Die sowjetische Kriegspropaganda

Greuelpropaganda zur Stützung der Kampfmoral der Roten Armee

Die Greuelpropaganda, die im Ersten Weltkrieg von den Briten meisterhaft praktiziert worden war, wurde im Zweiten Weltkrieg von allen Seiten ausgiebig eingesetzt. Die zwei Jahrzehnte zwischen den Kriegen hatten, obwohl die meisten Propagandaaussagen als Lügen entlarvt worden waren, nicht genügt, die Kriegspropaganda als Instrument der Unwahrhaftigkeit und Fälschung zu stigmatisieren. Die wirkungsvollste Lüge der britischen Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg war die Geschichte von den abgehackten Kinderhänden in Belgien gewesen, die, so unglaubhaft sie war, zur Charakterisierung der "Hunnen" in zahllosen Versionen durch die Weltpresse gegangen war. Die Ententemächte hatten sogar die unglaubliche Lüge zur Gewißheit machen wollen, daß die Deutschen die Leichen ihrer Soldaten und die ihrer Feinde zu Schweinefutter verarbeiteten.[78]

Trotz aller Entlarvungen feierten die Schuldzuweisungen und die Greuelpropaganda im Zweiten Weltkrieg ihre Auferstehung. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, den Krieg gewollt zu haben. Während die Deutschen meinten, ihnen sei der Krieg aufgezwungen worden, hatten sie nach der alliierten Version das unschuldige Polen und die friedliebende Sowjetunion räuberisch überfallen.[79] Jede Seite warf der anderen vor, im Widerspruch zum Völkerrecht und den Prinzipien einer humanen Kriegführung Gefangene zu foltern, Verwundete zu töten und die Zivilbevölkerung zu drangsalieren.

Die sowjetische Kriegspropaganda hatte es wegen der zahllosen Grausamkeiten bei der Etablierung des sozialistischen Systems schwerer als die Westalliierten, die Bevölkerung glauben zu machen, daß die Deutschen "Unmenschen" seien. Um das zu erreichen, wurden organisatorische Maßnahmen ergriffen und besonders grobe Propagandakeulen geschnitzt. Unmittelbar nach Kriegsausbruch befahl Stalin die Zentralisierung der sowjetischen Kommunikations- und Informationspolitik, damit alle Institutionen mit einer Stimme sprächen. Die gesamte Nachrichtenpolitik wurde im Sowinform-Büro konzentriert. Selbst die Staatsagentur TASS war ihm untergeordnet. Die grundlegenden Weisungen kamen von Stalin selbst. Viele Texte wurden von ihm persönlich gelesen und zensiert.[80]

Das Agitationsmaterial gegen die Wehrmacht und die verbündeten Streitkräfte wurde entweder im "Sowjetischen Büro für militärisch-politische Propaganda" ausgearbeitet, wo die deutschen Altkommunisten saßen, oder in der 7. Abteilung der Roten Armee, wo ab 1943 das "Nationalkomitee Freies Deutschland" (NKFD) und der "Bund deutscher Offiziere" (Bd0) mitwirkten. Die Ziele waren in Übereinstimmung mit dem Beschluß des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und des Rates der Volkskommissare der UdSSR vom 24.6.1941: Verschleierung der eigenen Verluste, Überbewertung der Niederlagen des Gegners, Demonstration der eigenen Überlegenheit, Entlarvung der faschistischen Propagandalügen, Verführung der gegnerischen Soldaten zu Selbstverstümmelung und Desertion.[81] Über die Deutschen und ihre Verbündeten an der Front und im rückwärtigen Heeresgebiet brach eine Flut von Flugzetteln herein. Im Verlauf des Krieges waren es drei Milliarden. Ihre Qualität verbesserte sich im Laufe des Krieges nur langsam. Die anfänglichen kommunistischen Parolen von der Einheit des Proletariats und der Solidarität der Arbeiterschaft fanden wenig Anklang. Wirkungsvoller waren die Versuche, einen Keil zwischen die Wehrmacht und die Armeen der verbündeten Rumänen, Ungarn und Italiener zu treiben. Den nichtdeutschen Soldaten wurde eine bessere Behandlung in der Gefangenschaft versprochen. Das Versprechen wurde in vielen Fällen eingehalten.[82]

Die Militärpresse der Roten Armee für die eigenen Soldaten verfügte über 55 verschiedene Redaktionen. Dazu traten mehrere hundert Truppenblätter. Die Auflage aller Militärzeitungen zusammen betrug 1944 etwa 3,2 Millionen.[83] Zentrales Anliegen der Militärpropaganda war die Aufrechterhaltung der "Moral der Armee". Sie gehörte zu den fünf Grundprinzipien der sowjetischen Kriegslehre. Die anderen waren 1. die Stabilität des Hinterlandes, 2. die Qualität und Quantität der Streitkräfte, 3. die Bewaffnung, 4. die organisatorischen Fähigkeiten des Kommandopersonals.[84]

In den Verbänden und Einheiten der Roten Armee waren die politischen Kommissare und Politruks für die moralische Aufrüstung der Sowjetsoldaten zuständig. Die Erziehung zum "militärischen Heroismus" erfolgte zum einen durch die ideologisch-politische Schulung der Soldaten und zum anderen durch die Truppenpropaganda.

Die Kommissare nahmen in der Truppe mehrere Funktionen in Personalunion wahr, die in anderen Armeen auf mehrere Führer verteilt waren. Sie waren politischer Kommandeur (Kriegskommissar), Feldgeistlicher, Betreuungsoffizier, Fürsorgeoffizier, Personaloffizier, Propagandaoffizier und Lokalredakteur. Im Dezember 1941 erhielten 142 Kommissare auf der Ebene der Armeen und Fronten (Heeresgruppen) den Generalsrang. Für die Soldaten der Roten Armee hatte der Kommissar mehr Bedeutung als der militärische Führer. Die "Prawda" definierte seine Rolle so: "Während der Regimentskommandeur das Haupt des Regiments ist, ist der Kommissar sein Vater und seine Seele."[85] Erst als sich zeigte, daß die aus der gleichberechtigten Stellung von Kommandeur und Kommissar resultierenden Rivalitäten die militärische Entscheidungsfindung behinderten, wurde mit Erlaß des Präsidenten der UdSSR vom 9.10.1942 die Institution der bisherigen Kriegskommissare abgeschafft und den militärischen Führern die uneingeschränkte taktische und strategische Entscheidungsfreiheit zugesprochen. Die Aufgabe des Kommissars übernahm der "Sampolit", der als stellvertretender Kommandeur mit militärischem Dienstgrad nur für politische Angelegenheiten zuständig war und kein Mitspracherecht in militärischen Angelegenheiten hatte. Rangmäßig den Kornmandeuren unterstellt, hatte er im Zweifelsfall zu gehorchen. In den meisten Fällen übernahmen die bisherigen Kommissare die neue Funktion, obwohl ihr operatives Mitspracherecht eingeschränkt war. Um so wichtiger nahmen sie ihren politischen Aufgabenbereich.

Die Disziplin galt als Gradmesser für die Moral der Truppe. Der Sampolit schickte, wie vorher der Kommissar, regelmäßig geheime Berichte über den Stand der Moral seiner Einheit, insbesondere die der Offiziere, an die politische Verwaltung. Besonderes Augenmerk widmete er den Disziplinar- und Strafverfahren. An den verschiedenen Fällen ließ sich die Kampfkraft der Truppe einschätzen: Ungehorsarn, Widersetzlichkeit, Diebstahl, Wachvergehen, Feigheit, Selbstverstümmelung. Die Zusammensetzung der Kriegsgerichte mit einem Angehörigen der Militärgerichtsbarkeit, mit dem Leiter der Sonderabteilung und mit dem stellvertretenden Politkommissar machte den politischen Charakter der Militärjustiz deutlich.

Die Politoffiziere der Roten Armee machten zwischen Fahnenflucht und Gefangenschaft keinen Unterschied. Die sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand bezeichnete Stalin als Überläufer und verbot dem sowjetischen Roten Kreuz, ihre Briefe aus deutschen Kriegsgefangenenlagern entgegenzunehmen und weiterzuleiten. Auf den Austausch von Namenslisten legte er keinen Wert.[86] Nach den verlustreichen Kesselschlachten, bei denen Hunderttausende in Kriegsgefangenschaft gerieten, erklärte Stalin im September 1941 alle Kriegsgefangenen zu Vaterlandsverrätern. Ein Truppenbefehl von Marschall Timoschenko bedrohte jeden mit dem Kriegsgericht, der von Rückzug sprach. Bei Orel und Nowgorod-Sewerskej bombardierten sowjetische Flugzeuge die Sammellager für russische Kriegsgefangene auf deutscher Seite, und in einem der Fälle warfen sie Flugblätter mit dem Text ab: "So wird es mit allen gehen, die die Sache Lenins und Stalins verraten."[87] Nachdem der Oberbefehlshaber der 28. Armee, Generalleutnant Katschalow, der Generaimajor Ponedelin und der Kommandeur des 13. Schützenkorps, Generalmajor Kirillow, in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, erließ Stalin am 16.8.1941 den Stawka-Befehl Nr. 270: "Da Feiglinge und Deserteure vernichtet werden müssen, befehle ich:

  1. Alle die im Kampf ihre Dienstrangabzeichen entfernen und sich in Gefangenschaft begeben, sind als bösartige Deserteure einzustufen, deren Familien als Angehörige von Fahneneidbrechern und Verrätern der Heimat unverzüglich zu verhaften sind. Diese Deserteure sind sofort bei ihrer Ergreifung zu erschießen.
  2. Eingeschlossene haben bis zur letzten Möglichkeit zu kämpfen und sich zu den Ihren durchzuschlagen. Wer es vorzieht, sich in Gefangenschaft zu begeben, ist mit allen Mitteln zu vernichten. Die Familien von Rotarmisten, die sich in Gefangenschaft begeben, erhalten keinerlei staatliche Unterstützung und Hilfsmittel."[88]

Unter den Befehl ließ Stalin die Namen von Schukow, Watutin, Schaposchnikow und Wassilewski setzen.

Die "Infanterie-Kampfvorschriften", die 1942 bis 1945 galten, untersagten den Soldaten, sich gefangennehmen zu lassen: "Nichts - auch nicht die Drohung mit dem Tode - kann einen Kämpfer der Roten Armee dazu zwingen, sich zu ergeben."[89]

Für sowjetische Soldaten, die aus der deutschen Kriegsgefangenschaft entkamen, ließ Stalin Befragungs- und Umerziehungslager einrichten. Er fürchtete die Einschleusung von Spionen. Jeder einzelne wurde vom NKWD verhört. Die meisten Rückkehrer wurden Strafbataillonen zugeteilt, die an den gefährlichsten Stellen der Front verheizt wurden. Offiziere, denen die Flucht zu den russischen Linien gelang, wurden in der Regel nach einem standgerichtlichen Verfahren erschossen. Das Todesurteil wurde verhängt wegen Feigheit vor dem Feind, Verrat von militärischen Geheimnissen oder Nichtausführung von Befehlen. Eine Ausnahme bildete Generalmajor Sysojew, der 1943 aus deutscher Kriegsgefangenschaft fliehen konnte. Seine Überprüfung dauerte drei Jahre lang.

Stalins Befehl Nr. 227 vom 28.7.1942 richtete sich gegen die zahlreichen Überläufer der Roten Armee zu den deutschen Truppen. Er befahl die Aufstellung von Strafbataillonen aus unzuverlässigen Soldaten, in die auch Offiziere und Politruks einzureihen waren, "die sich Disziplinlosigkeit und Feigheit vor dem Feind zuschulden kommen ließen". In Kompaniestärke wurden die Männer für die gefährlichsten Aufgaben an der Front verwendet, z.B. zum Säubern von Minenfeldern oder für selbstmörderische Angriffe gegen die feindliche Verteidigung. Außerdem sollten in jedem Armeebereich drei bis fünf gutbewaffnete Einheiten aufgestellt werden, die unmittelbar hinter unzuverlässigen Divisionen einzusetzen waren und die Aufgabe hatten, "im Falle eines ungeordneten Rückzugs jeden Flüchtling und jeden Feigling zu erschießen".[90]

Auch Partisanengruppen, die sich nicht in die nationale Partisanenbewegung unter Generaloberst Ponamorenko einordneten, hatten bei Stalin schlechte Karten, obwohl sie zu den gefürchtetsten Gegnern der Deutschen gehörten. Als "wilde Partisanen" standen sie nur in loser oder in überhaupt keiner Verbindung zu den zentralen Kommandostellen. In kleinen Gruppen führten sie einen Partisanenkrieg auf eigene Faust. Sie verfügten über keine Gefangenenlager, in die sie gefangene oder verwundete deutsche Soldaten einliefern konnten, wie das hinter der Front der Roten Armee möglich gewesen wäre. Gefangenenmord war die Regel. Wenn ihre Gebiete durch die Rote Armee zurückerobert worden waren, wurden sie in der Regel sofort unter die Obhut des NKWD gestellt und zur Umschulung in entfernte Lager gebracht, zuweilen auch in Strafkompanien gesteckt, wo sie bei besonders harter Zucht diszipliniert wurden. Ihre Erfolge im Partisanenkrieg zählten nicht. Ihre Disziplinlosigkeit, Heimtücke und Brutalität während der Partisanenkriegführung machte diese zuchtlosen Banden auch in den Augen des sowjetischen Oberkommandos zu gefährlichen Partnern.

Die Hauptthemen der sowjetischen Propaganda für die Rote Armee waren:

  1. die Verwirklichung des Sozialismus,
  2. die Unfehlbarkeit Stalins,
  3. die Verteidigung der Heimaterde,
  4. der Sieg über den Faschismus,
  1. 5 . die Rache für die Grausamkeiten der Wehrmacht.

Die Propagandisten der Roten Armee wußten, daß die Begeisterung der meisten Sowjetsoldaten für das sozialistische System gering war. Auch Stalin erfreute sich nicht der Liebe aller Volksteile der Sowjetunion. Deshalb stützte sich die Sowjetpropaganda auf die drei übrigen Argumente.

Ein wirkungsvolles Schlagwort im Rückgriff auf die Liebe des Volkes zu Mütterchen Rußland lautete "Verteidigung der Heimaterde". Gegen die deutschen Invasoren wurde der Patriotismus mobilisiert. Die Deutschen wurden als grausame Aggressoren dargestellt, deren Ziel es sei, das schöne Rußland zu vernichten. Die Rote Armee führe einen Verteidigungskrieg. In einem Flugblatt stand: "Der russische Soldat ist im Kampf um seine gerechte Sache unbesiegbar." Das russische Volk habe sich "wie ein Mann zur Verteidigung seiner Heimat erhoben".[91]

Der "Faschismus" wurde als klassenfeindliche Ideologie angeprangert und der Rassendünkel der "Faschisten" verhöhnt. Den Angehörigen der Roten Armee wurde verdeutlicht, daß die deutsche Invasion das Ziel habe, die sozialistischen Errungenschaften zu vernichten und die Völker der Sowjetunion zu unterjochen. Die "Prawda" ersetzte die traditionelle Parole "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" im Kopf der ersten Seite durch den Slogan "Tod den deutschen Okkupanten!"

Die deutsche Kriegführung wurde als bestialisches Unternehmen angeprangert. Mit Beispielen brutaler deutscher Vorgehensweisen bemühte sich die sowjetische Propaganda, die Zivilbevölkerung und die Rote Armee zur Feindschaft gegen alles Deutsche zu bewegen. Eine Propagandaschrift mit dem Titel "faschistische Greueltaten an Kriegsgefangenen", die anläßlich der Note Molotows vom 6.11.1941 erschien, beschäftigte sich mit den deutschen Versäumnissen in der Kriegsgefangenenfrage und unterstellte dem Kriegsgegner die Absicht, die vielen Kriegsgefangenen, deren Zahl man nicht anzugeben wagte, umbringen zu wollen.

In der Truppe gehörte die "Erziehung zum Haß" zu den Aufgaben der Politoffiziere. Stalin formulierte das Anliegen so: "Es ist unmöglich, den Feind zu besiegen, ohne gelernt zu haben, ihn mit ganzer Seele zu hassen."[92] Der Stawka-Befehl Nr. 130 vom 14.10.1942 rief die Angehörigen der Roten Armee zum wiederholten Mal zu unversöhnlichem Haß gegen alles auf, was deutsch ist.

Die Mordaufrufe Ilja Ehrenburgs

Einer der gelehrigsten Schüler Stalins und fähigsten Propagandisten der Sowjetunion war Ilja Ehrenburg. Ihm oblag die Erziehung zum Haß in der Roten Armee. Im Alter von siebzehn Jahren war der junge bolschewistische Revolutionär nach Paris gegangen, um dort die sozialistische Revolution vorzubereiten. Nach seiner Ausweisung hielt er sich bis 1924 in Berlin auf, wo er von der sowjetischen Botschaft als Spitzel der Geheimpolizei GPU angestellt war. Im spanischen Bürgerkrieg war er Korrespondent und Agitator auf der roten Seite. In seinem Buch "Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jurenito und seiner Schüler" aus den zwanziger Jahren, das die Überwindung des Bürgertums zum Inhalt hat, findet sich auch der Satz "Zum Wohl der Menschheit muß gemordet werden". Schon am 22.6.1941, am ersten Kriegstag, bezeichnete Ehrenburg die deutschen Soldaten als Mörder, "die sich besonders durch die Torturen auszeichnen, die sie jetzt unseren Verwundeten zufügen". Wenig später nannte er sie "Perverse, Sodomiten und Süchtige in allen Formen der Bestialität". Die Rundfunkrede Stalins vom 3.7.1941, in der der Generalsekretär der Partei die Bevölkerung zum bedingungslosen Widerstand aufrief, wurde von Ehrenburg propagandistisch aufbereitet. Er versicherte den Menschen, der Krieg werde zur Befreiung Europas vom Joch Hitlers führen, dessen barbarische Wehrmacht in die friedliebende Sowjetunion eingefallen sei. Am 12.10.1941 schrieb er: "Sie ergreifen russische Mädchen und verschleppen sie in ihre Bordelle ... Sie hängen Geistliche.... Sie haben Abzeichen mit dem Motto 'Gott mit uns', aber mit solchen Gürteln schlagen sie ihren sterbenden Gefangenen ins Gesicht ... Mit ihren Füllfederhaltern schreiben sie die Zahl der Mädchen nieder, die sie vergewaltigt haben. Sie rasieren sich mit ihren Sicherheitsrasiermessern und benutzen das Halsschneidemodell, um die Nasen, Ohren und Brüste ihrer Opfer abzuschneiden." Die Mordpropaganda Ehrenburgs diente anfangs auch dazu, eine mögliche Solidarisierung zwischen deutschen und russischen Soldaten, zwischen den einfachen Leuten beider Länder, zwischen den Arbeitern auf dieser und jener Seite, zu verhindern. Keine verbrecherische Verbrüderung![93]

Nach solchen Beweisen journalistischen Könnens bekam Ehrenburg von Stalin den offiziellen Auftrag, "Haß, Haß und nochmals Haß" zu erzeugen, nicht nur gegen den Faschismus, sondern gegen alles, was mit Deutschland zusammenhängt. In der Folgezeit entfaltete er eine Betriebsamkeit, die zu hunderten monotoner Mordaufforderungen führte. Er verfaßte täglich bis zu fünf Artikel für die Regierungszeitung "Iswestija", für das Parteiorgan "Prawda" und vor allem für die Armeezeitung "Krasnaja Swesda". Dort lasen die Rotarmisten: "Deutsche sind keine Menschen. Deutsche sind zweibeinige Tiere, abscheuliche Geschöpfe, Bestien." Oder: "Wir sagen nicht mehr 'Guten Morgen' oder 'Gute Nacht'. Wir sagen am Morgen: 'Töte den Deutschen' und in der Nacht: 'Töte den Deutschen'. Die Deutschen haben unser Leben verdunkelt. Wir wollen leben. Und wir müssen die Deutschen töten."[94]

Der Haß der sowjetischen Propagandisten war von barbarischer Wildheit. In der Beschimpfung der deutschen Soldaten waren sie Meister: "Kreaturen", "Räuber", "Schlächter", "Massenmörder", "Frauenkiller", "Verbrecher", "Schurken", "wilde Bestien" usw.[95] Sie beschrieben die angeblichen Untaten der deutschen Soldateska mit allen Epitheta des Schreckens, um den Haß der Rotarmisten zu wecken und zu erhalten. Sie machten keinen Unterschied zwischen Militärpersonen und Zivilisten. Alle Deutschen gehörten zur gleichen Gangsterorganisation, zur gleichen Verbrecherbande, zur gleichen Horde nomadisierender Piraten.

In dem Aufsatz "Rechtfertigung des Hasses", der im Sommer 1942 geschrieben wurde, versuchte Ehrenburg die Einzigartigkeit des Krieges zwischen der UdSSR und dem Deutschen Reich darzulegen: "Dieser Krieg gleicht keinem anderen Krieg. Zum erstenmal stehen unserem Volk keine Menschen gegenüber, sondern bösartige, widerwärtige Kreaturen, auf den Höchststand der Technik gebrachte Wilde, Ungeheuer, die nach Reglement und mit Berufung auf die Wissenschaft wüten, die die Ausrottung von Säuglingen zum höchsten Ausdruck staatsmännischer Weisheit erklären. Der Haß ist uns nicht leichtgefallen. Wir haben ihn mit Städten und Landstrichen, mit Hunderttausenden von Menschenleben erkauft. Aber jetzt haben wir begriffen, daß wir nicht zusammen mit den Faschisten auf der gleichen Erde leben können ... Unseren Haß auf die Hitleristen diktiert uns die Liebe zur Heimat, zum Menschen, zur Menschheit. Darin liegt die Stärke unseres Hasses, darin seine Rechtfertigung. ... Wir kämpfen nicht gegen Menschen, sondern gegen Automaten, die wie Menschen aussehen. Wir hassen sie gerade wegen dieser scheinbaren Menschenähnlichkeit, die es ihnen möglich macht, einen Hund oder ein Pferd zu streicheln ..."[96]

Durch die Artikel in der Armeezeitung wurde Ehrenburgs Name jedem Rotarmisten vertraut. In der Roten Armee galt er als einer der größten Schriftsteller des sozialistischen Zeitalters und als überzeugender Patriot. Die Kommissare lasen den Soldaten vor den Angriffen zur Hebung der Kampfmoral Artikel Ehrenburgs aus der Armeezeitung vor, in denen in unzähligen Varianten das Grundthema wiederholt wurde, daß die Deutschen keine Menschen seien, daß sie wie Ungeziefer vertilgt werden müßten und daß das Morden eine Wohltat sei. Als einzelne Ehrenburg-Artikel auch in der schwedischen Presse erschienen, intervenierte die Zeitung "Dagposten": "Ehrenburg hält alle Rekorde in intellektuellem Sadismus. Wozu diese schweinische Lüge noch widerlegen und nachweisen, daß Ehrenburg den Deutschen Dinge nachsagt, die bei den Rotarmisten gang und gäbe sind?"[97] Bis 1944 änderte sich die Tonart nicht: "Die Deutschen stopfen unsere Münder mit gefrorener Erde ... Sie foltern unsere Kinder ... Sie haben Millionen guter Menschen abgeschlachtet für nichts und wieder nichts, allein aus Habgier, Stupidität und angeborener Wildheit."

Zwischen 1942 und 1944 produzierte Ehrenburg etwa 3.000 richtungweisende Hetzartikel, die er in einer dreibändigen Buchpublikation mit dem Titel "Der Krieg" zusammenfaßte. Viele seiner vor Haß triefenden Aufrufe zu Gewalt, Mord und Vergewaltigung wurden als Flugblätter in der Roten Armee verteilt. Einige drastische Beispiele: "Töte den Deutschen, wo Du ihn antriffst. Schlag ihn auf der Straße, im Haus, spreng ihn mit der Granate, stich das Bajonett in ihn, die Mistgabel, spalte ihn mit dem Beil, setze ihn auf den Pfahl, zerschneide ihn mit dem Messer, schlag, wie Du kannst, aber töte! Töte ihn, und Du rettest Dein Leben und das Deiner Familie. Töte ihn, und Du rettest Deine Heimat, Dein Volk. Überall mußt Du die Bestie schlagen! Wenn er Halt macht und schläft - zerfleische den Schlafenden. Geht er durch den Wald - wird er dort den Tod finden. Ist er unterwegs -eine Mine soll ihn zerreißen. Fährt er in der Eisenbahn - laß den Zug entgleisen. Zerdrücke, zerspalte, zersteche ihn im Wald, auf dem Feld, auf Straßen, vernichte ihn überall!"

"Die Deutschen sind keine Menschen. Von jetzt ab ist das Wort 'Deutscher' für uns der allerschlimmste Fluch. Von jetzt ab bringt das Wort 'Deutscher' ein Gewehr zur Entladung. Wir werden nicht sprechen. Wir werden uns nicht aufregen. Wir werden töten. Wenn Du im Lauf eines Tages nicht wenigstens einen Deutschen getötet hast, so ist es für Dich ein verlorener Tag gewesen. Wenn Du glaubst, daß der Deutsche von Deinem Nachbarn getötet wird, so hast Du die Gefahr nicht erkannt. Wenn Du einen Deutschen nicht tötest, so tötet der Deutsche Dich. Er wird die Deinigen festnehmen und sie in seinem verfluchten Deutschland foltern. Wenn Du den Deutschen nicht mit einer Kugel töten kannst, so töte ihn mit Deinem Seitengewehr. Wenn in Deinem Abschnitt Ruhe herrscht und kein Kampf stattfindet, so töte den Deutschen vor dem Kampf. Wenn Du den Deutschen am Leben läßt, wird er den russischen Mann aufhängen und die russische Frau schänden. Wenn Du einen Deutschen getötet hast so töte einen zweiten. Für uns gibt es nichts lustigeres als deutsche Leichen."[98]

Am 24.8.1944 verkündete Ehrenburg der Roten Armee, die sich zum Einfall in Deutschland umgruppierte: "An den Grenzen Deutschlands laßt uns noch einmal den heiligen Eid wiederholen, nichts zu vergessen ... Wir sagen dies mit der Ruhe eines lange herangereiften und unüberwindlichen Hasses, wir sagen dies an den Grenzen des Feindes: Wehe Dir Deutschland!" Dieser Drohung folgte am 17.9.1944 der Aufruf: "Wir werden totschlagen!"[99]

Am 12.1.1945 setzte der Armeegeneral Tschernakowski den Aufruf Ehrenburgs für die Truppen der Dritten Weißrussischen Front in einen Befehl um: "Gnade gibt es nicht - für niemanden, wie es auch keine Gnade für uns gegeben hat ... Es ist unnötig, von den Soldaten der Roten Armee zu fordern, daß Gnade geübt wird. Sie lodern vor Haß und Rachsucht. Das Land der Faschisten muß zur Wüste werden, wie auch unser Land, das sie verwüstet haben. Die Faschisten müssen sterben, wie auch unsere Soldaten gestorben sind."[100]

Ähnliches formulierte der Befehlshaber der Ersten Weißrussischen Front, Marschall Schukow, unter dem Titel "Tod den deutsche Okkupanten" in einem Tagesbefehl zu Beginn der Januaroffensive: "Die große Stunde hat geschlagen! Die Zeit ist gekommen, dem Feind den letzten, entscheidenden Schlag zu versetzen und die historische Aufgabe zu erfüllen, welche vom Genossen Stalin gestellt wurde: dem faschistischen Tier in seiner eigenen Höhle den Garaus zu machen und über Berlin die Siegesfahnen zu hissen. Die Zeit ist gekommen, mit den deutschfaschistischen Halunken abzurechnen. Groß und brennend ist unser Haß! Wir haben die Qual und das Leid nicht vergessen, welche von den Hitlerschen Menschenfressern unserem Volke zugefügt wurden. Wir haben unsere niedergebrannten Städte und Dörfer nicht vergessen. Wir gedenken unserer Brüder und Schwestern, unserer Mütter und Väter, unserer Frauen und Kinder, die von den Deutschen zu Tode gequält wurden. Wir werden uns rächen für die in den Teufelsöfen Verbrannten, für die in den Gaskammern Erstickten, für alle Erschossenen und Gemarterten. Wir werden uns grausam rächen für alles."[101]

Nach dem Eindringen auf deutschen Boden verhielten sich die Soldaten der Roten Armee befehlsgemäß."[102]

Erst drei Wochen vor dem Kriegsende wurde Ehrenburg gebremst, weil die Greuel der Roten Armee auf deutschem Boden bei den Westalliierten Empörung auslösten. Am 14.4.1945 ließ Stalin in der "Prawda" einen Artikel des Chefideologen Alexandrow abdrucken. Die Überschrift lautete "Der Genosse Ehrenburg vereinfacht zu sehr". Der Tadel bedeutete jedoch nicht das Ende seiner Karriere.

Im Deutschen Reich gab es lediglich einen prominenten Politiker, der in seiner Hetze Ehrenburg das Wasser reichen konnte: Julius Streicher, der Herausgeber der Zeitung "Der Stürmer". Bereits 1940 wegen persönlicher Verfehlungen seiner Parteiämter enthoben und auf seinen Landsitz verbannt, wurde er in Nürnberg zum Tode verurteilt und gehenkt.

Wegen seiner Verdienste im Großen Vaterländischen Krieg und wegen seiner zahlreichen Hymnen auf Stalin durfte Ehrenburg als eines der wenigen Mitglieder des "Jüdischen Antifaschistischen Komitees der Sowjetunion" den Weltkrieg überleben. Der 1946 erschienene politische Roman "Der Sturm" brachte ihm den Stalinpreis erster Klasse ein, die höchste literarische Auszeichnung der Sowjetunion. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt Ehrenburg Vorträge in den von der Roten Armee besetzten Ländern. Als stellvertretender Vorsitzender des Weltfriedensrates bereiste er in den folgenden Jahren alle Erdteile. Die linken Intellektuellen waren von ihm fasziniert. In Deutschland wurde er sogar für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vorgeschlagen.

1959 wurde Ehrenburg ins Präsidium des sowjetischen Schriftstellerverbandes gewählt. Als er 1961 seinen 70. Geburtstag feierte, begeisterte sich die Gewerkschaftszeitung "Trud" über die Wirkung seiner Propagandaschriften: "Man las sie in Schützengräben, in Partisanenwäldern, in Verteidigungsanlagen, in den Industriewerken und Fabriken in der Heimat. ... Diese von antifaschistischem Haß durchdrungenen, leidenschaftlich patriotischen Artikel regten die Krieger zu einem erbarmungslosen Kampf gegen den Hitlerismus an."[103] Am 31.8.1967 starb Ehrenburg. Die Geschichte wird ihn als einen der größten Mordhetzer der Weltgeschichte in Erinnerung behalten.[104]

Die Tradition sowjetischer Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Massenverbrechen gehörten zum Charakter des sowjetischen Systems. Unter keinem Regime in der Menschheitsgeschichte kamen so viele Menschen gewaltsam zu Tode wie unter Lenin und Stalin. Die Schätzungen reichen bis zu 80 Millionen. Bis 1924 ermordeten die Sowjets in der Aufbauphase des Sozialismus etwa zwei Millionen Menschen. 1932/33 fielen dem gelenkten Hunger in der Ukraine fast zehn Millionen Menschen zum Opfer. Die Säuberungen zwischen 1936 und 1939 kosteten weiteren sechs Millionen Menschen das Leben. Betroffen war auch das Offizierskorps der Roten Armee: Von den fünf sowjetischen Marschällen überlebten nur zwei, von 14 Armeebefehlshabern zwei, von acht Admiralen keiner, von 67 Korpskommandanten wurden 60 erschossen und von 199 Divisionskommandeuren 136.[105] Als Ostpolen 1939 von der Roten Armee besetzt wurde, verschwand eine Million Menschen. Zu Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion befahl Stalin, keine politischen Gefangenen in die Hände der Deutschen fallen zu lassen. Dieser Weisung entsprechend wurden in den Gefängnissen der Grenzstädte rund 4.000 ukrainische und polnische politische Gefangene planmäßig erschossen. Der russischen Propaganda gelang es, die Schuld den Deutschen aufzubürden. Die amerikanische Agentur "Associated Press" meldete ohne eigene Recherchen am 8.8.1941, deutsche Sturmtruppen hätten in Lemberg 40.000 Menschen getötet.[106] Auch die sowjetischen Rückzugsgreuel in anderen Städten wurden den Deutschen in die Schuhe geschoben. Wie viele Opfer die Deportationen der Rußlanddeutschen von der Wolga, aus der Ukraine und von der Krim kosteten, ist nicht feststellbar. Aufgrund der Verordnung des Obersten Sowjets vom 28.8.1941 wurden sie als kollektive "Diversanten und Spione" in der Mehrzahl nach Kasachstan verbannt. Am Ende des Weltkriegs kam etwa eine Million Überläufer und Freiwillige aus den nichtrussischen Minderheiten zu Tode, die an deutscher Seite gegen den Stalinismus gekämpft hatten. Sie wurden entweder hingerichtet oder starben in den Todeslagern. Das Schicksal mehrerer hunderttausend "Hiwis", die bei den deutschen Fronttruppen zu Hilfsdiensten herangezogen worden waren, ist ungeklärt. Von den 3,15 Millionen deutschen Kriegsgefangenen starben 1,1 Millionen. Das Schicksal von 360.000 ist ungeklärt. Da die deutschen Kriegsgefangenen erst nach der Ankunft in den Kriegsgefangenenlagern gezählt wurden, befinden sich unter den 1,24 Millionen deutschen Soldaten, die zwischen dem 22.6.1941 und dem 20.3.1945 als vermißt galten, sehr viele, die auf den langen Märschen zu den Lagern umkamen. Die Zahl der deutschen Zwangsverschleppten wird auf 218.000 geschätzt und die der verschleppten Volksdeutschen aus Jugoslawien, Polen, Ungarn und Rumänien auf mindestens 200.000. Ein Drittel von ihnen blieb verschollen. Insgesamt brachte Stalin mindestens 20 Millionen Menschen um. Der russische Nobelpreisträger Solschenizyn spricht von 40 Millionen.

Die Ermordung deutscher Kriegsgefangener paßte in den Rahmen des Systems. Sie war in erster Linie nicht Ausdruck des inhumanen Verhaltens einzelner Rotarmisten. Die Anweisungen gingen von der Sowjetführung aus. Den grundlegenden Befehl gab Stalin in seiner Rede auf der Moskauer Deputiertenversammlung anläßlich des 24. Jahrestages der Sozialistischen Oktoberrevolution am 6.11.1941, als er sagte: "Von nun an ist es unsere Aufgabe, ... alle Deutschen, bis zum letzten Mann, zu vernichten. Keine Gnade mit den deutschen Eindringlingen, Tod den deutschen Okkupanten!" Dieser Aufruf und ähnliche Anweisungen wurden von den Politkommissaren der Roten Armee umgesetzt. In einem Tagesbefehl berichtete Stalin am 1.5.1942 voller Stolz, daß seine Kämpfer erbarmungslos geworden und Tötungen deutscher Soldaten eine Alltäglichkeit seien.[107]

Besonders hart war das Schicksal der deutschen Verwundeten, die in sowjetische Hand fielen. Betroffen waren nicht nur die auf dem Gefechtsfeld Zurückgebliebenen, sondern auch die, die bereits auf den Truppenverbandsplätzen gesammelt oder in den Feldlazaretten operiert worden waren. Ende Dezember 1941 wurden z.B. 160 Schwerverwundete im Lazarett von Feodosia auf der Krim zurückgelassen, als die Deutschen sich zurückzogen. Sie wurden ohne Ausnahme von den Russen umgebracht, d.h. die Ufermauern hinabgeworfen, erschlagen und der Erfrierung preisgegeben, wie bei der Rückeroberung der Stadt vierzehn Tage später festgestellt wurde.[108] Von den Verwundeten in Stalingrad, die in sowjetische Hand fielen, überlebte fast niemand.[109]

Auch deutsche Soldaten, die ihre Stellung bis zur letzten Patrone verteidigten, waren oft Opfer der Rache, wenn sie überwältigt wurden. Eine Reihe von Geheimbefehlen Stalins, die noch in den russischen Archiven lagern, befahl, deutsche Soldaten, die bis zuletzt Widerstand leisteten, zu erschießen. Auch wer "faschistisches" Gedankengut äußere, sei des Todes.

Das völkerrechtswidrige und grausame Verhalten der Roten Armee drang auch zu den Westalliierten. Die sowjetische Propaganda gab das als deutsche Machenschaften aus, die das Ziel hätten, einen Keil zwischen die Kriegsgegner Deutschlands zu treiben. Der Stalin-Befehl Nr. 55 vom 23.2.1942 legte dar, daß es "eine dumme Lüge und eine törichte Verleumdung" sei, wenn die Deutschen behaupteten, die Rote Armee nehme keine Gefangenen. "Die Rote Armee nimmt deutsche Soldaten und Offiziere, wenn sie sich ergeben, gefangen und schont ihr Leben. Die Rote Armee vernichtet deutsche Soldaten und Offiziere, wenn sie es ablehnen, die Waffen zu strecken und mit der Waffe in der Hand unsere Heimat zu unterjochen suchen." Von den Propagandaabteilungen der Armeen wurde dieser Befehl Stalins als Stawkabefehl Nr. 55 auf Flugzetteln über den deutschen Linien abgeworfen, aber das Mißtrauen der Wehrmachtsangehörigen konnte er nicht abbauen. Mit Recht. Denn Geheimbefehle und propagandistische Haßaufrufe konterkarierten ihn.[110] Die "Wehrmacht-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts" im Oberkommando der Wehrmacht konnte auch nach dem Stawka-Befehl Nr. 55 in der Behandlung deutscher Kriegsgefangener und Verwundeter keinen Kurswechsel feststellen.

Die brutalen Vergewaltigungen des Völkerrechts hielten an. Aber die Beweislage wurde für die Deutschen von Woche zu Woche schwieriger. Verwundete deutsche Soldaten blieben immer häufiger zurück, wenn die Truppe zurückgedrängt wurde, und es gab keine Aussagen darüber, wie sie behandelt wurden. Daß sich Gefangene zu den deutschen Linien durchschlagen konnten, wurde desto seltener, je größer die täglichen Bodengewinne der Roten Armee waren. Es gab immer weniger erfolgreiche deutsche Gegenangriffe, nach denen man auf nachweisbare Greuel der Roten Armee stoßen konnte.


Anmerkungen

  1. Vgl. Otto von Stülpnagel: Die Wahrheit über die deutschen Kriegsverbrechen, Berlin 1921
  2. Zur Widerlegung der Überfallthese vgl. u.a. Viktor Suworow: Der Eisbrecher. Hitler in Stalins Kalkül, Stuttgart 1989; Ernst Topitsch: Stalins Krieg. Moskaus Griff nach der Weltherrschaft. Strategien und Scheitern, Herford 1993; Walter Post: Unternehmen Barbarossa. Deutsche und sowjetische Angriffspläne 1940-41, Hamburg u.a. 1995
  3. Vgl. Paul Roth: Cuius regio - eius informatio. Moskaus Modell für die Weltinformationsordnung, Graz u.a. 1984, S. 43 ff.
  4. Vgl. Flugblattpropaganda im 2. Weltkrieg, hrsg. von Klaus Kirchner, Band 14 und 15, Erlangen 1995 und 1996
  5. Vgl. A. E. Epifanow und Hein Mayer (wie Anm. 70), S. 240
  6. Vgl. Paul Roth: Die kommandierte öffentliche Meinung. Sowjetische Medienpolitik, Graz u.a. 1982,S.146
  7. Vgl. Raymond L. Garthoff (wie Anm. 27), S. 59
  8. Vgl. Raymond L. Garthoff (wie Anm. 27), S. 274
  9. Vgl. Rudolf Aschenauer (wie Anm. 36), S. 314
  10. Vgl. Raymond L. Garthoff (wie Anm. 27), S. 292
  11. Vgl. Fritz Becker (wie Anm. 55), S. 237
  12. Vgl. Raymond L. Garthoff (wie Anm. 27), S. 291
  13. Vgl. Fritz Becker (wie Anm. 55), S. 270
  14. Vgl. Flugblattpropaganda im 2. Weltkrieg (wie Anm. 81), Band 14, S. 443
  15. Vgl. Raymond L. Garthoff (wie Anm. 27), S. 272
  16. Vgl. Joachim Hoffmann (wie Anm. 33), S. 133 ff.
  17. Alliierte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Buenos Aires 1953, S. 231
  18. Vgl. Joachim Hoffmann (wie Anm. 33), S. 203
  19. Vgl. Paul Roth: Die kommandierte öffentliche Meinung. Sowjetische Medienpolitik, Stuttgart 1982,S.134
  20. Vgl. Joachim Hoffmann (wie Anm. 33), S. 136
  21. Vgl. Erwin Peter und Alexander E. Epifanow (wie Anm. 3), S. 262 f.
  22. Vgl. Joachim Hoffmann (wie Anm. 33), S. 256
  23. Vgl. Joachim Hoffmann (wie Anm. 33), S. 261
  24. Vgl. Fritz Becker (wie Anm. 55), S. 264
  25. Vgl. Norman M. Naimark: The Russians in Germany. A History of the Soviet Zone of Occupation 1945-1949, Cambridge u.a. 1996, S. 69 ff.
  26. Vgl. Alliierte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit (wie Anm. 94), S. 231
  27. Vgl. Lew Kopelew: Aufbewahren für alle Zeit!, Hamburg 1976, S. 105 ff.
  28. Vgl. Dirk Kunert: Hitlers kalter Krieg, Moskau, London, Washington, Berlin: Geheimdiplomatie, Krisen und Kriegshysterie 1938/39, Kiel 1992, S. 12
  29. Vgl. Joachim Hoffinann (wie Anm. 33), S. 176
  30. Vgl. Rudolf Aschenauer (wie Anm. 36), S. 198
  31. Vgl. Alfred M. de Zayas (wie Anm. 69), S. 308 ff.
  32. Vgl. A.E. Epifanow und Hein Mayer (wie Anm. 70), S. 237 ff.
  33. Flugblattpropaganda im 2. Weltkrieg (wie Anm. 81), Band 14, S. 135

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