Auschwitz: Die Paradoxie der Erlebnisse

Wie eine Zeugin vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht

Von Dipl.-Ing. Gerhart Baum

Der Anlaß

In der Tageszeitung Die Welt meldete sich am 2. November 1996 auf S. 9 eine Dame namens Ruth Schindler zu Wort. Sie begann ihren Leserbrief mit dem Hinweis darauf, daß sie eine Auschwitz-Überlebende sei, was ihren Aussagen in den Augen vieler Leser wahrscheinlich ein höheres moralisches Gewicht verleiht. Ein Leser dieser Zeitung allerdings wollte genauer wissen, was sie in Auschwitz erlebt hatte, und schrieb die Leserbriefautorin daher an (Namen und Anschriften der Redaktion bekannt):


Der Briefwechsel

A.E. [...] [...], den 03.11.1996

Frau Ruth Schindler, [...]

Betr.: Ihren Leserbrief in der Zeitung DIE WELT vom 02.11.1996 auf Seite 9

Sehr verehrte Frau Schindler,

als ein Nachkriegsgeborener habe ich Ihre Leserzuschrift an DIE WELT vom 02.11.1996 mit großer Aufmerksamkeit gelesen. Sie schrieben nämlich da:

»Ich bin eine gebürtige Pragerin, Jüdin, habe ein volles Jahr in Auschwitz im Familienlager verbracht, mein ganzer Transport wurde in einer Nacht am 06.März 1944 vergast - es überlebten nur 22 Menschen. Dies zu meiner Person. [...]«

Zu Ihrem erschütternden Schicksal habe ich zwei Fragen:

  1. Was ist ein "Familienlager"? - Können Sie mir eine kurze aufklärende Beschreibung geben?
  2. Sie haben, offenbar als eine der oben erwähnten 22 Menschen, (den Gang in) die Gaskammern überlebt. Können Sie mir mitteilen, wodurch und wieso Sie und Ihre 21 Leidensgenossen das große Glück hatten, diese zu überleben?

Über eine erläuternde Antwort von Ihnen würde ich mich sehr freuen, denn war es nicht der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland Ignatz Bubis, der einmal sagte, daß man die Geschichte kennen muß, um aus ihr lernen zu können? Und Sie sind eine noch lebende direkte Zeugin, die weiß, was ich nicht wissen kann.

Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich

gez. A.E.


RUTH SCHINDLER [...] 5.11.96

An Herrn A.E. [...]

Lieber Herr E.,

ich habe heute Ihren 1. Brief erhalten und will diesen sofort beantworten. Ich freue mich immer sehr, wenn ich bei der "nachfolgenden" Generation der Kriegsjahre auf Interesse und Anteilnahme an meinen Berichten stoße. Ich spreche oft vor jüngeren Menschen, da ich es für wichtig halte, diese zu informieren, damit sich die tragische Geschichte der Deutschen nie wieder wiederholt. Ich will versuchen, Ihre Fragen in Kürze zu beantworten.

1. Familienlager: Am 6. September 1943 wurden wir 5.000 Menschen - Männer, Frauen und Kinder - von dem Ghetto Theresienstadt aus in verschlossenen Viehwaggons nach Auschwitz deportiert und in das Lager B IIb Birkenau, ein Abschnitt von Auschwitz, geführt. Männer auf eine Seite des Lagers und Frauen auf die gegenüberliegende Seite der Lagerstrasse, je 500 Menschen in einen Block gedrängt. Im Dezember kamen weitere 5.000 Menschen und im Mai '44 2.500 in unser Lager. Ich berichte Ihnen nur das Nötigste, ohne Emotion, das würde zu viele Seiten beanspruchen.




Ich hatte mir schon bei der Besetzung meines Vaterlandes, der CSR, durch die Nazis vorgenommen, denen nie zu gehorchen, und das hielt ich auch konsequent ein. So brachte ich gegen das Verbot - ich kam mit meiner Mutter - auch meine Essenstasche in das Lager. Die war meine Rettung. In der Aufregung nach der Tätowierung einer Nummer auf den linken Arm - wir hatten schon zwei Tage nichts zu essen und zu trinken bekommen - trank ich aus einer Aluminiumflasche aus der Tasche in gutem Glauben Essig - es war aber Essigessenz -, die wir auf eine lange Reise in den Osten mitgenommen hatten. Ich hatte sofort Verbrennungen im Hals und kam ins Revier (Krankenhaus) in unserem Lager. Meine Mutter war im Block und berichtete mir täglich Schreckliches von dem Gedränge und Hunger dort. Also wollte ich im Revier bleiben als Krankenpflegerin und kam auf meine Bitte in die Schreibstube (Aufnahme und Entlassung) von Kranken. Auf unseren Karteikarten im Hauptlager, das erfuhren wir später, war schon notiert, nach einem halben Jahr SB ist gleich Sonderbehandlung, ist gleich Vergasung. Als es soweit war am 6. März '44, stellte Mengele, der Name ist Ihnen wohl bekannt, eine Reklamationsliste zusammen, Ärzte, Pflegepersonal und 5 Paar Zwillinge, mit denen er Versuche machte. Nach 32 Stunden bangen Wartens bereits im Quarantänelager A neben uns, wurde unser versperrter Block geöffnet und das Krankenhauspersonal durfte ins Lager B IIb zurückkehren. Außerdem überlebten 120 Kranke, darunter meine Mutter, da man uns eingeredet hatte, daß wir auf Arbeit nach Heidebrek geschickt werden, damit keine Panik entsteht. Meine Mutter lag krank bei mir und überlebte. Das war das große Glück. Ich habe mich nicht gefürchtet und habe auch Karteikarten gefälscht bei der nächsten Vergasung im Juli '44, als Arbeitsfähige zur Arbeit in andere Lager geschickt wurden. Aber nur ab 15 - 50 Jahren, also habe ich das Alter korrigiert usw. Ich war noch im KZ Stutthof und Korben bei Bromberg in einem Zeltlager und wir haben für die Todt Organisation Schützengräben gebaut. Meine Mutter war immer bei mir, schälte in der Küche Kartoffeln. Ich arbeitete durch viel Glück wieder in der kleinen Schreibstube im Zelt mit unserem Schuster zusammen. Da waren wir 2.000 Frauen. Da gab es kaum Schreibarbeit, nur Karteikarten unseres Lagers wurden angelegt. Es gab auch mehr zu essen, so daß wir, lauter junge Menschen, keine Toten hatten. Wir hatten wieder das große Glück, im Osten am 26. Jänner '45 durch die Russen befreit zu werden. Allerdings machten wir noch den sogenannten Todesmarsch mit, da schwache und kranke Mädchen, die nicht mehr laufen konnten, von lettischer SS, die uns bewachte, erschossen wurden. Das war noch eine große Tragödie. Trotzdem habe ich nach meiner Befreiung folgenden Vorsatz gefaßt: Ich werde nicht hassen und nie von Kollektivschuld sprechen. Auch das halte ich ein. Ich hoffe, daß ich Sie aufgeklärt habe, und falls Sie Kinder haben, sollen diese meinen Bericht an Sie auch lesen. Die Jugend soll immer den Mund aufmachen, wenn es Ungerechtigkeiten gibt. Sich wehren und nie Angst haben! Meine Mutter hat mit uns in Hamburg gelebt. Ich habe meinen Jugendfreund aus Prag, vom Gymnasium und von Tanzstunden, geheiratet. Er ist nicht jüdisch, hat aber immer zu mir gehalten, auch ohne Angst! Nach dem Kriege haben wir dann geheiratet. Eine richtige Lovestory, auch mit viel Glück, mein Mann hat auch Rußland überlebt, da er einrücken mußte. Unsere Story war im Vorjahr auch im Fernsehen. Ich wünsche Ihnen alles Gute und freue mich, wie schon gesagt, über Ihre Haltung.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre [gez.] Ruth Schindler


A.E. [...] [...], den 25.11.1996

Frau Ruth Schindler, [...]

Sehr verehrte Frau Schindler,

ich bedanke mich bei Ihnen ganz herzlich für Ihren Brief vom 05.11. d.J. und die sehr ausführliche Beschreibung Ihres Aufenthalts im KL Auschwitz. Ja, das ist in der Tat etwas ganz anderes, von einer Zeitzeugin persönlich zu hören wie das damals war, als die "Berichte" in den Zeitungen zu lesen, die von jungen Leuten geschrieben werden, die gar nicht wissen können, worüber sie da schreiben. Beim Lesen Ihres Briefes war es mir daher, als säße ich meinem Großvater wieder gegenüber, der auch so interessant von seiner Zeit erzählen konnte, einer Zeit, die ich als Nachkriegsgeborener nur aus den Geschichtsbüchern kenne.

Etwas nur habe ich vermißt, und das wäre eine ausführliches Eingehen von Ihnen auf die schrecklichen Gaskammern gewesen, über die ja immer vieles geschrieben und gesagt wird, und man weiß nicht, ob das alles so stimmt. Sie schrieben über die Gaskammern eher beiläufig und für mein Interesse viel zu wenig. Nun sind seitdem natürlich mehr als 50 Jahre vergangen und das ist für jeden Menschen eine lange, lange Zeit. Aber andererseits ist ja bekannt, daß gerade alte Menschen und besonders ältere Frauen ein hervorragendes Gedächtnis für weit zurückliegende Geschehnisse haben.

Könnten Sie freundlicherweise mir noch einmal schreiben, was Sie über die Gaskammern berichten können? Sie sollten aber - versuchen Sie es bitte, wenn Sie mir antworten - nach Möglichkeit deutlich schreiben, was Sie selbst erlebt haben und was Sie hingegen nur vom Hörensagen wissen. Dann kann ich meinen Kindern später einmal vorlesen, denn Ihren ersten Brief habe ich natürlich aufgehoben, was eine jüdische Zeitzeugin selbst erlebt hat und was sie darüber von anderen gehört hat.

Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich

gez. A.E.


RUTH SCHINDLER [...] 28.11.96

An Herrn A.E. [...]

Lieber Herr E.,

gestern habe ich Ihren Brief erhalten und antworte Ihnen sofort, da ich dieses entsetzliche Thema, nach dem Sie mich fragen, nicht gerne zu lange mit mir herumtrage und es eben deshalb lieber gleich beantworte. Ich schrieb Ihnen doch, daß mein ganzer Transport in der Nacht vom 6. auf den 7. März 1944 in den Gaskammern von Auschwitz umgebracht wurde. Dieser Lagerälteste, übrigens ein Hamburger, also deutscher Häftling, kam weinend in unser Zimmer im Krankenhaus, schlug mit dem Kopf auf den Tische und sagte, ich habe sie alle liegen gesehen, die Hanna, die Wera, die Ilse usw. alle tot, vergast. (Willi Brachmann hieß er, viel älter als wir, lebt nicht mehr, ich sprach aber noch mit ihm hier in Hamburg.) Dazu braucht man aber nicht den Willi B., wir alle in Auchwitz wußten, kurz nach unserer Ankunft in dieser Hölle, was hier vorgeht. Es roch nach Rauch und die Kamine brannten ununterbrochen, und ältere Häftlinge klärten uns sofort auf, daß hier Menschen zu Tausenden täglich vergast werden. Oft kamen ganze Transporte direkt von der Rampe (Bahngleise) in sogenannte "Baderäume", wo sich alle nackt ausziehen mußten. Es wurde ihnen eingeredet, daß sie duschen werden und neue Kleidung bekommen, dann wurden sie nackt in die Kammern getrieben. Diese schreckliche Arbeit mußten Häftlinge, das sogenannte "Sonderkommando", machen. Diese Häftlinge wurden nach ca. zwei Monaten auch wieder vergast, da sie zu viel wußten. Soviel ich weiß, haben zwei Überlebende dieses Kommmandos in Israel gelebt. Das mußten nur jüdische Häftlinge machen. In diese auszementierten Kammern wurden die Menschen hineingetrieben, zu viele, dicht aneinander gepreßt. Dicke Türen wurden von außen geschlossen. Oben war eine Luke, durch diese wurde von SS-Leuten aus Gasbehältern Cyclon B hineingeströmt, Luken geschlossen und die Menschen erstickten, die, die unten lagen, schneller, die, die oben lagen, langsamer. 3 Minuten hat es gedauert wurde ausgerechnet. Schrecklich. Gruselmärchen sind nichts dagegen. Die Leichen wurden dann herausgezogen von Häftlingen und in den Krematorien verbrannt. Die Schlote rauchten ununterbrochen, und es roch im Auschwitz immer nach verbranntem Fleisch. So, jetzt habe ich genug von diesem Bericht. Es nimmt mich immer sehr mit.

Kaufen Sie sich ein Buch von Hermann Langbein, über Auschwitz. Er war der älteste deutsche Häftling in Auschwitz und hat alles erlebt und viele Bücher geschrieben. Er starb mit 84 Jahren ca. vor einem Jahr, ich kannte ihn persönlich von Vorträgen. Er war auch Zeuge bei vielen Prozessen. Auch von Eugen Kogon Der SS-Staat existiert ein hervorragendes Buch. Auf diese fabrikmäßige Tötung, die Massen von Menschen vernichteten, an die 4 Millionen, kamen die Nazis nach und nach, weil alles zu langsam ging. Deutsche Firmen waren die Produzenten. Einmalig in der Geschichte der Menschheit.

Viele herzliche Grüsse von [gez.] Ruth Schindler

Umdrehen!

Ich habe nochmals Ihren Brief durchgelesen. Die Gaskammern habe [ich] selbst zweimal gesehen! Das erste Mal, als ich im F-Lager operiert wurde am Blinddarm. Sichtbar daneben stand das Gebäude mit den Gaskammern, ich sah in der Nacht vom Operationsraum aus voll beladene Busse mit Menschen dorthin fahren, die Menschen schrien, es war fürchterlich. Diese Lastwagen verschwanden nirgendwohin, die Menschen als Rauch in den Himmel. Ein alter Häftling hat mich geweckt - ich war schon nach der Operation - damit ich mir dies alles ansehe. Das zweite Mal sah ich die Kammern, als wir Auschwitz im Juli '44 Gottlob als Arbeitskräfte verlassen konnten. Da saßen wir eine ganze Nacht ganz in der Nähe und wußten nicht, fahren wir oder fahren wir nicht. Dann wurden wir morgens doch zum duschen gebracht. Vorher war SelektIon in meinem B IIb Lager, nur arbeitsfähige überlebten unser Lager. Wir waren im Juli ca 7.000 Menschen darin, ca. 2.000 wurden zur Arbeit aussortiert, der Rest kam wieder ins Gas, ältere und kranke Menschen, vor allem viele Kinder. Für meine psychische Anstrengung, Ihnen dies alles zu berichten, müßten Sie mich mal anrufen und sich bedanken, wirklich.

[...Telefonnummer] In den Gaskammern drin war ich nicht, sonst könnte ich Ihnen nicht schreiben!


KGL Auschwitz-Birkenau

Lageplan des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Frau Schindler hat in einer der Baracken des Lagerbereiches B IIf gelegen (nahe dem Teich bei KIV), als daran Busse oder Lastwagen vorbeifuhren. Ob die Busse zu den Krematorien IV oder V fuhren oder aber zur Zentralsauna , bleibt unklar.

Die Analyse

Medizinische Hilfe für kranke Häftlinge

Die etablierte Geschichtsschreibung geht davon aus, daß insbesondere jüdische Häftlinge, die im Lager Auschwitz-Birkenau erkrankten, nicht etwa aufwendig gepflegt wurden, sondern daß sie mit den anderen arbeitsunfähigen Häftlingen, also alten Menschen und Kindern, ins Gas geschickt wurden. Freilich ist allein schon die Existenz des recht großen Krankenrevieres in Auschwitz-Birkenau ein Indiz dafür, daß dies so nicht stimmt. Die im Zusammenhang mit dem Fall Weise aufgefundenen, viele Zigtausende zählenden Untersuchungsberichte über Therapie und Genesungsfortschritt der Patienten sind eindeutiger Beweis dafür, daß im Krankenrevier tatsächlich massive medizinische Hilfe geleistet wurde (vgl. C. Jordan, in: Ernst Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1994, erhältlich bei VHO).

Frau Schindler selbst schließlich ist der beste Beweis für die These, daß kranken Häftlingen in Auschwitz geholfen wurde: Ihre Speiseröhrenverätzung wurde behandelt; sie führte Kartei über viele Kranke, die nach ihrer Genesung entlassen wurden; 120 kranke Häftlinge überlebten eine Selektion; ihr wurde der Blinddarm herausoperiert; ihre kranke Mutter durfte ihre Krankheit unbescholten auskurieren. Die Selbstverständlichkeit, mit der Frau Schindler über diese Hilfe berichtet, darf als Beweis dafür gelten, daß sie in Auschwitz eben selbstverständlich war.

Sonderbehandlung und Quarantänemaßnahmen

Prominentestes Beispiel einer überlebten Sonderbehandlung ist bekanntlich Simone Veil, geborene Jacobs, die in den Listen des KZ Auschwitz ebenfalls ein SB eingetragen erhielt, diese Behandlung aber überlebte und es später bis zur Präsidentin des Europaparlamentes bringen konnte.

Wie W. Stromberger nachwies, bedeutete das Wort "Sonderbehandlung" in Auschwitz tatsächlich die Durchführung von besonderen Hygienemaßnahmen zur Seuchenprävention, d.h. Entlausungsmaßnahmen, Körperreinigungen, Quarantäne u.a. (»Was war die "Sonderbehandlung" in Auschwitz?«, Deutschland in Geschichte und Gegenwart, 1996, 44(2), S. 24f.). Frau Schindler selbst stützt diese Interpretation, als sie berichtet, daß sie sich bei einer solchen Sondermaßnahme im Quarantänelager in einer abgeriegelten Barracke befand. Auch ihr angebliches erstes Sehen der Gaskammer spricht für eine solche Maßnahme. Sie berichtet, sie habe Busse oder Lkws zu einem Gebäude direkt neben dem Krankenlager fahren sehen, wo sie nur vermutete (!), daß sich darin Gaskammern befinden (gesehen hatte sie sie ja nicht, wie sie selbst sagt).

Wie dem Plan von Birkenau zu entnehmen ist, befanden sich die Gebäude des Krankenlagers (BII f) in unmittelbarer Nähe zum Krematorium IV und an der Zufahrtsstraße zur Zentralsauna, ab Anfang 1944 der zentrale Ort der Lagerhygiene mit Häftlingsduschen, Dampf- und Heißluftentlausungsanlagen. Da aus hygienischen Gründen Neuankömmlinge im Lager diese Reinigungsprozeduren über sich ergehen lassen mußten, ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie dorthin geführt wurden. Für Frau Schindler verschwanden die Fahrzeuge mit den Menschen einfach spurlos (was natürlich nicht sein kann).

Selektionen für den Arbeitseinsatz

Die etablierte Geschichtsschreibung geht davon aus, daß die Selektionen dazu dienten, die nicht arbeitsfähigen Häftlinge herauszusuchen, um sie anschließend zu töten (vergasen). Frau Schindlers Aussagen stützen aber die revisionistische These, daß die Selektionen dazu dienten, Arbeitskräfte zusammenzustellen, die dann meist in andere Konzentrations- und Arbeitslager überstellt wurden. Nach ihrem Bericht führte ihre Selektion dazu, daß sie und viele andere arbeitsfähige Häftlinge nach Stutthof bzw. Korben überstellt wurden.

Dies bestätigt den Fund von Pressac (Die Krematorien von Auschwitz, Piper, München 1994), der feststellte, daß eine nicht unerhebliche Menge von Auschwitz-Häftlingen nach der Selektion nicht etwa vergast, sondern nach Stutthof verlegt wurde. Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr solcher bisher unentdeckt gebliebener Häftlingsverlegungen in andere Lager, die bisher fälschlich als Selektionen für die "Gaskammern" interpretiert wurden.

Die direkte, aber eben irrtümliche Verknüpfung von angeblicher Vergasung und der Selektion zur Verschickung in andere Lager, in den Augen der zurückgebliebenen Häftlinge dem "spurlosen Verschwinden" ihrer Leidensgenossen, legt Frau Schindler selbst offen:

»[...] bei der nächsten Vergasung, als Arbeitsfähige zur Arbeit in andere Lager geschickt wurden.«

Und Frau Schindler gibt uns sogar einen Hinweis, wie es zum Gerücht von den "Gaskammern" kommen konnte: Sie selbst wurde selektiert und mußte danach nackt in eine Dusche gehen, da sie sich offenbar vor ihrem Transport nach Stutthof den üblichen Hygienemaßnahmen unterziehen mußte. Wie werden die im Lager verbliebenen Häftlinge diese Szenen aufgefaßt haben: Frau Schindler wird mit vielen anderen Häftlingen ausselektiert und verläßt ihre Barracke mit allem Hab und Gut. Sie geht nackt in eine Dusche und kehrt nicht wieder in die Baracke zurück. "Wurde sie vergast?", fragen sich ängstlich die Zurückgebliebenen. Da viele Insassen in Kriegs- und Konzentrationslagern eine Lagerpsychose entwickeln, die sich in wilden Phantasien und wuchernden Gerüchten äußert, ist leicht zu erklären, daß auf diese Weise derartige tatsächlich unhaltbare Geschichten entstehen.

Ansicht des Krematoriums V. Die Krematorien IV und V lagen in einem bewaldeten Bereich des Lagers. Frau Schindler konnte also von ihrem Platz im Krankenrevier die Busse bzw. Lastwagen tatsächlich nur "verschwinden" sehen, nicht aber, wohin die Menschen tatsächlich gebracht wurden und was mit ihnen geschah.

Aussagen vom Hörensagen

In ihrem zweiten Brief beschreibt Frau Schindler ausgiebig die Prozedur der angeblichen damaligen Menschenvernichtung. Durch eine erneute Lektüre des Briefes ihres Korre-

spondenzpartners daran erinnert, daß sie zwischen eigenem Erleben und Hörensagen unterscheiden solle, kommt jedoch eine vielsagende Ergänzung: Sie selbst hat niemals eine Gaskammer gesehen und auch keine Vergasung aus der Ferne miterlebt. Das einzige, was sie zu berichten weiß, sind in der Dunkelheit der Nacht in Richtung eines Krematoriums oder der Zentralsauna verschwundene Busse oder Lkws sowie ihr eigener Gang in eine Dusche nach ihrer Selektion.

Frau Schindlers Bezug auf den leider bereits verstorbenen Willi Brachmann erinnert an die Erlebnisse von Paul Rassinier und Robert Faurisson, die sehr häufig, wenn sie einen angeblichen Zeugen nach den Gaskammern frugen, als Antworten erhielten, daß die Zeugen selbst dergleichen nicht gesehen hätten, daß aber dieser und jener glaubwürdige, über jeden Zweifel erhabene Freund, der aber leider bereits verstorben sei, ihm dies berichtet habe.

Ihr Hinweis auf die Bücher von Hermann Langbein und Eugen Kogon schließlich sind ein starkes Indiz, mit welchem Material sie ihre Erinnerung angereichert hat, woher also die Interpretationen stammen, die sie ihren eigenen Erlebnissen aufzwingt. Daß diese Berichte vom Hörensagen zudem nachweislich falsch sind, wie zum Beispiel die rauch- und feuerspeienden Kamine, sei nur nebenbei erwähnt.

Daß ihre Erlebnisse genau das Gegenteil von dem beweisen, was sie in der Literatur und durch ihre Bekanntschaften mit anderen, eventuell gar prominenten "Überlebenden" in Erfahrung brachte, fällt ihr freilich nicht auf. Aus den vielen einzelnen, aussagestarken Fakten ihrer Erinnerung könnte sie einen guten Teil der ganzen Wahrheit herausfinden. Doch aufgrund der massiven Propaganda ihrer Umwelt erkennt Sie vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(3) (1997), S. 195-199.


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