"Vor dem Lesen vernichten!"

Über den Zugang zu Moskauer Archiven und zu manipulierten Quellen

Von Doris Nordmann

Mit der Auflösung der Sowjetunion begann ein kleiner Sturm westlicher Geheimdienstler und Historiker auf sowjetische Archive und Informationsträger. Die einen suchten nach Unterlagen, die möglicherweise brisante historische Wahrheiten beweisen könnten und die der herrschenden Machtpolitik unangenehm wären. Bei derartigen Fund-Fällen durfte vermutet werden, daß altbekannte Verdunkelungspraktiken zum Einsatz kamen, die auch mit generösem Kapitaleinsatz eine neue Schweigedecke strickten oder gar die Verlagerung kompromittierender Akten in unzugängliche ausländische Geheimarchive erkauften. Die anderen, besonders revisionistische Forscher, wühlten sich durch Tausende von Archivunterlagen durch, ohne dabei die Garantie dafür zu haben, daß ihnen da nicht aufbereitetes, manipuliertes Propagandamaterial vorgesetzt worden war. Zumindest mußte ihnen aufgefallen sein, daß im interessantesten Moskauer Archiv nur ein schlechter Kopierer bereit steht und die Anfertigung einer Einzelkopie einen US-Dollar kostet, was ein Interesse verrät, das sich mehr an neuer Geschäftstüchtigkeit orientiert als an unbehinderter wissenschaftlich-historischer Aufklärung. Jeder kennt die russischen Holzpuppen, bei deren Öffnung immer noch eine weitere Puppe auftaucht, die eine weitere zu Öffnende, kleinere Figur in sich trägt. So ähnlich muß man sich auch das Moskauer Archivwesen vorstellen: Hinter einem ersten zugänglichen Materialfundus verbirgt sich ein weiteres geheimeres Archiv. Und nur im allergeheimsten Geheimdienstarchiv ist in den dort aufbewahrten zaristischen, sowjetischen und russischen Dokumenten die historische Wahrheit zu finden. Dieser Hinweis sollte jene revisionistischen Geschichtsforscher interessieren, die sich hoffnungsfroh auf die zugänglich gemachten sowjetischen Beuteakten der Auschwitzer Zentralbauleitung der Waffen-SS im Moskauer Archiv stürzten, um die ganze Wahrheit über die Krematorien und Gaskammern aufzudecken, aber die nach der ersten Sichtung nichts Gegenteiliges fanden, was die Thesen der altbekannten Ostblockpropaganda oder der westlichen Wissenschaft zu Auschwitz umwerfen könnte.

Was allerdings vom freien, unbehinderten Zugang zu ehemaligen sowjetischen Archiven zu halten ist, besonders, wenn brisantes Quellenmaterial die "offenkundigen Wahrheiten" der hohen Politik unangenehm torpedieren könnte, berichtete der russische "revisionistische" Historiker Valentin Falin jetzt in zwei interessanten Büchern, die Anfang 1997 in der Bundesrepublik veröffentlicht wurden.

Falin muß als eingeweihtester und erster Fachmann für Moskauer Archive angesehen werden. Der ehemalige sowjetrussische Politiker und jetzige Historiker und Schriftsteller, der heute in der Nähe von Hamburg lebt und unmöglich als "rechter pseudowissenschaftlicher Geschichtslügner" bezeichnet werden kann, betätigt sich als revisionistischer Forscher und Geschichtsschreiber. Falin wurde 1926 in Leningrad geboren und absolvierte eine Ausbildung im Institut für internationale Beziehungen in Moskau. Danach war er fast drei Jahrzehnte im sowjetischen Außendienst tätig, u.a. als Leiter verschiedener europäischer Abteilungen des Außenministeriums. Von 1968 bis 1969 war er Mitgestalter der neuen sowjetischen Deutschlandpolitik. 1970-71 arbeitete er mit Egon Bahr, SPD, die Grundzüge des Moskauer und des Berliner Abkommens aus. 1971-78 war er der sowjetische Botschafter in Bonn. Von 1986 bis1988 leitete er als Direktor die offizielle Presseagentur Novosti in Moskau, um dann bis 1991 als Leiter der internationalen Abteilung des ZK der KPdSU und als Berater des Sowjetführers Gorbatschow tätig zu sein.

Den Sowjetpolitiker Falin interessierte als Historiker besonders die Vorgeschichte des Krieges gegen die Sowjetunion mit dem geheimen Ribbentrop-Molotow-Abkommen über die Verständigung und Abgrenzung bestimmter Interessensgebiete in Europa. Auch die verschiedenen historischen "Wahrheiten" über den von einer deutschen Untersuchungskommission aufgedeckten Massenmord an Teilen der polnischen Oberschicht im sowjetischen Walde von Katyn, einem polnisch-russischen Spannungsherd, galt es aufzuklären und von der sowjetischen Lügenpropaganda und Geschichtsverfälschung zu reinigen. Als Vertreter von Gorbatschows neuer Politik der Offenheit, Wahrhaftigkeit und Durchsichtigkeit versuchte Falin nun aus den Moskauer Archiven die Wahrheit über Katyn und den Hitler-Stalin-Pakt ans Licht zu bringen und das, was die Spatzen in anderen Ländern über die Moskauer Beteiligung und Schuld daran von den Dächern pfiffen, zuzugeben.

In seinem Buch Konflikte im Kreml[1] schildert der ehemalige Sowjetdiplomat, wie es auch im Rahmen der Glasnost-Politik schwierig war, die Wahrheit über das geheime Zusatzprotokoll des Ribbentrop-Molotow-Abkommens von 1939 und über die sowjetische Urheberschaft der Massenmorde von Katyn aus den sowjetischen Geheimarchiven zu ermitteln. Konservative und nationale deutsche Geschichtsschreiber hatten immer wieder auf diese Tatsachen hingewiesen. Da aber seit 1944 ableugnende, sowjetische Versionen zu diesen Themen bestanden, mußten die Sowjets und ihre Subsysteme, einschließlich der SED- und DKP-Genossen, anderslautende historische Versionen als "Goebbelsche Propaganda" und als "rechtsradikale Geschichtslügen" bekämpfen und anprangern. Um die Glasnost-Politik glaubhaft zu unterstützen, versuchte Falin, dem Drängen der Polen nachzugeben und die Katyn-Sache einverständlich aufzuklären. Auch über die widersprüchlichen Versionen zu früheren diplomatischen Abkommen mit geheimen Zusatzprotokollen wollte er sich Klarheit aus den Geheimabteilungen der Geheimarchive verschaffen. Doch an bestimmte Dokumente in geheimsten Archivabteilungen kamen auch höchste Sowjetvertreter nicht ohne weiteres heran. So lästerte Falin, daß es nach der obersten Geheimhaltungsvorschrift »Nicht Öffnen!«, wohl noch eine geheimere geben müsse mit der Weisung "Vor dem Ansehen vernichten!". Gorbatschow, der allein alle Geheimdokumente sehen durfte, erklärte seinem Vertrauten Falin, daß in Moskauer Archiven keine Originalprotokolle des Ribbentrop-Molotow-Abkommens vorhanden wären. Später kam Falin doch noch an das Paket der Molotow-Akten mit den Originaldokumenten heran und las zu seiner großen menschlichen Enttäuschung die Eintragung des Geheimarchivars auf einem Ausleihzettel, daß Gorbatschow selbstverständlich Einblick genommen hatte. Die erschütternde Geheimhaltungssucht sowjetischer und russischer Staatsführer, mit deren Rückzug hinter alte Geschichtsdogmen, die längstbekannte historische Tatsachen bestreiten, und Falins Kampf um Akteneinsicht bei geheimsten Archivabteilungen, wird in Konflikte im Kreml anschaulich geschildert.

Valentin Falin »Zweite Front«

Valentin Falin »Konflikte im Kreml«

Valentin Falin, einst Großmeister sowjetisch-kommunistischer Westdiplomatie, heute ein sachlich recherchierender und berichtender Historiker?

Dieser Umgang mit historischem Quellenmaterial empörte den Wissenschaftler derart, daß er im Vorwort zu Zweite Front[2] verschiedene Beobachtungen mitteilt, die den Wert von staatlich gefilterten Archivquellen für die volle historischen Wahrheitsgewinnung stark in Frage stellen. Da Falin recht offen über die sowjetische Archivpraxis spricht, muß ein Teil der Revisionisten, die sich der Auschwitz-Forschung verschrieben haben, davor gewarnt werden, sich von den jetzt in Moskau zugänglich gemachten sowjetischen "Auschwitz-Dokumenten" zu viel an revisionistischer Aufklärung zu erhoffen.

Falins historisches Interesse gilt besonders den Kriegsjahren 1939-1945 und dem Vorspiel zum Weltkrieg. Was er dort zur Quellenlage und zu den unterschiedlichen Ausdeutungen der Ereignisse sagt, muß unzweifelhaft auch für die sogenannte Holocaust-Forschung angenommen werden. Niemals bezeichnet der russische Kommunist Falin andere Thesen als Lügen, sondern versucht sie wissenschaftlich, durch Quellenkritik und mit logischer Gesamtschau, zu widerlegen. Auch spricht Falin niemals von unwiderlegbaren Quellen, da er als ehemals höchsteingeweihter Diplomat einer Weltmacht am fachkundigsten weiß, wie die oft unzugänglichen Dokumentquellen in politischen und geheimdienstlichen Archiven eine gegenteilige Wahrheit beweisen, als die, ebenfalls mit "Quellen und Dokumenten" belegte, offiziell verordnete politische Wahrheit lautet. Falin beschreibt zuerst, leicht ironisch, westliche Geschichtsverdrehungen zur Zeitgeschichte, um dann auch mit Moskauer Quellen-Verhältnissen und Geschichtsverfälschungen aus politischem Kalkül abzurechnen.

Falins Prolog:[3]

»Churchills Krieg. Band 1 - Der Kampf um die Macht. Ein umfangreiches Werk mit diesem Titel aus der Feder David Irvings erschien im Jahre 1987.

Nein, den Brand hat nicht Churchill gelegt, widerspricht Ernst Topitsch. Stalins Krieg heißt sein Buch aus dem Jahre 1990. Deutschland und Japan waren für Topitsch "Werkzeuge" einer langfristigen Moskauer Strategie gegen "Imperialisten, vor allem die angelsächsischen".

Dirk Bavendamm zweifelt sowohl die Hypothesen Irvings als auch die Topitschs an: Es war in seiner Vor- und Darstellung Roosevelts Krieg. Bavendamm nennt sogar das Datum des Kriegsausbruchs - das Jahr 1937.[4]

Dazu gibt es Varianten. Unter den "Hauptschuldigen" trifft man auf Edward Benesch und Leon Blum. David L. Hoggan vertritt mit Elan und wortreich - auf 931 Seiten - die Version, an der Zerstörung des Friedens seien vor allem der britische Lord Halifax und der polnische Außenminister Oberst Jozef Beck schuld.[5] Natürlich nicht ohne Mitwirkung der Großen Drei.

Wenn das so weitergeht, bleibt für den "größten Revolutionär des 20. Jahrhunderts"[6]fast nichts mehr übrig. Ein paar Holocausts vielleicht. Und eine Menge politischer Versäumnisse sowie Fehler im Felde.

Mussolini entsteigt dem Fegefeuer nahezu blütenweiß. In den kürzlich aufgetauchten Tagebüchern des Duce (britische Experten neigen nicht dazu, sie als eine jüngste Schöpfung Kujaus[7] zu betrachten) sind seine Seelenqualen bei der Verabschiedung schicksalsschwerer Entschlüsse eindrucksvoll festgehalten. Sollten die Originalbriefe Winston Churchills und einiger anderer Politiker des Westens, die vor und nach Ausbruch des Krieges Mussolini ihre Aufmerksamkeit nicht versagten, plötzlich auftauchen, dann wird jedermann aufgehen, daß der italienische Diktator nicht allein litt.[8]

Vor dem Hintergrund der angerissenen sensationellen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte nehmen sich die japanischen Militaristen profillos aus. In neuesten Ergüssen erinnern sie eher an politische Hohlköpfe, die von abgefeimten Widersachern in die Falle gelockt und über den Tisch gezogen wurden.

Wie zweifelhaft dieses Genre quasi historischer Literatur auch sein mag, die sich Dogmen verpflichtet fühlt oder an der aktuellen Mode orientiert, bleibt sie doch nicht ohne Ertrag. Gewollt oder ungewollt bestätigen ihre Verfasser die alte Weisheit: Einseitigkeit bedeutet das Ende des Denkens. Jede Einseitigkeit, auch jene, die den Siegern Engelsflügel verleiht. Jegliche Einseitigkeit, die von der Wahrheit wegführt und diese durch immer höhere und mächtigere Mauern abschirmt, nährt geschichtlichen Extremismus.

Diese Mauern kamen und kommen manchem durchaus gelegen. Könnte hier der Grund dafür liegen, daß unentbehrliche Schlüsseldokumente nach einem halben Jahrhundert für die Forschung unzugänglich bleiben? Darunter im Krieg erbeutete Dokumente von Freund und Feind. Wer die Vergangenheit kontrolliert, der programmiert die Zukunft - das ist offenbar kein professoraler Aphorismus, sondern eine feste politische Einstellung. Inwiefern diese mit den neuen Herausforderungen und Prüfungen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend konfrontiert wird, ist eine andere Frage, zu der kein Konsens abzusehen wäre.

Schon aus diesem und vielen anderen Gründen bleibt es nicht nur gerechtfertigt, auf das Thema des Zweiten Weltkrieges zurückzukommen. Es ist schlicht notwendig und zwingend, wenn man Charakter und Dimension der damaligen Prozesse und deren Folgen auf die ganze Struktur der Weltgemeinschaft bedenkt; wenn man in Betracht zieht, wie viele Konzeptionen und Doktrinen, die heute von eminenter Bedeutung sind, auf diese Epoche zurückgehen; wenn man weiß, daß diese ungeheure Tragödie mit den vorliegenden Publikationen und Untersuchungen ihrer Unzahl zum Trotz nicht erschlossen und zum Teil vorsätzlich unterschlagen wird.

Selbst seriöse Monographien, die auf solidem dokumentarischen Material aufbauen, hinterlassen zuweilen mehr Fragen als überzeugende Antworten. Warum handelten die Staaten und ihre Exponenten in kritischen Situationen anscheinend unlogisch? Warum begaben sich Politiker in Mißachtung überschaubarer Umstände auf gewundene und gefährlich glatte Pfade? Wie kam es, daß der gesunde Menschenverstand immer wieder versagte, wenn Ideologie und Realität aufeinanderprallten?[9]

Auch die wechselseitigen Zusammenhänge vieler Erscheinungen und Geschehnisse sind nur lückenhaft aufgedeckt und ergründet. Nationalismus und übersteigerter Egoismus suchten überall ihren Vorteil - bei Freund und Feind. Sind aber Pharisäertum und Fabianismus, die ungezählte Menschenleben ins Verderben stürzten, nur aus dem Naturell der Akteure zu erklären?

Bei der Deutung der Ereignisse sind die Motive für das Tun oder Lassen ein wichtiges Symptom. Besonders gern wird gefälscht, wenn Schuld und Sühne für das Nichtzustandekommen, beispielsweise kollektiver Schritte zur Eindämmung einer Aggression, im Lichte der Fakten kaum zu bezweifeln sind. Irrtümer und unglückliche Zugzwänge werden schließlich leichter verziehen als zynischer Wortbruch oder Leichtfertigkeit. Und in welch unergründlichen Tiefen werden Beweise für Doppelspiel oder Ränke vergraben, die jede Gemeinsamkeit aushöhlen, wie die Erfahrung beweist?

Kurz gesagt, die objektive Wahrheit ist bisher selektiv und zensiert zum Vorschein gekommen. Man gewinnt auch nicht den Eindruck, daß die weißen Flecken in der Geschichtsschreibung bald getilgt werden. So hat die britische Regierung ihre Absicht verkündet, gewichtige Dokumente der Kriegs- und Vorkriegszeit mindestens bis zum Jahre 2017 unter Verschluß zu halten. Spricht das nicht für sich selbst? Was soll diese Geheimnistuerei, wenn der Öffentlichkeit weithin unbekannte Materialien und Dokumente vorenthalten werden, die nichts Wesentliches enthalten?

Hinter die Geheimnisse Washingtons zu gelangen, ist noch schwieriger. Franklin D. Roosevelt pflegte Vieraugengespräche zu führen. Er gab mündliche Weisungen und hinterließ fast niemals Randnotizen auf den Telegrammen und Berichten, die ihm vorgelegt worden waren. Wie Jossif Stalin war er nicht dafür, daß bei Beratungen, die er leitete, Protokoll geführt wurde. Blieb nichts, um es publik zu machen?

Oder etwa doch?

Es gibt Dokumente Roosevelts, die nicht in Warren F. Kimballs dreibändige vollständige Korrespondenz des Premierministers und des Präsidenten Eingang fanden.[10] Wenden wir uns Band I zu, der die Zeit vom Oktober 1933 bis zum November 1942 umfaßt. Blättern wir in den Briefen und Telegrammen vom Juni, Juli und August 1941.[11] Nichts vom Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion oder von der UdSSR überhaupt. "Rußland" wird zum ersten Mal in Churchills Botschaft an Roosevelt vom 1. September 1941 erwähnt, und zwar im Zusammenhang mit Londons Plänen im Nahen Osten.

Kimball gibt die Auffassung wieder, über Deutschlands Krieg gegen die Sowjetunion hätten die beiden Regierungschefs durch die transatlantische Telefonleitung miteinander gesprochen. Diese Legende glaubt der Herausgeber wohl selber kaum. Wenn man weiter und tiefer gräbt, stößt man auf enorm interessante Schichten: die "Friedensmission" des stellvertretenden US-Außenministers Sumner Welles im Frühjahr 1940; die Überlegungen für den Fall einer militärischen Niederlage der Sowjetunion in den Jahren 1941 und 1942; die Diskussionen der führenden Politiker und Militärs der USA und Großbritanniens über die Modalitäten der weiteren Kriegsführung im Jahre 1943, als die UdSSR den Gang der Geschehnisse in Europa zu bestimmen begann. Bislang sind hier nur Krumen ans Tageslicht befördert worden.

Nach der Besetzung Deutschlands brachte die US-Regierung riesige Dokumentenbestände des Nazireiches in ihren Besitz. Material von unschätzbarem Wert ließ sie unter anderem aus dem unter größter Geheimhaltung errichteten letzten Hauptquartier Hitlers, "Olga" genannt, und den Geheimdepots abtransportieren, die die Nazis in der Tschechoslowakei angelegt hatten. Die amerikanischen Behörden interessierten nicht primär Dokumente zur Planung und Ausführung konkreter Wehrmachtsoperationen. Ergiebiger versprachen Angaben darüber zu sein, wie die Nazis in die Länder der Alten und Neuen Welt eingeschleust wurden, welches geheime finanzielle und wirtschaftliche Potential die Nachfolger des "Führers" in Erwartung des Tages X angelegt hatten, wer von den führenden Nazigeneralen zur künftigen "atlantischen" Zusammenarbeit umworben werden konnte. Die Mikrofilme und Karteien, die Washington von General Gehlen und dessen Mitarbeitern erhielt, sind nur ein Bruchteil der "speziellen" Informationen, die danach im Kalten Krieg verwertet wurden.

Unter dem Beutegut fanden sich zum Beispiel Angaben über die Luftaufklärung des Territoriums der UdSSR, die die Luftwaffe mit Spezialausrüstung in Vorbereitung der Aggression Hitlerdeutschlands durchgeführt hatte.[12] Im Jahre 1945 hatte dieses Material noch wenig von seiner praktischen Bedeutung eingebüßt.

Der Eindruck ist nicht geschwunden, daß die US-Administration keinen besonderen Eifer entwickelte, um Spezialarchive der Nazis den Kriegsverbrecherprozessen zur Verfügung zu stellen. Zur Zeit der Nürnberger Tribunale wurden nicht aufgefunden:

Pläne, die das Schicksal von 100 Millionen Slawen besiegelten, der Wortlaut des Befehls an die Wehrmacht, sowjetische Militär- und "Zivil"-Kommissare standrechtlich zu erschließen (den man in 340 Exemplaren bis in die Divisionsstäbe geleitet hatte), weitere Dokumente des OKW, des OKH und der Abwehr, die bei einer Überführung der Nazigenerale in den Dienst der Demokratien hätten Probleme schaffen können.[13]

Was Japan betrifft, so gelangten dessen Staatspapiere in die ausschließliche Verfügung der USA. Wie Washington mit diesem Privileg umging, zeigt das Beispiel der "Abteilung 731" des Generals Ishiya, die bakteriologische Waffen entwickelt und die Methodik ihres Einsatzes unter realen Kampfbedingungen sowie gegen den potentiellen Gegner erprobt hatte. Außerdem hatte diese Einheit mit Entlaubungsmitteln, Insektiziden, Herbiziden und Medikamenten verschiedener Art experimentiert.

Ishiya und die amerikanischen Offiziellen gelangten zu einer Abmachung: Die USA erhielten 8.000 Diapositive, auf denen Versuche mit Tieren und Menschen abgebildet waren, sowie den anderen Nachlaß der "Abteilung". Im Gegenzug sollten das Pentagon und das State Department dafür sorgen, daß kein einziger von Ishiyas Mitarbeitern wegen Teilnahme, Vorbereitung (und Führung) des bakteriologischen Krieges vor Gericht gestellt wurde.

Folgerichtig lehnte man die Aushändigung von Dokumenten über die "Abteilung 731" an die Sowjetregierung mit der Begründung ab: "Um die japanische Armee verbrecherischer Handlungen gegenüber dem chinesischen Volk (durch die Anwendung bakteriologischer Waffen) anzuklagen, liegt nichts vor, was als Kriegsverbrechen qualifiziert werden könnte..."

Die USA besaßen aber durchaus genaue Angaben über Zeit und Umstände des Einsatzes biologischer Waffen nicht nur gegen China, sondern auch gegen die Sowjetunion. So wurden im Sommer 1942 bei einer Operation unter dem Codenamen "Sommermanöver" zwölf Kilogramm Maliasmusbakterien (Erreger einer Infektionskrankheit) in den Fluß Derbul an der Stelle eingeleitet, wo er in die Argun mündet. Zu ähnlichen Diversionsakten der Japaner längs der mandschurisch-sowjetischen Grenze kam es vor und während des Zweiten Weltkrieges immer wieder.[14]

Es wäre ein sinnloses und unwürdiges Unterfangen, wollte man den Umgang der Sowjetunion und in mancher Hinsicht auch des heutigen Rußlands mit Archivdokumenten - eigenen und erbeuteten - schönreden. Zwar hat die Sowjetunion nicht nach dem Vorbild der USA erklärt, sie werde sich für ihre Außenpolitik nicht entschuldigen, in der Tat versuchte sie jedoch auch ohne große Worte stets sauber dazustehen und daraus auch noch Kapital zu schlagen. Das aber machte es erforderlich, die Wahrheit zu verhüllen oder zu frisieren, alles zu eliminieren, was nicht ins Bild paßte oder sich als zweischneidig erwies, mit einem Wort, tendenziöse Darstellungen zu liefern. Wie auch in anderen Ländern wurden in der Sowjetunion Dokumente vor der Veröffentlichung häufig "stilistisch bearbeitet" und zusammengestrichen.

Seltsamerweise verschwanden dabei auch Dokumente in der Versenkung, mit deren Hilfe die gesuchte Wahrheit ohne Lärm und doch überzeugend hätte ans Licht gebracht werden können - und dies zum Nutzen der UdSSR. Aber - unter Stalin war alles verboten, was auch nur entfernt an Mitleid mit seinen Opfern und an eine Würdigung ihrer Verdienste erinnerte. Nach Stalins Tod wurde schon seine eigene Tätigkeit für eine sachliche Offenlegung gesperrt. Man schickte Chruschtschow in die Wüste, und nun wurde er für ein Vierteljahrhundert zur Unperson. Dasselbe Schicksal ereilte Breschnew nach dessen Tod.

Es gab aber auch Hürden anderer Art. Maxim Litwinow mißfiel sein Vorgänger Georgi Tschitscherin, der erste Außenminister der Sowjetunion. Litwinow selbst stand bei Wjatscheslaw Molotow nicht gerade in hohen Ehren und erregte noch weniger Begeisterung bei Andrej Gromyko. Letzterer war zudem Iwan Maiski derart ungnädig gesinnt, daß der ehemalige Botschafter nicht einmal an seine eigenen Tagebücher herankommen durfte, die nach dessen kurzfristiger Verhaftung Ende der vierziger Jahre im Archiv des Außenministeriums (MID) der UdSSR aufbewahrt wurden. Maiski protestierte 1967 offiziell dagegen, daß man ihn, einen Veteranen, keiner Einladung zu den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des sowjetischen diplomatischen Dienstes für würdig erachtet hatte.

Restriktive Regeln, denen bei Benutzung der Archive selbst die höchsten Beamten des MID ausgesetzt waren, störten die Tätigkeit des Ministeriums. Primärinformationen und Präzedenzfälle, die im völkerrechtlichen Alltagsgeschäft so wichtig sind, blieben auf diese Weise außerhalb des Blickfelds. In diesem Sinne erinnerte das Archiv des MID ("Historisch-diplomatische Verwaltung" genannt) immer mehr an die "Allgemeine Abteilung" des ZK der KPdSU, die auf Bergen von Informationen saß wie ein Wachhund, der allein auf das Kommando des Generalsekretärs hörte.

Erbeutete Dokumente wurden in der UdSSR, ganz kurz gesagt, danach eingeschätzt,

  1. ob es günstig oder ungünstig war, zuzugeben, daß sie sich in sowjetischer Hand befanden,
  2. in welchem Grade die Dokumente von den Archivaren bereits aufgearbeitet waren,
  3. ob sie sich für Spezialuntersuchungen eigneten oder
  4. für die Enthüllung von Geheimnissen der Sowjetunion genutzt werden konnten. der« ist womöglich ein Übersetzungsfehler für richtig »durch die« oder auch »gegen die«? Anm. DN]

Zwei Beispiele: Beim Fotokopieren der Originaltagebücher von Goebbels (insgesamt dreizehn Notizblocks) wurde peinlich genau alles weggelassen, was den Gedanken nahelegen konnte, daß die Geheimprotokolle zu den sowjetisch-deutschen Verträgen von 1939 existierten. In einem Depot bewahrte man neben Dokumenten über die Tätigkeit der Gestapo und der Abwehrorgane des Reichs auch Schriftstücke auf, die die Nazis beim früheren Reichskanzler Joseph Wirth und anderen Persönlichkeiten beschlagnahmt hatten, weil das Hitler-Regime sie als seine Gegner oder Widersacher betrachtete. Niemand konnte einen triftigen Grund dafür nennen, weshalb dieser Teil des Archivs nicht den ehemaligen Besitzern zurückgegeben oder wenigstens Wissenschaftlern zugänglich gemacht worden war.

Eine ganz besondere Art von Dokumentenbeständen waren in der Sowjetunion die "erbeuteten Trophäen", das heißt Dokumente, die den Nazis in Paris und einigen anderen Hauptstädten in die Hände gefallen waren. Als aussagekräftig erwiesen sich die Dokumente der französischen Aufklärung. Daran lassen sich unter anderem die Aktivitäten Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs an der Peripherie Rußlands vom Baltikum bis zum Kaukasus in den Jahren 1917 bis 1939 verfolgen. Versuche, wenigstens für Informationen politischer Art die Geheimhaltungsvorschriften aufzuheben, stießen weder bei Molotow in den Jahren 1954/55 noch bei Alexander Jakowlew und Wadim Medwedew in den achtziger Jahren auf Verständnis.

Ein unberührtes Terrain, das seinerzeit kaum betreten wurde und im Strom der Jahre für die Wissenschaft im wesentlichen verlorenging, sind die Dokumente, die sich in den Stäben der Armeen, Korps und Divisionen der Wehrmacht, Kommandanturen aller Art in den zeitweilig okkupierten sowjetischen Gebieten angesammelt hatten. Es fehlte nach dem Kriege, insbesondere in der Provinz, an Mitteln, Personal und den elementarsten Bedingungen, um wenigstens eine flüchtige Durchsicht der überwiegend handschriftlichen Aufzeichnungen vorzunehmen.

Mit allen angemessenen Vorbehalten kann man also davon ausgehen, daß im Ozean der Geschichte noch unerforschte Inseln und ganze Archipele zu entdecken sind. Das macht Mut. Schlimm ist es aber, wenn der Weg zur Wahrheit in einer Richtung mit der Unterschlagung in anderen Richtungen gepflastert wird, wenn mit Intoleranz Auffassungen begleitet werden, die die geistige Monokultur abweisen.

Wenn die Vergewaltigung der Geschichte nicht aufhört, dann wird der Zweite Weltkrieg von einem Symbol imperialistischer, rassistischer Entartung im wahrsten Sinne des Wortes von einer Greueltat, für die es keinerlei Rechtfertigung gibt und geben darf, schließlich zu einer "Situation" mutieren, die lediglich durch die Schuld und Vergehen einzelner Personen außer Kontrolle geriet.

Eine "Situation", wie sie in der Vergangenheit unzählige Male vorkam und auch in Zukunft ohne übermäßige Dramatisierung als nicht unnatürlicher Ausdruck gewisser immanenter Bedürfnisse der Entwicklung der Systeme und Staaten aufgefaßt werden sollte.

Es gab nicht wenige in den Demokratien, die den Nazismus nicht als ein fremdes System, sondern lediglich als eine andere Herrschaftsform betrachteten. Bis zu einem bestimmten Punkt wetteiferten hier nach Auffassung dieser Leute Interessen miteinander, die sich auf verschiedene Weise äußerten, einander aber a priori nicht ausschlossen, die das Recht des Stärkeren zum Prinzip erhoben.

Was können wir von der Zukunft erwarten? Daß McCarthys virulenter Geist von Politik- und Geschichtswissenschaft übernommen wird? Bereits 1945 griffen Reaktionäre die Politik Roosevelts an, und die Attacken rollten, eine immer stärker als die andere, ein ganzes Jahrzehnt lang. Charles A. Beard, G. Barnes, J. Burkham, W. Chamberlin und C. Tunsill warfen Roosevelt zwar nicht vor, daß er den Krieg entfesselt hatte. Der bereits verstorbene Präsident wurde aber der Inkompetenz, des Ausverkaufs amerikanischer Interessen und gar des Hochverrats bezichtigt, weil er sich im Kriege nicht auf die "richtige" Seite geschlagen hatte. Selbst das Trumansche "Containment" war in ihren Augen eine "ängstliche Defensivstrategie", die der "sowjetischen Herausforderung" nicht gewachsen war.

Werden sich nun die Leidenschaften beruhigen? Denn das Ziel ist erreicht: Die Sowjetunion ist so oder so bereits Vergangenheit. War ihr Zusammenbruch die späte Rache Hitlers, den sie nur besiegen konnte, indem sie ihre Kräfte überforderte? Oder ist der Kalte Krieg die Büchse der Pandora? Auf Fragen der Art findet man heute sicher keine definitive Antwort. Aber das Band der Zeiten kann niemand aufheben; es ist eine objektiv existierende Gesetzmäßigkeit. Allerdings hängt es von den Politikern ab, wie, wann und wo sie ihre Wirkung offenbart.

Bislang ist eines klar: Ein Schlußstrich unter die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist nicht gezogen. Auch in den heutigen qualitativ neuen Umständen wird der Kampf zwischen den Maximalisten, die in Recht und Moral allein auf Stärke setzen, und denjenigen, die nicht gewillt sind, die neue Welt durch eine alte Brille zu betrachten, mit wechselndem Erfolg weitergehen.

Beim derzeitigen Kenntnisstand ist es kaum vorstellbar, daß die Mehrzahl der im weiteren zu erörternden Probleme bereits endgültig durchleuchtet werden kann. Wenn man sich nicht übernehmen will, wäre es sinnvoll, das Thema bloß aufzuwerfen. Hier und da werden wir auf Grund der Sachlage das Risiko eingehen, mit festgefügten oder, besser gesagt, Standardauffassungen in Disput zu treten und alternative Sichten anzubieten.

Wenn die Auslegungen des Autors nicht überzeugend erscheinen, dann sollten sie als Fragestellung verstanden werden. Im übrigen packen wir unsere Aufgabe praktisch an - jeder Fortschritt beginnt mit Ketzerei. Diese ist gar kein so unentschuldbares Vergehen, es sei denn, man erklärt den Gedanken Albert Einsteins für Sünde, der da lautet: Jede neue Zeit schenkt uns neue Augen.«

Wenn wir hier in großer Ausführlichkeit Falin zitiert und auch die sowjetischen Agitprop-Vokabeln und -Theorien nicht unterschlagen haben, dann hat das nur zu bedeuten, daß die Sichtweise eines sowjetrussischen Historikers original wiedergegeben werden sollte, um aus erster Hand den Wert sowjetrussischer Archive für die Revisionismusforschung geschildert zu bekommen.

Allerdings muß zum Schluß noch angemerkt werden, daß uns Falin etwas Wichtiges verschwiegen hat. In der gesamten sowjetkommunistischen Agitations-Propaganda des Ostblocks zur Manipulierung der eigenen Massen und zur Beeinflussung der proletarischen Köpfe im "bürgerlich-imperialistischen Lager" war es ein feststehender Fakt, daß das eigene System gut, makellos und überlegen, auch in der Geschichtswissenschaft, dargestellt werden mußte. Frühere historische Handlungen des Sowjetsystems, die von späteren herrschenden Parteilinien als Fehler eingeschätzt wurden oder das sowjetkommunistische System in ein schlechtes Licht stellen konnten, mußten positiv umgedeutet werden oder unter dem Mantel des Verschweigens verschwinden, wozu auch Lügen, Halbwahrheiten und Fälschungen benutzt wurden. In diesem Sinne hat daher ein Helmut Meier auch auf "Geschichtswissenschaft als Waffe" in einem DDR-Leitfaden für Geschichtsschreiber hingewiesen.[15] Auch in den politisch eher links eingestellten Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, München, wurde schon 1980 darauf hingewiesen, wie die Geschichtswissenschaft als Waffe in der ideologischen Auseinandersetzung von kommunistischen Parteien und dogmatischen Marxisten mißbraucht wird. Knud Bäcker zitierte daraus im letzten Heft dieser Zeitschrift bereits eine Passage, die wegen ihrer Bedeutsamkeit hier etwas ausführlicher erneut zitiert wird:[16]

»Leitstern sowjetischer Historiographie ist stets eine Maxime gewesen, die der erste Doyen der sowjetischen Historiker, Pokrovskij, formuliert hat: "Geschichte ist in die Vergangenheit projizierte Politik." Der Historiker muß die Vergangenheit in Übereinstimmung mit Richtlinien darstellen, die von der obersten politischen Autorität geliefert werden. Er hat dem Staat als "ein Ingenieur menschlicher Seelen" zu dienen, als ein Propagandist, der die Toga der Gelehrsamkeit trägt, als ein Handwerker, der einen Beitrag zu der nie endenden Aufgabe leistet, den Geist der Bürger in den Fesseln der Orthodoxie zu halten. "Objektivität" ist nicht ein anzustrebendes Ideal, sondern eine "bourgeoise" Häresie, vor der man sich hüten soll. Für die sowjetischen Führer ist Geschichtsschreibung alles andere als leeres Geschwätz, wie Henry Ford behauptete. Sofern von der festen Hand der Partei geführt, ist der Historiker in ihren beständigen Kämpfen ein unschätzbarer Helfer, läßt man aber seinen Geist unkontrolliert seine eigenen Wege gehen, kann er den Verlockungen der Objektivität erliegen und eine Quelle ansteckend aufrührerischen Denkens werden. "Historiker sind gefährliche Leute. Sie müssen kontrolliert werden", so die denkwürdige Äußerung eines sowjetischen Spitzenfunktionärs. Welcher westliche Politiker würde irgendeinem Zweig der westlichen Historiographie einen solchen Tribut zollen?«

Der letzte Satz jedoch klingt im Europa von 1998 etwas antiquiert, wenn man weiß, welchen Tribut die pc-dogmatischen Politiker der Historiographie abpressen mit der zunehmenden Unterdrückung und Verfolgungen von Geschichtsrevisionisten.

Diese sowjet-kommunistischen Regeln für Propaganda und Agitation, in die auch Geschichtsdarstellungen eingebunden sind, kennt Falin natürlich. Daher hätte er sich nicht so zu entrüsten brauchen, daß er ihn interessierendes historisches Quellenmaterial nicht in den allgemein zugänglichen Archiven fand, die nur das der herrschenden Parteilinie und Staatsführung genehme Material enthielten, sondern erst im geheimsten Geheimdienstarchiv des KGB fündig wurde. Dort lagernde Dossiers mit dem Geheimhaltungsvermerk "Nicht Öffnen!" waren allein dem obersten Sowjetvorsitzenden oder sind nur dem heutigen russischen Staatschef zugänglich. Und dort werden auch die nicht manipulierten Quellen der »sowjetischen außerordentlichen staatlichen Untersuchungskommission zur Aufklärung der deutschen Kriegsverbrechen« von 1945 über Auschwitz zu finden sein, wenn sie nicht »Vor dem Öffnen zu vernichten« sind! Aber danach hatte Falin selbstverständlich nicht gesucht. Da heute viele ausgewanderte ehemalige Sowjetpropagandisten in der westlichen Welt als angesehene Zeitgeschichtsdarsteller gelten, ohne daß man ihre offensichtlichen Sowjetmethoden hinterfragt, werden die "Propagandalügen für politische Zwecke" in der Geschichtswissenschaft weiterhin triumphieren.


Anmerkungen

[1]Valentin Falin, Konflikte im Kreml - Zur Vorgeschichte der deutschen Einheit und Auflösung der Sowjetunion, Karl Blessing Verlag, München 1997.
[2]Valentin Falin, Zweite Front - Die Interessenkonflikte in der Anti-Hitler-Koalition, Droemer-Knaur Verlag, München, März 1997. Prolog
[3]Ebenda, S. 9-17.
[4]Irving, David: Churchill's War. The Struggle for Power, Australia, 1987, Vol. l. Topitsch, Ernst: Stalins Krieg 1937-1945, Herford, 1990. Bavendamm, Dirk: Roosevelts Krieg 1937-1945, München, Berlin 1993
[5]Hoggan, David L.: Der erzwungene Krieg. Tübingen, 14. Neuauflage, 1990.
[6]So betitelt John Lukacs Hitler in seinem Buch Churchill und Hitler. Der Zweikampf. Stuttgart, 1992, S.316.
[7]Kujau: Fälscher der Hitler Tagebücher.
[8]Mussolini führte diese Briefe stets bei sich - als Talisman oder als Versicherungspolice -, insbesondere als der Boden unter seinen Füßen zu schwanken begann. Churchill unternahm nach dem Krieg beträchtliche Anstrengungen, um seine Korrespondenz zurückzuerhalten. Man kann vermuten, daß dies nicht zu dem Zweck geschah, sie in seine sechsbändige Ausgabe des Zweiten Weltkrieges aufzunehmen. Dafür hätten auch seine Kopien ausgereicht.
[9]Edouard Daladier bekannte im Jahre 1963: Vor dem Krieg »überlagerten ideologische Probleme häufig strategische Imperative«.
[10]Churchill and Roosevelt. The Complete Correspondence. Edited with Commentary by Warren F. Kimball (fortan: Kimball), Princeton, New Jersey, 1984. Die Sammlung enthält 745 Dokumente des US-Präsidenten und 945 Dokumente des britischen Premierministers. Nach Angaben von David Irving sind in den weiterhin geschlossenen Archiven etwa 950 Dokumente Churchills und 800 Dokumente Roosevelts verblieben. Siehe Irving, David, [Churchill's War], Vol. I, S. 196.
[11]Der Sammelband enthält lediglich die Botschaft Churchills vom 14.6.1941, in der von den Vorbereitungen der Wehrmacht für den Einmarsch in die UdSSR auf breiter Front von Finnland bis nach Rumänien die Rede ist. Siehe Kimball, Vol. l, S.208.
[12]Die »Aufklärungsgruppe Rowehl« unternahm etwa vier Monate lang Flüge in einer Höhe von 9.000 bis 12.000 Metern von den Flugplätzen Insterburg in Ostpreußen, Bukarest, Krakau und Budapest aus, was bei dem damaligen technischen Stand der Luftabwehr volle Geheimhaltung sicherte. Ausführlicher siehe Carell, Paul: Unternehmen Barbarossa. Berlin, 1991, S. 54. Inwiefern die Erfahrungen der deutschen Luftwaffe die US-Militärs dazu anregten, mit den in großer Höhe fliegenden U 2 und deren Nachfolgern in den Luftraum anderer Staaten einzudringen, ist dem Verfasser [des Prologs, Falin] nicht bekannt.
[13]Siehe Friedrich, Jörg: Das Gesetz des Krieges. Das deutsche Heer in Rußland 1941-1945. München, Zürich, 1993, S. 287, 289, 324f., 399.
[14]Ausführlicher siehe Morimura, Seiichi: Kuchnia djawola. Prawda ob »otrjade 731« japonskoi armii. Moskau, 1983, S. 106, 158, 206f., 232-236, 240, 258f.
[15]Werner Berthold (Hg.), Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung, Pahl-Rugenstein, Köln 1970: Überschrift von Kapitel I.1. (Helmut Meier): »Die Stellung des Geschichtsdenkens und der Geschichtschreibung im ideologischen Klassenkampf der Gegenwart. [...] Die marxistische-leninistische Geschichtswissenschaft bei der Gestaltung des Sozialismus in der Auseinandersetzung mit dem Imperialismus«
[16]Vierteljahshefte für Zeitgeschichte, 1980, Heft 4, S. 502.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(3) (1998), S. 209-213.
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