Washington oder Wilson?

Von Dr. Robert John

Woodrow Wilsons Intervention und Falschheit hat zum Zweiten Weltkrieg, zur bolschewistischen Revolution, zum Aufstieg Hitlers, und zum Kalten Krieg geführt. Aber die Regierungen der Vereinigten Staaten setzen ihren katastrophalen Interventionismus starrsinnig fort.


Hätten sich die Vereinigten Staaten in den Weltkriegen dieses Jahrhunderts nicht beteiligen sollen? Patrick J. Buchanans 1999 erschienenes Buch A Republic not an Empire (Eine Republik, kein Imperium, vgl. VffG 1/2000, S. 74) zeichnet eine über zwei Jahrhunderte währende amerikanische Außenpolitik auf, die alles andere als "isolationistisch", sondern tief in die Angelegenheiten der Welt verwickelt war, jedoch - wenigstens bis 1917 - fast immer im nationalen Interesse. Er argumentiert, daß das Land in einer Periode des Imperialismus auf den falschen Weg geraten ist, und jetzt versucht, sein Vorbild anderen Ländern aufzuzwingen und dabei wirtschaftliche oder militärische Machtmittel benutzt, wenn sie sich widersetzen.

Die Kritik ist hauptsächlich dagegen gerichtet, die Beteiligung Amerikas am Zweiten Weltkrieg als an einem "gerechten Krieg" zu verteidigen. Dies ist ein von Emotionen und Fallgruben umgebenes Argument.

Was ist einfacher zu beweisen mit einer höheren Aussicht auf Zustimmung, als daß der Zweite Weltkrieg ein Ergebnis, ja sogar eine Fortsetzung des Ersten Weltkrieges war; eine Ansicht, die von manchen anerkannten Historikern mit ihren Analysen geteilt wird. Amerikas Eintritt in den Ersten Weltkrieg und die Teilnahme an dessen Nachwirkungen, einschließlich dem Versailler Vertrag, habe Umstände hervorgerufen, die zum Aufstieg Hitlers, zum Nationalsozialismus und zum Zweiten Weltkrieg (und zur bolschewistischen Machtübernahme in Rußland) geführt haben.

Vor dem Ersten Weltkrieg wurde die amerikanische Politik bei europäischen Konflikten vom Prinzip der Neutralität geleitet, wie sie vom ersten Präsidenten formuliert worden war. Amerikanische Nichteinmischung in Europa verlangte ihrerseits die Nichteinmischung europäischer Mächte in die westliche Hemisphäre, wie es die Monroe-Doktrine formuliert. Aber die Vereinigten Staaten des Präsidenten Wilson waren nicht neutral, bevor sie 1917 den Krieg erklärten. Am 15. Mai 1915 erklärte der britische Regierungsrat in einem Erlaß die völlige Blockade Deutschlands und erklärte alle Art Waren, die nach Deutschland eingeführt oder von dort ausgeführt würden, zu Schmuggelgut. Aber die U.S.A. verkauften an Frankreich und England Kriegsmaterial und unterstützten damit praktisch Englands Lebensmittel-Embargo gegen Deutschland.

In dieser politischen Karikatur aus der Wilson-Ära wirft Uncle Sam, den unter dem Einfluß Wilsons stehenden Kongreß symbolisierend, einem Ertrinkenden einen Rettungsring zu. Der Ertrinkende sind die britisch-alliierten Mächte, und der Rettungsring representiert die Politik "alle Hilfe mit Ausnahme des Krieges", wie etwa die Entsendung bewaffneter Konvois zur Begleitung britischer Schiffe über den Atlantischen Ozean.

William Jennings Bryan trat 1915 aufgrund dieser und anderer Fragen, und weil Wilson seinen Rat zugunsten dem von E.M. House außer acht ließ, als Außenminister zurück.

Zu Beginn des Krieges schnitten die Briten das Unterwasser-Kommunikationskabel zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland durch, und hatten daher im Propagandakrieg um die amerikanische öffentliche Meinung einen Vorteil. Geschichten über deutsche Soldaten, die belgische Kinder auf ihre Bajonette aufspießten, war schwer zu begegnen. Dem Leiter des britischen militärischen Nachrichtendienstes in den Vereinigten Staaten, Sir William Wiseman, ist es gelungen, den Großteil der amerikanischen Presse für die Unterstützung der Intervention auf der Seite Großbritanniens und Frankreichs zu gewinnen.

Ohne amerikanische Voreingenommenheit und die Erwartung direkter amerikanischer Kriegsbeteiligung hätte der Krieg gegen Ende 1916 mit einem Kompromiß enden können, als, den Memoiren des britischen Ministerpräsidenten Lloyd Georges über die Friedenskonferenz zufolge (Memoires of the Peace Conference), »die Alliierten ihr Gold und ihre für amerikanische Einkäufe verwertbaren Sicherheiten fast erschöpft hatten« (S. 726). Die Einsparung an Leben und Leid wäre enorm, und der bolschewistische coup d'etat höchst unwahrscheinlich gewesen.

Was den Frieden anbelangt, hat Amerika die Vierzehn Punkte Präsident Wilsons, die dieser am 8. Januar 1918 als Friedensbedingungen verkündet hatte, nicht in Ehren gehalten, insbesondere Wilsons Erklärung einen Monat später, daß keine Annexionen, keine Tributzahlungen, und keine Strafreparationen erfolgen würden. Auf dieser Basis hatte General Erich Ludendorff Feldmarschall Hindenburg empfohlen, Deutschland möge um einen Waffenstillstand bitten. Diplomatische Notenwechsel folgten bis zum 23. Oktober 1918.

Wir wissen jetzt, daß am 23. Oktober Wilson, der bei der Beendigung des großen Krieges zur Schlüsselfigur geworden war, die deutsche Regierung wie folgt unterrichtete: Wenn die Vereingten Staaten »jetzt mit den Militärchefs und monarchischen Alleinherrschern Deutschlands zu verhandeln hätten, oder es wahrscheinlich sei, daß sie später in Hinsicht auf die internationalen Verpflichtungen des Deutschen Reiches mit diesen zu tun haben würden, dann würden sie keine Friedensverhandlungen, sondern Kapitulation fordern.«[1]

Die Darstellung Wilsons in den Medien als Friedensvermittler wurde von Historikern der Diplomatie neu ausgewertet. Während er "Frieden" verkündete, war Wilson die Hebamme bei der amerikanischen Beteiligung an dem, was bis zum Zweiten Weltkrieg der verheerendste Krieg in der Weltgeschichte war. Er führte sein Land aus der Neutralität in europäische Affären und aus hemisphärischem Regionalismus in den globalen Universalismus. Kein anderer amerikanischer Präsident vor oder seit ihm wandte öfter Gewalt an als er. In etwas mehr als vier Jahren, von April 1914 bis Juli 1918, griff Wilson in Mexiko zweimal, in Haiti, in der Dominikanischen Republik, im Ersten Weltkrieg im nördlichen Rußland und in Sibirien zu Gewalt.

Der Kaiser dankte für seinem Land und sein Volk ab. Diesem wurde weisgemacht, daß er es in seiner finstersten Stunde im Stich gelassen habe. Das Berliner Tageblatt berichtete am 10. November 1918:

»Gestern morgen [...] war noch alles da [der Kaiser, der Kanzler, der Polizeipräsident], gestern nachmittag existierte nichs mehr davon.«

Die menschewistische Revolution in Rußland vom März 1917 wurde in Deutschland nachinszeniert, mit Friedrich Ebert in der Rolle, die Kerenski in Rußland ein Jahr früher gespielt hatte. Damals begannen Verhandlungen für eine Reihe von Anleihen von den Vereinigten Staaten an den jüdischen Leiter der provisorischen Regierung in Rußland, Alexander Kerenski, mit der Gesamtsumme von $190.000.000, auf Anraten des U.S.-Gesandten in Rußland, David R. Francis, der in seinem Telegramm an Außenminister Lansing notierte:[2]

»Finanzielle Hilfe jetzt von Amerika wäre ein Meisterstück. Vertraulich: Unermeßlich wichtig für die Juden, daß die Revolution gelingt.«

Ein grundlegendes amerikanisches Handbuch hat Generationen von Lesern irregeführt, daß der Kaiser »unrühmlich nach Holland geflohen sei«.[3] Laut dem hervorragenden britischen militärischen und geopolitischen Analytiker Generalmajor J.F.C. Fuller (den Hitler 1937 eingeladen hat, um den deutschen Militärmanövern beizuwohnen, und dem ich in den 50er Jahren vorgestellt wurde):[4]

Wenige Amerikaner sind sich bewußt, oder vielleicht kümmern sie sich nicht darum, daß ihre Regierung ein erstrangiger Verletzer der internationalen Gesetze ist, für die Präsident Washington bedeutenden Respekt hatte, besonders was die Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten betrifft. Hier ist ein just eingestandenes Beispiel:

»Die Nationale Stiftung für Demokratie, vor 15 Jahren gegründet, um das offen zu tun, was die CIA jahrzehntelang heimlich getan hatte, gibt jährlich 30 Millionen US-Dollar aus, um bestimmte politische Parteien, Gewerkschaften, Widerstandsbewegungen und Nachrichtenmedien in Dutzenden von Ländern, inklusive China, zu unterstützen. [...] Mitte der 80er Jahren hat sie polnische Emigranten mit 5 Millionen US-Dollar versehen, um die Solidaritätsbewegung am Leben zu erhalten. [...] Sie hat eine 400.000 Dollar Spende an politische Gruppen in der Tschechoslowakei gegeben, die 1990 die Wahl von Vaclav Havel als Präsidenten unterstützten.«

Drei Millionen Dollar gingen 1990 nach Nicaragua als "technische Beihilfe", aber in Wirklichkeit, um jenen Präsidentschaftskandidaten zu stärken, den die Vereinigten Staaten bevorzugten. Die Vereinigten Staaten mischten sich auch z. B. in japanische Wahlen ein.[5]

Nehmen Sie nun an, Sie sind in einer Wahl ein patriotischer Kandidat, der nicht ein amerikanisch-unterstützter Politiker sein will.

»Ungefähr das gleiche passierte mit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, weil Wilson darauf bestand, daß die vollständige Zufriedenstellung der österreichischen und ungarischen Slaven eine Bedingung des Waffenstillstandes sein solle. [...] Am 12. November 1918 dankte Kaiser Karl ab, wonach in Wien eine Republik ausgerufen wurde, und die Österreichisch-Ungarische Monarchie hörte auf zu existieren. Dadurch wurde in Europa Chaos gesät.«

Europa brauchte Stabilität und politische Entwicklung. Wilson gebrauchte amerikanische Macht für Revolution, um sich im Namen des Friedens und der Demokratie in die lokalen Vorgänge der politischen Entwicklung einzumischen.

Der Versailler Friedensvertrag verlangte die Schaffung des Völkerbundes, wie von Wilson und House geplant. Trotz Abdankung des Kaisers waren die Bedingungen des Vertrags vom Juni 1919 die gleichen, als ob die vollständige Kapitulation aufgezwungen worden wäre. Diese amerikanische Hinterhgältigkeit gegenüber Deutschland wird von Historikern selten erwähnt. Der Vertrag stellte Deutschlands Kriegsschuld formell fest und begrenzte die deutschen Streitkräfte. Er gab Elsaß und Lothringen an Frankreich, Eupen-Malmedy an Belgien, Nordschleswig an Dänemark, Ostoberschlesien, Posen und den größten Teil Westpreußens an Polen, machte Danzig zu einer "Freien Stadt", stellte Deutschlands Kolonien unter den Völkerbund, stellte das Saarland unter französische Verwaltung, rief in einigen, jüngst von den Zentralmächten "befreiten" Territorien Volksabstimmungen aus (allerdings nur dort, wo mit einer Niederlage Deutschlands gerechnet wurde, und wenn dies nicht eintrat, wurden die Ergebnisse bisweilen schlicht ignoriert) und befahl die Demilitarisierung des Rheinlandes. Deutschland wurde befohlen, riesige Wiedergutmachungen an die Alliierten zu zahlen. Die Vereinigten Staaten verzichteten darauf, da sie schon in erheblichen Maß aus dem Krieg profitiert hatten. Jedes Geschoß, das abgefeuert wurde, kam zum Beispiel den Guggenheims zugute, die den Kupfermarkt beherrschten. Jedes Gramm Nickel, das verwendet wurde, bereicherte Alfred Mond, der den Handel mit diesem Metall kontrollierte.

Die alliierte Lebensmittelblockade gegen Deutschland wurde nach Kriegsende für fast sechs Monate fortgesetzt, bis Deutschland den Vertrag unterschrieb. Auch die deutsche baltische Fischereiflotte, die während des Krieges die deutsche Lebensmittelversorgung aufbesserte, wurde gehindert, ihre Häfen zu verlassen. Es wird geschätzt, daß 750.000 Deutsche an Krankheiten und Hunger starben, als Folge der Blockade.[6] Diese Politik war Vorgänger der jetzigen gegen den Irak und Jugoslawien.

Hebt die Hände des Präsidenten hoch. Abgebildet ist Außenminister William Jennings Brian, der die Politik der Unterwürfigkeit vor der deutschen Aggression unterstützt.

Die Wirtschaft Nachkriegsdeutschlands war so schwach, daß es die Reparationen an die Alliierten nicht bezahlt konnte. Aufgrund der Nichterfüllung besetzten Frankreich und Belgien 1923 das Ruhrgebiet mit senegalesischen und anderen afrikanischen Kolonialsoldaten, und dieser Akt verbitterte die Deutschen noch mehr. Die empörten Deutschen reagierten mit passivem Widerstand, und die Inflation nahm zu. Die vorsichtige Mittelklasse verlor ihre Ersparnisse, und mehrere Millionen ihr Auskommen.

In Januar 1932, als Deutschland noch immer nicht imstande war, die Schulden zu bezahlen, die die Alliierten den Deutschen mit den Zwangsreparationen auferlegt hatten, schlug Senator Copeland dem Kongreß vor, daß die Vereinigten Staaten Deutschland vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahren sollten.

Das müssen wir wissen, um die Reaktion mancher Deutschen auf Adolf Hitler zu verstehen, als er in einer typischen Rede sagte, daß das Land mit ihm als Führer seine Ehre zurückgewinnen würde. Die Nationalsozialisten betonten, das System zu bekämpfen, nicht Persönlichkeiten.[7]

Am 30. Jänner 1933 wurde Hitler als Kanzler vereidigt, und versprach, daß er sein Amt ohne Parteiinteressen für das Wohl der ganzen Nation erfüllen werde. Die Kette der Ereignisse, die mit dem Ersten Weltkrieg und mit Amerikas Abwendung von der Neutralität, mit Wilsons Beharren auf die Abdankung des Kaisers und mit der amerikanischen Beteiligung an dem unannehmbaren Versailler Vertrag begonnen hat, setzte sich fort. Der Zweite Weltkrieg würde folgen.

Wilsons Kriege

Wilsons Krieg zur Beendigung aller Kriege »war eine Verpflichtung von viel größerer Bedeutung, als die Entscheidung, sich im Krieg gegen Deutschland zu beteiligen, weil sie nicht bloß eine einzige vorübergehende Kraftentfaltung zur Folge hatte, sondern einen vollständigen Bruch mit der amerikanischen Tradition und die Beschreitung revolutionärer Pfade.«[8]

Indem er den "Frieden" verkündete, wurde Wilson Vater der US-Beteiligung am verheerendsten Krieg in der Weltgeschichte und führte sein Land aus der Neutralität bei europäischen Angelegenheiten und »aus hemisphärischem Regionalismus in den globalen Universalismus«.[9]

Woodrow Wilson wird gewöhnlich als ein unerschütterlicher moralischer Idealist dargestellt, ein Befürworter friedlicher Lösungen internationaler Konflikte. Frederick Calhoun hat daran erinnert, daß in dieser Hinsicht ein ernsthaftes Paradox existiert, weil Wilsons Präsidentschaft "a way of war" - einen Weg des Krieges - entlang führte, den Calhoun in seinem Buch, Power and Principle, Armed Intervention in Wilsonian Foreign Policy zu erklären versucht[10]. Er schreibt:[9]

»Kein anderer amerikanischer Präsident vor oder seit ihm verwendete öfter Gewalt als er. Innerhalb von vier Jahren, von April 1914 bis Juli 1918, griff Wilson in Mexiko zweimal, in Haiti, in der Dominikanischen Republik, im Ersten Weltkrieg im nördlichen Rußland und in Sibirien zu Gewalt.«

George Washington warnte unsere Regierung vor übermäßiger Verstrickung mit ausländischen Staaten. Während seiner Präsidentschaft gab es keine ausländischen Abenteuer - keine Weltkriege (durch amerikanische Einmischung auf die "Welt" ausgedehnt), keine Vietnams, keine Koreas, keine Kriege mit Spanien oder den Philippinen usw.. Auf diesem Gemälde von Charles Wilson Peale trägt Washington die Uniform des Virginia-Regimentes, die er während des Französischen und des Indianischen Krieges trug.

Präsident Wilson, der den »heißesten pro-alliierten Sympathien« fast vom ersten Tage des Krieges an erlegen war, betrieb eine Politik der »informellen Aushilfe«, die »die Neutralität zum Hohn machte«. Kendrick Clemens, ein im ganzen mit Wilson sympathisierender Biograph, kommt zu der Schlußfolgerung, wenn dies auch »übertrieben« sei, so bleibe doch wahr, daß die Amerikaner dem Kommerz erlaubten, ihre Neutralität umzugestalten, so daß die Alliierten begünstigt wurden.[11]

Robert Ferrell behauptet, daß Wilson nie neutral war, sondern nur wartete, bis die öffentliche Meinung und die Ereignisse der Welt jene Voraussetzungen geschaffen hatten, unter denen er die Nation in den Krieg führen konnte.[12]

Wenn Ideale Wilson trieben, argumentiert George Schild, waren seine Ziele doch in jedem gegebenen Fall stark von der Realpolitik beeinflußt.[13]

Ähnlich vermengt Calhoun diese zwei Einflüsse und nimmt bei Wilson eine Dialektik zwischen Idealen und der Neigung zu Gewaltanwendung an. Wilsons Ideal war der Frieden, »doch hatte er keine prinzipielle Aversion dagegen, andere zur Hinnahme seiner Ansichten zu zwingen«, er suchte Demokratie, aber »die Mittel, die er verwendete - militärische Intervention - versagte anderen die Möglichkeit, sich auf ihre eigene Weise zu entwickeln

Wilsons engster Berater, Colonel E.M. House, schrieb an Wilson am 16. Juni 1915:[14]

»Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß, wenn die Alliierten den Sieg verfehlen, das notwendigerweise die Umkehrung unserer gesamten Politik bedeuten muß.«

House verrichtete Dienste für Jacob W. Schiff und Paul Warburg in bezug auf die Federal Reserve Bank und auf die Finanzgesetzgebung.[15] Wilson bestimmte, daß House und nicht Außenminister Robert Lansing am Platz des Präsidenten in der inneren Gruppe oder dem Rat der Vier an der Versailler Friedenskonferenz sitzen sollte, wenn er den Rat verließ, der die Bedingungen wirklich diktierte. Wilson lehnte Lansings Rat offen ab, mit der Bemerkung, daß er keine Juristen bei der Abfassung des Vertrages haben wolle.[16]

Der britische konservative Historiker Niall Ferguson argumentiert in seinem Buch The Pity of War: Explaining World War I,[17] hätte sich Großbritannien aus dem Ersten Weltkrieg herausgehalten, so hätte der Bolschewismus niemals in Rußland gesiegt, Hitler und seine Bewegung hätte in Deutschland niemals an die Macht kommen können (bzw. brauchen), und Großbritannien hätte nicht seine Substanz erschöpft und sein Weltreich unterminiert. Deutschlands vage Vorkriegsambitionen beweisen nicht einen "Plan", einen aggressiven Krieg für die Weltherrschaft zu entfachen, und die deutsche Planung, als der Krieg schon im Gange war, war weder mehr noch weniger verwerflich, als der Plan der Alliierten, das Ottomanische Reich zu zerstückeln, die deutschen Kolonien zu entreißen und Österreich-Ungarn zu zerschlagen. Der Unterschied ist, daß die Alliierten ihre Pläne ausführen konnten.

Das vorgebliche "schlimmerer Fall" war ein Deutsches Reich unter Wilhelm II., das einen großen Teil Europas wirtschaftlich dominiert hätte. Dies sieht eher gedeihlich aus, verglichen mit der wirklichen Geschichte, wie sie dann ablief. Da wir jetzt dennoch eine deutsch-dominierte europäische Wirtschaftsgemeinschaft haben, fragt Ferguson, ob die Verzögerung dieses Ergebnisses um 80 Jahre den Preis wert war, den wir dafür zahlten.

Welche Bedeutung hat all dies für die amerikanische Politik und für die Zukunft? Amerika und Großbritannien ließen das irakische Volk bis jetzt ein Jahrzehnt lang hungern, weil die Macher der amerikanischen Politik Iraks Kaiser - Saddam Hussein - loswerden wollen.

Amerika leitete die NATO bei Sanktionen gegen Jugoslawien mit dem Ziel, Präsident Milosevic aus seinem Amt zu drängen. Der Präzedenzfall wurde von einem revolutionären Internationalisten gesetzt - Präsident Wilson.

Sollten die Amerikaner also lieber von ihren Präsidenten erwarten, daß sie den Rat des ersten US-Präsidenten bedenken? Die Welt des zwanzigsten Jahrhundertes wäre besser gewesen.

Paradeschritt. Hier sind führende Opponenten einer amerikanischen Intervention abgebildet, die auf Befehl des Kaisers im Gleichschritt marschieren. Unter den so verhöhnten Gesetzgebern sind der populistische Senator Thomas Gore (Okla.), Representant Joseph Guerny Cannon (R-Mo.), William Jennings Brian, Sen. Albert Baird Cummins (R-Iowa), Rep. James Robert Mann (R-Ill.), und Sen. James Aloysius O'Gorman (D-N.Y.).

Die grundlegende Politik der Vereinigten Staaten weicht heute in bezug auf die Dezentralisierung der Macht und bezüglich der Haltung zu ausländischen Angelegenheiten weit von der ihrer weitsichtigen Gründer ab. Die von Präsident Washington geprägte Formulierung der Beziehungen zum Ausland als »gute Beziehungen mit allen, spezielle Beziehungen mit niemandem«, wurde von John Quincy Adams bekräftigt (1821):

»Amerika geht nicht ins Ausland, um Monster zu zerstören. Es ist der Gönner der Freiheit und der Unabhängigkeit aller. Es bervorzugt und besiegt sich nur selbst.«

Fehlentscheidungen und falsche Diagnose sind verhängnisvoll gewesen. Die empörendste Irreführung, die die Verführer von Amerikas Staatsgewalt publizierten, ist die Zeitungsente, daß der Zweite Weltkrieg eine Folge dessen gewesen sei, daß die U.S.A. nicht dem Völkerbund beigetreten seien. Die Wahrheit ist, daß Wilsons Politik von der Völkerbund-Idee motiviert war, und der Zweite Weltkrieg aus Amerikas Intervention im Ernsten Weltkrieg resultierte. In einem seltenen Eingeständnis stellt eine Establishment-Publikation, America at 2000, fest:[18]

»Es ist heute höchst zweifelhaft, ob auch die engagierteste Teilnahme der Vereinigten Staaten in dem Bund die internationalen Beziehungen hätte verändern können. Natürlich werden wir es nie wissen.«

Wir wissen jedoch, daß Präsident Washingtons Vision klarer war als die von Präsident Wilson. Amerika sollte wieder von der ersteren geleitet werden. 


Robert John ist ein führender politischer Diplomatie-Analytiker und -Historiker. Er ist Verfasser von: The Palestinian Diary: Britisch, American and United Nations Intervention 1914-1948, 1970, 2 Bände, mit einem Vorwort von Arnold Thoynbee, und Behind the Balfour Declaration: The Hidden Origins of Today´s Mideast Crisis, 1988. Dr. John war im Übersee-Dienst der BBC beschäftigt, im Kanadischen Rundfunk und bei den US-Fernsehsendern CBS und NBC. Beim zweiten Orwellschen Symposium 1994 in Karlsbad, Tschechische Republik, erhielt Dr. John die teilweise von der UNESCO finanzierte »Outstanding Scholarly Contribution Award« (Auszeichnung für Hervorragenden Wissenschaftlichen Beitrag). Das Internationale Institut für fortschrittliche Studien der Systemanalyse in Baden-Baden zeichnete ihn 1977 »für seine überragende Arbeit und Beiträge im Interesse des Kampfes für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Freiheit« mit seiner Freiheits-Auszeichnung aus.

Dr. John ist ein lebenslanges Mitglied der Honorable Society of the Middle Temple, Inns of Court (Law), und der American Political Science Association. Er ist auch Mitglid der Organization of American Historians und The Society for Historians of American Foreign Relations.

Der Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in The Barnes Review, 6(5) (2000), S. 35-39 (130 Third Street SE, Washington, D.C., 20003, USA). Übersetzung von Zoltan Bruckner.


Anmerkungen

[1]Zitiert in Klaus Schwabe, Woodrow Wilson, Revolutionary Germany, and Peacemaking, 1918-1919, Chapel Hill, 1985, Gruppe 59, (rück)übersetzt aus dem Deutschen, Diplomatic History, Spring 1992, 175-6. Dokumente des US Außenministeriums, Gruppe 59, 123 M 23/171ff., Nationalarchive.
[2]U.S. Außenministerium, Dokument Nr. 861.00/288, vom 19. März 1917.)
[3]Samuel Flagg Bemis, A Diplomatic History of the United States, Holt, 5. Auflage, 1967, S. 628.
[4]The Conduct of War, Rutgers, 1961, S. 182.
[5]New York Times, 31. März 1997, A1.
[6]Vgl. Vincent, C. Paul, The Politics of Hunger: The Allied Blockade of Germany, 1915-1919, Ohio Univ. Press, 1985; siehe auch Käthe Kollwitz' Litographie Deutschlands Kinder hungern.
[7]Vgl. New York Times, 28.2.1932, 18:2.
[8]Charles Seymour, American Diplomacy in the World War, Baltimore, 1934, Nachdruck Hamden, 1964, S. 396, auch 128.
[9]Laurence Gefland, »Wilsonian Foreign Policy«, Diplomatic History, 18. Band, Nr. 1, 1994, S. 128.
[10]Macht und Prinzip, bewaffnete Intervention bei Wilsonscher Außenpolitik, Kent, OH 1986.
[11]Woodrow Wilson World Statesman, Boston, 1987.
[12]Woodrow Wilson and World War I, 1917-1921, N.Y., 1985.
[13]Between Ideology and Realpolitik: Woodrow Wilson and the Russian Revolution, 1917-1921, Westport, CT, 1996, S. 100-107.
[14]Charles Seymour, The Intimate Papers of Colonel House, Houghton, 1926, S. 469.
[15]Ebenda, S. 161 und 174.
[16]D. Lazo, »Lansing, Wilson and the Jenkins Incident«, Diplomatic History, 22. Band, Nr. 2, 1998, S. 177.
[17]Vgl. die Kurzbesprechung in VffG 3(3) (1999), S. 341.
[18]Studien von Morris und Graff, veröffentlicht von der Foreign Policy Association, 1975, S. 55)

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 359-364.


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