»Zur Bestreitung des Holocaust - Fakten und Motive«

Zu Prof. Dr. Michael Shermers Vortrag am 12.10.1998 in Berlin

Von Gernot Fuzinski

Im Herbst 1994 veröffentlichte Michael Shermer, Professor für Wissenschaftsgeschichte am Occidental College, Los Angeles, in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Skeptic (Jg. 2, Bd. 4) unter dem Titel »Who Says The Holocaust Never Happened? And Why Do They Say It« (Wer sagt, der Holocaust fand nicht statt? Und warum sagen sie es?) eine Erwiderung auf den wissenschaftlichen Holocaust-Revisionismus. Der Beitrag wurde - leicht aktualisiert - in dem 1997 ebenfalls von Prof. Shermer herausgegebenen Buch Why People believe weird things (Warum Menschen verrückte Dinge glauben)[1] erneut publiziert. Dieser Band soll nach Auskunft von Prof. Shermer in Kürze ebenfalls in deutscher Sprache erscheinen, so daß wir unser ursprüngliches Vorhaben, die inhaltlich für diese Zeitschrift relevanten Passagen in Übersetzung abzudrucken, wieder fallen ließen, zumal Prof. Shermer auf unsere mehrmals vorgetragene Bitte auch nicht reagierte, uns den Abdruck seiner Übersetzung dieses Abschnittes zur Verfügung zu stellen. Nachfolgend veröffentlichen wir daher einleitend einen Bericht über einen der vielen Vorträge, die Prof. Shermer zur Zeit während seiner Europa-Tournee in verschiedenen Städten der BRD hält. Anschließend folgt eine ausführliche Erwiderung auf Shermers Ausführungen in seinem englischen Buch, das wesentlich besser fundiert und strukturiert ist als seine Vorträge. Außerdem erfolgt eine Zusammenfassung einer Debatte, die bereits im Sommer 1995 in Kalifornien zwischen Prof. Shermer und einigen Revisionisten anläßlich der Einladung durch das Institute for Historical Review stattfand.


Am Montag, dem 12. Oktober 1998, sollte ab 19:30 Uhr im großen Vortragssaal der Berliner Urania die antirevisionistische Bombe platzen. In jenem Saal, wo einst Prof. Nolte seine unbequemen Geschichts-Thesen unter dem ohrenbetäubenden Geheul eines aufgeputschten Antifa-Mobs vortrug, wollte der junge amerikanische Geschichtswissenschaftler Prof. Dr. Michael Shermer endlich mit den Revisionisten abrechnen. So glaubten es jedenfalls viele, die das Urania-Programmheft gelesen hatten. Dort war der Herr Professor vom Occidental College, Los Angeles, und Autor des Buches Why People Believe Weird Things mit seinem Vortragsthema groß angekündigt worden:

»Wenn auch die Ermordung von Millionen Menschen, besonders von Juden, in KZs des "Dritten Reiches" nur von wenigen bestritten wird, gibt es doch immer wieder Leugnungen dieses Sachverhaltes. Da wird die Echtheit von Dokumenten und Fotos oder der Opferzahl bezweifelt, die Technik der vorhandenen Tötungsanlagen als unbrauchbar und nicht ausreichend beurteilt usw. Zwei Fragen stellen sich dabei dem Beobachter, ist eine Fälschung des Holocaust mit seinen riesigen Ausmaßen tatsächlich denkbar, und wieso kommen Menschen überhaupt darauf, ihn zu bestreiten? Der Amerikaner Prof. Shermer hat sich mit beiden Fragen in einer sorgfältigen Studie auseinandergesetzt und wird an diesem Abend die tatsächlichen Fakten des Holocaust und die Gründe für seine Bestreitung darstellen, analysieren und diskutieren.«

Alles schien sonnenklar. Nach den UFO-Gläubigen sollten nun die Revisionisten auf die Psychiaterbank gelegt und ihr Irresein, ihr Wahnglaube, erforscht und offenkundig gemacht werden. Nur die Neugier, wie denn eine Diskussion unter der gesetzlich verankerten Meinungseinschränkung ablaufen würde, trieb ein paar Nonkonformisten und skeptische Geister zur Urania. Würden Greiftrupps des polizeilichen Staatsschutzes Diskussionsstraftäter und Gedankenverbrecher schnappen und in der Grünen Minna abschleppen?

An allen Gebäudeeingängen und hinter den Hecken hockten lauernd auch die Jungantifaschisten in feindlicher Erwartung von »Faschos«, Revisionisten und Offenkundigkeitsleugnern. »1984« in Aktion. Doch wie stellten sich die IMs der linken Rollkommandos eigentlich die unerwünschten Urania-Besucher vor - mit Springerstiefeln, Glatzen und Baseballschlägern? Das zur Saaltür strebende, gutbürgerlich gekleidete Publikum wunderte sich nur über den Aufmarsch der grauen Mäuse in ihren Demojacken mit den grauen Kapuzen und den roten Halstüchern, die beobachtend auf den Treppen und Gängen umherlungerten.

Am Büchertisch mit Publikationen von Shermers The Skeptics Society verteilte der Simultanübersetzer Lee Traynor einen Fragebogen zur Skeptic-Forschung »Umfrage über die Einstellung zu Religion« und eine weitere Vortragsankündigung:

»Gab es den Holocaust? Muß der Holocaust bewiesen werden? Haben ihn nicht Archivforschung, Zeugenvernehmung und Inaugenscheinnahme erschreckend deutlich belegt? Und doch reicht es nicht, die gegenteiligen Behauptungen der Revisionisten einfach als antisemitische Hetze zurückzuweisen. Warum wollen sie ihn revidieren, wie sind ihre Beweggründe und Denkfehler? Prof. Shermer wird zeigen, wie sich mittels der Übereinstimmung von Indizien aus vielen verschiedenen Quellen der Holocaust beweisen läßt und untersuchen, wie man Geschichte von Pseudogeschichte, bei der die Vergangenheit aus gegenwärtigen persönlichen oder politischen Gründen umgeschrieben wird, unterscheidet.«

Der Saal ist nur zu einem Drittel besetzt, als Shermer seine Skeptic-Publikationen und seinen Übersetzer vorstellt und darum bittet, den Umfragebogen zur Religionseinstellung ausgefüllt zurückzugeben. Er wäre Wissenschaftler, habe Geschichte studiert und beschäftige sich auch mit Grenzwissenschaften. Besonders interessiert den Skeptiker, warum Menschen an unheimliche, unglaubliche Dinge glauben oder wissenschaftlich Beweisbares anzweifeln und ihren Glauben mit »Pseudowissenschaft« oder mit deren Zwillingsbruder »Pseudogeschichte« begründen wollen. Als Beispiel für »Pseudowissenschaft« führt Shermer die Beweisführung der Gegner der Evolutionstheorie an. Die Wissenschaftler konnten aus viele Einzelfunden, wie die Steine eines Puzzles, ein erkennbaren Bild zusammenfügen. Trotz fehlender einzelner Puzzlesteine kann - aus der Gesamtschau betrachtet - die Wissenschaft die Evolutionstheorie als bewiesen ansehen. Nun würden die Gegner der Evolutionstheorie dagegen behaupten, weil ein einziger verbindender Puzzlestein in der Entwicklungskette fehle, würde die ganze Theorie nicht stimmen. Finden dann die Wissenschaftler dieses fehlende Verbindungsglied, dann würden die Gegner weiterhin die bestätigende Gesamtschau außer acht lassen und pseudowissenschaftlich argumentieren »da nicht hundertprozentig alle Puzzlesteine gefunden wären, kann das ganze Bild nicht stimmen«.

Als Vertreter von »Pseudogeschichte« nennt Shermer dann die Holocaust-Leugner oder Revisionisten, welche den Gegnern der Evolutionstheorie ähneln würden. Nach dem Besuch des Holocaust-Memorials in Washington hätte er erfahren, daß es in Amerika Leute gibt, die dieser Geschichtsdarstellung widersprechen. Das dürfen sie auch. Natürlich weiß er, daß ein Anzweifeln des Holocaust in anderen Ländern, wie Deutschland, Südafrika oder Neuseeland verboten ist und mit Gefängnis bestraft wird. Aber in den Vereinigten Staaten von Amerika ist die Meinungs- und Glaubensfreiheit eine tragende Säule der Demokratie und tief in der Verfassung verankert. Als Anhänger der »Free speech movement«, die auf dem Campus der Universität von San Francisco geboren wurde, ist er für unbedingte freie Rede jederzeit. Verbote nutzen nichts. Nur wenn sich die Wissenschaftler unbehindert mit anderen Meinungen, Ideen und Vorstellungen auseinandersetzen können, würden sie auch deren Denkfehler und Beweggründe aufdecken und erkannten Unsinn zurückweisen können. Er habe bei der Erforschung der Revisionisten nur ein wissenschaftliches Interesse und keine persönlichen Motive, er wäre kein Jude. »Ich auch nicht«, fügte der Übersetzer hinzu.

Nach diesen Worten erhoben sich ein paar Leute und verließen wohl empört den Vortragsraum. Von diesem kühlen und sachlichen "nur Wissenschaftler" war vermutlich auch weiterhin keine erwartete Anklage und leidenschaftliche Anprangerung der Revisionisten zu erwarten. Die Antifas aber blieben weiter auf ihrem Lauerposten im Raum.

Dann stellte Shermer die Personen, Thesen und Motive der Revisionisten aus seiner Sicht vor. Um herauszufinden, warum die Revisionisten Unwürdiges glauben, fuhr er nach Süd-Californien zu ihrem Zentrum, wo eine Gruppe sitzt, die eine Zeitschrift herausgibt und sich »Institute for Historical Review« nennt. Für seine Zeitschrift Skeptic erforschte er ihre Vorstellungen und Motive. Ihre Kernthesen wären:

  1. Die Zahl stimmt nicht. Es waren keine sechs Millionen, höchstens eine Million Juden starben während des Zweiten Weltkrieges. Meistens auf natürliche Weise, aber auch an Kriegsereignissen und den Folgen des Krieges. Der Zusammenbruch des deutschen Versorgungssystems durch zerbombte Nachschublinien gegen Ende des Krieges hatte besonders für die in KZs Internierten katastrophale Folgen.
  2. Die Gaskammern waren zur Kleiderentlausung da, die Krematorien dienten zur Einäscherung natürlich Verstorbener und der Seuchenopfer.
  3. Es gab kein Vorhaben der Nationalsozialisten, die Juden auszurotten. Die Nazis haßten zwar die Juden, sperrten sie auch in KZs ein, aber es gab keinen Plan, keinen Befehl zu ihrer Vernichtung.

Zu den Motiven der Holocaustleugner führte Shermer aus:

Michael Shermer bei Urania

»Historical Review« tritt wissenschaftlich auf und erscheint wie eine echte wissenschaftliche Bewegung, bis man sie näher kennenlernt. Sie mögen alle keine Juden. Sie glauben, daß angeblich die Juden den Holocaust erfunden hätten, um persönlichen Nutzen daraus zu ziehen. So hätten sie die USA dazu gebracht, Waffen an Israel zu liefern, weil sie sich schuldig fühlen. Ebenso verhielte es sich mit den deutschen Lieferungen und Zahlungen an Israel. Das wäre eine uralte Masche der Juden.

Die Evolutionsgegner und die Holocaustleugner wollen nicht wissen, was wirklich passiert ist, sondern nur ein politisches Programm durchziehen, meinte Shermer. Die Holocaustleugner würden mit den gleichen Methoden wie die Evolutionsgegner argumentieren. Vorhandene Bruchstücke würden auf einen Schluß hin untersucht, aber die Vielzahl der Daten, die sich zu einem Bild zusammenfügen lassen, das Zusammenwirken der Beweise, ignorieren sie. Ihre Pseudowissenschaftlichkeit erkenne man auch an folgenden Merkmalen:

  1. Sie verweisen auf problematische Zeugenaussagen.
  2. Fehler der Gegenseite heben sie besonders hervor.
  3. Die Debatte der Wissenschaftler mißdeuten sie.
  4. Sie operieren auf Gebieten, über die es noch keine Erkenntnisse, kein Wissen gibt.
  5. Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen wiedergegeben.

Und dann nannte Shermer seine Fakten und Beweise für die unwissenschaftlichen Methoden und die Denkfehler mit denen die Revisionisten ihren Glauben stützen würden.

Aus der Feststellung des jüdischen Holocaustforschers Yehuda Bauer, daß die Wannsee-Konferenz nicht der Ort war, wo die Endlösung beschlossen wurde, würden die Leugner ableiten, daß es keine Endlösung gegeben habe. Bauer hätte aber nicht die Endlösung, sondern lediglich deren behaupteten Beschlußort verneint. Auch Arno Mayers Feststellung, daß die »Quellen über Gaskammern selten und unzuverlässig« sind, würden sie falsch zitieren und als Beweis für die Nichtexistenz von Gaskammern auslegen. Mayer habe jedoch nur die Quellenlage nach der Vernichtung der SS-Akten beschreiben wollen.

Der von Shermer befragte Prof. Faurisson würde z.B. trugschlüssige Behauptungen aufstellen. Die im Majdaneker KZ-Museum gezeigte Tür der Gaskammer hat kein Schloß und keine Verriegelung und der Türspion ist nicht durch ein Metallgitter gesichert. Das wäre der Beweis für Prof. Faurisson, daß die Kammer nicht zur Vergasung von Menschen gedient hätte, sondern ausschließlich zur Entlausung von Kleidungsstücken gebraucht wurde. Diese Schlußfolgerung aus der Beobachtung fehlender Sicherungsmerkmale der Tür schien zuerst richtig, da eingesperrte Menschen in Panik so eine Tür leicht aufgedrückt und auch das ungesicherte Glas des Schauloches zur Raumentlüftung zerschlagen hätten. Diesen angebotenen Einzelbeweis der Revisionisten für den Grund ihrer Holocaustleugnung untersuchte Prof. Shermer sofort persönlich. Er habe ihn dann als falsch zurückweisen können. Die Majdaneker Museumsleitung versicherte ihm, daß die Originaltür verschwunden sei. Daher zeige man im Museum eine nachgebaute Gaskammertür, wobei man wohl den Riegel vergessen hätte, weil auch keine Konstruktionszeichnung der Tür mehr vorhanden sei. Das Schaulochglas in der Tür - der nachgebauten - wäre aber, nach Shermer, so stark, daß es nicht von innen zerschlagen werden könnte und daher auch keine Gittersicherung benötigte. Shermers verblüffende Beweisführung:

»Wie sollten die Opfer auch das dicke Glas zerbrechen können, da man ihnen bestimmt keine Hämmer mit in die Gaskammer gegeben habe?!«

Offenbar ist Schermer gar nicht aufgefallen, daß die Museumsleitung damit selbst zugegeben hat, daß es nicht den geringsten Beweis für die Existenz einer originalen Gaskammertür gibt: Sie sei »verschwunden« und auch die angebliche Konstruktionszeichnung sei nicht mehr vorhanden. Was beweist also, daß diese Tür überhaupt je existiert hat? Was man uns im KL Majdanek zeigt, ist also nichts weiter als eine Fälschung ohne jeden Bezug zur Realität.

Da wissenschaftliche Historiker wie Detektive arbeiten müßten, wollte Shermer, auf der Suche nach einer Originaltür, dann noch die im Mauthausener KZ-Museum gezeigte Gaskammertür samt Schauloch untersuchen. Als er nach der Tür fragte, warf ihn aber das Österreichische Innenministerium, dem die Gedenkstätte untersteht., aus dem Land:

»Die haben mich vermutlich für einen Revisionisten gehalten.«

Auch den Pseudochemikern (hat er nicht so gesagt, aber wohl gemeint), die den Mechanismus des Massenmordes anzweifeln und festgestellt haben wollen, daß das Berliner Blau nur an den Wänden von Kleiderentlausungskammern sich nachweisen ließe, aber nicht in den Kammern, wo Menschen vergast worden wären, versuchte der Geschichtswissenschaftler Shermer einen Denkfehler nachzuweisen. Da angeblich 24 Stunden lang entlaust wurde, konnte das Entlausungsgas auch länger auf die Bausubstanz der Kammern einwirken als in den Menschengaskammern. Denn nach 30 Minuten schon wären letztere wieder geöffnet und das Gas entlüftet worden, wogegen die Blausäure in den Kleiderentlausungsgebäuden einen halben Tag einwirken, sich festsetzen und nur dort noch eindeutig nachgewiesen werden konnte.

»Woher haben wir den Massenmordbeweis?«, fragte Shermer und gab dann gleich seine Antwort. Es gäbe zwar keine NS-Filme oder SS-Dokumentationen, aber nach dem Krieg haben zahlreiche Zeugen, wie ehemalige Häftlinge des Sonderkommandos, SS-Wachleute und KZ-Kommandanten mit ihren Aussagen vor Gerichten den Holocaust bewiesen. Für Auschwitz-Birkenau wird noch angeführt, daß Zeugen die Gaseinschüttungsöffnungen auf dem Gaskammerdach beschrieben hätten. Diese Aussagen würden sich mit den Luftaufklärungsfotos der Alliierten decken, auf denen diese Öffnungen auch zu erkennen wären.

Als nächsten Einzelbeweis-Anhänger nach der Methode der Evolutionsleugner stellte der Vortragende den britischen Historiker und Schriftsteller David Irving vor. Dieser hat in seinem Buch Hitlers Krieg am Ende eine Wette über 1000 Pfund angeboten, daß kein Historiker einen Hitler-Befehl zur Judenausrottung finden würde. Es ist Tatsache, so Shermer, daß es keinen schriftlichen Befehl Hitlers dazu gibt. »Der Verbrecher ließ sich nicht auf frischer Tat ertappen.« Dazu bot Shermer nun eine »realistische Theorie« nach der wissenschaftlichen Mengenlehre an. Die Judenausrottung hätte sich erst mit der fortschreitenden Entwicklung des Krieges allmählich herausgebildet, wie es sich aus zahlreichen Kriegsdokumenten herauslesen ließe. Zuerst wäre nur von Auswanderung, Ausweisung oder von Madagaskar-Plänen gesprochen worden. Die sogenannte »Kristallnacht« sollte wohl den Prozeß zur gewünschten Auswanderung mit Nachdruck beschleunigen. Nach Kriegsbeginn wäre dann von zwangsweiser Aussiedelung oder Umsiedelung aus dem deutschen Kulturbereich gesprochen worden, wobei noch nicht »umbringen« gemeint gewesen wäre. Erst zwischen 1941 und 1943 hätte dann die Vernichtung eingesetzt, wobei diese mit dem Tarnbegriff »Umsiedelung nach dem Osten« in den Dokumenten bezeichnet worden wäre. Dem würde Irving widersprechen. Nach ihm hätte »umsiedeln« soviel wie »entfernen« oder »deportieren« bedeutet, aber nicht »töten«. Aber auch hier glaubt Shermer den Tötungs-Beweis gefunden zu haben.

Ohne nun zu verraten, in welchem offiziellen deutschen Dokument das Wort »ausrotten« für »töten« benutzt wurde, begann er mit Irving eine Diskussion über das deutsche Wort »ausrotten« in der Bedeutung von »töten« zu führen. Es muß betont werden, daß Shermer kein Germanist ist und auch sonst der deutschen Sprache unkundig ist, weshalb er sich eines Dolmetschers bedient. Irving ließ sich von ihm aufs Glatteis führen und legte das Wort ebenfalls mit »deportieren« oder »entfernen« aus.

Worauf ihm dann Shermer den angeblichen Gegenbeweis präsentierte. Im Brief eine NS-Arztes stände »man muß den Typhus in Europa ausrotten«. In einem anderen Privatbrief hätte sich dieser Arzt geäußert, »man müsse die Juden ausrotten.«

Daraus könne man ersehen, daß die NS-Elite die physische Vernichtung der Juden wollte. Diese Absicht würde sich auch deutlich aus einer »Geheimrede« Himmlers ergeben, die dieser am 4. Oktober 1943 auf einer SS-Gruppenführertagung in Posen gehalten hätte, die auf einer Schallplatte aufgenommen worden wäre. Auch aus einem Brief von Hans Frank vom Dezember 1941 könne man diese Absicht herauslesen. Damit würde wiederum die große Zahl der Datensätze die Holocaustleugner widerlegt.

Auch auf die von den Revisionisten angezweifelte und heruntergerechnete Opferzahl von »6 Millionen« ging Shermer mit seinen Fakten ein. Dabei war ihm offenbar die Korrigierung der sowjetischen Propagandazahl »4 Millionen in Auschwitz Getötete aller Nationen« noch nicht bekannt, welche auf einer Gedenktafel im Oswiecim-Museum auf etwa 1,5 Millionen vermindert worden war. Was von den Revisionisten schon immer behauptet wurde, hatten dann nach dem Zerfall des Sowjetblocks die Polen mit jüdischer Zustimmung "glaubwürdiger" gemacht, ohne auch für diese Zahl wissenschaftliche Beweise vorzulegen. Nach Shermers Methode würde die große Zahl der Mosaiksteine auch die 6-Millionen-Zahl beweisen. Man kenne die Bevölkerungszahlen der Ortsansässigen in den einzelnen Landkreisen vor dem Krieg, die Zahlen der von dort Deportierten und die verminderten Zahlen der nach dem Krieg in den einzelnen Landkreisen noch wohnenden Bevölkerung. Daraus ließe sich unschwer die 6-Millionen-Zahl errechnen.

Dann zeigte Shermer anschaulich die wissenschaftliche Methode der Gesamtschau, und wie die Beweis-Ignoranten und Tatsachen-Leugner sie unwissenschaftlich angreifen würden. Er stellte zwei leere grüne Wasserflaschen links und rechts vor sich auf den Rednertisch und wies ihnen die Funktion einer wissenschaftlichen Beweiskette und mehrerer erforschter Tatsachen zu. Dann fuhr er mit der Hand, weit armausholend und demonstrativ, in den Leerraum zwischen den beiden Flaschenstellplätzen:

»Und hier sehen die Leugner immer die Lücke und nicht die anderen vorhandenen Beweise. Wenn dann die Wissenschaftler das fehlende Bindeglied, den vermißten Puzzlestein finden,« - Shermer stellte eine dritte Getränkeflasche in die Mitte - »würden sie behaupten, daß es nun zwei Lücken gäbe.«

Er meinte die beiden leeren Zwischenräume zwischen mittlerer und rechter sowie linker Flasche. Mit dieser Demonstration, die möglicherweise für Evolutionsgegner zutrifft, hoffte er offenbar das Publikum auch von der Unwissenschaftlichkeit der Revisionisten zu überzeugen.

Zum Schluß wiederholte Prof. Shermer noch einmal, daß es den Evolutionsleugnern und den Revisionisten mit ihrer unwissenschaftlichen Methode nicht darum gehe, wissen zu wollen, was wirklich passiert ist, sondern nur darum, mit Pseudowissenschaft und Pseudogeschichte Zweifel zu säen und ihr politisches Programm durchzuziehen.

Dann wollte er mit dem Publikum diskutieren. Sofort erhob sich ein Warner und fragte empört und mit offenbar vorbeugendem Verbrechensbekämpfungs-Interesse, wie er sich denn das bei den hiesigen Gesetzen vorstelle. Darauf kamen aus dem Zuhörerraum nur noch unwesentliche, vom Thema abschweifende Fragen. Ein bulliger Antifa-Anführer eilte dabei eifrig den Seitengang entlang, um sich die Frager von vorne einzuprägen. Man fühlte sich auf den Ostberliner Alexanderplatz versetzt, als zivile Polizisten und Stasi-Häscher Meinungsfreiheit fordernde Bürgerrechtler mit ihrem Luxemburg-Zitat »Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden« abgriffen. Shermer erklärte, daß die Einschränkung der Meinungs- und Redefreiheit der falsche Weg wäre, um Pseudowissenschaftler mundtot zu machen, nur die Öffentliche wissenschaftliche Widerlegung ihrer Irrthesen wäre ein würdiges demokratisches Mittel. In den konspirativen Untergrund gedrängt, könnten sie mit ihren unwiderlegten Thesen gläubige Anhänger sammeln, und das wäre politisch viel gefährlicher, zumal in staatlichen Verboten die Richtigkeit ihres Glaubens vermutet werden könnte. Ein linker Oberlehrer aus dem Pulk der militanten, grauen Antifa-Mäuse widersprach heftig und fragte, ob er nicht wisse, daß die hiesigen Revisionisten Leser der »Deutschen Nationalzeitung« des rechten DVU-Chefs Frey in München wären und durch die Bank alles Rechtsextremisten seien. Shermer:

»Das ist Ihre Meinung. Aber was wollen Sie machen? Sie totschlagen, in Ketten legen oder nach Sibirien verbannen?«

Der bullige Schleicher mit dem Wesen eines MfS-Unterleutnants im Seitengang blickte wütend zum Rednerpult mit einer Miene, die auszudrücken schien "eigentlich sollte man diesem liberalen amerikanischen Imperialisten auflauern, der Neonazis Redefreiheit geben will."

Dann sprang doch noch ein älterer Revisionist mit höherem Spezialwissen aus der Deckung:

»Der Holocauster Pressac will in wenigen Tagen das Moskauer Archiv mit über 120.000 Dokumenten durchgesehen haben zur wissenschaftlichen Untermauerung seiner Thesen. Kann ein Mensch überhaupt so schnell lesen und prüfen? - Zweitens: Über 60 % der Opfer sollen mit den Abgasen von Dieselmotoren vernichtet worden sein. Wie hatte die SS die tödlichen Giftstoffe in die Motorabgase bekommen?«

Der Vortragende kannte offenbar Pressac und die angesprochene Problematik noch nicht oder hatte noch keine wissenschaftliche Widerlegung parat. Er erklärte sein Nichtwissen. Dem mutigen Frager wurde heimlich von Sitznachbarn bedeutet, schnellsten den Saal zu verlassen. Ein paar unauffällige Abschirmer begünstigten dann auch seine Flucht durch das Antifa-Spalier im Treppenhaus.

Was ist zu Shermers vorgestellter Beweismethode aus der Naturwissenschaft und deren Anwendung in der Geisteswissenschaft Geschichte zu sagen? Shermer behauptet, daß die Menge der Datensätze die Holocaustleugner widerlegen würde, zumal auch die vorgebrachten Einzelbeweise der Leugner scheinbar leicht zu widerlegen wären. Shermer übersieht aber, daß die Holocaustpartei keine freie, politisch unabhängige, wissenschaftliche Geschichtsforschung zuläßt.

Auch naturwissenschaftlich begründete Gegenthesen werden nicht diskutiert, sondern deren Vertreter werden radikal verfolgt und mundtot gemacht. Eine möglicherweise genügend große Datenmenge zur Stützung der Gegenthese kann daher nicht gesammelt werden, nur gelegentliche Einzelbeweise können im nichtöffentlichen Untergrund vorgetragen werden.

Diese Forschungs- und Publizierungshindernisse haben die Gegner der Evolutionstheorie nicht. Die Interessenpartei oder Lobby ist offenbar so mächtig und einflußreich, daß sie überall, wo es ihr nützlich erscheint, Strafgesetze zum Schutz ihrer Thesen erlassen kann. Ihre Macht demonstriert diese Partei auch dadurch, daß sie weltweit Propagandastätten zur Verbreitung ihrer Geschichtsthesen an zentralen Orten errichten läßt. Wer gegen die Thesen einer herrschenden Macht andenkt, wurde bisher in der uns bekannten Geschichte immer wie ein Verbrecher, ein Ketzer, ein Aufrührer oder ein Revolutionär behandelt. Die Menge der Datensätze über die Unterdrückung und Verfolgung von Andersdenkenden müßte auch Shermer kennen.

Schon der Chinese Laotse, auch genannt Lau Dan (»das alte Langohr«, der erfahrene Lauscher, vermutlich der geheimdienstliche Berater der herrschenden Dynastie im 7. Jahrhundert vor der Zeitwende), riet in seiner Schrift »Tao Te King« den neuen Herrschern, daß sie jene, die wissen, was vorher war, die die historische Wahrheit kennen, unterdrücken und verfolgen sollen.

»So herrscht der zur Macht Gekommene widerstandslos:
Er leert ihre (des Volkes) Herzen und füllt ihren Leib.
Er schwächt ihren Willen und stärkt ihre Knochen
und macht, daß das Volk ohne Wissen
und ohne Wünsche bleibt,
und sorgt dafür,
daß jene Wissenden nicht zu handeln wagen.«

Auch der britische Kolonialpolizist Blair, als der Schriftsteller Orwell besser bekannt, war offenbar bei seinen politischen Missionen und seiner Propaganda-Tätigkeit als Redakteur für Indien und Südostasien im Londoner Rundfunk auf totalitäre Herrschaftspraktiken gestoßen, die man nicht nur allein dem Stalinismus vorwerfen konnte. Sein Biograph Bernhard Crick (Insel Verlag, Frankfurt/M 1984) fand heraus, daß Orwell nicht nur die Entstehung von drei internationalen Machtoligarchien, heute als Trilaterale Kommission etabliert, vorhergesagt, sondern daß er auch bei seinen Tätigkeiten von der machtpolitischen Anwendung erschreckender Meinungsmanipulationen und Gehirnwäschemethoden erfahren hat. Diese habe er dann in seinem Roman 1984 beschrieben. Schon vorher (1946) hatte Orwell das Thema der Wahrheit und der Möglichkeit ihrer Verfälschung in einem Essay angeschnitten:

»Eine totalitäre Gesellschaft, die sich lange Zeit behaupten könnte, würde vermutlich in geistiger Schizophrenie enden, bei der die Gesetze des gesunden Menschenverstandes im praktischen Leben und in bestimmten exakten Wissenschaften ihre Gültigkeit behalten, vom Politiker, Historiker, Soziologen aber mißachtet werden dürften. Heute schon gibt es viele Leute, die die Verfälschung eines wissenschaftlichen Werkes für einen Skandal halten würden, in der Verfälschung einer historischen Tatsache dagegen nichts Böses sehen. Wir sind an dem Punkt angelangt, an dem Literatur und Politik sich mit dem Totalitarismus überschneiden, der den größten Druck auf den Intellektuellen ausübt.« (Crick, S. 698 f.)

In seinem Roman 1984 wird Orwell noch deutlicher und beschreibt die Manipulierungsmethoden einer »Partei des oligarchischen Kollektivismus«:

»Die Änderung der Vergangenheit [...] ist notwendig [...].Und wenn die Tatsachen anders lauten, dann müssen die Tatsachen eben geändert werden. Auf diese Weise wird die Geschichte dauernd neu geschrieben. Die Fälschung der Vergangenheit von einem Tag auf den anderen ist für den Bestand des Regimes notwendig [...]. Die Veränderlichkeit der Vergangenheit ist die Grundlehre der Partei. Vergangene Geschehnisse haben keinen objektiven Bestand, sondern leben nur in schriftlichen Aufzeichnungen und im Gedächtnis der Menschen weiter. Die Vergangenheit sieht so aus, wie es die Aufzeichnungen und die Erinnerungen wahrhaben wollen. Und da die Partei alle Aufzeichnungen vollkommen unter ihrer Kontrolle hat, so wie sie auch die Denkweise ihrer Mitglieder unter ihrer ausschließlichen Kontrolle hat, folgt daraus, daß die Vergangenheit so aussieht, wie die Partei sie darzustellen beliebt. [...] Die Partei ist jederzeit im Besitz der wirklichen Wahrheit, und klarerweise kann die Wirklichkeit nie anders ausgesehen haben als jetzt. Man wird sehen, daß die Kontrolle über die Vergangenheit vor allem von der Schulung des Gedächtnisses abhängt. Dafür zu sorgen, daß alle schriftlichen Aufzeichnungen sich mit der Forderung des Augenblicks decken, ist eine lediglich mechanische Handlung. Aber man muß sich auch daran erinnern, daß Ereignisse in der gewünschten Form stattfanden.«

Da heute viele Geschichts-Museen in der Welt, angefangen beim sowjetischen Majdanek-Museum, an eine bestimmte politische Propagandawahrheit erinnern, die von den Propaganda-Schriftstellern der Roten Armee 1944 und 1945 erfunden worden war, und da die sowjetischen Archive heute nur gefiltert zu benutzen sind, muß stark angenommen werden, daß die "Menge der Datensätze" den Erfordernissen der Propaganda angepaßt wurden. Auch die Aussagen aller "maßgeblichen Zeugen" decken sich in auffälliger Weise mit den ersten sowjetpolnischen und sowjettschechischen Regieanweisungen von 1945 für eine bestimmte, gewünschte Propaganda-Version, wobei kleine persönliche Ausschmückungen die ursprüngliche Quelle nicht übersehen lassen können.

Möglicherweise existiert diese beschriebene Machtpartei heute tatsächlich und »sorgt dafür, daß jene Wissenden nicht zu handeln wagen.« Die sowjetische Frontorganisation FIR (Internationale Vereinigung der Widerstandskämpfer) mit Bürositz in Wien sorgte bekanntlich mit der Initiierung von politischen Schauprozessen und der Gestellung von manipulierten Zeugen aus ihrer Mitgliedschaft für die gerichtliche Beglaubigung ihres Propagandabildes auch in der westlichen Welt. Mit den heutigen Offenkundigkeiten über deutsche Kriegsverbrechen dürfte es sich zum Teil ähnlich verhalten, wie mit der sowjetischen Offenkundigkeit zu Katyn. Bekanntlich hatten die Sowjets im IMT-Prozeß (14.11.1945-1.10.1946) das Dokument 054-USSR ihrer Burdenko-Kommission vorgelegt (Band XXXIX, S. 290-332), mit der sie ein "deutsches Kriegsverbrechen", den Massenmord an der polnischen Oberschicht im Walde von Katyn, "bewiesen". Mit zahlreichen Dokumenten, Zeugen und wissenschaftlichen Untersuchungen hatten die Sowjets ihre Darstellung der Ereignisse von Katyn untermauert. Nur half diese "Menge der Datensätze" nicht, diese Propagandalüge der Welt auf Dauer einzureden. Der russische Historiker und Diplomat Falin brachte die wirkliche Wahrheit gegen Ende der Sowjetherrschaft ans Tageslicht (vgl. VffG 3/98, S. 209-214).

Soviel zum Anwendungswert tauglicher naturwissenschaftlicher Beweiswerkzeuge auf untaugliche historische Objekte. Bearbeitete Schriftstücke aus Geheimdienstarchiven, politisch ausgerichtete Zeugen, Propaganda-Museen und Schauprozesse sind eben, trotz ihrer Datensatzmenge, nicht mit versteinerten, zuverlässigen naturwissenschaftlichen Beweismitteln zur historischen Wahrheitsfindung gleichzusetzen. Bliebe noch zu fragen, warum Shermer nicht darauf kommen wollte.


Anmerkung

[1]W.H. Freeman & Co., New York 1997. Shermer bereit zur Zeit eine aktualisierte Fassung dieses Bandes vor, die im Jahr 2000 erscheinen soll.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(1) (1999), S. 64-68.
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