Irrtümer, Lügen und Unsinn über Wagner

Von Andrew Gray

Es gibt unter den schärfsten Einpeitschern der pathologischen deutschen Vergangenheitsbewältiger bekanntlich jene Fraktion, die die ganze deutsche Geschichte mit ihren Persönlichkeiten als auf Hitler und Auschwitz ausgerichtet ansieht. Der Komponist Richard Wagner ist eines der häufigsten Opfer dieser schrecklichen Eintopf-Bewältiger, die ihn als völkischen Antisemiten und ideologisch-mystischen Wegbereiter Hitlers beschreiben. Andrew Gray widmet sich nachfolgend in groben Zügen dieser Unsitte und zeigt auf, wie Wagner aus einem Gemisch von Neid, Mißgunst und Pseudowissenschaft immer wieder falsch angegangen wird. Es handelt sich hierbei um einen Vortrag, der am 9.8.1998 unter der Ägide des Adelaide Institute während des ersten Internationalen Revisionistischen Symposiums gehalten wurde, zu einer Zeit, als das gleiche Institut gerade die Aufführung von Wagners Ring der Nibelungen inszenierte, eine Premiere für ganz Australien.


Niemand gibt Tolstoi die Schuld für Lenin - und sie waren Zeitgenossen. Wenn ich mich recht entsinne, war Lenin 40 Jahre alt, als Tolstoi 1910 verstarb, und Tolstois Gedanken über den Kollektivismus in den späteren Abschnitten seines Lebens waren Lenin nützlich. Er vereehrte ihn, als er die Doktrinen, oder wie immer man auch das bezeichnen mag, was in Stalins Leninismus resultierte, zusammenstellte. Aber heutzutage gibt eine weltweite Meinungsindustrie Richard Wagner die Schuld für Adolf Hitler, und Wagner starb sechs Jahre bevor Hitler geboren wurde.

Es ist wahrhaftig sehr schwer, die Albernheit solch einer Debatte, solch einer Diskussion, solch eines Geplappers zu charakterisieren. Im Deutschen gibt es auch den Begriff des "Geschwafels". Die deutsche Sprache hat wundervolle Wörter für diese Art von Tatbestand, aber was es auch immer sein mag, es herrscht weltweit vor. Es dauert an, unaufhörlich, und in eben diesem Moment, in dem wir jetzt reden, findet ein anderes Symposium statt. Es findet in Bayreuth unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, Dr. Roman Herzog, statt und ist tituliert: »Wagner und die Juden«. Es erstreckt sich über eine Dauer von fünf Tagen, vom 6. bis zum 11. August 1998.

Wir Revisionisten sind da viel bescheidener. Ich werde Ihnen lediglich einige der Titel der Lesungen vom vierten Tag jenes unendlichen Stromes an blankem Unsinn vorlesen. Professoren aus aller Herren Länder sind erschienen, doch die wichtigsten sind von der Universität Tel Aviv und der Universität Heidelberg. Und nun einige Titel, die in diesem Augenblick in Bayreuth diskutiert werden:

Richard Wagner, *1813, † 1883

Professor David S. Katz thematisiert »Wagner, die Juden und die okkulte Tradition«. Ich meine, man könnte ebenso über seinen Hund philosophieren, wenn man schon mal dabei ist. Professor Rudolf Behrenbach referiert über »Anti-Semitismus als ästhetisches Programm« - Anti-Semitismus als ästhetische Doktrin. Professor David Lange hält einen Vortrag über »Ein Spiegel des Meisters. Die Rassentheorien von Houston Stewart Chamberlain«. Professor Paul L. Rose trägt vor - dieses nun am letzten Tag der Veranstaltung - »Wagner und Hitler nach dem Holocaust«. Dr. Dina Porac von der Universität Tel Aviv referiert über »Der Einfluß des Wagnerischen Konzeptes auf die Nazi-Bewegung«. Dieses findet am fünften Tage statt. Zu diesem Zeitpunkt müßten sie sicher alle einen glasigen Blick haben.

Selbst einer meiner Freunde hält einen Vortrag. Sie haben ihm die Zeit um 8 Uhr 45 am Abend gegeben. Er erzählt über »Thomas Mann, Wagner und die Juden«. Sollte jemand um diese Uhrzeit noch nüchtern oder wach sein, so wäre das wirklich eine Sensation. Das letzte, abschließende Wort wird Dr. Lana Sheshik haben, die über »Wagner - Israel, vom Bann bis zur Entstehung eines Symbols, 1938 bis 1997« lesen wird.

Nun ja, es scheint wahrhaftig kein Ende zu nehmen, nur wird ein Thema von ihnen überhaupt nicht behandelt: nämlich Wagner selbst. Sie leugnen es. Ich meine, daß da etwas vollkommen verloren geht, in diesem gedankenlosen und monumentalen Umweg, den sie bei der Behandlung dieses Themas machen.

In den 20er Jahren dieses Jahrhunderts war eine Anekdote des Völkerbundes im Umlauf. Sie ist in ihrer Echtheit teilweise zweifelhaft, dennoch auf unseren Sachverhalt passend. Elefanten waren in den 20er Jahren eine vom Aussterben bedrohte Tiergattung. Es wurde deshalb vom Völkerbund eine Kommission zur Überprüfung dieses Themas ins Leben gerufen. Es war eine multinationale Kommission, und jedes seiner Mitglieder beschäftigte sich mit einem speziellen Teilaspekt dieses Elefantenproblems. Der Franzose befaßte sich angeblich mit dem Elefanten und dem Fortpflanzungskreislauf. Der Engländer übernahm die Thematik des Elfenbeinhandels und seiner Auswirkungen. Aber die längste aller Abhandlungen stand dem Polen zu, der über »Den Elefanten und die polnische Frage« forschte.

Man kann immer ein Thema nehmen und es von hinten aufzäumen. Man kann immer in eine Problemstellung in einer vollkommen selbst-zentrierten Weise eintauchen, und genau dieses findet eben hier statt. Es ist wahr, daß man behaupten kann, daß Wagner zeit seines Lebens mit nahezu allen denkbaren Problemstellungen der menschlichen Zivilisation beschäftigt war. Jegliches Thema - Vivisektion war zum Beispiel so eine allgemeine Problemstellung. Er mochte keine Grausamkeiten an Tieren. Jeder einzelner Aspekt der Menschheit war ein Problem und fand seine Aufmerksamkeit.

Sicherlich mochte er keine Zeitungen und sah schreckliche Gefahren im Journalismus. Ich meine, sein Genie war in so vielfältiger Art vorausschauend, aber doch glaube ich, daß er das Zeitalter der Massenmedien kommen sah und daß er fand, daß deutsche Zeitungen zu seiner Zeit vollkommen unverantwortlich in Bezug auf seine Kunst waren, was in der Tat zutrifft. Was die Wagner-Forschung heute macht, ist in die Zeit zurückzugehen und sich die Beweise anzuschauen. Das ist immerhin ein Fortschritt - zurückzugehen und nachsehen, was wirklich geschrieben wurde...

Vom Zeitpunkt an, als er 1842 aus Paris nach Deutschland zurückkam, und von dem Augenblick an, als er wieder Dresdner Boden betrat und sich selbst mit dem offenbarte, was Bülow später als Meyerbeers beste Oper - Rienzi - bezeichnete, von diesem Neuanfang an begegnete er einer Art massiver Verzerrung, Feindseligkeit und wahrhaftig unverdienter Beschimpfungen in den öffentlichen Medien. Früher oder später mußte er sich davon angegriffen fühlen. Ich meine, diese Art Anfeindungen muß jedem von uns irgendwann mal auf die Nerven gehen und das Einzige, was aus seiner Sicht seine Kritiker nicht taten, war nämlich, sich mit seiner Kunst zu beschäftigen.

Dann, wissen Sie, kam Tannhäuser. »Oh, das ist katholische Propaganda«, unglaublicher Unsinn vom ersten Tag an. Er betrachtete die Massenmedien, den Blätterwald, und er erkannte darin die große Gefahr. Um 1850 wurde ihm klar, daß dort eine jüdische Präsenz inmitten der Zunft des Musikjournalismus war - und es steht außer Frage, daß dem so war.

Wenn man sich mit Wagners Biographie beschäftigt, ist es natürlich sehr gefährlich, irgendeine kategorische Behauptung in die Öffentlichkeit zu setzen, da die Wahrscheinlichkeit des Irrtums recht groß ist. Einblick in sein Leben haben wir von seinen ersten 25 Lebensjahren an Jahr für Jahr, danach Monat für Monat. Vom Zeitpunkt seiner Ankunft in Dresden haben wir ihn Woche für Woche, und für seine Zeit im Schweizer Exil in Zürich haben wir ihn nahezu Tag für Tag. Das ist die Art Wissenschaftlichkeit, die wir zu diesem Thema haben, und ab dem Zeitpunkt, von dem Cosima ihr Tagebuch beginnt, ist es sogar Stunde für Stunde.

Szene aus Rheingold

Deswegen bin ich immer wieder erstaunt über die Art und Weise, wie oberflächlich über dieses Sachgebiet geschrieben wird, insbesondere aufgrund der Fülle an primären Schriftquellen. 5.000 Briefe gibt es, und zur Zeit ist ein Werk in Arbeit, welches jedes seiner Briefe studieren wird. Sie sind nun beim Band 9 angelangt, und damit ist die Zeit bis 1857 abgehandelt. Es sollen insgesamt 30 Bände entstehen, die zu meinen Lebzeiten wohl nicht mehr beendet werden. Das ist die Qualität der zur Zeit stattfindenden wissenschaftlichen Untersuchung - gepaart mit der anstehenden Veröffentlichung, ganz zu schweigen von den Anmerkungen, die auf nahezu jedem Brief zu finden sind. Wenn Sie demnach oberflächlich über Wagner sprechen, ist Gefahr in Verzug; sie werden schnell in unruhige Gewässer gelangen.

Nichtsdestoweniger werde ich eine Vermutung aufstellen hinsichtlich seines anfänglichen »unguten Gefühls«, das sich dann zu einer Polemik entwickelt hat, die ihm seitdem nie wieder verziehen worden ist - Das Judentum in der Musik. Diese Polemik entstand aus der Unmöglichkeit, Tannhäuser in Berlin aufführen zu lassen. Tannhäuser hatte seine Premiere im September 1845 in Dresden. Ich bin mir sicher, daß die meisten von Ihnen dieses Werk kennen. Es ist eine der großen Geschenke an die deutsche Oper. Es ist den Deutschen das, was den Italienern »La Traviata« ist. Ich meine, Wagner gab ihnen das am meisten Deutsche seiner Werke. Man hätte kein größeres Geschenk als das geben können, das er damit gab, und was er damit für das mittelalterliche Deutschland tat. Wenn Sie heute zur Wartburg gehen, können Sie den zweiten Akt aus Tannhäuser sehen, genau dort, physisch ergreifen. Und es ist wirklich schwer zu begreifen, wieso diese Oper nicht anerkannt wurde.

Warum war Berlin so wichtig? Der Grund war, daß es das einzige deutsche Theater war, das Lizenzgelder bezahlte. Das deutsche System vor 1870 war gegen unabhängige Künstler und Komponisten eingestellt, da es sich von den Künstlern mit der Bezahlung einer Festsumme die Rechte des Stückes auf ewig erkaufen konnten. Den Betrag, den Wagner für seinen Tannhäuser von dem Königlichen Staatstheater in Hannover bekam, waren, sagen wir mal, 2.000 Gulden. Das wäre vergleichbar mit heutigen DM 3.000, sicher nichts, womit man sich ein Existenz aufbauen könnte. Nichts, mit dem man sich ein Haus kaufen oder bauen konnte. Wissen Sie, daß Wagner kein feste Bleibe hatte, bis er beinahe 60 Jahre alt war? Dies sind lediglich Fakten, und wenn er es schaffte, Werke entstehen zu lassen, die seitdem im Zentrum der lyrischen Bühne gewesen sind, er aber ein wenig verbittert im Hinblick auf Geldfragen wurde - denken Sie an das System. Verdi war ein wohlhabender Mann im Alter von 50.

Die Regeln waren unterschiedlich. Wagner wurde ausgesperrt. Er machte dafür Meyerbeer verantwortlich, das Berliner Staatstheater. Meyerbeer kontrollierte die Bühnenwelt im nördlichen Europa. Die Pariser Oper war in den Händen von Meyerbeer. Diese Opern waren die zentralen Geldquellen, und daher auch das Herzstück des Repertoires zur damaligen Zeit. Sie sind aus den heutigen Musiktheatern mehr oder weniger verschwunden. Es ist für uns schwer nachvollziehbar, wie mächtig sie damals waren. Und Meyerbeer - so schloß Wagner - Meyerbeer war es, der seinen Weg mutwillig versperrte. Nun ja, die Beweise hierfür sind sehr zweideutig, weil Meyerbeer sehr vorsichtig war in Bezug auf Wagner und weil es keine, mit Zigarrenduft geräucherten Tonbandaufnahmen gibt, in denen Meyerbeer sagt: »Die Opern dieses Bastards will ich hier nicht aufgeführt sehen.« Nichts gibt es in dieser Hinsicht, nichts. Nichtsdestoweniger rannte Wagner gegen eine Betonmauer im Namen der Berliner Intendanz, Jahr für Jahr, 1846, 1847. Nun, endlich, schaffte er es, seinen Rienzi aufführen zu lassen - nur zu diesem Zeitpunkt sah er dieses Stück bereits als seine »Jugensünde« an.

Dies war einer der Gründe für seine Geldsorgen und seine Verzweiflung, die ihn dazu brachten, an den Aufständen in Dresden im Jahre 1849 teilzunehmen. In seiner Autobiographie war er in wundervoller Weise offenherzig, nahezu auf der ganzen Linie. Es ist ein sehr genaues Werk. Es wird oft als "hier sind die verrückten Märchen des Wagner" oder in ähnlicher Art tituliert. Nein, nein. Es ist eine sehr präzise Arbeit, mit der Ausnahme von zwei Bereichen, in denen er weniger aufrichtig ist. Zum einen ist dies seine Anteilnahme an den Dresdner Unruhen. Wissen Sie, er läßt es in seiner Autobiographie so darstellen, als wäre er Zuschauer, ein Symphatisant gewesen, in so einer Art "Ich kam dort zufällig hin, und ich hoffte, ihr gewinnt".

Aber nein, wirklich nein, er war der Mann an dritter Stelle. Genau hinter Heubner und Bakunin. Drei Männer führten die Aktivitäten an: Heubner, Bakunin und eben Richard Wagner. Der Punkt hier ist die Problematik der Anschuldigungen ihm gegenüber - wäre er gefangen genommen worden, wäre er wohl zum Tode verurteilt worden. Er wäre ganz sicher ins Gefängnis gekommen; Heubner und Bakunin wurden für viele Jahre ins Gefängnis geworfen, während Wagner flüchten konnte.

Szene aus den Walküren

Es bleibt eine biographische Frage: Nahm er persönlich an dem Scharfmachen der Handgranaten teil? Es ist weiterhin eine ungeklärte Frage, ob er tatsächlich anwesend war, um die Projektile mit Schwarzpulver zu füllen. Das ist die Art von Fragen, die derzeitig debattiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er beteiligt war. Wissen Sie, er war kein Mann von halben Sachen. Wenn er etwas tat, machte er es vollkommen, und genau das ist der Grund dafür, warum er so viele Schwierigkeiten bekam, als er das Pamphlet, erstellt in wenigen Tagen, 1850 in Zürich voller Zorn veröffentlichte, ohne Geld und im Exil, zurückschauend auf die deutsche musikalische Gemeinde, aus welcher er dann verbannt wurde. Er schrieb in der Tat die Broschüre Das Judentum in der Musik. Es wird oft ins Englische als »judaism in music« übersetzt. Das ist nicht richtig. Das "Judentum" ist nicht "judaism" - es gibt kein englisches Gegenstück für den Begriff "Judentum".

Wenn Sie es lesen, so ist es nicht schlecht. Was ihm hingegen nicht verziehen wird, ist die implizite Aussage, daß weder Meyerbeer noch Mendelssohn - er nennt ausdrücklich Mendelssohn - gerne eine deutsche Oper schreiben würden, nur, sie könnten es gar nicht. Warum nicht? Nun, als Juden haben sie nicht die richtige Beziehung zu den zwei großen Wurzeln der Musik - die lithurgische Musik (Kirchenmusik) und die Volkslieder. Die duale Wurzel für eine nationale Musik sind Volkslieder und lithurgische Musik. Ich denke, daß er darin vollkommen recht hat. Nur er täuschte sich darin, wie wir heute wissen, daß Juden grundsätzlich nicht in der Lage sein würden, authentische deutsche Musik zu komponieren. Manchmal irrte er. Hier irrte er sicherlich.

Aufrichtig wie er war, fuhr er fort mit der Feststellung - die ihm ebenfalls nicht verziehen wurde -, daß jüdische lithurgische Musik ohne jeglichen musikalischen Wert sei, und er fügte hinzu, daß, was man auch immer in einer Synagoge höre, sei eine Form von Gegurgel. Er schrieb dies, und wenn er einmal anfing zu schreiben, war er nicht der Mann, der mit seinen Aussagen hinterm Berg hielt. Die Problematik lag nun darin, daß er, als es zu der Veröffentlichung einer neuen Ausgabe seiner gesammelten Werke im Jahr 1869 kam, beharrlich bei seinen Aussagen blieb, gegen den Rat von Liszt, gegen den Rat mehrerer Freunde, viele von ihnen jüdisch, - Heinrich Porges war jüdisch, Karl Tausig war jüdisch. In Gottes Namen, zwei seiner Sargträger waren Juden! Er war nicht die Art Persönlichkeit, die von getroffenen Aussagen zurücktreten würde. Im Gegenteil, er knallte es in seine Gesammelten Schriften - und seitdem ist ihm auch dies nicht verziehen worden. Es war eine bewußte Entscheidung. Er selbst schmückte es mit einem anderen Vorwort aus, einem mehr eigennützigem Vorwort und einem Begleitschreiben an Marie Muchanoff. Das war typisch für ihn. Er war nicht der Typ Mann, der von einer Sache zurücktrat.

Wenn jemand diese ganze Geschichte von hinten aufzäumt, wenn man Kunstwerke dieser Art in der Weise deutet, sie würden die persönlichen Vorurteile des Urhebers wiedergeben, so bin ich oft dafür dankbar gewesen, daß niemand dagewesen ist, um die Worte von Shakespeare in seinen letzten Jahren festzuhalten. Wir wissen so wenig darüber, was Shakespeare sagte und tat, was der Mann - wenn er denn der Mann war, der diese Stücke schrieb -, an saloppen Bemerkungen hätte abgeben können. Ich bin mir zum Beispiel sicher, daß er die Franzosen verfluchte.

In seinen späten Lebensjahren, daran muß erinnert werden, war Wagner in einer sehr schwachen gesundheitlichen Verfassung. Er hatte sehr schwere Herzprobleme und sein Überleben war wirklich der alleinigen Tat Cosimas, seiner Ehefrau, zu verdanken, die ihn behütete wie ein Drachen. Dies nur um sicherzustellen, daß er sich nicht aufregen würde, denn er war sehr jähzornig. Der kleinste Umstand konnte ihn maßlos aufregen. Sie war immer da, um ihn zu beruhigen. Diesen Umständen verdanken wir Parzival. Und deshalb haben wir heute auch die Bayreuther Festspiele, weil Cosima einfach da war, als er in diesen letzten Jahren nahe dem Tod stand. Es steht in ihren Tagebüchern: »Richard ist heute noch einmal knapp davon gekommen.« So war es zu dieser Zeit; häufig war er kurz davor zu sterben. Deshalb sind einige seiner Niederschriften in diesen seinen letzten Lebensjahren und einige seiner Bemerkungen, die über ihn berichtet werden, das Produkt eines zeitweiligen Ausbruchs seiner Jähzornigkeit. Wer von uns hat nicht schon einmal Dinge gesagt, die entweder unverantwortlich oder gegenüber jemandem grenzenlos überzogen sind? Aber dies wurde aus dem Zusammenhang gerissen, festgehalten und niedergeschrieben; "Wagner sagt dies. Das ist, was Wagner sagt. Wagner sagte dieses und jenes." Nicht nur über Juden, über alles Mögliche. Es ist absolut lächerlich, aus einem Gesamtkörper von Dokumenten eine Zeile herauszugreifen. Ich werde ihnen ein Bespiel für diese Art des Herausgreifens geben.

Es gab einen Brand am Theater in Wien, einen wirklich schweren Brand, ich glaube, nahezu 100 Menschen sind in den Flammen umgekommen - und es wurde gerade Orpheus in der Unterwelt aufgeführt. Als dies Wagner berichtet wurde, so schrie er aus: »Geschieht ihnen recht, daß sie Offenbach hören.«

Wissen Sie, so meinte er das nicht, aber das sind die Themen, bei denen er heißblütig über die Stränge schlug: "Wagner sagt, sie bekamen das, was sie verdienten." Diese Deutungsweise geht nun seit über 100 Jahren vonstatten, und ich weiß nicht, wie lange noch. Aber ich glaube, es muß einmal gesagt werden, die jüdische Frage ist nur ein Teil davon. Ein nur sehr kleiner Teil davon. Ich werde Ihnen sagen, was meiner Meinung nach hier auf dem Spiel steht. Unmut und Neid sind im wesentlichen hier am Werke, weil die Götter dies eben nur einmal zugelassen haben. Sie werden nie wieder dieses herausragende Talent eines Komponisten und dieses überragende Talent eines Dramaturgen in einem Menschen vereinen, ganz abgesehen von den anderen vielen Dingen, die er auch noch beherrschte.

So war er zum Beispiel ein erstklassiger Architekt. Seine hervorstechende Gabe als Dramaturg hat die Akademien seitdem immer wieder ins Erstaunen versetzt. Ich wette mit Ihnen, daß es an der hiesigen Universität von Adelaide einen Kurs über westliche Dramaturgiegeschichte geben wird, aber sie werden Wagner nicht als Dramaturgen haben. Sie wissen einfach nicht, wo sie ihn zuordnen sollen. Aber er ist nun mal der erbliche Nachfolger des Achill. Er, als Dramaturg, ist dessen Legatar. Er ist unmöglich einzuordnen. Die Größe seines Genies - Liszt hatte dafür eine wundervolle Beschreibung: »Richard Wagner ist ein schädelspaltendes Genie.« Er war sicherlich das "Jahrhundergenie". Außer Zweifel. Wir Wagnerianer fühlen, daß er das "Jahrhundertgenie" war.

Der Neid, so meine ich, ist die Kernursache für diese allgegenwärtige Aufregung - diese unendliche, endlose Verleumdung, diese aufrichtige Mißgunst, dieser Neid und diese Verachtung sind wirklich der eigentliche Ursprung. Er sagte einmal zu seiner Frau - dies stammt aus seinen Tagebüchern; alle zwei Seiten sind Nebenbemerkungen niedergeschrieben; sie war darin sehr bewandert, seine flüchtigen Bemerkungen festzuhalten; sie war eine kluge Frau; sie wußte wann er etwas Berichtenswertes sagte. Er sagte nun: »Ich habe die Musik ihrer Unschuld beraubt.« Was meinte er damit? Natürlich meinte er das, wofür ihm nie verziehen worden ist. Er sah, daß menschliche Sexualität die Musik pervertiert, den ganzen Weg hinauf bis in die höchsten Bereiche. Hierin antizipierte er sicherlich alles von der Psychiatrie, alles von Freud, mühelos.

Und zweitens seine eigenen Werke. Er ist der große Meister des Göttlichen, aber in seiner Musik hat er den entschiedenen und unauslösbaren Hinweis hineinkomponiert, daß das ganze Verlangen nach Transzendenz nicht von Erfolg gekrönt sein würde. Wissen Sie, das ist, wo Der Ring steht. Ich hoffe, daß Sie eine gute Inszenierung bekommen werden. In einer authentischen Fassung des Ringes wird die eigentliche Kernfrage vorneweg gestellt, und die Kernfrage lautet: "Gibt es überhaupt einen transzendenten Sinn, oder sind wir nur gänzlich das Ergebnis natürlicher Gesetzmäßigkeiten?"

Was sehen Sie? Zu Beginn des Rheingold sehen Sie die natürliche Welt in ihrem unschuldigsten Stadium, die drei Rheinmaiden stellen hierbei die natürliche Welt dar. Unter Wasser repräsentieren sie das eigentliche Unterbewußtsein. Das war die Welt, bevor in sie menschliche Reflexion und bewußte Intelligenz hineindrang. Da sind sie, herumschwimmend, und beachten Sie die ersten Zeilen des Ring. Das ist von einem Mann geschreiben, dem stets vorgeworfen wird, er sei zu weitschweifig und höre nie auf, unendlich lang, ohne Punkt zu setzen. Das gesamte Werk beginnt:

Weia! Waga!
Woge, Du Welle!
Walle zur Wiege!
Wagalaweia!

Dies sind spielerische Klänge, in die hinein sich zwei Namen verwandelt haben - "Welle" und "Wiege". Was ist mit der Welt geschehen? Jawohl, die Sprache hat Einlaß gefunden. Was bedeutet dies? Reflexive Bewußtseinsmachung ist eingedrungen. Und wissen Sie was? Das Symbol des reflexiven Bewußtsein tritt auf. Was ist das Symbol? Nun, es ist ein häßlicher Zwerg. Er ist eine nicht sehr attraktive Figur in seinen ersten Tagen. Warum ist er häßlich und weshalb nicht so attraktiv? Der Prozeß, mit dem reflexive Intelligenz in diese Welt kam, ist, so weit wir das wissen, nicht sehr sauber abgelaufen. All dieses hat Wagner verstanden, lange bevor es Darwin in seinem Werk Die Entstehung der Arten veröffentlichte. Rheingold wurde 1852 geschrieben.

Nun, achten Sie auf den Text, was leider nur sehr wenige Bühnendirektoren heutzutage machen. Achten Sie auf das, was zwischen Alberich und den Rheinmaiden, die ihn natürlich necken, gesagt wird. Das Erste, was die Rheinmaiden sehen, ist seine Unbeholfenheit. Sie sehen die Bühnendirketiven - er hat Mühe, auf den Felsen zu steigen. Er ist nicht sehr beweglich. Er bewegt sich wahrhaftig nicht leichtfüßig. Was er den Rheimaiden sagt, ist, daß dies für sie wohl eine Leichtigkeit sei - denn sie machen es aus reinem instiktiven Gefühl heraus. Er muß einfach alles erlernen. Das ist, was das Bewußtsein macht. Es zwingt sie, das zu tun, was andere Wesen instinktiv tun.

Nun wird er aber von der ersten der Rheinmaiden abgewiesen, die die natürliche Welt darstellen und die ihm gegenüber gleichgültig eingestellt sind, genauso wie sie Siegfried gegenüber gleichgültig eingestellt sind. Die natürlich Welt kümmert sich nicht um uns als Individuen. Achten Sie auf die Musik in Götterdämmerung, 3. Akt. Das ist einer der Gründe, warum sie so eine starke emotionale Wirkung hat. Der Strom der Zeit, der Fluß ist vollkommen gleichgültig gegenüber dem Helden. Helden kommen und gehen. Der Fluß und die Zeit bleiben - es ist in der Musik. Nur Wagner konnte das!

Was sagt Alberich sonst noch? Die erste Rheinmaid weist ihn ab, so daß Alberich sagt: »Ich bin froh, daß es mehr als eine von euch gibt, denn wenn es nur eine von euch gäbe, so hätte ich kaum eine Chance.« Was ist die Bedeutung dieser Zeile? Er hat die Regel der die Welt beherrschenden Wahrscheinlichkeit anerkannt, die natürliche Welt, denn so ist es. Wahrscheinlichkeit beherrscht unser Leben.

Erst als er von den drei Rheinmaiden zurückgewiesen wird, wird ihm bewußt, nun ja, daß der Rhein sich wohl bewegen mag, nur wird es ihm persönlich nichts nutzen - eins der schrecklichen Wahrheiten der Natur. Und erst dann durchbricht der Lichtstrahl das fließende Wasser, ein musikalisch sensationeller Augenblick, wie so viele andere, und erleuchtet das Gold am Wassergrund, einen großen Brocken reinen Goldes.

Und ich flehe Sie an, Sie Herren Regisseure, bitte, machen Sie, was Ihnen Wagner sagt. Lassen Sie den Sonnenlichtstrahl das rohe Gold erleuchten. Bitte verwandeln Aie diese Szene nicht in irgendein kommunales Wasserwerk oder irgendetwas anderes. Bitte versuchen Sie nicht, irgendein künstliches Symbol des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts zu integrieren. Bitte machen Sie das, was ihnen Wagner vorschreibt.

Ich nehme an, daß, was Sie hier in Adelaide bekommen werden, wird eine sehr karge, sparsame Inszenierung sein. Aber vielleicht werden Sie auch Glück haben können. Vielleicht werden sie hier seine Bühnenanweisungen berücksichtigen.

Und Alberich hält inne, starr, wie es jedem von uns ergehen würde, erstarrt durch die Musik. Und wofür steht diese Szene? Raten Sie mal! Reflexive Intelligenz selbst wird hier durch den Sonnenstrahl auf das Gold dargestellt. Das Gold ist ein Symbol wie viele andere auch, und hiermit sage ich nicht, daß die antikapitalistische Deutung von Der Ring falsch ist. Sie können den Ring als ein Werk des Klassenkampfes deuten, nur ist dies nicht die zentrale Botschaft. Reflexives Bewußtsein ist eingetreten - hier ist es, und was muß nun getan werden? Nun, es wird Alberich deutlich: "Ich kann etwas machen mit diesem reflexiven Bewußtsein." Anstatt diesen Frauen nachzulaufen, die ihm sowieso keine Beachtung schenken werden, kann womöglich etwas mit seinem eigenem Bewußtsein gemacht werden. Und er stiehlt das Gold, nimmt das Gold und bringt es an die Oberfläche. Über der Wasseroberfläche, das ist das Symbol für das Einbringen in das Bewußtsein. Er nimmt es mit hinauf in seine Werkstatt in den Bergen und schmiedet daraus einen Ring.

Es ist gesagt worden, wenn ein Symbol zu einfach als eben dieses erkannt werden könnte, dann wäre es kein gutes Symbol. Nun, Der Ring hat so viele verschiedene Deutungsmuster, wir würden hier den ganzen Tag sitzen können. Aber es steht sicherlich für die Essenz der reflexiven Bewußtseinmachung.

Es ist Alberich, der es zu Stande bringt. Es ist Alberichs Ring. Es ist Alberich, der herausfindet, was man alles mit reflexivem Bewußtsein erreichen kann. Man kann eine Vielfalt von Dingen damit tun. Man kann zum Beispiel damit seinen Bruder dazu bringen, einen Tarnhelm zu schmieden. Bitte vergessen Sie nicht, daß Rheingold drei Jahre nach der Erfindung der Telegraphie geschrieben wurde. Das elektronische Zeitalter hatte begonnen und Wagner erfaßte es erneut - er weiß es. Das elektronische Zeitalter ist impliziert und der Tarnhelm steht dafür, ist es nicht so? Wagner trifft den Punkt - es steht für unmittelbare Übertragbarkeit - "Er entführt flugs dich dahin". Er begreift dies alles.

Nun, das ist die erste Szene in Rheingold. Nun sind wir in der Abhandlung der weiteren Szenen des Rheingold. Es spottet wahrhaftig jeglicher Beschreibung, wenn ich von Leuten, die ich persönlich in London oder New York kenne, geschweige denn von anderen Personen lesen muß, daß Alberich eine spezifisch jüdische Figur wäre. Wenn Sie das glauben wollen, dann können Sie genauso sagen "Wahrhaftig wie ein Wal." Wenn Sie das in die Szene hineininterpretieren wollen, hat es wirklich keinen Sinn, weiter zu diskutieren, nicht wahr?

Ich sagte anfänglich, ich würde über Fehler, Lügen und Unsinn sprechen. Da Fehler, Lügen und Unsinn einen Ozean darstellen, würden wir viel zu lange sitzen müssen, um überhaupt unterhalb die Oberfläche dieses Ozeans zu gelangen, geschweige denn in dessen Tiefe zu gelangen. Ich nehme an, daß dieser mit uns ewig sein wird, weil Wagner alle elementaren Fragen aufgeworfen hat. Kein anderer Komponist stellt so insistierend diese fundamental philosophischen Fragen wie Wagner!

Zum Beispiel Parzival, ein Stück, das ich verehre, deute ich überhaupt nicht als eine Erklärung über den christlichen Glauben. Ich verstehe es als Abschied der Transzendenz, und gleichzeitig als ein Flehen nach Transzendenz. Ich glaube, wenn Sie genau hinsehen und zuhören, werden Sie erkennen, daß Wagner die finale Antwort offen läßt. Er ist viel zu bescheiden und feinfühlig, als daß er kategorisch sagen könnte, genau so wäre die Existenz zu sehen und so ist die philosophische Wahrheit zu verstehen. Es ist alles offen. Letztendlich ist alles spekulativ, so ist nun mal Kunst. Sie können beim besten Willen nicht wissen, was Shakespeare wirklich dachte.

Sie können Parzival als Abschied von der Transzendenz deuten, daß wir unser Dasein weihen, segnen müssen, weil es das einzige ist, was wir haben. Aber Sie können es auch als Bestätigung des göttlichen Königreiches ansehen, ein anderes Königreich, als wir es auf Erden haben. Ich glaube nicht, daß die Anhaltspunkte dafür sehr stichhaltig sind, auch denke ich, wenn Sie die Musik hören, daß er es geschafft hat, in ihr den quälenden Zweifel hineinzuschmuggeln. Was glauben Sie denn, was die Wunde bei Amfortes wohl bedeutet?

Und die Musik steht für den fatalen Zweifel. Es ist eine Frage. Die Frage ist gestellt, nur glaube ich nicht, daß es von doktrinärer Bedeutung ist. Wagner warf all diese unmöglichen Fragen auf: Was ist Musik? Was ist die Beziehung zwischen der Musik und der Gesellschaft? Was ist die Beziehung der Musik zu den anderen Künsten? Was ist die Beziehung zwischen den Worten und der Musik? Nur ganz einfach ästhetische Fragen wie diese. Er stellte sie, er stellte sie alle. Da seine Werke sie alle aufwerfen, nehme ich an, daß die Kontroversen unaufhörlich weiter gehen werden, und wahrscheinlich sollte dies auch so sein. Man möchte jedoch hoffen, daß man früher oder später von dem Thema "Der Elefant und die polnische Frage" wegkommen wird.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(2) (1999), S. 187-191.


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