Geschichte und Pseudogeschichte, Teil 2

Eine Erwiderung auf Germar Rudolfs Thesen zur Wissenschaftlichkeit des Revisionismus

Von Marian Kramer (Zum ersten Teil)

Germar Rudolfs kritische Stellungnahme zu Prof. Michael Shermers Thesen über den Revisionismus als Pseudowissenschaft (vgl. VffG 1/1999, S. 68-74) erhielten eine erstaunlich hohe Resonanz auf beiden Seiten dieser Auseinandersetzung. Offenbar wurde hier ein Thema angesprochen, das schon lange in der Luft liegt, aber bisher noch nicht eingehend erörtert wurde. Wir haben uns daher entschieden, diese Diskussion fortzuführen. Nachfolgend werden daher drei Beiträge abgedruckt, die sich von jeweils entgegengesetzten Positionen mit der Problematik der Wissenschaftlichkeit der Holocaustforschung auseinandersetzen. Der erste, nachfolgend abgedruckte Beitrag des Biochemikers Marian Kramer befaßt sich zentral mit der Frage, inwiefern es überhaupt sinnreich ist, chemische Analysenergebnisse aus Gebäuden zu vergleichen, die sich in verschiedener Hinsicht unterscheiden. Nach Auffassung von Herrn Kramer ist dies ähnlich unsinnig, wie wenn man medizinische Analysenergebnisse von Menschen mit denen von Pavianen vergleicht.


Mit kritischem Interesse habe ich Germar Rudolfs Arbeiten zum Nachweis und zur Bildung von Cyanidverbindungen in den Tötungseinrichtungen von Auschwitz-Birkenau, die u.a. auf der VHO-Homepage unter der Bezeichnung Rudolf Gutachten veröffentlicht wurden, verfolgt. Zwar bin ich sicherlich in "Angelegenheiten der Chemie", um einen Ausdruck von Ernst Nolte zu gebrauchen, bei weitem nicht so beschlagen wie Sie (ich bin Neurowissenschaftler), und deshalb bereit Ihre chemischen Ausführungen als gegeben hinzunehmen, dennoch glaube ich genug wissenschaftliche Kompetenz zu besitzen, um Sie auf einige Schwachstellen in Ihrer Argumentation hinzuweisen.

In der Erwiderung auf Michael Shermers Thesen zum Revisionismus schreiben Sie, daß eine sozusagen ontologische Hierarchie von verschiedenen "Beweisarten" sowohl für die "Revisionisten" als auch für die "Exterminationisten" bestünde. Demnach ist naturwissenschaftliche Evidenz als beweiskräftiger anzusehen als z. B. Zeugenaussagen oder ähnliches. Mit anderen Worten: Wenn die Ergebnisse von naturwissenschaftlicher Forschung den Zeugenaussagen zu den Massenmorden in Auschwitz-Birkenau widersprechen, sind die Zeugenaussagen zu verwerfen. Als Beispiel führen Sie die Beweisführung bei der Vaterschaftsbestimmung an, bei der die "biologische" Ermittlung des Vaters Priorität über die Aussagen der betroffenen Personen hat. Ich glaube in dieser Hinsicht sind Sie einem fundamentalen Irrtum erlegen. Eine moderne genetische Vaterschaftsbestimmung z.B. über "genetic fingerprinting" ist in der Tat sehr genau und die Ergebnisse sind zumeist eindeutig. Der große Unterschied zwischen diesem von Ihnen genannten Beispiel und den Messungen der Eisenblau-Konzentration in den Wänden der Gaskammern besteht jedoch darin, daß ein genetischer Vaterschaftsnachweis interpretatorisch eindeutig ist: Es gibt keine andere Möglichkeit, die Ergebnisse eines positiven Vaterschaftstests zu erklären, außer in der Annahme, daß die getestete Person der Vater des Kindes ist. In diesem Fall trägt sozusagen das Phänomen schon seine Interpretation mit sich. Die Tatsache, daß die Eisenblau-Konzentration in den Gaskammern geringer ist als in den Entlausungskammern, kann dagegen viele Ursachen haben. Die Erklärung dieser Meßwerte mit der Annahme, daß in den Einrichtungen keine Vergasungen mit Zyklon B stattgefunden haben, ist reine Spekulation und deswegen nicht geeignet, die Zeugenaussagen auszuhebeln. Bedeutsame Aussagen zu diesem Themenkomplex sind nur möglich, wenn sämtliche Faktoren, welche die Bildung von Eisenblau beeinflussen können, kontrolliert werden.

Womit ich zum nächsten Punkt meiner Argumentation komme: Sie schreiben, daß naturwissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse anderen Formen der Erkenntnisgewinnung überlegen seien. Als Naturwissenschaftler kann ich Ihnen im Prinzip dabei nur zustimmen, jedoch übersehen Sie, daß auch für naturwissenschaftliche Arbeit gewisse Qualitätsnormen gelten. Experimentell-empirisch gewonnene Erkenntnisse sind nur deshalb anderen Methoden des Schlußfolgerns überlegen, weil sie durch eine rigide Kontrolle aller Einflußfaktoren zustande gekommen sind. Auch in den empirischen Wissenschaften existiert demnach eine Rangfolge zur Bewertung der Qualität der jeweiligen Untersuchung, die sich nach der Sorgfältigkeit dieser Kontrolle richtet. Das in dieser Hinsicht beste Werkzeug zur Erkenntnisgewinnung ist das Laborexperiment, da nur hier der Wissenschaftler sämtliche Parameter beeinflussen kann. Das schwächste empirische Werkzeug ist die von mir mangels eines besseren Ausdrucks so genannte "Freilandbeobachtung". Dieser Ausdruck stammt eigentlich aus der Ethologie, soll hier aber sämtliche nichtexperimentellen empirischen Untersuchungen bezeichnen, bei denen keinerlei Einflußfaktoren manipuliert werden, sondern nur bestimmte Parameter von beobachtbaren Phänomenen gemessen werden. Die Datenerhebung erfolgt dabei opportunistisch, die unabhängigen Variablen, welche das Meßergebnis determinieren liegen dabei außerhalb der Kontrolle des Forschers.

Sie werden mir sicher zustimmen, daß Ihre Messungen in dieser Hinsicht eine "Freilandbeobachtung" sind. Das ist überhaupt kein Grund zur Panik, für viele Wissenschaften, z. B. die Geologie und die Paläontologe, gehören Ergebnisse dieser Art zum täglichen Brot, da Experimente praktisch unmöglich und direkte Augenzeugen der den Phänomenen zugrundeliegenden Prozesse nicht vorhanden sind. Jedoch sollte man sich mit der einem Naturwissenschaftler geziemenden Demut bewußt sein, daß wirklich "harte" Daten auf diese Weise nicht gewonnen werden können. Damit sollte sich eigentlich von selbst ergeben, daß die von Ihnen durchgeführten Messungen keinesfalls als Argument dienen können, um die Zeugenaussagen zu den Mordaktionen zu widerlegen.

Damit Sie jetzt nicht den Eindruck gewinnen, daß die von mir gemachten Ausführungen nur dem Hochmut eines ideologisch verblendeten "Exterminationisten" entsprungen sind, will ich im folgenden einige Schwachstellen Ihrer Arbeit aufführen, welche die Interpretation der Meßwerte als Evidenz für den revisionistischen Standpunkt zur Judenvernichtung unmöglich machen:

1. Das Problem der Kontrollmessungen

Als Kontrollproben für die von Ihnen entnommenen Proben aus den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau dienen Proben aus den Wohnbaracken und den Entlausungskammern des Lagers. Der Sinn der Erhebung von Kontrollproben besteht darin, eine Vergleichsmöglichkeit zu den Restproben zu bieten wobei im Idealfall die Proben der Kontrollgruppe absolut identisch zu den Restproben sind, mit Ausnahme des interessierenden Einflußfaktors. In Ihrem Fall würde dies bedeuten, daß die Kontrollproben aus Räumen stammen müßten, die aus dem exakt gleichen Baumaterial bestehen wie die Gaskammern von Birkenau, die die exakt gleichen Baudimensionen aufweisen wie die Gaskammern, die zum gleichen Zeitpunkt errichtet worden sind wie die entsprechenden Gaskammern, die während der Zeit Ihres Bestehens den gleichen Witterungsbedingungen ausgesetzt waren, die auf die gleiche Weise und unter den exakt gleichen Bedingungen mit Zyklon B begast wurden wie sie für die Mordaktionen berichtet wurden, etc. etc.. Das heißt, die Kontrollproben müssen in allen nur denkbaren Eigenschaften, die die Bildung von Eisenblau beeinflussen könnten zu den Proben aus den Gaskammern parallelisiert sein. Dies ist bei der vorliegenden Arbeit offensichtlich nicht der Fall.

Mir ist bewußt, daß Sie sich in Ihrem Gutachten recht ausführlich mit der Eisenblaubildung unter verschiedenen Bedingungen (so besonders Luftfeuchtigkeit) auseinandersetzen. Dies rettet Ihre Argumentation jedoch keineswegs. Theoretische Überlegungen, Spekulationen und das Zitieren von Referenzen ersetzen nicht die sorgfältige Versuchsplanung.

Zur Verdeutlichung dieses Zusammenhangs will ich ein Beispiel aus einem meiner eigenen Forschung nahestehenden Fach anführen:

Als diagnostischer Hinweis für den Ausbruch der Immunkrankheit AIDS bei HIV-Infizierten Personen wird für gewöhnlich ein Verlust von bestimmten weißen Blutzellen (den CD 4+ T-Helferzellen) benutzt. Eine Verminderung dieser Blutzellen unter einen Wert von 200 pro Mikroliter Vollblut wird im Allgemeinen als sicherer Indikator für den Ausbruch der Krankheit gewertet. Ein HIV-"Revisionist", der die Rolle des HI-Virus bei der Entstehung von AIDS bezweifelt, müßte nun empirisch nachweisen, daß dieses Kriterium sinnlos ist und daß die Infektion mit HIV nicht zu einer lebensgefährlichen Reduktion der T-Helferzellen führt. Dies kann er versuchen, indem er über einen längeren Zeitraum das Blutbild einer Stichprobe von HIV-Infizierten Personen mit einer Kontrollgruppe von nichtinfizierten Personen vergleicht, immer darauf hoffend, nachweisen zu können, daß die nichtinfizierten Personen irgendwann eine niedrigere Anzahl an T-Helferzellen aufweisen als die HIV-Patienten. Dabei muß die Kontrollgruppe in sämtlichen relevanten Einzelheiten der Gruppe von HIV-Infizierten analog sein (z.B. Alters- und Geschlechterverhältnis, andere Krankheiten, Streßbelastung usw.). Wenn ein HIV-"Revisionist" nachweisen würde, daß ein tuberkulosekranker Pavian im Vergleich zu einem HIV-infizierten Menschen eine noch geringere Konzentration von T-Helferzellen aufweist und dies als einen "Beweis" der Unwichtigkeit des HI-Virus für die AIDS-Erkrankung hinstellt, würde er bei seinen Kollegen nur Gelächter hervorrufen. Leider lachen nur wenige, wenn Holocaust-Revisionisten ähnliche methodische Bocksprünge vollführen.

Um alle Mißverständnisse zu beseitigen: Der obige Vergleich ist etwas ungerecht -- für die HIV-Skeptiker (z. B. Peter Duesberg). Noch keiner von Ihnen hat zur Stützung seiner Thesen eine Lymphozytenzählung bei Pavianen angeführt. Es würde der revisionistischen Sache dienen, wenn ihre Vertreter ebenso auf die Messung von Cyanidverbindungen in Entlausungsräumen verzichten würden.

2. Das Problem der Statistik

Auch auf die Gefahr hin, aus einer schon methodisch-versuchsplanerisch fehlerhaften Arbeit allzuviel Sinn herauszuquetschen, möchte ich dennoch meinem Erstaunen darüber Ausdruck verleihen, daß Sie auf jede inferenzstatistische Auswertung Ihrer Daten verzichtet haben. Warum das? Wird Chemikern während des Studiums nicht beigebracht, daß statistische Signifikanztests das wichtigste Hilfsmittel bei der Interpretation von Stichprobendaten sind und das man ohne sie erst gar nicht mit Deutungsversuchen anfangen sollte, besonders wenn man die Daten verwenden will, um eine der Konstanten der europäischen Geschichte als Wahnvorstellung zu entlarven?

Mein Interesse gilt hier weniger dem Vergleich zwischen den Gaskammerproben und den Entlausungskammerproben, ich denke dies ist eine klare Sache (ich hab's nicht berechnet aber meiner Schätzung nach liegt p irgendwo unter 0,001, trotz der enormen Variabilität der Proben aus den Entlausungskammern), sondern eher dem Kontrast zwischen den Wohnbarackenproben und den Gaskammerproben. Dankenswerterweise haben Sie Ihre Rohdaten zusammen mit den von Leuchter ermittelten Werten in den Grundlagen[1] veröffentlicht, so daß auch Menschen wie ich, die den Dingen gerne auf den Grund gehen, die Signifikanzen berechnen können. Schon beim ersten Blick ist mir aufgefallen, daß einige der Gaskammerproben etwas höhere Werte aufweisen als die Kontrollproben, weswegen ich mich entschlossen habe, die Daten einem T-Test (one-tailed) zu unterziehen. Tatsächlich liegt das Ergebnis in einem Bereich, den manche Wissenschaftler schon als "marginal signifikant" bezeichnet haben, besonders wenn man die geringe Fallzahl bedenkt. Wenn man nun aus den Daten die Nullwerte eliminiert (wozu ich mich berechtigt gefühlt habe, da es sich dabei ja Ihrer Meinung nach um Meßfehler handeln muß) ist das Ergebnis sogar ohne wenn und aber signifikant (p < 0,05). Es mag sein, daß bei Verwendung von nichtparametrischen Tests das Ergebnis noch deutlicher ausfällt.

Es ist zwar eine reine Spekulation von mir, aber ich habe den Eindruck gewonnen, daß Sie so etwas ähnliches zumindest geahnt haben, da Sie an mehreren Stellen betonen, daß den niedrigen Werten, welche in den Gaskammern und den Wohnbaracken gemessen wurden keine Bedeutung zukommt, da das Meßverfahren in diesem Bereich nicht zuverlässig sei. Offensichtlich haben Sie nicht bedacht, daß damit die signifikanten oder nahe signifikanten Testergebnisse durch diese Erklärung noch wunderbarer werden. Wenn man schon mit einem ungenauen Meßinstrument signifikante Ergebnisse erzielt, deutet dies auf klare Unterschiede zwischen den Stichproben hin. Welcher systematisch wirksame Einflußfaktor kann diese Unterschiede erklären?

3. Das Problem der Pseudowissenschaft

Die oben genannten Schwachstellen Ihrer Arbeit stempeln diese keineswegs automatisch zur Pseudowissenschaft. Sie sind Anzeichen für schlechte Wissenschaft, worauf Sie allerdings antworten können, daß die Gegebenheiten eben keine bessere Wissenschaft erlauben. Trotzdem möchte ich Sie auf einige pseudowissenschaftliche Aspekte Ihrer Arbeit hinweisen:

Die Schlußfolgerungen, welche Sie aus dem Datenmaterial ziehen, werden von diesem in keiner Weise gedeckt. Um zu Ihrer zielstrebig anvisierten Deutung "Kein Eisenblau, keine Vergasungen" zu kommen, müssen Sie etliche Hilfskonstruktionen bemühen, welche beweisen sollen, daß unter den gegebenen Umständen der von Zeugen beschriebenen Vergasungen eine Bildung von Eisenblau zu erwarten ist. Keine dieser ad hoc Hypothesen kann durch das von Ihnen erhobene Datenmaterial bestätigt werden. Damit jonglieren Sie mit mehr Variablen als Sie gemessen haben (Wie hoch waren z. B. Luftfeuchtigkeit und Temperatur in den Gaskammern während einer Mordaktion?), ein klarer Verstoß gegen Occam's Razor und damit ein exzellenter Nachweis der Pseudowissenschaftlichkeit Ihrer Argumentation.

Ihr meiner Meinung nach unfundierter Glaube an die Nichtexistenz von Massenmorden durch Giftgas beschert uns eine Reihe von weiteren Problemen: Wohin sind alle diese Menschen verschwunden? Woher die Zeugenaussagen von Häftlingen und SS-Personal? Was ist mit den Reden von Hitler und Himmler? Usw. ad nauseam. Zu keiner dieser und anderer Fragen können die Revisionisten eine belegbare Antwort geben, man behilft sich mit Spekulationen oder Unterstellungen.

Nun erzählen Sie mir bitte nicht, es wäre nicht Ihre Aufgabe alle Inkongruenzen, die sich aus einer angenommenen Nichtexistenz der Judenvernichtung ergeben zu beantworten: Ein Wissenschaftler muß auch die Folgerungen aus seinen Hypothesen mit existierenden Erkenntnissen in Einklang bringen, worauf schon Karl Popper hingewiesen hat. Wenn Erich von Däniken "wissenschaftliche" Beweise dafür anführt, daß die alten Ägypter unmöglich in der Lage waren die Pyramiden zu bauen, ist meine erste Frage an ihn, was dann diese drei großen, auffällig regelmäßig geformten Steinhaufen bei Kairo darstellen. Erich von Däniken meint, Außerirdische hätten die Pyramiden gebaut. Wer hat die Juden beseitigt, die Dokumente hergestellt, die Reden gefälscht, das SS-Personal gehirngewaschen, die Verschwörung der überlebenden Häftlinge angezettelt? Und Wann und Wo ist das alles passiert. Wer z. B. hat Himmlers "Geheimrede" vom Oktober 1943 gefälscht und wer war der Stimmenimitator der auf dem Tonträger zu hören ist? Wer hat diese Aufnahme wann und wo hergestellt und wie hat er sie in die deutschen Archive geschmuggelt? Und wie können Sie das alles belegen? Es hilft alles nichts, Sie stehen in der Pflicht, alle diese Fragen und noch ein paar mehr zu beantworten. Vielleicht sollten Sie Erich von Däniken zu Rate ziehen (entschuldigen Sie den Sarkasmus).

4. Das Problem der "Replizierbarkeit"

Ihre Thesen zur Unmöglichkeit der von Zeugen beschriebenen Vergasungen in Auschwitz Birkenau stützen sich außer auf Ihre eigenen Probenentnahmen auch auf die Arbeiten von Fred Leuchter, einem selbsternannten "Ingenieur" mit sehr zweifelhafter Expertise. Weder Ihre Arbeit noch die von Mr. Leuchter wurde einem "peer-review"-Prozeß unterzogen und in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht (ich bezweifle auch, ob irgendein Mitglied eines "review-boards" Fred Leuchter als "peer" bezeichnen würde). Angesichts der Tatsache, daß in diesen Arbeiten insgesamt nur ein paar Dutzend Meßwerte vorliegen, wäre eine weitergehende Replikation dieser Daten wünschenswert, bevor irgendwelche Schlüsse aus den Ergebnissen gezogen werden, ganz zu schweigen von so weitgehenden Folgerungen wie den Ihren. Selbst für solche wissenschaftlichen "Enten" wie die kalte Kernfusion, das homöopathische "Gedächtnis" von Wasser und außersinnliche Wahrnehmung und Telepathie existiert eine weit größere Anzahl von positiven Testbefunden.

Erstaunlich ist deshalb auch, mit welcher Überzeugung Sie Ihre auf der kleinstmöglichen Datenbasis basierenden Folgerungen vortragen. Einen Wissenschaftler, der ja per definitionem verpflichtet ist auch seinen eigenen Ergebnissen gegenüber kritisch zu sein, bekommt diese Haltung nicht. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, daß die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse durch Herrn Remer sowie die allgemeine Verbrüderung mit solchen Leuten wie Faurisson und Stäglich dem "Geist" echter Wissenschaft diametral widerspricht.

5. Falsch verstandenes Falsifikationskriterium

Zum Schluß möchte ich Sie noch auf einen philosophischen Schnitzer in Ihrer Erwiderung an Michael Shermer aufmerksam machen. Sehr zu Recht zitieren Sie Sir Karl Poppers "Falsifikationskriterium" als ein Werkzeug um die Wissenschaftlichkeit von Hypothesen zu beurteilen. Prompt wenden Sie dieses Kriterium gegen Michael Shermer und beurteilen seine Aussage, daß die heute sichtbare (nichtfunktionale) Tür der Gaskammer von Majdanek nachträglich als Ersatz für die ursprünglich verwendete funktionale Tür eingebaut wurde, als unwissenschaftlich. Als Beleg für diese Unwissenschaftlichkeit gilt Ihnen dabei die Shermer'sche Überlegung, daß die Unterlagen, welche diesen Austausch belegen könnten, vernichtet wurden, wodurch Ihrer Ansicht nach eine Falsifikation der Hypothese ausgeschlossen wird.

Schauen wir uns Mr Shermers Argumentation genauer an: Shermer Behauptung beruht genau genommen auf ZWEI Hypothesen: a) daß die heute sichtbare Tür nach dem Krieg eingefügt wurde, und b) daß diese die Gaskammertür betreffenden Unterlagen vernichtet wurden. Beide Behauptungen sind falsifizierbar und hätten deswegen auch den gestrengen Sir Karl überzeugt. Tatsächlich könnten beide Hypothesen durch ein einziges authentisches Dokument bezüglich dieser Tür widerlegt werden, insofern ist die Wissenschaftlichkeit der Aussagen in dieser Hinsicht gesichert.

Ihre Argumentation beruht offensichtlich auf einem Mißverständnis. Das Falsifikationsprinzip bezieht sich nicht auf die vermuteten materiellen Möglichkeiten, welche zur Widerlegung einer Hypothese zur Verfügung stehen sondern auf die logisch-philosophische Qualität der Hypothese. Popper scheidet mit diesem Kriterium alle metaphysischen Hypothesen (Worüber man nicht reden kann, davon muß man schweigen, Ludwig Wittgenstein), alle Aussagen, die immer richtig sind (April, April macht was er will, Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist) und alle metaphorischen Hypothesen (Der Traum ist der Wächter des Schlafs, Sigmund Freud), aus dem Bestand der wissenschaftlichen Hypothesen aus. Das Falsifikationsprinzip bezieht sich auf die logische, nicht auf die aktuelle materielle Widerlegbarkeit. Sehr deutliche Ausführungen über diese Aspekte des Falsifizierungskriteriums finden sich in Poppers Schrift Logik Der Forschung, die schon 1934 in Wien (mit der Jahreszahl 1935) erschienen ist.[2] Ich empfehle dieses Buch Ihrer Lektüre.

Ganz abgesehen von dieser Falschinterpretation von Poppers Thesen würde Ihre Auslegung auch bedeuten, daß ein Großteil der interessantesten wissenschaftlichen Hypothesen, vor allem aus der theoretischen Physik und der Hirnforschung zu bestimmten Zeitpunkten der Wissenschaftsgeschichte unwissenschaftlich waren, bzw. immer noch sind. Auch wären etliche Ihrer eigenen Aussagen unwissenschaftlich, so z. B. Ihre im Vorwort der Vorlesungen über Zeitgeschichte[3] aufgestellte Behauptung, die Opferzahl der von Ihnen als Terrorangriff bezeichneten Bombardierung Dresdens läge bei 200-300.000 (tatsächliche Opferzahl dieser meiner Meinung nach als Vergeltungsangriff anzusehenden Aktion nach neueren Untersuchungen: 27.000), was damit begründet wird, daß verläßliche Statistiken zur Einwohnerzahl Dresdens wegen der Flucht einer großen Anzahl von Menschen aus den damals deutschen Ostgebieten nicht vorlägen. Wobei sich mir nebenbei die Frage aufdrängt, was Germar Rudolf, Diplom-Chemiker und "Revisionist" wohl zu einem "Exterminationisten" sagen würde, welcher unter Berufung auf fehlende bevölkerungsstatistische Belege die Opferzahl von Auschwitz auf 8-12 Millionen ansetzte?

Ironischerweise finden sich gerade in der "revisionistischen" Literatur auch Belege für "echte" nicht falsifizierbare und damit unwissenschaftliche Hypothesen. Ein eklatantes Beispiel findet sich z. B. in Stäglichs Der Auschwitz Mythos: Stäglich behandelt ausführlich die "Geheimrede" von Heinrich Himmler im Oktober 1943:

»Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wir in der Öffentlichkeit nie darüber reden... Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. - "Das jüdische Volk wird ausgerottet", sagt ein jeder Parteigenosse, ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.«

Die entsprechende Passage wird von Stäglich so kommentiert:[4]»So muß es vor allem Verwunderung erregen, daß Himmler die "Judenevakuierung" ohne weiteres als "Ausrottung des jüdischen Volkes" definiert. Er hält sich damit nämlich haargenau an die oben bereits besprochene "Tarnsprache", die angeblich unter den mit der Judenvernichtung befaßten Stellen üblich gewesen sein soll, für deren Existenz es aber bisher keinerlei Beleg gibt.«

In Form eines Syllogismus sieht Stäglichs Argumentation also so aus:

Prämisse: Wenn die Judenvernichtung durch die Deutschen nicht stattgefunden hat, sind alle Dokumente, in denen Heinrich Himmler sich der Ausrottung des jüdischen Volkes rühmt, eine Fälschung.

Mittelsatz: Tatsächlich rühmt sich Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 der Ausrottung des jüdischen Volkes.

Conclusio: Also ist die entsprechende Rede gefälscht!

Abgesehen davon, daß ein Syllogismus bei dem die Schlußfolgerung schon in der Prämisse enthalten ist, im höchsten Grade defekt ist, bietet dieser Auszug aus Stäglichs Text einen schönen Beleg für eine unfalzifizierbare Hypothese. Stäglich behauptet, daß sämtliche deutschen Dokumente, in denen von Judenevakuierung, Endlösung der Judenfrage, Judenumsiedlung usw. die Rede ist, de dicto aufgefaßt werden müssen und daß die entsprechenden Bezeichnungen keinesfalls Tarnausdrücke für Massenmord sind. Als Beleg für diese Hypothese führt Stäglich zahlreiche Dokumente an, in denen die entsprechenden Ausdrücke gebraucht werden. Die Tatsache, daß in den von Stäglich erwähnten Dokumenten niemals explizit "Judenevakuierung" mit "Massenmord an Juden" gleichgesetzt wird, nimmt Stäglich in kaum glaublicher Naivität als Hinweis, daß tatsächlich "nur" von der Vertreibung der Juden die Rede ist. Stolpert Stäglich nun aber über eine Himmler-Rede, in der explizit Judenevakuierung mit "Ausrottung des jüdischen Volkes" gleichgesetzt wird, dient ihm gerade diese Tatsache als Beweis der Fälschung. Damit hat Stäglich nun tatsächlich seine Hypothese vor jeder Gefahr einer Falsifizierung in Sicherheit gebracht. Wenn eine Hypothese durch einen bestimmten Sachverhalt und durch das exakte Gegenteil dieses Sachverhalts "bewiesen" wird, kann nichts in der Welt die Hypothese falsifizieren. In allen nur denkbaren Dokumenten werden entweder die von den deutschen Behörden verwendeten Tarnausdrücke mit "Ausrottung" gleichgesetzt oder sie werden es nicht. Tertium non datur.

Nebenbei gesagt bietet dieser kurze Stäglich-Auszug auch einen eindeutigen Hinweis darauf, was von Stäglichs Versicherung im Vorwort seines Machwerks zu halten ist, er habe sich an den Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens orientiert. Nichts. Je mehr "revisionistische" Publikationen ich lese, desto stärker drängt sich mir der Gedanke auf, daß dies für das gesamte Feld gilt.

6. Zusammenfassung

Kurzum: Falls Sie meinen, daß die von den "Revisionisten" bisher vorgebrachten Argumente in der Lage sein sollten, einen Wissenschaftler von der Nichtexistenz der nazistischen Ausrottungspolitik gegenüber Juden und Zigeunern zu überzeugen, liegen Sie falsch. Keine der bisher mir zur Kenntnis gekommenen Argumente überstehen eine Anwendung wissenschaftlicher Kriterien, auch nicht die "naturwissenschaftlichen" Arbeiten von Ihnen oder Herrn Leuchter. Dennoch lasse ich mich gerne durch weiterführende Argumente vom Gegenteil überzeugen.


Anmerkungen

[1]E. Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1994, S. 271.
[2]Karl. R. Popper, Logik der Forschung, Mohr, Tübingen 1994.
[3]Ernst Gauss, Vorlesungen über Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1993, S. 83.
[4]Wilhelm Stäglich, Der Auschwitz Mythos, Grabert, Tübingen 1979, S. 92.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(2) (1999), S. 169-172.


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