Die neuen Lügen des Odysseus

Von Robin Masters

Colin Rushton, Spectator in Hell. A British soldier’s extraordinary story, Pharaoh Press, Springhill (Berkshire) 1998, 154 S., ISBN 1901442063, £6,99

Das vorliegende Buch beschreibt die (angeblichen) Erlebnisse des 1919 geborenen Briten Arthur Dodd während des Zweiten Weltkrieges. Als Meldefahrer half er im Juni 1940 bei der Evakuierung der britischen Armee von Dünkirchen. Anschließend diente er in Englands Home Guard. Deren Mitglieder wurden mit Lewis Gewehren ohne Munition ausgestattet, lediglich um deutschen Aufklärern zu zeigen, daß das Land zur Verteidigung bereit war. Eines Tages, als er mit seinem Partner auf Patroullie war, kreiste eine deutsche Heinkel über ihnen. Das Flugzeug flog tief und sie konnten das "grinsende" Gesicht des Piloten wahrnehmen. Als die Maschine direkt über sie hinwegflog, warfen sich beide zu Boden. Doch anstatt auf sie zu schießen, winkte der Pilot ihnen nur "arrogant" und "überlegen" zu und das Flugzeug verschwand. Gegen Ende des Krieges wären deutsche Frauen und Kinder froh gewesen, wenn die Piloten alliierter Jäger ihnen nur arrogant zugewunken hätten, anstatt auf alles zu ballern, was sich bewegte.

Im April 1941 meldete Arthur sich freiwillig für den Einsatz in Nordafrika, wo er im Sommer 1942 in deutsche Gefangenschaft geriet. Rommel selbst erklärte den britischen Kriegsgefangenen, daß ihr Kampf vorüber sei und sie nach Deutschland transportiert würden. Auf seine Frage, was sie noch wünschen würden, schrien einige: »Essen«. Daraufhin wurden deutsche Feldküchen herangeschafft und die Gefangenen gut versorgt. Auf diese gute Behandlung ist es wohl zurückzuführen, daß Rommel den Alliierten als sympathischster deutscher General im Gedächtnis blieb. Warmes Essen für Kriegsgefangene war damals durchaus nicht üblich – ganz abgesehen davon, daß die Alliierten sich nach dem Krieg um die Versorgung deutscher Gefangenen meist überhaupt nicht scherten.

Über einige Zwischenstationen in Italien und Süddeutschland gelangte Dodd dann im Frühjahr 1943 in ein riesiges Durchgangslager bei Lamsdorf. Hier wurden die Neuankömmlinge entlaust und ihnen die Haare geschoren. Dies war bekanntermaßen eine übliche Prozedur in solchen Lagern zur Aufrechterhaltung der Hygiene, was erneut zeigt, daß irgendwo vielleicht auftauchende Menschenhaare nichts mit Morden zu tun haben müssen. Anschließend kam Dodd mit 25 Kameraden in eine Kohlenmine bei Posen. Unter Berufung auf die Genfer Konvention, die den Zwang von Kriegsgefangenen zur Arbeit in der Rüstungsproduktion des Gegners verbietet, verweigerten sie jedoch diese Arbeit. Das brachte ihnen Schläge mit dem Gewehrkolben und eine weitere Versetzung ein. Sie wurden nach Süden transportiert und nach 24 Stunden erreichten sie eine kleine Stadt 30 Meilen von Krakau entfernt namens Auschwitz.

Nach einem kurzen Marsch kamen die Gefangenen in ein kleines Arbeitslager, in dem 10 Holzhütten standen. Sie betraten die nächstliegende und waren überrascht, wie sauber und trocken sie war. Weitere Untersuchungen ergab, daß Zentralheizungsrohre die Länge der Hütte durchzogen und es fließend Warm- und Kaltwasser zu jedem Waschbecken gab und die soliden Etagenbetten saubere und ausreichende Matratzen hatten. Später jedoch kamen sie in ein schlechteres Lager bei Monowitz, in dem man vergeblich versuchte, der Läuse durch Entlausungen mit Zyklon B Herr zu werden.

Dodd berichtet auch über die 35 Lagerhütten des Bereiches "Kanada" in Birkenau, in dem die persönliche Habe der Häftlinge aufbewahrt wurde. Nichts wurde verschwendet: Kleidung, Schuhwerk, Bürsten, Kämme, Koffer, Brillen, Zahnbürsten, und selbst falsche Zähne hatten ihren speziellen Aufbewahrungsort. Natürlich kolportiert Dodd die Mär von den jüdischen Gefangenen, denen die "Nazis" die Goldfüllungen zogen, um sich zu bereichern. Woher er all dies damals gewußt haben will, bleibt allerdings sein Geheimnis, war er doch selbst nie im Lager Birkenau gewesen. Tatsächlich dürfte er es der Nachkriegsliteratur entnommen haben. Die riesige Menge an Häftlingshabe, die in Auschwitz gehortet wurde, beweist allerdings keineswegs, daß den Eigentümern ein Übel widerfuhr, wie häufig behauptet wird. Zum einen ist es in Gefängnissen üblich, daß die Häftlinge ihre persönliche Habe abliefern und nach der Entlassung wieder bekommen, was in den Kriegswirren bei Evakuierung der Konzentrationslager kaum möglich war – so ist der Inhalt des Lagerteils "Kanada" von Auschwitz den Sowjets in die Hände gefallen, die ihn für ihre Propaganda von angeblichen Massenmorden mißbrauchten – als ob eine Altkleidersammlung einen Massenmord beweist. Daß die Sachen überhaupt bis zum Schluß im Lager peinlich getrennt aufbewahrt und nicht gleich ins Reich transportiert wurden, spricht deutlich gegen die Absicht eines Diebstahls. Was die Goldfüllungen betrifft, so ist nicht erwiesen, an welcher Todesursache die ehemaligen Träger starben. Des weiteren kann die Menge nicht so hoch gewesen sein wie oft behauptet. Eine von mir befragte Zahnmedizinerin gab an, daß es Amalgamfüllungen schon vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Man war also bei der Zahnbehandlung nicht auf Gold angewiesen und Amalgam hatte damals noch nicht einen so schlechten Ruf wie heute und wurde deshalb wahrscheinlich häufiger angewandt.

Später wurden Dodd und seine Mitgefangenen aus dem Lager gebracht und marschierten auf einer Straße, auf der ihnen verschiedene Gruppen von KZ-Insassen begegneten. Vor einer kleinen Fabrik mißhandelte gerade ein SS-Offizier, der zufällig dem arischen Ideal entsprach – blond, blauäugig – ein etwa 15jähriges, kahlgeschorenes Mädchen, dessen Oberkörper angeblich nackt war. Dodd behauptet, er habe gewußt, daß ihr einziges Verbrechen war, Jüdin zu sein. Da sie jedoch angeblich halb nackt war, konnte er den Judenstern nicht sehen, und deshalb kaum wissen, ob sie tatsächlich eine Jüdin war. Diese Episode scheint daher von Dodd frei nach dem Strickmuster sex and crime zumindest angereichert worden zu sein.

Dodd selbst wurde in den I.G. Farbenwerken in Monowitz eingesetzt. Er berichtet von seiner Fassungslosigkeit angesichts der Mißhandlungen, der viele KZ-Insassen durch ihre eigenen Mitgefangenen (Kapos) ausgesetzt waren, nicht etwa durch die SS-Leute selbst. Später berichtet er allerdings kaltblütig, wie seine britischen Kameraden einen Landsmann töteten, weil sie ihn der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigten. Quod licet Jovi, non licet bovi?

Über Vergasungen weiß Dodd naturgemäß nur vom Hörensagen zu berichten. Angeblich lag ständig der Geruch von versengtem Haar und brennendem Fleisch in der Luft, und die riesigen, rotgeziegelten Schornsteine von Birkenau seien von fast allen Teilen des Lagers sichtbar gewesen. Da Arthur Dodd jedoch in Monowitz untergebracht war, von wo aus man die Schornsteine von Birkenau nicht sehen konnte – dazwischen lagen die I.G.-Farbenwerke, die Stadt Auschwitz und das Dorf Birkenau –, fragt man sich zwangsläufig, aus welcher Quelle diese Aussagen stammen. Es ist wahrscheinlicher, daß Dodd damals die Schornsteine der Monowitzer Industrieanlagen gesehen und deren Abgase gerochen hat – ganz abgesehen davon, daß Krematorien keinen Geruch verbreiteten.

Wegen Schmuggels von Radioteilen für die polnischen Partisanen wurde er schließlich ins Stammlager Auschwitz gebracht und unter verschärften Bedingungen verhört. (Seinen eigenen Angaben zufolge soll es in diesem Lager übrigens keine Gaskammer gegeben haben.) Nach einigen Tagen wurde er wieder nach Monowitz zurückverlegt. Später will Dodd wiederum mit den polnischen Partisanen zusammengearbeitet haben, und zwar bei drei(!) kurz hintereinander durchgeführten Sprengstoffattentaten im Lager Monowitz. Hier hat Dodd wohl etwas zu dick aufgetragen, denn es darf bezweifelt werden, ob die Deutschen drei Sprengstoffanschläge hintereinander hingenommen hätten, ohne schon beim ersten Mal massiv durchzugreifen. Dodd sieht diese seine Tätigkeit im Zusammenhang mit einem Aufstand des jüdischen Sonderkommandos in den Krematorien und Gaskammern, übersieht allerdings, daß diese in Birkenau waren bzw. gewesen sein sollen und er damit in Monowitz nichts zu tun hatte.

Im Frühjahr 1944 tauchten die ersten alliierten Bomber auf. Dodd berichtet mehrfach, daß die Gefangenen während der Angriffe in die Luftschutzkeller gebracht wurden, was eine weitere Bestätigung dafür ist, daß den Deutschen die Arbeitskraft und Gesundheit ihrer Gefangenen einiges Wert war. Erhellend zudem, wie sich die Deutschen verhielten, nachdem ein derartiger Luftschutzraum einen Volltreffer erhielt: "blonde und blauäugige Hitlerjungen" (freilich, was auch sonst!) halfen den Gefangenen, die Verschütteten zu bergen. Die Toten wurden aufgebahrt, so daß jeder ihnen die letzte Ehre erweisen konnte. Zwei Tage später wurde eine kleine Andacht gehalten und die Körper auf einen Lkw behängt mit der britischen Flagge geladen. Sie wurden zu einem kleinen Friedhof in der Stadt Auschwitz gebracht und in einem Gemeinschaftsgrab neben einer Mauer beigesetzt. 15 Kriegsgefangene, einer für jedes Opfer, durften dem Begräbnis beiwohnen. Die den Gefangenen zuteil werdende Fürsorge wird auch dadurch unterstrichen, daß Dodd längere Zeit wegen einer Lüngenentzündung im Krankenrevier behandelt wurde, ähnlich wie viele seiner Mitgefangenen, welchen religiösen Bekenntnisses auch immer.

Interessant sind die Ausführungen Dodds zu den Freizeitaktivitäten. Sonntag war generell ein Erholungstag. Diesen Tag nutzten vor allem die französischen Kriegsgefangenen, um auf der Straße außerhalb des Monowitzer Zauns(!) mit polnischen und ukrainischen Frauen spazieren zu gehen. Sie hatten ein Formular unterschrieben, nicht zu fliehen, wenn sie unbewacht aus dem Lager gehen durften, was die Briten in der Regel ablehnten. Es versuchten nur sehr wenige, bei diesen Gelegenheiten zu fliehen, da die Bestrafung hierfür sehr hart war. Solche Privilegien wurden deutschen Kriegsgefangenen niemals gestattet. Angesichts solcher Verhältnisse kann auch ausgeschlossen werden, daß Dodds öfter anzutreffende Behauptung wahr ist, man sei damals überzeugt gewesen, dieses Lager nicht zu überleben, denn die Deutschen würden sicherlich alle Zeugen beseitigen. Offenbar störte es die Deutschen nicht, daß sich Hunderte oder gar Tausende von Gefangenen Sonntags in Wald und Flur um Auschwitz herum die Zeit vertrieben. Dodd weiß auch von Festen und theaterartigen Aufführungen zu berichten.

An einem Sonntag will Dodd schließlich sogar Himmler persönlich bei einem Besuch in Auschwitz gesehen haben. Da Himmler allerdings das letztes Mal im Juni 1942 in Auschwitz war, konnte Dodd ihn selbst dort also nie gesehen haben.

Rührig ist Dodds Geschichte über einen deutschen Wachmann aus Köln, der vor Antritt eines Urlaubs von "seinen" Häftlingen ein Geschenkpaket mit Zigaretten, Schokolade und Seife erhielt, da die Häftlinge wußten, wie hart es für den normalen Deutschen im ausgebombten Köln sei. Das macht deutlich, daß es so manchem Gefangenen in deutschen Lagern besser ergangen ist als so mancher deutschen Familie in den ausgebombten Städten – ganz zu schweigen von den deutschen Soldaten an der Front. Um so höher ist die Korrektheit der Deutschen zu bewerten, die die den Gefangenen aus deren Heimat oder vom Roten Kreuz übersandten Pakete ordnungsgemäß aushändigte.

Dodd macht sich in seiner Erzählung Gedanken darüber, wie viele Juden damals wohl verschwanden, will er doch bemerkt haben, daß täglich Tausende kamen und sich die Gefangenenzahl trotzdem nicht vergrößerte. Wie er das von Monowitz aus festgestellt haben will, bleibt sein Geheimnis. Vom Frühjahr 1944 weiß Dodd aus dritter, vierter oder sonstiger Hand zu berichten, daß täglich 65.000 ungarische Juden in Auschwitz ankamen, 5.000 per Zug. Diese Massenvernichtung habe einen SS-Mann um den Verstand gebracht, der daher sang- und klanglos ebenfalls vergast worden sei, ein Unikum in der Zeugenliteratur. 65.000 Ermordete pro Tag ist meines Wissens ein neues Maximum. In nur 2 Monaten ergäbe dies vier Millionen Ermordete – von maximal etwa 450.000 deportierten ungarischen Juden. Das zeigt erneut, wie es Dodd mit der Wahrheit hält, wenn es um angebliche Greuel der Deutschen geht. Immerhin weiß er an späterer Stelle zu berichten, die in Auschwitz lebenden Briten hätten selbst nie die Ankunft jüdischer Transporte erlebt. Wozu dann all dies Brimborium?

Als Weihnachten 1944 herannahte, sollen laut Dodd die Krematorium in Birkenau stärker als je zuvor gearbeitet haben. Pech nur, daß man sich in der Geschichtsschreibung weitgehend einig ist, daß die Krematorien gegen Ende November 1944 demontiert wurden, was sich auch aus den im Winter 1944 geschossenen alliierten Luftaufnahmen ergibt. Er will sogar noch im Januar 1945 gesehen haben, wie kleine Kinder lebend in ein Grubenfeuer geworfen worden sind, was sogar jedem etablierten Historiker zuviel des "Guten" sein dürfte.

All das, was er angeblich erlebt haben will, ließ ihn dann aber am 23. Januar 1945, als man ihn vor die Wahl stellte, mit den Deutschen nach Westen zu ziehen oder sich durch die Russen "befreien" zu lassen, nicht zögern, sich den Deutschen anzuschließen. Und so wie er entschieden sich alle anderen, "lieber mehrere hundert Meilen nach Westen zu marschieren als zu den Russen zu gehen." Lediglich vier Schotten entschieden sich für das zweite. Später wurde erzählt, daß sie von russischen Panzern niedergemäht wurden. Diese Geschichte wurde nie bestätigt, aber niemand sah sie jemals wieder.

Dodds Geschichte ist eine Erzählung mehr in der inzwischen zigtausend Bände zählenden Kategorie der Oddysee-Literatur in und um den Zweiten Weltkrieg. Für den Historiker sind all die kleinen Details besonders interessant, mit denen die Autoren dieser Literaturgattung ihren eigenen Behauptungen von deutschen Greueln widersprechen: Krankenhäuser, Luftschutzbunker, Wochenendfreigang, Theateraufführungen, menschliche SS-Wachen, Zustellung von Briefen und Paketen und nicht zuletzt die Grausamkeiten der Gefangenen untereinander, also deren Selbstbezichtgung. Die vielen offenkundigen Lügen in derartigen Berichten sind ein weites Betätigungsfeld für Psychologen und Psychiater. Im Prinzip handelt es sich um Seemannsgarn, denn wenn einer eine Reise tut, wenn er dabei gewesen sein will, dann muß er auch etwas erzählen. Um aber in einer Gesellschaft überhaupt noch Gehör zu finden, die durch ein Flut von sex, crime and drugs völlig abgehärtet ist, muß man schon etwas Besonders bieten. Dodd bietet hier ein paar Millionen vergaste Juden, ein paar lebendig gebratene Kinder sowie ein von blond-blauäugigen SSlern mißhandeltes barbüsiges Mädchen. Damit bewegt er sich ist eigentlich unterhalb des gewohnten Standards à la Levi, Wiesel und Wiesenthal. Kein Wunder also, daß das Buch kein Kassenschlager ist. Dazu war der Lügenbelag denn doch nicht dick genug. Dodd hätte vielleicht bei Wilkomirski in die Schule gehen sollen.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(3) (1999), S. 346ff.


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