Entstehungsgeschichte des jüdischen Volkes
und des Jahweglaubens

Von Matthias Folkman

Entwicklung des jüdischen Volkes

DIE QUELLEN

Die ältesten Quellen zur Geschichte der Hebräer - "Juden" wurden sie erst nach dem Exil, also ab dem 5. Jh. v.d.Z., genannt - stammen aus dem 2. Jahrtausend v.d.Z. Es handelt sich dabei vorwiegend um schriftliche Quellen aus Ägypten, in Form von Aufzeichnungen auf Stein, Holz, Metall, Ostraka und Papyri. Zur wichtigsten Gruppe dieser Zeugnisse gehören die sogenannten "Ächtungstexte" der 12. Dynastie (um 1900 v.d.Z.). Darin wird wiederholt auf die potentiellen Feinde Ägyptens aus Palästina und Syrien verwiesen. Ferner gibt es die Feldzugsberichte der Pharaonen des Neuen Reiches (18.-20. Dynastie, zwischen 1500 und 1000 v.d.Z.), die Orts- und Beutelisten mit Namen aus Palästina aufweisen. Außerdem liegen uns verschiedene wichtige Quellen aus Mesopotamien, Syrien und Palästina vor. Bedeutsam sind vor allem die Texte aus Mari (Mesopotamien, 18. Jh.) und von Tell el-Amarna (Ägypten, 14. Jh.).

Aus diesen zahlreichen Quellen und unter Benutzung der Texte des Alten Testaments haben Theologen, Archäologen und Historiker in diesem Jahrhundert näherungsweise ein Bild der Entstehung des jüdischen Volkes zeichnen können.

Absolute Sicherheit gibt es für diesen frühen Zeitraum nicht, dazu sind die Unterlagen viel zu dürftig und widersprüchlich. Die Büchersammlung des Alten Testaments gibt für die Frühzeit auch nicht viel her, da die Entstehung seiner frühesten Schriften ca. eintausend Jahre später anzusetzen ist. Und was sich da als Geschichtsdarstellung ausgibt, ist im wesentlichen eine Sammlung alter Sagen und Legenden, deren historischer Kern oft nicht mehr auszumachen ist.

Mit der Zeit der Staatenbildung in Israel, die um das erste Jahrtausend v.d.Z. angesetzt wird, ist die Quellenlage günstiger, da es ab dann zeitgleiche Königs- und Herrschergeschichten gibt. Allerdings sind auch diese Erzählungen keine historischen Darstellungen nach unserem Verständnis. Man muß vor allem die orientalische Art der Geschichtserzählung kennen. Sie reiht nicht Fakten und Daten aneinander, sondern es werden Geschichten um bestimmte Ereignisse erzählt.

Diese Geschichten, aus den verschiedensten Überlieferungen, und damit aus völlig unterschiedlicher und oft gegenteiliger Sicht, wurden aufgeschrieben, zusammengetragen und miteinander verflochten. So entstanden literarische Schöpfungen, die in sich widerspruchsvoll und in vielen Fällen geradezu unglaubwürdig sind.

Die Aufgabe der Exegeten, also der Bibelwissenschaftler, ist es nun, diese Texte wieder zu entwirren und sie so weit wie möglich in ihre ursprünglichen Einzelteile zu zerlegen. So hat man in den geschichtlichen Büchern des Alten Testaments vier große literarische Hauptstränge herausgefunden, deren erster und letzter zeitlich ca. 500 Jahre auseinander liegen. Die Wissenschaftler versuchen nun, jeden Vers - oder auch nur Versteile - in eine dieser vier Hauptredaktionen einzuordnen. Erst wenn man den Zusammenhang bestimmter Textstellen kennt, kann man ihre Bedeutung erschließen. Diese vier Überlieferungsstränge werden "Jahwist" [ca. 900 v.d.Z.], "Elohist" [ca. 700 v.d.Z.], "Priesterschrift" [ca. 500 v.d.Z., entstanden in Babylon] und "Deuteronomist" [ebenfalls ab ca. 500 v.d.Z., entstanden in Palästina] genannt.[1]

PALÄSTINA IM 2. JAHRTAUSEND V.D.Z.: STADTSTAATEN - APIRU - SCHASU

Palästina bot im 2. Jahrtausend v.d.Z. folgendes Bild: Es gab eine Reihe von Stadtstaaten, also fest umrissene, befestigte und ummauerte politische Einheiten, die von den Kanaanäern bewohnt wurden. Sie hatten sich aus ägyptischen Militärkolonien entwickelt und standen unter ägyptischem Einfluß. Oft waren sie noch immer dem Pharao direkt untertan, waren aber voneinander unabhängig. Dort wurde ägyptische Kultur und Religion gepflegt.

Den Stadtstaaten stand eine Gruppe gegenüber, die von den Ägyptern, aber auch den übrigen angrenzenden Völkern, "Apiru" oder auch "Hapiru" genannt wurde. In den ägyptischen Texten wurde das harte "p" zu einem weichen "b" und aus den "Habiru" wurden später die "Hebräer".

Bei der "Apiru" genannten Gruppe handelte es sich nicht um eine ethnische, sondern um eine soziale Gruppe. Es waren Menschen unterschiedlicher Herkunft, die außerhalb der damaligen Gesellschaftsordnung standen, sozial Deklassierte, Entwurzelte, outlaws der bronzezeitlichen Städte (Donner[2], S. 71, 125). Sie schlossen sich in Sippen und Stämmen zusammen, wohnten in Zelten und trieben neben Viehzucht auch Ackerbau. Man muß sie also als Halbnomaden bezeichnen.

Eine zweite, vollnomadische Gruppe lebte in den Randzonen der Wüstengebiete. Sie betrieben vor allem Viehzucht und zogen als Nomaden durch das Land, hatten also kein festes Siedlungsgebiet. Diese Gruppe heißt in der Forschung "Schasu".

Antike Wandmalerei, angeblich Schasu zeigend.

http://www.messiah.org/p5442.htm

Beide Nomadengruppen standen den Stadtstaaten, in denen schon damals, von Ägypten beeinflußt, eine sehr hohe Kultur herrschte, feindlich gegenüber. Wie alle Landstreicher und Vagabunden revoltierten die Apiru und Schasu vor allem gegen die in den Stadtstaaten herrschende Ordnung und die dort geltenden Gesetze. Andererseits arbeiteten sie aber auch gelegentlich als Lohnsklaven für die Pharaonen.

Diese beiden Gruppen, Apiru und Schasu, bildeten allmählich größere Stammesverbände und schlossen sich zum Schutz und zur Lebenssicherung gegen die Stadtstaaten zusammen. Sie verwickelten die Kanaanäer immer häufiger in Kämpfe und eroberten ihre Städte. Es war sozusagen die erste Revolution der Minderbemittelten gegen eine herrschende Klasse.

Allmählich ergab sich in Palästina eine soziale Umschichtung: Die Apiru und Schasu bildeten die Mehrheit und eigneten sich das Land an. Dieser Vorgang wird in biblischer Verbrämung und aus der Sicht späterer Jahrhunderte "Landnahme" genannt. Die Überlieferungen einzelner Apiru- und Schasu-Gruppen, ebenso wie die Heldentaten herausragender Führer, wurden zunächst mündlich weitergegeben, später aufgezeichnet und bilden den Grundstock der biblischen Bücher Josua und Richter.

Die historischen Grundlagen des Jahweglaubens

RELIGIONEN IM ALTEN PALÄSTINA

»Die älteste Religion Israels ist - wie die der übrigen Völker des vorderorientalischen Milieus - polytheistisch, d.h. man verehrt eine Vielzahl von Göttern und Göttinnen. Weder die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob noch Mose sind als Vertreter einer monotheistischen Religion zu betrachten.« (Lang[3], S. 7.)

Der Gottesglaube der einzelnen palästinensischen Stämme war sippengebunden, d.h. jede Sippe hatte ihren eigenen Gott. Diese Götter hatten meist keinen Namen, sondern hießen in der Regel "der Gott deines, meines, unseres Vaters". Soweit sie Namen hatten, sind diese nicht überliefert worden oder heute nicht mehr als Götternamen erkennbar. Nur von einigen Sippengöttern sind uns noch die Namen bekannt, z.B.: "der Gott Abrahams", "der Gott Isaaks", "der Gott Jakobs". Manchmal bekamen sie auch Attribute beigelegt, z.B.: "der Schrecken Isaaks", "die Stärke Jakobs". Bei Vertragsabschlüssen wurden die Götter der beiden Partner als Zeugen angerufen, etwa mit der Formel: "Der Gott Abrahams und der Gott Nahors mögen zwischen uns richten" (Gen 31,53).

Diese Sippengötter besaßen keine festen Heiligtümer. Sie lebten mit den Menschen in ihren Zelten bzw. begleiteten die Nomaden auf ihren Wanderungen durch das Land. Ihre Gegenwart manifestierte sich in Kultgegenständen, die im AT "Terafim" genannt werden (Gen 31,19). Was man sich darunter vorzustellen hat, ist nicht klar. Vielleicht waren es Statuetten oder auch Gesichtsmasken, deren Berührung magische Kräfte vermitteln sollte.

DIE QUELLENLAGE

Die Schwierigkeit der Quellenlage hat es mit sich gebracht, daß über den Polytheismus im alten Palästina, also in den Staaten Israel und Juda, bisher nur wenige Forschungsergebnisse vorliegen. Tatsächlich sind die einzigen schriftlichen Dokumente, die darüber Aufschluß geben könnten, nur noch diejenigen, die im Rahmen der Bibel bzw. des Alten Testaments überliefert wurden. Bei diesem Buch handelt es sich jedoch um eine Sammlung von Texten, die in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitrechnung zusammengestellt wurden und den damaligen Staatskult und die damalige Staatsgottheit heroisieren und verherrlichen. Da gibt es für Texte, die konkurrierende Gottheiten und deren Schutzherren und Diener preisen, natürlich keinen Platz mehr. Das Problem der biblischen Texte besteht auch darin, daß sie über Jahrhunderte fortgeschrieben, d.h. ständig umgeschrieben und ergänzt wurden. Ein historisches Zeugnis ist aus ihnen jedenfalls nur auf Umwegen zu gewinnen. Vor allem muß man sich darüber klar sein, daß die veröffentlichten Texte nur die Meinung einer Minderheit im damaligen Judentum darstellen. Ihre Aussagen dürfen nicht mit den tatsächlichen historischen Gegebenheiten Israels in vorexilischer Zeit[4] verwechselt werden.

Wir verdanken es allein der haßerfüllten Polemik damaliger Autoren, daß uns nicht nur die Namen anderer Gottheiten, sondern auch deren Verbreitung und Verehrung bekannt wurden. Man darf sich nur nicht von der einseitigen und dick aufgetragenen Theorie der Verfasser dieser Texte beirren lassen. Sie wollen den Leser glauben machen, daß die Jahweverehrung bei den Israeliten am Anfang stand und den Hauptplatz einnahm, und daß alles andere vorübergehende Entgleisungen waren. Ja, daß vor allem die Kanaanäer die Verehrer der anderen Gottheiten waren, während die Israeliten von Anfang an den reinen Glauben an den einzigen Gott Jahwe ausgeübt hätten. Dabei straft sie in diesem Punkt schon ihr eigener Name Lügen. Gemäß dem damaligen Brauch nannte sich der Stämmeverband und später der Staat nach dem bei ihnen verehrten Hauptgott. Und das war, wie aus ihrem Namen Isra-El hervorgeht, der Gott EL und nicht Jahwe.

Seit einigen Jahrzehnten sind Forscher damit beschäftigt, zu den biblischen Büchern ergänzendes Material zu finden, und da bietet sich die Archäologie an. Denn »eine Rekonstruktion der Religionsgeschichte Palästina/Israels braucht Primärquellen. Solche aber sind nicht in den biblischen Schriften zu finden, sondern nur von der Archäologie zu erwarten.« (Keel/Uehlinger[5], S. 4). Archäologische Funde haben gegenüber schriftlichen Dokumenten den Vorteil, daß sie sowohl zeitlich als auch geographisch in den meisten Fällen problemlos einzuordnen sind. Und sie bieten ursprüngliches, unverfälschtes Material. Ihr Nachteil ist, daß ihre Auswertung und Deutung oft sehr mühsam ist und jahrzehntelang dauern kann. Im Jahr 1977 erschien eine Arbeit des auf diesem Gebiet führenden Schweizer Professors Othmar Keel[6], der an die zehntausend Siegelamulette ausgewertet hat. Die Funde decken einen Zeitraum von fast anderthalb Jahrtausenden nahezu lückenlos ab. Die ältesten Stücke werden um 1880 v.d.Z., die jüngsten um 450 v.d.Z. datiert.

Diese Funde bestätigen, was das AT nur gelegentlich durchscheinen läßt: Die Israeliten waren zumindest bis in die spättexilische Zeit hinein (400 v.d.Z.) polytheistisch und verehrten in ihren Tempeln mehrere Gottheiten nebeneinander. Einige Forscher sind davon überzeugt, daß die israelitische Religion bis in die Hasmonäerzeit hinein (160 - 40 v.d.Z.) polytheistisch geblieben sei.[7]

BELEGE FÜR POLYTHEISMUS IN BIBLISCHEN TEXTEN

Die Götting Anat, auf dem Thron mit Schild und Maske, auf einem Steinbildnis von Ugarit http://www.geocities.com/SoHo/Lofts/2938/majdei.html

In Palästina/Israel gab es ein reichhaltiges und vielseitiges Götterpantheon. Die Israeliten, die sich aus den Apiru und den Schasu-Nomaden entwickelt hatten, übernahmen größtenteils die Gottheiten der ihnen benachbarten kanaanäischen Stämme. Sie feierten auch deren Feste. Der Ursprung des jüdischen Pessach, des Schawuot und des Sukkot sind kanaanäische Bauern- und Hirtenfeste. Vor dem Exil gab es kein Eheverbot zwischen Israeliten und Kanaanäern. Die Sippen konnten sich untereinander verschwägern und ihre religiösen Kulte voneinander übernehmen. Die Kulte blieben jedoch in der Regel einer bestimmten Region verbunden. Wer in einen fremden Ort zog, wechselte damit automatisch zu einer anderen Gottheit über. Wie überall im Alten Orient gab es männliche und weibliche Gottheiten. Die Göttinnen waren nicht nur Anhängsel zu den Göttern, etwa als deren Ehefrauen, sondern selbständige, unabhängige Götter.

Die Götter hatten unterschiedliche Funktionen. Es gab Stammesgottheiten, die von allen Angehörigen eines Stammes verehrt wurden, und daneben gab es Gottheiten für die einzelnen Lebensbereiche, etwa für das Wetter, den Feldbau, die Ernte, die Fortpflanzung, die Erziehung usw.

Der Hauptgott aller in Palästina Ansässigen war El, obwohl man ihn nicht als Landesgott im üblichen Sinn bezeichnen kann. Das war gar nicht möglich, da die Bevölkerung in unterschiedlichsten Strukturen lebte. Sein Name - wie auch der anderer Götter - kommt in der Regel in Verbindung mit einzelnen Orten vor, und in der Vorstellung der damaligen Bevölkerung handelte es sich um unterschiedliche Personen mit jeweils anderen Inhalten. El-Heiligtümer sind im ganzen Land zu finden.

Außer der Wortbildung »El« gibt es noch die Pluralform »Elohim«. Die Texte lassen keinen eindeutigen Schluß zu, ob damit mehrere Götter gemeint waren oder gelegentlich auch nur ein bestimmter Gott in besonders mächtiger Position. Von christlichen Theologen wird auch die Meinung vertreten, daß die Pluralform die unübertreffliche Fülle der göttlichen Eigenschaften ausdrücken soll. Aber das entspricht eher abendländischer als orientalischer Denkweise.

In seiner Eigenschaft als Weltschöpfer und höchster Gott trug El auch den Beinamen Eljon. Er hatte den Vorsitz im gedachten Götterpantheon. In Psalm 89,8 heißt es:

»El ist furchtbar in der Ratsversammlung der Heiligen, größer und furchtbarer als alle, die ihn umgeben.«

Die "Heiligen" sind in diesem Zusammenhang die ihm untergeordneten Götter.

Zu den großen Gottheiten gehörten außer El seine Schwester und Gemahlin Astarte, die später mit der Göttin Aschera gleichgesetzt wurde. Ferner die Göttin Anat und die Götter Baal, Gad, Am, Jam, Zedek, Schalem, Ascher, Zur und Schaddai. Das ist nur eine Auswahl der am meisten vorkommenden Namen. Ein zunächst wenig bekannter, erst später allgemein bekanntgewordener Stammesgott der Südnomaden war Jahwe.

Einer der beliebtesten Götter neben El war der mächtige Gott Baal. Er war ein Wetter- und Fruchtbarkeitsgott, dessen Verehrung wohl aus Syrien nach Palästina gedrungen ist. Ihm galten Fruchtbarkeitsriten und man übte an seinen Heiligtümern eine kultische Prostitution aus. Wie El trug auch er oft den Beinamen einer geographischen Region, also Baal-Gad, Baal-Chasor, Baal-Peor usw. Er war ein bei der Landbau betreibenden Bevölkerung sehr beliebter Gott, da von ihm die Ernte abhing. Über seine Verehrung gibt es in der Bibel zahlreiche Belege.

Die Arbeitsteilung der Götter in bezug auf die Menschen stellte man sich so vor, daß dem einzelnen von El Eljon eine festgelegte Aufgabe zugewiesen wurde. So wurde z.B. jedem Gott ein bestimmtes Volk zugeteilt. Davon berichtet eine Bibelstelle wie folgt:

»Als Eljon die Völker als Erbbesitz gab,
als er die Menschen verteilte,
setzte er die Gebiete der Völker fest
nach der Zahl der Götter.
Da wurde Jahwes Anteil sein Volk,
Jakob der ihm zugemessene Erbbesitz.«
(Dtn 32,8f.)

Die Fürsorge der zuständigen Götter für die Menschen ließ offensichtlich manchmal zu wünschen übrig. Es gab zuviel Arme und Bedürftige, die von den Göttern anscheinend vergessen worden waren. Bei einer Götterversammlung wird den Teilnehmern einmal ins Gewissen geredet. Der Sprecher wird als »elohim« bezeichnet. Er scheint ein dem El Eljon direkt untergeordneter Gott zu sein, so eine Art Minister- bzw. Götterpräsident. Er bedroht seine Götterkollegen sogar mit ihrer Entthronung und dem Tod. Davon spricht Psalm 82:

»Elohim steht auf in der Gottesversammlung,
im Kreis der Götter hält er Gericht.
Wie lange noch wollt ihr ungerecht richten
und die Frevler begünstigen?
Verschafft Recht den Unterdrückten und Waisen,
verhelft den Gebeugten und Bedürftigen zum Recht!
Befreit die Geringen und Armen,
entreißt sie der Hand der Frevler!
Wohl habe ich gesagt: ihr seid Götter,
ihr alle seid Söhne Eljons.
Doch nun sollt ihr sterben wie Menschen,
sollt stürzen wie die Fürsten.«

Führende Forscher auf dem Gebiet der Religionsgeschichte behaupten noch heute gelegentlich: »Das AT befaßt sich in erster Linie mit dem Kult des Gottes Jahwe.« (Morton Smith in: Lang, S. 9). Daß bei einem Leser biblischer Texte in der Übersetzung dieser Eindruck entsteht, ist die Folge einer sprachlichen Manipulation. Nach einer allgemeinen Übereinkunft kommt der Name »Jahwe« in den deutschen Bibeln nicht vor, sondern wird durch »Herr« ersetzt[8]. Die Namen der Götter »El«, »Elohim«, »Eljon« werden hingegen durch »Gott« ersetzt. Auch die Eigennamen anderen Gottheiten werden teilweise ausgetauscht, so z.B. der Gott »Schaddai« durch »der Allmächtige«. Das verleitet die Bibelleser zu der Annahme, in der Bibel sei durchwegs immer von dem gleichen Gott die Rede. Die oben zitierten Bibelstellen weisen in deutschen Ausgaben die Namen »El«, »Elohim«, »Eljon« nicht auf, sondern es heißt da durchwegs »Gott«, anstatt »Jahwe« steht dort »Herr«. Die Unterschiede sind dadurch verwischt und werden erst beim Lesen des hebräischen Originaltextes sichtbar.

Relikte aus der Bronzezeit: Oben ein Abbild des Gottes El, rechts ein Abbild von Baal.[9]

Jahwe war seiner Herkunft nach ein Gott der Schasu-Leute, also ein Wüstengott. Er gehörte zu einem Nomadenstamm, der am Toten Meer beheimatet war. Sein Name bedeutet so etwas wie »stürmender Geist«, »stürmende Gewalt«, sollte also wohl den Wüstensturm symbolisieren. Zunächst war er ein verhältnismäßig unbedeutender Gott, nur einer kleinen Sippe zugehörig.

Das Wesen dieses Gottes entspricht dem Leben in der Wüste und nicht den Bedürfnissen einer landbauenden Bevölkerung. In bezug auf die Gegnerschaft zwischen den Nomadenstämmen und den kanaanäischen Städten schreibt Donner (S. 125):

»Jahwe wurde der Gott der mit der bestehenden Ordnung Zerfallenen.«

Und Lang, S. 60f., stimmt ihm zu, wenn er erklärt, Jahwe hat

»mit der wohlgegliederten, genealogisch und monarchisch geordneten Götterwelt Kanaans wenig zu tun. Er ist ebenso Fremder wie seine ins Land eingewanderten Verehrer Fremde sind. [...] Der Außenseiter in der Welt der Götter ist Gott der Außenseiter.«

Aus den Südstämmen, die den Gott Jahwe verehrten, bildete sich später der Stamm Juda, der infolgedessen Jahwe zu seinem Stammesgott wählte. Und zum Stamm Juda gehörte David, der spätere König aller israelitischen Stämme. Erst mit ihm zog Jahwe als ein Gott unter anderen in Jerusalem ein.

WIE MAN ZU EINEM STAMMESGOTT KAM

In den biblischen Texten gibt es Zeugnisse einer außerordentlichen Religiosität, einer totalen Hingabebereitschaft an Gott. Sie finden sich zumeist in den Prophetenbüchern. Unsere Theologen machen nun allesamt den Fehler, diese echte Religiosität zu verallgemeinern und sie der Mehrheit der israelitischen Bevölkerung, dem späteren Volk der Juden, zuzuschreiben. Sie lassen völlig außer acht, daß die wenigen charismatischen Gestalten, die unter den Namen verschiedener Propheten in der Bibel zu Wort kommen, nur eine verschwindende Minderheit in der Gesamtheit des Volkes bildeten, die im übrigen von den offiziellen Stellen ständig angefeindet, verfolgt und oft getötet wurden.

Völlig verfehlt ist es, dem Jahwe-Glauben von Beginn an eine vergeistigte und tiefreligiöse Komponente zuzuschreiben. Er unterschied sich anfangs in nichts von dem Glauben an die anderen Götter. Der Gottesglaube ist immer und überall der Ausdruck des Wesens des gläubigen Menschen. Und das Gottesbild eines Volkes oder Stammes entspricht ebenfalls seinem Wesen. Dem Menschen des alten Orients war aber eine vergeistigte Gottesvorstellung von seiner Mentalität her gar nicht möglich.

Die Götter waren, im wahrsten Sinne des Wortes faßbare Größen. Die Gottesbilder, die man sich anfertigte, symbolisierten in der Regel eine der herausragenden Eigenschaften des betreffenden Gottes. Das Bild, die Statue oder was immer es war, gewährleistete aber gleichzeitig die Gegenwart des Gottes. Davon berichtet eine biblische Legende, die in Richter 17-18 aufgezeichnet ist:

Lange vor der Königszeit, also vor dem Jahr 1000 v.d.Z., erbte ein Mann namens Micha eine größere Geldsumme von seiner Mutter. Er ging damit zu einem Goldschmied und ließ sich eine silberne Götterstatue anfertigen. Diese Statue erklärte er als seinen "Gott" und zog mit ihr, als dessen Priester, durch das Land. So kam er auch zum Stamm Dan, der in der Mitte des Landes siedelte. In dessen Hauptstadt Schilo ließ er sich für den Rest seines Lebens nieder. Er errichtete dort einen Tempel und stellte seinen "Gott" in ihm auf. Das Gottesbild wurde so berühmt, daß die Menschen von weit her kamen, um es zu verehren. Dieser silberne "Gott" blieb jahrhundertelang in Schilo, auch als dort schon ein Jahwepriester seinen Dienst versah. Erst bei der Niederwerfung des Nordstaates Israel durch die Assyrer, um 722 v.d.Z., wurde der Tempel zerstört und die Statue ging verloren bzw. gelangte als Beute in die Hände der Assyrer.

DAVID

Die historisch belegbare Zeit beginnt für Israel mit der Staatenbildung, also mit David. Wann genau David gelebt hat, steht zwar nicht fest, aber sicher ist, daß er eine historische Persönlichkeit war. Die Theologen setzen seine Regierungszeit ab 1000 v.d.Z. an.

David begann seine politische Karriere als Söldnerführer der Philister. Die Philister, deren Herkunft bis heute nicht völlig geklärt ist, wurden von Ramses II. bzw. dessen Nachfolgern, also im 11./10. Jh., im palästinensischen Küstengebiet angesiedelt. In ihren Diensten stand zunächst David. Er baute seine Macht aber bald aus und ließ sich vom Stamm Juda zum König ausrufen. Seine Residenz errichtete er zunächst in Hebron.

Zu einem bis heute nicht erforschten Zeitpunkt eroberte er die Gebirgsfeste Jerusalem, die weder zum Stamm Juda noch zu den Nordstämmen gehörte. Jerusalem war damals von Jebusitern besiedelt. Der Stadtgott der Jebusiter hieß El-Eljon, also: "höchster Gott".

Die Bedeutung Davids lag zunächst einmal in seinen politisch-strategischen Fähigkeiten, mit denen er die verschiedenen Stämme einigte und ein Großreich Israel schuf. Aber dieses Reich bestand keine hundert Jahre, es zerfiel bereits nach dem Tode seines Nachfolgers Salomo, um 925 v.d.Z., in das Nordreich Israel und das Südreich Juda.

Für die Zukunft Israels weitaus wichtiger war seine Religionspolitik. David machte Jerusalem - eine bis dahin für die Israeliten völlig unbedeutende Stadt - zum politischen und religiösen Mittelpunkt seines Reiches und leitete damit eine entscheidende Epoche in der israelitischen Religionsgeschichte ein. Er holte sich jebusitische El-Priester an seinen Hof und der jebusitische Prophet Nathan wurde sein Hauptberater. David hatte sehr schnell erkannt, welche geistige Macht die Priester des Gottes El darstellten. Im Gegensatz zu Jahwe, war Eljon kein Stammesgott mit einem beschränkten Wirkungsbereich, sondern er galt als Schöpfer der Welt, als Herrscher des Himmels und der Erde. Er war also allen anderen Göttern überlegen. Der Jerusalemer Gott Eljon hatte sehr viel Züge mit dem ägyptischen Sonnengott Amun-Re gemeinsam. Seine Priesterschaft vertrat eine hochstehende Ethik - ganz anders als die Jahwe-Priester, bei denen Blutrache und Vergeltung zu den Forderungen ihres Gottes gehörten.

Antikes Abbild der Göttin Astarte

http://www.geocities.com/SoHo/Lofts/2938/mindei.html

David beließ den Eljon-Priestern ihre Vorzugsstellungen und Machtpositionen in der Stadt, ließ aber einige ihrer Heiligtümer durch Jahwe-Priester übernehmen und für den Jahwe-Kult sozusagen umfunktionieren. Im Verlauf der nächsten Jahre kam es in Jerusalem zu einem, oft blutigen, Konkurrenzkampf zwischen Eljon- und Jahwe-Priestern. Die beiden Priesterschaften versuchten vor allem sich der Thronfolger zu bemächtigen und sie unter ihren Einfluß zu bringen. In den entstehenden Auseinandersetzungen kamen alle Söhne Davids, außer Salomo, um. Salomo aber stand unter dem Einfluß der Jahwe-Priester.

Als David um 960 starb, kam Salomo mit Hilfe des Jahwe-Priesters Abjathar auf den Thron. Auf sein Drängen hin, nahm er den größten Tempel in der Stadt, der El-Eljon geweiht war, in Besitz und ließ ihn ausbauen. Allerdings geben die biblischen Aufzeichnungen darüber ein völlig falsches Bild. Die Hauptbauten in Jerusalem waren der Königspalast mit seinen Nebengebäuden, ferner der Palast seiner Lieblingsfrau, einer ägyptischen Prinzessin, einer Tochter des regierenden Pharao, ebenfalls mit Nebengebäuden und erst dann kam der Tempel, der in seinen Ausmaßen nicht größer war als eine Dorfkirche. Allein die Tatsache, daß alle diese Gebäude Steinbauten waren, hob sie aus der Menge der sonstigen Lehmhäuser heraus. Fortan wurden dort neben El-Eljon auch Jahwe, die Himmelsgöttin, die Schlangengöttin[10] und andere Götter verherrlicht.

In der religiösen Praxis der Folgezeit verschmolzen allmählich die beiden Gottheiten El-Eljon und Jahwe und wurden zu einem Gott, der den Namen Jahwe-El, oder auch nur Jahwe erhielt. Dieser Gottheit wurden jetzt die Eigenschaften der beiden Götter Eljon und Jahwe zugeschrieben - womit der Gott Jahwe vom Stammesgott einer kleinen Wüstensippe zum Herrscher des Himmels und der Erde aufstieg. Auf diesen neuen Gott Jahwe wurden später alle Ereignisse der Vergangenheit zurückgeführt und überlieferte Texte wurden entsprechend überarbeitet.

DIE JAHWE-ALLEIN-BEWEGUNG: KAMPF EINER MINDERHEIT GEGEN DIE MEHRHEIT

Für die Durchsetzung der Alleinverehrung Jahwes sind Bestrebungen verantwortlich, die in der Forschung die

"Jahwe-allein-Bewegung" genannt werden. Die Alleinverehrung bedeutete noch keinen Monotheismus, also der Glaube, daß es nur einen einzigen Gott gibt, sondern nur den Vorrang Jahwes vor allen anderen Göttern (Monolatrie). Wenn diese "Götzen" und "falsche Götter" genannt werden, dann nicht, weil man ihre Existenz bezweifelte, sondern, um sie zu diffamieren. Der Vorrang Jahwes war nur für "sein Volk" gegeben. Die anderen Völker mochten bei ihren Göttern bleiben.

Die Alleinverehrung Jahwes war zunächst nur die »Forderung einer kleinen Gruppe; der offizielle Religionsbetrieb der Tempel hielt nichts davon«, (Lang, S. 64), und das Volk der Israeliten hielt noch jahrhundertelang an seinen gewohnten Hausgöttern fest.

Einer der alten Götter, »El Schaddai«, der beliebteste Familien- und Schutzgott, hat sozusagen bis heute überlebt. In der »Mesusa«, einer Metallkapsel, die fromme jüdische Familien an ihren Haus- und Wohnungstüren anbringen, befindet sich ein Zettel mit dem Text des »Schma«, dem jüdischen Hauptgebet. Auf der Rückseite dieses Zettels, steht der Name des Schutzgottes »Schaddai«. Die kleine Papierrolle wird so in die »Mesusa« eingelegt, daß der Name »Schaddai« deutlich von außen durch einen Schlitz zu sehen ist. Er soll das Haus vor allen bösen Geistern beschützen.

Die Vertreter der Jahwe-allein-Bewegung benutzten geschickt jede politische Niederlage, um dem Volk klarzumachen, es habe durch seine Verehrung anderer Gottheiten das Unheil heraufbeschworen und nun sei eine Kehrtwendung und ein Bekenntnis zu Jahwe die einzige Rettung.

Nach der Katastrophe von 586 v.d.Z. (Wegführung nach Babylon) beginnen die Vertreter der Jahwe-allein-Bewegung in Babylon, die religiösen Schriften Israels zu überarbeiten und neue zu erstellen. Soweit in alten Texten die Namen anderer Götter vorkommen, werden diese durch "Jahwe" ersetzt. "El" wird auch oft mit dem Beinamen "Jahwe" versehen. In immer wiederkehrenden Wendungen wird dem Volk eingehämmert: "Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein". Die alten polytheistischen Texte werden ausgemerzt und überlebten nur in der polemischen Literatur. Manchmal werden die alten Götter auch zu "Dienern Jahwes", seinen "Heiligen" und "Engeln" umfunktioniert.

In diesem Sinn ist das Alte Testament das erste Zeugnis für eine planmäßige Umerziehung eines Volkes, bzw. einer Bevölkerung. Um das Ziel zu erreichen, züchtete man ihnen zunächst Schuldkomplexe an. Man erklärte ihnen, daß das, was sie jahrhundertelang für rechtmäßige Gottesverehrung gehalten hatten, tatsächlich Götzendienst gewesen sei, daß ihre alten und bewährten Götter nur Scheingötter sind, ohne wirkliche Macht, und daß die Verehrung dieser Götter Israel und Juda in den Untergang geführt habe. Alle, die nicht der Jahwe-Partei angehörten, wurden aufgerufen, sich von ihren falschen Ansichten zu bekehren und sich Jahwe anzuschließen, andernfalls würden sie, auf das Wort Jahwes hin, vernichtet und ausgerottet werden.

Bei der kritischen Betrachtung einer besonders haßerfüllten Tirade im Prophetenbuch Ezechiel (Kap. 20) schreibt ein Theologe:

»In der Weltliteratur findet sich schwerlich ein Dokument, das die Geschichte des eigenen Volkes derart negativ und schuldverfallen darstellt. Israel erscheint als ein menschlicher Verband, der von Anfang an borniert sein eigenes Heil ablehnt, die sinnvollen und einsichtigen Gesetze seines Gottes nie erfüllt und sich schlechter benommen hat als andere Völker der Erde.« (Koch[11], Bd. 2, S. 109).

Zur Ehre der damaligen Israeliten muß man sagen, daß sie diesen Umerziehungsversuchen ganz erheblichen Widerstand entgegensetzten und durchaus nicht bereit waren, ihren Göttern zu entsagen, um sich der Jahwe-Partei anzuschließen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür gibt es beim Propheten Jeremia.

Jeremia (ca. 650 - etwa 580 v.d.Z.) war ein glühender Anhänger der Jahwe-allein-Bewegung und hielt einer Gruppe Israeliten in der ägyptischen Diaspora eine Strafpredigt. Die Antwort, die der biblische Text berichtet, ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen, aber sie kennzeichnet die Haltung der Menschen von damals. Nachdem Jeremia seine Philippika beendet hat, heißt es:

»Da antworteten alle Männer, die wußten, daß ihre Frauen anderen Göttern opferten, und alle Frauen, die dabeistanden, eine große Schar, dem Jeremia: Was das Wort betrifft, das du im Namen Jahwes zu uns gesprochen hast, so hören wir nicht auf dich. Vielmehr werden wir alles, was wir gelobt haben, gewissenhaft ausführen: Wir werden der Himmelskönigin Rauchopfer und Trankopfer darbringen, wie wir, unsere Väter, unsere Könige und unsere Großen in den Städten Judas und in den Straßen Jerusalems es getan haben. Damals hatten wir Brot genug; es ging uns gut und wir litten keine Not. Seit wir aber aufgehört haben, der Himmelskönigin Rauchopfer und Trankopfer darzubringen, fehlt es uns an allem und wir kommen durch Schwert und Hunger um.« (Jer 44,15-18).

Noch Jahrhunderte später hatte sich in Palästina der Jahweglaube nicht völlig durchgesetzt. In den nachexilischen Büchern »Kohelet« (aus dem 3. Jahrhundert v.d.Z.) und »Ijob« (entstanden um 200 v.d.Z.) kommt z.B. der Name »Jahwe« überhaupt nicht vor. Bei Kohelet heißt der Gott durchwegs »elohim«, und der Gott Ijobs ist »El Schaddai«.

DAS GLAUBENSBEKENNTNIS DER JUDEN

Ereignisse, die die Geschichte der Israeliten betreffen, werden im AT durchwegs in Legendenform berichtet. Es handelt sich um Sagen, die viel von den Überlieferungen der einzelnen Sippen gespeichert haben und deren singuläre Begebenheiten durch die spätere redaktionelle Bearbeitung der biblischen Texte auf ganz Israel ausgedehnt wurden.

Die prägnanteste Stelle, die die Vorgeschichte Israels formelhaft zusammenfaßt, ist das sogenannte »Kleine geschichtliche Credo« in Dtn 26,5-9. Es lautet:

»Ein umherirrender Aramäer war mein Vater. Der zog hinab mit wenig Leuten nach Ägypten und blieb daselbst als Fremdling und ward daselbst zu einem großen, starken und zahlreichen Volke. Aber die Ägypter mißhandelten uns und bedrückten uns und legten uns harte Arbeit auf. Da schrien wir zu Jahwe, dem Gott unserer Väter, und Jahwe erhörte uns und sah unser Elend, unsere Mühsal und Bedrückung. Und Jahwe führte uns heraus aus Ägypten mit starker Hand und ausgerecktem Arm, unter großen Schrecknissen, unter Zeichen und Wundern, und brachte uns an diesen Ort und gab uns dieses Land, das von Milch und Honig fließt.«

Das Bekenntnis beinhaltet vier Glaubenssätze:

Diese vier Punkte gehören noch heute zum Glaubensbekenntnis eines Juden. Aber obwohl darin von geschichtlichen Ereignissen die Rede ist, handelt es sich nicht um eine historische Schilderung. Der Text stammt aus dem 5. Jh. v.d.Z., wurde also ca. siebenhundert Jahre nach den darin geschilderten Ereignissen niedergeschrieben.

Wenn wir den Text auf die historischen Grundlagen untersuchen, ergibt sich folgendes Bild: Zunächst einmal ist die Verallgemeinerung unzulässig, als wären alle Israeliten von diesen Ereignissen betroffen worden. Das Volk Israel hat sich nicht aus der kleinen Gruppe von Arbeitssklaven entwickelt, die zu den Fronarbeiten an der Ramses-Stadt nach Ägypten gebracht worden war. Das war nur eine zahlenmäßig völlig unbedeutende Sippe.

Zweitens wird Jahwe als "Gott unserer Väter" bezeichnet. Auch das stimmt für jene Zeit nicht, da Jahwe damals nur der Gott der Schasu-Leute war.

Das wichtigste Ereignis für jeden Juden ist der in diesem Glaubensbekenntnis erwähnte »Exodus«, also die Sklavenarbeit in Ägypten und die Herausführung durch Gottes persönliches Eingreifen. Die Bibel schildert es so, als sei das gesamte Volk der Israeliten zur Sklavenarbeit in Ägypten gezwungen worden. Eines Tages sei ihnen ein Anführer, Mose, entstanden und unter seiner Leitung seien sie aus Ägypten geflohen, verfolgt von den Truppen des Pharao. Sie gelangten an das sogenannte Schilfmeer. - Was damit gemeint ist, ist unbekannt. Aber da die Geschichte erst ca. 700 Jahre nach den Ereignissen aufgeschrieben wurde, wußten die Autoren wahrscheinlich selbst nicht, was sie meinten. - Die Wasser teilten sich vor ihnen, und die Israeliten konnten hindurchgehen, während das Meer die nachströmenden Ägypter in sich begrub.

Diese Geschichte gehört zu den berühmtesten unter den zahllosen Legenden der Bibel. Ihr historischer Kern ist allerdings weniger dramatisch.

Legenden der Bibel

1. DER EXODUS

Um 1300 v.d.Z. plante Pharao Ramses II. den Bau einer neuen Residenz (die Ramses-Stadt), weil die alte durch Überschwemmung des Nils untergegangen war. Für diesen Bau benötigte er Arbeitskräfte und besorgte sie sich durch einen Feldzug nach Palästina. Entweder nahm er eine Gruppe von Schasu-Leuten gefangen oder warb sie als Arbeitssklaven an und brachte sie nach Ägypten. Diese Schasu verehrten den Gott Jahwe und kamen auch aus dem »Land Jahwe«. Offensichtlich gab die Gottheit nicht nur dem sie verehrenden Stamm, sondern auch dem von diesem Stamm bewohnten Land ihren Namen. Aus einer Liste, die in die Mauer der neuen Stadt eingelassen wurde, geht hervor, daß die »Schasu-Leute aus dem Land Jahwe« am Bau der Stadt mitgewirkt haben.

Ungefähr einhundert Jahre später entstanden in der neuen Hauptstadt soziale Unruhen, die vor allen von den ehemaligen Bauarbeitern getragen wurden. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen den Ägyptern und den Schasu. Die Schasu wurden vom Pharao aus Ägypten ausgewiesen.

Diese Darstellung entspricht ägyptischen Texten der damaligen Zeit. In der 700 Jahre später geschriebenen biblischen Geschichte wurde die Vertreibung in eine Flucht unter der persönlichen Leitung Jahwes umgemünzt. Die biblische Darstellung einer Flucht unter Führung eines Hebräers mit Namen Mose ist aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich.

Erstens: Als Anführer dieser Ägypten-Gruppe wird übereinstimmend Mose genannt. Dieser Mose ist - trotz intensiver Forschung - bis heute historisch nicht auszumachen. Es gibt viele Sagen und Legenden über ihn, aber keine sicheren Nachrichten. Der einzige konkrete Anhaltspunkt, den die Forschung hat, ist der Name. Mose ist jedoch kein israelitischer, hebräischer oder aramäischer Name sondern ein ägyptischer. Viele Pharaone heißen so: Ahmose, Thutmose, Ramose; auch die Wortform Ramses beinhaltet das Wort Mose. Mose heißt im ägyptischen nichts weiter als: geboren werden, oder geboren worden sein. Und die Namen Thutmose und Ramose bedeuten: dem Gott Thut oder Ra geboren worden sein. Es gibt zahlreiche ägyptische Texte, die den Namen Mose enthalten. Die Forschung geht daher davon aus, daß Mose ein Ägypter war. Höchstwahrscheinlich der Anführer der ägyptischen militärischen Einheit, die die Schasu aus dem Land begleitete, damit sie das Land sicher verließen und unbehindert durch die Grenzposten kamen. Eine geheime Flucht der Israeliten hätte nie unter der Führung eines ägyptischen Offiziers stattfinden können. Sie ist daher ausgeschlossen

Der zweite Grund, der gegen eine Flucht spricht, ist die Tatsache, daß die Grenze nach Palästina streng bewacht war. Es gab durch die Wüste nur wenige Straßen. Heimliche Grenzübertritte waren so gut wie unmöglich. Jeder einzelne Grenzübertritt wurde notiert und an den Pharao berichtet. Eine größere Gruppe Schasu-Flüchtlinge hätte Ägypten daher gar nicht unbemerkt verlassen können. Von einem solchen Grenzübertritt ungefähr um das Jahr 1200 v.d.Z. berichtet der Brief eines Grenzbeamten an seinen Vorgesetzten. Dieses Dokument ist erst vor einigen Jahren entziffert worden. Darin heißt es:

»Eine andere Mitteilung für meinen Herrn: Wir sind damit fertig geworden, die Schasu-Stämme von Edom durch die Festung des Merenptah passieren zu lassen bis zu den Teichen des Pithom, um sie und ihr Vieh, durch den guten Willen des Pharao, der guten Sonne eines jeden Landes, am Leben zu erhalten.« (zit. in: Donner, S. 86).

Nomaden aus Palästina durften also gelegentlich, in Zeiten von Hungersnöten, nach Ägypten einwandern und erhielten dort ein bestimmtes Gebiet angewiesen, wo sie ihr Vieh grasen lassen durften. Nach Ende der Hungersnot wurden sie aber wieder ausgewiesen und ihre Auswanderung wurde ebenso gewissenhaft an den Grenzstellen notiert.

Diese Forschungsergebnisse haben inzwischen nicht nur christliche sondern auch jüdische Wissenschaftler überzeugt. Im Februar 1988 erschien in einer kanadischen Zeitung die Meldung, daß Professor Eliezer Oren von der Ben-Gurion-Universität in Beerscheba erklärt habe: einen Auszug aus Ägypten habe es niemals gegeben. Zunächst einmal wären die Israeliten, selbst wenn sie, wie es im AT steht, das Rote Meer durchkreuzt hätten, immer noch in Ägypten gewesen, denn die Grenze verlief viel weiter nördlich. Darüber hinaus hätten die Ägypter jedoch ihre Grenze so streng bewacht, daß ein heimliches Überschreiten durch eine größere Gruppe völlig unmöglich gewesen sei.[12]

Herbert Donner schreibt dazu:

»Die Ereignisse beim Auszug und am Schilfmeer sind von der Sage ganz umwoben und in das Licht der Heilsgeschichte getaucht, und zwar womöglich in noch höherem Grade als bei anderen Stoffen der Vorgeschichte Israels. Historisch ist das alles nicht mehr zu fassen und darzustellen.«

Und er fährt dann fort:

»Man sieht: nicht das steht im Bewußtsein der Welt, was sich dereinst wirklich ereignete, sondern das, was in Israels Sagen und Singen daraus geworden ist. Wir stehen beeindruckt vor dem Triumph der Wirkungsgeschichte über die Geschichte.« (S. 93).

2. DIE ZWÖLF STÄMME

Ein ähnliches Produkt israelitischer Sagen- und Legendenbildung sind die zwölf Stämme. Die zwölf Stämme, die dargestellt werden als die zwölf Söhne Jakobs, hat es nie gegeben. Sie sind zwar in die Religionsgeschichte eingegangen, sind aber nicht einmal in der Bibel eindeutig nachzuweisen. In den beiden zeitlich auseinander liegenden literarische Schichten, in denen zwölf Stämme erwähnt werden, werden unterschiedliche Namen genannt. Einzelne werden fortgelassen und durch andere ersetzt. Die meisten der Namen aus den Zwölf-Stämme-Listen verschwinden sowieso wieder aus der Geschichte und werden später nie mehr erwähnt. Möglicherweise basieren die Stämmelegenden auf historischen Persönlichkeiten, Stammesführer, die sich durch besondere Taten ausgezeichnet haben. Aber das ist nur eine Vermutung.

Bis heute ist die Frage nicht geklärt, wie es zu der Zwölfzahl gekommen ist. Es gibt zwar verschiedene Erklärungsversuche, aber keiner ist schlüssig, und keiner entspricht den historischen Tatsachen. Tatsächlich haben sich Zusammenschlüsse von Sippen und Stämmen gebildet, aber sie wechselten ständig. Einmal waren diese, einmal jene Sippen miteinander befreundet oder verfeindet. Die Nomadenverbände hatten es schwer, sich politisch zu organisieren. Ihre partikularen sippen- und stammesgebundenen Interessen kollidierten. Ihr Zusammenleben, bzw. Nebeneinanderherleben war bestimmt von Auseinandersetzungen, Fehden, Überfällen und Blutrache.

Donner sagt, die Frage, wie es in den alttestamentlichen Texten zu der Darstellung von zwölf Stämmen gekommen sei, sei die schwierigste Frage der wissenschaftlichen Geschichte Israels überhaupt.[13]

Das Judentum

DIE POLITISCHE ENTWICKLUNG IN PALÄSTINA / BABYLON

Im 6. und 5. Jh. v.d.Z. wurde aus den ehemaligen Hebräern das Volk, das die gesamte westliche Welt bis heute beschäftigt und in Atem hält: die Juden. Die Ursache zu dieser Entwicklung war - paradoxerweise - der Untergang des in Palästina gelegenen Staates Juda bei der Eroberung durch die Babylonier im Jahr 586 v.d.Z.

Der Nordstaat Israel war bereits 722 v.d.Z. durch die Assyrer zerstört worden. Wie es in der damaligen Zeit üblich war, besiegelten die Eroberer die Zerstörung eines eroberten Staates durch die Deportation der führenden Bevölkerungsschicht. Die Politik der Assyrer bestand zusätzlich darin, die Exportierten rassisch zu zerstören, indem man sie dazu zwang, sich mit der einheimischen Bevölkerung zu vermischen. Das eroberte Gebiet wurde mit anderen Völkerschaften besiedelt. Dadurch ist von den Nordstämmen nichts übriggeblieben.

Der Staat Juda wurde nicht mehr durch die Assyrer, sondern durch die an ihre Stelle getretenen Babylonier besiegt. Im Grunde war es weder den Assyrern noch den Babyloniern um Palästina gegangen. Das Land war jeweils nur Durchgangszone und Aufmarschgebiet auf dem Weg nach Ägypten, dem eigentlichen Ziel der beiden vorderasiatischen Großmächte. Beide begnügten sich zunächst mit einer Besetzung und Verwaltung Palästinas. Aber israelitische und später judäische Aufstands- und Freiheitsbewegungen veranlaßten die Machthaber zu den rigorosen Maßnahmen der Zerschlagung der hebräischen Staaten und Deportation der Bevölkerung.

Die Babylonier verfolgten gegenüber den ins Exil Verschleppten eine andere Politik als die Assyrer. Sie förderten bei allen von ihnen eroberten und besetzten Völkern die nationalen Eigenständigkeiten, in der zutreffenden Annahme, dadurch die Bevölkerung ruhig zu halten und leichter beherrschen zu können.

Donner schreibt:

»Man macht sich vielfach ein falsches Bild vom Leben der Exilanten in Babylonien. Durch Fehlinterpretation alttestamentlicher Texte und aus jüdischer und christlicher Frömmigkeit genährt, halten sich romantische Vorstellungen, die schwer auszurotten sind. Man sieht die Deportierten in elenden Verhältnissen, unter der Fuchtel peitschenschwingender Aufseher harte Sklavenarbeit verrichtend, als ein Heer erbarmungswürdiger Gefangener. Nach des Tages Last und Mühe saßen sie, womöglich mit klirrenden Ketten, an den Wasserflüssen Babylons und weinten, wenn sie an Zion dachten (Ps 137,1). Von alledem kann keine Rede sein.« (S. 383).

Die nach Babylon verschleppten Hebräer wurden in eigenen Exilanten-Kolonien angesiedelt, wo sie ungestört ihr eigenes kulturelles und religiöses Leben fortführen konnten.

»Sie lebten dort keineswegs im Zustand der Sklaverei, sondern waren frei, konnten Häuser bauen, Pflanzungen anlegen und Handel treiben. Sie verwalteten sich selbst unter der Leitung eines Ältestenrates, wie sie es in ihrer Heimat gewohnt gewesen waren. Sie blieben nach Familien organisiert und pflegten ihre Stammbäume. Selbst Sklavenhandel war ihnen gestattet und manche brachten es zu beachtlichem Wohlstand.« (Donner, S. 383f.).

Die judäische Königsfamilie und der Hofstaat wurden in der Hauptstadt Babylon angesiedelt. Einige von ihnen gelangten zu großem Einfluß am babylonischen Königshof. Der König wurde an die Hoftafel des babylonischen Herrschers geladen.

Im AT sind mehrere dieser Exilanten-Kolonien erwähnt. Eine davon trägt den Namen »Tel Abib«, was im akkaddischen (til abubi) so viel wie »Sintfluthügel« oder »uralter Hügel« heißt. »abubi« wurde lautmalerisch zum hebräischen »abib«, das bedeutete im damaligen Sprachgebrauch die »Ähre«. Der erste Frühlingsmonat trug diesen Namen, weil dann die ersten Ähren auf den Feldern wuchsen. Später wurde der erste Frühlingsmonat »nisan« genannt. In der neuen hebräischen Sprache heißt »abibFrühling«, in Anlehnung an die ursprüngliche Bedeutung.

Dieser Name wurde bekanntlich für die erste rein-jüdische Stadt im Palästina, die 1909 gegründet wurde, ausgewählt. Die Wahl dieses Namens geschah möglicherweise deshalb, um daran zu erinnern, daß das jüdische Volk schon einmal nach einer weitgehenden Zerstörung wieder eine neue Existenz angefangen und sich eine neue Zukunft geschaffen hatte. Denn die Exilanten-Siedlungen in Babylon waren der Beginn des Judentums überhaupt. Und Anfang des 20. Jahrhunderts, als die große Einwanderung nach Palästina einsetzte und Tel Aviv gebaut wurde, startete der Zionismus sein großes Experiment eines neuen jüdischen Staates.

Während in Babylon die Exilanten-Kolonien blühten, war das Stammland Judäa weitgehend verwüstet. Die Stadt Jerusalem war zerstört und unbewohnbar. Überlebende hatten sich nach Mizpa zurückgezogen, einem Ort ein paar Kilometer nordwestlich von Jerusalem. Im Jahr 520 v.d.Z., also ca. 80 Jahre nach der Zerstörung, wurde zwar mit dem Bau des Zweiten Tempels begonnen. Aber Jerusalem hatte seinen Rang als geistigen Mittelpunkt des Judentums verloren. Wichtiger wurde im Laufe der Jahre Babylon, wo zahlreiche religiöse Zentren entstanden, Rabbinerschulen, die das religiöse Leben von jetzt an prägten.

Es folgte nun eine Zeit, die man in der historischen Forschung die dunklen Jahrhunderte nennt. Für die nächsten fünfhundert Jahre gibt es nur einige wenige Zeugnisse. Mit der Eroberung durch Alexander ab 334 v.d.Z. geriet Palästina unter den Einfluß des Hellenismus. Es entwickelte sich das hellenistische Judentum. Damals hätten die Juden die Chance gehabt, aus ihren überkommenen, atavistischen Glaubensvorstellungen herauszufinden und eine auf einer höheren geistigen Stufe stehende Religion zu entwickeln. Die Geschichte verlief jedoch anders. Als Antwort auf das hellenistische Judentum kam, getragen von der Jahwe-allein-Bewegung, eine Gegenbewegung auf: das orthodoxe oder rabbinische Judentum.

Theologische Literatur

Trotz der unsicheren politischen Lage herrschte sowohl in Palästina als auch in Babylon ein reges Geistesleben. In dieser Zeit entstanden, zeitlich fast parallel, drei große biblische Überlieferungsstränge:

In Palästina wurde von den Anhängern der Jahwe-Partei das Deuteronomium verfaßt, also das fünfte Buch Mose, sowie das sogenannte deuteronomistische Geschichtswerk, das sind die Bücher Josua, Richter, Samuel, Könige. Diese Bücher beschäftigen sich mit der israelitischen Volksgeschichte, die sich über ein halbes Jahrtausend vorher ereignet hat. Sie zeichnen ein Bild, das sich zusammensetzt aus Legenden, Sagen und den Wunschvorstellungen der biblischen Autoren. In diesem dunklen Jahrhundert entstand auch die Lehre von der Auserwählung des jüdischen Volkes. Der biblische Text lautet:

»Denn du bist ein Volk, das Jahwe, deinem Gott, heilig ist. Dich hat Jahwe, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört. Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch Jahwe ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern. Sondern weil Jahwe euch liebt und weil er auf den Schwur achtet, den er euren Vätern geleistet hat. Daran sollst du erkennen, Jahwe, dein Gott, ist der Gott; er ist der treue Gott; noch nach tausend Generationen achtet er auf den Bund und erweist denen seine Huld, die ihn lieben und auf seine Gebote achten.« (Dtn 7,6-8)

Um die Bedeutung dieser theologischen Trostworte zu erkennen, muß man sich die Situation klarmachen, in der die Israeliten zu jener Zeit lebten. Ihr Staat war zerschlagen, die Mauern der Hauptstadt waren geschliffen, der Tempel, das Zentrum des politischen und religiösen Lebens, war zerstört, die führende Schicht deportiert worden. Fremde beherrschten das Land und die Menschen lebten in Armut und Hoffnungslosigkeit. Es gehört schon ein unglaubliches Vertrauen auf das eigene Volk dazu, wenn die Theologen, die gleichzeitig die politischen Repräsentanten waren, in diese Situation hinein sagen konnten: Ihr seid zwar in diesem Krieg die Unterlegenen, ihr habt alles verloren, sogar eure staatliche Selbständigkeit - aber ihr seid das von Gott auserwählte und geliebte Volk und darum allen anderen Völkern, und vor allem den Siegermächten, überlegen. - Uns Deutschen hätten 1945 solche Worte gut getan, anstatt der diversen Schuldbekenntnisse, wie sie unsere Politiker und Kirchenrepräsentanten für richtig hielten.

Die Gelehrten in Babylon überarbeiteten indessen im Sinne der gleichen Pro-Jahwe-Bewegung die ersten vier Bücher der Tora - also die Bücher Genesis, Exodus, Leviticus und Numeri. Große Teile des alten Textes blieben stehen, wurden aber durch Einschübe ergänzt und geändert. Anderes wurde gestrichen und völlig neu geschrieben. Diesen Überlieferungsstrang nennt man "Priesterschrift", weil offensichtlich gelehrte Theologen die Verfasser waren.

Für das religiöse Leben der sich dann "Juden" nennenden ehemaligen judäischen Gemeinde zumindest genauso wichtig wie die Tora, war jedoch die rabbinische Literatur, die jetzt entstand, vor allem in Babylon.

DER TALMUD (MISCHNA UND GEMARA)

Der Talmud hat seine Ursprünge in den babylonischen Rabbinerakademien des 6. Jahrhunderts v.d.Z. Der Hauptgrund, daß sich die jüdischen Gelehrten intensiv mit der Tora zu beschäftigen begannen, war der politische Umbruch. Die neue Entwicklung des jüdischen Lebens, das sich jetzt vor allem außerhalb Palästinas entfaltete, machte immer neue Bestimmungen und Satzungen erforderlich, da es viele Situationen gab, die in der Tora nicht berücksichtigt waren.

»Diese neuen Vorschriften wurden, wenn auch zunächst ohne Rücksicht auf ihre Ableitbarkeit aus der Schrift, nachträglich aus dem festgelegten heiligen Gesetz, der Tora, herzuleiten gesucht, um den "in der Luft schwebenden" Normen den Schriftgrund zu geben. Daß dabei dem schlichten Wortsinn des Urtextes oft äußerste Gewalt angetan werden mußte, liegt auf der Hand.« (Bischoff[14], S. 12).

Die Schriftgelehrten behaupteten, Gott habe auf dem Sinai ein doppeltes Gesetz gegeben, ein schriftliches und ein mündliches. Während das schriftliche in der Tora aufgezeichnet wurde, sei das mündliche allein durch Tradition unter den jeweiligen Ältesten überliefert worden. Dieses mündliche Gesetz sei jedoch nicht ein anderes als das schriftliche, sondern dessen Erläuterung und Erweiterung.

Wie gewaltsam manche der neuen Bestimmungen aus der Schrift herzuleiten versucht wurde, kann das Beispiel der Regeln über das Schächten zeigen. Die biblische Begründung dafür ist allein in den beiden Worten enthalten: »kaascher zewiticha«, d.h.: wie ich dir befohlen habe, ein Text aus dem Buch Deuteronomium (12,21). In dieser Schriftstelle geht es aber gar nicht um die Art des Schlachtens von Tieren, sondern der Text handelt davon, daß man zwischen den Tieropfern im Tempel und dem normalen Schlachten von Tieren zu unterscheiden habe. Vom Opfertier durfte man bestimmte Teile nicht essen, andere durften nur die Priester verzehren usw. Opfertiere durften auch nur im Jerusalemer Tempel geschlachtet werden. Aber Tiere, die zum allgemeinen Genuß bestimmt waren, durften in jeder Stadt geschlachtet werden. Und darauf folgen dann die Worte: »kaascher zewiticha« - wie ich dir befohlen (bzw. erlaubt) habe. Das ist ein Rückverweis auf einige Verse vorher, wo schon einmal davon gesprochen wurde. Aus diesen Worten entnehmen die Schriftgelehrten jetzt nur das Wort »wie« und bauen es zu einer detaillierten Anweisung aus. Das ist typisch für die Art des talmudischen Schriftbeweises.

Eine Seite des babylonischen Talmuds[15]

Die Ergebnisse dieser erweiternden Schriftauslegung und die Diskussionen darüber wurden in den rabbinischen Akademien gesammelt. Diese Sammlungen heißen »Midraschim«. Im 2. Jh. n.d.Z. war der Umfang dieser Sammlungen immer mehr angeschwollen und sie waren an vielen verschiedenen Orten verstreut. Da unternahmen es jüdische Gelehrte, all diese Lehrsätze in einem großen Kompendium zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Dieses Kompendium nennt man die »Mischna«. Als ihr Herausgeber gilt Rabbi Jehuda ha-Nassi. Er wurde damit der berühmteste Gelehrte des rabbinischen Judentums. Im Talmud wird er nur »Rabbi« genannt, ohne Beifügung seines Namens.

Dem Inhalt nach ist die Mischna eine Sammlung religionsgesetzlicher Erörterungen und Entscheidungen der Rabbiner, vermischt mit Erzählungen und Legenden. Sie umfaßt 63 Traktate, die in sechs Ordnungen gegliedert sind.

Nachdem die Mischna vorlag, gingen die Diskussionen an den Lehrstätten in Palästina und Babylon jedoch weiter. Jetzt wurde nicht mehr über die Schrift selbst, sondern über deren Auslegung in der Mischna diskutiert. Die Ergebnisse dieser Diskussion nennt man »Gemara«. Schließlich wurde beides, Mischna und Gemara, zusammengefaßt, und das ist der Talmud.

Es gibt einen »Jerusalemer Talmud« und einen »Babylonischen Talmud«. Der Jerusalemer Talmud enthält außer der Mischna die Gemara der palästinischen Rabbiner. Der Babylonische Talmud umfaßt die Gemara der babylonischen Rabbiner-Schulen. Da diese die bedeutenderen waren, wurde der Babylonische Talmud allgemein anerkannt und ist im Judentum bis heute maßgebend.

Wie die Bibel hat der Talmud eine jahrhundertelange Entstehungszeit. Der Abschluß des babylonischen Talmud erfolgte um das Jahr 600 n.d.Z. Die älteste vollständig erhaltene Handschrift stammt aus dem Jahr 1343.

INHALT DES TALMUDS

Der Talmud beinhaltet das jüdische Religionsgesetz. Aber das Wort "Gesetz" darf man nicht in unserem Sinn verstehen. Die talmudischen Rechtsvorschriften sind kein apodiktisches Recht. Es gibt in der rabbinischen Literatur nur ganz wenige Gebote und Verbote. In der Regel handelt es sich um kasuistisches Recht, also rechtliche Entscheidungen, die an bestimmten Rechtsfällen orientiert sind. Die Folge davon ist, daß es im Religionsgesetz keine festgelegten Rechtsnormen gibt. Keine Vorschriften, an die sich jeder Jude immer und überall halten kann. Jeder Rechtsfall ist singulär und verschieden von anderen ähnlichen Fällen. Der Dekalog - die Zehn Gebote - und die Rechtsvorschriften der Bibel sind nur der formale Rahmen, der von den Vätern und den Rabbinern ausgelegt werden muß. Die Zehn Gebote haben übrigens nur für das Christentum eine zentrale Bedeutung. Für das orthodoxe Judentum sind sie nicht wichtiger als andere religionsgesetzliche Vorschriften.

Nicht nur den Talmud zu verstehen, auch schon, ihn zu lesen ist außerordentlich schwierig - jedenfalls für Nichtorientalen.[16] Es handelt sich um ein völlig unsystematisch zusammengestelltes Sammelsurium von einerseits religionsgesetzlichen Vorschriften und andererseits Erzählungen über irgendwelche Dinge, die oft in keinem oder nur sehr mühsam zu konstruierendem Zusammenhang mit dem Vorhergehenden stehen. Durch die sechs Ordnungen wird eine Art Systematik vorgetäuscht, die tatsächlich gar nicht existiert.

Innerhalb dieser Ordnungen gibt es zahlreiche Traktate, die nicht in die angegebenen Themengruppe hinein gehören. So lautet z.B. der erste Traktat im Talmud, der in der Ordnung »Ackerbaugesetze« steht »berachot«, d.h.: »Segenssprüche«. Es handelt sich dabei aber nicht um Segenssprüche etwa im Zusammenhang mit dem Ackerbau und der Ernte, sondern allgemein um Vorschriften über das Beten.

Das soeben Gesagte soll ein Textbeispiel verständlicher machen. Der Talmud beginnt mit dem Traktat »berachot«, und das erste Kapitel handelt vom Beten des »Schma«. Das »Schma« ist das jüdische Hauptgebet. Seine Bedeutung für das Judentum kommt unserem Glaubensbekenntnis gleich. Es beginnt mit den Worten: »Schma Jisrael, adonai [JHWH] elohenu, adonai [JHWH] aechad"; wörtliche Übersetzung: »Höre Israel, Jahwe ist unser Elohim, Jahwe allein« Übliche Übersetzung: »Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig«. Der Vers wird heute als Bekenntnis zur Einzigkeit Gottes (Jahwes) aufgefaßt. Das Gebet geht dann weiter:

»Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen. Es seien diese Worte, die ich dir heute befehle, in deinem Herzen. Schärfe sie deinen Kindern ein und sprich von ihnen, wenn du in deinem Hause sitzest und wenn du auf dem Wege gehst, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. Binde sie zum Zeichen auf deinen Arm, und sie seien zum Denkband auf deinem Haupte. Schreibe sie auf die Pfosten deines Hauses und deiner Tore.«

Der Text ist dem biblischen Buch Deuteronomium entnommen (Dtn 6,4-9). Das »Schma« wird täglich in der Synagoge beim Morgen- und Abendgottesdienst und von jedem praktizierenden Juden bei allen wichtigen Anlässen gebetet.

Der Talmud beginnt nun allerdings nicht mit diesen Gebetsworten (sie kommen im Talmud gar nicht vor) oder einer Betrachtung darüber, sondern mit rein formalen Überlegungen, wann, d.h. zu welcher Tages- oder Nachtzeit, man das »Schma« zu beten hat. Der Text lautet:

»Von welcher Zeit an sagt man das Schma am Abend her? Von der Zeit an, da die Priester hineingehen, um ihre Hebe zu essen - bis zum Ende der ersten Nachtwache. So lehrt Rabbi Elieser. Die Gelehrten aber sagen: bis Mitternacht. Rabban Gamliel meint, bis zum Aufblitzen des ersten Scheines der Morgenröte. Es kamen einmal seine Söhne von einem Gastmahl und sagten zu ihm: Wir haben das Schma nicht hergesagt! Er sagte: wenn noch nicht der erste Strahl der Morgenröte aufgeblitzt ist, seid ihr dazu verpflichtet, es herzusagen. Und nicht allein hierbei sondern überall, wo die Gelehrten bestimmt haben "bis Mitternacht", ist die Vorschrift zu erfüllen, bis zum Aufblitzen der Morgenröte, und ebenso die Vorschrift über das was man am ersten Tage verzehren darf. Warum haben die Gelehrten gesagt: bis Mitternacht? Um den Menschen von der Sünde fernzuhalten. - Worauf fußt der Überlieferer, wenn er lehrt: von welcher Zeit an? Und ferner, warum lehrt er zuerst das auf den Abend und nicht das auf den Morgen Bezügliche? Der Überlieferer fußt auf dem Schriftwort, da geschrieben steht: Wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. Und er lehrt: Wann beginnt die Zeit des Schma-Hersagens beim Niederlegen? Von der Zeit an, da die Priester eingehen, ihre Hebe zu essen. Wenn du aber willst, so sage ich, er hat gelernt von der Weltschöpfung denn so steht geschrieben: Und es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag«

Dieses Textbeispiel, in einem bereits angepaßten Deutsch, zeigt bereits, welche Schwierigkeit die Lektüre des Talmud mit sich bringt. Neben solchen Texten, deren Inhalt immerhin noch zu verstehen ist, gibt es aber auch völlig unverständliche, die nur auf einem Wortspiel beruhen.

Zusammenfassend schreibt Bischoff in seinem Katechismus:

»Man kann, wie schon eingangs erwähnt, im Talmud die größten Gegensätze finden, hocherhabene Gedanken über Gott, Tugend und Menschenwürde, daneben grobe Anthropomorphismen des Höchsten, die Blasphemien wären, wenn sie nicht naiver Pedanterie entstammten, sittlich hohe, wie höchst bedenkliche Ansichten und intolerante Lehrmeinungen, die von einem Hasse wider die Nichtjuden zeugen, Humanität neben nationalem Dünkel, demütige Selbstbescheidung neben aufgeblasener Aberweisheit, tiefstes Gemüt neben verknöcherter Spitzköpfigkeit, keuschen Zartsinn neben Zynismus, ehrwürdige Weisheit neben großem Unsinn.« (S. 39)

»Im Talmud erklingen die Stimmen der Rabbinen aus verschiedenen Jahrhunderten und es wird versucht, sie in Einklang zu bringen, so gut es eben geht. Oft springt die Disputation infolge irgendeiner untergeordneten Ideenassoziation auf einen anderen, dritten, vierten Gegenstand über. Gewaltsam gedeutete Schriftworte, ja logische Ungeheuerlichkeiten müssen als Beweise dienen. Immer neue Fragen werden aufgeworfen, bis endlich auf weitem Umwege die Diskussion zum Ausgangspunkte zurückkehrt; manchmal verläuft sie freilich ganz im Sande, und ein ganz neues Thema beginnt. Zuweilen gerät sie auch bei der Überfülle der Einwände in eine Sackgasse, wo sie schließlich mit dem achselzuckenden Troste verlassen wird: Wenn Elias (der Vorbote des Messias) kommt, wird er es entscheiden.« (Bischoff, S. 34f.).

Eine weniger kritische, sondern sehr positive Charakterisierung des Talmud gibt Reinhold Mayer in der Einleitung seiner Talmud-Ausgabe[17]. Dort heißt es:

»Im Talmud spiegelt sich das jüdische Leben vieler Jahrhunderte mit seiner Breite und Fülle. Das Gebot der Bibel wird hier für jede Einzelheit des Lebens ernst genommen, ja, es besteht der Wille, bis in die kleinste Handlung hinein, in jeder Stunde und Lebenslage Gottes Gebot zu erfüllen. Jüdische Frömmigkeit verwirklicht sich nicht vorrangig in der Hingabe der Seele oder der Rechtmäßigkeit von Glauben und Denken; sie ist nicht Orthodoxie sondern Orthopraxie. Ihr geht es um die Bewährung der Wahrheit, um das Erfüllen der Weisung Gottes, angefangen vom rechten Händewaschen bis zum Märtyrertod.« (S. 10)

Und tatsächlich finden wir im Talmud nicht nur Vorschriften für das von Herrn Mayer erwähnte Händewaschen, sondern auch detaillierte Anweisungen zum Anziehen von Hemd und Schuhen, zum Benehmen auf dem Abort und ähnliche Dinge des täglichen Lebens.

Mayer ist der Meinung:

»Vieles von dem, was diese Lehrer Israels aufgezeichnet haben, ist heutigen Menschen unmittelbar verständlich. Es zeigt sich nicht nur, wie tief menschlich das Judentum war und ist, sondern auch, wie sehr die christlich-abendländische Gesittung vom Judentum her bestimmt ist.« (S. 11)

Wenn man freilich das Neue Testament liest, dann entdeckt man, daß der für das Christentum in Anspruch genommene Jesus von Nazareth sich immer wieder gegen die überspitzten und unsinnigen Forderungen der Pharisäer, die in den Talmud eingegangen sind, ausgesprochen hat. Eine innere Übereinstimmung zwischen Talmud und christlich-abendländischer Gesittung dürfte da doch nur schwer festzustellen sein.

DER SCHULCHAN ARUCH (HALACHA UND HAGGADA)

Für einen orthodoxen Juden ist neben dem Talmud ein anderes Buch mindestens genauso wichtig: der Schulchan aruch. Was ist der Schulchan aruch?

Der Talmud besteht aus Mischna und Gemara. Aber das betrifft nur seine äußere Form, die den Entstehungsprozeß widerspiegelt. Einen inhaltlichen Unterschied gibt es zwischen Mischna und Gemara nicht. Beide können sowohl verbindliche Vorschriften beinhalten, wie auch Erzählungen. Die Rechtsvorschriften nennt man »Halacha« und das Erzählgut heißt »Haggada«.

Im ersten Traktat, der oben angeführt wurde, geht es zunächst um die Vorschrift, wann man das »Schma« beten soll. Dann kommt eine Erzählung von den Söhnen, die erst nachts nach Hause gekommen sind. Abschließend kommt wieder eine Vorschrift, daß das »Schma« bis zum ersten Aufblitzen der Morgenröte zu beten sei. Die Vorschriften sind Halacha, die Erzählung von den Söhnen ist Haggada.

Für gesetzestreue Juden der späteren Zeit war diese orientalische Art, den verbindlichen gesetzlichen Stoff zwischen lauter Erzählungen, Legenden und anderen Dingen zu verstecken, eine große Erschwernis. Es hat darum von Anfang an Gelehrte gegeben, die sich bemühten, den wichtigsten halachischen Stoff aus dem Talmud herauszunehmen und ihn in Extrasammlungen, den sogenannten Codices, zusammenzustellen. Zu diesen halachischen Texten aus dem Talmud fügte man dann noch weitere, die keinen Eingang in den Talmud gefunden hatten.

Solche halachischen Textsammlungen entwickelten sich immer weiter. Die größten entstanden im Mittelalter. Die wichtigste von ihnen ist der von Joseph Karo zusammengestellte »Schulchan aruch« aus dem Jahr 1565. Schulchan aruch heißt wörtlich "gedeckter Tisch". Es bedeutet, daß der traditionelle Jude hier alles beisammen hat, was er zu einem gesetzestreuen Leben braucht. Zu diesem Schulchan aruch gibt es eine Anzahl von Kommentaren, die in der Regel zusammen mit ihm gedruckt werden. Vor allem der Kommentar von einem polnischen Rabbiner, Mose Isserles, erscheint in allen Ausgaben. Er hat die gleiche Verpflichtung wie der übrige Text des Schulchan aruch.

Der Schulchan aruch ist in vier Bücher unterteilt und jedes Buch in mehrere Paragraphen. Er befaßt sich mit allen Gebieten des täglichen Lebens, angefangen vom morgendlichen Aufstehen bis zum Schlafengehen. Er umfaßt die religionsgesetzlichen Bestimmungen für die Festtage, die Ehe- und Speisegesetze, Trauervorschriften und Teile des Zivilrechts. Er gilt bis heute für jeden gesetzestreuen Juden als das Gesetzbuch schlechthin und ist in jedem traditionellen jüdischen Haus vorhanden, während der umfangreiche Talmud[18] meist nur im Lehrhaus zu finden ist.

EPILOG

Die altisraelitische Geschichte mit der Entstehung des Judentums und der jüdischen Religion ist von allgemeinem historischem Interesse. Dieses Interesse zu wecken bzw. zu nähren, ist der Sinn dieser Abhandlung.

Viele Vorschriften in Talmud und Schulchan aruch wirken auf einen humanistisch gebildeten Menschen der Gegenwart befremdlich. Das ist ganz selbstverständlich wenn man die Entstehungszeiten und -situationen berücksichtigt. Diese Wirkung haben sie sowohl auf Nichtjuden, wie auf modern eingestellte Juden. Das traditionelle, orthodoxe Judentum ist heute in der Minderheit. In Israel versucht zwar in den letzten Jahren eine orthodoxe Strömung zunehmend Einfluß zu gewinnen, aber der Widerstand in der Bevölkerung dagegen ist beträchtlich. Das liberale, angepaßte Judentum ist überall in der Mehrzahl.

Es wäre völlig verfehlt, aus der im Talmud vorkommenden "Intoleranz" und "Spitzköpfigkeit", von der Bischoff sprach, allgemein auf das Verhalten heute lebender Juden zu schließen. Darüber hinaus haben die darin enthaltenen Gesetze und Vorschriften ihren Grund in einer völlig fremden Kultur und einer über zweitausend Jahre zurückliegenden politischen Situation. Sie können daher ganz sicher kein Fundus sein, aus dem antisemitische Vorurteile gespeist werden sollten.


Anmerkungen

[1]Das ist nur eine ganz grobe Klassifizierung zur Darstellung des Entstehungsprozesses der historischen biblischen Bücher. Für die Bibelarbeit werden diese Überlieferungsstränge vielfältig unterteilt. Auch die Zeitangaben variieren und dienen nur dem ungefähren chronologischen Ansatz.
[2]Donner, Herbert: Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. T. 1: Von den Anfängen bis zur Staatenbildungszeit; T. 2: Von der Königszeit bis zu Alexander dem Großen. Mit einem Ausblick auf die Geschichte des Judentums bis Bar Kochba, Göttingen 1984. 1986
[3]Bernhard Lang, (Hrsg.): Der einzige Gott. Die Geburt des biblischen Monotheismus. Mit Beiträgen von Bernhard Lang, Morton Smith und Hermann Vorländer, München 1981
[4]Gemeint ist das »Babylonische Exil«, ab 586 v.d.Z.
[5]Othmar Keel/Christoph Uehlinger: Göttinnen, Götter und Gottessymbole. Neue Erkenntnisse zur Religionsgeschichte Kanaans und Israels aufgrund bislang unerschlossener ikonographischer Quellen (Quaestiones disputatae 134), Freiburg 1992
[6]Othmar Keel, Jahwe-Visionen und Siegelkunst. Eine neue Deutung der Majestätsschilderungen in Jes 6, Ez 1 und 10 und Sach 4. Mit einem Beitrag von A. Gutbub über die vier Winde in Ägypten (Stuttgarter Bibelstudien 84/85), Stuttgart 1977
[7]z.B. Manfred Weippert in: »The Balaam Text from Deir 'Alla and the Study of the Old Testament«, Leiden 1991
[8]Das entspricht der jüdischen Gepflogenheit, den Namen »Jahwe«, der in der Bibel mit dem Tetragramm JHWH geschrieben wird, nicht auszusprechen, sondern statt dessen »adonai« = "Herr" zu sagen.
[9]www.geocities.com/SoHo/Lofts/2938/majdei.html.
[10]Den Kult der ägyptischen Schlangengöttin hatte die Pharaonentochter mit nach Jerusalem gebracht.
[11]Klaus Koch: Die Profeten, 2 Bde., Stuttgart 1978, 1980
[12]St. Catherine's Standard, Feb 27, 1988. Diesen Standpunkt hat Professor Oren auch in der ZDF-Reihe Terra X vertreten, die am 6.3.1994 unter dem Titel »Tod im Schilfmeer. Mose und die Wunder der Wüste« ausgestrahlt wurde.
[13]Zu den zwölf Stämmen s. Donner S. 59, 61, 62, 67, 68.
[14]Erich Bischoff: Thalmud-Katechismus, Leipzig (zw. 1930 u. 1933)
[15]www.acs.ucalgary.ca/~elsegal/TalmudPage.html
[16]Übrigens ist er auch von der Sprache her nur sehr mühsam und unvollständig zu verstehen. Sie ist ein Gemisch aus Althebräisch und Aramäisch mit vielen Wortbildungen, deren Sinn heutzutage nicht mehr klar ist. Es soll nur wenige Gelehrte geben, die ihn jemals ganz gelesen haben.
[17]Reinhold Mayer (Hrsg.): Der Babylonische Talmud. Ausgew., übers. und erkl. v. Reinhold Mayer, (Goldmann TB 8665), München
[18]Die deutsche Ausgabe hat 12 Bände.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 364-375.


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