Das Ende von U 85 und die Ermordung seiner Besatzung

Von Dr. Hansjürgen Fresenius

Nach der Kriegserklärung des Deutschen Reiches an die USA am 11.12.1941 verlegte der damalige Befehlshaber der U-Boot-Waffe, Vizeadmiral Karl Dönitz, das Hauptoperationsgebiet der deutschen U-Boote in den Westatlantik vor die Ostküste der USA und von dort weiterreichend bis in den Golf von Mexiko.

Eines dieser Boote in den sogenannten "Wolfs-Rudeln" war U 85 unter dem Kommando von OlzS Eberhard Greger, zu dieser Zeit 26 Jahre alt. Die Besatzung hatte eine Stärke von 45 Mann. U 85 war ein 500 t-Boot, auf Kiel gelegt am 18.12.1939 und in Dienst gestellt am 7.6.1941. Das Angriffsziel der deutschen U-Boote waren die den Atlantik überquerende Geleitzüge, die Kriegsmaterial zur Unterstützung der britischen und sowjetischen Verbündeten transportierten.

Am 13. April 1942 stand U 85 südlich der Chesapeake-Bay vor Cape Hatteras, vor der Küste von North Carolina gelegen, und tauchte nach Einbruch der Dunkelheit auf, um Ausschau nach feindlichen Schiffen zu halten. Es war kurz nach Mitternacht, als die Beobachter auf dem Turm ein Schiff ausmachten. Das unbekannte Schiff, es war der US-Zerstörer "Roper", ein Kriegsschiff aus dem ersten Weltkrieg unter dem Kommando von Kapitänleutnant Howe, hatte das deutsche Boot jedoch eher entdeckt, als es selbst von U 85 ausgemacht wurde. Auf dem Radarschirm des Zerstörers war das Echo des U-Bootes erschienen, und zugleich meldete das Sonargerät Propellergeräusche. Die Entfernung, zwischen den beiden Kriegsschiffen betrug nur wenig mehr als anderthalb Seemeilen. U 85 schoß sofort einen Torpedo ab, der sein Ziel um Haaresbreite verfehlte. Mit äußerster Kraft lief "Roper" jetzt auf das feindliche U-Boot zu, das seinerseits Haken schlug und einen Kreisbogen fuhr mit dem Ziel, den Feind auszumanövrieren und Zeit zum Tauchen zu gewinnen. Der Versuch mißlang, der Zerstörer erfaßte das Boot in seinem Scheinwerferlicht und eröffnete das Feuer aus Maschinenwaffen und seiner Artillerie gleichzeitig. Turm sowie der Druckkörper wurden wenig oberhalb der Wasserlinie getroffen, Wasser drang in das Innere des U-Bootes ein und ließ es langsam sinken. Langsam genug, um den meisten Besatzungsmitgliedern Zeit zu lassen, ins Wasser zu springen und so das sinkende Boot zu verlassen. Danach versank U 85 in den Fluten des Atlantik. Der Kommandant des Zerstörers, Howe, gab in seinem Bericht an, man habe etwa 40 Mann gesehen, die in das dunkle Wasser sprangen und an der Untergangsstelle schwammen. Der Zerstörerkommandant entschied jetzt, ohne Drosselung der Geschwindigkeit durch die schwimmenden Schiffbrüchigen hindurchzufahren und an der Untergangsstelle 11 Wasserbomben zu werfen. Es gab keine Überlebenden. In einer amerikanischen Veröffentlichung aus dem Jahr 1963 über dieses nächtliche Gefecht wird vermerkt, man habe die Schreie der Schiffbrüchigen wahrnehmen können!

Am folgenden Morgen wurden 29 tote deutsche U-Boot-Soldaten aus der See geborgen, die in ihren Schwimmwesten auf der Wasseroberfläche schwammen. Darunter einer der Wachoffiziere und der lt. Ing.-Offizier. Sie wurden einzeln nach ihrer Bergung auf dem Zerstörer photographiert und im Lauf des 14. April 1942 zu einer Marine-Luftwaffenstation gebracht zwecks geheimdienstlicher Untersuchung. Am folgenden Tag, dem 15. April 1942, überführte man die Toten auf den Nationalfriedhof Hampton, Virginia, wo sie am gleichen Tag nach Einbruch der Dunkelheit im Beisein eines protestantischen sowie eines röm.-katholischen Geistlichen beigesetzt wurden. Eine Abordnung von 25 amerikanischen Marinesoldaten unter Führung eines Offiziers feuerte drei Salutschüsse über den offenen Gräbern. Seither liegen diese 29 deutschen gefallenen Seeleute inmitten vieler gefallener amerikanischer Soldaten auf dem Nationalfriedhof Hamton in Virginia. Die Grabsteine der Deutschen weisen aus Gründen »striktester Geheimhaltung« lediglich Vor- und Familienname der Toten auf, keine Lebensdaten, keine Dienstgrade und keine Nationalitätsangabe.

Der Grund für die Geheimhaltung über etwa 20 Jahre, die auf dieses Seegefecht zwischen dem Zerstörer "Roper" und U 85 folgten, dürfte auf der Hand liegen. Denn das, was hier in der Nacht vom 13. auf den 14. April 1942 geschah, ist Mord an wehrlosen Schiffbrüchigen. Es ist ein Bruch aller Regeln der Seekriegführung, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Schon im Jahre 1945 wurden nach Kriegsende deutsche SeeOffiziere für ähnliche Handlungen verurteilt und erschossen (z.B. Kapitänleutnant Eck sowie sein 1. Wachoffizier und der auf dem Boot fahrende Marine-Sanitätsoffizier, im November 1945.)

Der vorstehende Kurzbericht fußt auf Unterlagen des U-Boot-Archiv, Stiftung Traditionsarchiv Unterseeboote, in 27478 Cuxhaven, Bahnhofstraße 57. Dort fand der Verfasser einmal die Unterlagen über das U 85, insbesondere alle technischen Daten, Besatzungsliste, Flottillenzugehörigkeit, chronologische Aufführung aller Feindfahrten sowie die Namen der versenkten Schiffe. Die Bezeichnungen der Stützpunkte, von denen aus die Einsätze erfolgten, sowie Datum und Versenkungsort des Bootes. Von amerikanischer Seite bestand die Möglichkeit, die im U-Boot-Archiv lagernden, als »Geheim« eingestuften Berichte des »District Intelligence Office, Fifth Naval District, Naval Operating Base in Norfolk, Virginia«, einzusehen. Dort erscheint unter »Refer t. No. A 9-8/3-3/FHW/ND5. Confidential:« ein Bericht vom 14. April 1942 sowie vom 17. April 1942 des Zerstörer-Kommandanten Kapitänleutnant Hamilton William Howe, von ihm unterzeichnet, an den 5. Flottendistrict.

Des weiteren hatte der Verfasser die Möglichkeit, zwei Presseveröffentlichungen aus den USA dort zu lesen. Die eine aus dem Juni 1953 aus The Commonwealth, Autor: Parke Rouse jr. unter dem Titel »Victories were scarce for the Allies in early 1942 and one of the brightest was lost in secrecy: The Death of the Nazi U 85.« (Anfang 1942 waren Siege für die Alliierten rar, und der glänzendste ging durch Geheimhaltung verloren: Der Tod des Nazi U 85). Eine zweite Veröffentlichung vom gleichen Autor vom Juni 1982 mit Titel »Under the Cloak of Night« (Im Schutz der Nacht) wurde von der US-Marine im Juni 1982 als Pressebericht veröffentlicht (Herausgabebezeichnung USNI-Proceedings, 108(8) 1982/ U85). In diesem zweiten Bericht ist zusätzlich ein Bild über die nächtliche Bestattung der toten deutschen Seeleute mit einer nachdenklich stimmenden Kommentierung, die, ins deutsche übersetzt, folgendermaßen lautet:

»Die Vereinigten Staaten von Amerika befanden sich weniger als vier Monate im Krieg, als sich auf dem Nationalfriedhof von Hampton, Virginia, ein unheimliches Ereignis abspielte. Ein Kommando von 25 Marine-Soldaten schoß einen letzten Salut über zwei Reihen offener Gräber. Die Verstorbenen, 29 U-Boot-Soldaten, waren bei Nacht schreiend und wehrlos in den kalten Gewässern vor Cape Hatteras gestorben. Aber warum mußten sie bei Nacht beerdigt werden?«

Zwischen den erwähnten Presseveröffentlichungen und den offiziellen dienstlichen Geheimbericht der US-Marine gibt es eine Reihe von Unstimmigkeiten und Widersprüchen, deren Aufklärung mehr als 55 Jahre nach dem Ereignis wohl nicht mehr zu erreichen sein wird. Die Veröffentlichung von 1982 behauptet zudem, daß an Bord »Zivilisten« gewesen seien, die angeblich als Spione abgesetzt werden sollten. Außerdem wird dort angegeben, daß der Kommandant, eben Eberhard Greger, unter den geborgenen Toten gewesen sei. Meines Wissens stimmt das nicht. Er hätte dann ja wohl auch auf dem Zerstörer photographiert werden müssen. Wenn aber des weiteren geschrieben wird, man habe zwei Tote nach Durchsuchung ihrer Kleidung dem Wasser übergeben, dann könnte ich mir vorstellen, daß man dies vielleicht deswegen getan haben könnte, weil diese Leichen dem Wasserbombenwurf entsprechende Verletzungen aufwiesen. Und derartiges eignet sich nun mal nicht zu Veröffentlichung.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 354f.


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