Gewißheit um Werner Heisenberg

Über US-Mordpläne gegen den deutschen Atomphysiker Werner Heisenberg

Von Dr. Gerhard Sommer

Über den Willen und die Fähigkeit des Deutschen Reiches, im Zweiten Weltkrieg die Atombombe zu bauen und auch anzuwenden, hat es vielerlei Spekulationen gegeben, ähnlich wie man heutzutage auch gerne darüber spekuliert, ob Hitler erwog, jemals Giftgas einzusetzen, und wenn nein, warum nicht. Die Forschung ist indes längst zu dem Schluß gekommen, daß Hitler im Zweiten Weltkrieg offensichtlich der einzige Staatsführer war, der - wahrscheinlich aufgrund seinen persönlichen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg - rigoros gegen den Einsatz von Massenvernichtungswaffen und gegen eine menschenrechtswidrige Kriegführung gegen Zivilisten war. Unbestritten ist und bleibt zumindest, daß im Zweiten Weltkrieg allein die westalliierten Mächte jemals Massenvernichtungsmittel für den Massenmord an unschuldigen Zivilisten einsetzten, ein Faktum, über das man mit oben angesprochenen Spekulationen offenbar hinwegtäuschen will. So war es keine deutsche Atombombe, die die Welt mit totaler Vernichtung schockierte, sondern die "jüdische" aus den USA. Was bisher zudem weithin unbeachtet blieb, ist die Tatsache, daß dem US-Geheimdienst während des Zweiten Weltkrieges offenbar alle Mittel recht waren, um auch nur die Möglichkeit der Entwicklung einer deutschen Atombombe zu verhindern. Nachfolgend wird aufgezeigt, wie zu diesem Zwecke die Ermordung Werner Heisenbergs unter Zuhilfenahme seiner früheren "Freunde" und "Kollegen" geplant wurde. Man wird sich fragen dürfen, ob Werner Heisenberg das einzige Ziel derartiger US-Mordpläne war.


»Uncertainty« (Ungewißheit im Sinne von Unschärfe), so hat vor ein paar Jahren ein amerikanischer Autor seine Biographie über den Physiker Werner Heisenberg betitelt, - in Anlehnung an dessen epochale Entdeckung der Unschärferelation. Nun hat mit dem Buch eines anderen amerikanischen Autors die Ungewißheit ein Ende, auch wenn noch etliche Dekaden verstreichen werden, ehe sie im Bewußtsein der Zeitungsleser, ja sogar der Physikgebildeten, zur Gewißheit werden kann. Man hat - um nichts Geringeres geht es - Werner Heisenberg ermorden wollen. Und man ist auch nicht im Ungewissen, wer den Mordanschlag eingefädelt hat. Es waren "Kollegen", sogar "Freunde", denen Heisenberg niemals etwas zuleide getan hat oder auch nur hätte tun wollen. Es waren Schüler, frühere Assistenten, angebliche Bewunderer von Heisenbergs Genie. Es waren Physiker, deren Namen zu häufig genannt werden, als daß man sie als bloße Randfiguren der Physikgeschichte bezeichnen könnte. Thomas Powers (Heisenbergs Krieg - Die Geheimgeschichte der deutschen Atombombe, New York 1993; deutsche Übersetzung: Hamburg 1993) hat die Entführungs- und Mordpläne auf Grund kürzlich freigegebener englischer und amerikanischer Geheimdienstakten in einer umfangreichen Monographie zur Sprache gebracht. Freilich nicht in der Weise, wie heute üblicherweise die von Nationalsozialisten oder von Faschisten ausgeheckten Mordpläne aufbereitet werden. Er hat sie in winzige Partikel zerlegt und auf weite Strecken seines Buches verteilt. Wie sich's gehört, wenn ein Tabu der Zeitgeschichte die Lektorats-Zensur passieren soll. Wie es eben üblich ist, wenn man den Faschismus der Antifaschisten umständehalber nicht beim Namen nennen kann. Der mörderisch aufgelegte Herrenclub, der auch seine Weltneuheit der alles verseuchenden Atombombe nie zu verantworten brauchte, hat selbstverständlich Ausreden beigebracht, Beschönigungen für angebracht gehalten. Im Fall des Massenmordens von Hiroshima und Nagasaki wie im Fall des um ein Haar gelungenen Kollegenmordes. Der Autor zeigt nicht selten Verständnis dafür. Aber mildernde Umstände sollten doch wohl, wie bei jedem ordentlich geführten Kriminalprozeß, nicht schon bei der Bestandsaufnahme in Betracht gezogen werden. Thomas Powers hat in seinem Buch die Mörderspuren nicht eigentlich verwischt. Aber er hat sie, was die wahren Anstifter und Täter betrifft, in einer ungeheuren Anhäufung von belanglosen Nebensächlichkeiten versteckt. Man muß nach ihnen suchen wie nach der sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen. Doch wer sucht, der wird hier fündig.

Werner Heisenberg, * 5.12.1901, † 1.2.1976

Die nackten Fakten bringt Powers deutlich genug zur Geltung: Das amerikanische Office of Strategic Services (OSS) verfolgte ab etwa Dezember 1943 den Plan, Heisenberg über die Schweiz aus Deutschland zu entführen und beauftragte einen Colonel Eifler damit, eine Spezialeinheit zusammenzustellen. Das Hauptproblem um diese Zeit bestand darin, daß der Aufenthaltsort von Heisenberg nicht genau bekannt war. Als durch die Indiskretionen von Gentner gegenüber dem Züricher Physiker Scherrer, der dem OSS laufend Berichte zukommen ließ, bekannt wurde, daß sich Heisenberg in Hechingen aufhielt, wurde beschlossen, sich von Eifler zu trennen. Powers vermutet, daß man das Vertrauen zu seiner Fähigkeit, die Operation still und heimlich durchzuführen, verloren hatte:

»Das nimmt kaum wunder, Eiflers bis zu offener Brutalität gesteigerte Art, Aufgaben nach der Devise "Auf den Feind mit Gebrüll!" anzugehen, konnte nicht verborgen bleiben.« (Powers, S. 430)

An Eiflers Stelle wurde im August 1944 ein anderer Mann mit einem anderen Auftrag betraut: Morris Berg, ein ehemaliger Baseball Star, sollte Heisenberg während eines von Scherrer in Zürich organisierten physikalischen Kolloquiums ermorden. Damit wurde ein Vorschlag wieder aufgegriffen, der bereits im Oktober 1942 gemacht worden war, als Heisenberg zum ersten Mal zu seinem "Freund" Scherrer nach Zürich reiste. Ich verzichte auf den folgenden zwei Seiten auf jeden Kommentar. Ich stelle lediglich die weit verstreuten Partikel aus Powers' versteckter Darstellung so zusammen, daß eine offenkundig geradlinig abgelaufene Geschichte eine geradlinig lesbare Ausdrucksform erhält. (Seitenzahlen im folgenden Text nach der deutschen Ausgabe, die bei Powers angeführten Nachweise werden übergangen).

»[...] In der letzten Oktoberwoche des Jahres 1942, vermutlich am 26. oder 27., erhielt Hans Bethe einen Anruf von Victor Weisskopf, der ihm aufgeregt mitteilte, er habe soeben einen Brief von Pauli in Princeton [mit zwei Informationen] erhalten.« (S. 262)

»[...] Die zweite Information bezog sich auf die Nachricht, daß Heisenberg sich zu Besuch in Zürich aufhalten werde, um im Dezember [1942] an der Universität einen Vortrag zu halten, also in etwas mehr als einem Monat. Bethe und Weisskopf waren sich darin einig, daß die Alliierten auf diese Weise eine Chance erhielten, das deutsche Atombombenprogramm mit einem einzigen kühnen Schlag lahmzulegen: mit der Entführung Heisenbergs auf neutralem Boden.« (S. 263)

»[...] Weisskopf und Bethe waren alles andere als kriegerisch gestimmte Männer, aber hier ging es nun einmal um Krieg, sie waren überzeugt, daß Heisenberg an einer Atombombe arbeitete, sie hatten eine glänzende Idee, und sie beeilten sich, diese Idee dem Manne zur Prüfung vorzulegen, der, wie sie wußten, einen direkten Draht zu den Behörden hatte: Robert Oppenheimer. Oppenheimer antwortete bereits am nächsten Tag, dankte Weisskopf für seinen "interessanten Brief" und teilte ihm mit, daß er von den wesentlichen Tatsachen bereits Kenntnis gehabt und sie an "die entsprechenden Dienststellen" weitergeleitet habe, daß er sich aber auch "erlaubt habe, Ihren Brief" ebenfalls beizulegen.« (S. 265)

»[...] Als Bethe Ende der ersten Dezemberwoche wieder zurück in Cambridge war, suchte er Samuel Goudsmit auf. Goudsmit hatte offiziell keine Kenntnis vom amerikanischen Atombombenprojekt, doch wie die meisten Physiker - vor allem die, die aus Europa stammten - wußte er von Freunden, daß etwas im Gange war. Bethe zeigte ihm die Nachricht in Paulis Brief, und Goudsmit stimmte sofort zu, daß die Gelegenheit, sich in Zürich Heisenbergs zu bemächtigen, nicht vertan werden dürfe.« (S. 267; Goudsmit schrieb in diesem Sinne sofort einen Brief, der englische Geheimdienstkreise erreichen sollte und auch erreicht hat.)

»[...] Das amerikanische Atombombenprogramm wurde erst im Juni 1942 von der US-Armee übernommen, und General Leslie Groves, der im September mit der militärischen Leitung des Projekts betraut wurde, befaßte sich fast ein Jahr lang hauptsächlich mit Fragen der inneren Sicherheit, ehe er einem seiner Mitarbeiter den Auftrag erteilte, Informationen über die Deutschen [d.h. ein eventuelles deutsches Atombombenprogramm] zu beschaffen.« (S. 217)

»[... Man hatte Groves] regelmäßig die alarmierenden Memoranden von Projektwissenschaftlern zugeleitet, und Groves war zu dem Schluß gekommen, sie würden erst dann "bei der Stange bleiben", wenn er sie überzeugte, daß die Deutschen und ihre Aktivitäten Ziel einer ernstzunehmenden Abwehroperation waren. Aber die Wissenschaftler zu beschwichtigen war nicht Groves' einziges Motiv, im Hinblick auf die Deutschen initiativ zu werden.« (S. 299)

»[...] Groves führte Robert Furman [dem neuen Leiter seiner eigenen geheimen Abwehrorganisation] die beiden Aspekte seines Problems vor Augen: wenig oder keine Information über die Deutschen, und eine lähmende Furcht unter den Wissenschaftlern, die auf die Militärs wütend seien, weil diese die von Deutschland ausgehende Gefahr nicht ernst nähmen. Die Tätigkeit, die Groves Furman zugedacht hatte, würde beiden Problemen des Generals gerecht werden. Furman sollte mit Hilfe der beunruhigten Wissenschaftler selber Informationen über die Deutschen beschaffen; später könnte es dann noch einige spezielle Projekte für ihn geben.« (S. 301)

»[...] Die Bombardierung deutscher Städte war eine reine Routineangelegenheit, nicht jedoch die Entscheidung, den [Berliner] Vorort Dahlem als Einsatzziel anzufliegen. In einer seiner zahlreichen, nach dem Kriege entstandenen zeitgeschichtlichen Notizen erwähnt Groves "die Bombardierung des Berliner Vororts Dahlem, die wir auf meine Bitte hin unternahmen, um die deutschen Wissenschaftler aus ihren komfortablen Wohnungen zu vertreiben." Groves Aktion war ein voller Erfolg.« (S. 465)

»[...] Bethe und Weisskopf behaupten [in Interviews mit dem Autor], sie seien nicht zugegen gewesen, als Groves der Vorschlag gemacht wurde, Heisenberg zu töten, aber beide stimmen darin überein, der Vorschlag habe durchaus zu anderen kaltblütigen Entscheidungen gepaßt, die von Oppenheimer während des Krieges getroffen worden seien.« (S. 355)

»[...] Die Rolle, die Oppenheimer, Weisskopf, Bethe, Morrison und Goudsmit bei den Überlegungen gespielt haben, Heisenberg zu entführen oder zu töten, sollte erhebliche Auswirkungen auf die Art und Weise haben, wie sie ihn nach dem Krieg behandelten. Insbesondere sollten sich alle - auch Niels Bohr - nur schwer mit der Tatsache abfinden, daß Heisenberg - anders als ihnen - so etwas wie die Entschlossenheit, um jeden Preis die erste Atombombe der Welt zu bauen, völlig abging.« (S. 356)

»[...] Bereits seit Dezember 1943 hatte Groves den Vorschlag weiterverfolgt, Heisenberg entführen zu lassen. Das OSS hatte sich dazu bereit erklärt und mit der Durchführung des Auftrags Colonel Carl Eifler betraut. Doch selbstverständlich konnte keine Operation fortgeführt werden, ohne eine fundamentale Tatsache geklärt zu haben - wo man Heisenberg finden könnte.« (S. 394)

»[...] Es war Wolfgang Gentrier, der - völlig ahnungslos - Heisenberg für die Amerikaner fand.« (S. 395)

»[...] Man ließ Eifler in keinem Zweifel darüber, daß dem Überleben Heisenbergs im Rahmen der Operation keineswegs höchste Priorität zukam. "Okay", sagte Eifler, "ich hab' ihn in die Schweiz geschafft, wir sind bereit, ihn jetzt rauszubringen, aber ich soll gerade von der Schweizer Polizei verhaftet werden - was mach' ich dann?" Man sagte ihm: "Sehen Sie zu, daß sein Kopf nicht in die Hand des Feindes fällt." "Die einzige Möglichkeit, das zu erreichen", meinte Eifler, "ist, ihn zu töten. Also bring' ich ihn um, und die Schweizer Polizei verhaftet mich - was passiert dann?!" "Dann haben wir nie von Ihnen gehört."« (S. 364)

»[...] Am 23. Juni 1944 wurde Eifler mitgeteilt, die Entführung Heisenbergs sei vom Manhattan Engineering District abgeblasen worden, und für den geänderten Befehl gab man eine äußerst dürftige Erklärung: das Projekt sei nicht mehr erforderlich, der Wettlauf um eine neuartige Bombe sei vorbei - "Wir haben das Atom geknackt", wurde Eifler gesagt.« (S. 429).

Vernichtungswütige Physiker: von links: Niels Bohr, Robert Oppenheimer, Richard Feynman, Enrico Fermi (http://sage.me.utexas.edu/~uer/manhattan/people.html)

»[...] Aber der Versuch, Heisenberg zu entführen oder womöglich zu ermorden, war, wie wir noch sehen werden, keineswegs aufgegeben worden. Ein neues Unternehmen wurde im Laufe des Sommers 1944 vorbereitet, und es wurde Morris Berg für eine Aufgabe ausgesucht, der innerhalb des neuen Vorhabens eine ständig wachsende Bedeutung zukam.« (S. 431)

»[...] Berg war Jude, aber nicht der Antisemitismus der Nazis erbitterte ihn - es war die Bücherverbrennung.« (S. 406)

»[...] Während Berg in London darauf wartete, daß es mit der geplanten Operation voranging, blieb er jedoch keineswegs untätig. Auf langen Spaziergängen auf dem Lande erhielt er eine Art Intensivkursus in Atomphysik, den ihm ein alter Freund aus Princeton, der Physiker H. P. Robertson, erteilte. Und er erhielt zahlreiche Telegramme und Briefe mit der Diplomatenpost, darunter einen von [dem OSS Agenten] Loofbourow in Zürich, in dem dieser unter anderem ausführte, daß man durch ein Geschenk von 100 g schwerem Wasser für Versuche mit dem Zyklotron seines Instituts den Weg zum Herzen Scherrers öffnen würde.« (S. 530)

»[...] Am 10. [Dezember 1944] überquerte Berg den Ärmelkanal in Richtung Paris, wo er mit Tony Calvert [einem Mitglied des Sicherheitsstabes des Manhattan-Projektes] und Sam Goudsmit sprach. Goudsmit überreichte Berg einen kleinen Behälter mit schwerem Wasser, den er in Straßburg mitgenommen hatte - ein Geschenk für Paul Scherrer. Einige Tage später reiste Berg in die Schweiz ab.« (S. 532)

»[...] Unter Bergs handschriftlichen Notizen befindet sich ein kurzer, bruchstückhafter Bericht über die in Paris geführten Gespräche. Es war Tony Calvert, der ihm mitteilte, das OSS habe soeben von Heisenbergs unmittelbar bevorstehender Ankunft in Zürich erfahren. Berg schrieb: "...Pistole in meiner Tasche." Dann in der nächsten Zeile: "nichts herausgefunden, aber - Heisenberg muß hors de combat [außer Gefecht] gesetzt werden."« (S. 533)

»[...] Wenigstens zweimal während der acht oder neun Tage, die Heisenberg in Zürich verbrachte, kam er in enge Tuchfühlung mit einem OSS-Agenten [Morris Berg], der eine Pistole bei sich trug und ausdrücklich befugt war, ihn zu töten. Es war Heisenbergs Freund Paul Scherrer, der ihn nach Zürich eingeladen hatte, der die OSS-Leute auf dem laufenden hielt und der dafür sorgte, daß der OSS-Agent anwesend war... Scherrer selbst hat nie Aufzeichnungen über die Rolle, die er im Kriege spielte, hinterlassen; nach seinem Ausscheiden aus der ETH vernichtete er die meisten Papiere, und anscheinend hat er mit Freunden auch nie über die Kriegsjahre gesprochen. Viele seiner Studenten wußten jedenfalls nicht, daß Scherrer über einen Zeitraum von fast zwei Jahren ausgedehnte Kontakte zum OSS unterhielt, und auch Scherrers alter Freund Wolfgang Pauli beklagte in späteren Jahren, daß Scherrer sich über den Krieg ausschwieg. Die einzigen erhaltenen Beweise für das, was Scherrer von diesen Dingen hielt, finden sich in OSS-Telegrammen, in denen er seine Ansichten und Meinungen mitteilte, sowie in Notizen, die sich Morris Berg während seiner Gespräche mit Scherrer machte.« (S. 537)

»[...] Berg traf zusammen mit dem OSS-Offizier Martinuzzi rechtzeitig an der in der Rämistraße gelegenen Universität Zürich ein, wo am 18. Dezember um 16.15 Uhr das Seminar über theoretische Physik beginnen sollte. Es gab keinerlei Sicherheitsvorkehrungen; jedem stand es frei, Heisenbergs Vortrag in dem kleinen Raum im ersten Stock zu besuchen.« (S. 540)

»[...] Berg, der in der zweiten Reihe saß, kritzelte eine Art laufenden Kommentars aufs Papier. Er erregte Heisenbergs Aufmerksamkeit. "H. gefällt mein Interesse an seinem Vortrag", notierte Berg. [...] Berg schrieb: "Während ich zuhöre, bin ich mir nicht sicher - siehe Heisenbergs Unschärferelation -, was mit H. geschehen soll [...] diskutiert Mathe[matik], während Rom brennt - wenn die wüßten, was ich denke."« (S. 541)

»[...] Berg unternahm nichts.« (S. 542)

»[...] Drei oder vier Jahre nach dem Krieg schilderte Berg die Episode seinem Freund Earl Brodie. Brodie erinnert sich: "Er sagte, man habe Heisenberg aus Deutschland herausbekommen und in die Schweiz bringen wollen, wo er einen Vortrag halten sollte. Berg sei entsandt worden, um Heisenberg zu erschießen, er habe es aber nicht getan. Er sei in Physik gedrillt worden, um auf bestimmte Dinge achten zu können. Falls irgend etwas, was Heisenberg sagte, Berg zu der Überzeugung kommen ließ, daß die Deutschen schon kurz vor der Herstellung einer Atombombe standen, dann sei es sein Auftrag gewesen, ihn zu erschießen, mitten im Vortragssaal. Wahrscheinlich wäre Berg selber dabei ums Leben gekommen - es hätte keinen Fluchtweg gegeben. Berg hörte Heisenberg sehr aufmerksam zu und entschied, daß die Deutschen von der Bombe noch weit entfernt waren, und deswegen habe er es nicht getan.« (S. 534)

Leo Szilard, hier zusammen mit Albert Einstein, dem geistigen Urvater der Atombombe und Fürsprecher für deren Einsatz gegen Deutschland, half bei der Ingangsetzung des "Manhattan Projekts" zum Bau der US-Atombombe. Zusammen mit Enrico Fermi gelang Szilard die erste Kettenreaktion. Beide Physiker hatten zuvor Deutschland aufgrund der dortigen Judenfeindschaft verlassen.

Die so überaus bequeme Schutzbehauptung der alliierten Physiker - vor allem jener, "die aus Europa stammten" -, sie hätten an der amerikanischen Atombombe aus nackter Angst vor einer deutschen Atombombe gearbeitet, der man unbedingt zuvorkommen mußte, durchzieht die Geschichte der Hiroshima- und Nagasaki-Bombe wie ein Ritual. Niemand hat in den verstrichenen 50 Jahren die Motive dieser Leute wirklich unter die Lupe genommen. Auch Thomas Powers bringt diese Schutzbehauptung immer wieder vor. Aber das Buch von Powers bietet andererseits erstmals Fakten, die solche Ausflüchte kaum länger haltbar erscheinen lassen. So wurde beispielsweise General Groves am 5. Januar 1944 durch ein förmliches Schreiben der englischen Alliierten davon unterrichtet, daß die deutsche Atombombe sozusagen ein reines Hirngespinst ist:

»Sämtliche uns zur Verfügung stehenden Dokumente lassen uns zu dem Schluß kommen, daß die Deutschen an keinerlei umfangreichen Vorhaben im Hinblick auf irgendeinen Teilaspekt von TA [Tube Alloys, dem englischen Code für die Atombombe] arbeiten. Wir glauben vielmehr, daß nach einer ersten gründlichen Prüfung des Projektes die Arbeit der Deutschen sich nunmehr auf rein wissenschaftliche Forschung in kleinem Umfang beschränkt, von der ein Großteil in den laufenden Ausgaben ihrer wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wird.« (Powers, S. 391)

Diese Einschätzung der Lage, die sich im übrigen als völlig zutreffend erwiesen hat, wurde aus Gründen, die auch für kritische Autoren immer noch nicht zur Untersuchung freigegeben sind, von General Groves zwar höflich, aber als belanglos abgetan. Der Leser muß seine eigenen Schlüsse ziehen. Das zentrale Wort ist wohl schon gefallen: Um seine Wissenschaftler "bei der Stange zu halten". Zumindest jene, die nicht aus bloßem Revanchesinn eine Bombe haben wollten. Denn man kann sich selbstverständlich nicht bei allen Juden auf das jüdische Gegenstück zum Antisemitismus verlassen.

Thomas Powers scheint nicht zu jenen Autoren zu gehören, die nicht wissen, wovon sie schreiben. Er gehört zu denen, die wissen, - aber nicht sagen, was sie denken. Er hat immerhin gewagt, nicht alles nachzubeten. Die Schlußapotheose, die er für Oppenheimer, einem der großen Henker der Menschheit, bereithält, ist es wert, hier ungekürzt zitiert zu werden:

»Als Oppenheimer [nach dem ersten Atombombentest am 16. Juli 1945] zum Basislager zurückkehrte und aus dem Jeep stieg, verrieten sein Blick, seine Haltung, sein Gang, so Oppenheimers Freund I. I. Rabi, ein unbeschreibliches Triumphgefühl. Rabi selber hatte es abgelehnt, an der Bombe mitzuarbeiten; ihm war die Vorstellung zuwider, daß so der Höhepunkt von drei Jahrhunderten physikalischer Forschung aussehen sollte. Aber er hatte sich bereit erklärt, Oppenheimer, wenn er überarbeitet war, zu unterstützen, ihn aufzumuntern, wenn er verzweifelte, und seinen Triumph in Alamogordo [dem Testgelände] mitzuerleben. "Sein Gang war wie in Zwölf Uhr mittags", sagte Rabi. "Ich glaube, so kann ich es am besten beschreiben - diese Art von stolzem Gang. Er hatte es getan." Die Hochstimmung hielt selbst noch nach Hiroshima an. Zu denen, die am 6. August 1945 in Los Alamos waren, als über die Lautsprecheranlage bekanntgegeben wurde, daß eines der Labor"elemente" gegen Japan eingesetzt worden sei, gehörte der junge Physiker Sam Cohen. Er erinnerte sich lebhaft an das Pfeifkonzert, das Bravogebrüll und das Beifallsgetrampel, das an diesem Abend in einem Auditorium herrschte, als Oppenheimer den Saal von hinten betrat - nicht wie sonst üblich aus dem Hintergrund der Bühne - und sich durch die jubelnde Menge über den Mittelgang nach vorne begab. Vorne reckte er dann die ineinander verschränkten Hände in die Höhe, in der klassischen Pose eines Profiboxers, der sich zu seinem Sieg beglückwünscht. Als er endlich sprechen konnte, klang in seinen Worten nicht die Spur eines Bedauerns, ja er zögerte nicht, der versammelten Menge etwas vorzuspielen. Woran sich Cohen erinnert, ist das Auskosten eines einmaligen Triumphgefühls: "Es sei noch zu früh, um die Folgen des Bombenabwurfs zu beurteilen, aber er sei sicher, daß er den Japanern bestimmt nicht gefallen habe. Mehr Jubel. Er sei stolz auf das, was wir erreicht hätten, und er zeige es auch. Noch mehr Jubel. Und er bedaure nur, daß wir die Bombe nicht rechtzeitig entwickelt hätten, um sie gegen die Deutschen einzusetzen. Hier brach nun ein wahrer Sturm der Begeisterung los." (Powers, S. 625)

Vor ein paar Jahren, als ich in der New York Times nach etwas ganz anderem suchte, stieß ich im Jahresindex auf den Eintrag: »German refugees role in Atomic Bomb creation discussed« (Die Rolle der deutschen Flüchtlinge beim Bau der Atombombe). Es handelte sich um eine vierteilige Artikelserie zur Erläuterung der Atombombe für Laien. Autor der Serie war William L. Laurence, einer der damaligen Starjournalisten des durch und durch beschnittenen Blattes, wie Karl Kraus gesagt haben würde. Teil 3, publiziert am 28. September 1945, also sieben Wochen nachdem Hiroshima in ein radioaktives Trümmerfeld verwandelt worden war, trägt den Titel: »Atom Bomb Based on Einstein Theory« (Atombome basiert auf der Einstein-Theorie). Der Name des Entdeckers der Kernspaltung, Otto Hahn, kommt in der gesamten Serie nirgends vor. Teil 4, publiziert am folgenden Tag, trägt den Titel: »Atomic Factories Incredible Sight« (Unglaublicher Anblick: Atomfabriken) und beschreibt in hymnischen Zeilen, wer die Schöpfer der Bombe sind und wo sie erschaffen wurde: »The design and construction of the bombs called for the concentration of the most powerful "beam" of collective intelligence ever brought to bear upon any single project. Some of the outstanding minds in this group came to us as exiles from Nazi and Fascist fury.« (Der Entwurf und Bau der Bomben erforderte die Ansammlung der mächtigsten kollektiven Intelligenz, die je dazu gebracht wurde, sich mit einem einzigen Projekt zu beschäftigen. Einige der hervorragendsten Geister in dieser Gruppe kamen zu uns als Exilanten vor dem Nazi- und Faschistenzorn). Den Rest möchte ich in Übersetzung wiedergeben, denn ich verstehe mich auf faschistischen Kitsch genau so gut wie Mr. Laurence:

»Verborgen in den Mesas und Canyons von Neu Mexiko, überragt von den Gebirgszügen des majestätischen Sangre de Christo, die bei Sonnenaufgang und in der Abenddämmerung wie Feuerberge erscheinen, ist dieser Ort, Los Alamos, der "Mars-ähnlichste" unter allen Orten im "Atomland des Mars". Hier stößt man bei Schritt und Tritt auf Unglaubliches. Hier legt eine neue Spezies Mensch, der Mesa-Mensch, die Grundlagen der Zivilisation der Zukunft.«

Mr. Laurence, das bemerkte ich etwa zwei Jahre nach dieser Lektüre in der New York Times, war der einzige Journalist, der den ersten Atombombentest mit eigenen Augen miterleben durfte. Der Mann, der ihn bei dieser Gelegenheit durch die hochgeheimen Örtlichkeiten führte und ihm sozusagen die Feder hielt, war der spätere Einstein- und Nobelpreisträger Richard P. Feynman. Er hat noch 1985 eine bemerkenswerte Weltanschauung vertreten:

»Die Deutschen hatten Hitler, und die Möglichkeit, eine Atombombe zu entwickeln, war völlig klar, und die Möglichkeit, daß sie die Bombe bauen würden, bevor wir es taten, war ein richtiges Schreckbild. Da entschloß ich mich [nach Los Alamos] zu gehen.« (S. 108)

»[...] Wir wurden, nebenbei gesagt, von Oppenheimer und anderen Leuten rekrutiert... Er war ein wunderbarer Mann. (S. 110)

»[...] Ich wurde schließlich Gruppenleiter unter Bethe und hatte vier Leute unter mir. (S. 112)

»[...] Zuerst war ich ein Handlanger. Später wurde ich Gruppenleiter. Und ich habe sehr große Leute kennengelernt. Es ist eines der großen Erlebnisse meines Lebens, all diese wunderbaren Physiker kennengelernt zu haben. (S. 132)

»[...] Da war außerdem John von Neumann, der große Mathematiker. Wir gingen sonntags oft wandern. Wir durchstreiften die Canyons, häufig zusammen mit Bethe und Bob Bacher. Es war ein großes Vergnügen. Und von Neumann hat mir eine interessante Idee eingeflößt: Daß Du Dich für die Welt in der Du lebst, nicht verantwortlich zu fühlen brauchst. So habe ich als Ergebnis des Rates von Neumann einen sehr wirksamen Sinn für soziale Verantwortungslosigkeit entwickelt. Das hat mich seither sehr glücklich gemacht. Aber es war von Neumann, der das Samenkorn für meine aktive Verantwortungslosigkeit gelegt hat.« (Seite 132; alle Zitate aus: Richard P. Feynman, Surely You're Joking, Mr. Feynman, New York 1985).

Ich erwog schon damals den Gedanken, ob es sich bei diesen "Mesa-Menschen", welche "die Grundlagen der Zivilisation der Zukunft" gelegt haben, nicht ganz einfach um Judeo-Nazis handelt, die, wie Israel Shahak immer wieder hervorhebt, in Amerika ganz besonders ins Kraut schießen. Seit ich das Buch von Thomas Powers gelesen habe, das den treffenderen Titel: Der Krieg von Heisenbergs Kollegen - Die Insgeheimgeschichte der mesaischen Atombombe verdient hätte, bin ich dessen absolut sicher.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(2) (1999), S. 182-186.


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