Details zum KL Auschwitz

Effektenlagerung im KL Auschwitz

Ein jetzt erst ausgewertetes Dokument (ZAM 502-1-26-33/34) beweist, daß Effekten offensichtlich völlig anders behandelt wurden, als bisher berichtet worden ist. Die Effekten der Häftlinge wurden nicht generell abtransportiert, sondern tatsächlich aufbewahrt und verwaltet. Dafür unterhielt man eine eigene Abteilung in der Verwaltung, wie aus einigen uns vorliegenden Dokumenten hervorgeht. (Belege für die Geldverwaltung der Häftlinge liegen uns auch vor.)

Nach dem vorliegenden »Aktenvermerk, Bftgb.Nr: 22894/43/ Ja/L.« vom 10. Februar 1943 standen an diesem Tag »131 Pferdestallbaracken in Benützung«, deren Positionen genau angegeben werden. Diese Baracken hatten eine Abmessung von 40,76 × 9,56 m². Weiterhin standen noch 4 Gebäude mit 4.306 m² zur Verfügung, darunter die ursprünglich als Leichenhalle vorgesehene Baracke im Bauabschnitt Ib mit 64 × 11 m². Der Bestand betrug nach dieser Liste 16.396 m². Kurz vor der Fertigstellung waren weitere 30 Baracken (Kanada II), d. h. 25 Baracken waren aufgestellt, denen noch der Fußboden fehlte, und 5 (etwas größere) sollten in ca. 14 Tagen aufgestellt werden und Holzboden erhalten. Sie verfügten über eine weitere Fläche von 11.700 m². Ende Februar 1943 standen damit an Lagerfläche ca. 28.096 m² zur Verfügung. Wir behalten das Thema im Auge und berichten in späterer Zeit oder bei neuen Erkenntnissen.

Interessant ist an dieser Stelle im Kalendarium der Bericht vom 29. Dezember 1944: D. Czech berichtet nach einem »Original im BA Koblenz« folgendes:

»Die Verwaltung des KL Auschwitz benachrichtigt das KL Buchenwald, daß die persönliche Habe, d. h. die Zivilkleidung, in der die Häftlinge ins Lager eingeliefert wurden, Schmuck, Geld, Dokumente etc., der am 29. September, 17. Oktober, 27. November, 4. Dezember und 12. Dezember 1944 in das KL Buchenwald überstellten Häftlinge gegenwärtig wegen Transportschwierigkeiten nicht übersendet werden könne.«

Wenn solche Nachrichten noch von Ende 1944 vorliegen, dann muß man sich fragen, was man an Erzählungen wirklich noch glauben kann. Warum ist es notwendig, daß man selbst zu dieser Nebensache Lügen erzählt?

Sonderzüge der Reichsbahndirektion

Für unser Archiv erhielten wir von befreundeter Seite eine Kopie des »Tagesverzeichnis für Reisesonderzüge 1941/1942« aus dem Bundesarchiv. Enthalten sind die »Nummern der Sonderzüge 4300 - 5300, Nummernreihe der Tplo ab 501 -1647«. Eine erste Durchsicht zeigt, daß mancher interessante Fingerzeig enthalten ist. Einige Zugbezeichnungen wurden verständlich. Enthalten sind unter anderem auch die Züge der französischen Facharbeiter, die im Werk Monowitz arbeiteten, einschließlich den Urlauberzügen an Weihnachten usw. Diese Kladde erwähnt Prof. Jagschitz auch in seinem Gutachten.

Nun suchen wir einen Helfer mit Kenntnissen aus dem Bereich der deutschen Reichsbahn. Ferner suchen wir nach einschlägiger Literatur. Für jeden Tip sind wir dankbar! Wir suchen ebenso eine Person, die im Bereich Gleisbau in der Zeit bewandert ist. Kenntnisse im rollenden Material usw. Wir besitzen die Pläne für den Ausbau der Anschlußgleise in Auschwitz, haben aber bisher noch keinen Experten gefunden. Wer kennt die Strecke durch die Karpaten aus Ungarn nach Auschwitz wegen Zuglängen und anderem? Nachrichten, die wir vertraulich behandeln, bitte an die Redaktion.

Gutachten Prof. Jagschitz

Bei der weiteren Durchsicht des Textes, ab Seite 389, fanden wir einen groben Fehler. Jagschitz ordnet die Planungen für Auschwitz dem Amt IV im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zu. Das ist völlig falsch und zeigt, welche unfundierten Grundkenntnisse der Gutachter hat.

Er schreibt:

»[…] daß innerhalb des Amtes IV zwei andere Abteilungen direkt zuständig waren nämlich die eine Abteilung für die technischen Fragen. Dort sind die technischen Einrichtungen in den KZs, also Krematorien, auch Gaskammern geplant und gezeichnet worden. Von dort kamen die Pläne an die Lager.«

Hätte Jagschitz wirklich so sorgfältig recherchiert, wie er im GA den Anschein erweckt, dann hätte er im Archiv in Moskau den »Geschäftsverteilungsplan der Amtsgruppe C WVHA« (Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt) einsehen können. Dieser liegt mindestens in zwei Exemplaren vor und zwar zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Einer vom 1.7.1943 und der andere vom 1.1.1943. Hier hätte er dann die Abteilungen gefunden, die vorstehende Aufgaben tatsächlich erfüllten.

Er fährt dann fort:

»Das zweite waren die baulichen Dinge, also das eine außen, das andere innen betreffend. Es ist die Kenntnis von der Struktur innerhalb dieses Amtes IV sehr gering und man hat sich auch gar nicht sehr darum gekümmert.

Ich glaube aber, daß man dort einigermaßen fündig werden kann, daß dort konkrete Leute gesessen sind, die Spezialisten für Gaskammern waren. Es gibt, ich möchte das nicht im Detail erwähnen, einen Herren, der, wenn die Gaseinrichtungen kaputt waren, von Berlin angefordert wurde, um sie wieder zu reparieren. Das war ein gewisser Herr Eirenschmalz. Es läßt sich für mich ganz eindeutig belegen, daß hier Zuständigkeiten bestanden haben. […]«

Richtig, der Mann hatte große Zuständigkeiten! Er war im WVHA der Vertreter des Chefs der Amtsgruppe C – Bauwesen: SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS Dr. Ing. Kammler. Er war aber zugleich Chef des Amtes C/VI – Bauunterhalt, Betriebswirtschaft, Vorprüfung. Nur, der Mann war SS-Standartenführer (Oberst) und nicht Monteur für Reparaturen von Gaskammern! Sorgfältige Arbeit für das Gutachten hätte Herrn Jagschitz diese Blamage erspart. Hier wird deutlich:

  1. Es genügt nicht, für ein Gutachten Tausende von Dokumenten einzusehen, man muß sie auch im Gedächtnis behalten, verarbeiten und verstehen.
  2. Die Durchsicht von Archiven in aller Herren Länder und ferner das Durchsehen von Gerichtsaktenregalen, etc. sind nicht die Gewähr dafür, daß das daraus entwickelte Gutachten fachgerecht und richtig ist. Obige Beispiele beweisen das Gegenteil.
  3. Zu Reparaturen von speziellen Einrichtungen, das sagt die Berufserfahrung, holt man sich Personen, die diese Einrichtungen hergestellt und entwickelt haben.

Wir sind nach intensivem Studium des Gutachtens inzwischen zu der Überzeugung gekommen, daß es weder fachgerecht noch richtig ist. Wir fanden nicht einen einzigen, von Jagschitz selbst entwickelten oder erarbeiteten Beweis zum Auftrag, den er vom Gericht erhalten hat. Andererseits bestätigt Jagschitz mehrfach im Gutachtenstext, daß er im höchsten Maße voreingenommen und nicht zu objektiver Bearbeitung fähig war, einer Grundvoraussetzung für ein Gutachten. Er erklärte sich dadurch mehrfach für befangen.

Nicht nur aus den genannten Gründen haben wir uns entschlossen, eine Stellungnahme zum gesamten Gutachten zu erarbeiten. Man kann dieses weitgehend unbekannte Gutachten so nicht stehen lassen und riskieren, daß es von anderen Gerichten in Österreich als »Beweismittel« genutzt wird. Es überschreitet alle Grenzen, die durch Wahrheit und Standesehre gesetzt sind.

Inzwischen gibt es von diesem opportunistischen, sich selbst überschätzenden Gutachter bereits ein zweites, daß ebenfalls mündlich abgegeben wurde. Er ist wohl heute noch nicht fähig genug, schriftliche Gutachten zu verfassen.

W. Rademacher, M. Gärtner


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(2) (1999), S. 213f.


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