Alles Sch...., oder?

Vom Ernst Manon

In den 70er Jahren schrieb Helmut Schelsky:[1]

»Der neue Teufel, das ist vor allem der unfaßbare Sprachverderber, der dadurch herrscht, daß er die Menschen "sprachlos" macht. Zu diesen Erscheinungen gruppenbildender und gruppenabgrenzender Leistung von Worten gehören noch einige andere sprachliche Tatbestände der modernen politischen Auseinandersetzung, so die von [Kurt] Scheuch als "Fäkalsprache" bezeichnete Verwendung von vulgärsexuellen, pornographischen und einfach unflätig-schweinischen Worten besonders durch die jungen Akademiker. In der Tat wird man das Wort "Scheiße" in den letzten Jahren unter Arbeitern keineswegs so oft gehört haben wie in soziologischen oder psychologischen Fakultätssitzungen oder Seminaren. [...] Der einfache Mann, der das literarische Hochdeutsch als Überlegenheit empfand und diese politisch-sozialwissenschaftliche Sprachbeherrschung erst recht als Anmaßung und Last empfindet, konnte sich früher in den Untergrund der Sprache zurückziehen; er sagte "leck mich am Arsch" oder "Scheiße". Aber heute wird ihm auch dieser Ausweg in die sprachliche Grobheit versperrt, denn seine ureigene Sprache, sein "Volksvermögen", wird nicht nur von herrschaftsarroganten Jungakademikern imitiert, sie wird vor allem nun auch den Lehrern offiziell zum Schutz und zur Verwaltung überantwortet.«

Heute sind einige der damaligen arroganten Jungakademiker schon emeritiert, andere, Akademiker oder ehemalige Steine- und Tomatenwerfer, sitzen an den Schalthebeln der Macht. Man erinnert sich vielleicht daran, daß der heutige deutsche Außenminister, als er Turnschuhe und blue jeans ins Parlament einführte, einmal zum Parlamentspräsidenten sagte: »Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!« Eine Fäkalsprache, wie sie vor 1968 allenfalls der Gosse zugerechnet werden konnte, hat längst universitäre Weihen erlangt. So schreibt etwa Ernst Schumacher, Professor an der Humboldt-Universität Berlin, über das Scheitern des Sozialismus im Programmheft der Berliner Volksbühne am Luxemburgplatz anläßlich einer Inszenierung von Brechts Stück Der gute Mensch von Sezuan:[2]

»Scheiße, daß wir gescheitert sind, aber wir müssen versuchen, etwas aus dieser Scheiße zu machen, etwas Neues.«

Nimmt heutzutage offenbar niemand mehr an einer derartigen Ausdrucksweise Anstoß, so ist es doch interessant, sie in bezug auf den Umgang der Linken mit ihren eigenen Lehrmeistern zu sehen.

So schrieb etwa Karl Marx:[3]

»Ich bin so weit, daß ich in fünf Wochen mit der ganzen ökonomischen Scheiße fertig bin.«

Das deutsche Volk nannte er »die Scheiße an und für sich«[4]

Am 31. März 1851 schrieb Marx an Engels:[5]

»Du wirst zugeben, daß diese Gesamtscheiße passablement angenehm ist und daß ich bis an die Wirbelspitze meines Schädels im kleinbürgerlichen Dreck stecke.«

Guillaume Apollinaire (1880-1918), der eigentlich Wilhelm Apollinaris de Kostrowitski hieß, ein Förderer des Kubismus und Surrealismus, machte in Frankreich das Defäkationsprodukt in der Literatur salonfähig, als es in Deutschland noch verpönt war:[6]

»Sch ... (merde) ... den Kritikern, Pädagogen, Professoren ... Sch... den Historikern ... Venedig ... Toledo ... Benares ... den Verteidigern von Landschaften ... den Philologen ... Sch... Bayreuth ... Florenz ... den Spiritualisten ... Dante ... Shakespeare ... Goethe ... Aeschylos ... Fiesole ... Wagner ... Beethoven.«

Für die Jünger der Frankfurter Schule spielten frühkindliche Traumata insbesondere im Zusammenhang mit der Reinlichkeitserziehung eine große Rolle, wobei sie sich auf Sigmund Freud berufen konnten. Dieser hatte sich intensiv mit einer Art "Kulturgeschichte" des Kotes, des Urins usw. des Engländers Bourke beschäftigt, zu der er ein Vorwort beisteuerte. Darin schrieb er:[7]

»Die Mitteilung, daß körperliche Reinlichkeit sich weit eher mit der Sünde als mit der Tugend vergesellschafte, beschäftigte mich oftmals später, als ich durch psychoanalytische Arbeit Einsicht in die Art gewann, wie sich die Kulturmenschen heute mit dem Problem ihrer Leiblichkeit auseinandersetzen.«

Louis Althusser, der über Jahrzehnte hin ganze Generationen französischer Studenten dem Sozialismus bzw. Kommunismus zuführte, bekannte in seinem Rechenschaftsbericht, nachdem er seine Frau erwürgt hatte:[8]

»Ich weiß nicht, ob die Menschheit jemals den Kommunismus kennenlernen wird, jene eschatologische Vision von Marx. Was ich jedenfalls weiß, ist, daß der Sozialismus, dieses zwangsläufige Übergangsstadium, von dem Marx sprach, "Scheiße" ist, wie ich das 1978 in Italien und Spanien vor Zuhörerkreisen verkündet habe, die von der Heftigkeit meiner Äußerungen verwirrt waren. Auch da tischte ich eine "Geschichte" auf. Der Sozialismus ist ein sehr breiter, sehr schwer zu überquerender Fluß. Wir werden bald eine gewaltige Fähre haben: die der politischen und gewerkschaftlichen Organisationen, die das gesamte Volk besteigen kann. Aber um die Strudel zu durchfahren, bedarf es eines "Steuermannes", der Macht des Staates in den Händen der Revolutionäre, und in dem großen Staatsschiff muß die Klassenherrschaft der Proletarier über alle gedungenen Ruderer gesichert sein (der Lohn existiert noch und das Privatinteresse), sonst kentert es! - die Herrschaft des Proletariats. Man bringt das gewaltige Schiff zu Wasser, und auf der ganzen Fahrt müssen die Ruderer überwacht werden, indem man ihnen strikten Gehorsam abverlangt, müssen sie von ihrem Posten entfernt werden, wenn sie Verstöße begehen, müssen sie rechtzeitig abgelöst, ja sogar bestraft werden. Aber wenn dieser gewaltige Scheißfluß endlich bezwungen ist, dann tauchen im Unendlichen der Strand, die Sonne und der Wind eines jungen Frühlings auf. Jedermann verläßt das Schiff, es gibt keinerlei Kampf mehr zwischen den Menschen und den Interessengruppen, weil es ja keine Warenbeziehungen mehr gibt, sondern Blumen und Früchte im Überfluß, die jeder zu seinem Vergnügen sammeln kann.«

Ja, bis es soweit ist, muß man eben etwas aus der Scheiße machen, wie Prof. Schumacher meinte. Der Italiener Piero Manzoni (1933-1963) jedenfalls machte als erster Kunst daraus, nämlich »merda d'artista«, also Künstlerscheiße, indem er eine Anzahl Konservendosen mit je 30 Gramm seines Kots füllte und auf Ausstellungen schickte, »eine Stellungnahme zum Personenkult des westlichen Kunstmarktes, wie er treffender nicht hätte sein können«, wie Robert Hughes es interpretierte.[9] Aber das Thema ist natürlich schon uralt: Im Babylonischen Talmud, also der jüdisch-rabbinischen Auslegung der Thora, heißt es:[10]

»Onkelos, Sohn des Kalonikos, ein Schwesterssohn des Titus, wollte sich zum Judentum bekehren.«

Durch Nekromantie ließ er zunächst Titus, dann Bileam erscheinen um sie zu befragen.

»Hierauf ließ er Jesus durch Nekromantie erscheinen und fragte ihn, wer in jener Welt am geachtetsten sei. Dieser erwiderte: Jisraél. - Soll man sich ihnen anschließen? Dieser erwiderte: Suche ihr Bestes und nicht ihr Böses; wer an ihnen rührt, rührt an seinen Augapfel. Sodann fragte er ihn: Womit wirst du gerichtet? Dieser erwiderte: Mit siedendem Kote. Der Meister sagte nämlich: Wer über Worte der Weisen spottet, wird mit siedendem Kote gerichtet. Komm und sieh den Unterschied zwischen den Abtrünnigen Jisraéls und den Propheten der weltlichen Völker.«

»Die Leibesentleerung vor dem Baal Peor ist eine Verehrung desselben.«[11]

Aber schon dem Herrn Zebaoth war die Fäkalsprache nicht fremd:[12]

»Siehe, ich will schelten euch samt der Saat und den Kot eurer Festopfer euch ins Angesicht werfen, und er soll an euch kleben bleiben.«

Im 2. Buch von den Königen, Kapitel 18, 27 ist von Männern die Rede, »die auf der Mauer sitzen, daß sie mit euch ihren eigenen Mist fressen und ihren Harn saufen«. Dieselbe Stelle ist in Jesaja 36, 12 zu finden.

Beim Propheten Hesekiel (4, 12) heißt es:

»Gerstenkuchen sollst Du essen, die Du vor ihren Augen auf Menschenmist backen sollst«

Und Vers 15 lautet:

»Ich will Dir Kuhmist statt Menschenmist zulassen.«

Voltaire bemerkte dazu:[13]

»Was lediglich den Schmutz angeht, so möchte ich fragen, was könnte ekelhafter sein als 2. Könige 18, 27, Jesaja 36, 12 und Hesekiel 4, 12-15 (wo der Herr Menschenkot in Kuhmist abändert)?«

Günter Grass bezeichnet in seinem Roman Der Butt Kalkutta als einen »Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte«[14]

Das zwanghafte Äußern von Obszönitäten (Koprolalie), oft verbunden mit nervösen Verhaltensanomalien (Ticks, ritualisiertem Verhalten, Phobien, sexueller Aggressivität u.ä.) wurde erstmals von dem Neurologen und Schüler Charcots an der Pariser Salpêtrière, Georges Gilles de la Tourette beschrieben und nach ihm als Tourette-Syndrom benannt. Es tritt gewöhnlich erstmals in der Kindheit auf und scheint erblich zu sein.[15]

Es soll angeblich Verschwörungstheoretiker geben, die behaupten, die Entwicklung in Sachen Fäkalsprache, Obszönitäten usw. sei bei uns bewußt gesteuert, um den zuwandernden "Neuen Russen" die Integration zu erleichtern. Keine Verschwörungstheorie ist dagegen die talmudische Prophezeihung, daß in der messianischen Zeit die Schamlosigkeit zunehmen werde.[16]

»Charakteristisch für den jüdischen Messianismus ist die Unzufriedenheit mit der Gegenwart und die jüdische Hoffnung auf eine Zukunft, die Erlösung von allen vergangenen Ungerechtigkeiten und Leiden bringt. [...] Der jüdische Messianismus durchlief einen Prozeß der Säkularisierung und fand Eingang in das Wesen des Sozialismus.«[17]

Wilhelm von Humboldt meinte:

»Die Sprache ist gleichsam die äußere Erscheinung des Geistes der Völker.«

Obengenanntem "Professor" Schumacher an der nach ihm benannten Universität würde er vermutlich umgehend die Lehrerlaubnis entziehen und ihn statt dessen zum Toilettenreinigen abkommandieren.

Josef Weinheber folgerte weiter:

»Ein Volk geht nicht zugrunde durch verlorene Kriege, sondern dadurch, daß es, von innen her entkräftet, seine Sprache, die Hochsprache seiner Dichter und Denker aufgibt, also Hochverrat an sich selbst begeht.«

Ob sich wohl jene Zeitgenossen, die bei jeder Gelegenheit das Defäkationsprodukt auf geradezu zwangshaft-ritualisierte Weise im Munde führen, darüber im klaren sind, daß sie damit der jüdisch-messianischen Verachtung der Gegenwart und unser aller Lebenswirklichkeit Ausdruck verleihen?


Anmerkungen

[1]Die Arbeit tun die anderen, Westdeutscher Vlg., Opladen 1975, S. 247f.
[2]Nach Heinrich Lummer, Das rote Quartett, 1. Aufl., Die Deutschen Konservativen, Hamburg, 1998, S. 27.
[3]Über sein Lebenswerk Das Kapital, MEW, Berlin-Ost 1967-1974, Bd. 27, S. 228.
[4]MEGA, Bd. 5, S. 571 f.
[5]MEW, XXVII, S. 227.
[6]Aufruf in der von Le Corbusier herausgegebenen Zeitschrift Esprit Nouveau, Heft 26; nach A. v. Senger: Mord an Apollo, Nachdruck im Kultur-Verlag, Viöl 1992, S. 68.
[7]John Gregory Bourke, Der Unrat in Sitte, Brauch, Glauben und Gewohnheitrecht der Völker, Ethnologischer Verlag, Leipzig 1913, S. V.
[8]Die Zukunft hat Zeit - Die Tatsachen - Zwei autobiographische Texte, S. Fischer, Frankfurt a.M. 1993, S. 257f.
[9]Ders., Der Schock der Moderne, Econ, Düsseldorf und Wien 1981.
[10]Babylonischer Talmud, Bd. VI, Gittin, V, vi; Fol. 56b-57a.
[11]Babylonischer Talmud, Synhedrin VII, vi-vii, Fol. 64a, S. 718.
[12]Altes Testament, Der Prophet Maleachi 2, 3.
[13]Essais sur les Moeurs, Paris 1795, I, S. 195, nach John Gregory Bourke, Der Unrat, a.a.O., S. 98f.
[14]Martin Kämpchen: »Vom Elend verführt«, FAZ vom 6. September 1999, S. 52.
[15]Richard M. Goodman und Arno G. Motulsky, Genetic Diseases Among Ashkenazi Jews, Raven, New York 1979, S. 171 f.; Carlos Singer, Coprolalia and other Coprophenomena; in: Joseph Jankovic (Hg.), Tourette Syndrome, Neurologic Clinics, W. B. Saunders, Philadelphia, vol. 15, no. 2, may 1997, S. 299-308; Alan Apter et al., An Epidemiologic Study of Gilles de la Tourette's Syndrome in Israel, in: Archives of General Psychiatry, Los Angeles, vol. 50, Sept. 1993, S. 734-738; s.a. FAZ vom 29. September 1999, S. 15.
[16]Gershom Scholem, Sabbatai Zwi - Der mystische Messias, Jüdischer Verlag., Frankfurt a.M., l. Aufl., 1992, S. 70.
[17]Adam Weisberger, »Gustav Landauers mystischer Messianismus«, in: Aschkenas, 5/1999, Heft 2, S. 433f.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 383f.


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