Von der Weltrevolution in die NATO · Ein Lehrstück politischer Unmoral

Von Karl-Heinz Schwind

Chauvinismus, Annexionslüsternheit und Intoleranz gegenüber ethnischen, religiösen oder rassischen Minderheiten sind nach allgemeiner Auffassung die Merkmale, an denen autoritäre, totalitäre oder rassistische Regime erkennbar werden. Dieses gilt für die ehemalige Sowjetunion genauso wie für die Staaten Mussolinis, Hitlers oder Masaryk/Beneschs. Die Tschechen nehmen in dieser Reihe aber eine Spitzenstellung ein, da sie innerhalb eines Jahrhunderts in beispielloser Gesinnungsmetamorphose abwechselnd als Faschisten bzw. Nationalsozialisten, Bolschewisten bzw. Kommunisten und Wende-Demokraten auftraten, und zwar jedesmal mit überzeugendem Impetus.

Alle diejenigen, die vorgeben, einem solchen Regime als entschiedene Gegner gegenüberzustehen, setzen sich selbst ein fragwürdiges Denkmal, wenn sie im gleichen Atemzuge liebedienerisch das heutige Tschechien bei seiner Besitzstandswahrung vorbehaltlos unterstützen.

Kein Wunder, daß von vielen Bürgern eine solche Politik als eine Art Beihilfe zur Raubsicherung angesehen wird. Sogenannte Realpolitiker pflegen sich gerne damit zu rechtfertigen, daß sie dabei historische Zusammenhänge im Auge hätten, was angesichts allgemeiner Unkenntnis der Geschichte füglich bezweifelt werden darf. Man wird eher fragen müssen: Stehen Politiker unter einem Zwang, der geheimgehalten wird?

Das jüngste Beispiel stammt aus dem Golfkrieg im Januar 1991. Kaum ein Jahr nach dem Zusammenbruch des Kommunismus bemühte sich das wendefrische ehemalige Ostblockland Tschechoslowakei intensiv um eine Teilnahme an der Militärmission gegen den Irak. Die Tschechen sahen darin eine Gelegenheit, um in den westlichen Demokratien Reputation für ihren Wunsch zu gewinnen, Mitglied in der NATO zu werden. Ihre Hinterlist zeigte sich an dem Truppenverband, den sie einbrachten: Er bestand aus einer völlig unzureichend ausgerüsteten antichemischen Spüreinheit, die allenfalls in der Etappe zu gebrauchen war. Dennoch hofften sie, mit dieser Schimäre ein paar Verluste zu erleiden, um hinterher damit auf der politischen Bühne wuchern zu können.

Schon im Ersten Weltkrieg waren die Tschechen aus der österreich-ungarischen Armee geschlossen zum russischen Gegner übergelaufen. Die Russen faßten sie in einer gut ausgerüsteten »Tschechischen Legion« zusammen, um sie wieder an der Front einzusetzen. Einer solchen Verwendung wußten sie sich abermals bis zum Waffenstillstand 1917 im Osten und während des anschließend ausgebrochenen Bürgerkrieges zu entziehen. Mit ihrem angeborenem Instinkt, sich jeweils auf die gewinnträchtigste Seite zu schlagen, schlossen sie sich schließlich den aufständischen »Roten Brigaden« an und zogen, nur am Rande kämpfend, vor allem mordend, plündernd und vergewaltigend durch das Land, bis die Revolution in Rußland gesiegt hatte.

Dabei erbeuteten sie auch den Goldschatz des Zarenreiches, den sie zusammen mit dem übrigen Beutegut in zwanzigtausend requirierte Eisenbahnwaggons verluden und 1919 aus Rußland abtransportierten. Der zaristische General Konstantin W. Sakharow bemerkt dazu in seinem Buch "Die Wahrheit über die tschechische Legion in Sibirien", das dieser gemeinsam mit dem Kölner Universitätsprofessor Dr. Martin Spahn 1932 veröffentlichte, die Tschechen hätten damals unsägliches Leid über Rußland gebracht, die Weichen für den Sieg der Bolschewisten und für die Bedrohung der ganzen Menschheit gestellt. Wörtlich schreibt Sakharow: »Durch Verrat haben sie den Bolschewisten zur Macht verholfen. Das Interesse der Welt verlangt eine eindeutige Verurteilung der Tschechen. Geschieht dies nicht, bleibt in Europa ein Staat bestehen, der Mörder, Frauenschänder und Diebe beherbergt.«

Die Engländer, Franzosen und Amerikaner, die räumlich genügend weit entfernt von ihnen leben, sind in den zwei zurückliegenden Weltkriegen nur mit vereinzelten tschechischen Legionären in Berührung gekommen, so daß ihnen solche Erfahrungen erspart geblieben sind. Deswegen scheint man sich dort auch kaum Gedanken darüber zu machen, daß die Tschechen nach dem Zweiten Weltkrieg auch das erste Volk im Ostblock waren, das freiwillig den Kommunismus angenommen hat und daß sie auch die ersten waren, die in Prag 1898, also vor genau 100 Jahren, den Nationalsozialismus aus der Taufe gehoben hatten.

Im Zuge der Osterweiterung von EU und NATO werden die Europäer heute darauf vorbereitet, die Tschechen in ihre politische Gemeinschaft aufzunehmen. Deshalb haben sie ein Recht darauf, etwas über deren herausragende Exzesse in der Geschichte zu erfahren.

Die großen Völkermorde wurden von ihnen bei der Eroberung eines eigenen Territoriums begangen, und zwar erstmals 830, als sie sich gegen ihre jüdisch-chasarischen Kriegsherren empörten, diese samt und sonders über die Klinge springen ließen und auch deren Siedlungen in Mähren und der Slowakei mit Kind und Kegel vom Erdboden tilgten. Diese Landnahme wurde von ihnen 1420 erweitert, indem sie unter religiösem Vorwand die deutsche Landesbevölkerung Innerböhmens und Innermährens bis auf Siedlungsreste, die in die Geschichte als Sprachinseln eingegangen sind, dezimierten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 schlossen sie schließlich die Annexion damit ab, daß sie auch die Randgebiete Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens, wohin die übriggebliebenen Deutschen zurückgedrängt worden waren, ins Auge faßten, deren Vermögenswerte konfiszierten und die Bewohner außer Landes trieben, soweit sie sie nicht ermordeten. Dieser vorläufig letzten "ethnischen Säuberung" der Tschechen sind abermals nahezu 300 000 Sudetendeutsche zum Opfer gefallen.

Der nachhaltige Schock, den die Frühtschechen mit dem Holocaust von 830 den Juden zufügten, hat bei diesen offenbar 600 Jahre angehalten. Nur so ist zu erklären, daß erst wieder 1439 in Prag ein jüdisches Grab auftaucht, das von dort ansässigen Juden zeugt.

Wie kann man heute in Bonn und anderswo erwarten, daß die Sudetendeutschen rascher vergessen würden? Die Schöpfung hat den Menschen auch mit Gefühlen ausgestattet, die mit gemachten Lebenserfahrungen korrespondieren und keine ethnischen, religiösen oder rassischen Schranken kennen! Massengräber lassen sich nicht reglementieren.

Literatur


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(2) (1999), S. 168.


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