"Madagaskar für die Juden"

Magnus Brechtken, Madagaskar für die Juden. Antisemitische Idee und politische Praxis 1885-1945, Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 53, Oldenbourg Verlag, München 21998, X, 336 S., DM 88,-.

Hans Jansen, Der Madagaskar-Plan. Die beabsichtigte Deportation der europäischen Juden nach Madagaskar, aus dem Niederländischen von Markus Jung, Ulrike Vogl und Elisabeth Weissenböck, Herbig, München 1997, 591 S., DM 98,-.

Fast gleichzeitig erschienen 1997 auf dem deutschen Büchermarkt die zwei hier besprochenen Werke, die sich mit dem Thema "Madagaskar-Plan" befassen und die Genese dieses Planes ausführlich darlegen. Darüber hinaus sind diese Werke jedoch eine kurzgefaßte Geschichte der antisemitischen Bewegungen in Europa seit dem Ende des 19. Jahrhunderts - jedenfalls soweit diese mit dem Thema Madagaskar in Zusammenhang stehen.

Madagaskar, die ca. 600 000 qkm große Insel im Indischen Ozean, östlich von Afrika, in der Höhe von Mosambik, war zu Beginn dieses Jahrhunderts im Gespräch als Verbannungsort für die europäischen Juden. Verschiedene Persönlichkeiten und Organisationen aus unterschiedlichen Ländern machten sich für die Idee stark, die Juden aus Europa auszuweisen und sie auf eine Insel zu verbannen. Die Gründe waren teils religiöser, teils rassentheoretischer Natur.

Das Stichwort "Madagaskar" fiel zum ersten Mal 1885 in einem Artikel des deutschen Kulturphilosophen Paul de Lagarde (1827-1891) mit dem Titel "Über die nächsten Pflichten deutscher Politik". Darin erhob er die Forderung, daß für deutsche Siedler im westlichen Teil Rußlands Gebiete erworben werden sollten. Anläßlich der geplanten Völkerverschiebung sollten, so schreibt er, die Juden Polens, Rußlands und Österreichs, "nach Palästina oder noch lieber nach Madagaskar" geschafft werden (Brechtken, S. 16). Das war jedoch lediglich eine marginale Bemerkung, der kein konkreter Plan zugrunde lag.

Lagardes Gründe waren rein religiöser Natur. Als Theologe sah er einen diametralen Unterschied zwischen Altem und Neuem Testament. Nach seiner Meinung hatte sich Jesus von der jüdischen Kultur und Tradition, wie sie sich im ersten Jahrhundert mit dem Aufkommen des Pharisäismus zu entfalten begann, bedingungslos getrennt und eine andere Ethik vertreten. Das Judentum, so wie es sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt habe, sei das gerade Gegenteil zu den christlichen Wertvorstellungen. Die Anwesenheit von Juden in christlichen Ländern zerstöre deren Eigenart und Kultur. Lagarde:

»Wir Europäer, wir Christen, sind nicht das, was wir sein sollten, wenn noch Juden unter uns sind.« (Jansen, S. 49)

»Paul de Lagarde war [...] der erste, der den Vorschlag machte, daß die Judenfrage am besten gelöst werden könnte, indem man die Juden nach Madagaskar schickte. Er war jedoch nicht der erste [...], der verlangte, daß sie überhaupt aus Europa verschwinden müßten. Zahlreiche Philosophen hatten dafür plädiert, die Juden nach Palästina zu verbannen, da die Kluft zwischen jüdischer und christlicher Kultur nun einmal unüberbrückbar schien.« (Jansen, S. 48)

»Es besteht kein Zweifel darüber, daß Lagarde mit seinen Auffassungen zur Judenfrage sowohl gemäßigte Antisemiten wie Stöcker und Treitschke beeinflußt hat als auch ausgesprochen rassistische Judenhasser wie Wilhelm Marr, Liebermann von Sonnenberg, Otto Boeckel und Theodor Fritsch. Alle priesen seine Meinung über die Juden, aber nur die rassistischen Judenhasser stimmten seinem Vorschlag zur Lösung der Judenfrage uneingeschränkt zu.« (Jansen, S. 50)

Zu den »rassistischen Judenhassern«, wie Jansen es ausdrückt, gehörte Henry Hamilton Beamish, der Gründer und Präsident der »Britons«. Zweck dieser Organisation war es, »das Geburtsrecht der Briten zu schützen und die britische Gesellschaft vor fremden Einflüssen« zu bewahren. Zu den Fremden zählten sie in erster Linie die Juden (Jansen, S. 60). Beamish vertrat ganz ungeniert die Idee der zwangsweisen Absonderung (»compulsory segregation«, Brechtken, S. 34) und sah dafür zunächst Palästina vor. Das ergab sich zwangsläufig nach der »Balfour Declaration« vom 2. November 1917, mit der der britische Außenminister die »Gründung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina« befürwortet hatte (Jansen, S. 455). Erst der Widerstand aus römisch-kirchlichen Kreisen gegen diese Idee (Jansen, S. 67-72) veranlaßte Beamish als neues Zielland Madagaskar vorzuschlagen und in Zukunft vehement zu verteidigen. Er verbreitete seine Idee in zahlreichen Zeitungsartikeln und auf Vortragsreisen, die ihn in die ganze Welt führten. So trat er u.a. am 18. Januar 1923 auf einer Veranstaltung der Nationalsozialisten im Münchner Zirkus Krone auf, wo zunächst Adolf Hitler vor ca. 7.000 Zuhörern gesprochen hatte. Er pflegte auch weiterhin den Kontakt zu nationalsozialistischen Kreisen, die durch ihn wohl zum ersten Mal mit der Idee "Madagaskar" in Berührung kamen.

Die Madagaskar-Idee wurde von da an von zahlreichen antisemitischen Gruppen vertreten und auf internationalen Antisemiten-Kongressen diskutiert.

Als nächster Vertreter dieser Vorstellung trat Egon van Winghene auf die Bühne, dessen wirklicher Name, Herkunft und Nationalität den meisten unbekannt blieb. Er begründete die Wahl seiner zahlreichen Pseudonyme mit der Gefahr, die sich für ihn ergeben könnte, wenn er über die Judenfrage schriebe, denn die Juden würden versuchen, sich an ihm zu rächen (Jansen, S. 73). Brechtken hat in Detektivarbeit den Schleier, den er über seinen Namen gebreitet hat, gelüftet (Brechtken, S. 43ff.).

1931 erschien Winghenes Werk Arische Rasse, Christliche Kultur und das Judenproblem, in welchem er die Juden für den Verfall der europäischen Kultur verantwortlich macht.

»Wer sind denn die Mädchenhändler und die Händler von Opium, Kokain und Äther? Wer verseucht Sitte und Moral in Wort und Schrift und Bild? Wer überschwemmt die Welt mit Nacktheit, Bettauer-, Freud- und Hirschfeld-Schweinereien, mit Negerweisen und Negertänzen? [...] Wer propagiert die Kinderlosigkeit und zerstört die christliche Ehe? Es sind immer die gleichen volksfremden Elemente und die von ihnen verführten oder bestochenen "Revoluzzer" unter den Ariern!« (Jansen, S. 83)

Die Lösung all der Probleme sieht er in der Verbannung der Juden auf die Insel Madagaskar, die, im Gegensatz zu Palästina, groß genug sei, um alle Juden Europas aufzunehmen. Dort sollten sie ihren eigenen Staat gründen dürfen, der jedoch der Kontrolle der christlichen Nationen unterliegen müsse (Jansen, S. 87f.)

Winghene verwahrte sich dagegen, "Antisemit" genannt zu werden. Es gehe

»um weit Höheres, als um Pogrome und um Radau-Antisemitismus, den wir als sinnlos, weil ergebnislos, ablehnen. Es geht doch um die Rettung unserer Rasse, unserer Völker, unserer Kultur, unserer Ideale, unserer Zukunft und nicht zuletzt unseres Friedens vor feindlicher Heimtücke. Es gilt demnach vor allem Pro-Arier zu sein, nicht Anti-Semit.« (Brechtken, S. 39)

Sein Haupttätigkeitsfeld war ab 1933 die Zeitschrift Welt-Dienst im Erfurter U. Bodung-Verlag. Er leitete diesen Verlag zusammen mit seinem Gründer, Ulrich Fleischhauer, und propagierte dort unermüdlich die Madagaskar-Idee. Gelegentlich gab es Differenzen, mit der nationalsozialistischen Regierung, die seine diversen Vorschläge auf Schaffung aller möglichen Einrichtungen, die der Aufklärung über die »Judengefahr« und der Propagierung einer zwangsweisen Ausweisung dienen sollten, regelmäßig nicht beantwortete. Das zunächst positive Gewährenlassen der beiden Herren des Welt-Dienstes wandelte sich im Lauf der Zeit aber in Bespitzelung und argwöhnische Ablehnung. Winghene verließ schließlich den Verlag und ging nach Budapest, wo sich seine Spur verlor. Der Madagaskar-Gedanke wurde jedoch vom Welt-Dienst weiterhin vertreten (Brechtken, S. 56f.)

In den zwanziger und dreißiger Jahren taucht noch eine Reihe weiterer Namen von Persönlichkeiten auf, die sich für die Idee einer jüdischen Siedlung auf Madagaskar stark machen, darunter vor allem Engländer und Franzosen. Aber ihnen allen mangelte es an konkretisierbaren Vorschlägen.

Es war Polen, das 1926 als erstes Land mit einem konkreten Plan zur Aussiedlung der Juden nach Madagaskar an die Öffentlichkeit trat. Die polnische Regierung nahm Kontakte zu dem französischen Kolonialminister auf, der seinerseits die Frankreich unterstehende Insel für die Einwanderung von Juden zur Verfügung stellen wollte. Sowohl Brechtken (S. 81-165) als auch Jansen (S. 111-175) berichten sehr ausführlich über diese Bestrebungen, die aber alle im Sande verliefen.

In Deutschland hatte man seit dem Haavara-Abkommen vom August 1933[1] vor allem Palästina als Auswanderungsland für deutsche Juden im Sinn. Der arabische Widerstand bewog hingegen England, das das Mandat über Palästina hatte, im Laufe der Jahre die Zuzugsmöglichkeiten für Juden immer weiter einzuschränken. In der deutschen Regierung war es vor allem das Außenministerium mit seinem »Referat Deutschland«, das sich immer wieder gegen Palästina als Einwanderungsland für Juden aussprach. Es sah in der Konzentration von deutschen Juden in einem einzigen Land eine Gefahr für Deutschland selbst. Jerusalem könnte sich dann als »Machtbasis des Judentums entwickeln, vergleichbar mit der Bedeutung des Vatikans für den politischen Katholizismus oder Moskaus für die Komintern« (Jansen, S. 222). Diese Position wurde vor allem nach der im Juli 1937 erfolgten Veröffentlichung des "Peel-Planes" eingenommen. Dieser hatte eine Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat vorgeschlagen. Hitler allerdings hielt an dem Haavara-Abkommen und dem Auswanderungsland Palästina fest. Er ließ sich auch durch zahlreiche Memoranden, Vorträge und Eingaben nicht bewegen, von seinen Vorstellungen abzuweichen.

Im Juli 1938 tagte in Evian-les-Baines eine internationale Flüchtlingskonferenz, auf der vor allem die Frage der Aufnahme jüdischer Flüchtlinge diskutiert wurde. Alle 32 Teilnehmerstaaten waren sich darüber einig, daß ihre Länder dafür kein Kontingent zur Verfügung stellen könnten. Deutschland nahm an dieser Konferenz offiziell nicht teil, obwohl anscheinend inoffizielle Kontakte bestanden.

Im November 1938 fand die sogenannte Kristallnacht statt. Sie wurde der Anlaß zu ganz intensiven Bemühungen der deutschen Regierung, die Ausweisung der Juden durch Erleichterung ihrer Auswanderung voranzutreiben. Brechtken unterstreicht in seiner Darstellung eine Auffassung, die bereits in Weckert, Feuerzeichen[2], vertreten wurde und spricht von einem »Aktions- und Diskussionsschub durch die "Reichskristallnacht"« (S. 196). Auf Anregung Hitlers legte Reichsbankpräsident Hjalmar von Schacht einen Finanzierungsplan vor, der die Aussiedlung von Juden erleichtern sollte. Er begann außerdem Verhandlungen mit Rublee, dem Vorsitzenden des »Internationalen Flüchtlingskomitees«, das sich aus der Flüchtlingskonferenz von Evian gebildet hatte. Diese wurden nach Schachts Rücktritt von Görings Ministerialdirektor Helmut Wohlthat fortgeführt und schlossen im Februar 1939 mit einem Abkommen, das die Massenauswanderung von Juden aus Deutschland ermöglichen sollte[3]. Zumindest von Rublee wurde das gegenseitige Memorandum so angesehen[4], obwohl Brechtken versucht, die Bedeutung herunterzuspielen (S. 215). Jansen hingegen vertritt die positive Bedeutung der Abmachung, die Rublee und Wohlthat betont haben (S. 279, 474).

All diese Pläne, Entwürfe und Abkommen betrafen allgemein die jüdische Auswanderung, ohne bestimmte Länder ins Auge zu fassen. Erst nach der französischen Niederlage im Juni 1940 spielt dann auch in deutschen offiziellen Plänen Madagaskar wieder eine Rolle. Der Madagaskar-Plan wurde vor allem vom Auswärtigen Amt vertreten, wo sich Legationsrat Franz Rademacher dieser Angelegenheit annahm und ausführliche, ins Detail gehende Entwürfe und Vorschläge entwickelte. Expertenkommissionen, die nach Madagaskar geschickt wurden, kamen jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen, wobei die negativen, die eine Ansiedlung von Europäern auf dieser Insel für unmöglich hielten, überwogen.

Während die Diskussion darüber noch lief, eroberten die deutschen Truppen weite Gebiete im Westen der Sowjetunion. Hier ergaben sich, wie die zuständigen deutschen Dienststellen meinten, neue Möglichkeiten, die ihnen unerwünschten Juden anzusiedeln. Immerhin dauerte es noch bis zum Februar 1942, bis der Madagaskar-Plan deutscherseits endgültig zu den Akten gelegt wurde.

Zwei sehr interessante Werke, die sich detailliert mit einem Thema befassen, das bis dahin ein Stiefkind der Geschichte war. Ein jedes weist seine eigenen Pluspunkte auf.

Brechtken, Nachwuchshistoriker und wissenschaftlicher Assistent an der Universität München, hat ohne Zweifel gründlicher recherchiert und akzeptiert auch - zumindest teilweise - die Ergebnisse neuerer historischer Forschungen. In akribischer Forschungsarbeit hat er das Rätsel um die Person des geheimnisumwitterten Egon van Winghene gelöst, der unter zahlreichen Pseudonymen arbeitete und schrieb und großen Einfluß ausübte. Brechtkens Schwerpunkte sind die politischen Gegebenheiten, die sich aus der Madagaskar-Idee in ihren verschiedenen Phasen ergeben haben und vor allem die Verbindungen zu der Entwicklung, die sich in Deutschland abzeichnete. Leider hat er jedoch die penetrante Angewohnheit der jungen Historikergeneration, die uns ein eigenes Urteil nicht mehr zutraut und mit den Forschungsergebnissen gleich ihre - die offizielle - Beurteilung serviert.

Jansen, Jahrgang 1931, Professor an der Freien Universität Brüssel, zitiert hingegen immer wieder größere Passagen aus wichtigen und schwer zugänglichen Dokumenten und traut dem Leser genug gesunden Menschenverstand zu, um sich aus der Lektüre eine selbständige Meinung zu bilden. Leider läßt er sich in einigen Abschnitten von einem vorgegebenen Geschichtsbild leiten und zu phantasievollen Schilderungen anregen, die jeder historischen Grundlage entbehren.

Für Zitate aus angeblichen Goebbels-Tagebüchern muß eine Ausgabe herhalten, für die nähere bibliographische Angaben fehlen (S. 232). Und da wo er die offizielle, vom Institut für Zeitgeschichte in München veranlaßte Ausgabe der Tagebücher heranzieht, verfälscht er den Text. So schreibt er (S. 243):

»Am 25. Juli 1938 notierte Goebbels in seinem Tagebuch, daß er mit Hitler ausführlich über seinen Versuch, die Juden aus Berlin zu vertreiben, gesprochen hätte. Die gesamte Operation wäre eigentlich doch enttäuschend gewesen, da einiges nicht so verlaufen wäre, wie er sich das vorgestellt hatte. Und das Schlimmste daran: Das Resultat wäre äußerst mager ausgefallen. Es wäre ihm nicht gelungen, Berlin "judenrein" zu machen. Hitler hätte die Aktion gutgeheißen und ihm gesagt, es brauche ihn nicht weiter zu beunruhigen, daß die ausländische Presse diese gewaltige Verbannung der Juden aus Berlin mißbilligt hätte. Wörtlich soll Hitler gesagt haben, daß die Verbannung der Juden das Wichtigste wäre. Seiner Ansicht nach müßten sie binnen zehn Jahren aus dem Land vertrieben sein.«

Tatsächlich steht in diesem Zusammenhang dort lediglich:

»Wir besprechen die Judenfrage. Der Führer billigt mein Vorgehen in Berlin. Was die Auslandspresse schreibt, ist unerheblich. Hauptsache ist, daß die Juden hinausgedrückt werden. In 10 Jahren müssen sie aus Deutschland entfernt sein. Aber vorläufig wollen wir die Juden noch als Faustpfand hierbehalten.«[5] Von einer ausführlichen Besprechung dieses Punktes, wie Jansen angibt, steht dort nichts. Im Gegenteil geht aus der ganzen Tagebucheintragung, die über eine Druckseite beträgt, hervor, daß das Schwergewicht der Unterhaltung zwischen Hitler und Goebbels künstlerische Fragen betraf. Sie drehte sich um Theater, Oper, Salzburger Festspiele, Bayreuth. Die oben zitierten vier Zeilen bilden darin eine mehr marginale Bemerkung.

Im zweiten Teil seines Buches verliert sich Jansen manchmal in Phantasien und Spekulationen. Seine Quellen sind oft Sekundärliteratur oder fehlen ganz. Das gilt auch für die Schilderung der »Kristallnacht«, für die er eine sonst unbekannte niederländische Publikation aus dem Jahre 1968 heranzieht. Auch beruft er sich teilweise auf Literatur und Dokumente, die nur unzureichend angegeben und daher nicht zu eruieren sind. Seitenlange Zitate erfolgen ohne jegliche Quellenangabe (S. 240, 246-249, 266, 407, 409 u.a.). Seine Schilderung von der Austreibung der österreichischen Juden ermangelt jeder dokumentarischen Unterstützung.

Sehr lästig bei der Lektüre der deutschen Ausgabe macht sich eine Tatsache bemerkbar, die nicht der Autor zu verantworten hat, sondern die Übersetzer bzw. der Lektor des Verlages. Große Teile des Werkes bestehen aus indirekter Rede. Dafür ist lt. Duden der 1. Konjunktiv vorgesehen. Für die Hilfsverben "sein" und "haben" lautet dieser Modus: sei bzw. habe. Hier wurde aber durchwegs der 2. Konjunktiv: wäre bzw. hätte benutzt. Dadurch haben alle Angaben einen irrealen Charakter bekommen und verführen zu der Meinung, der Autor schildere gar keine realen Vorkommnisse.

Alles in allem, trotz einiger Mängel, zwei sehr aufschlußreiche Werke zum Thema der geplanten Ausweisung der Juden aus europäischen Staaten in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts.

Ingrid Weckert


Anmerkungen

[1]Dieses Abkommen ermöglichte deutschen Juden die Auswanderung nach Palästina unter Mitnahme ihrer persönlichen Habe und Transferierung ihres gesamten Vermögens.
[2]Ingrid Weckert, Feuerzeichen. Die "Reichskristallnacht". Anstifter und Brandstifter - Opfer und Nutznießer, Grabert, Tübingen 1981.
[3]Der englische Originaltext des Abkommens wurde unseres Wissens lediglich abgedruckt in: Ingrid Weckert, Flashpoint. Kristallnacht 1938. Instigators, Victims and Beneficiaries, Institute für Historical Review, Costa Mesa 1991, S. 145ff. Eine deutsche Übersetzung bietet Rolf Vogel (Anm. 4), S. 247ff.
[4]vgl. Rolf Vogel, Ein Stempel hat gefehlt. Dokumente zur Emigration deutscher Juden, Droemer Knaur, München 1977, S. 239ff. und ausführlich Weckert, Feuerzeichen, aaO. (Anm. 2), S. 236ff.
[5]Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente. Hrsg. von Elke Fröhlich im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und in Verbindung mit dem Bundesarchiv. Teil I, Aufzeichnungen 1924-1941, Bd. 3, 1.1.1937-31.12.1939, München: K.G.Saur 1987, S. 490.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(2) (1999), S. 219-221.


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