkeren ist eine anständigere Handlung. Wenn der Gallier Vae victis ausruft, hält er sich wenigstens nicht für Salomon. Aber diesem Gericht ist es gelungen, eine Versammlung von Negern im Stehkragen zu sein: das ist das Programm unserer kommenden Zivilisation! Es ist ein Maskenspiel, ein Albdruck: sie haben sich als Richter verkleidet! Sie sind ernst. Sie haben sich mit ihren Hörern geschmückt. Sie haben die Köpfe von Patriarchen. Sie verlesen Schriftstücke mit süsslicher Stimme in vier Sprachen zugleich. Und in Wirklichkeit sind es Negerkönige. Das ist eine Verkleidung von Negerkönigen. Und im gelangweilten und ehrwürdigen Saal hört man gedämpft die Kriegs-

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trommel der Stämme. Es sind sehr saubere und vollkommen verneuzeitlichte Neger. Sie haben, ohne es in ihrer negerhaften Einfachheit, in ihrer negerhaften Unbewusstheit zu merken, ein Ergebnis gezeitigt, das ohne Zweifel keiner von ihnen erwartete: sie haben durch ihre Schlechtgläubigkeit sogar jene wieder zu Ehren gebracht, deren Verteidigung beinahe unmöglich war. Und sie haben Millionen von Deutschen, die in ihrem Unglück geflüchtet und an ihrer Niederlage und durch ihr Besiegtenlos gewachsen sind, das Recht gegeben, sie zu verachten! Goering, ein spöttischer Spassmacher, wusste wohl, dass sie ihm in jeder Sache recht gaben, weil sie mit ihrer Richterrüstung dem Gesetz des Stärkeren huldigten, das er selbst zu seinem Gesetz gemacht hatte. Und Goering betrachtete lachend den als Richter verkleideten Goering, der den als Galeerensklaven verkleideten Goering verurteilte.

Im übrigen ist der innere und äussere Anblick dieser Gerichtskomödie nicht das, was uns interessiert. Dass die Verurteilung der deutschen Führer durch die amerikanischen Führer ein politischer Fehlgriff war, ist ein Punkt, in dem ein grosser Teil der öffentlichen Meinung heute einig geht, einschliesslich eines Teiles der amerikanischen Presse. Doch ist das nur ein politischer Fehler unter vielen anderen. Wag das Nürnberger Gericht imgrunde gewesen ist: eine Form summarischer Rechtssprechung, hat wenig Bedeutung. Aber was uns im Gegenteil viel wichtiger ist, was wir den Richtern von Nürnberg viel mehr vorwerfen, das ist, sich nicht damit begnügt zu haben, eine summarische Rechtssprechung zu sein: es ist ihre Anmassung, wirklich Richter zu sein, die wir bestreiten. Es ist das, was ihre Verteidiger an ihnen verteidigen, was wir angreifen. Wir werden also ihre Anmassung, Richter zu sein, prüfen. Wir fordern nicht amerikanische Staatsmänner vor das Gericht der Wahrheit, die den Irrtum begingen, den deutschen Staatsmann zu verurteilen, der mit ihnen den Uebergabevertrag geschlossen hat, sondern das Weltgewissen auf seinem Sitze. Weil sie sagen, dass sie die Weisheit sind, werden wir tatsächlich so vorgehen,

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als ob wir sie für Weise halten. Weil sie sagen, dass sie das Gesetz sind, nehmen wir sie für den Augenblick als Gesetzgeber an: dringen wir also in Begleitung der Herren Shawcross, Justice Jackson und Rudenko in die Gärten des neuen Rechts ein: es ist eine von Wundern bevölkerte Erde!

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Beginnen wir mit der Bemerkung, dass es uns nicht erlaubt ist, sie zu übersehen. Die Entdeckungsreise, die wir zu machen im Begriff sind, hat etwas Ergreifendes, weil diese Welt nicht übersehen werden darf. Es ist diejenige, in der wir leben werden. Es sind die Deutschen, die angeklagt sind. Aber die ganze Welt, und schliesslich wir selbst sind die Unterworfenen: denn alles was wir gegen die Rechtssprechung von Nürnberg unternehmen, ist fortan ein Verbrechen und kann uns als Verbrechen zugerechnet werden. Dieser Prozess hat das Gesetz der Völker gesprochen, was zu übersehen niemandem erlaubt ist. Achthunderttausend Chinesen werden vielleicht in zehn Jahren im Namen der Satzung von Nürnberg gehängt, da sich nun einmal zweihunderttausend Deutsche zu Ehren des Briand-Kellog-Paktes in Konzentrationslagern befinden, von dem sie vielleicht niemals haben sprechen hören.

Die erste Terrasse, auf der sich die neuen Gärten des Rechts ausdehnen, ist eine ganz neuzeitliche Auffassung der Verantwortlichkeit. Wir hatten bisher geglaubt, dass wir nur für unsere eigenen Handlungen einzustehen hätten. Auf diesen Grundsatz hatten wir unsere bescheidenen Glaubensformen gegründet. Dieser Grundsatz ist heute überholt. Um der Moral der Völker eine sichere Grundlage zu geben, hat man sie auf die Kollektivverantwortlichkeit gegründet.

Verstehen wir uns über diesen Punkt! Die Richter von Nürnberg haben niemals gesagt, dass das deutsche Volk gesamthaft für die Handlungen des nationalsozialistischen Regimes verantwortlich sei. Sie haben sogar mehrmals das Gegenteil versichert. Das deutsche Volk ist von der öffentlichen Meinung der zivilisierten Völker gesamthaft verurteilt wor-

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den. Es flösst Schrecken ein. Aber die Richter spielen die olympische Ruhe und klagen es nicht amtlich in seiner Gesamtheit an. Immerhin ist das Völkerrecht wie die Steuer. Es bedarf eines Gegenstandes, dem man etwas auferlegen kann: eine Verurteilung ist nur dann möglich, wenn es zuvor Schuldige gegeben hat! Und es ist unerträglich, dass man schliesslich nur einen Stufenbau findet, der in einen einzigen verantwortlichen Führer ausmündet, der Euch den übeln Streich spielt, sich das Leben zu nehmen. Daher beschreibt das neue Recht zuerst die seiner Gerichtsbarkeit Unterstehenden. Schuldig sind alle diejenigen, die Teil einer «verbrecherischen Organisation» bilden.

Nichts Vernünftigeres! Doch beginnen hier die Schwierigkeiten. Denn diese Begriffe des neuen Rechts haben alle etwas Unbestimmtes. Sie sind bis ins Unendliche dehnbar. Eine verbrecherische Organisation hat etwas Gemeinsames mit einem Kriminalroman: erst am Ende kennt Ihr den Schuldigen. So bilden die Kader der nationalsozialistischen Partei eine verbrecherische Organisation. Aber die Kader der kommunistischen Partei, die ihnen sehr gleichen, bilden keine verbrecherische Organisation. Die Menschen allerdings haben in beiden Fällen dieselbe Gemütsart. Sie wenden die gleichen Verfahrensweisen an und in beiden Fällen mit der gleichen Leidenschaftlichkeit: sie stellen sich ebenfalls das gleiche Ziel, das die Gewaltherrschaft der Partei ist. Es gibt also nichts in ihrer Zusammensetzung, oder, wie die Philosophen sagen, in ihrem Wesen, das diese beiden Gruppen voneinander unterscheidet. Es gibt auch in ihrem Verhalten nichts, da der Geschichtsforscher behauptet, dass die Verantwortlichen der kommunistischen Partei nicht behutsamer mit dem Leben und der menschlichen Freiheit umgehen wie die Verantwortlichen der nationalsozialistischen Partei. Werden wir die Demütigung haben, schliessen zu müssen, dass wir die einen verurteilen, weil wir sie unter unserm Stiefel halten, und dass wir den Andern keinen Prozess machen, weil sie unser spotten können? Immerhin ist das eine Annahme, die wir nicht ausschalten können. Die Ge-

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richtsbarkeit der zwischenstaatlichen Rechtssprechung beschränkt sich auf die schwachen oder besiegten Länder. Sie nennt Nachteil bei den starken Völkern, was sie bei den besiegten Verbrechen nennt. Sie ist völlig verschieden von der straf- oder zivilrechtlichen Rechtsprechung, in dem Sinne, dass sie bestimmte Handlungen nicht treffen kann, und infolgedessen ohnmächtig ist, eine wirklich allgemeine Bezeichnung der Handlungen aufzustellen. Diese Rechtsprechung ist wie das Tageslicht: es beleuchtet nie mehr als die Hälfte der bewohnten Erde.

Ihre Ohnmacht ist ihr geringerer Fehler. Denn es gibt guten Glauben auch in der Ohnmacht. Aber das zwischenstaatliche Gesetz ist ausserdem ein Sklave der politischen Zufälligkeiten: es gibt Verurteilungen, die es nicht aussprechen will! Der Kreis der politischen Leiter der kommunistischen Partei könnte auf dem Papier sehr wohl durch ein Gericht verurteilt werden, das ohnmächtig wäre, seinem Urteil Nachachtung zu verschaffen: das wäre weniger schwerwiegend, als ein Gericht zu sehen, das mit Vorbedacht die offensichtliche Verwandtschaft des Kreises der kommunistischen Leiter mit dem Kreis der nationalsozialistischen Leiter übersieht. Es ist hier zu klar, dass es darin keine Gerechtigkeit für Alle gibt, noch geben kann. Es heisst nicht mehr: «Jenachdem Ihr mächtig oder elend seid», sondern: «Jenachdem Ihr im einen oder im andern Lager steht». Man merkt dann, dass die verbrecherische Eigenschaft vom Wesen auf den Zweck verlagert wird, und sogar nicht auf den wirklichen Zweck der Organisation, auf ihren entfernten Zweck, weil das Gericht weit davon entfernt, amtlich den fortschrittlichen Charakter der Stalinischen Diktatur gelten zu lassen, sondern auf einen naheliegenden Zweck, dessen einziger Richter das Gericht ist. Die selben Handlungen sind nicht mehr verbrecherisch durch ihre Bestimmung und in sich selbst. Sie sind oder sind nicht verbrecherisch je nach dem Gesichtswinkel: die Verschickungen, die schlussendlich der Sache der Demokratie dienen, werden von der neuen Rechtsprechung nicht als verbrecherische Handlungen verfolgt,

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während jede Verschickung verbrecherisch ist im Lager der Feinde der Demokratie. So sieht das Gericht die Handlungen mit einem Anzeichen von Brechung, wie Stöcke, die man im Wasser betrachtet: unter dem einen Winkel sind sie gerade, unter einem andern krumm.

Das macht das Leben für uns Privatpersonen recht schwierig. Denn es geht daraus hervor, dass niemand niemals ganz sicher ist, nicht Teil einer verbrecherischen Organisation zu bilden. Der deutsche Schuhmacher, Vater von drei kleinen Kindern, alter Kämpfer von Verdun, der 1934 eine Mitgliedkarte bei der nationalsozialistischen Partei gefasst hat, ist vom öffentlichen Kläger angeklagt worden, einer verbrecherischen Organisation anzugehören. Was machte der französische Kaufmann, Vater von drei Kindern, alter Kämpfer von Verdun, der in die Bewegung der Croix de Feu eingetreten war, anderes? Der eine wie der andere glaubte eine politische Bewegung zu unterstützen, die tauglich wäre, die Wiedererhebung seines Landes sicherzustellen. Der eine wie der andere hat dieselbe Handlung begangen: und trotzdem haben die Ereignisse jeder der beiden Handlungen einen verschiedenen Wert gegeben. Der eine ist ein Patriot (unter der Bedingung, dass er den englischen Rundfunk gehört hat, wohlverstanden), aber der andere wird von den Vertretern des Weltgewissens angeklagt.

Diese Schwierigkeiten sind von grösster Wichtigkeit. Der Boden flieht uns unter den Füssen weg. Unsere weisen Rechtsgelehrten geben sich vielleicht nicht Rechenschaft, aber sie greifen da eine völlig neuzeitliche Auffassung der Rechtspflege auf, diejenige, die in Sowjetrussland den Prozessen von Moskau als Grundlage gedient hat. Unsere Auffassung der Rechtspflege war bisher römisch und christlich gewesen: römisch in der Forderung, dass jede strafbare Handlung eine unveränderliche Bezeichnung erhält, die sich auf das Wesen der Handlung selbst bezieht, gleichgültig wo und von wem sie begangen wurde; christlich darin, dass die Absicht immer in Rücksicht gezogen werden musste, sei es um die Umstände der als verbrecherisch bezeichneten

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Handlung zu erschweren oder zu erleichtern. Aber es gibt eine andere Auffassung von Schuld, die aus verschiedenen Gründen, als marxistisch bezeichnet werden kann, und die in dem Gedanken besteht, dass eine bestimmte Handlung, die an sich und nach ihrer Absicht im Augenblick, wo sie begangen wurde, nicht strafbar war, unter einer bestimmten späteren Betrachtungsweise der Ereignisse, gesetzlich als strafbar erscheinen kann. Ich treibe hier keine Gleichschaltung. Die Marxisten sind guten Glaubens, wenn sie das sagen. Denn sie leben in einer Art nicht-euklidischer Welt, wo die Linien der Geschichte durch den marxistischen Gesichtspunkt gruppiert und entstellt, oder wenn man will, harmonisiert erscheinen. Während die Herren Shawcross und Justice Jackson, die englischen und amerikanischen Ankläger, in einer euklidischen Welt leben, wo alles sicher ist, wo alles klar ist, wo alles es wenigstens sein sollte, und wo die Tatsachen die Tatsachen sein sollten und sonst nichts. Allein ihr schlechter Glaube führt uns in eine Welt, wo nichts sicher ist. Unsere Absichten zählen nicht mehr. Selbst unsere Handlungen zählen nicht mehr. Was wir wirklich sind, zählt nicht mehr. Sondern unsere eigene Geschichte und unser eigenes Leben können fortan durch eine Art von politischem Demiurgen, durch einen Töpfer, der ihnen eine Form verleiht, die sie nie gehabt haben, geknetet, ausgewalzt und aufgeblasen werden. Jede unserer Handlungen in der Welt, die sich vorbereitet, ist wie eine Seifenblase, die die Geschichte am Ende ihres Strohhalmes hält: sie kann ihr die Gestalt und die Farbe geben, die sie schlussendlich will. Und der Richter nähert sich dann und sagt zu uns: «Ihr seid nicht mehr ein deutscher Schuhmacher, oder ein französischer Kaufmann, wie Ihr zu sein glaubtet; Ihr seid ein Ungeheuer. Ihr habt einer Vereinigung von Uebeltätern angehört, Ihr habt teilgenommen an einer Verschwörung gegen den Frieden, wie es sehr deutlich aus dem ersten Teil meiner Anklagerede hervorgeht».

Was werden wir den Deutschen antworten, wenn sie uns eines Tages sagen, dass sie nichts Ungeheuerliches im Natio-

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nalsozialismus selbst sehen? Dass Ausschreitungen durch diese Herrschaftsordnung haben begangen werden können, wie sie in allen Kriegen und jedes Mal vorkommen, wenn eine Herrschaftsordnung die Aufgabe, sie gegen Sabotage zu schützen, Polizeielementen anvertrauen muss. Aber dass nichts von an all dem das Wesen des Nationalsozialismus berührt. Und dass sie weiterhin überzeugt sind, für Gerechtigkeit und Wahrheit gekämpft zu haben, d. h. für das, was sie damals als Gerechtigkeit und Wahrheit ansahen und zu sehen fortfahren. Was werden wir diesen Menschen antworten, gegen die wir einen Glaubenskrieg geführt haben? Auch sie haben ihre Heiligen. Was werden wir ihren Heiligen antworten? Wenn einer unter ihnen uns diese gewaltige Ernte an Grösse und Aufopferung in Erinnerung ruft, die das junge Deutschland mit all seinen Kräften dargebracht hat, wenn uns die Tausende dieser so schönen Aehren vor der neuen Ernte dargeboten werden: was werden wir, wir Mitschuldige der Richter, Mitschuldige der Lüge, sagen? Wir haben im Namen eines gewissen Begriffes von menschlichem Fortschritt verurteilt. Wer gibt uns die Gewähr, dass dieser Begriff richtig ist? Er ist nur ein Glaube wie ein anderer. Wer gibt uns die Gewähr, dass dieser Glaube wahr ist? Die Hälfte der Menschen sagt uns bereits, dass er falsch ist, dass auch sie bereit sind zu sterben — als Zeugen eines anderen Glaubens! Was ist dann wahr? Ist es unser Glaube oder derjenige der sozialistischen sowjetischen Republiken Russlands? Und wenn schon niemand wissen kann, welche unter den Richtern die Wahrheit innehatten, was ist dieses Unbedingte wert, in dessen Namen wir die Zerstörung und das Unglück verbreitet haben? Wer beweist uns, dass der Nationalsozialismus nicht auch die Wahrheit war? Wer beweist uns, dass wir nicht Zufälligkeiten, unvermeidliche Zwischenfälle im Kampfe, für das Wesentliche genommen haben, wie wir es vielleicht beim Kommunismus tun? Oder noch einfacher, wenn wir gelogen hätten? Und wenn der Nationalsozialismus in Wirklichkeit die Wahrheit und der Fortschritt, oder wenigstens eine Art von Wahrheit und

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Fortschritt gewesen wäre? Wenn die kommende Welt sich nur durch eine Wahl zwischen dem Kommunismus und dem autoritären Nationalismus errichten liesse? Wenn die demokratische Auffassung nicht gangbar, wenn sie durch die Geschichte verurteilt wäre? Wir lassen gelten, dass man Städte zermalmen kann, um das Wesentliche obsiegen zu lassen, um die Zivilisation zu retten: und wenn der Nationalsozialismus auch einer dieser Kampfwagen wäre, die die Götter tragen und deren Räder, wenn nötig, über Tausende von Körpern rollen müssen? Die Bomben beweisen nichts gegen eine Idee. Wenn wir eines Tages Sowjetrussland zermalmen, ist der Kommunismus weniger wahr? Wer kann sicher sein, dass Gott in seinem Lager ist? Im Grunde geht es bei dieser Auseinandersetzung nur um eine Kirche, die eine andere Kirche anklagt. Jenseitige Lehren beweisen sich nicht.

Doch führen uns diese Fragen zu weit. Sie haben an dieser Stelle nur einen Daseinsgrund: sie machen uns auf andere Art und ein Mal mehr verständlich, dass die Lage der Sieger beunruhigend und heikel, und die Ungerechtigkeit für sie unbedingt notwendig ist! Es handelt sich um eine zweite Affäre Dreyfuss! Wenn der Angeklagte unschuldig ist, schwankt ihre Welt in den Grundfesten. Nehmen wir uns in acht, wenn wir sie hören, und kehren zu unseren Rechtsbetrachtungen zurück, d. h. zu diesem deutschen Schuhmacher, der sich, ohne es zu wissen, nach seinem Uebergang in eine richterliche Maschinerie, die stark den Zerrspiegeln des Museums Grévin gleicht, als Mitschuldiger einer Vereinigung von Uebeltätern fand.

Man wird im weiteren feststellen, dass diese neue Art, das Recht aufzufassen, ein Abgehen von der christlichen Welt bedeutet, die zwar keine euklidische Welt war — die römische Welt, das römische Recht ist euklidisch —, die uns aber die Möglichkeit zur Besserung in umgekehrter Richtung brachte. Nach der christlichen Auffassung des Rechts konnte der Mensch immer die Absicht verteidigen. Sogar wenn seine eigenen Handlungen ihn selbst erschreckten: denn die

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Erscheinung des Gesichtswinkels, die im neuen Recht so grosse Bedeutung erhält, ist eine Wirklichkeit. An einer Wegbiegung, die das Geschehen macht, können unsere Handlungen mit einem Gesicht erscheinen, das wir nicht wieder erkennen. Die fremden Handlungen, die sie umgeben, färben auf ihre Erscheinung ab. Handlungen, für die wir nicht verantwortlich sind, drücken durch ihre Nähe auf den Bereich unserer eigenen Verantwortlichkeit. Was wir selbst waren, ist dann verwandelt durch das Spiel von Schatten, Licht und Abstand. Ein Fremder erhebt sich in der Vergangenheit, und dieser Fremde sind wir selbst. Das christliche Recht war in dieser Hinsicht ein Recht der Wiederherstellung der Persönlichkeit gegenüber dem römischen Recht, das geometrisch, wissenschaftlich und gegenständlich war. Es hatte das Bestehen dieses Gesichtswinkels des Geschehens erfahren und gab dem Menschen das Recht zum Aufschrei: «Das hatte ich nicht gewollt!» Es hatte in das Recht sogar einen seelischen Bestandteil eingeführt, der es gestattete, der Gegenständlichkeit der Tatsachen eine seelische Gegenständlichkeit gegenüberzustellen, die diesen oft widersprach. Das menschliche Recht war vor allem ein Erforschen der Ursachen geworden. Es näherte sich so nah wie möglich der Handlung: es neigte sich über die Gesichter! Es genügt, diese Grundsätze in Erinnerung zu rufen, um zu sehen, was wir mit einem Schlag ausgelöscht haben. Nürnberg will nicht mehr die Gesichter sehen. Nürnberg will nicht einmal die Handlungen auf den Einzelnen beziehen: Nürnberg sieht Massen, denkt in Massen und Statistiken und liefert dem weltlichen Arm aus. Man richtet nicht mehr. Das ist aus der Mode gekommen. Man putzt aus, man schneidet aus!

Diese Umwandlung des Rechts hat sich mit Unterstützung der Christen selbst vollzogen, oder wenigstens von einigen von ihnen und zum hohen Ruhme der Gottheit! Es handelt sich, man erinnert sich vielleicht daran, um die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit. Ich bin nicht sicher, ob diese Christen sich Rechenschaft gaben, dass dieses Rückwärtsschreiten des Rechts eine Absage an den christlichen Ge-

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danken selbst war. Dass sie durch diese Zusammenarbeit die geduldige Arbeit der gemeinsamen Nennerbestimmung zwischen der Christuslehre und dem römischen Recht vernichteten und umgekehrt Stellungen stärkten, die anzuprangern sie nicht müde geworden waren. Diese durch Leidenschaft und Furcht verursachte falsche Parteinahme hat viel schwerere Folgen als man vorerst glaubt. Die Kirche tritt heute als Verteidigerin von Leuten gegenüber Regierungen auf, die bei sich nur eine Ordnung zur Anwendung gebracht haben, deren Allgemeinheit durch das Urteil von Nürnberg verkündet worden war. Sie findet darin den Zusammenhang mit der christlichen Ueberlieferung wieder. Aber müsste sie sich dann nicht eines Tages gegen die Zweideutigkeiten erheben und überall die Kollektivurteile verurteilen, wo sie ausgesprochen worden sind und nicht nur in gewissen Ländern Europas? Und ihre Zustimmung zum neuen aus Nürnberg hervorgegangenen Recht, die sie vorerst gegeben zu haben schien, zurückziehen? Man muss wählen, wie Christus zu sprechen oder wie Herr François de Menthon.

Man muss indessen anerkennen, dass unsere Rechtsgelehrten Heilmittel für alles haben und selbst für das gefährliche Leben, das zu führen sie uns gegenwärtig zwingen. In Wirklichkeit sind diese Heilmittel nicht in den Schuldspruch geschrieben. Sie wurden nicht in der Gerichtsverhandlung enthüllt. Sie ergeben sich aus dem Wesen, aus dem Geist, wenn man so sagen darf, von Nürnberg. Und schliesslich aus der Art, wie dieses Urteil dargestellt und ausgelegt wurde. Aber wäre unsere Auslegung vollständig, wenn wir die Ratschläge übersähen, die uns am Ausgang der Gerichtsverhandlungen durch berufene Stimmen erteilt wurden? Wir haben seit drei Jahren erfahren, dass die Begleittexte der Gerichtsberichterstatter nicht weniger Einfluss auf das Los der Angeklagten hatten als die Artikel des Strafgesetzbuches.

Seht Ihr, so sagen die Schreiber unserer neuen Rechtsgelehrten, es gibt ein sehr einfaches Mittel, zu erkennen, ob die Organisation, der Ihr angehört, eines Tages Gefahr läuft, als verbrecherisch erklärt zu werden. Ihr müsst Euch

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grundsätzlich hüten vor der Entschlusskraft. Wenn Ihr irgendwo das Eigenschaftswort nationalistisch hört, wenn man Euch auffordert, Herr im eigenen Hause zu sein, wenn man Euch von Einigkeit, von Selbstzucht, von Kraft und Grösse spricht: Ihr könnt nicht leugnen, dass das ein wenig demokratischer Wortschatz ist und Ihr infolgedessen Gefahr lauft, Eure Organisation eines Tages verbrecherisch werden zu sehen. Hütet Euch also vor den schlechten Gedanken und wisst, dass das, was wir verbrecherisch nennen, immer durch die gleichen Absichten abgesteckt ist.

Die Schreiber gehen hier mit dem Schuldspruch einig. Das Urteil, das im ersten Band des Prozesses zu finden ist, stellt das Bestehen einer «Verschwörung oder eines verabredeten Planes gegen den Frieden» fest. Diese Erklärung ruft mancherlei Auslegungen. Aber es ist auf jeden Fall klar, dass die Verschwörung mit der Entstehung der Partei beginnt: die Partei selbst ist das Werkzeug der Verschwörung und letztendlich die Verschwörung. Dieser Entscheid hat einzigartige Folgen. Er kommt in Wirklichkeit dem Verbot gleich, sich zu bestimmten Zwecken und unter Annahme bestimmter Verfahrensweisen zu vereinigen. Gerade das will das Gericht sagen: Ihr lauft Gefahr, sagt es, eines Tages Verbrechen gegen den Frieden oder Verbrechen gegen die Menschheit zu begehen. Und Ihr könnt nicht vorgeben, dass Ihr es nicht wusstet, da man ja Mein Kampf für Euch geschrieben hatte! Die Verurteilung gilt also letztendlich dem Parteiprogramm! Und dadurch bildet das Urteil für die Zukunft einen Eingriff in jede nationale Selbständigkeit. Eure Regierung ist schlecht, sagen uns die Rechtsgelehrten. Ihr seid frei, sie zu wechseln: aber Ihr habt nur das Recht, sie nach bestimmten Regeln zu ändern. Ihr denkt, dass die Organisation der Welt nicht vollkommen ist: Ihr könnt versuchen, sie zu ändern. Aber es ist Euch verboten, Euch dabei auf bestimmte Grundsätze zu berufen. Dabei findet es sich, dass die Regeln, die man uns auferlegt, solche sind, die die Ohnmacht verewigen, oder dass die Grundsätze, an die zu denken man uns untersagt, solche sind, die

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die Unordnung beseitigen würden.

Diese Anklage wegen Verschwörung ist eine hervorragende Erfindung. Die Welt ist fortan auf ewig demokratisch. Sie ist demokratisch durch Rechtsentscheid. Fortan lastet auf jeder Art nationaler Wiedergeburt ein richterlicher Vorentscheid. Und das ist unendlich schwerwiegend. Denn in Wirklichkeit ist jede Partei ihrer Begriffsbestimmung nach eine Verschwörung oder ein verabredeter Plan, weil jede Partei eine Verbindung von Menschen darstellt, die sich vornehmen, die Macht zu ergreifen und ihren Plan, den sie Programm nennen, auszuführen, oder wenigstens den grösstmöglichen Teil davon. Der Entscheid von Nürnberg besteht also darin, eine vorgängige Auswahl unter den Parteien zu treffen. Die einen sind verfassungsmässig und die anderen verdächtig. Die einen sind in der Linie des demokratischen Geistes und haben infolgedessen das Recht, die Macht zu ergreifen und einen verabredeten Plan zu haben, da man sicher ist, dass dieser verabredete Plan niemals die Demokratie und den Frieden bedrohen wird. Die Anderen umgekehrt haben nicht das Recht zur Macht und infolgedessen ist es unnütz, dass sie bestehen: es versteht sich, dass sie im Keime alle Arten von Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit enthalten. Nach solchem ist es erstaunlich, dass die Amerikaner die Politik des Herrn Gottwald nicht verstehen: denn Herr Gottwald macht nichts anderes, als in seinem Land die weisen, durch das neue Recht eingegebenen Vorsichtsmassnahmen anzuwenden, wobei er bloss dem Wort demokratisch einen etwas besonderen Sinn gibt.

Es liegt in dieser einfachen Erklärung also ein Grundsatz der Einmischung. Nun hat diese Einmischung aber die Eigentümlichkeit, dass kein feststellbarer Wille aus ihr spricht, oder wenigstens zu sprechen scheint. Es ist nicht diese Grossmacht im besonderen oder jene Gruppe von Grossmächten, die sich der Wiederherstellung nationaler Bewegungen widersetzt. Es ist eine viel unbestimmtere Wesenheit. Es ist ein Wesen ohne Macht und Geschäfts-

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räume. Es ist das Gewissen der Menschheit. «Wir wollen solches nicht wiedersehen», sagt das Gewissen der Menschheit. Wir werden sehen, doch niemand weiss genau, was das ist: solches. Aber diese Stimme der Menschheit ist sehr bequem. Diese namenlose Macht ist nur ein Grundsatz der Ohnmacht. Sie erlegt nicht auf. Sie beansprucht nicht, irgendetwas aufzuerlegen. Ob eine dem Nationalsozialismus entsprechende Bewegung sich morgen bildet: es ist ganz sicher, dass die UNO nicht eingreifen wird, um ihre Unterdrückung zu verlangen. Aber das Weltgewissen wird jeder Regierung beistimmen, die das Verbot einer solchen Partei ausspricht, oder zu ihrer Bequemlichkeit, jeder Partei, die sie beschuldigt, dem Nationalsozialismus zu gleichen. Jede nationale Erhebung, jede Politik der Entschlusskraft oder einfach der Sauberkeit, wird so verdächtigt. Man hat die Gewissen verrenkt und sieht uns jetzt hinken. Wer hat das getan? Wer hat das gewollt? Es ist Niemand, wie der Zyklop schrie. Der Ueberstaat besteht nicht. Aber die Einspracherechte des Ueberstaates bestehen: sie sind im Schuldspruch von Nürnberg enthalten. Der Ueberstaat fügt das Uebel, das er zufügen kann, zu, bevor er fähig ist, Dienste zu leisten. Das Uebel, das er zufügen kann, besteht darin, uns gegenüber allem zu entwaffnen. Seinen Feinden gegenüber ebenso wie den unsrigen gegenüber.

Das ist eine einzigartige Lage. Wir sind entwaffnet und bedroht durch eine Idee, durch nichts anderes als eine Idee! Nichts ist verboten. Aber wir sind gewarnt, dass eine bestimmte Denkweise nicht gut ist! Wir sind eingeladen, in uns gewisse Zuneigungen vorzubereiten und in uns mehrere endgültige Ablehnungen einzurichten. Man lehrt uns, wie die Kinder, Worte zu verbinden: «Herr Mandel ist ein grosser Patriot; Herr Roosevelt ist ein grosser Bürger der Welt; Herr Jean Richard Bloch ist ein grosser Schriftsteller; Herr Benda ist ein Denker». Und umgekehrt: «Ich werde nie Anhänger der Rassenlehre sein; ich werde Herrn Kriegel-Valrimont sehr lieben; ich werde auf ewig die SS, Charles Maurras und Je Suis Partout verdammen». Und dieje-

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nigen, deren Geist für solche Zuneigungen nicht empfänglich ist oder die solche Ablehnungen verwerfen? Diejenigen, deren Herz auf andere Anrufe antwortet? Diejenigen, deren Geist in anderen Kategorien denkt? Diejenigen, die anders gemacht sind? Ich habe hier den gleichen Eindruck wie beim Lesen gewisser marxistischer Texte: diese Leute haben nicht das gleiche Gehirn wie ich. Es ist eine andere Rasse. Und dieser Vergleich hilft uns auf den Weg. Es gibt eine vor lauter demokratischem «Idealismus» blinde Welt, die gleicher Art ist, wie die vor Marxismus blinde Welt. Es ist nicht erstaunlich, wenn ihre Verfahrensweisen allmählich übereinstimmen, wenn ihr Recht schliesslich das gleiche wird, obwohl die Worte bei ihnen nicht den gleichen Sinn haben. Es ist auch ein Glaube. Es ist das gleiche Unternehmen auf die Seelen. Wenn sie den Nationalismus verdammen, wissen sie sehr gut, was sie tun. Es ist die Grundlage ihres Gesetzes. Sie verdammen unsere Wahrheit. Sie erklären sie für vollständig falsch. Sie verdammen unser Fühlen, unsere Wurzeln sogar, unsere tiefste Art zu sehen und zu empfinden. Sie erklären uns, dass unser Gehirn nicht so gemacht ist, wie es sein sollte: Wir haben das Gehirn von Barbaren.

Diese ständige Warnung bereitet uns zu einer Art von politischem Leben, die wir nicht übersehen dürfen und die zu übersehen uns übrigens drei Jahre festländischer Erfahrung nicht erlauben. Die Verurteilung der nationalsozialistischen Partei geht viel weiter als es den Anschein hat. Sie trifft in Wirklichkeit alle dauerhaften Formen, alle geologischen Formen des politischen Lebens. Jedes Volk, jede Partei, die sich des Bodens, der Ueberlieferung, des Berufs, der Rasse erinnern, sind verdächtig. Wer immer das Recht des Zuerstgekommenen beansprucht und so offensichtliche Sachen wie das Eigentum des Gemeinwesens bejaht, beleidigt eine Weltmoral, die das Recht der Völker, ihre Gesetze zu verfassen, leugnet. Nicht nur die Deutschen, wir alle sind enteignet! Niemand hat mehr das Recht, sich auf seinen Acker zu setzen und zu sagen: «Diese Erde gehört

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mir». Niemand hat mehr das Recht, sich im Gemeinwesen zu erheben und zu sagen: «Wir sind die Alten. Wir haben die Häuser dieser Stadt gebaut. Wer den Gesetzen nicht gehorchen will, verlasse uns!» Es steht nunmehr geschrieben, dass ein Konzil von unspürbaren Wesen die Macht hat, zu wissen, was sich in unseren Häusern und unseren Städten zuträgt. Verbrechen gegen die Menschheit: dieses Gesetz ist gut! Dieses hier ist nicht gut. Die Zivilisation hat ein Recht zur Einsprache!

Wir lebten bisher in einer festen Welt, deren Geschlechterfolgen eine nach der anderen die Schichtungen angesetzt hatten. Alles war klar: der Vater war der Vater; das Gesetz war das Gesetz; der Fremde war der Fremde! Man hatte das Recht zu sagen, dass das Gesetz hart war, aber es war das Gesetz. Heute sind diese festen Grundlagen des politischen Lebens vom Bannstrahl getroffen. Denn diese Wahrheiten bilden das Programm einer rassisch eingestellten Partei, die vor dem Gerichtshof der Menschheit verdammt worden ist. Umgekehrt empfiehlt der Fremde eine Welt nach seinen Träumen. Es gibt keine Grenzen mehr. Es gibt keine Gemeinwesen mehr. Vom einen zum andern Ende des Festlandes sind die Gesetze die gleichen. Und auch die Pässe. Und auch die Richter und selbst die Geldsorten. Eine Polizei und ein Gehirn: der Senator von Milwaukee prüft und beschliesst! Wodurch der Handel frei wird. Endlich ist der Handel frei! Wir pflanzen Rüben, die sich zufällig nie gut verkaufen, und kaufen Maschinenpflüge, die wie sich zeigt, immer viel kosten. Und wir sind frei, Einspruch zu erheben. Frei, unendlich frei, zu schreiben, zu stimmen, öffentlich zu sprechen, vorausgesetzt, dass wir niemals Massnahmen treffen, die alles ändern könnten. Wir sind frei, uns in einer Welt von Watte zu bewegen und zu schlagen. Man weiss nicht recht, wo unsere Freiheit endet, wo unsere Nationalität endet. Man weiss nicht recht, wo das endet, was erlaubt ist! Es ist eine dehnbare Welt. Man weiss nicht mehr, wo seine Füsse hinstellen. Man weiss selbst nicht mehr, ob man Füsse hat. Man fühlt sich ganz

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leicht, wie wenn man seinen Körper verloren hätte. Aber für diejenigen, die dieser einfachen Abtrennung zustimmen: was für unendliche Vergütungen, welche Masse von Trinkgeldern! Diese Welt, die man vor unseren Augen erglänzen lässt, ist einigen Palästen der Atlantis ähnlich. Ueberall finden sich Nippsachen, falsche Marmorsäulen, Inschriften, geheimnisvolle Früchte. Beim Eintritt in diesen Palast legt Ihr Eure Macht ab. Zum Entgelt habt Ihr das Recht, die goldenen Aepfel zu berühren und die Inschriften zu lesen. Ihr seid nichts mehr. Ihr fühlt das Gewicht Eures Körpers nicht mehr. Ihr habt aufgehört, Mensch zu sein: Ihr seid Gläubige der Menschheitsreligion. Im Hintergrund des Heiligtums sitzt ein Negergott. Ihr habt alle Rechte, ausgenommen, Schlechtes über den Gott zu sagen!

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