Bücherschau

Auserwähltes Geschichtsverständnis

Von Ernst Manon

Yosef Hayim Yerushalmi, Zachor: Erinnere Dich! – Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996, 140 Seiten, DM 17,80

Dieses Buch stellt eine hervorragende und m. E. notwendige Ergänzung zu Israel Shahaks Buch Jewish History, Jewish Religion – The Weight of Three Thousand Years (Pluto Press, London) dar. Es genügt ja nicht, festzustellen, daß im Judentum vieles, wenn nicht alles, ganz anders ist als bei uns; dieses Anderssein ist in einer andersartigen Mentalität begründet, die ganz wesentlich mit einem anderen Zeitverständnis, mit einem anderen Sein in der Zeit zu tun hat. Für uns, die wir uns vornehmlich mit der sogenannten Zeitgeschichte beschäftigen, kann es nur nützlich sein, zu wissen, wie die gleichen Dinge von der anderen Seite gesehen werden, zumal diese andere Sichtweise staatlichen Schutz genießt und in Form einer "Gedenkstättenkultur" zunehmend in Beton gegossenen Ausdruck findet. Anstelle einer Besprechung möge eine Reihe von Zitaten genügen, jüdisches Zeit- und Geschichtsverständnis darzustellen. Da wir gelernt haben, daß wir nicht verallgemeinern sollen, muß offen bleiben, ob nun alle Juden damit charakterisiert sind.

»Es ist nun einmal so, daß unsere Art, Zeit und Geschichte zu erleben, einmalig und noch nie dagewesen ist.« (S. 13)

Kapitel »Biblische und rabbinische Grundlagen«:

»War Herodot der Vater der Geschichtsschreibung, so waren die Juden die Väter des Sinns in der Geschichte. – Im alten Israel maß man der Geschichte zum erstenmal eine entscheidende Bedeutung bei; dadurch entstand eine neue Weltanschauung, deren entscheidende Prämissen später vom Christentum und dann auch vom Islam übernommen wurden.« (S. 20)

»Wir haben gesehen, daß der Sinn von Geschichte und die Erinnerung an die Vergangenheit keineswegs mit der Geschichtsschreibung gleichzusetzen sind. […]« (S. 27)

»[…] ist auch schon in der Bibel die Geschichtsschreibung nur ein Ausdruck für das Bewußtsein vom Sinn der Geschichte und von der Notwendigkeit der Erinnerung. Weder die Sinnhaftigkeit noch das Gedächtnis sind letzten Endes auf Geschichtsschreibung angewiesen. Der Sinn der Geschichte wird bei den Propheten unmittelbarer und tiefer erkundet als in den eigentlichen historischen Berichten.« (S. 27f.)

»Im Gegensatz zu den Verfassern der Bibel scheinen die Rabbiner mit der Zeit zu spielen, als wäre sie ein Akkordeon, das sich nach Belieben auseinander- und zusammenziehen läßt.« (S. 30)

»Es liegt dabei natürlich auf der Hand, daß die Ansichten und die Hermeneutik der Rabbiner oft in krassem Gegensatz zu denen des Historikers stehen.« (S. 33)

Kapitel »Das Mittelalter«:

»Wenn die Juden in der Synagoge den Untergang des Tempels beklagten, kannten zwar alle den Tag und den Monat, doch man darf annehmen, daß die meisten keine Ahnung hatten, in welchem Jahr und unter welchen taktisch-militärischen Umständen der Erste oder der Zweite Tempel zerstört worden war, und - daß es ihnen auch gleichgültig war.« (S. 55)

»Am verblüffendsten ist die ständige Verwendung der ersten Person Singular ("als ich aus Ägypten zog"; "als ich aus Jerusalem zog") statt "sie" oder auch dem kollektiven "wir". […] Die bewußte Verwendung des "ich" bedeutet mehr und verweist auf ein umfassenderes Phänomen. Durch Rituale und Liturgien des Gedenkens ausgelöste Erinnerungen zielten nämlich – unabhängig vom Inhalt – nicht auf Rationales, sondern auf Evokation und Identifikation. Es läßt sich zeigen, daß dabei nicht plötzlich Tatsachen aus der Vergangenheit hervorgerufen wurden, über die man distanzierte Betrachtungen anstellen, sondern Situationen, in die man irgendwie existentiell hineingezogen werden konnte. Am deutlichsten läßt sich das an Hand des Pessach-Seder erkennen, dem beispielhaften Ritual zur Aktivierung des jüdischen Gruppengedächtnisses. Da werden bei einem Mahl im Familienkreis Ritual, Liturgie und sogar Kochkunst so orchestriert, daß die zur Lebensgrundlage gehörende Vergangenheit von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. […] Das Gedenken bedeutet hier nicht mehr Rückbesinnung, bei der ein Gefühl der Distanz ja stets erhalten bleibt, sondern erneute Aktualisierung. […] Nirgends aber wird die Vorstellung eindringlicher formuliert als in dem Talmudspruch, der für die ganze Pessach-Hagada entscheidend ist: "In jeder einzelnen Generation ist ein Mensch verpflichtet, sich selbst so zu betrachten, als ob er aus Ägypten gezogen sei."« (S. 56f.)

Kapitel »Nach der Vertreibung aus Spanien«:

»Es war gewiß kein Zufall, daß ein Volk, welches immer noch nicht auf den Gedanken kam, sein Selbstverständnis in profanen historischen Kategorien zu suchen, jetzt den Schlüssel zur eigenen Geschichte in einem gewaltigen metahistorischen Mythos höchst gnostischer Prägung finden sollte. Dieser Mythos besagte, daß alles Böse, also auch das historische Böse der jüdischen Verbannung, seine Wurzeln vor dem Anfang der Geschichte, vor dem Anlegen des Gartens Eden, vor der Existenz unserer Welt, in einem tragischen Urmakel hatte, der schon bei der Schöpfung des Kosmos an sich entstand.« (S. 83)

»Die Masse der Juden war eindeutig nicht willens, Geschichte ohne Transzendenz gelten zu lassen.« (S. 84)

Aus dem Kapitel »Das Unbehagen in der modernen Geschichtsschreibung« [!!!] (S. 85):

»[…] fällt dann der Geschichte eine völlig neue Rolle zu - sie wird zum Glauben ungläubiger Juden. Erstmals wird in Fragen des Judentums statt eines heiligen Textes die Geschichte zur Berufungsinstanz. So gut wie alle jüdischen Ideologien des 19. Jahrhunderts, von der Reformbewegung bis zum Zionismus, beriefen sich zur Legitimierung auf die Geschichte. Wie nicht anders zu erwarten, lieferte "die Geschichte" den Appellanten jeden erwünschten Schluß.« (S. 92)

»Nichts konnte bisher an die Stelle des Sinnzusammenhangs treten, den ein mächtiger Messiasglaube einst der jüdischen Vergangenheit und Zukunft verlieh – vielleicht gibt es überhaupt keinen Ersatz.« (S. 102)

»Juden, die noch vom Zauber der Tradition gebannt sind oder dorthin zurückgefunden haben, finden die Arbeit des Historikers irrelevant. Ihnen geht es nicht um die Historizität des Vergangenen, sondern um seine ewige Gegenwart. Wenn der Text unmittelbar zu ihnen spricht, muß ihnen die Frage nach seiner Entwicklung zweitrangig oder völlig bedeutungslos vorkommen.« (S. 103)

»Viele Juden suchen heute nach einer Vergangenheit, aber diejenige, die der Historiker zu bieten hat, wollen sie ganz offensichtlich nicht. Das gewaltige augenblickliche Interesse am Chassidismus kümmert sich nicht im geringsten um die theoretischen Grundlagen und die reichlich anrüchige Geschichte dieser Bewegung. Der Holocaust hat bereits mehr historische Forschungstätigkeit ausgelöst als jedes andere Ereignis der jüdischen Geschichte, doch für mich steht völlig außer Zweifel, daß sein Bild nicht am Amboß des Historikers, sondern im Schmelztiegel des Romanciers geformt wird [hört, hört!]. Seit dem 16. Jahrhundert hat sich viel geändert, doch eines ist seltsamerweise gleich geblieben: Es sieht so aus, als seien die Juden damals wie heute nicht bereit, sich der Geschichte direkt zu stellen (wenn sie sie schon nicht überhaupt ablehnen).« (S. 104)

Soweit also aus dem Buch Zachor.

In der New York Times vom 26. Juni 1999, Seite B9/B11, fragt D. D. Gutenplan in bezug auf David Irving: »Is a Holocaust Skeptic Fit to Be a Historian?« (Ist ein Holocaust-Skeptiker befähigt, ein Historiker zu sein) und zitiert abschließend Mark Mazower, einen Historiker der Princeton University:

»On whom do we bestow the hallowed title of historian?« (Wem verleihen wir den geheiligten Titel eines Historikers?)

Als ob sich ein Historiker seine Legitimation erst beim Judentum einholen müßte! Robert B. Goldmann, Schriftsteller und ADL-Agent aus New York bekannte ganz richtig:

»Es ist charakteristisch für die Grundeinstellung amerikanischer Juden, daß Tatsachen, die ihrer Gefühlswelt widersprechen, wenn überhaupt, wenig Eindruck machen.« (FAZ, 19.12.1997, S. 9)

Daß diese Haltung nicht auf amerikanische Juden beschränkt ist, bestätigt uns Henryk M. Broder (Die Irren von Zion, 3. Aufl., Hoffman und Campe, Hamburg 1998):

»Die Israelis sind einfach überwiegend autistisch, sowohl einzeln wie als Kollektiv. Sie nehmen ihre Umwelt nur beschränkt wahr; daß es außerhalb des eigenen Erlebnisraumes noch andere Räume gibt, in denen ebenfalls Menschen leben, übersteigt oft ihre Vorstellungskraft. Es gibt nur einen Maßstab: die eigene Erfahrung. […] Diese Haltung, die das individuelle Verhalten bestimmt, führt auch in der Politik zu Verzerrungen der Wahrnehmung.« (S. 13)

»[…] es ist Autismus als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.« (S. 14)

Nahum Goldmann, der während des Ersten Weltkrieges dem deutschen Militarismus den Sieg prophezeite und nach dem Zweiten Weltkrieg mit Adenauer die Tributleistungen Deutschlands aushandelte, beschrieb in seinem Buch Das jüdische Paradox (Europäische Verlagsanstalt, Köln 1978) »wie man mit Geschichtenerzählen Millionen verdient«. Wenn es so weitergeht wie bisher, wird bald einmal ein Bericht fällig »Wie man mit Geschichtenerzählen die Weltherrschaft erringt« – oder gibt es den nicht schon?

Zum Schluß zitiert Yerushalmi einen Gedanken aus Nietzsches Werk Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben:

»Also es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt. Es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben. Oder, um mich noch einfacher über mein Thema zu erklären: es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zugrunde geht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Kultur.« (S. 137f.)


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 439-441.


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