Die Sterbebücher von Auschwitz

Statistische Daten über die Sterblichkeit der 1942 aus Frankreich nach Auschwitz deportierten Juden

Von Enrique Aynat

Enrique Aynat, Spanier, ist ein profilierter Forscher auf dem Gebiet der Endlösung. Er hat früher bereits drei Bücher zu Aspekten des "Holocaust" sowie mehrere Artikel verfaßt, die im Journal of Historical Review veröffentlicht wurden.

1997 veröffentlichte Enrique Aynat zusammen mit Jean-Marie Boisdefeu im Selbstverlag in Valencia ein Buch des Titels Estudios sobre Auschwitz. Der erste Teil des Buchs erscheint für die deutschen Leser von geringerem Interesse. Er behandelt den Rapport Victor Martins, ein apokryphes Dokument, das außerhalb Belgiens in der Holocaust-Literatur kaum je erwähnt wird. Somit ist der ganze erste Teil nichts anderes als die Widerlegung einer unwichtigen Zeugenaussage; hier wird mit dem Flammenwerfer einer Stechmücke der Garaus gemacht. Das Buch kann bei Apartado de Correos 12 083, 46080 Valencia, Spanien, bezogen werden.

Nachfolgend wird der zweite Beitrag dieses Buches mit dem Titel »Datos estadisticos sobre la mortalidad de los judios deportados de Francia a Auschwitz 1942«, verfaßt von Enrique Aynat Eknes, in deutscher Übersetzung vorgelegt. Aynat analysiert darin die in dem 1995 im Saur-Verlag publizierten Daten aus den Sterbebüchern des KL Auschwitz. Das Ergebnis dieser Studie stützt die revisionistische These vom Schicksal der französischen Juden, wie sie beispielhaft in VffG 1(4) (1997), S. 248-251, von Carl O. Nordling vorgetragen wurde: Die französischen Juden starben an den in Auschwitz herrschenden katastrophalen hygienischen Verhältnissen, wie sie sich auch in den von den Briten abgehörten, per Funk nach Berlin gesandten Berichten der Lagerkommandantur widerspiegeln (vgl. F. H. Hinsley, British Intelligence in the Second World War, v. II, Her Majesty's Stationary Office, London 1981, S. 669-673.). Eine Aussortierung arbeitsunfähiger Häftlinge zur sofortigen Tötung, wie von Zeugen vielfach berichtet, läßt sich nicht nachweisen. Vielmehr muß davon ausgegangen werden, daß die Häftling nach Ausbruch der Fleckfieberepidemie im Sommer 1942 nur noch ausnahmsweise im Lager Auschwitz aufgenommen wurden, ansonsten aber überwiegend in andere Lager verbracht wurden.

Jürgen Graf, Übersetzer


1. Einleitung

1.1. ZWECK UND ENTSTEHUNG DIESER SCHRIFT

1995 wurden die Listen mit den Namen der in Auschwitz Verstorbenen unter dem Titel Die Sterbebücher von Auschwitz veröffentlicht.[1] Dies stellte ein außergewöhnlich bedeutsames Ereignis in der Geschichtsschreibung über das bekannte deutsche Konzentrationslager dar. Besagte Listen wurden mehrheitlich auf der Grundlage der Sterbebücher der deutschen Verwaltung erstellt. Letztere waren im Jahre 1945 nach der Befreiung des Lagers den Sowjets in die Hände gefallen. 1991/1992 übergaben die Sowjetbehörden sämtliche 46 in ihrem Besitz befindlichen Sterbebücher dem Staatlichen Museum von Auschwitz-Birkenau, Polen.

Diese Sterbebücher sind eine unschätzbare Quelle für die Rekonstruktion der Geschichte von Auschwitz und werden künftig zweifellos intensiv zu diesem Zwecke genutzt werden.[2] Als ersten bescheidenen Beitrag habe ich mir zum Ziel gesetzt, anhand der im erwähnten Werk enthaltenen Sterbebücher zu ermitteln, wie sich die Einlieferung in das Lager Auschwitz für die im Jahre 1942 aus Frankreich deportierten Juden ausgewirkt hat.

Als zweite Quelle habe ich Serge Klarsfelds Le Mémorial de la Déportation des Juifs de France benutzt, in dem die Listen sämtlicher während des Kriegs aus Frankreich deportierten Juden figurieren.[3]

1.2 METHODIK

Meine Arbeit bestand ganz einfach darin, die Listen der Deportierten und jene in den Sterbebüchern nebeneinanderzustellen, um präzise Daten über die Sterblichkeit unter den Deportierten zu erhalten. Die auf diesem Wege gewonnenen Daten werden anschließend in Form von Tabellen und Diagrammen samt ergänzenden Kurzkommentaren präsentiert.

Die Gegenüberstellung der beiden Quellen war eine über alle Maßen beschwerliche Arbeit. Ich habe bei jedem einzelnen Namen der laut Klarsfelds Mémorial im Jahre 1942 aus Frankreich deportierten Juden nachgeprüft, ob er in den beiden Namenslisten von Sterbebücher enthalten ist. Dazu wurde jeder Name doppelt verifiziert. Wenn sich der Leser vergegenwärtigt, daß auf diese Weise um die 40.000 Namen überprüft werden mußten, kann er sich ein Bild von dem Aufwand machen, der mit dieser Arbeit verbunden war.

Ich sprach von einer doppelten Verifizierung, weil die Sterbebücher zwei verschiedene Listen mit den Namen Verstorbener enthält. Die erste umfaßt 68.864 Namen, welche in den erwähnten Sterbebüchern stehen. Die zweite enthält weitere 11.146 Namen, die aus den übrigen erhaltenen Dokumenten der Lagerverwaltung hervorgehen. Diese 11.146 Namen fehlen in den Sterbebüchern, vermutlich weil die diesbezüglichen Sterbeurkunden verloren gegangen sind. Insgesamt sind dokumentarische Unterlagen über 80.010 Verstorbene bewahrt.

1.2.1. Abweichungen bei der Gegenüberstellung der Quellen

Die - methodologisch an und für sich sehr simple - Arbeit wurde durch gewisse Identifizierungsprobleme erheblich erschwert.

In den Sterbebüchern findet man folgende Angaben über jeden Gestorbenen: Familienname, Vorname, Geburtsdatum, Geburtsort und Todesdatum. Die Arbeit der Gegenüberstellung und Identifizierung scheint prinzipiell höchst einfach, wenn auch mühselig und zeitraubend. Doch bemerkt man schon sehr bald, daß die Übereinstimmung in zahllosen Fällen keineswegs vollständig ist und daß bei manchen Daten Diskrepanzen vorliegen. Beispielsweise stimmen Name, Vorname und Geburtsort oft überein, nicht aber die Daten (so kommt es etwa vor, daß Geburtstag und -jahr übereinstimmen, nicht aber der Geburtsmonat). In zahlreichen anderen Fällen entsprechen sich Datum und Geburtsort, während bei Vor- oder Familiennamen Unterschiede zutage treten.

Diese Diskrepanzen lassen sich mühelos erklären. Man halte sich vor Augen, daß all diese Daten nacheinander von verschiedenen Beamten niedergeschrieben worden sind. Von der französischen Polizei, der die Erstellung der Listen mit den Namen der Deportierten oblag, wurden die Namen zunächst mit Maschine geschrieben. Nach ihrem Eintreffen in Auschwitz gaben die Deportierten ihre Personalien den deutschen Lagerbehörden bekannt, die sie ihrerseits maschinengeschrieben auf verschiedenen Formularen festhielten. Starb ein Häftling, so trug man seinen Namen anhand der früheren Unterlagen in eine Sterbeurkunde ein. Schließlich haben die Redakteure der Sterbebücher alle diese Informationen für ihr Werk verarbeitet. Dementsprechend ergaben sich beim Niederschreiben oder Drucken der Daten zahllose Fehlerquellen.

Hinsichtlich der Diskrepanzen bei Familien- und Vornamen muß man zusätzlich berücksichtigen, daß viele der Deportierten ursprünglich aus osteuropäischen Ländern stammten, wo die Muttersprache der Juden üblicherweise Jiddisch war. Nach ihrer Auswanderung in den Westen schrieben sie ihre Namen natürlich mit dem lateinischen Alphabet, wodurch eine Unzahl von Varianten resultierte. So liegen beispielsweise bei dem deutschstämmigen Namen »Schwarz« in den Sterbebüchern folgende Variationen vor: »Schvarc«, »Schvarcz«, »Schvarts«, »Schvartz«, »Schvarz«, »Schwarc«, »Schwarcz« und »Schwartz«. Bei den Vornamen finden wir etwa »Fajwel«, »Fajwesz«, »Fajwicz«, »Fajwusz« und »Fejwesz«, wobei die phonetische Ähnlichkeit mit aller Wahrscheinlichkeit darauf hindeutet, daß es sich um ein und denselben Namen handelt.

Hinsichtlich der Geburtsorte fällt beim Mémorial auf, daß deren Schreibweise sehr häufig nur entfernte Ähnlichkeit mit den wirklichen Bezeichnungen aufweist.

In Anbetracht dieser Umstände wird der Leser Verständnis dafür aufbringen, daß nur bei einer Minderheit der Namen die Übereinstimmung vollkommen ist.

Zur Verdeutlichung wird auf der folgenden Seite eine willkürlich herausgegriffene halbe Originalseite aus dem Mémorial abgebildet, wobei ich Abweichungen von den Sterbebüchern kennzeichne. Beim Vorliegen von letzteren habe ich stets der in letzterem Werk figurierenden Version den Vorzug gegeben.

Welches Kriterium sollte man angesichts dieser äußerst zahlreichen Unstimmigkeiten anwenden? Meiner Auffassung nach das der Logik und des gesunden Menschenverstandes. Betrachten wir ein Beispiel. Im Mémorial finden wir in Transport 1 einen »Behar, Haim«, geboren am 01.05.10, ohne Hinweis auf den Geburtsort. In den Sterbebüchern stoßen wir auf einen »Behar, Chaim«, geboren am 1. 4. 1910 in Adrianopol, gestorben am 21.4.1942. Angesichts der Ähnlichkeit des Namens und des Geburtsdatums sowie in Anbetracht der Tatsache, daß die Mehrzahl der Angehörigen von Transport 1 im April 1942 starben, spricht alles dafür, daß es sich um ein und dieselbe Person handelt.

Grundsätzlich wurden keine Namen berücksichtigt, bei denen jeder Hinweis auf das Geburtsdatum fehlt.

1.2.2 Bestimmung des Geschlechts

Ein zweites Problem ergibt sich bisweilen aus der Bestimmung des Geschlechts, da weder die Sterbebücher noch das Mémorial diesbezügliche Angaben machen. Deswegen können wir uns einzig und allein auf die Namen der Deportierten stützen. Wenn wir es mit »Karl«, »Israel« oder »Wladimir« zu tun haben, bedarf es keines besonderen Scharfsinns, um zu ermitteln, daß es sich um Männer handelt; ebenso selbstverständlich sind »Esther«, »Regina« oder »Sarah« Frauennamen. Aber was fangen wir mit Namen wie »Aizie«, »Cejmach«, »Faivel«, »Gedale« und »Zipore« an, die für uns höchst exotisch anmuten? Welchem Geschlecht sollen wir sie zuordnen?

Angesichts dieses Problems habe ich mich für eine einfache Methode entschieden. Zuerst erstellte ich einen Katalog von eindeutigen Männernamen. Dazu verwendete ich die Listen der Transporte 1, 2 und 4, denen ausschließlich Männer angehörten. Anschließend fertigte ich einen Katalog von eindeutigen Frauennamen an; hierbei war mir das Werk Mémorial de la Déportation des Juifs de Belgique dienlich,[4] wo bei vielen Frauen auch der Mädchenname angegeben wird. Gestützt auf diese behelfsmäßigen "Wörterbücher" konnte ich viele mit den Namen verbundenen Probleme lösen. Nichtsdestoweniger blieben ca. 200 Namen übrig, die ich trotz meiner Bemühungen keinem der beiden Geschlechter zuordnen konnte. Bei der Darlegung der Daten (Tabelle 1) figurieren sie unter der Rubrik »Geschlecht unbekannt«.

Nach diesen einleitenden Bemerkungen bleibt mir nun keine andere Aufgabe mehr, als die Ergebnisse meiner Arbeit so klar und knapp wie möglich darzulegen. Wer wähnt, hier eine Lösung der Rätsel zu finden, welche uns die Geschichte von Auschwitz aufgibt, wird enttäuscht werden. Auch nach gewagten und brillanten Hypothesen wird der Leser vergeblich suchen. Ganz im Gegenteil: Der Verfasser hat sich darauf beschränkt, die ermittelten statistischen Fakten zu präsentieren, und er hatte keinen anderen Ehrgeiz als den, einen bescheidenen, objektiven Beitrag zur Klärung der verworrenen Geschichte von Auschwitz zu leisten, über welche meiner Überzeugung nach maßlose Übertreibungen und Betrügereien kursieren.

Schließlich weise ich darauf hin, daß die dürre Zahlenstatistik keinesfalls die Leiden der Opfer verdecken soll, die sich den 1942 in Auschwitz herrschenden verheerenden Lebensbedingungen ausgesetzt sahen. Auch wenn die nackten Zahlen den Vorteil haben, uns gegen das "trügerische Pathos" zu wappnen, sollen sie uns auch nicht ins andere Extrem verfallen lassen, das, so Arnold Toynbee, darin besteht, »über menschliche Wesen so zu denken und zu sprechen, als wären sie Pflöcke und Steine«.


Anmerkungen

[1]Sonderstandesamt des Internationalen Roten Kreuzes (Hg.), K.G. Sauer, München etc. 1995, 2 Teile in 3 Bänden.
[2]Eine Pionierarbeit auf diesem Felde hat Jean-Marie Boisdefeu geleistet: La controverse sur l'extermination des juifs par les allemands, V.H.O., Berchem 1996, Band 2, S. 224-230.
[3]Herausgegeben von Beate und Serge Klarsfeld, Paris 1978.
[4]Herausgegeben von Serge Klarsfeld und Maxime Steinberg, Union des Déportés Juifs en Belgique et Filles et Fils de la Déportation, The Beate Klarsfeld Foundation, Brüssel/New York 1982.


Tabellen

Tabelle 1: Sterblichkeit der 1942 aus Frankreich deportierten Juden nach der erhaltenen Dokumentation

 

                        Verstorben im Jahr 1942                      

 Verstorben im Jahr 1943 

 

Nr.

Abf.

Anz.

G

Reg.

Apr.

Mai

Juni

Juli

Aug.

Sept.

Okt.

Nov.

Dez.

Jan.

Feb

März

Apr.

Tot.

%

Anm.

1

27.3.

1.112

m

1.112

431

192

140

37

16

1

-

-

-

-

-

-

-

819

73

[1]

2

5.6.

1.000

m

1.000

-

-

145

403

148

10

7

-

1

5

3

-

-

722

72

 

3

22.6.

1.000

m

933

-

-

31

408

209

9

11

1

1

1

1

1

-

673

72

 

 

 

 

w

66

-

-

-

-

1

1

2

-

-

-

-

-

-

4

6

 

 

 

 

u

-

-

-

-

20

10

-

-

-

-

1

-

-

-

31

-

 

4

25.6.

1.000

m

1.000

-

-

-

185

298

45

19

2

3

16

1

1

-

571

57

[2]

5

28.6.

1.038

m

1.004

-

-

-

66

278

76

17

4

6

14

2

3

-

466

46

 

 

 

 

w

34

-

-

-

-

4

-

 

-

-

-

-

-

-

4

12

 

 

 

 

u

-

-

-

-

3

17

8

-

-

2

-

-

-

-

30

-

 

6

17.7.

928

m

809

-

-

-

1

62

79

68

6

6

17

3

2

-

245

30

 

 

 

 

w

119

-

-

-

-

15

4

1

-

-

-

-

-

-

20

17

[3]

 

 

 

u

-

-

-

-

-

6

1

2

-

-

1

-

-

-

10

-

 

7

19.7.

999

m

504

-

-

-

1

44

78

63

-

3

3

1

-

-

193

38

 

 

 

 

w

121

-

-

-

-

15

6

-

-

-

-

-

-

-

21

17

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

1

7

1

-

1

1

-

-

-

11

-

 

8

20.7.

824

m

411

-

-

-

-

32

49

50

-

6

3

1

1

-

142

35

 

 

 

 

w

390

-

-

-

-

12

18

5

-

1

-

-

-

1

37

9

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

4

4

2

-

-

-

-

-

-

10

-

 

9

22.7.

1.000

m

615

-

-

-

7

156

124

24

-

1

5

2

1

-

320

52

[4]

 

 

 

w

385

-

-

-

1

29

12

1

-

-

-

1

-

-

44

11

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

14

8

1

-

-

-

-

-

-

23

-

 

10

24.7.

1.000

m

370

-

-

-

1

54

53

23

1

3

1

-

-

-

136

37

 

 

 

 

w

630

-

-

-

1

57

29

2

1

-

-

-

-

-

90

14

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

11

9

-

-

-

-

-

-

-

20

-

 

11

27.7.

1.000

m

248

-

-

-

-

38

26

7

-

1

2

-

-

-

74

30

 

 

 

 

w

742

-

-

-

-

60

29

1

-

-

-

-

-

-

90

12

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

2

1

-

-

-

-

1

-

-

4

-

 

12

29.7.

1.001

m

270

-

-

-

-

39

30

18

-

1

1

-

-

1

90

33

 

 

 

 

w

514

-

-

-

-

21

23

4

-

-

-

-

-

-

48

9

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

6

1

-

-

-

-

-

-

-

7

-

 

13

31.7.

1.049

m

693

-

-

-

-

52

61

60

4

3

4

1

-

-

185

27

 

 

 

 

w

359

-

-

-

-

7

15

1

-

-

1

-

-

-

24

7

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

3

3

2

-

-

-

-

-

-

8

-

 

14

3.8.

1.034

m

22

-

-

-

-

1

2

3

-

1

-

-

-

-

7

32

 

 

 

 

w

542

-

-

-

-

9

19

3

1

1

-

-

-

-

33

6

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

1

4

-

-

-

-

-

-

-

5

-

 

15

5.8.

1.014

m

214

-

-

-

-

8

21

18

1

2

5

-

-

-

55

26

 

 

 

 

w

96

-

-

-

-

-

4

1

-

-

1

-

-

-

6

6

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

2

-

-

-

-

-

-

-

2

-

 

16

7.8.

1.069

m

63

-

-

-

-

4

8

8

-

-

2

-

-

-

22

35

 

 

 

 

w

211

-

-

-

-

2

4

2

-

-

-

-

-

-

8

4

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

1

-

-

-

-

-

-

-

1

-

 

17

10.8.

1.006

m

140

-

-

-

-

9

30

12

-

-

1

-

-

-

52

37

 

 

 

 

w

100

-

-

-

-

-

9

2

-

-

-

-

-

-

11

11

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

1

-

-

-

-

-

-

-

1

-

 

18

12.8.

1.007

m

233

-

-

-

-

18

17

6

-

1

6

2-

-

-

50

21

 

 

 

 

w

62

-

-

-

-

-

5

-

-

-

-

-

-

-

5

8

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

1

1

-

-

-

-

-

-

-

2

-

 

19

14.8.

991

m

115

-

-

-

-

5

20

16

1

-

2

-

-

-

44

38

 

 

 

 

w

-

-

-

-

-

-

8

1

-

-

-

-

-

-

9

?

[5]

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

1

-

-

-

-

-

-

-

1

-

 

20

17.8.

1.000

m

65

-

-

-

-

-

8

10

1

1

2

1

-

-

23

36

 

 

 

 

w

35

-

-

-

-

-

3

-

-

-

-

-

-

-

3

9

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

2

-

-

-

-

-

-

-

2

-

 

21

19.8.

1.000

m

138

-

-

-

-

1

23

17

-

-

-

2

-

-

43

31

 

 

 

 

w

45

-

-

-

-

1

4

3

-

-

-

-

-

-

8

18

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

1

-

-

-

-

-

-

-

1

-

 

22

21.8.

1.000

m

90

-

-

-

-

1

5

11

-

-

2

1

-

-

20

22

 

 

 

 

w

18

-

-

-

-

-

8

1

-

-

-

-

-

-

9

50

 

23

24.8.

1.000

m

92

-

-

-

-

-

7

17

1

-

1

-

-

-

26

28

 

 

 

 

w

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

 

24

26.8.

1.002

m

27

-

-

-

-

-

-

2

-

-

1

-

-

-

3

11

 

 

 

 

w

36

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

 

25

28.8.

1.000

m

-

-

-

-

-

-

-

1

-

-

-

-

-

-

1

?

[6]

 

 

 

w

71

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

 

26

31.8.

1.000

m

12

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

 

 

 

 

w

27

-

-

-

-

-

3

2

-

-

-

-

-

-

5

19

 

27

2.9.

1.000

m

10

-

-

-

-

-

2

2

-

1

-

-

-

-

5

50

[7]

 

 

 

w

113

-

-

-

-

-

2

4

 

-

-

-

-

-

6

5

 

28

4.9.

1.013

m

16

-

-

-

-

-

-

1

-

-

1

-

-

-

3

19

[8]

 

 

 

m

38

-

-

-

-

-

-

3

-

-

-

-

-

-

3

8

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

1

-

[9]

29

7.9.

1.000

m

59

-

-

-

-

-

-

2

-

-

2

-

-

-

4

7

 

 

 

 

w

52

-

-

-

-

-

2

-

-

-

-

-

-

-

2

4

 

30

9.9.

1.000

m

23

-

-

-

-

-

1

8

1

2

1

-

-

-

13

57

 

 

 

 

w

68

-

-

-

-

-

-

8

-

-

-

-

-

-

8

12

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

-

1

-

-

-

-

-

-

1

-

 

31

11.9.

1.000

m

2

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

 

 

 

 

w

78

-

-

-

-

-

-

8

-

-

-

-

-

-

8

10

 

32

14.9.

1.000

m

56

-

-

-

-

-

-

9

3

-

-

1

1

-

14

25

 

 

 

 

w

49

-

-

-

-

-

1

4

-

-

-

-

-

-

5

10

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

-

1

-

1

-

-

-

-

2

-

 

33

16.9.

1.003

m

-

-

-

-

-

-

-

-

-

1

1

1

-

-

3

?

 

 

 

 

w

147

-

-

-

-

-

2

5

1

-

-

-

-

-

8

5

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

-

1

-

-

-

-

-

-

1

-

 

34

18.9.

1.000

m

31

-

-

-

-

-

-

3

1

-

1

-

-

-

5

16

 

 

 

 

w

110

-

-

-

-

-

-

12

-

-

 

-

-

-

12

11

[10]

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

-

2

-

-

-

1

-

-

3

-

 

35

21.9.

1.000

m

65

-

-

-

-

-

-

17

-

2

-

-

-

-

19

29

 

 

 

 

w

144

-

-

-

-

-

-

12

-

-

-

-

-

-

12

8

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

-

-

1

-

-

-

-

-

1

-

 

36

23.9.

1.000

m

399

-

-

-

-

-

1

26

3

13

18

6

-

-

67

17

 

 

 

 

w

126

-

-

-

-

-

-

7

1

-

-

1

-

-

9

7

 

37

25.9.

1.004

m

40

-

-

-

-

-

-

7

-

-

1

-

-

-

8

20

 

 

 

 

w

91

-

-

-

-

-

-

5

-

-

-

-

-

-

5

5

 

38

28.9.

904

m

123

-

-

-

-

-

-

12

-

-

1

-

-

-

13

11

 

 

 

 

w

48

-

-

-

-

-

-

7

2

1

-

-

-

-

10

21

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

-

1

-

-

-

-

-

-

1

-

 

39

30.9.

210

m

34

-

-

-

-

-

-

12

3

3

-

-

-

-

18

53

 

 

 

 

w

22

-

-

-

-

-

-

4

-

-

-

-

-

-

4

18

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

-

-

-

1

1

-

-

-

2

-

 

40

4.11.

1.000

m

269

-

-

-

-

-

-

-

8

25

15

2

-

-

50

19

 

 

 

 

w

92

-

-

-

-

-

-

-

3

6

-

-

-

-

9

10

 

42

6.11.

1.000

m

145

-

-

-

-

-

-

-

1

10

12

2

-

-

25

17

 

 

 

 

w

82

-

-

-

-

-

-

-

2

2

-

-

-

-

4

5

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

-

-

1

2

-

-

-

-

3

-

 

44

9.11.

1.000

m

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

 

 

 

 

w

100

-

-

-

-

-

-

-

-

9

-

1

-

-

10

10

 

45

11.11.

745

m

112

-

-

-

-

-

-

-

3

10

8

2

-

-

23

21

 

 

 

 

w

34

-

-

-

-

-

-

-

-

3

-

-

-

-

3

9

 

 

 

 

u

-

-

-

-

-

-

-

-

-

1

-

-

-

-

1

-

 

Summen:

41.953

m

11.567

431

192

316

1.109

1.473

786

587

45

107

155

35

10

1

5.252

45

 

 

 

w

5.996

-

-

-

2

233

211

111

11

23

2

3

-

1

597

10

 

 

 

u

-

-

-

-

23

76

55

14

4

9

5

2

-

-

189

-

 

 

41.953

 

17.563

431

192

316

1.134

1.782

1.052

712

60

139

162

40

10

2

6.038

34

 

Anmerkungen zu Tabelle 1:

Die Zahl der Registrierten wurde aus Danuta Czechs Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Rowohlt, Reinbek 1989, entnommen.

[1]Ein Todesfall an einem unbekannten Datum (1942) und ein anderer im November 1943.
[2]Ein Todesfall im August 1943.
[3]Ein Todesfall im Mai 1943.
[4]Unter den Toten befindensich Samuel Ejzenberg, laut den Dokumenten gestorben am 21.7. 42, sowie Georg Freudenstein, laut den Dokumenten gestorben am 29.6. 42. Beide Daten lassen sich nicht damit vereinbaren, daß der betreffende Transport am 22. Juli 1942 aus Frankreich abfuhr.
[5]Laut dem "Kalendarium" von D. Czech wurden alle Angehörigen des Transports bis auf die 115 registrierten Männer vergast.
[6]Laut dem "Kalendarium" wurde kein Mann registriert.
[7]In vielen Fällen fehlen Geburtsdaten.
[8]Ein Todesfall im Januar 1944.
[9]Diese Person unbekannten Geschlechts starb im Juli 1943.
[10]Die Zahl der registrierten Frauen aus diesem Transport ist nicht genau bekannt. Aus diesem Transport sowie einem anderen, gleichentags aus Holland eingetroffenen wurden 221 Frauen registriert. Die Zahl von 110 ist eine Schätzung Klarsfelds.

Tabellen 2: Zusammensetzung der Transporte sowie Verteilung der Sterblichkeit nach Alter

Transport Nr. 9 (22.7.1942)

Transport Nr. 11 (27.7.1942)

Alter

Anz. m

Verst. m

%

Anz. w

Verst. w

%

 

Alter

Anz. m

Verst. m

%

Anz. w

Verst. w

%

³ 60

20

13

65

1

-

-

 

³ 60

3

1

33

1

-

-

50-59

288

173

60

107

18

17

 

50-59

74

32

43

98

24

24

40-49

202

106

52

160

16

10

 

40-49

119

27

23

290

35

12

30-39

42

16

38

58

5

9

 

30-39

44

8

18

218

15

7

20-29

23

4

17

23

2

9

 

20-29

13

1

8

73

11

15

10-19

24

8

33

30

3

10

 

10-19

10

5

50

46

5

11

Transport Nr. 17 (18.8.1942)

Transport Nr. 21 (19.8.1942)

Alter

Anz. m

Verst. m

%

Anz. w

Verst. w

%

 

Alter

Anz. m

Verst. m

%

Anz. w

Verst. w

%

³ 60

94

-

-

82

-

-

 

³ 60

19

-

-

7

-

-

50-59

184

3

2

207

-

-

 

50-59

82

1

1

46

-

-

40-49

123

29

24

123

4

3

 

40-49

108

19

18

87

2

2

30-39

49

17

35

72

3

4

 

30-39

65

12

18

50

3

6

20-29

24

3

13

39

4

10

 

20-29

32

10

31

27

2

7

10-19

1

-

-

2

-

-

 

10-19

78

1

1

114

1

1

Transport Nr. 32 (14.9.1942)

Transport Nr. 35 (21.9.1942)

Alter

Anz. m

Verst. m

%

Anz. w

Verst. w

%

 

Alter

Anz. m

Verst. m

%

Anz. w

Verst. w

%

³ 60

36

1

3

13

-

-

 

³ 60

85

3

4

36

-

-

50-59

91

9

10

45

-

-

 

50-59

200

16

8

63

-

-

40-49

129

4

3

66

-

-

 

40-49

85

-

-

98

-

-

30-39

129

-

-

86

-

-

 

30-39

42

-

-

75

2

3

20-29

37

-

-

28

3

11

 

20-29

34

-

-

67

5

7

10-19

39

-

-

32

2

6

 

10-19

78

-

-

111

5

5

Tabelle 3: Sterblichkeit der aus Frankreich deportierten Juden 1942 (nach anderen Dokumente als den Sterbebüchern)

 

Tabelle 4: Verstorbene Deportierte im Alter unter 15 sowie über 60 Jahre

 

 

                   1942                

         1943        

 

 

Nr.

G

<15

>60

 

Nr.

G

<15

>60

Nr.

Abf.

Apr.

May

Juni

Juli

Aug.

Apr.

May

Okt.

Tot.

 

1

m

-

1

 

15

m

1

-

1

27.3.

56

112

71

-

-

-

-

1

240

 

2

m

-

1

 

16

m

6

-

2

5.6.

-

-

59

4

2

-

-

-

65

 

5

m

-

1

 

 

w

1

-

3

22.6.

-

-

-

9

3

-

-

-

12

 

6

m

1

-

 

19

m

-

1

4

25.6.

-

-

-

6

1

-

-

-

7

 

 

w

2

-

 

32

m

-

1

5

28.6.

-

-

-

1

3

-

-

-

4

 

7

m

-

1

 

34

m

1

-

6

17.7.

-

-

-

-

1

-

1

-

2

 

8

m

2

-

 

35

m

-

3

9

22.7.

-

-

-

-

2

-

-

-

2

 

9

m

-

1

 

36

m

1

2

10

24.7.

-

-

-

-

2

-

-

-

2

 

10

m

-

1

 

38

m

-

2

12

29.7.

-

-

-

-

-

1

-

-

1

 

11

m

-

1

 

44

m

1

-

Summen:

56

112

130

20

14

1

1

1

335

 

12

m

-

1

Summe:

 

18

19

 

13

m

2

2


 Grafiken

Absolute Sterbeziffern pro Transport
Relative Sterbeziffern pro Transport
Anzahl der Sterbefälle pro Monat
Deportiert und Registrierte 1942
Deportierte »arbeitsfähige« und insgesamt registierte jüdische Männer
Deportierte »arbeitsfähige« und insgesamt registierte jüdische Frauen
Verteilung der Sterbefälle auf die M	onate nach der Deportation


2. Signifikante Tatsachen (S. 135 ff)

2.1. ENORME STERBLICHKEIT BEI DEN ERSTEN TRANSPORTEN

Die erschreckend hohe Sterblichkeit fällt besonders bei den ersten drei Transporten auf, bei denen mehr als 70% der Deportierten den Tod gefunden haben (Diagramme A und B). Es besteht kein Zweifel daran, daß Auschwitz zu jener Zeit ein regelrechtes "Todeslager" war. Da ich keinen Zugang zu den Originalsterbebüchern hatte, war es mir unmöglich, die Todesursachen in Erfahrung zu bringen. Dank den Aussagen eines Überlebenden, Czeslaw Ostankowicz, wissen wir jedoch, daß im März 1942 Typhus, Durchfall und Lungenentzündung wüteten und daß Geschwüre und Entzündungen weitverbreitet waren.[1]

Obgleich die Sterblichkeit in absoluten Zahlen ab dem sechsten Transport rasch sinkt und bei den ab Ende August eingegangenen Transporten sehr niedrig ist (Diagramm A), bleibt der Prozentsatz der Verstorbenen hoch (31 von 43 Transporten verzeichneten laut Diagramm Sterblichkeitsraten von über 20%).

2.2. HÖCHSTSTERBLICHKEIT IM AUGUST 1942

Die höchste Zahl von Sterbefällen wurde im August 1942 registriert (Diagramm C). Damals fanden 1.782 Männer und Frauen den Tod. In jenem Monat erreichte auch die Gesamtsterblichkeit ihren Höhepunkt, kamen doch im ganzen Lager nicht weniger als 8.507 Häftlinge um. Bezeichnenderweise fiel zu jener Zeit, genauer gesagt am 19. August, auch der Entscheid, in Birkenau drei große Krematorien zu erbauen.[2] Die logische Schlußfolgerung ist, daß man diesen Beschluß faßte, um die unzähligen Leichen kremieren zu können, statt sie begraben zu müssen. Die Kapazität des Krematorium I im Stammlager Auschwitz I reichte nämlich nicht zur Einäscherung der To ten aus.

2.3. GERINGERE STERBLICHKEIT BEI DEN FRAUEN

Sowohl in absoluten als auch in relativen Zahlen liegt die Sterblichkeit bei den Frauen ungleich tiefer als bei den Männern (Diagramme A und B). 45% der registrierten Männer, doch nur 10% der registrierten Frauen fanden den Tod. Ferner starben vergleichsweise weit weniger aus Frankreich deportierte Frauen als weibliche Häftlinge im allgemeinen. Von allen insgesamt registrierten Todesfällen entfallen nämlich 22% auf Frauen,[3] aber nur 10% der 1942 aus Frankreich deportierten und anschließend verstorbenen Gefangenen waren weiblichen Geschlechts.

Man könnte zunächst annehmen, dieser Sachverhalt erkläre sich durch ein tieferes Durchschnittsalter und eine entsprechend größere Widerstandskraft der aus Frankreich verschleppten Frauen. Doch hält diese Hypothese einer Überprüfung nicht stand. Wie aus Tabelle 2 hervorgeht, lag die Sterblichkeit im Fall der Transporte 9 und 11, bei welchen sämtliche Deportierte registriert wurden, bei den Frauen deutlich niedriger als bei den Männern, und zwar hinsichtlich aller Altersstufen, sowohl in absoluten wie in relativen Zahlen.

Dieser Unterschied zwischen der Sterblichkeitsrate der beiden Geschlechter ist für mich vollkommen unerklärlich.

2.4. PLÖTZLICHE ABNAHME DER ZAHL DER REGISTRIERTEN AB AUGUST 1942.

Diagramm D zeigt, daß die Angehörigen der Transporte, die Frankreich im März und Juni verließen (im April und Mai gab es keine), vollständig und jene vom Juli annähernd vollständig in die Lagerregistratur aufgenommen worden sind. Hingegen wurden im August, September und November (im Oktober trafen keine Transporte ein) nur eine Minderheit von schätzungsweise ca. 20% der Deportierten registriert.

Ein Erklärungsversuch bestünde darin, daß unter den in jenen drei Monaten Eingetroffenen nur wenige arbeitstaugliche Männer und Frauen waren und die Verwaltung deswegen nur diese ins Lager aufnahm, um ihre Arbeitskraft auszunutzen. Aber wie sich aus den Diagrammen der Gruppe E ergibt, ist diese Erklärung nicht haltbar. Aus Diagramm E ist nämlich ersichtlich, daß im März, Juni und Juli 1942 die Anzahl der insgesamt Registrierten höher war als die Gesamtzahl der Deportierten im Alter zwischen 15 bis 50 Jahren, eine Gruppe, deren Mitglieder gemeinhin als arbeitstauglichen angesehen werden. Im August und September 1942 dagegen wurden weniger als die Hälfte der Deportierten im Alter zwischen 15 und 50 Jahren registriert. Meines Erachtens drängt sich folgende Schlußfolgerung auf: Obgleich Auschwitz zunächst der Bestimmungsort sämtlicher Deportierter war, und obgleich im Lager sowie den nahen Industriebetrieben zahlreiche Arbeitskräfte benötigt wurden, setzten die Deutschen aus irgendwelchen Gründen einen erheblichen Teil der arbeitsfähigen Häftlinge außerhalb des Auschwitz-Komplexes ein. Dies hing aller Wahrscheinlichkeit nach mit den mörderischen Typhusepidemien zusammen, die Auschwitz heimsuchten und am 23. Juli 1942 »eine vollständige Lagersperre« erforderlich machten.[4] Zu dieser Erklärung paßt sehr gut, daß die jähe Abnahme des Prozentsatzes Registrierter mit dem am 3. August 1942, also elf Tage nach Verhängung der Lagersperre, abgefahrenen Transport begann. Vermutlich wollten die Deutschen auf diesem Wege nützliche Arbeitskräfte vor der Typhusseuche in Sicherheit bringen. Daß manche Deportierten in Kosel aussteigen mußten, läßt sich wohl auch mit dieser Maßnahme erklären.

2.5. ENORM HOHE STERBLICHKEIT IN DEN ERSTEN DREI MONATEN NACH DEM EINTREFFEN IM LAGER

Diagramm F zeigt die Verteilung der Sterbefälle nach Prozenten in den Monaten nach der Ankunft im Lager.

Die erste Datenreihe, die Aufschluß über die im März deportierten (und am 30. jenes Monats in Auschwitz eingetroffenen) Häftlinge vermittelt, läßt erkennen, daß etwas über 50% der Umgekommenen im allerersten Monat ihres Aufenthalts in Auschwitz den Tod fand. Diese Tatsache spricht Bände über die katastrophale hygienische und sanitäre Lage, die damals im Lager herrschte, besonders wenn man sich vor Augen hält, daß die Deportierten in den ersten Wochen nicht zur Arbeit mußten, sondern innerhalb der Umzäunung ihrer Blöcke eine Quarantänezeit absaßen, und daß sie in relativ gutem Ernährungszustand aus Frankreich eingetroffen waren.

Bei den in den darauffolgenden Monaten Angekommenen verhält es sich umgekehrt: Die Sterblichkeit war im ersten Monat niedrig und stieg anschließend erheblich. Allgemein gesehen verhält es sich jedoch so, daß um die 90% der Verstorbenen in den ersten drei Monaten nach ihrer Ankunft in Auschwitz den Tod gefunden haben. Ab dem 5. Monat ist die Sterbequote recht niedrig, und ab April 1943 gab es unter den 1942 Eingelieferten so gut wie keine Todesfälle mehr. Wie läßt sich diese erstaunliche Tatsache erklären? Meiner Auffassung nach treffen folgende Hypothesen zu:

Am wahrscheinlichsten ist natürlich, daß die extrem tiefe Sterblichkeit ab April 1943 auf ein Zusammenwirken der vier hier genannten Faktoren zurückzuführen ist.

2.6. IN ANDEREN DOKUMENTEN ALS DEN STERBEBÜCHERN VERZEICHNETE TODESFÄLLE

Tabelle 3 zeigt wenigstens 335 Fälle von verstorbenen Männern, von denen sich in den Sterbebüchern keine Spur findet, wohl aber in anderen von der Lagerverwaltung erstellten und erhalten gebliebenen Urkunden.

Die Mehrzahl dieser Gestorbenen gehörte dem ersten Transport an. Anhand einer Probe konnte ich ermitteln, daß mehr als die Hälfte der betreffenden Fälle den Lücken in den Sterbebüchern entsprechen. Besonders hoch war die Sterblichkeit im Zeitraum von 1. bis zum 8. und vom 10. bis zum 15. Mai sowie vom 14. bis zum 25. Juni. Diese Zeiträume sind in den Sterbebüchern nicht erfaßt. Die andere Hälfte der Todesfälle mag aufgrund bürokratischer Irrtümer oder wegen Überarbeitung der mit dem Erstellen der Akten beauftragten Funktionäre nicht registriert worden sein.

Bemerkenswerterweise befindet sich unter den 335 Toten keine einzige Frau.

2.7. NIEDRIGE STERBLICHKEIT UNTER DEPORTIERTEN VON UNTER 15 UND ÜBER 60 JAHREN.

Tabelle 4 vermittelt Aufschluß über die Sterbefälle unter weniger als 15 und mehr als 60 Jahre alten Deportierten.

Von der ersten Gruppe waren die meisten 13 oder 14 Jahre alt. Das jüngste registrierte Opfer war ein elfjähriges Mädchen, Bella Molho, geboren am 17. Dezember 1930 und gestorben am 3. Dezember 1942. Sie gehörte dem Transport Nr. 44 an.

Bei der zweiten Gruppe, den über sechzigjährigen, waren die meisten nur unwesentlich älter als sechzig.

2.8. DIE ERMITTELTE OPFERZAHL IST EIN MINIMUM

Die anhand der Dokumente ermittelte Zahl von 6.038 Toten muß als Minimum betrachtet werden, denn man muß sich folgende Tatsachen vor Augen halten:

Die ermittelte Mindestzahl ist an sich schon bedrückend genug, bedeutet sie doch, daß jeder zweite der deportierten Männer und jede zehnte der deportierten Frauen in Auschwitz den Tod gefunden hat.

2.9. DAS SCHICKSAL DER NICHTREGISTRIERTEN DEPORTIERTEN BLEIBT IM DUNKELN

Die uns zur Verfügung stehenden Daten werfen kein Licht auf das Los derjenigen Deportierten, die nicht in die Lagerregistratur aufgenommen worden sind. In der offiziellen Geschichtsschreibung wird - meiner Überzeugung nach mit fadenscheinigen Argumenten - behauptet, sie seien in Gaskammern ermordet worden.

Auch wenn dies seit nun über 50 Jahren gebetsmühlenhaft wiederholt wird, scheint es vollkommen unwahrscheinlich, daß die Deutschen ausgerechnet ab dem Juli 1942, jenem Monat also, in dem die Sterblichkeit aufgrund der Typhusseuche sowie der ganz allgemein unannehmbar schlechten hygienischen Verhältnisse sprunghaft stieg, einen systematischen Massenmord beschlossen haben. Das einzige zu jenem Zeitpunkt bestehende Krematorium konnte ja noch nicht einmal die Leichen der Seuchenopfer einäschern und war erst recht nicht imstande, zusätzlich noch Tausende von Vergasten zu verbrennen. Auf eine Einäscherung der Leichen zu verzichten, hätte aber bedeutet, die sanitären Zustände noch weiter zu verschlechtern, während die Deutschen doch in Wirklichkeit alles taten, um sie zu verbessern - wenn auch möglicherweise nur darum, um keine kostbaren Arbeitskräfte zu verlieren und um einen Seuchenherd zu beseitigen, der die in Auschwitz stationierte SS-Mannschaft ebenso bedrohte wie die unweit des Lagers lebende deutsche Zivilbevölkerung.


Anmerkungen:

[1]Czeslaw Ostankowicz, »Isolierstation - "Letzter Block"«, Hefte von Auschwitz, Nr. 16 (1978), S. 159.
[2]Jean-Claude Pressac, Les crématoires d'Auschwitz. La machinerie du meurtre de masse, CNRS Editions, Paris 1993, S. 49.
[3]Wir stützen uns hier auf die Daten bei Thomas Grothum und Jan Parcer, »Computer-unterstützte Auswertung der Sterbebuch-Eintragungen«, aaO. (Anm. 1), Band 1, S. 218.
[4]Staatl. Museum Auschwitz-Birkenau, D-Aul-1, Standortbefehl 19/42 vom 23. Juli 1942.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(3) (1998), S. 188-198.
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