Demokratisches Gedankengut im Führungshauptamt

Von Robert Faßbender

Anfang der vierziger Jahre entstand auf dem einstigen Gelände der Johannischen Kirche in Glau bei Trebbin das Amt VIII des Führungshauptamts, auch Amt FEP oder W.-amt genannt. Das Amt stand unter der Leitung von Gruppenführer Dr. Schwab. Über diese W.-schmiede und Denkfabrik gab es bisher kaum nähere Informationen. Damals durfte selbst ein für den Bereich Wissenschaft zuständiger SD- Mann die Forschungseinrichtungen nicht besichtigen. Im Frühjahr 1945 eroberten die Sowjets nach schweren Kämpfen das Gelände. Unterlagen, welche nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht oder vernichtet werden konnten, gelangten in die Sowjetunion. Angeblich wurde in den fünfziger Jahren ein Teil davon an die DDR zurückgegeben. In den hiesigen Archiven ist jedoch kein einschlägiges Schriftgut nachweisbar. Die Moskauer Archive sind zwar heute zugänglich, ihre Auswertung dürfte jedoch noch viele Jahre dauern. Die Situation änderte sich schlagartig, als ein sich in Privatbesitz befindlicher kleiner Teil des Buchbestandes, die Bestandskartei der wissenschaftlichen Bibliothek sowie in geringem Umfang privates und dienstliches Schriftgut des Amtes auftauchte und ausgewertet werden konnte. Die zuständigen Archive waren an einer Übernahme nicht interessiert, da sich die genannten Unterlagen in einem extrem schlechten, nicht archivierungsfähigen Zustand befanden und die finanziellen Mittel kaum für die Sicherung der eigenen Bestände ausreichen. Das Schriftgut war jedoch noch ungefiltert und deshalb für die Forschung besonders wertvoll. Das Ergebnis der äußerst mühevollen Auswertung, welche leider zur Zerstörung des miteinander verklebten Materials führte, bot eine ungeahnte Überraschung. Eine Publikation liegt deshalb im unmittelbaren öffentlichen Interesse.

Amtschef Brigadeführer Dr. Schwab, dem nachgesagt wurde, daß er beim Versuch seiner Habilitation in Berlin Schwierigkeiten bekommen habe, verfügte in der sogenannten Waldsiedlung, der einstigen "Friedensstadt" der johannischen Kirche in Glau über 6 Referate, gegliedert in Referat A bis F, und 8 Abteilungen, wobei die Abteilung 7 anscheinend nicht besetzt war.

In der Abteilung 2 gab es neben einem elektronischen Forschungslabor zur Beuteauswertung, Auswertung von Funkmeßverfahren und Erprobung hochbelastbarer Elektronik auch die zentrale Informationsabteilung mit der wissenschaftlichen Bibliothek des Amtes VIII.

Der komplette Bestand dieser Bibliothek konnte anhand einer Kartei sowie diverser Bücherlisten annähernd rekonstruiert werden. Er umfaßte mehr als eintausend Exemplare vorwiegend mathematischer, physikalischer, chemischer und elektrotechnischer Werke sowie in geringem Umfang militärische Fachliteratur. Politisch-agitatorische Titel waren hingegen kaum vertreten.

Die genannte Fachliteratur wurde damals in der Regel in herkömmlichen Buchhandlungen bestellt und in jeweils fünf Exemplaren an das Amt geliefert, wobei die Anschrift »Artillerieschule 1« lautete. Mit der Beschaffung besonderer, nicht handelsüblicher Literatur aus den besetzten Gebieten, z.B. russischer Literatur über Raketenforschung, wurde unter anderem ein Sonderbataillon K. beauftragt.

Neben der genannten Informationstätigkeit, der erfolgreichen Bemühung um die Einführung einer einheitlichen Dezimalklassifikation im gesamten Deutschen Reich und der eigenen wissenschaftlichen Arbeit befaßte sich das Amt VIII jedoch auch mit der Erforschung der Ursachen für die sich anbahnende militärische Niederlage. Die Analyse wurde mit unerwarteter Gründlichkeit und Offenheit durchgeführt. Einige der hierbei gewonnenen, überraschenden Erkenntnisse und Schlußfolgerungen werden im folgenden dargestellt.

Zur damaligen Zeit herrschte in den Führungsetagen noch ein ungezügelter Überheblichkeitsdusel. Angesichts scheinbarer Überlegenheit wurde der Entwicklung neuer Technik nicht die erforderliche Bedeutung beigemessen. Während ein unerbittlicher Führer der kämpfenden Truppe im Felde und den Produktionsarbeitern an der Heimatfront buchstäblich das Letzte abforderte, zeigte man in den staatlichen und industriellen Führungsetagen noch Gelassenheit. Die deutsche Industrie produzierte weiter nach altherkömmlicher, aber höchst uneffektiver Methode. Der Kriegsbedarf schien zwar gedeckt zu werden, aber es zeichneten sich Erfolge der Gegner ab, die ein schnelles Umdenken ratsam erscheinen ließen. Als leistungshemmende Ursachen wurden unter anderem erkannt:

1. Personen- und Gruppenpolitik egoistischer Art

2. Firmenpolitik – ein Staat im Staate

3. Überorganisation

4. Falscher Einsatz und falsche Wertung der Fachkräfte

5. Übertriebene Geheimhaltung- Geheimhaltung als Sabotage

6. Unzweckmäßiges Patentwesen

Die Betrachtungen zur Firmenpolitik konnten nahezu vollständig rekonstruiert werden. Der Originaltext ist auch aus heutiger Sicht hochinteressant und wird hier auszugsweise wiedergegeben:

»Die so oft gerühmte deutsche Organisation betraute die verschiedenen Werksabteilungen einer Firma mit derartigen Vollmachten, daß eine einzelne Abteilung innerhalb einer Großfirma ein Unternehmen für sich bedeutete und in der Entwicklung seines Fabrikationsgebietes keine Verbindung mit anderen Fabrikationsabteilungen hatte. Das Spezialistentum feierte förmliche Triumphe. Ohne auf das Ganze Rücksicht zu nehmen, baute jede Abteilung für sich ihren Arbeitsbereich aus. Das Vorhandensein verschiedener Verkaufsartikel führte oft zu förmlichen Kämpfen der Abteilungen unter sich, diesen oder jenen Verkaufsartikel ihrem Abteilungsbereich anzugliedern, um somit umsatzmäßig der Direktion gegenüber Erfolge aufzuweisen. Es ist klar, daß diese Entwicklung bei deutschen Fertigungswerken die Durchführung einer großzügigen Arbeitslinie nicht gestattete und daß die Werkleitung den Überblick über den gesamten Fabrikationsbereich verlor bzw. nie hatte. Durch den Aufbau solcher Werke waren daher die Funktionen der Direktoren auf eine mehr verwaltende Tätigkeit beschränkt.«

»Lediglich der Jahresabschluß einer Abteilung entscheidet über das gute oder weniger gute Arbeiten derselben.«

»Parallel mit diesen Bestrebungen war bei allen Großfirmen die Tendenz vorhanden, in ihrem Werke sämtliche Gebrauchsteile, die zu einem fertigen Gerät gehören, selbst anzufertigen. Dieses führte auch bei der jetzigen Kriegsproduktion oft zu großen Rückschlägen bei der Neuentwicklung von Geräten, da diese wegen Mangel an Erfahrungen sehr lange Fertigungszeiten benötigten. Einfache Geräte, über welche jahrzehntelange Erfahrungen anderer Firmen vorlagen, gelangten auf diese Weise nicht zum Einbau und verzögerten monatelang, wenn nicht länger, die Herausbringung des neuen Gerätes. Zur Begründung dieser Handlungsweise wurde von den Firmen ausgeführt, daß sie nicht rechtzeitig die Zubehörteile von den Firmen geliefert bekämen. Die gleiche Firma besaß aber hunderte von Unterlieferanten, welche oft Geräteteile anfertigten, die im eigenen Betrieb ohne Schwierigkeiten hätten hergestellt werden können. Entscheidend war hier für die Firmen die Tatsache, daß die kleinen Firmen diese Einzelteile billiger herstellen konnten als sie selbst. Diese Entwicklung ist der Grund dafür, daß im Gegensatz zu amerikanischen Konstruktionen in Deutschland eine ungeheure Vielzahl an Geräten des gleichen Verwendungszwecks selbst in den ersten Kriegsjahren noch vorhanden war. Diese Entwicklung wird heute zwar staatlicherseits durch Bestimmungen untersagt. Da aber eine staatliche Kontrolle fehlt, dürfte die Vorschrift in sehr vielen Fällen auch heute noch außer acht gelassen werden.

Die Aufgabe der Betriebsleitung der Firmen bestand also hauptsächlich darin, unter Vermeidung jeglichen für den technischen Fortschritt notwendigen Risikos den Bestand des Unternehmens sicherzustellen.«

Diese Analyse zeigt deutlich, welche Macht die Industrie bis zu diesem Zeitpunkt auch in einem totalitären Staatsgebilde hatte. Sie war bis dahin kaum staatlichen Zwängen ausgesetzt und brauchte ihre Effektivität eigentlich nicht zu verbessern, so lange die Existenz des Unternehmens nicht gefährdet war. Man könnte dieses Verhalten durchaus als eine Art von Dolchstoßpolitik der Industrieführung gegenüber dem bis zum äußersten belasteten Volk bezeichnen.

Weitere Mißstände wurden genannt:

»– Falsche Wertung der Ingenieure

Die Auswahl und Wertung der Ingenieure erfolgt leider allzu häufig nach Titel und Äußerlichkeiten. "Diplomatie" ist selbst bei Forschungs- und Entwicklungs-Ingenieuren wichtiger als das "technische Können". Der für die Gemeinschaftsarbeit notwendige Charakter, Idealismus und praktische Gerechtigkeitssinn wird als Beschränktheit bzw. als Neigung zum Michael Kohlhaas angesehen.

– Mißbrauch und Auslöschung von guten Fachkräften

Oft werden gute Vorschläge und Erfindungen nur als Hirngespinste abgelehnt, weil die zuständigen Abteilungsleiter und Direktoren der Materie nicht gewachsen sind, manchmal auch deshalb, weil sie ihre eigenen, vergleichsweise unterlegenen Pläne gefährdet sehen. In solchen Fällen – zumal wenn auch noch mit allen möglichen disziplinären und wirtschaftlichen Maßregelungen gedroht wird – ziehen sich fähige Ingenieure nur allzu leicht von der unerläßlichen Zusammenarbeit zurück.«

Auf der Grundlage dieser Analyse gibt es konkrete Vorschläge zur Lösung des Problems :

»1. Zentralisierung

Zentralisation und Gliederung nach Sachgebieten aller technischen Forschungs- und Entwicklungsfragen der Rüstung. Alle Gebiete, die in den gemeinsamen Interessenbereich der drei Wehrmachtsteile fallen, sind zu zentralisieren.

Hierdurch werden sinnlose und unfruchtbare Entwicklungen und das Entstehen vielfacher, dabei unzulänglicher Erzeugnisse unterbunden. Welche Möglichkeiten in dieser Hinsicht bestehen, zeigt der Organisationsplan der USSR (Anlage).

2. Staatliche Überwachung

Direkte und schärfste Überwachung der Forschung und Entwicklung zwecks Verminderung unnützer Parallelarbeit und zur Verhütung von Fehlentwicklungen. Direkte Fühlungnahme mit den Fachkräften statt mit dem dazu abgerichteten und angelernten "Repräsentanten". Überwachung des zweckmäßigsten Einsatzes wirklicher Fachkräfte.

3. Staatliche Vermittlung des Erfahrungsaustausches zwecks Förderung und Beschleunigung der Entwicklung

Die verschiedenen Neuentwicklungen sind durch staatliche Laboratorien und Prüfstellen zu vergleichen, zu untersuchen und auf beste Eignung, Fertigung usw. zu prüfen. Es ist weiterhin dafür Sorge zu tragen, daß einwandfreie und gerechte Wertungs- und Prüfverfahren ausgearbeitet werden, die es gestatten, das beste Produkt einwandfrei festzustellen.

4. Koordinierung aller gleichgerichteten Entwicklungen sowie intensive Beobachtung und sofortige Auswertung der Auslandsfortschritte durch eine zentrale Reichsstelle

Die Bestimmungen der Geheimhaltung sind einer Prüfung zu unterziehen und so abzuändern, daß sie nicht mehr Schaden als Nutzen stiften. Für die meisten heute unter "geheim" laufenden Schriftstücke ist die Bezeichnung "Nur für den Dienstgebrauch" völlig ausreichend.«

Diese Erkenntnis hat bisher kaum etwas an Aktualität eingebüßt. Übertriebener Geheimnisschutz wirkt sich auch heute noch hemmend auf jede wissenschaftliche Tätigkeit aus. Andererseits kann natürlich nicht auf ihn verzichtet werden:

»Die industrielle und technische Beobachtung im Auslande ist mit ihrer Auswertung direkt der Zentralisierung anzugliedern. Nur durch fachmännische Überprüfung besteht die Möglichkeit, eine im Ausland bereits begonnene Entwicklung rechtzeitig zu erkennen und mit Erfolg fortzusetzen oder zu ergänzen. Um ein vollständiges und untrügliches Bild zu erhalten, ist hiermit eine zentrale Beuteauswertung zu verbinden.

Hierzu wird an anderer Stelle erwähnt, daß die deutschen Auslandsvertretungen aus Angst vor Unannehmlichkeiten kaum Wirtschaftsspionage betrieben. Der deutsche Nachrichtendienst liefere nur »Abfall« und wurde in gnadenloser Härte kritisiert:

»[…] nur Personen zweifelhaften Charakters, finsterster Vergangenheit, besonderer Untauglichkeit oder großer Abenteuer- und Sensationslust.«

Merkwürdig sind zwei aufgefundene Randbedingungen für eine neue Vorgehensweise. So sollten, wo es möglich war, keine grundlegenden Gesetze verletzt werden. Durchreisende an der deutschen Grenze sollten gar für die Kontrolle und Ablichtung ihres mitgeführten Materials »Anerkennung« oder gar »Entschädigung« erhalten. Ein wohl weltweit einmaliger Vorschlag, der auch heute noch nicht praktiziert wird. Geradezu revolutionär erscheinen jedoch für die damalige Zeit des totalen Krieges die folgenden Betrachtungen zum Umgang mit Fachkräften:

»5. Förderung der Gemeinschaftsarbeit

Sich ergänzende Forscher und Entwickler müssen zusammengebracht werden, damit aus Teilentwicklungen hochwertige Einheiten entstehen können. Dieser Schritt hat aber nur Erfolg, wenn man gleichzeitig schärfste und rigorose Maßnahmen gegen "parasitäre Erfinder" (hausierende Erfinder) und Ingenieure zweifelhaften Charakters ergreift, denn Charakter, praktischer Idealismus und Gerechtigkeitssinn sind für eine ersprießliche Gemeinschaftsarbeit erste Voraussetzung.«

»Die Wertung der Fachkräfte ist hierbei gemäß der, der Wichtigkeit nach, aufgestellten Folge "Charakter" –"Können" –"Wissen" vorzunehmen. Der wirtschaftliche Wert der Berücksichtigung der Individualität des Menschen ist allgemein bekannt.«

Die Argumentation ging aber an dieser Stelle weit über den rein wirtschaftlichen Wert des Menschen hinaus. In den laufenden Text wurde eine amerikanische Quelle in deutscher Übersetzung eingefügt. Sie enthält den Zusatz, daß diese Erkenntnisse möglichst vielen Menschen zur Kenntnis gebracht werden müßten. Leider war auch hier eine vollständige Rekonstruktion nicht möglich. Die amerikanische Originalfassung lag bei. Sie war jedoch ebenfalls kaum noch lesbar:

»In dem Maße, in dem eine Industrie in allen Faktoren –

1. Pflege der Persönlichkeit

2. Unbegrenzte Möglichkeit für...einen ...

3. Anpassung der Arbeit an...

4. Menschenwürde

5. Soziale Gleichberechtigung

6. Freie Diskussion von Problemen

7. Kritik

8. Toleranz

9. Sympathie

10. Verminderung der Autorität der ... durch Übertragung derselben auf kleine Gruppen und Ausschüsse

11. Der Vorgesetzte als geschickter Führer (und nicht in Gestalt eines) […] hartgesottenen, unduldsamen Diktators von vor 100 Jahren

12. Gute Arbeitsbedingungen

13. Ausweitung der Personalabteilungen, die bei ihrer Arbeit auf der Grundlage von Sympathie und Verständnis vorgehen sollten

14. "Fair play" (ehrliches, unparteiisches Handeln)

– Erfolg hat, gibt sie mehr Menschen Gelegenheit "glücklich zu werden", was in erster Linie in der Befriedigung des Dranges nach Erfüllung der nachstehenden Wünsche beruhen soll:

1. Etwas zu schaffen und über die Ergebnisse nachzudenken

2. Seine hervorstechenden Fähigkeiten anzuwenden

3. Hindernisse zu überwinden

4. Gemeinsam zu arbeiten

5. Gerecht behandelt zu werden«

»Es ist zu bedenken, daß die meisten amerikanischen industriellen Unternehmungen so gut geleitet werden, daß jeder neue Faktor physischer und psychologischer Art, der ihren Betrieb merklich beeinflußt, praktisch sofort festgestellt und seine Wirkung zahlenmäßig ermittelt wird. In dieser Beziehung sind wesentliche Vorzüge gegenüber politischen, wirtschaftlichen und sozialen Funktionen einer Gesellschaft zu verzeichnen, bei der die verschiedenen Einflüsse wirklich so getrennt werden können, daß man sie experimentell auf ihre Wirkung hin untersuchen könnte. Es bleibt also notwendigerweise einer jahrelangen sozialen Entwicklung überlassen, ob sie angenommen oder verworfen werden, während welcher Zeit nur Besprechungen über ihre Art und Beschaffenheit geführt werden und sie daher die unglücklichen Opfer der Demagogie werden können.

Während also außerhalb der Fabriktore viele über den relativen Wert von Demokratie und Diktatur in ihrer Anwendung auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet debattieren, beweisen innerhalb dieser Tore Millionen von Amerikanern täglich, daß demokratische Grundsätze keine veralteten Erfindungen oder unpraktischer Idealismus sind, sondern den praktischsten sozialen Mechanismus bilden, der den Menschen am besten hilft, gemeinsam zum allgemeinen Wohl zu arbeiten, indem sie gemeinsam diskutieren, Kompromisse schließen, Entscheidungen treffen, sich vereinigen und wirken.«

Es ist nahezu unbegreiflich, daß man hier im Technischen Amt die unverkennbare Kritik am deutschen Diktatorprinzip sowie das Lob demokratischer Verhältnisse amerikanischer Prägung nicht nur übernahm, sondern sogar möglichst vielen Menschen zur Kenntnis geben wollte. Auch die später der bisher durch reine Sachlichkeit gekennzeichneten Argumentation hinzugefügte politische Agitation liest sich an mancher Stelle recht seltsam:

»Ein wirklich totalitärer Staat stellt zwar in sich ein Monopol dar. Es ist aber kaum auszudenken, daß jeweils nur ein Staat oder nur ein Volk allein auf dieser Erde sein wird. Aus diesem Grunde hat ein lebensbejahender Staat oder ein lebensbejahendes Volk im ganzen gesehen niemals eine Monopolstellung.

Das Wetteifern zwischen Staaten und Völkern ist sozusagen ein Naturgesetz, an dem Menschenhand und Menschenhirn kaum etwas ändern werden.«

Zweifelsfrei sollte hier dem Deutschen Reich eine wissenschaftliche Vormachtstellung verschafft werden, aber von Welteroberungsplänen ist keine Rede.

Die analysierten Unterlagen trugen teilweise Entwurfscharakter. Ihr Entstehungsweg ist eindeutig nachvollziehbar. Alle in Entwürfen gesammelten Erkenntnisse wurden später in einem, leider nur noch bruchstückhaft auswertbaren, Dokument zusammengefaßt, welches den Zusatz »gedruckt in der Artillerieschule 1« sowie eine oder mehrere, nicht mehr erkennbare Unterschriften enthielt. Die Echtheit dieses Arbeitspapiers steht außer Zweifel. Sein eigentlicher Verwendungszweck ist unbekannt. Ebenso unbekannt sind die damaligen konkreten Ziele der damaligen Verfasser. Aus einigen handschriftlichen Bemerkungen, in welchem unter anderem vor einem bisher nicht identifizierten Stellvertreter Professor Küpfmüllers bei General Fellgiebel gewarnt wird, könnte auf das Vorliegen von Sympathien zur Stauffenberg-Gruppe geschlossen werden. Scheinbar gab es in wissenschaftlichen Kreisen des Führungshauptamts, wie auch in Peenemünde um Wernher von Braun, einen Freiraum, in welchem eine offene, kritische Auseinandersetzung ohne Strafe zulässig war und in welcher noch fünf Minuten vor zwölf, als wäre nichts gewesen, demokratische Zukunftspläne geschmiedet werden konnten. Es bleibt offen, warum im letzten Kriegsjahr immer wieder von einem lebensbejahenden Volk die Rede ist, welches mit den anderen Völkern in friedlichen Wettstreit treten will, wo doch im Dritten Reich Götzendämmerung und Todesverachtung an der Tagesordnung gewesen sein sollen. Der Autor, welcher selbst die Zeit des totalen Krieges nicht miterlebt hat, sondern sich heute nur aus Literatur, Presse und Film über die damaligen Zustände informieren kann, steht angesichts des ungefilterten Materials, welches leider nicht konserviert werden konnte, vor einem Rätsel. Er ist deshalb für jeden klärenden Hinweis dankbar.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 350-352.


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