Überleben in Auschwitz

Von Dipl.-Ing. Gottfried Sänger

 

I. Der Anlaß

Anlaß dieses Artikels ist die Auswertung der verbesserten Veröffentlichung: »Die ersten Polen im KL Auschwitz«.[1] Sie wurde auf deutsch erst fünfzig Jahre, nachdem diese Häftlinge nach Auschwitz kamen, veröffentlicht.

In diesen 50 Jahren ist viel geschrieben und behauptet worden, was heute nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Das ist das Kardinalproblem, vor dem unsere Gegner, Richter und auch wir stehen, weil eben auch ungeheure Unwahrheiten verbreitet wurden. Es wäre vermessen zu behaupten, sie wüßten es nicht. Uns unterscheidet nur die wesentliche Tatsache, daß wir erst erheblich später und damit auf besserer Grundlage begonnen haben, die Wahrheit zu suchen, nämlich nachdem schon große Zweifel bekannt waren.

Die Autorin berichtet über 1.389 Häftlinge mit den Nr. 31 bis 1.419, die in der Zeit vom 14.6.1940 bis 18.7.1940 in Auschwitz eingeliefert wurden und deren weiteres Schicksal sie aufzuklären versuchte. Die Nummern 1 bis 30 waren an die kurz zuvor eingelieferten 30, als »Berufverbrecher«[2] bezeichneten, deutschen Häftlingen vergeben worden.

Frau Strzelecka brach bei ihrer Untersuchung ein bisher geltendes "Tabu" im Dienste der Wahrheit und gliederte sich damit in die Reihe der Kritiker ein, denn das Ergebnis ihrer Arbeit entspricht nicht den bisherigen etablierten Ansichten.

In der Literatur galt bisher in variierender Form, daß ein Häftling in Auschwitz nur eine sehr begrenzte Überlebenszeit hatte. Wir greifen hier F. Piper heraus:[3]

»Die Menge der den Häftlingen zugewiesenen Lebensmittel reichte zum Überleben für einen Zeitraum von 3 bis 6 Monaten.«

Dr. Jan Sehn zitiert in seinem Buch Prof. Dr. J. Olbrycht:[4]

»[...], so verfielen sie gewöhnlich nach drei Monaten der Hungerkrankheit.«

Im Buch Auschwitz gibt B. Naumann aus dem Auschwitzprozeß in Frankfurt die Zeugin Dr. E. Lingens wieder:[5]

»Ein normaler Häftling kann nicht länger als vier Monate gelebt haben.«

Eine böse Unterstellung für alle Überlebenden. Frau Lingens überlebte die vier Monate schließlich selbst.

Vorstehende Behauptungen finden in der nachstehenden Auswertung keine Bestätigung. Würden diese Lebensfristen zutreffen, so dürfte von diesen ersten Häftlingen in Auschwitz eigentlich niemand überlebt haben. Ein nicht kleiner Teil verbrachte immerhin in Auschwitz fast die längste mögliche Zeit von 55 Monaten. Nur 30 Häftlinge waren einen Monat länger im Lager. Frau Strzelecka vergißt nicht, dies zu erläutern. Sie gehörten zur »Häftlingsselbstverwaltung«. Sie schreibt über diese 30 »kriminellen Häftlinge« auf Seite 12:

»[...], und sobald sie sich als Herren über Leben und Tod der ihnen unterstellten Häftlinge zu fühlen begannen, quälten sie diese aufs grausamste und töteten viele von ihnen.«

Hier wird ein Teil des Lagergeschehens angesprochen, dessen sich noch kaum jemand angenommen hat. Vor allem in den erschütternden Büchern der Zeitzeugen, die in den ersten Jahren geschrieben wurden, wird der Haß deutlich gegen diese Mithäftlinge, die zumeist dann »Capos« oder ähnliches wurden.

Ein Beispiel fügen wir aus »Die Todesmühlen« an:[6]

»Die Häftlingsschreiber, die Blockältesten, Blockschreiber und Capos waren die unbeschränkten Herren über Leben und Tod der Häftlinge.«

Es folgt dann eine bestürzende Beschreibung wie der Häftling »Blockschreiber Stefan Wierbicza« 14 Mithäftlinge »totschlägt«. Wörtlich:

»Berüchtigte Meister im Totschlagen waren "die grünen" Häftlingsfunktionäre, die deutschen Berufsverbrecher Albert Hämmerle, Alfred Kühn, Alex Neumann und Zimmer.«

Auch in der nachfolgend von uns verarbeiteten Liste von Frau Strzelecka ist ein weiterer Häftling genannt »Nr. 1325 Bednarek Emil«, der im Frankfurter Auschwitz-Prozeß mit angeklagt war und »wegen Mittäterschaft [...] zum lebenslänglichen Gefängnis verurteilt« wurde. Es ist inzwischen vergessen worden (oder sollte es vergessen werden?), daß es auch Häftlinge gegeben hat, die wegen begangener Verbrechen von ordentlichen Gerichten verurteilt worden waren und deshalb in die Lager zum Arbeiten eingewiesen worden sind. Das ist aber eine Tatsache, die man gerne unterdrücken möchte, weil sie nicht in das verbreitete Geschichtsbild paßt. Sie soll vor allem vor denen, die die Zeit nicht erlebten, verborgen bleiben.

Vergessen darf man auch eines nicht: Alle, die in jener Zeit im Ostblock über die KL geschrieben haben, taten dies, wie der regierende Kommunismus es vorschrieb! Wäre es im »freien Westen« anders, würden Revisionisten dort nicht verfolgt. Wer "regiert" aber eigentlich bei uns?

II. Die Quellenlage

Frau Strzelecka berichtet zuerst ausführlich über die Entstehung des Lagers und über den Ablauf der frühesten Geschichte des KL Auschwitz. Sodann gibt sie Auskunft über die Herkunft aller Angaben, die sie verwertet hat. Ein Blick ins Kalendarium bestätigt,[7] daß es fast ausschließlich Sammlungen von Aussagen, Erinnerungen, Referaten der Häftlinge und von der Widerstandsbewegung gefertigte "Akten" sind, keine echten Dokumente also. Es müßte allerdings schon jedem einigermaßen lebenserfahrenem Menschen klar sein, daß Geschichte, nur aus persönlichen Eindrücken und Erinnerungen Betroffener geschrieben, nicht wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann. Natürlich war uns eine Prüfung dieser Unterlagen nicht möglich, und zu unserer Ausarbeitung, die mehr eine statistische Auswertung ist, auch nicht notwendig. Wir schließen uns deshalb hier der Formulierung der Autorin (Seite 6) an:

»Trotz des Vergleichs des Quellenmaterials sind in Einzelfällen Ungenauigkeiten jedoch nicht völlig auszuschließen.«

Vorstehende Ausführungen machen auch eines der Grundübel deutlich, unter dem der ganze Themenkreis leidet. Man hat nicht nur "zum höheren Ruhm" der Sieger und zusätzlich, in Polen, zu dem des Kommunismus geschrieben, sondern auch "zu spät" mit der Forschung begonnen. Die »Desinformation« hatte bereits voll ihre Wirkung getan. Ein Grund, weswegen alles "festgefahren" ist. So ist es nur zu verständlich, daß heute, nachdem die damaligen mit Präzision und Gründlichkeit geführten deutschen Bauleitungsakten der Lager wieder vorliegen, alle durch sie erkennbaren Lügengebäude einstürzen. Die Dokumente, wie Pläne und Texte, können eben heute fast jede erfundene Geschichte entlarven, und das läßt sich auch mit der größten Menge Geld nicht verhindern. Nur das klassische Beispiel: Drei Meter tiefe Verbrennungsgruben in Birkenau sind an den behaupteten Punkten, an denen das Grundwasser auch heute noch bis zur Geländeoberkante steht, nicht möglich. Deshalb: Wenn wir Exterminationisten wären, würden auch wir uns vor den noch kommenden Enthüllungen fürchten.

Es wird nicht zu klären sein, ob sich hinter vielen falschen Behauptungen nur Unvermögen verbirgt oder ob Absicht im Spiele war. Mehr spricht auf jeden Fall für die Absicht. Traurig ist, daß deutsche Stellen diese Ränkespiele nicht nur bewußt mitspielten, sondern aktiv förderten. Es müßte selbst dem wenig Informierten klar sein, daß die Zahl derjenigen, die die KL überlebt haben, auf der Basis der deutschen Wiedergutmachungsakten[8] feststellbar ist, wenn man dies im Dienste der Wahrheit will. Der ganzen Welt ist bekannt, daß unser Land an jeden Häftling der KL Zahlungen geleistet hat und leistet, nur keiner kennt die Anzahl. Daraus entstanden weitere, sicher berechtigte Zweifel. Nur Offenheit überzeugt! Verbergen schürt Mißtrauen!

III. Schwierigkeiten

Das von Frau Strzelecka zusammengestellte »Verzeichnis der Häftlinge [...]« (S. 68), eine Liste nach Häftlingsnummern geordnet, ist offenbar aus sehr unterschiedlichen, nicht gezielt erfragten Aufzeichnungen entstanden, die eine Auswertung erheblich erschweren.

Angaben zur Person enthalten z. B. nur die Häftlings-Nr. oder ausschließlich den Familiennamen. Vorhanden sind aber auch ausführliche Angaben. Ebenso verhält es sich bei zeitbezogenen Daten. Die genauesten Angaben finden sich hier über die - wie in der Liste bezeichneten, - »umgekommenen Häftlinge«, deren Daten zum größten Teil auf den Tag genau enthalten sind. Andere Zeitangaben bestehen jedoch wieder nur in der Jahreszahl. Dies wird einerseits verständlich, wenn man nachliest, wann diese Grundlagen entstanden sind. Andererseits wird einsichtig, daß in der Auswertung dann eben nur Zeitschritte von 12 Monaten möglich sind. Deutlich entsteht jedoch der Eindruck, daß offenbar in den vorhandenen, aber nicht zugänglichen, Akten entsprechende Unterlagen vorhanden sind.

Da wir uns derzeit fast ausschließlich mit den Lagern Auschwitz und Birkenau befassen, war es natürlich unser Anliegen, alle Angaben herauszufiltern, die Erkenntnisse darüber vermitteln. Deshalb haben wir die geschilderten Schicksale im wesentlichen bis zu dem Tag ausgewertet, an dem ein Häftling, wie auch immer, das Lager Auschwitz verließ.

Eine weitergehende Auswertung möchten wir gerne einem Fachexperten, d. h. einem Statistiker, überlassen, der mit der Materie vertraut ist. Wir könnten natürlich auch in einschlägigen statistischen Jahrbüchern über normale Sterblichkeitsraten nachlesen, meinen aber, daß wir damit unsere Grenzen überschreiten. Uns ist bisher eine solche Fachkraft in unserem Kreis nicht bekannt. Wir könnten einer solchen aber auswertbares Material zur Verfügung stellen.

Um nun eine Auswertung durchführen zu können - rein auf Logik aufgebaut - mußten wir versuchen, eine übersichtliche Ordnung herzustellen. Es gab nun natürlich Angaben, die in kein exaktes Schema paßten. Wir haben daher versucht, alle Angaben sinngemäß einzuordnen. Begriffe wie »überlebt« und »befreit etc.« haben wir übernommen, da die Unterscheidung nicht erläutert wurde. Wenn uns all dies nur annähernd gelang, bitten wir um Verständnis dafür. Unsere Auswertung kann nur so gut sein, wie es die vorgegebenen Unterlagen ermöglichen.

An einem Beispiel möchten wir dies erläutern: Bei 5 Häftlingen gibt die Liste zwei mögliche Geburtsjahre an. Wir mußten also eines auswählen.

An dieser Stelle auch das Ergebnis unserer Computerauswertung. Sie wies uns auf folgende Differenzen hin:

  1. Der Häftling Nr. 1.410, Rablin, hat in der Liste nur das Geburtsjahr 1914. In Pressac[9] ist das vollständige Datum 1.1.1914 in einer Niederschrift vom 2.2.1961 angegeben. Er hat also auch überlebt.
  2. Der Häftling Nr. 815 ist in der Liste ohne weitere Angaben enthalten. Wir haben mehr gefunden. Er trug den Namen Latusek und ist auf einer Arbeitskarte vom 5.12.1942 genannt.[10] Wir haben ihn nicht mit ausgewertet.

Die weitere Auswertung ergab einmal mehr, wie ungenau das Kalendarium[7] ist. Wir fanden mehrere Überstellungen von Häftlingen in andere KL, die nicht verzeichnet sind:

  1. 10.12.1940: mindestens 30 Häftlinge nach Dachau
  2. 31.05.1941: mindestens 11 Häftlinge nach Dachau
  3. 12.03.1943: mindestens 13 Häftlinge nach Buchenwald
  4. 28.10.1944: mindestens 9 Häftlinge nach Flossenbürg

Wir gehen davon aus, daß evtl. weitere Häftlinge zu diesen Transporten gehörten.

Dieser nun schon x-te Fall gibt uns nochmals die Veranlassung, andere Autoren zu bitten, auch hierauf ihr Augenmerk zu richten. Wir wollen diese Fälle sammeln und dann veröffentlichen. Wir bitten die Leser daher, uns weitere Fälle auf dem Weg über den Verlag mitzuteilen. Wir meinen, daß dies deshalb notwendig ist, weil gerade das Kalendarium[7] den Eindruck besonderer Genauigkeit erwecken soll und so ein Vertrauen in seine Richtigkeit erreichen will, das es nach unseren bisherigen Feststellungen absolut nicht verdient, eher das Gegenteil davon. (vgl. VffG, 1(4) (1997), S. 267.)

IV. Verfahrensweise

Bei der folgenden Auswertung wurde wie folgt vorgegangen:

  1. Zunächst wurde die Anzahl der aufgelisteten Häftlinge,[1] Nr. 30 bis 1.419, festgestellt. Es sind:

    1.389 = 100,0 %

    Sie wurden ins Lager Auschwitz in der Zeit vom 14.06.1940 bis 18.07.1940 überstellt. Diese Zeitdifferenz von ca. 1 Monat haben wir auch unberücksichtigt gelassen, weil bei der schon bekannten Ungenauigkeit der Grundlagenarbeit der erforderliche Aufwand in keinem Verhältnis zum Ergebnis stehen konnte.

  2. Hiervon wurden nun die Zahl der Häftlinge abgezogen, von denen lediglich die Häftlings-Nr. genannt wurde: 234. Diese Zahl wiederum haben wir gemindert um die Anzahl von Häftlingen, von denen in anderen Auflistungen zwar der Name, aber keine andere auswertbare Angabe vorhanden ist: 88.

    Es entfallen somit: 146 = ca. 10,5 %.

  3. Ferner wurde die Anzahl der Häftlinge, von denen außer dem Namen keine auswertbare Angabe vorliegt, abgezogen.

    Das sind: 132 = ca. 9,5 %.

    Von: 1.111 = ca. 80,0 %

    Altersgruppe

    Anzahl

    %

    16 - 20

    180

    13,0

    20 - 30

    474

    34,1

    30 - 40

    178

    12,8

    40 - 50

    91

    6,6

    50 - 60

    45

    3,2

    60 - 67

    6

    0,4

    ohne Angabe:

    137

    9,9

    Summe

    1.111

    80,0

    der Mehrheit der Häftlinge liegt eine nur angenäherte Altersangabe bei Ankunft im KL vor.

  4. Wir haben natürlich bei unserer Bearbeitung, für alle Abschnitte sehr genaue Tabellen gefertigt. Wir meinen aber, daß dafür der Raum in dieser Zeitschrift einerseits zu kostbar ist und andererseits für einen größeren Anteil der Leser nicht wesentlich. Darum geben wir nur Übersichten wieder. Hier die Altersgruppen der auswertbaren Häftlingszahl:

  5. Um eine weitere Auswertung durchzuführen, ist nun die Anzahl der Häftlinge abzuziehen, von denen nur das Geburtsjahr auswertbar war.

    Das sind: 107 = ca. 7,7 %

    Es verbleiben zur weiteren Auswertung somit:

    1.004 = ca. 72,3 %

    Wir setzen jetzt wieder

    1.004 für 100,0 %

6.

Von diesen 1.004 Häftlingen verließen das Lager Auschwitz zwischen 1940 und 1945:

6.1

Freigelassen

156

=

ca.

15,5 %

 

6.2

Überlebten

61

=

ca.

6,1 %

 

6.3

Befreit

7

=

ca.

0,7 %

 

6.4

Geflüchtet

37

=

ca.

3,7 %

 

 

aus dem Lager insgesamt:

261

=

ca.

26,- %

Siehe Tabelle 1

6.5

Überstellt in andere Lager

 

 

 

 

 

6.5.1

und freigelassen

4

=

ca.

0,4 %

 

6.5.2

und überlebt

33

=

ca.

3,3 %

 

6.5.3

und befreit

147

=

ca.

14,6 %

 

6.5.4

und geflüchtet

18

=

ca.

1,8 %

 

6.5.5

und Schicksal unbekannt

152

=

ca.

15,1 %

 

6.5.6

und Schicksal bekannt

41

=

ca.

4,1 %

 

6.5.7

und umgekommen in anderen KL

25

=

ca.

2,5 %

 

6.5.8

und erschossen in anderem KL

1

=

ca.

0,1 %

 

 

überstellt insgesamt:

421

=

ca.

41,9 %

Siehe Tabelle 2

Das Lager haben lebend verlassen:

682

=

ca.

67,9 %

von 1.004 Häftlingen

7.

Von diesen Häftlingen sind zwischen Juni 1940 und Januar 1945 in Auschwitz umgekommen:

7.1

Ursache unbekannt

268

=

ca.

26,7 %

 

7.2

durch Phenolspritze

4

=

ca.

0,4 %

 

7.3

vergast

2

=

ca.

0,2 %

 

7.4

gestorben

1

=

ca.

0,1 %

 

7.5

ertrunken

1

=

ca.

0,1 %

 

 

 

276

=

ca.

27,5 %

Siehe Tabelle 3

7.6

erschossen

41

=

ca.

4,1 %

 

7.7

gehenkt

5

=

ca.

0,5 %

 

 

 

46

=

ca.

4,6 %

Siehe Tabelle 4

Im Lager sind umgekommen:

322

=

ca.

32,1 %

von 1.004 Häftlingen.

V. Einzelauswertungen

Nach dieser Übersicht wollen wir versuchen zu zeigen, was aus diesem reinen Zahlenwerk herauszulesen ist. Manche Ereignisse in den Lagern spiegeln sich hierin wieder, so zum Beispiel die Tatsache, daß eine nicht unerheblich Anzahl von Häftlingen Auschwitz unversehrt verlassen haben, Vgl. Tabelle 1. Die Liste der Freigelassenen zeigt, daß Angaben nicht stimmen, nach denen in späteren Kriegsjahren keine Entlassungen mehr stattfanden.

Durch Umrechnungen lassen sich andere Aussagen ermitteln. Die Anzahl der Überlebenden und Befreiten von 1.004 ergibt 68 Häftlinge = 6,77 %.

Die Gruppe 6.1 bis 6.3 ebenfalls auf die ausgewertete Zahl umgerechnet ergibt: 224 Häftlinge = 22,31 %.

Wir bitten natürlich auch unsere Leser mitzuwirken, aus dieser Arbeit alles nur denkbar Mögliche zu ermitteln. Anregungen, auf welchem Wege weitere Ergebnisse zu ermitteln sind, nehmen wir gerne an.

Ideal wäre es, wenn der von uns erwünschte Statistiker für eine weitergehende Auswertung gefunden würde. Ratschläge von solchen Fachleuten wären uns sehr hilfreich. Bitte wenden Sie sich dazu an die Redaktion von VffG.

Jede Hilfe ist uns willkommen und wertvoll. Nur bedenken Sie: Zeit ist bei uns eine Rarität.

Tabelle 1. Auswertung aller Häftlinge, die Auschwitz direkt verlassen haben

Aus Auschwitz

1940

1941

1942

1943

1944

1945

?

Summe

%

6.1 freigelassen

10

41

74

10

9

 

12

156

59,77

6.2 überlebt

 

 

 

 

 

61

 

61

23,37

6.3 befreit

 

 

 

 

 

2

5

7

2,68

6.4 geflüchtet

 

 

6

8

16

7

 

37

14,18

Summe:

10

41

80

18

25

70

17

261

 

%

3,83

15,71

30,65

6,9

9,58

26,82

6,51

 

100,00

In der folgenden Tabelle 2 ist ein Hinweis enthalten, auf den wir besonders aufmerksam machen wollen. Es ist die Tatsache, daß keine Überstellungen in Lager erfolgt sind, die sich weiter im Osten befanden. Seit geraumer Zeit beschäftigen wir uns mit diesem Problem. Wir fragen uns nämlich, woher die Personen kamen, die im seinerzeitigen Bereich des »Generalgouvernements« in einer unübersehbaren Menge verschiedenster Lager gearbeitet haben.

Ein sehr aufschlußreiches Buch, leider nur in polnischer Sprache erhältlich, es ist betitelt Obozy hitlerowskie na ziemiach polskich 1939- 1945.[11] Wichtiger Bestandteil sind Karten (DIN A 1), auf denen die verschiedenen Typen von Lagern eingetragen sind, wie zum Beispiel Arbeitslager, Kriegsgefangenenlager usw. Insgesamt werden 5.877 erwähnt. Auf einer weiteren Karte sind dann alle Lagertypen zusammengefaßt dargestellt. Erinnert werden muß hier an die Aussagen des Prof. Dr. G. Jagschitz vor Gericht in Wien.[12]

Zeitzeugen werden sich erinnern, daß fast neben jedem Industriebetrieb in der Kriegszeit solche Lager mit Gastarbeitern und anderen standen.

Auffällig in der folgenden Tabelle ist die laufende Steigerung der Überstellungen von Häftlingen in Lager im Reichsgebiet:

Tabelle 2: Auswertung aller aus Auschwitz überstellten Häftlinge

KL

1940

1941

1942

1943

1944

1945

?

Summe

%

Bergen-Belsen

 

 

 

 

 

 

2

2

0,48

Buchenwald

 

 

 

14

19

1

2

36

8,55

Dachau

33

16

1

1

5

 

4

60

14,25

Flossenbürg

2

3

 

3

24

1

3

36

8,55

Groß-Rosen

 

 

11

2

6

2

3

24

5,70

Mauthausen

1

 

43

3

9

15

6

77

18,29

Natzweiler

 

 

 

 

2

 

 

2

0,48

Neuengamme

 

5

 

41

6

 

3

55

13,06

Ravensbrück

 

 

 

 

13

 

 

13

3,09

Sachsenhausen

 

 

 

4

50

 

2

56

13,30

Stutthof

 

 

 

 

1

 

 

1

0,24

Verschiedene

 

2

4

 

1

1

8

16

3,80

?

 

2

4

1

7

5

24

43

10,21

Summe

36

28

63

69

143

25

57

421

 

%

8,55

6,65

14,96

19,39

33,97

5,94

13,54

 

100,00

Tabelle 3 kann man entnehmen, daß im Juli 1943 wesentliche Veränderungen eintraten. Nach unserer Kenntnis der Akten der Zentralbauleitung von Auschwitz waren zu dieser Zeit die Arbeiten aus den Sonderbaumaßnahmen weitgehend abgeschlossen. Vor allem war das Krankenbaulager in Birkenau (B II f) fertig. Nicht zuletzt haben sich die vom Standortarzt geforderten Baumaßnahmen ausgewirkt, mit denen sich die hygienischen Verhältnisse erheblich verbesserten. In der ausführlichen Beschreibung der UKW-Entlausungsanlagen wird eingehender darüber berichten werden (erscheint in VffG Nr. 4/1998).

Generell muß hierzu festgestellt werden, daß ein Bauvorhaben dieser Größenordnung, nämlich fast die einer Stadt, unter den vorliegenden Einschränkungen eine ungeheure Aufgabe war. Vor allem muß denjenigen, die diese Zeit nicht selbst erlebt haben, erläutert werden, welche Schwierigkeiten z.B. die Beschaffung aller Materialien bedeutete. Jede Art von Baumaterial bedurfte einer Genehmigung des Rüstungsministeriums, das nach Dringlichkeit des Bedarfs handeln mußte. Die KL standen wegen der Wichtigkeit der Arbeitskräfte nicht an letzter Stelle, aber es gab laufend für den Verlauf des Krieges wichtigere Bauarbeiten. Für alle, die diese Zeit nicht erlebt haben, wird das hart klingen, aber so war es einfach. Wer über diese Zeit urteilen will, sollte sie mit seinem Wissen erfassen können. Darum ist es so unerträglich, daß Gesetze den Zeitzeugen verbieten, die tatsächlichen Verhältnisse der Zeit zu schildern. Die Folgen daraus, d. h. aus der Unterdrückung der Wahrheit, werden sicher noch zu neuen verhängnisvollen Ereignissen führen.

Die Tabelle 3 enthält die Folgen, die auch die Akten aussagen, nämlich die in der ersten Zeit der Lager ausgebrochenen Seuchen, die sich bis zum Höhepunkt der 1. Typhusepidemie (Beginn Anfang Juli 1942) auswirken. Ab diesem Zeitpunkt wirken sich die Gegenmaßnahmen - durch Baumaßnahmen zur Sonderbehandlung - deutlich sichtbar aus. Es wird in Arbeiten, die vorbereitet werden, hierzu mehr berichtet werden. Schon in dieser Tabelle wird erkennbar, daß die in Abschnitt I. erwähnten Überlebenszeiten durch die Auswertung nicht bestätigt werden.

Tabelle 3: Auswertung der Anzahl aller in Auschwitz umgekommenen Häftlinge

Monat

1940

1941

1942

1943

1944

1945

?

Summe

%

Januar

 

5

7

3

 

 

 

15

5,43

Februar

 

8

9

1

 

 

 

18

6,52

März

 

9

10

2

 

 

 

21

7,61

April

 

2

12

 

 

 

 

41

5,07

Mai

 

5

4

2

 

 

 

11

3,99

Juni

 

2

11

1

1

 

 

15

5,43

Juli

1

3

7

1

 

 

 

12

4,35

August

1

3

27

 

 

 

 

31

11,23

September

3

3

8

 

 

 

 

14

5,07

Oktober

2

8

2

 

 

 

 

12

4,35

November

5

7

4

 

 

 

 

16

5,80

Dezember

5

5

1

 

 

 

 

11

3,99

?

7

21

14

1

 

 

43

86

31,16

Summe

24

81

116

11

1

 

43

276

 

%

8,70

29,35

42,03

3,99

0,36

 

15,58

 

100,00

Die Tabelle 4 haben wir von vorstehender nur getrennt, um kenntlich zu machen, daß die hier enthaltenen Opfer andere Ursachen haben. Nach vorhandenen Akten sind sie vermutlich auf Gerichtsurteile zurückzuführen.

Tabelle 4: Auswertung der Anzahl der erschossenen und gehenkten Häftlinge

Monat

1940

1941

1942

1943

1944

1945

?

Summe

%

Januar

 

 

 

9

 

 

 

9

19,57

Februar

 

 

 

4

 

 

 

4

8,70

März

 

 

 

2

 

 

 

2

4,36

April

 

1

 

 

 

 

 

1

2,17

Mai

 

 

11

 

 

 

 

11

23,91

Juni

 

 

1

3

 

 

1

5

10,87

Juli

 

1

4

1

2

 

 

8

17,39

August

 

 

 

 

 

 

 

 

 

September

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oktober

 

 

1

3

 

 

 

4

8,70

November

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dezember

 

 

 

 

1

 

 

1

2,17

?

 

 

 

 

 

 

1

1

2,17

Summe

 

2

17

22

3

 

2

46

 

%

 

4,35

36,96

47,83

6,52

 

4,35

 

100,00

Über ein tragisches Ereignis, das in Tabelle 2, Ziff. 6.5.6, erfaßt wurde, muß noch berichtet werden. Auf den Schiffen »Thielbeck« (2.800 Häftlinge) und »Cap Arcona« (5.000 Häftlinge) wurden die Häftlinge aus dem KL Neuengamme abtransportiert.[13] Beide Schiffe wurden am 3.5.1945 von britischen Flugzeugen mit Bomben und Bordwaffen angegriffen und versenkt. Nur von der »Cap Arcona« wurden rund 500 Menschen gerettet, darunter 12 der nach Neuengamme überstellten Häftlinge. In der Liste sind weitere 29 Häftlinge erfaßt, die mit den Schiffen untergingen. Diese Häftlinge wurden also von britischen Fliegern ermordet und dürften eigentlich in der Statistik bei weiterer Auswertung nicht erfaßt werden.

Für alle durchgeführten Gruppierungen haben wir auch eine Auswertung nach dem Alter der Häftlinge durchgeführt, die natürlich auch interessante Ergebnisse aufweisen. Wie bereits erwähnt, verzichten wir aus Platzgründen auf eine Veröffentlichung. Die Fragen, die wir klären wollten, sind beantwortet.

VI. Die tatsächlichen Überlebensraten der Auschwitz-Häftlinge

Bevor wir zum Schluß kommen, stellen wir in einer weiteren Tabelle dar, wie lange die Häftlinge in Auschwitz eingesessen sind, um unsere anfangs selbstgestellte Frage beantworten zu können.

Es ist notwendig, an dieser Stelle nochmals daran zu erinnern, daß die 1.004 Häftlinge nur 72,3 % derjenigen sind, deren Schicksal Frau Strzelecka zu klären versuchte. Von weiteren 385 Häftlingen, also 27,7 %, gibt es keine Nachrichten. Sie sind, wie Millionen andere Menschen, unbekannte mögliche Opfer von Verbrechen aller am Krieg beteiligten Nationen. Aber Unwahrheiten sind nicht das korrekte Mittel, die Erinnerung an all diese Menschen zu bewahren. Ihr Schicksal ist auch nicht mit Gold wiedergutzumachen. Noch weniger sind sie geeignet, als "drohende Keule" geschwungen zu werden, wie dies ein bekannter Historiker einmal formulierte.

Tabelle 5: Feststellung in welchem Jahr die Häftlinge Auschwitz verlassen haben

Tabelle

1940

1941

1942

1943

1944

1945

?

Summe

%

1

10

41

80

18

25

70

17

261

26,00

2

36

28

63

69

143

25

57

421

41,93

3

24

81

116

11

1

 

43

276

27,49

4

 

2

17

22

3

 

2

46

4,58

Summe

70

152

276

120

172

95

119

1.004

 

%

6,97

15,14

27,49

11,95

17,13

9,46

11,85

 

100,00

Deshalb weisen wir mit Tabelle 6 nach, was von den Angaben der im Abschnitt I genannten Autoren (und anderen, nicht wiedergegebenen!) zu halten ist. Wieder ein Fall, in dem die Tatsachen völlig anders sind, als man uns bisher glauben machen wollte. Nach Piper[3] hätte zwischen Oktober 1940 und Januar 1941 kaum ein Häftling von den genannten 1.389 mehr am Leben sein dürfen. Nach Frau Dr. Lingens[5] hätte es im Dezember 1940 von diesen kaum noch überlebende Häftlinge gegeben. Leider ist nicht bekannt, was Frau Dr. Lingens unter einem »normalen Häftling« verstanden hat. Alles weist einmal mehr daraufhin, daß die etablierten Historiker, mit wenigen Ausnahmen, nicht die geringsten Versuche unternehmen, ihre Pflicht zu tun.

Wir bedauern nochmals, in der folgenden Tabelle 6 keine genaueren Angaben machen zu können. Die Angaben, auf denen wir aufbauen mußten, lassen es leider nicht zu. Für den Teilbereich, in dem wir genauere Unterlagen hatten (vgl. Tabelle 3), liegt die genauere Auswertung vor.

Tabelle 6: Feststellung der Aufenthaltszeiten der Häftlinge in Auschwitz

Jahr

Anzahl

Monate

%

%

1940

70

0

bis

6

6,97

 

 

72,30

1941

152

6

bis

18

15,14

1942

276

18

bis

30

27,49

1943

120

30

bis

42

11,95

1944

172

42

bis

54

17,13

1945

95

54

bis

55

9,46

?

119

0

bis

55

11,85

Summe

1004

 

 

 

100,00

?

385

?

bis

?

 

27,70

Gesamt

1385

 

 

 

 

100,00

Ein Rückschluß ist nach der vorstehenden Tabelle noch zu ziehen, nämlich der, daß, wenn schon bei den ersten eingelieferten Häftlingen die Überlebenszeit erheblich höher war als behauptet wurde, dann muß dies erst recht zutreffen für die, die später ins Lager kamen. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß die hygienischen Verhältnisse in den Lagern ständig verbessert wurden. Sind Hochrechnungen zulässig?

Anzunehmen ist ferner, daß auch bei dieser Veröffentlichung völlig übersehen wird, daß eine übliche Sterblichkeitsrate berücksichtigt werden muß. (Ein Vorwurf, der für die gesamten einschlägigen Publikationen zu beachten ist.) Es erscheint nicht glaubhaft, daß über einen Zeitraum von ca. 41/2 Jahren nur ein Häftling (Ziff. 7.4) von 1.389 verstorben ist.

Hervorragende Auskünfte über solche Werte liegen auf Sterbetafeln vor, die in statistischen Jahrbüchern, z. B. die des Deutschen Reiches, zu finden sind.

Es ist das Verdienst der Autorin, die Grundlagen dafür geschaffen zu haben, daß wir der Wahrheit einmal mehr ans Licht helfen konnten. Die Tabellen sagen aus was wirklich geschehen ist, wenn die Grundlagen, mit denen wir arbeiteten, dazu stimmen. Aus diesem Grund haben wir auch kritiklos zunächst alle von ihr erarbeiteten Grundlagen übernommen. Wir können jedoch nicht ausschließen, daß wir Kritik evtl. einmal nachholen müssen, wenn erweiterte Kenntnisse das erfordern. Wir werden unseren Weg weitergehen, helfen Sie uns!


Anmerkungen

Exterminationist: Eine Person, die von der Vernichtungstheorie der KL-Häftlinge überzeugt ist. Aus dem englischen Wort extermination: Vernichtung abgeleitet.

ZAM: Zentrum für die Aufbewahrung historisch dokumentarischer Sammlungen, Moskau.

[1]Irena Strzelecka, »Die ersten Polen im KL Auschwitz«, Hefte von Auschwitz Nr. 18 (1990), S. 5-145.
[2]I. Strzelecka, aaO. (Anm. 1), S. 11.
[3]F. Piper, »Ausrottung«, in: ders., Auschwitz, faschistisches Vernichtungslager, 2. erw. u. verb. Auflage, Interpress, Warschau 1981, S. 98.
[4]Jan Sehn, Konzentrationslager Oswiecim-Brzezinka, 3. Bearbeitung, Wydawnictwo Prawnice, Warschau 1957, S. 70.
[5]Bernd Naumann, Auschwitz. Bericht über die Strafsache gegen Mulka und andere vor dem Schwurgericht Frankfurt, Athenäum, Frankfurt 1965, S. 116.
[6]Ota Kraus und Erich Kulka, Die Todesmühlen, Kongress-Verlag, Berlin 1958, S. 10.
[7]Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939 - 1945, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek 1989.
[8]Ernst Rumpf, Wiedergutmachung. Deutschland zahlt immer, Bearbeitet von A. v. Thadden, Kultur und Zeitgeschichte, Archiv der Zeit, Rosenheim o.J. (ca. 1993 ?)
[9]Jean-Claude Pressac, Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Chambers, Beate Klarsfeld Foundation, New York 1989, S. 25.
[10]Auftrag Nr. 2595, ZAM 502-2-16-77.
[11]Obozy hitlerowskie na ziemiach polskich 1939-1945, Panstwowe Wydawnictwo Naukowe, Warschau 1979. (Enzyklopädie; enthält eine Zusammenfassung in deutscher Sprache. Berichtet über 5.877 Lager verschiedenster Art. Darunter 1.798 Arbeitslager und 437 Zwangsarbeiterlager für Juden.)
[12]Vgl. VffG, 1(4) (1997), S. 265.
[13]Waldemar Schütz (Hg), Deutsche Geschichte im 20.Jahrhundert, Deutsche Verlagsgesellschaft mbH, Rosenheim, ohne Jahr, S. 66 u. 455 (Lexikon).

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(3) (1998), S. 198-203.
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