Der feige Hund

Von Dipl.-Ing. Werner Hofmeister

Es ist gemeinhin bekannt, daß wir Menschen häufig die sehr verbreitete Unart haben, unsere Mitmenschen, wenn sie uns besonders sympathisch sind, mit liebevoll gemeinten Tiernamen in Kose-Form anzusprechen, aber ebenso häufig diesen Tiernamen ausgesprochen menschliche Eigenschaften, die Tiere niemals haben können, hinzuzufügen. Die dumme Gans, die blöde Kuh und ganz besonders der "feige Hund" sind solche Beispiele.

Num ist in der nachfolgenden Geschichte vorwiegend von einem wirklichen Hund die Rede, er ist gewissermaßen der Hauptdarsteller, aber ich muß vorausbemerken, daß er nicht "der feige Hund" war.

Ich weiß zwar und es ist allgemein bekannt, daß alle zurückliegenden Erlebnisse und Ereignisse mit zeitlicher Entfernung in unseren Erinnerungen eine gewisse Verklärung erfahren, aber ich versichere, daß ich in meinem Bericht absolut ehrlich bleiben will, nichts beschönigen, nichts verschweigen und nichts hinzufügen werde.

Die Gegebenheit, die ich hier schildere, liegt zwar weit zurück, genau gesagt ereignete sie sich in der letzten Woche des Novembers 1941, aber sie ist mir in Erinnerung, als sei das alles erst gestern geschehen. Ich hielt mich an dem so erinnerungsreichen Tage in Berlin auf, wo am folgenden Tage der am 22. November bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommene Generalinspekteur der Jagdflieger, Werner Mölders, zu Grabe getragen werden sollte. Zwar hatte ich erst wenige Tage zuvor auf dem Fliegerhorst Smolensk eine wenig erfreuliche Auseinandersetzung mit Mölders, dessen hoher Rang natürlich von mir respektiert werden mußte, demgegenüber ich aber spezielle Fachkenntnisse besaß, denen er nichts entgegensetzen konnte. Doch auch bei ihm schien sich die Ansicht, daß sich mit steigendem Dienstgrad auch das Wissen proportional steigere, festgesetzt zu haben. Wir hatten eben konträre und unvereinbare Ansichten, aber ich war ja nicht nachtragend, deswegen erwähne ich das nur der Vollständigkeit halber und nur am Rande, denn auch ich bedauerte, wie jeder anständige Deutsche, den unersetzlichen Verlust, den wir mit seinem Tode erlitten hatten.

Nun war dieser hochdekorierte Fliegerheld tot, aber ich lebte und war zu seinem Begräbnis in Berlin. Und ich fand das Leben gerade jetzt besonders schön, denn ich war Gott sei Dank nicht allein in Berlin. Es war mir gelungen, die Gelegenheit nutzend, meine junge Frau – für mich der Inbegriff weiblicher Schönheit und seelenvoller Anmut überhaupt – nach Berlin kommen zu lassen und bei mir zu haben. Von diesem Glück beschwingt, gewissermaßen auf Wolken wandernd, machten wir bei trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit sehr schönem Wetter, das uns möglicherweise in unserem Glück viel schöner erschien als es wirklich war, frohen Herzens unser Zusammensein genießend, einen schönen Spaziergang Unter den Linden.

Wir, das war also meine Frau und last not least mein treuer Kamerad, mein Hund "Lucky".

Von ihm ist, außer daß er ein recht großes und ungewöhnlich schönes Tier war, zu berichten, daß er von Herkunft Franzose war. Nach der Niederlage Frankreichs war er mir von meinem französischen Quartiergeber, der diese zur Rasse der belgischen Schäferhunde gehörende Art "Groenendal" züchtete, gewissermaßen als Zeichen trotz Krieg praktizierter Völkerfreundschaft geschenkt worden, – ich kam als Angehöriger der deutschen Besatzungsmacht, also als Feind, aber ich schied als Freund.

Ich werde mich hüten, nähere Angaben zur Person dieses großherzigen Franzosen zu machen, denn man weiß ja, welches Blutbad die Franzosen nach der Vertreibung der deutschen Wehrmacht unter jenen Landsleuten verübt haben, die auch nur einmal freundlich zu uns deutschen Besatzern gewesen sind. In den Illustrierten in den USA habe ich während meines Aufenthalts als deutscher Kriegsgefangener die fürchterlichsten Bilder gesehen, wie man mit deutschfreundlichen Franzosen umgegangen ist. Glaubwürdigen Berichten zufolge ist die Zahl der Opfer solcher Racheexzesse unter der französischen Zivilbevölkerung größer gewesen als durch alle Kriegshandlungen des zweiten Weltkrieges überhaupt, weswegen zu befürchten ist, daß mein Quartiergeber, wenn er zu anderen gleichermaßen freundlich war wie zu mir, die Rache der "Résistance" sowieso nicht überlebt hat.

Der Hund, den ich also in freundschaftlicher Geste von dem Züchter, als ich Frankreich verließ, als Abschiedsgeschenk erhielt, war noch als Kleinwelpe von einem englischen Offizier erworben worden, der vor mir bei dem gleichen Gastgeber Quartiergast war und der dem Hund auch den Namen Lucky (der Glückliche) gegeben hatte, doch hatte der englische Offizier ihn bei der Flucht des britischen Expeditionsheeres über Dünkirchen nach England nicht mitnehmen können oder wollen. Kurzum, inzwischen war dieser Junghund, als ich ihn geschenkt bekam, bereits ein Jahr alt und war natürlich französisch erzogen worden und daran gewöhnt, auf französisch gegebene Befehle auszuführen. Es war also notwendig, ihn "umzuerziehen", was so erfolgreich war, daß er fürderhin zweisprachig, also deutsch und französisch gleichermaßen verstehen lernte, was mir später zu so mancher eindrucksvollen Vorführung bei meinen Kameraden Gelegenheit gab.

Was mein Hund innerlich empfand, ob er in seinem tiefsten Herzen Franzose geblieben war und gar nur zur Tarnung und weil es die Verhältnisse nun mal erforderten, es ihm möglicherweise auch opportun erschien zu kollaborieren, habe ich natürlich nie erfahren. Aber er leistete sich eben an jenem Tage in Berlin ein starkes Stück, vielleicht war es sogar eine antinazistische Protestaktion, wer kennt die Hundeseele schon so genau. Aber diese antinazistische Demonstration hatte es in sich und gestattete daher kaum mehr Zweifel an seiner inneren Einstellung, ja sie ließ vermuten, daß er sogar zur "Résistance" gehörte, also ein Widerständler war.

Und das kam so.

Wir bummelten also, zufrieden mit dem Wetter, glücklich über unser Zusammensein, seit genau einem Jahr verheiratet, als junges Ehepaar mit unserem Hund, als wir auf eine Menschenansammlung stießen. Vor einem Blumenladen hatte sich eine Menge Passanten gestaut. Ich trat neugierig hinzu und es gelang mir, zwischen den Köpfen der vor mir Stehenden zu erblicken, was da so die Schaulustigen angezogen und deren Aufmerksamkeit erregt hatte.

Vor dem Laden hatte der geschäftstüchtige Blumenhändler auf dem sehr breiten Bürgersteig eine Staffelei aufgestellt, wie man allgemein Bilder ausstellt. Doch auf der Staffelei stand ein riesengroßer Kranz, mindestens 1,60 m im Durchmesser, ein wahres Kunstwerk. Drappiert mit einer großen Kranzschleife, die im unteren herunterhängenden Bereich tadellos glatt gestrichen war, so wie das der dienstälteste Außenminister der Welt auf seinen vielen Auslandsreisen und dabei obligatorischen Kranzniederlegungen an den Gedenkstätten deutscher Verbrechen mit unnachahmlicher Gekonntheit im Schleifenglätten geradezu zelebriert. Die große Schleife zeigte in diesem glattgestrichenen Bereich die Abbildung der Standarte des Führers, und ein von dem geschäftstüchtigen Ladeninhaber hinzugefügtes Schild verkündete, daß dies der Kranz des Führers zu dem am folgenden Tage stattfindenden Begräbnis des toten Fliegerhelden Werner Mölders war. Eine Absperrung aus einem kräftigen Seil hielt die ehrfürchtigen Betrachter in gebührendem Abstand.

Doch plötzlich sah ich und erstarrte förmlich zur Salzsäule, daß mein Hund, der nicht angeleint gewesen war, denn er liebte als typischer Franzose die Freiheit über alles, ein Schlupfloch durch die Menge gefunden hatte und unter dem dicken Seil hindurch in den abgesperrten Bereich eingedrungen war, wo er sogleich begann, eine äußerst pietätslose Handlung vorzunehmen. Der Begriff Handlung ist schon von der anatomischen Vorstellung her eigentlich falsch, denn er entstammt doch zweifellos davon, daß man etwas mit den Händen tut. Aber abgesehen davon, daß mein Hund ja keine Hände hat, tat er das, was er tat, mit einem ganz anderen Körperteil. Er stellte sich parallel zu der Staffelei, hob das Bein und tat das, was Hunde, sofern sie männlichen Geschlechts sind, gemeinhin tun.

Die Zuschauermenge war vor Entsetzen, was sie da sehen mußte, zunächst sprachlos. Der Hund traf mit direkt gezieltem kräftigen Strahl den unteren Bereich der Kranzschleife, genau gesagt das Hakenkreuzemblem des Führers, daß es hörbar auf der Seide prasselte, und schaute so, als ob er den Berlinern sagen wollte: "Na, da staunt Ihr, wat?" in die Runde.

Doch dann gab es eine wahre Explosion der Entrüstung seitens der Zuschauer. In höchster Lautstärke schrie man: »Wem gehört der Hund?« und »Schlagt ihn tot« und dergleichen mehr. Eine geradezu schreckliche Kakophonie durcheinandergeschriener Empörungsäußerungen über dieses Sakrileg, diese Schändung, deren Zeuge die Leute wurden. Ich sah noch, wie der Ladeninhaber, offenbar in der Absicht, diesen Frevler, diesen Schänder der Insignien des Führers zu züchtigen und zu vertreiben, mit einem Bambus-Stock aus dem Laden stürzte. Doch mein Hund mußte Clausewitz gelesen habe, denn er handelte nach dem Grundsatz "Angriff ist die beste Verteidigung" und zerbiß den Stock, der gleich in Fetzen ging.

Als ich mich aus der ersten Schreckerstarrung gelöst hatte, ergriff ich meine Frau am Arm, zog die Widerstrebende mit mir fort und sagte nur: »Nichts wie weg hier«.

Meine Frau, die wesentlich kleiner war als ich, deswegen den Vorgang möglicherweise nicht so genau gesehen hatte wie ich oder entweder mutiger war als ich oder die Gefährlichkeit der Situation nicht erfassend, wollte den Hund nun nicht seinem Schicksal überlassen, doch ich zog sie, was Gott sei Dank von niemand bemerkt wurde, denn wir standen in der hintersten Reihe, mit mir fort. Nichts wie weg, dachte ich. Es hätte nicht den geringsten Sinn gehabt, der erregten Menge, wahrscheinlich sogenannte zweihundertprozentige Führeranhänger, entgegenzutreten und etwa klarmachen zu wollen, daß der Hund nur einem natürlichen Hundebedürfnis folgend seine Duftmarke hatte hinterlassen wollen und Majestäts- oder Führerbeleidigung nicht seine Absicht war. Ich hätte zum Beispiel darauf hinweisen können, daß der Führer Hunde bekanntlich selbst über alles liebt, und heute weiß man ja, daß er Jahre später seinen Lieblingshund Blondie mit in den Freitod nahm. Er hätte sicher Verständnis für die Hundeseele gehabt. Aber was hätten noch so überzeugende Argumente, was hätte das alles gegenüber der erregten Volksmenge, gegenüber dieser explodierenden Volkswut genützt?

An dieser Stelle muß ich der Vermutung Ausdruck verleihen, daß die heutige Generation meine Befürchtung überhaupt nicht verstehen wird, zumindest für übertrieben hält, aber wer damals mit Bewußtsein gelebt hat, wird mir dagegen glauben, daß ich als Herr dieses Hundes möglicherweise von der wütenden Volksmenge in Umkehrung des Begriffes "wie der Herr, so das Gescherr" zusammen mit meinem Hund gelyncht worden wäre. Aus der Bibel wissen wir ja, wie schnell und leicht eine entsprechend beeinflußte Volksmenge "kreuzigt ihn" schreit und das auch wahrmacht.

Jedenfalls hielt ich es für besser, den Hund einfach zu verleugnen, doch dafür konnte ich nicht am Platze bleiben, denn es stand zu erwarten, daß er seine Zugehörigkeit zu mir öffentlich manifestieren würde. Ich hielt daher die Flucht für den vernünftigeren Teil der Tapferkeit und so entfernten wir uns eiligst. Meine Frau jammerte, daß der Hund doch in dem uns fremden Berlin uns niemals wiederfinden würde. Ich aber vertraute seiner Spürnase.

Rückschauend betrachtet gebe ich ja zu, daß ich mich geradezu schäme, meinen Hund, diesen treuen Kameraden, so elendig verleugnet zu haben. Aber der heilige Petrus verleugnete seinen Herrn und Meister, der ihm den Namen Petrus gab, d.h. Fels, auf den er seine Kirche bauen wollte, auf dem Ölberg von Gethsemane doch auch und das gleich dreimal, bevor der Hahn krähte. Hatte ich Anlaß, päpstlicher zu sein als der von Christus selbsternannte erste Papst ?

Aus einiger Entfernung uns umblickend hatten wir noch gesehen, daß unser Hund wie ein Berserker auf die Umstehenden losging und sich durch die zurückweichende Volksmenge eine Gasse bahnte und dann in Richtung Brandenburger Tor davonlief. Wir waren in der ersten Querstraße abgebogen, als der Hund in ziemlichem Tempo an dieser Straßenabzweigung vorbeirannte. Unser Hund schien uns verloren. Doch plötzlich mußte er bis zu der Straßenabzweigung zurückgekehrt sein und unsere Fährte wieder aufgespürt haben, jedenfalls holte er uns trotz von uns eingeschlagener Umwege bald ein und begrüßte uns überschwänglich, als ob er uns Jahre nicht gesehen hätte.

Warum ich das alles jetzt nach so vielen Jahrzehnten erzähle? Nun, wenn man alt ist, lebt man in Erinnerungen, und das alles ist ja mittlerweile fast 60 Jahre her. Was ist in der Zeit da alles über uns gekommen? Schließlich sind wir Deutsche besonders in letzter Zeit durch unermüdliche und pausenlose Anstrengungen der Medien, uns allen Kollektiv-Scham anzuerziehen, psychisch gestört, zumindest belastet.

Auf diese Weise bekommt ein jeder so seine Probleme, so auch ich. Denn ich muß schließlich ehrlicherweise zugeben, daß ich damals nie erwogen habe zu emigrieren, zum Beispiel nach London oder Moskau, besser vielleicht sogar nach Norwegen, von wo aus ich in der Uniform eines norwegischen Majors hätte zurückkehren können.

Aber man stelle sich vor, das hätten 60 oder 70 Millionen Deutsche alle tun wollen, was hätte das für ein Gedränge gegeben!

Mit der Vergangenheitsbewältigung ist das irgendwie verflixt. Nicht einmal die Gnade der späten Geburt kann ich für mich in Anspruch nehmen.

Und wenn man aufmerksam verfolgt hat, wie 1988 die 25-Jahrfeier zum deutsch-französischen Freundschaftspakt begangen wurde, da erinnerte man sich so an mancherlei und denkt darüber nach. So fragte ich mich unter anderem angesichts dieser 25-Jahrfeier, warum wir Deutsche und Franzosen überhaupt aufeinander geschossen haben? Sicher, die Geschichte nahm damals ihren unaufhaltsamen Lauf, weil Frankreich uns Deutschen den Krieg erklärt hat und nicht umgekehrt wir den Franzosen den Krieg erklärt haben. Aber das geschah doch auch wohl nur auf Drängen Englands, das nur für die Freiheit Polens zu kämpfen vorgab, (Churchill stellt das in seinen Memoiren ganz anders dar. Ihm war es egal, ab an der Spitze des Deutschen. Reiches ein Kaiser oder ein Hitler stand) mit dem Ergebnis, daß nicht nur Polen unter den russischer Stiefel geriet und seine Freiheit verlor, sondern all die Länder, die über 40 Jahre lang den sogenannten Warschauer Pakt bildeten.

Doch das ist alles längst Geschichte, während ich hier ja nur ein kleines Geschichtchen erzähle.

Vielleicht, so sinniere ich manches Mal in Anbetracht vorbildlicher Beispiele, hätte ich aber von dem Verhalten meines Hundes später profitieren, so z.B. behaupten können, ich wäre nur wegen der Widerstandshandlung meines Hundes damals kein Professor geworden, wofür ich dann eine beachtliche Wiedergutmachungsleistung hätte kassieren können. Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Organisationen war ich ohnehin nie, und schließlich darf man meinen, daß sich von meiner diesbezüglichen Einstellung etwas auf meinen Hund übertragen hatte. Nein, diese Chancen, aus der Widerstandsdemonstration meines Hundes Honig zu saugen, habe ich leider nicht genutzt und kein Kapital oder sonstigen Vorteil herauszuschlagen versucht.

Unser Hund hat den Krieg gut überstanden und für einen Hund noch recht lange gelebt, nämlich bis 1951 und er hat mich, als ich nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft aus Texas (USA) heimkehrte, mit einem Freudengeheul begrüßt, so überschwänglich wie damals in Berlin, als er mich wiedergefunden hatte. Er war mir treu geblieben und hatte mich nicht vergessen; verleugnet hätte er mich nie.

Ach, mir kommen, wenn ich mich daran erinnere, heute noch fast die Tränen in die Augen. Ja, er wer schon ein feiner Hund.

Doch der feige Hund war ich!


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 430-433.


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