Die Erstausgabe des Rudolf Gutachtens auf vho.org/D/rga1
Vgl. auch die revidierte Fassung dieses Abschnittes, Stand Frühjahr 1999

4.3.3.3. Proben 9 - 22: Sachentlausungsanlagen
Zur Entnahmestelle der einzelnen Proben siehe Abbildung 24 und 25.

Abbildung 24: Die Außenwand des Blausäure-Entwesungstraktes des Bauwerkes BW 5a im Hochsommer 1991. Geringe Mengen an Cyanid, die durch die Mauer diffundierten, färben die Wand bis heute stellenweise blau. 50 Jahre widrigste Witterungsverhältnisse taten dem keinen Abbruch.

Abbildung 25: Aufnahme des nordwestlich gelegenen Innenraumes des Entwesungstraktes des Bauwerkes BW 5a (siehe Abbildung 18). Im Hintergrund und rechts im Bild die Außenmauer mit der intensiven Blaufärbung durch das Eisenblau. Die Probenentnahmestellen der Proben 9 und 11 sind zu erkennen. Links im Bild die Innenmauer, die mit dem Umbau zur Heißluftentwesungskammer eingezogen wurde. Von ihr wurde die Probe Nr. 10 genommen, mit leicht positivem Cyanid-Befund.

Abbildung 26: Aufnahme des Türpfostens aus dem Entwesungstrakt des Bauwerkes BW 5a, dessen unteres, rostiges Scharnier mit Blausäure Eisenblau gebildet hat. Entnahmestelle der Probe Nr. 18.

Abbildung 27: Im Gegensatz zum Bauwerk BW 5a (siehe Abbildung 64) wurde der Entwesungstrakt des Bauwerkes BW 5b länger als Blausäure-Entwesungskammer benutzt. Dementsprechend ist dessen Außenmauer über große Flächen blau gefärbt, auch hier unbeeindruckt von 50 Jahren Witterungseinflüssen.

Bauwerk 5a: Auffallend an den Außenmauern des Entlausungstrakts von BW 5a ist, daß sie stellenweise blaue Ziegel und blaue Mörtelfugen aufweisen (siehe Abbildung 31). Probe 14 ist ein loses Ziegelbruchstück, das an allen nach außen weisenden und damit der Witterung ausgesetzten Stellen deutlich dunkelblau ist. Probe 15a ist Mörtel von der Südmauer, an dem nur die oberste Schicht von etwa 1 mm blau war. Dort muß der Cyanidwert noch über dem bestimmten Mittelwert der ersten ca. 3 mm gelegen haben. Probe 15b ist ein Ziegelsteinbruchstück, dessen blaue Schicht mit einem Spatel abgetrennt wurde (Probe 15c). Die Masse des verbliebenen Restes betrug rund das zwanzigfache der abgekratzten Schicht, hier sind nur noch geringe Cyanidkonzentrationen nachweisbar. Die mittlere Konzentration wird hier also bei 120 mg pro kg gelegen haben. Auch am Ziegelstein hat sich also nur an der äußersten, der Bewitterung zugewandten Seite das Pigment in merklichen Mengen gebildet.
Wichtig ist die Bestätigung der Erkenntnis, daß das Pigment tatsächlich eine enorme Umweltresistenz hat, da es bei den Proben 14 bis 15c intensivem Sonnenschein, Wind, Regen usw. über 40 Jahren ausgesetzt war. Schwieriger ist die Frage, wie gerade hier das Pigment in so hoher Konzentration entstehen konnte, obwohl die Außenseiten der Mauern keiner direkten Begasung ausgesetzt waren. Offensichtlich reichen die geringen Cyanidmengen, die durch das Mauerwerk hindurchdiffundieren, aus, um an der besonders bei Regenwetter feuchten Außenseite der Mauer, deren Eisenverbindungen möglicherweise durch die Umwelteinflüsse aktiviert sind, die Pigmentbildung zu ermöglichen. Ein katalytischer Einfluß der Sonnenstrahlung kann ebenso nicht ausgeschlossen werden, doch zeichnen sich die Nordmauern des Gebäudes augenscheinlich nicht durch geringere Pigmentgehalte aus. Wahrscheinlich ist, daß im Mauerwerk vorhandene, lösliche Cyanidsalze (Alkali- und Erdalkalicyanide bzw. -hexacyanoferrate(II/III)) im Laufe der Zeit durch die Verdunstung der Mauerfeuchtigkeit zur Oberfläche transportiert werden und dort bevorzugt zum Eisenblau umgesetzt werden, da hier das Eisen besonders reaktiv ist (siehe Abschnitt 2.5.5., S. 55). Das Phänomen des Wanderns zur Oberfläche ist vom Kalk (CaCO3) des Mörtels allgemein bekannt, der in feuchten Mauern zum Ausblühen bis zu einer bestimmten Mauerhöhe neigt. Wenn dieser Prozeß für dieses Phänomen verantwortlich ist, müßten neben dem Eisenblau eigentlich auch ausgeblühte Kalkkristalle oder zumindest Kalkränder sichtbar sein. Dies ist nicht der Fall. Außerdem treten die blauen Flecken vollkommen willkürlich, mal im Mörtel, mal am Ziegelstein, in unterschiedlichsten Höhen auf, nicht etwa entlang bestimmter Feuchtigkeitslinien und nicht besonders intensiv an der unteren Mauerhälfte. Eine andere Möglichkeit ist das Hindurchdiffundieren von gasförmiger Blausäure an Rißstellen des Mauerwerkes zur damaligen Betriebszeit, wo an der zeitweise feuchten und reaktiven Außenseite dann eine intensive Absorption und Pigmentbildung stattfand. Solche Rißstellen sieht man heute im Mauerwerk überall. In deren Nähe ist tatsächlich die Blaufärbung intensiver als an rißfreien Stellen. Da diese Risse jedoch sicherlich zum großen Teil erst im Laufe der Jahrzehnte ihre momentane Größe und Vielfalt erhielten, mag auch der bevorzugte Feuchtigkeits- und damit Feststofftransport entlang dieser Stellen für die intensivere Pigmentbildung verantwortlich sein.

Die Innenseiten der Außenmauern des Entlausungstraktes von BW 5a sind fast vollkommen blau, ja dunkelblau (siehe Abbildung 25, unten). Interessant ist die Abbildung der unter dem Putz befindlichen Ziegelsteinstruktur durch die unterschiedliche Intensität der Eisenblaubildung. Bekannt ist dieses Phänomen von der Kondensation überhöhter Luftfeuchtigkeit an kühlen Mauern (z.B. bei großen, stark schwitzenden Menschenversammlungen, wie bei Rockkonzerten, in Diskotheken, oder allgemein in schlecht gelüfteten Räumen) oder beim Auftreten von Feuchtigkeitsflecken in mangelhaft geheizten Räumen. Unterschiedlich gebrannte Ziegel neigen durch ihre verschiedene Wärmeleitfähigkeit mehr oder weniger zur Anreicherung von Kondensat. Die unterschiedliche Reaktivität zur Bindung des Cyanids aufgrund verschiedener Feuchtigkeitsgehalte und Temperaturen kann somit Ursache dieses Effektes sein, aber auch die unterschiedlichen Feuchtigkeitsanteile und damit Transportkapazitäten für migrierende Cyanidsalze können verantwortlich sein (siehe oben und Abschnitt 2.5.5., S. 55).
Unter der ersten, nur ca. 1 mm dicken Schicht des Verputzes dieser Wand erscheint das Material eher bläßlich blau, ähnlich wie die Ostmauer des Traktes auch oberflächlich, die eine Innenmauer der ursprünglichen Entlausungskammer darstellt (Proben 12 und 13).
Die nachträglich eingebauten Innenwände derselben Räume, also die zu den Heißluftentlausungskammern gehörenden (siehe Abbildung 19, S. 33), weisen erwartungsgemäß keinen Blauschimmer auf.
Die Ergebnisse der Analysen 9 und 11 bzw. 20 und 22 bestätigen den ersten Eindruck: Die oberste Putzschicht der Außenwände hat einen sehr hohen Cyanidgehalt, darunter fällt der Gehalt ab. Der hohe Cyanidwert der Probe 11 konnte allerdings nicht exakt reproduziert werden. Das Ergebnis der Kontrollanalyse liegt nur bei 54 % des ersten Wertes. Verantwortlich dafür kann das leicht unterschiedliche Analysenverfahren sein (siehe Fußnote Tabelle 16, S. 86).
Im reinen Eisenblau kommt auf 1 g Cyanid ungefähr 0,82 g Eisen. Aus der Eisenanalyse ergibt sich unter der Annahme, daß das Cyanid komplett als Eisenblau vorliegt, daß in der Probe 9 rund ¾ allen Eisens zum Pigment umgesetzt wurde. Bedenkt man, daß nicht alles Eisen von der Blausäure auch erreicht werden kann, so kann man von einer annähernden Sättigung der oberen Materialschicht mit dem Pigment sprechen. Der Konzentrationsabfall von der obersten Schicht in tiefere Schichten erklärt sich zum einen durch einen stärker absorbierend wirkenden, etwas kühl-feuchten Verputz, dessen oberste Schicht zuerst gesättigt wird und ein tieferes Eindiffundieren der Blausäure in das Mauerwerk behindert. Zum anderen muß auch hier, wie bei der blauen Färbung der Außenseiten der Mauern, der Effekt der Anreicherung von Cyaniden an der Oberfläche durch Wasserverdunstung bedacht werden, wobei dieser Effekt hier allerdings nach der Stillegung der Gebäude nur wenig stattgefunden haben kann mangels Luftaustausch und Sonnenaktivität im Rauminneren, also annähernder Luftfeuchtigkeitssättigung besonders des nur nach Norden mit Fenstern versehenen Raumes in Abbildung 25 (S. 88).
Die Proben 12 und 13 entsprechen den Proben 9 und 11, nur hier der Innenmauer entnommen, der Ostmauer einer der Heißluftkammern. Die Oberflächenkonzentration ist wesentlich niedriger als an den Außenmauern, ein Konzentrationsprofil ist hier nicht zu erkennen. Dies kann daran liegen, daß die trockene Wand die Blausäure leichter in das Mauerwerk eindiffundieren läßt, während die Blausäure an den feuchten Außenwänden bevorzugt oberflächlich reagiert. Wahrscheinlich ist aber, daß in der Innenwand wegen Trockenheit keine Migration löslicher Cyanidsalze zur Oberfläche stattfindet.
Die Proben aus den Wänden, die mit dem Umbau zur Heißluftdesinfektion eingebaut wurden, sollten keine Cyanidrückstände aufweisen. Probe 10 aus der nachträglich eingebauten Innenmauer weist aber bezeichnenderweise auch einen merklichen Cyanidgehalt auf, obwohl diese Wand erst mit der Umrüstung zur Heißluftdesinfektion eingezogen wurde. Probe 21 entstammt dem Mörtel zwischen dem Ziegelsteinen der nachträglich eingezogenen Mauer, 1 cm bis 5 cm ins Mauerwerk hinein. Dort hat das Mauerwerk der Innenmauer einen Riß. Auch in dieser Innenmauer zeigt die Analyse minimale Cyanidspuren. Dieser Befund kann auf eine Entlausung dieser Räume nach der Umrüstung zur Heißluftdesinfektion hinweisen, falls nicht die geringen Mengen ohnehin jeden Aussagewert verloren haben, wie die Kontrollanalysen anderer Proben ergaben.

Probe 18 schließlich entstammt dem Türrahmen, der erst nach der Umrüstung auf Heißluftdesinfektion eingebaut wurde. Unterhalb des unteren Scharniers ist das Holz deutlich blau gefärbt (siehe Abbildung 26, S. 89). Durch die Bodenfeuchtigkeit im Zusammenhang mit rostendem Eisen konnte sich hier das Pigment bilden, vorausgesetzt, die Räume wurden entweder nach dem Umbau der Anlage mit Blausäure beschickt oder der Boden der Anlage gab noch über längere Zeiträume Cyanide ab. Im ersteren Fall wären die Cyanidspuren in den nachträglich eingezogenen Wänden (Proben 10 und 21) tatsächlich durch Raumbegasungen erklärbar. Schließlich kann diese gasdichte Tür auch beim Umbau zur Heißluftdesinfektion aus dem Zugang zum Blausäure-Sachentlausungstrakt ausgebaut und hier wiederverwendet worden sein. Das Analysenergebnis sollte nur bedingt quantitativ betrachtet werden, da organisches Material Störungen verursachen kann. Bestätigt wird auf jeden Fall die hohe Reaktivität feuchter Eisenoxidmischungen (Rost, vergleiche Abschnitt 2.3.2., S. 41).

Bauwerk 5b: Die Außenmauern des Entlausungstraktes BW 5b sind nicht nur stellenweise blau, wie im Fall BW 5a, sondern fast vollkommen, bis hinein in das Erdreich (siehe Abbildung 27, unten). Eine Ausnahme bildet hier die Ostmauer, die kaum blaue Färbung aufweist (siehe Abbildung 20, S. 34). Die Analyse eines Ziegelbruchstücks der Südseite (Probe 16) ergibt somit auch einen äußerst großen Wert. Hier reicht das Pigment tiefer in das Gestein hinein. Auch hier hatte die Witterung keinen sichtbar oder meßbar verringernden Einfluß auf die Pigmentkonzentration. Ungefähr 17 % des Eisens im Ziegelbruchstück sind zum Pigment umgesetzt, trotz der auch hier nur geringen Konzentration an Cyaniden, die die Außenseite des Mauerwerks erreichen konnte. Erklärbar ist der augenfällige Unterschied zum äußerlich nur stellenweise blauen BW 5a mit der längeren Verwendungszeit dieses Traktes als Zyklon B-Entlausungskammer (siehe Abschnitt 1.4., S. 32). Der Grund für die merklich geringfügigere Blaufärbung der Ostseite der Außenmauer dieses Traktes ist unklar, kann jedoch auf den geringen Witterungseinfluß auf diese Seite erklärt werden (östliche Winde sind meist gekoppelt mit trockenem Wetter). Sollten Putzproben der Innenseite dieser Mauer ebenfalls niedrige Cyanidwerte aufweisen, so weist dies auf eine ungleichmäßige Begasung der Mauern hin, eventuell hervorgerufen durch eine Aufteilung des Raumes in mehrere an die Süd- und Nordmauer grenzende Begasungszellen (siehe Abschnitt 3.3., S. 59).
Betrachtet man sich den Innenraum dieses Traktes, so ist man überrascht ob der zumeist weißen Wände. Nur an wenigen Stellen erkennt man fahl-grüne Flecken. Die Analyse des grünfarbenen Putzes unter der oberen Putzschicht, Probe 17, ergibt aber den höchsten überhaupt gefundenen Wert, trotz einer darüber befindlichen, 3 bis 4 mm dicken Putzschicht aus einem kompakten, sehr harten Material. Bezüglich der Umsetzung des Eisens gilt hier das, was in BW 5a nur für die oberste Putzschicht gilt: annähernde Sättigung. Die Farbe des Materials, hier nur grünlich, hat offensichtlich nicht unbedingt direkte Aussagekraft bezüglich des Cyanidgehaltes. Weil selbst bei Maximalwerten der Pigmentanteil am Putz nur etwa 1,5 % beträgt, ist die stellenweise intensive Blaufärbung der Oberfläche ohnehin so nicht zu erklären. Vielmehr rühren die dunkelblauen Farbtöne von einer noch höheren Pigmentkonzentration in den obersten Schichten im Mikrometerbereich her, bedingt durch oben beschriebene Anreicherungsprozesse.
Probe 19 wurde zweigeteilt, da die oberste Putzschicht dieses Raumes sich sichtbar von der darunterliegenden unterscheidet: Die ersten 4 mm des Putzes bestehen aus einem weißen, spröden, harten Material (sandarmer Kalkputz), die unteren Schichten aus ockerfarbenem, sandreichem Kalkputz. Die Trennung gelang nicht vollständig, Teile des sandreichen Mörtels blieben bei Probe 19a. Die Analyse auf Eisen, die bei vollkommener Trennung möglicherweise noch niedriger ausgefallen wäre, bestätigte die Annahme, daß die obere Schicht ein eisenarmer Kalkputz ist. Damit wird die mangelnde Bildung blauer Farbflecken an der Putzoberfläche in diesem Raum erklärbar, da zur Pigmentbildung zu wenig Eisen zur Verfügung steht. Dennoch zeigt auch die obere Putzschicht recht hohe Cyanidwerte. Damit kann ausgeschlossen werden, daß diese Putzschicht nach Beendigung der Entlausungsaktionen aufgebracht wurde.

Die Hypothese von J. Bailer, daß blaue Anstrichfarbe für die hohen Cyanidwerte der Proben aus den Entlausungskammern verantwortlich sei, entspricht nicht den Tatsachen[6]:

lassen sich auch nur annähernd durch eine Anstrichfarbe erklären. Die Cyanidrückstände in Form des Eisenblaus entstanden durch die Begasung der Räumlichkeiten mit Blausäure, freigesetzt aus dem Trägerstoff des Produkts Zyklon B. Blausäure reagiert also, entgegen der These von Bailer, sehr lebhaft mit den Eisenverbindungen des Mauermaterials unter Bildung des äußerst langzeitstabilen Pigments Eisenblau.

Nächstes Kapitel
Vorheriges Kapitel

Zurück zum Inhaltsverzeichnis