Glaube und Konsequenzen

Von Hermann Schaber

Die Symbolik war deutlich: Ein Spielmann im grünen Sakko spielte am 27. Januar, dem 55. Jahrestag der Auschwitzbefreiung, den im Berliner Reichstag versammelten Repräsentanten der deutschen Bundesrepublik ein Lied vom Tod. Es ist Gerichtszeit in Deutschland, Zeit der Abrechnung. Der Auschwitzüberlebende Elie Wiesel sprach dazu apokalyptische Worte:

»Kein Volk, keine Ideologie, kein System hat je solche Brutalität, Leiden und Demütigung in solcher Größenordnung irgendeinem Volk auferlegt, wie Ihr Volk es meinem in solcher kurzen Zeit angetan hat. […] Ich lehne es ab, die Deutschen insgesamt aus der Verantwortung zu entlassen und lediglich die Nazis haftbar zu machen. […] Für uns […] war es Deutschland […]«

So brutal aus höchst offiziellem Anlaß wurde dies bislang noch nicht formuliert. Wenn ein sich bewußt zum Judentum Bekennender solche Worte spricht, dann denkt er an die in der Thora geforderte Vergeltung an den "Amalekitern". Diese Forderung lautet getreu nach dem hebräischen Urtext:

»Vergeßt nicht, was die Amalekiter euch angetan haben, als ihr von Ägypten kamt. Als ihr, von der beschwerlichen Wanderung müde wart, haben sie euch von hinten angegriffen und alle niedergemetzelt, die erschöpft zurückgeblieben waren. Sie handelten wie Menschen, die nicht nach Gott fragen. Wenn ihr das Land in Besitz genommen habt, das der Herr, euer Gott, euch geben will, und er euch Ruhe verschafft hat vor allen Feinden ringsum, dann müßt ihr die Amalekiter so gründlich ausrotten, daß nichts von ihnen übrigbleibt. Vergeßt das nicht!« (5. Mose 25 Verse 17-19, Quelle: Die gute Nachricht-Bibel in heutigem Deutsch, 1982 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart)

Bei dieser Mahnung an das Volk Israel muß man berücksichtigen, daß das, was die biblische Überlieferung den "Amalekitern" an Grausamkeit vorwirft, in keinem Verhältnis steht zu dem, was "den Deutschen" mit wachsendem zeitlichem Abstand vom Zweiten Weltkrieg zunehmend drängend vorgeworfen wird.

Hier ballt sich vor allem über Deutschland ein Strafgericht zusammen, von dem die Forderungen an Wirtschaftsunternehmen nach "Entschädigungszahlungen" für jüdische Zwangsarbeiter erst ein Vorspiel sind. Daß es dabei nicht um Zwangsarbeiter geht, von denen seit Kriegsende die allermeisten verstorben sind, weiß im Grunde jeder.

Tatsächlich werden hier die Repräsentanten deutscher Nachkriegspolitik vorgeführt, die es bis heute versäumt und vermieden haben, so zuverlässig und genau wie nur irgend möglich nachforschen und beweiskräftig dokumentieren zu lassen, was während der NS-Herrschaft mit den im deutschen Einflußbereich lebenden Juden im einzelnen geschehen ist!

Spiel mir das Lied vom Tod: Deutsche Sui-Nekrophilie
(
Berliner Neueste Nachrichten, 28.1.2000; Kommentare hinzugefügt vom Autor. Zum Vergrößern anklicken)

Skandalös und vor allem für Juden beleidigend war die Achtlosigkeit, mit der es einfach so hingenommen wurde, als wären Millionen Juden Europas – zumeist in Gaskammern – vernichtet, und damit eben nicht mehr existent, was sich mit Geldzahlungen an Israel und politische jüdische Organisationen in Amerika – die man auch noch als "Wiedergutmachung" bezeichnete – abtun ließe. Die Einzelschicksale von Millionen Juden, die es nach Verfolgung, Internierung und Krieg irgendwo hinverschlagen hatte, interessierten in Deutschland offenbar niemand. Dabei wäre es für deutsche Regierungsstellen kein Problem gewesen, diese Menschen durch entsprechende Aufrufe, auch in kommunistischen Staaten, ausfindig zu machen und sie alle nach angemessener Überprüfung in ein individuelles Entschädigungsprogramm einzubeziehen.

Solche individuellen Entschädigungsleistungen an überprüfte NS-Opfer, zu denen auch rechtzeitig jene in Frage stehenden Wirtschaftsunternehmen per Gesetz zur Beteiligung hätten mit herangezogen werden müssen, wären allgemein als gerecht empfunden und akzeptiert worden.

Verachtung und Zorn vor allem auf Seiten wirklicher Opfer mußten hingegen jene "Wiedergutmachungzahlungen" hervorrufen, die pauschal und völlig unkontrolliert an Adressaten wie den seinerzeitigen Zentralratsvorsitzenden Nachmann und andere zweifelhafte Empfänger flossen, ohne jemals bei den wirklich Anspruchsberechtigten anzukommen.

All diese sogenannten Wiedergutmachungszahlungen waren immer nur aus politischen Gründen erfolgt und hatten den Charakter von Schutzgeldzahlungen für die deutsche Exportwirtschaft!

Die Klischeevorstellung einer systematischen und millionenfachen Vernichtung der Juden Europas in Gaskammern der Konzentrationslager hatte bei diesen Geschäft eine multifunktionale Bedeutung:

1. Sie verdrängte Millionen noch lebende Geschädigte zusammen mit ihren industriellen Schädigern aus dem Blickfeld – ein Akt von Entsorgung sozusagen als nachträgliche "Endlösung", die man mit den genannten Wiedergutmachungs-Milliardenzahlungen zu vollenden gedachte.

2. Zugleich erfüllte dieses unglaubliche Klischee noch ein weiteres Ablenkungsbedürfnis: Forderte es doch aufrichtige, couragiert und politisch kritisch denkende Bürger zu Zweifeln und Widerspruch heraus, die sich kriminalisieren und ausschalten ließen, indem man öffentlich geäußerten Unglauben mit Hilfe einer dafür geeigneten Konstruktion im Strafrecht als "Volksverhetzung" und "Beleidigung" verfolgen konnte.

3. Und obendrein ließen sich bei diesem raffiniert abgekarteten Spiel auch noch nichtjüdische Deutsche und Juden gegeneinander aufhetzen.

So berichtet der inzwischen verstorbene Marc Hoffman, der sich als gebürtiger Jude zum Christentum bekannt hat, in seiner Autobiografie Keine halben Sachen (Präsenz-Verlag 1999) von einem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Dachau während der 80er Jahre:

»Nach Pfingsten besuche ich mit zwei Freunden das Konzentrationslager Dachau. Wir wandern in der Stille über das Gelände und sehen die noch stehenden Baracken. Soweit ich kann, versuche ich, mir die Hunderttausende meines Volkes in diesem Lager vorzustellen. Täglich werden Hunderte von ihnen angeblich zum Duschen geführt, sie stehen in dem großen Waschraum und warten auf das Wasser, aber da entströmt nur tödliches Gas. In den Öfen werden die Leiber verzehrt. Nur Asche bleibt noch übrig. Den Brüdern sage ich, daß ich ein wenig allein sein will. […]

Dann betrete ich eine Kapelle am Rande des Areals. Ich bin allein, knie hin, strecke mich aus nach Gott und schreie zu ihm ohne Worte. […] Da vernehme ich eine Stimme: "Ich will dir das Joch für mein Volk auferlegen."« (S. 78f.)

Dabei hatte der Historiker Martin Broszat vom Münchener Institut für Zeitgeschichte immerhin Anfang der 60er Jahre – allerdings nur in Form eines Leserbriefes – klargestellt, daß die im dortigen Museum vorgezeigte "Gaskammer" nie benutzt wurde und in diesem Lager also niemand mit Gas getötet worden war – was die heutigen Historiker des gleichen Instituts allerdings relativieren (es habe dort "Versuchsvergasungen" gegeben, wird nun stellenweise behauptet). Ein in der angeblichen Dachauer "Gaskammer" aufgestelltes Hinweisschild weist heute in mehreren Sprachen daraufhin, daß dieser Raum nie für "Vergasungen" benutzt wurde, auch wenn es bisweilen weggeräumt wird, insbesondere wenn hoher Besuch kommt und besondere Medienaufmerksamkeit erwartet wird. Eine bautechnische Untersuchung dieses Raumes, so wird gemunkelt, wurde in den 60er Jahren angefertigt. Sie könnte die wirkliche Funktion dieses Raumes aufhellen, aber sie wird seither von der Museumsleitung in Dachau unter Verschluß gehalten. Die Folge dieser zweifellos gezielten Geheimniskrämerei sind Regungen, wie sie Marc Hoffman an anderer Stelle seiner Schrift (S. 48) zum Ausdruck bringt:

»Auch in diesem Moment erkenne ich tiefer, wer ich bin und wozu ich aus Haß auf die Deutschen in der Lage wäre, wenn die Gnade Gottes nicht das Böse in mir überwinden würde.«

Elie Wiesel ist kein Christ, sondern doch wohl ein bewußter Jude mit politischem Impetus. Und wenn die seit 1990 zur Einwanderung nach Deutschland zugelassenen "Juden" – 50.000 "jüdische" Kontingentzuwanderer jährlich wurden damals zwischen jüdischen Vertretern und deutschen Regierungsstellen auf unbegrenzte Dauer vereinbart – inzwischen alle in Deutschland eingetroffen sind – den veröffentlichten Zahlen darüber ist nicht zu trauen –, und wenn die alle glauben, was Elie Wiesel sagt (und daraus die ihnen von der Thora vorgeschriebenen Konsequenzen ziehen), dann hätte der politisch wachere Teil der männlichen deutschen autochthonen Bevölkerung für sich kurz- bis mittelfristig mit Ereignissen zu rechnen, die auf das hinauslaufen, was im Buch Esther der Bibel geschildert wird.

Man muß das ernst nehmen, ohne sich davon suggestiv beeinflussen zu lassen. Mit der Gefahr wächst das Rettende auch. Und wer Elie Wiesel näher kennt, weiß, daß er selbst nicht so ohne weiteres glaubt, was er sagt und schreibt. Auch hat er einen Rabbiner, der ihm notfalls ins Gewissen redet (vgl. Zitat von Elie Wiesel in VffG 3/99, S. 309 aus dessen Buch Legends of Our Time, Schocken Bocks, New York, 1982, Einleitung, S. VIII).

Nichtkenner, aber auch Gegner der in den biblischen Schriften nahegelegten bzw. abverlangten Ordnungsvorstellungen sind besonders in katastrophenschwangeren Epochen gefährdeter als damit Vertraute. So, wie es aussieht, ist eine gesellschaftliche Katastrophe nicht nur unausweichlich, sondern schon in vollem Gange. Ein Überrest auch in Deutschland wird sie irgendwie überstehen. Es ist zu wünschen, daß dies die Besten sein werden.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 428ff.


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