Die völkerrechtswidrige Kriegsführung Stalins im "Großen Vaterländischen Krieg,"

Die völkerrechtlichen Bestimmungen

Der Rußlandfeldzug, wie die Deutschen den Krieg nannten, bzw. der Große Vaterländische Krieg, wie ihn die Sowjets nannten, war in vielerlei Hinsicht ein Krieg außerhalb des Völkerrechts. Die ideologische Auseinandersetzung zwischen Nationalsozialismus und Sozialismus artete in weiten Strecken zu einem Vernichtungskrieg aus. Die deutschen Soldaten führten entsprechend den Propagandathesen des Reichsministeriums für Völksaufklärung und Propaganda einen Krieg zur Rettung des Abendlandes vor dem Bolschewismus. Die sowjetischen Soldaten kämpften für die Verbreitung des Marxismus-Leninismus. Die einen starben für Führer, Volk und Vaterland und die anderen für die Zukunft des Proletariats und für Stalin. Das Völkerrecht wurde von beiden Seiten gebrochen.

Die im Zweiten Weltkrieg geltenden völkerrechtlichen Vereinbarungen waren die Haager Landkriegsordnung vom 18.10.1907 (Anlage zum 2. Abkommen, betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs), die Genfer Kriegsgefangenenkonvention vom 27.7.1929 (Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen) und die Genfer Konvention für Verwundete und Kranke vom 27.7.1929 (Genfer Abkommen zur Verbesserung des Loses der Verwundeten und Kranken der Heere im Felde). Sie regelten die Beziehungen zwischen den kriegführenden Mächten und legten die Verhaltensweisen der Kombattanten im Krieg fest (ius in bello).

Die Sowjetunion stand völkerrechtlich außerhalb der Staatengemeinschaft. Lenin hatte alle Vereinbarungen, die 1907 in Den Haag von den Vertretern fast aller Staaten unterzeichnet worden waren, als eine Erbschaft des Zarenreiches gekündigt. Der Zar war es gewesen, der die Konferenz initiiert hatte und dessen Vertreter maßgeblich an den Formulierungen der Texte mitgearbeitet hatten. Den beiden Genfer Konventionen von 1929 war die UdSSR überhaupt nicht beigetreten.[48] Das hatte zur Folge, daß die Verträge für Kriege mit der Sowjetunion nicht galten. Als die Rote Armee im September 1939 aufgrund des Ribbentrop-Molotow-Pakts in Ostpolen einmarschierte, hatten die gefangengenommenen Angehörigen der polnischen Armee keinen völkerrechtlichen Schutz. 12.500 polnische Offiziere konnten ermordet werden, ohne daß die Weltöffentlichkeit etwas davon erfuhr. Auch im finnisch-russischen Winterkrieg setzte sich die Sowjetunion über die völkerrechtlichen Bestimmungen hinweg. Die Bitte des finnischen Außenministeriums vom 30.11.1939, beide Seiten möchten sich an die Haager Landkriegsordnung von 1907 und an die Genfer Konventionen von 1929 halten, blieb unbeantwortet. Im Zweiten Weltkrieg waren diese Verträge zwar zwischen dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten einerseits und den Westalliierten andererseits geltendes Recht, aber nicht zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. Ob Stalins Angebot vom 17.7.1941, das über Schweden als der Schutzmachtvertretung der UdSSR dem deutschen Auswärtigen Amt zugeleitet wurde, daß man zur völkerrechtskonformen Kriegsgefangenenbehandlung bereit sei, wenn dies deutscherseits ebenfalls geschehe, den Zustand einer gegenseitigen Verpflichtung schuf, ist völkerrechtlich umstritten. Deutschland antwortete mit einer Protestnote: "Die Reichsregierung kann nur ihrem äußersten Erstaunen darüber Ausdruck geben, daß sich die Sowjetregierung trotz des bisherigen Verhaltens ihrer Truppen gegenüber den in ihre Hand gefallenen deutschen Soldaten noch für berechtigt hält, von der Anwendung völkerrechtlicher Regeln bei der Behandlung von Kriegsgefangenen zu sprechen und dabei die Frage der Gegenseitigkeit aufzuwerfen ... Dagegen ist sowohl durch den Zustand der beim Vormarsch der deutschen Truppen gefundenen deutschen Soldaten als auch durch die Aussagen vorübergehend in die Hand russischer Truppen gefallener und dann wieder befreiter Soldaten, die zum Teil verwundet waren, festgestellt worden, daß die Sowjettruppen deutsche Gefangene in einer geradezu unbeschreiblichen und bestialischen Weise gemartert und ermordet haben."[49] Auch der über das Internationale Komitee vom Roten Kreuz übermittelte Protest des sowjetischen Roten Kreuzes über deutsche Luftangriffe auf sowjetische Lazaretteinrichtungen wurde unter Hinweis darauf zurückgewiesen, daß "die Sowjettruppen sich in nicht zu übertreffender Weise selbst außerhalb allen Völkerrechts gestellt haben", wie die Folterung und Ermordung der Besatzungen notgelandeter deutscher Flugzeuge beweise.[50]

Die Bitte des deutschen Auswärtigen Amtes um Aufklärung über die Lager für deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion, die über die bulgarische Schutzmachtmission nach Moskau übermittelt wurde, wurde von dort abschlägig beschieden. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz bekam keine Genehmigung, Lager auf sowjetischem Boden zu besuchen. Es erhielt auch keine Listen der deutschen Kriegsgefangenen, obwohl das Deutsche Reich und die mit ihm verbündeten Länder Namenslisten russischer Kriegsgefangener zur Verfügung stellten.[51] Bei der Roten Armee gab es kein Zeichen, daß man bereit sei, sich an das Völkerrecht zu halten. Der Versuch des amerikanischen Präsidenten Roosevelt am 29.5.1942, den sowjetischen Außenminister Molotow in einem persönlichen Gespräch zum Beitritt der UdSSR zu den Genfer Konventionen, zur Zulassung von Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes zu den Gefangenenlagern und zum Austausch von Namenslisten von Gefangenen, Verwundeten und Gefallenen zu bewegen, war erfolglos. Zu diesem Zeitpunkt hatte allerdings auch die deutsche Regierung kein Interesse mehr an Mitteilungen über sowjetische Kriegsgefangene, weil dann die Verluste in den Kriegsgefangenenlagern offenkundig geworden wären .[52]

Die Haager Landkriegsordnung ("Abkommen, betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs"), die jeder deutsche Soldat kannte, legte im Artikel 1 die vier Kriterien des Kombattantenstatus fest. Kombattanten, d.h. zur legitimen Kriegführung Berechtigte, hatten folgende Bedingungen zu erfüllen: "1. daß jemand an ihrer Spitze steht, der für seine Untergebenen verantwortlich ist, 2. daß sie ein bestimmtes, aus der Ferne erkennbares Abzeichen tragen, 3. daß sie die Waffen offen führen und 4. daß sie bei ihren Unternehmungen die Gesetze und Gebräuche des Krieges beobachten." Der verantwortliche Führer brauchte kein Offizier zu sein, aber er mußte von seinen Untergebenen erwarten können, daß seine Befehle befolgt würden. Für ihre Taten hatte er einzustehen. Das offen zu tragende Kennzeichen bestand im Normalfall in der Uniform. Sie wies den Träger als Angehörigen der Streitkräfte aus. Wer nicht dazugehörte, aber den Status des Kombattanten beanspruchte, benötigte zur Legitimation ein besonderes Kennzeichen, das der anderen Seite bekanntgegeben werden mußte. Es dokumentierte die Zugehörigkeit des Kämpfers zu einer dem Prinzip von Befehl und Gehorsam verpflichteten Gruppe und garantierte, neben der offen zu tragenden Waffe, die legitime Kampfführung mit dem als Feind identifizierbaren Gegner. Deshalb mußte es so beschaffen sein, daß es aus normaler Sehweite, mindestens aus Schußentfernung, zu erkennen war. Damit sollte verhindert werden, daß Landesbewohner bald als Kämpfer, bald als anscheinend friedliche Zivilisten in Erscheinung traten. Das Hin- und Herpendeln zwischen Kampf und friedlicher Beschäftigung war mit dem neuzeitlichen Kriegsrecht nicht vereinbar. Das Kampfkennzeichen mußte daher nicht nur im Gefecht gezeigt werden, sondern vom ersten militärischen Einsatz bis zur letzten Kriegshandlung nach dem Grundsatz: Einmal Feind, immer Feind. Es sollte verhindern, daß Partisanen unmittelbar nach einem kämpferischen Einsatz in der Anonymität der Bevölkerung verschwanden. Es war umstritten, ob das Abzeichen fest an der Kleidung angebracht sein mußte oder nicht. Nach mehrheitlicher Ansicht reichte eine Armbinde in leuchtenden Farben aus, wie sie der Deutsche Volkssturm am Ende des Zweiten Weltkriegs am linken Arm trug, aber nicht ein fünf Zentimeter großer Stern auf der Kopfbedeckung, wie ihn die Titopartisanen zeitweise anlegten. An der offen getragenen Waffe sollte der Kombattant der anderen Seite erkennen können, daß ihm ein Feind gegenüberstand. Pistolen in der Hosentasche und Gewehre mit abgeschnittenem Lauf unter dem Mantel erfüllten die Voraussetzungen der Ziffer 3. nicht. Gegen die Gesetze und Gebräuche des Krieges verstieß, wer nichterlaubte Waffen verwendete, z.B. Schrotflinten, Giftgase, Dum-Dum-Geschosse, und wer die Gesetze der Humanität mißachtete, z.B. indem er Gefangene folterte oder verstümmelte. Wer die Bedingungen des Artikels 1 der Haager Landkriegsordnung nicht beachtete - und zwar alle, ohne Ausnahme -, hatte keinen Anspruch auf eine völkerrechtskonforme Behandlung, z.B. auf den Status als Kriegsgefangener. Im Prinzip stand er außerhalb der Rechtsordnung und war als Freischärler (irregulär Kriegführender) nach Kriegsbrauch, d.h. nach Gewohnheitsrecht, auf Gedeih und Verderb dem Sieger ausgeliefert.[53]

Das "Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen" vom 27.7.1929 legte die Grundsätze fest, nach denen Kombattanten, die in feindliche Hände gefallen waren, zu behandeln waren. Die fünf Abschnitte der Konvention lauteten: "Rückführung der Kriegsgefangenen" (Abtransport aus dem Kampfgebiet, Registrierung und Kontaktaufnahme mit der Familie), "Kriegsgefangenenlager" (Einrichtung und Ausstattung der Lager, Verpflegung, Gesundheitspflege, Lagerdisziplin, Sonderbestimmungen für Offiziere), "Arbeit der Kriegsgefangenen" (Organisation und Bezahlung, verbotene Tätigkeiten), "Beziehungen der Kriegsgefangenen zur Außenwelt" (Kontakte zur Schutzmacht, Bestrafungen), "Beendigung der Gefangenschaft" (Freilassung, Heimschaffung), "Todesfälle von Gefangenen" (Testamenterstellung, Begräbnis), "Hilfs- und Auskunftstellen für die Gefangenen" (Rechte der Vertrauensleute, Einrichtung zentraler Auskunftstellen, Benachrichtigung der Schutzmacht, Funktionen der Hilfsgesellschaften). Ein paar Bestimmungen seien herausgegriffen: Die Verpflegung hatte in Menge und Qualität der der Ersatztruppen des Gewahrsamslandes zu entsprechen (Art. 11). Kleidung, Wäsche und Schuhwerk waren zu stellen (Art. 12). Einmal monatlich sollten die Kriegsgefangenen ärztlich untersucht werden (Art. 15). Kein Kriegsgefangener durfte zu Arbeiten verwendet werden, denen er körperlich nicht gewachsen war (Art. 29). Offiziere sollten, um sich Verköstigung und Bekleidung kaufen zu können, dasselbe Gehalt bekommen wie die entsprechenden Dienstgradgruppen des Gewahrsamslandes (Art. 22 und 23). Briefverkehr war mindestens einmal im Monat zu erlauben (Art. 37).

Artikel 2 der Genfer Kriegsgefangenenkonvention legte fest, daß die Verantwortung für die in Kriegsgefangenschaft geratenen feindlichen Soldaten beim Gewahrsamsstaat lag und nicht bei der Truppe, die die Gefangenen eingebracht hatte. Die Regierung hatte dafür zu sorgen, daß sich ihre Soldaten an die Bestimmungen hielten und hatte Verstöße zu ahnden. Artikel 2 lautete: "Die Kriegsgefangenen unterstehen der Gewalt der feindlichen Macht, aber nicht der Gewalt der Personen oder Truppenteile, die sie gefangengenommen haben. Sie müssen jederzeit mit Menschlichkeit behandelt und insbesondere gegen Gewalttätigkeiten, Beleidigungen und öffentliche Neugier geschützt werden. Vergeltungsmaßnahmen an ihnen auszuüben, ist verboten."

Das "Genfer Abkommen zur Verbesserung des Loses der Verwundeten und Kranken der Heere im Felde" vom 27.7.1929 enthielt die Vorschriften über die Behandlung von Verwundeten und Kranken in feindlicher Hand. Artikel 1 lautete: "Militärpersonen und andere den Heeren beigegebene Personen, die verwundet oder krank sind, müssen unter allen Umständen geschont und geschützt werden; sie sind ohne Unterschied der Staatsangehörigkeit von dem Kriegführenden, in dessen Händen sie sich befinden, mit Menschlichkeit zu behandeln und zu versorgen." Die das Schlachtfeld behauptende Partei war verpflichtet, die Verwundeten und Gefallenen zu sammeln und vor Beraubung zu schützen. Feindliche Verwundete waren nach den Regeln der Kriegsgefangenenkonvention zu behandeln. Die Namen der in ihre Hand Gefallenen sollten zwischen den Kriegführenden ausgetauscht werden. Beerdigungen sollten "in ehrenvoller Weise" erfolgen. Die Sanitätsdienste waren "zu schonen und zu schützen". Das Sanitätspersonal und die Feldgeistlichen galten nicht als Kriegsgefangene, wenn sie in feindliche Hand fielen. Ausrüstung, Beförderungsmittel und Begleitpersonal waren ihnen zu belassen. Sie durften ihrer Bestimmung nicht entzogen werden und waren zurückzuschicken, wenn es die militärische Lage gestattete. Das Wahrzeichen des Roten Kreuzes durfte nicht mißbraucht werden.

Die Formulierung des Artikels 1 der Genfer Verwundetenkonvention war von ungewöhnlicher Rigidität. Die Kranken und Verwundeten waren "unter allen Umständen ... mit Menschlichkeit zu behandeln und zu versorgen".

Das Völkerrecht ging von der Voraussetzung aus, daß die Kriegsgegner, auch wenn sie durch keine völkerrechtlichen Verträge gebunden waren, die Grundsätze einer humanen Kriegführung einhalten würden. Bei der Ersten Haager Konferenz 1899 hatten sich die Versammelten darauf geeinigt, daß militärische Auseinandersetzungen in Zukunft auf alle Fälle nach den Bedingungen geführt werden würden, wie sie sich aus "den unter zivilisierten Nationen festgestellten Gebräuchen, aus den Gesetzen der Humanität und aus den Forderungen des öffentlichen Gewissens" ergeben. Diese als "Martenssche Klausel" bekannten Mindestvoraussetzungen durften bei allen Kriegführenden des Zweiten Weltkriegs vorausgesetzt werden.

Wenn sich ein Kriegsgegner nicht an die Völkerrechtsbestimmungen hielt, konnte der geschädigte Staat zu Repressalien greifen. Im allgemeinen handelte es sich um Kollektivstrafen. Die Repressalien durften jedoch nicht unverhältnismäßig sein, mußten militärisch notwendig sein, mußten von einem höheren Kommandeur befohlen werden und mußten in Bezug zur Völkerrechtsübertretung stehen. Auf keinen Fall durften, wie Artikel 2 der Genfer Kriegsgefangenenkonvention besagte, Kriegsgefangene für Vergeltungsmaßnahmen herangezogen werden.[54]

Um sich gegenüber Großbritannien, das den Abschluß eines Beistandspaktes mit der UdSSR plante, als zivilisierter Staat zu legitimieren, informierte ein Erlaß des Rates der Volkskommissare am 1.7.1941 die Truppe erstmals über die Bestimmungen der drei völkerrechtlichen Abkommen. Der Erlaß blieb wirkungslos, weil die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konventionen nicht zum Ausbildungsstoff in der Roten Armee gehörten. Die sich häufenden Greueltaten der Rotarmisten an deutschen Gefangenen und Verwundeten in den folgenden Wochen legten die Vermutung nahe, daß die Verlautbarung des Rates der Volkskommissare nicht als Handlungsanweisung für die Truppe gedacht war, sondern zur Selbstlegitimation und zur Beruhigung der anvisierten Bündnispartner diente. Nichts wurde besser. Im Gegenteil:

  1. Der völkerrechtswidrige Partisanenkrieg wurde verstärkt.
  2. Dem Schutz der Verwundeten wurde keine Beachtung geschenkt.
  3. Deutsche Kriegsgefangene wurden mißhandelt, und die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden verfemt.

Der völkerrechtswidrige Partisanenkrieg

Am 22.6.1941 verhängte der Rat des Obersten Sowjet das Kriegsrecht über Estland, Lettland, Litauen, die Ukraine, Weißrußland, Karelien, Bessarabien sowie über die Gebiete von Archangelsk, Murmansk, Vologda, Leningrad, Kalinin, Iwanowo, Jaroslaw, Rjasan-Smolensk, Tula, Kursk, Moskau, Woronesch, Orel, Krim und Krasnodar. In 15 Militärbezirken wurde die Generalmobilmachung angeordnet.[55]

Eine Woche später wurde der Partisanenkrieg ausgelöst. Er war eine vorbereitete völkerrechtswidrige Maßnahme. Die Wehrmacht war darauf nicht vorbereitet. In der Roten Armee gab es dagegen seit 1933 eine "Dienstvorschrift für den Partisanenkampf". Bereits im Januar und Februar 1941 wurden in verschiedenen Militärbezirken der Sowjetunion von der "Gesellschaft zur Förderung der Verteidigung" (Osowiachim) groß angelegte Partisanenkriegsspiele abgehalten, an denen auch die Zivilbevölkerung teilnahm. Die Armeezeitung "Roter Stern" berichtete darüber. Aufgrund der Erfahrungen stellte die KPdSU bereits vor Kriegsbeginn sogenannte Zerstörungsbataillone auf. Sie sollten, wenn ein Gebiet von der Roten Armee aufgegeben werden müßte, systematisch alle kriegs- und lebenswichtigen Betriebe, Nachrichtenmittel, Verpflegungsstellen usw. zerstören oder vernichten und, sobald sie von der Front überrollt waren, den Partisanenkampf aufnehmen.[56]

Am 29.6.1941 rief das Zentralkomitee der KPdSU alle Partei-, Sowjet-, Gewerkschafts- und Komsomolzenorganistionen auf, "Partisanenabteilungen und Diversionsgruppen" zu bilden und die deutschen Eindringlinge im "erbarmungslosen Kampf ... bis zum letzten Blutstropfen" zu verfolgen und zu vernichten.[57] Zwei Wortgruppen ziehen sich wie ein roter Faden durch die folgenden Verlautbarungen, Befehle, Anordnungen, Weisungen und Richtlinien der Zentral- und Provinzialbehörden der KPdSU bis zum Kriegsende. Das eine sind alle möglichen Ableitungen des Wortes "vernichten" und das andere alle Varianten des Ausdrucks "Eindringling". Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Weißrußlands z.B. reagierte bereits am 1.7.1941 auf die Weisung aus Moskau mit dem Befehl, "Straßen und Brücken zu sprengen oder zu beschädigen, Treibstoff- und Lebensmittellager, Kraftfahrzeuge und Flugzeuge anzuzünden, Eisenbahnkatastrophen zu arrangieren, den Feinden weder Tag noch Nacht Ruhe zu geben, sie überall zu vernichten, wo man sie erwischt, sie mit allem zu töten, was man zur Hand hat: Beil, Sense, Brecheisen, Heugabeln, Messern". Ein besonders markanter Satz lautet: "Bei der Vernichtung der Feinde schreckt nicht davor zurück, beliebige Mittel zu verwenden: erwürgt, zerhackt, verbrennt, vergiftet den faschistischen Auswurf!"

Am 3.7.1941 befahl Stalin in seiner bekannten Rundfunkrede "Genossen! Bürger! Brüder und Schwestern! Kämpfer unserer Armee und Flotte!", die in den folgenden Tagen immer wieder ausgestrahlt wurde, den deutschen Invasoren alles, was ihnen nützen könne, zu entziehen: "... dem Feind darf keine einzige Lokomotive, kein einziger Waggon, kein Kilogramm Getreide, kein Liter Treibstoff überlassen werden." Was nicht abtransportiert werden könne, müsse vernichtet werden. "In den vom Feind okkupierten Gebieten müssen Partisaneneinheiten zu Pferd und zu Fuß gebildet und Diversionseinheiten geschaffen werden zum Kampf gegen die Truppenteile der feindlichen Armee, zur Entfachung des Partisanenkriegs überall und allerorts, zur Sprengung von Brücken und Straßen, zur Zerstörung der Telefon- und Telegraphenverbindung, zur Niederbrennung der Wälder, der Depots und der Trains. In den okkupierten Gebieten müssen für den Feind und alle seine Helfershelfer unerträgliche Bedingungen geschaffen werden, sie müssen auf Schritt und Tritt verfolgt und vernichtet werden und alle ihre Maßnahmen müssen vereitelt werden."[58]

Am 18.7.1941 folgte der Beschluß des ZK der KPdSU "Über die Organisierung des Kampfes im Rücken der feindlichen Truppen". Die Leiter der Republik-, Gebiets- und Rayonskomitees der Parteiorganisationen wurden persönlich dafür verantwortlich gemacht, daß in Ausführung des Befehls Stalins "Partisanenabteilungen, Diversions- und Vernichtungsgruppen zu Fuß und zu Pferde" aufgestellt würden, um "für die deutschen Interventen unerträgliche Bedingungen zu schaffen".[59]

Die Rede Stalins auf einer Festsitzung des Moskauer Sowjets der Deputierten der Werktätigen anläßlich des 24. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution am 6.11.1941 war gespickt mit Schimpfwörtern für die deutschen Soldaten: "Leute mit einer Moral von Bestien", "Räuber, die jedes Menschenantlitz verloren haben [und] in ihrer moralischen Verkommenheit schon längst auf das Niveau wilder Bestien herabgesunken sind", "Leute, die des Gewissens und der Ehre bar sind" usw. Gegen sie sei jedes Mittel erlaubt. Die Bevölkerung sollte zur Mitarbeit bei ihrer Vernichtung "bis zum letzten Mann" herangezogen werden.[60] Dazu erließ Stalin am 17.11.1941 den Befehl Nr. 428, der in der deutschen Publizistik den Namen"Fackelmänner-Befehl" trägt und im Original "Die ungeheuren Verbrechen, Grausamkeiten und Gewalttätigkeiten der deutschen Behörden in den besetzten Bezirken und Gebieten", heißt: "Alle Siedlungen, in denen sich deutsche Truppen befinden, sind in einer Tiefe von 40 bis 60 km hinter der Hauptkampflinie und 20 bis 30 km beiderseits von Wegen in Brand zu setzen." Mit dieser Aufgabe wurden die Luftwaffe, die Artillerie und die Partisanen-Diversionsgruppen, "die mit Flaschen mit Brennstoff ausgerüstet sind", beauftragt. Der Befehl soll sogar folgenden Absatz enthalten haben. "Die Jagdkommandos sollen die Vernichtungsaktionen in Uniformen des deutschen Heeres und der Waffen-SS, ausführen. Das schürt den Haß auf die faschistischen Besatzer und erleichtert die Anwerbung von Partisanen im Hinterland. Es ist darauf zu achten, daß Überlebende zurückbleiben, die über die 'deutschen Greueltaten' berichten können." Für die Jagdkommandos, die in jedem Regiment aufzustellen waren, sollten 20 bis 30 "mutige Kämpfer" ausgewählt werden. "Besonders jene, die hinter den deutschen Linien in gegnerischer Uniform Siedlungen vernichten, sind zu Ordensverleihungen vorzuschlagen", heißt es in dem Befehl. Der letzte Satz lautet: "In der Bevölkerung ist zu verbreiten, daß die Deutschen die Dörfer und Ortschaften in Brand setzen, um die Partisanen zu bestrafen."[61] Die Propagandisten der Roten Armee griffen Stalins brutalen Befehl auf, obwohl er sich in erster Linie gegen das eigene Volk richtete. Am 30.11.1941 verfaßte der wortgewaltigste von ihnen, Ilja Ehrenburg, den Aufruf "Kämpfer, Kundschafter, Freischärler!", in dem er die Angehörigen dieser drei Gruppierungen aufforderte: "Wenn es irgendwo ein Haus gibt, in dem sich die Deutschen aufwärmen können, so räuchert es aus!"[62]

Am 7.1.1942 übergab das sowjetische Außenministerium den in Moskau akkreditierten Diplomaten folgende scheinheilige Note: "Die sowjetische Regierung führt vor den diplomatischen Vertretern der Weltöffentlichkeit Beschwerde über die von den deutschen Truppen verübten Grausamkeiten, Verwüstungen und Plünderungen in den sowjetischen Gebieten, wo die deutsche Wehrmacht planmäßig die Vernichtung von ganzen Dörfern und Städten vornimmt und sie bis auf die Grundmauern niederbrennt, so daß die sowjetische Bevölkerung obdachlos wird. Die Zerstörungen haben das Ausmaß einer Verwüstung, und die sowjetische Bevölkerung wird von den Deutschen beraubt an Lebensmitteln und Bekleidung, und wer Widerstand leistet, wird erschossen."[63] Mit diesen Ausführungen versuchte die sowjetische Regierung, der Wehrmacht die Schandtaten in die Schuhe zu schieben, die sie skrupellos an ihrer eigenen Bevölkerung beging.

Die Verteufelung der deutschen Soldaten in der sowjetischen Propaganda bereitete auch den Boden für die Partisanenuntaten vor: "faschistische Bestien", "faschistisches Aas", "Banden des Menschenfressers Hitler", "deutsche Räuber", "Hitlerhorden" etc. Diese Klassifizierung der Gegner war ein Freibrief für die Partisanen. Die Grausamkeiten der Roten Armee wurden von ihnen in den Schatten gestellt. Deutsche Soldaten, die in die Hände der Partisanen fielen, mußten das Schlimmste gewärtigen. Das ZK-Mitglied Kazapalow forderte am 1.10.1941 in Cholm die Partisanen auf, die gefangenen deutschen Soldaten "vor der Erschießung durch Verstümmelung zu quälen.[64] Diese verwilderten Typen in den Partisanenhorden folgten solchen Aufforderungen nur zu gern. Auf der deutschen Seite setzte sich für sie der Ausdruck "Banditen" durch.

Die deutschen Offiziere konnten ihre Soldaten nicht immer von Rachereaktionen abhalten. Die Erbitterung war zu groß. Was geht in einem Soldaten vor, der seinen Kameraden grausam verstümmelt am Waldrand liegen sieht? In seinem Soldbuch fand jeder Wehrmacht- und Waffen-SS-Angehörige das dritte der 10 Gebote des deutschen Soldaten, die er als Rekrut auswendig zu lernen hatte: "Es darf kein Gegner getötet werden, der sich ergibt, auch nicht der Freischärler oder Spion. Diese erhalten ihre gerechte Strafe durch die Gerichte." Die Wirklichkeit ging bald über dieses humane und völkerrechtskonforme Postulat, das in den bisherigen Feldzügen umgesetzt worden war, hinaus.

Trotz der eskalierenden Brutalität im Partisanenkrieg rief die deutsche militärische Führung die Soldaten der Wehrmacht immer wieder auf, die fremde Zivilbevölkerung zu schonen. Der Oberbefehlshaber des Heeres verlangte in den "Richtlinien für Partisanenbekämpfung", die er am 25.10.1941 herausgab, von der Truppe, daß sie "durch vernünftige, gerechte Behandlung das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen" habe, damit die Partisanen von dort keine Unterstützung bekämen.[65] In den "Richtlinien für die verstärkte Bekämpfung des Bandenunwesens im Osten" (Weisung Nr. 46) vom 18.8.1942 mußte selbst Hitler eingestehen, daß die Mitarbeit der Bevölkerung "unentbehrlich" sei. Er verlangte ihre "strenge, aber gerechte Behandlung".[66]

Die Mißachtung des Roten Kreuzes

Im Zweiten Weltkrieg ließen sich alle Kriegführenden Verstöße gegen die Verwundetenkonvention von 1929 zuschulden kommen. Das Zeichen des Roten Kreuzes wurde mißbraucht und mißachtet. Im besonderen Maße waren jedoch die deutschen Verwundeten, die in die Hände der Roten Armee fielen, der Willkür des Gegners ausgeliefert. Die Angehörigen der Roten Armee waren durch keine völkerrechtlichen Verpflichtungen gebunden. Selbst die Martenssche Klausel blieb unberücksichtigt. Sie appellierte zwar an die Gebräuche zivilisierter Nationen, an die Gesetze der Humanität und an die Forderungen des öffentlichen Gewissens, aber alle diese Ideale waren durch die sozialistische Erziehung zum Klassenhaß verkümmert. Es blieb der persönlichen Moral des einzelnen überlassen, wie er verwundeten Feinden begegnete. Religiös gebundene Soldaten mögen im Einzelfall im Hilflosen den Bruder in Christus erkannt haben, aber die Masse der Soldaten hielt sich an die Propagandaparolen der Partei, die in jedem Deutschen eine Kanaille sah.

Die sowjetische Truppenführung ignorierte, als der Krieg begann, das Zeichen des Roten Kreuzes. Deutsche Verwundetennester und vorgeschobene Hauptverbandplätze, die mit einer weithin sichtbaren Rotkreuz-Fahne gekennzeichnet waren, zogen in besonderem Maße feindliches Artilleriefeuer auf sich, so daß schließlich das Ausflaggen unterlassen wurde, weil es keinen Schutz bot. Da auch die deutschen Feldsanitäter, die eine Rotkreuz-Armbinde trugen und waffenlos waren, bei ihrer Gefangennahme zusammen mit den Verwundeten gemeuchelt wurden, erhielten sie zum Schutz der Verwundeten eine Pistole 38. Das Anlegen der Rotkreuz-Armbinde wurde ihnen untersagt, um sie vor Scharfschützen, denen sie ein deutlich sichtbares Ziel boten, zu bewahren.[67]

Wenn der Roten Armee deutsche Verwundete, die nicht abtransportiert werden konnten, in die Hände fielen, war es eine Frage der Willkür, was mit ihnen geschah. Manchmal wurden die Gebäude mit den Verwundeten in die Luft gesprengt, manchmal wurden sie von der Roten Armee übernommen und die Deutschen evakuiert oder wie in Feodosia aus dem Fenster geworfen,[68] und manchmal kamen die Männer in besondere Spitäler für Kriegsgefangene. Ihr Leben hing auch im letzten Fall an einem seidenen Faden, wenn das deutsche Lazarettpersonal weggeschickt wurde und wenn es, wie meistens, an Medikamenten und Verbandsmaterial fehlte. In dem Verwundetenspital Beketowka starben nach der Kapitulation von Stalingrad zwischen dem 26.1. und 25.2.1943 1.870 Deutsche. In Lesobasa fielen 1.230 deutsche Verwundete in russische Hände; 640 Mann starben.[69]

Verstöße gegen die Kriegsgefangenenkonvention

Kein Soldat, der im Gefecht die Hände hob, um sich gefangen zu geben, konnte absehen, wie der Feind darauf reagieren würde. Es gibt tausende Augenzeugenberichte, daß die sich Ergebenden erschossen wurden. Nach dem Völkerrecht mußten die Gefangenen auf Waffen kontrolliert und zu den Gefangenensammelstellen gebracht werden.

Die Gefangennahme deutscher Soldaten durch Rotarmisten begann im allgemeinen mit der Ausplünderung. Bei der Waffendurchsuchung wurden ihnen die Wertsachen, insbesondere Uhren und Ringe, abgenommen. Oft mußten sie auch ihre Stiefel hergeben; damit waren sie dem Tod geweiht, denn wer kein festes Schuhwerk hatte, kam auf den langen Märschen um.

Viele der Ausgeplünderten wurden, wenn sie bis dahin überlebt hatten, einzeln oder in Gruppen erschossen. Die Erschießungen wurden so umfangreich praktiziert, daß dem Nachrichtendienst der Roten Armee Personen zur Aushorchung fehlten. Die Armeeführungen hatten Schwierigkeiten, die feindliche Aufstellung in Erfahrung zu bringen und Näheres über die Einheiten der Gegenseite, z. B. ihre Bewaffnung und Versorgung, zu erfahren. Die Armeeoberbefehlshaber befahlen deshalb, von der von ihnen als verständlich und rechtmäßig bezeichneten bisherigen Praxis an der Front abzuweichen und die Gefangenen nicht zu erschießen, sondern nach hinten zu schicken.[70]

Wer als gefangener deutscher Soldat einer Befragung unterzogen wurde, konnte sich nicht so verhalten, wie er es gelernt hatte, wollte er nicht sein Leben riskieren. Wenn er in Übereinstimmung mit der Genfer Konvention lediglich seinen Namen und seinen Dienstgrad angab und alle weiteren Aussagen verweigerte, war er gefährdet. Der Hinweis auf Artikel 5 der Kriegsgefangenenkonvention war müßig: "Jeder Kriegsgefangene ist verpflichtet, auf Befragen seinen wahren Namen und Dienstgrad oder auch seine Matrikelnummer anzugeben.... Es darf kein Zwang auf die Kriegsgefangenen ausgeübt werden, um Nachrichten über die Lage ihres Heeres oder Landes zu erhalten. Die Kriegsgefangenen, die eine Auskunft hierüber verweigern, dürfen weder bedroht noch beleidigt, noch Unannehmlichkeiten oder Nachteilen irgendwelcher Art ausgesetzt werden." Es liegen zahlreiche Befehle sowjetischer Kommandobehörden vor, nicht aussagewillige Kriegsgefangene zu erschießen. Viele Befragungen waren von Folterungen begleitet. Die einfache Verhörmethode bestand darin, daß der gefangene Soldat am Kopf und an den Füßen festgehalten wurde und mit dem Knüppel bis zu zehn Schläge über Gesäß und Rücken bekam, um ihn zum Sprechen zu bringen. Zu den schwereren Verhören gehörte, daß die nackt ausgezogenen Gefangenen mit Gummiknüppeln auf den Kopf geschlagen wurden, bis ihnen die Ohren wegfielen. Anderen Aussageunwilligen wurden die Fingernägel herausgerissen. Wenn die Vernehmungen durchgeführt waren, übernahm der NKWD die Verhörten. In der Regel wurden sie erschossen.[71]

Um den Rotarmisten an der Front die Überlassung von deutschen Gefangenen nach hinten schmackhaft zu machen, wurde ihnen angedeutet daß die "Fritzen" nach den Verhören erschossen würden. "Keiner der Eindringlinge wird unser Land lebend verlassen."[72]

Wer nach vielen Gefährdungen, Lebensrisiken und Irrungen in einer Gefangenensammelstelle ankam, war noch immer nicht in Sicherheit. In Frontnähe wurden die Gefangenen häufig, entgegen den Festlegungen der Genfer Konvention, zu Schanzarbeiten herangezogen. Der Weg in die Auffanglager mußte häufig zu Fuß bewältigt werden. Es war den Begleitmannschaften überlassen, ob sie die Schwachen und Verwundeten am Leben ließen. Gezählt und registriert wurden die Gefangenen erst nach ihrer Ankunft.

Die sowjetischen Kriegsgefangenenlager unterschieden sich während des ganzen Krieges nicht von denen der Deutschen im Herbst 1941, als nach den großen Kesselschlachten hunderttausende Rotarmisten von heute auf morgen in dem ausgebluteten Land zu versorgen waren. Wieviele deutsche Soldaten in der Gefangenscbaft an Strafmaßnahmen, Entkräftung, Hunger, Ruhr, Typhus, Fleckfieber und Überarbeitung starben, wird sich nie aufklären lassen. Von den 1941 und 1942 in sowjetische Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten überlebten nur 5% den Krieg. Die Kranken und Verwundeten sind wohl alle umgekommen.[73]

Die Rache an Kollaborateuren

Unnachsichtig wurden jene Sowjetbürger zur Rechenschaft gezogen, die mit den deutschen Besatzungstruppen zusammengearbeitet hatten. Sobald die Rote Armee Orte befreit hatte, die von Deutschen besetzt gewesen waren, suchten spezielle Kommandos im Auftrag des NKWD nach Kollaborateuren unter der Bevölkerung. Den Säuberungen fielen alle zum Opfer, die sich nach dem Einmarsch der Wehrmacht in gutem Glauben oder um eines Vorteils willen der Besatzungsmacht zur Verfügung gestellt hatten. Die Maßnahmen, die von den Deutschen eingeleitet worden waren, z.B. die Aufteilung der Kolchosen und die freie Betätigung der orthodoxen Kirche, hatten nicht nur zu Sympathiekundgebungen der Bevölkerung geführt, sondern zur handfesten Mitarbeit vieler in der Verwaltung, im Ablieferungswesen, bei der Rekrutierung von Arbeitskräften und im Kampf gegen die Partisanen. Neben den ehemaligen Kulaken, den Angehörigen der nationalen Minderheiten und all denen, die unter der Sowjetmacht gelitten hatten, waren es viele jugendliche, die mit den Deutschen kollaborierten. Wer nach dem Einmarsch der Roten Armee aufgestöbert wurde, hatte im allgemeinen sein Leben verwirkt. Er wurde kurzerhand aufgehängt. Unter den Opfern waren viele Frauen und Jugendliche. Es gehörte zu den Usancen der sowjetischen Propaganda, für die e Mordtaten, wenn möglich, die Deutschen verantwortlich zu machen. Mancher unschuldige Soldat der Wehrmacht wurde hierfür nach seiner Gefangennahme aus propagandistischen Gründen hingerichtet. Auch die Ergebnisse der Politik der verbrannten Erde, die die russische Armee bei ihren Rückzügen betrieben hatte und durch die zahlreiche Ortschaften zerstört worden waren, wurden häufig der deutschen Wehrmacht angelastet.[74]

Der erste große Schauprozeß gegen deutsche Kriegsgefangene fand im Dezember 1943 in Charkow statt. Die vier Angeklagten wurden nur vier Tage nach der Verhandlung am 19.12.1943 auf dem Marktplatz der Stadt öffentlich gehenkt. 50.000 Zuschauer applaudierten.[75]

Als die Rote Armee 1943 den Kaukasus zurückerobert hatte, erhielt der NKWD-Chef Berija von Stalin den Auftrag, der Staatssicherheitsdienst solle aus allen befreiten Ortschaften die Familienmitglieder der "aktiven deutschen Handlanger und Banditen, Heimatverräter und freiwillig zu den Deutschen Übergelaufenen" umsiedeln. 735 Familien kamen in Viehwaggons nach Tadschikistan.[76] Da aus den Volksgruppen der Tschetschenen, Osseten, Kalmücken, Turkmenen, Georgier, Balkaren, Inguschen, Karatschajer und Krimtataren besonders viele Überläufer in die deutsche Wehrmacht eingetreten waren, wurden große Teile von ihnen nach Osten umgesiedelt. Die Kalmücken allein waren mit 26.359 Familien betroffen.[77]


Anmerkungen

  1. Vgl. Hermann Dieter Betz (wie Anm. 29), S. 302
  2. Bundesarchiv/Militärarchiv RW2/v. 29, S. 5
  3. Vgl. Bundesarchiv/Militärarchiv RW 5/v. 333
  4. Vgl. Hermann Dieter Betz (wie Anm. 29), S. 64 ff.
  5. Vgl. Kurt W. Böhme: Die deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand. Eine Bilanz, Band 7 der Reihe: Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs, München 1966, S. 161 ff.; Rudolf Aschenauer (wie Anm. 36), S. 314
  6. Vgl. Jürg H. Schmid: Die völkerrechtliche Stellung der Partisanen im Kriege, Nendeln/Liechtenstein 1979, S. 161 ff.
  7. Vgl. H. A. Schütze: Die Repressalie unter besonderer Berücksichtigung der Kriegsverbrecherprozesse, Bonn 1950, S. 40 ff.; Hans Laternser: Der Zweite Weltkrieg und das Recht, in: Bilanz des Zweiten Weltkriegs, Hamburg 1953, S. 412 ff.
  8. Vgl. Fritz Becker: Stalins Blutspur durch Europa. Partner des Westens 1933-45, Kiel 1995, S. 236
  9. L. V. Richard: Partisanen. Kämpfer hinter den Fronten, Rastatt 1986, S. 21, 63
  10. Direktive des Rates der Volkskommissare der UdSSR und des ZK der KPdSU, in: Heinz Kühnrich: Der Partisanenkrieg in Europa 1939-1945, Ostberlin 1965, S. 434 f.
  11. Vgl. L. V. Richard (wie Anm. 56), S. 21
  12. Vgl. Heinz Kühnrich (wie Anm. 57), S. 437
  13. Josef Stalin: Über den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion, Ostberlin 1952, S. 16 ff.
  14. Vgl. GenStH, Fremde Heere Ost 11 H 3/70 Fr. 6439568, National Archives Washington, series 429, roll 461; Fritz Becker (wie Anm. 55), S. 268 ff.; Dimitri Wolkogonow: Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Profil, Düsseldorf 1989, S. 617 f.; Ic-Berichte von Partisanen in deutscher Uniform bei Rudolf Aschenauer (wie Anm. 36), S. 153 ff. Das Original des Befehls wurde dem Autor bisher noch nicht von den National Archives zugesandt.
  15. Vgl. Joachim Hoffmann, (wie Anm. 33), S. 201
  16. Vgl. Fritz Becker (wie Anm. 55), S. 269
  17. Joachim Hoffmann (wie Anm. 32), S. 110
  18. Befehl vom 10.10.1941 über das Verhalten der deutschen Truppen. Weitere Angaben über den Partisanenkrieg auf russischem Boden finden sich u.a. in: Heinz Kühnrich: Der Partisanenkrieg in Europa 1939-1945, Ostberlin 1968; Soviet Partisans in World War II, hrsg. von John A. Armstrong, Madison 1964; Peter Kolmsee: Der Partisanenkrieg in der Sowjetunion, Ostberlin 1963
  19. Bundesarchiv/Militärarchiv RW 39/69, Blatt 70
  20. Vgl. Hitlers Weisungen für die Kriegführung (wie Anm. 2), S. 233
  21. Vgl. Fritz Becker: Im Kampf um Europa. Stalins Schachzüge gegen Deutschland und den Westen, Graz u.a. 1991, S. 231
  22. Alfred M. de Zayas: Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle. Deutsche Ermittlungen über alliierte Völkerrechtsverletzungen im Zweiten Weltkrieg, München 1984, S. 308 ff.
  23. Vgl. A. E. Epifanow und Hein Mayer: Die Tragödie der deutschen Kriegsgefangenen in Stalingrad von 1942 bis 1946 nach russischen Archivunterlagen, Osnabrück 1996, S. 237 ff.
  24. Vgl. Befehl Nr. 025 des Volkskommissariats für Verteidigungswesen, Leitung der politischen Propaganda der 5. Armee, S. 58 dieses Buches
  25. Befehl des Chefs der Politabteilung der 9. Kavalleriedivision, S. 66 dieses Buches
  26. Vgl. Joachim Hoffmann (wie Anm. 33), S. 229; A. E. Epifanow und Hein Mayer, (wie Anm. 70), S. 239 f.
  27. Vgl. A.E. Epifanow und Hein Mayer (wie Anm. 70), S. 131 ff.
  28. Vgl. Erwin Peter und Alexander E. Epifanow (wie Anm. 3), S. 268
  29. Vgl. Fritz Becker (wie Anm. 55), S. 238
  30. Vgl. Erwin Peter und Alexander E. Epifanow (wie Anm. 3), S. 253 und 265

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