Bücherschau

Wann fing der Holocaust an?

Von William Halvorsen

Peter Novick, The Holocaust in American Life, Houghton Mifflin, Boston 1999, 382 S., US$ 15,-.


Vor einigen Jahren sprach Deborah Dwork, eine führende Holocaust-Historikerin, in British Columbia anläßlich der sogenannten "Kristallnacht". Der Aussage eines Anwesenden zufolge soll sie über die "Kristallnacht" ausgeführt haben, sie sei »das Ende des Anfangs und der Anfang des Endes gewesen«. Obwohl viele Zuhörer durch diese leere Antithese zweifellos zu Tränen gerührt wurden, so erinnerte es mich nur an eine interessante Frage. Angenommen, wir könnten uns darauf einigen, was der Holocaust ist, wann fing er dann an?

Auf diese Frage gibt es viele unterschiedliche Antworten. Viele davon beziehen sich auf Ereignisse des Zweiten Weltkrieges. Einige datieren den Beginn mit dem Ausbruch des Weltkrieges im September 1939, als die Deutschen Polen angriffen; andere sehen den Anfang beim Einmarsch in die Sowjetunion im Juni 1941; wieder andere sehen die Wannsee-Konferenz im Januar 1942 als Beginn an. Andere wiederum lassen den Holocaust mit wichtigen inneren Ereignissen des Dritten Reiches beginnen: zum Beispiel mit Hitlers Machtergreifung oder mit den Nürnberger Gesetzen 1935. Einige Holocaust-Chronologien beginnen sogar mit der Geburt Adolf Hitlers, andere definieren ihn sogar mit der Geburt Jesu Christi, davon ausgehend, daß der Holocaust das ultimative Ergebnis christlichen Antisemitismus gewesen sei. Von all den Erkenntnissen von Peter Novicks Holocaust in American Life ist eine jedoch übersehen worden. Das Buch ist ein gutes Gegengift gegen den ansonsten krankhaft sentimentalen Unrat an Holocaust-Literatur. Es sprengt nicht nur einige Holocaust-Mythen, sondern bietet zudem einen guten Ansatz, um festzulegen, wann genau der Holocaust anfing.

Mythen sprengen

Novicks Buch ist sehr verdienstvoll. Zunächst ist es der erste Versuch zu beschreiben, wie die Vorstellung vom Holocaust jene dominante Stellung errang, die sie im heutigen Leben Amerikas hat, was das politische Leben einschließt. Seine geschichtliche Betrachtung, wie sich die Auffassung zum Holocaust entwickelte, ist eine nützliche Ergänzung zu Samuel Crowells Essay Gas Chamber of Sherlock Holmes (Die Gaskammer des Sherlock Holmes), der das gleiche hinsichtlich der geschichtlichen Entwicklung unserer Vorstellung über die Massenvergasungen unternimmt. (Dieses Essay ist noch unveröffentlicht, aber auf der Webseite von CODOH einzusehen: http://codoh.com/incon/inconshr123.html)

Während Novick seine Mythosvernichtung mit einem gewissen Maß an unterdrückter Freude und Humor durchführt, so muß zugleich festgestellt werden, daß er alles Mögliche tut, um sich selbst von den Holocaust-Revisionisten zu distanzieren. Novick diskutiert sie nur zweimal in seinem über 300 Seiten starken Buch, und in beiden Fällen beleidigt er sie (»screwballs«, »nutcases«, »fruitcakes«, »crazed«). Angesichts seines sonstigen allgemeinen Tones ist es allerdings merkwürdig, daß Novick, ein Historiker an der Universität von Chicago, zu solchen Beleidigungen Zuflucht nimmt, es sei denn, daß er sich vorauseilend von Vorwürfen distanzieren möchte, die gegen seine eigene Arbeit erhoben werden könnten.

So nimmt sich Novick in seinem Buch zum Beispiel das berühmte Zitat von Martin Niemöller vor – Sie wissen schon: "Erst holten sie X, dann Y, dann holten sie mich, und keiner war mehr da zu protestieren." Novick zeigt, wie dieses Zitat von verschiedenen Gruppen verändert und umgestellt wurde, immer abhängig von den Bedürfnissen der jeweiligen Gruppe, so daß die Juden in der ursprünglichen Reihenfolge von Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftlern und Juden nach oben an den ersten Platz wanderten, Katholiken an Orten wie Boston hinzugefügt wurden, oder Homosexuelle an anderen Orten, und daß die Kommunisten manchmal gänzlich ausgelassen wurden – so zum Beispiel vom US Holocaust-Gedächtnismuseum, das es als eine Institution, die zu zwei Dritteln von Steuermitteln finanziert wird, wirklich besser wissen müßte.

An anderer Stelle berührt Novick die üblichen "elf Millionen" Holocaustopfer, also die Vorstellung, es habe sechs Millionen jüdische Opfer gegeben und fast-aber-nicht-ganz-so-viele nichtjüdische Opfer des Nationalsozialismus. Novick enthüllt, was Revisionisten seit Jahren bemerkt haben, daß Simon Wiesenthal diese Zahl schlicht erfunden hat, und zwar teils, so ist zu vermuten, um den Nichtjuden einen "annähernd" gleichen Stand in der unaufhörlichen Erniedrigung der Deutschen zu geben. Novicks Enthüllung scheint bereits einige Auswirkungen gehabt zu haben: die Internet-Seite von Nizkor, eine Art Zentralstelle für antideutsche Propaganda, einschließlich der alten Seifenmärchen und anderer Dinge, hatte lange Zeit ein Banner, das diese Seite »den elf Millionen Opfern Adolf Hitlers und des Nazi Regimes« widmete. Dieses Banner wurde neulich geändert.

Wann es begann

Auf einem eher konstruktiven Niveau zeigt Novick, wie der Holocaust im öffentlichen Bewußtsein Schritt für Schritt Fuß faßte. Er merkt an, daß die amerikanischen Juden in den 50er Jahren die besondere Qualität jüdischen Leidens nicht hervorhoben, weil dies die Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt hätte, daß viele osteuropäische Juden gegenüber dem Kommunismus zu einer Zeit sympathisch eingestellt waren, als er für die meisten Amerikaner ein ausgemachtes Feindbild war. Viele waren damals schockiert von der Drohung Kruschtschows, die Amis »zu begraben«, was zur Folge hatte, daß sich viele von ihnen in ihren Gärten in Bunkern selbst begruben.

Was die Lage änderte, war in Novicks Augen die Fernsehübertragung des Jerusalemer Eichmann-Verfahrens von 1961. Da man ein englisches Wort für das hebräische Wort »Shoah« (Katastrophe, Vernichtung) suchte, tauchte das Wort »Holocaust« auf und wird seither benutzt. (Freilich ist dieses Wort weder englisch noch wurde es damals erstmalig für jüdische Katastrophen verwendet, wie Don Heddesheimer gezeigt hat). Aber damals wurde das Wort Holocaust im Englischen noch nicht groß geschrieben, wie Novick bemerkt. Dies geschah erst während des Sechs-Tage-Krieges anno 1967, während dem Israel seine Bürger und Verbündeten mit jeder Menge Gaskammer-Rethorik mobilisierte. 1968 schließlich folgte Nora Levins Geschichtsbuch The Holocaust. Natürlich ist eine Person ganz besonders enttäuscht von Novicks Darlegung: Elie Wiesel. Er hat seit Jahren "gestanden", daß er den Begriff geprägt hat, und hat sich dafür wiederholt entschuldigt, in seiner typischen Strategie, seine Wichtigkeit künstlich aufzublasen.

Einige Auswirkungen

Aus Novicks Rekonstruktion ergeben sich einige wichtige Erkenntnisse. So hilft sie uns unter anderem zu verstehen, warum der Holocaust-Revisionismus Anfang der 70er Jahre vom Schattendasein zu internationaler Prominenz anwuchs. Denn wenn es wahr ist, daß die politischen Manipulationen mit dem damals gerade derart getauften "Holocaust" mit den israelischen Kriegen von 1967 und 1973 zusammenfiel, so würde dies auch erklären helfen, warum die Gegnerschaft dazu zur gleichen Zeit zunahm. Ich meine allerdings, daß auch die Ostpolitik Willy Brandts Anfang der 70er Jahre, während der das damalige Westdeutschland anfing, abstoßende und unterwürfige Schuldbekenntisse für Weltkriegsgreuel abzulegen, sowie die Anerkennung der Nachkriegsordnung nicht unerheblich mit dem Anwachsen des Revisionismus in Deutschland zu tun hatten.

Eine weitere Schlußfolgerung ergibt sich aus der Feststellung, daß der Holocaust ein Nachkriegskonzept aus den 60er Jahren ist mit dem Ziel, die öffentliche Meinung zu politischen Zwecken zu manipulieren. Denn dann wäre die "Holocaust-Leugnung" entweder der Versuch, dieser Manipulation zu widerstehen, so daß Novick dann selbst ein "Leugner" wäre, oder die Neubewertung von Umfang und Ausmaß der NS-Greuel hat nichts mit dem Holocaust als solchem zu tun, sondern schlicht ist ganz einfachem gewöhnlicher Revisionismus.

Einige Elemente in Novicks Buch mögen für gemäßigte Revisionisten überraschend sein. So findet Novick beispielsweise an einer Stelle dokumentarische Hinweise darauf, daß Rabbi Wise Greuelmeldungen absichtlich falsch wiedergegeben hat, die er Ende 1942 erhalten hatte. Dies würde der großzügigeren Bewertung Samuel Crowells zuwiderlaufen.

Und dann gibt es da natürlich jenen Teil, in dem Novick sich mit dem jüdischen Engagement im Kommunismus befaßt. Hier hatte er die Möglichkeit, eine umfassende Aussage zu machen, aber er unterläßt sie. Obwohl sowohl der Nationalsozialismus als auch der Kommunismus für den Tod von Millionen von Menschen verantwortlich sind, so sollten die von diesen Bewegungen angezogenen Menschen nicht ohne weiteres verdammt werden. Zumindest sollte dies heute nicht mehr der Fall sein.

Für eine Menge anständiger Deutscher und für eine Menge anständiger Juden war der Nationalsozialismus bzw. der Kommunismus die Antwort auf die Herausforderungen ihrer Zeit. Am Ende dieses Jahrtausends sollten wir nicht jeden, der ein Nationalsozialist war, automatisch als bösartig verdammen, und in gleicher Weise sollten wir nicht automatisch die weitverbreiteten jüdisch-kommunistischen Verbindungen verschweigen. Tatsächlich gab es gute und böse Nationalsozialisten, so wie es auch gute und böse jüdische Kommunisten gab. Freilich halten die meisten Menschen die Ideologien beider Systeme für abstoßend und nicht zu verwirklichen, aber darum geht es nicht. Wir sollten uns endlich von den karrikaturhaften Beschreibungen der bösen "Nazis" und der bösen jüdischen Kommunisten lösen und uns einfach den Menschen zuwenden: einige wahrlich bösartig, die meisten aber versuchten nur, zurechtzukommen.

Um damit aber erfolgreich zu sein, müßten wir uns selbstverständlich von der Ansicht befreien, daß das "Böse" und "böse Ideen" der Grund historischer Ereignisse sind. Wir müssen die Möglichkeit ernst nehmen, daß die Wirklichkeit weitaus komplexer ist als viele auf beiden Seiten der Holocaust-Kontroverse zuzugeben bereit sind. Novicks Buch ist ein vielversprechender Anfang auf diesem Weg. Laßt uns hoffen, daß er die Mittel hat, seine Arbeit daran fortzusetzen.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 433f.


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