War das 20. Jahrhundert ein "deutsches" Jahrhundert?

Von Prof. Emil Schlee

I.

»Es war überhaupt nicht das unsere, weder im Guten noch im Bösen«

Arnulf Baring

»Wenn den Deutschen noch so großes Unrecht angetan wird, findet sich immer ein obskurer deutscher Professor, der so lange an der Objektivität herumbastelt, bis er bewiesen hat, daß die Deutschen Unrecht haben.«

Madame Germaine de Staël (1766-1817), Über Deutschland, Reclam, Leipzig 1810.


Bemerkenswert der Freimut, wie schon Anfang des 19. Jahrhunderts Baronin de Staël in ihrem über die Grenzen bekanntgewordenen Buch Über Deutschland ihre ureigensten Erfahrungen mit einigen deutschen Professoren, die sie »obskur« nennt, sich von der Seele schreibt. Ähnlich der kritische Pennäler-Redakteur, der in der Schülerzeitschrift Im Brennpunkt, Nr. 2/71, unter einer entsprechenden Karikatur, die einen in Bücherstapeln wühlenden Geschichtsforscher skizziert, den bissigen Kommentar setzt:

»Ich gebe nicht auf - auch bei den punischen Kriegen muß ein Deutscher zu finden sein, der sie angezettelt hat.«

Literaturverzeichnis

Aufstieg und Fall großer Reiche

W.F. Mueller (Hg.), Aufstieg und Untergang der Großreiche des Altertums, Stuttgart 1950 (Großreiche d. Pharaonen, Sumerer, Babylonier, Assyrer, Perser, Griechen und Römer).

A. Demandt, (Hg.), Das Ende der Weltreiche. Von den Persern bis zur Sowjetunion, München 1997.

P. Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000, Frankfurt/Main 1989.

M. Grant, Der Untergang des Römischen Reiches, Bergisch Gladbach 1976.

J.J. Norwich, Byzanz. Der Aufstieg des Oströmischen Reiches, Düsseldorf, Wien 1993.

A. Palmer, Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches, München, Leipzig 1994.

F. Kurowski, Spanien. Aufstieg und Niedergang eines Weltreiches, Berg a.See 1991.

E. Donnert, Das russische Zarenreich - Aufstieg und Untergang einer Weltmacht, München, Leipzig 1992.

D. Simon, W. Simon, Verfall und Untergang des Sowjetischen Imperiums, München 1993.

L. Rühl, Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches, Stuttgart 1992.

W.L. Shirer, Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, Köln, Bindlach 1990.

R.A. Kann, Werden und Zerfall des Habsburgerreiches, Graz, Wien, Kö1n 1962.

V. Bibl, Der Zerfall Österreichs, 2 Bde. Wien 1922-1924.

I. Darwin, The End of the British Empire, Oxford 1991.

H. Altrichter, H. Neuhaus, (Hg.), Das Ende Großbritanniens, Erlangen, Jena 1996.

O. Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, München 1923.

K.L. Tank, Untergang des Abendlandes? Oswald Spenglers Prognosen und die weltpolitische Situation unserer Zeit, Sankelmark 1972.

S. Hunke, Vom Untergang des Abendlandes zum Aufgang Europas. Bewußtseinswandel und Zukunftsperspektiven, Rosenheim 1989.

W. Laqueur, Europa auf dem Wege zur Weltmacht 1945 -1992. München 1992.

D. Burstein, Weltmacht Europa. Die Öffnung des Ostens und der europäische Binnenmarkt verändern das Kräfteverhältnis in der Welt, München 1991.

S. Ishihara, Wir sind die Weltmacht. Warum Japan die Zukunft gehört, Bergisch Gladbach 1992.

P. Grubbe, Der Untergang der Dritten Welt. Der Krieg zwischen Nord und Süd hat schon begonnen, München 1994.

A. Zischka, Das Ende des amerikanischen Jahrhunderts. USA - Land der begrenzten Möglichkeiten, Hamburg 1972.

H. Kissinger, Die Vernunft der Nationen. Über das Wesen der Außenpolitik, Berlin 1994.

S.P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weitpolitik im 21. Jahrhundert, München, Wien 1996.

P. Kennedy, In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert, Frankfurt/Main 1993.

V. Biek, Der Deutsche Weg. Unser nationaler Aufbruch ins 21. Jahrhundert, Berg am See 1999.

Es kann dann im 20. Jahrhundert im Rahmen eskalierender Kriegs- und Greuelpropaganda der Siegermächte beider Weltkriege[1] nicht mehr verwundern, daß es damals wie heute nicht allen deutschen Historikern gelang, sich dem Bann deutschfeindlicher Propagandawellen (meist bar jeglichen Wahrheitsgehalts) und massiven Umerziehungsdrucks[2] zu entziehen. Hinzu kam, daß Begriffe wie "Kriegsschuld", "Alleinkriegsschuld", "Kriegsverbrechen" und "Kriegsschuldlügen" Erfindungen des 20. Jahrhunderts sind, die von den "liberalen" westlichen Siegermächten eingeführt, gegenüber den Verlierern als moralisches Druckmittel mißbraucht und als Bestrafungsgrundlage zwecks eigenen Machterhalts im Völkerrecht verankert wurden.[3] Eine tödliche Frucht solchen Verfalls politischer Kultur im Rahmen der menschlichen Völkergemeinschaft ist schon die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation, ebenso die Anmaßung der Richterschaft über den Verlierer in Straftatbeständen, die die im Tribunal vertretenen Siegerstaaten sich selbst in ungeheuerlichen Ausmaßen haben zuschulden kommen lassen. Auf solchen von den Siegermächten beider Weltkriege in Europa herbeigeführten Lebensgrundlagen konnten und können niemals Friedensordnungen entstehen, die diesen Namen wirklich verdient haben. Den meisten Deutschen ist bis heute kaum bewußt, daß ihre Lage in verblüffender Weise an Jonathan Swifts mythischen Gulliver erinnert.[4] Der übrigen Welt aber ist dieses "Bild" sehr wohl bewußt und möglicherweise auch weiterhin erwünscht, da sie, so scheint es, [5]

»das quälende Gefühl nicht loswerden kann, es handele sich bei uns um einen schlafenden Riesen, der sich für eine Weile aufs Ohr gelegt hat (wenn nicht gar aufs Ohr gelegt wurde?), um bei passender Gelegenheit wieder ächzend die Glieder zu strecken, sich verwundert die Augen zu reiben und sich in die Vertikale zu begeben«.

Das wird wohl auf Dauer nicht zu verhindern sein! Aber diesen Gulliver zum Monster des 20. Jahrhunderts machen zu wollen, der in Alleinschuld zwei von anderen gewollte Weltkriege zu verantworten habe, das blieb im Sinne von Madame de Staël tatsächlich deutschen Professoren vorbehalten.

Nur wenige Menschen haben wohl so etwas wie "einen Blick" für die Geschichte; noch weniger haben aus dafür notwendiger Geschichtskenntnis "einen Blick" für zukünftige Entwicklungen; die meisten irren mit der Zeit. Auch Zeitgeschichte setzt in besonderem Maße die Vergegenwärtigung der Vergangenheit voraus. Und keiner kommt an der Historikerregel vorbei, daß man erst nach etwa 150 Jahren in der Lage sein könnte, sich der historischen Wahrheit anzunähern. Man kann sich vorstellen, mit welchen Vorbehalten man vorschnellen Bewertungen von Zeitgeschichtlern begegnen muß, zumal wenn sie sich unter Verkennung der Möglichkeiten und Aufgaben ihrer wissenschaftlichen Disziplin auch noch "Richterroben" angezogen haben; denn Geschichte ist kein Tribunal! Golo Mann führte dazu aus:[6]

»Wer auch nur ein wenig Geschichte verstehen will, der muß sich ihrem widerspruchsvollen, vieldeutigen, überraschungsreichen Wesen anvertrauen, von ihm sich tragen lassen; der muß zusehen, wie das Richtige falsch, das Rechte unrecht wird. Schwarzweißmalerei taugt hier nicht. [...] Die These, wonach die moderne deutsche Geschichte ein einziger Irrweg gewesen sei, scheint mir praktisch und logisch undenkbar; sie scheint mir dem Gegenstand der Geschichte so wenig adäquat wie die umgekehrte Hegelsche, wonach in der Geschichte immer alles richtig gewesen sei, [...] so klar, so einfach arbeitet die Geschichte nicht.«

Und "Vereinfachungen" waren für Golo Mann schon immer »das Ende aller Historie und aller Wahrheit«.[7]

Aus diesem Selbstverständnis des Geschichtsprofessors und Publizisten Golo Mann (eigtl. Gottfried Angelo Mann) sowie der Mehrzahl der Historikerkollegenschaft und angesichts der Vielzahl geschichtswissenschaftlicher Literatur und anderer Schriften über das 20. Jahrhundert stellt sich eigentlich gar nicht die Frage, ob das 20. Jahrhundert ein "deutsches" war oder nicht. Zwar wird in weltgeschichtlichen Betrachtungen und Untersuchungen über "Aufstieg und Fall großer Reiche" (siehe nebenstehenden Literaturkasten) nicht nur das Auf und Ab großer Mächte im Verlauf der Jahrhunderte dargestellt, sondern im gegebenen Falle auch die Dominanz, der beherrschende und prägende Einfluß einer Großmacht auf ein bestimmtes Jahrhundert oder eine gesamte Epoche. So trifft z.B. der britische Geschichtsprofessor Paul Kennedy in seinem 973seitigen Werk Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000 die Feststellung, daß es[8]

»im sechzehnten Jahrhundert das Haus Habsburg war, das nach der Vormacht in Europa strebte, im siebzehnten waren es die Könige Frankreichs, und im achtzehnten begann der Aufstieg Großbritanniens zur kolonialen Hegemonialmacht in der Welt.«

P. Kennedy spürte dabei auch »einen gleichbleibenden Rhythmus auf. Aufstieg, Überdehnung, Erschöpfung, Abstieg - von den Habsburgern im 16. Jahrhundert bis zur UdSSR und den Vereinigten Staaten an der Schwelle zum 21. Jahrhundert«. Das weitreichende Interesse an diesem historischen Werk (seit 1989 in dt. Sprache, als Fischer-Tb. seit 1991) liegt - und das soll hier durchaus erwähnt werden - in P. Kennedys geschichtlich untermauerten Prognosen: Er sagt den Abstieg der UdSSR und der Vereinigten Staaten, den Aufstieg Chinas und Japans und unter bestimmten Bedingungen auch Europas voraus. Von einem "deutschen Jahrhundert", gemeint ist hier das 20. Jahrhundert, von dem z.B. der Geschichtsprofessor Eberhard Jäckel (Jg. 1929) in seinem Buch Das deutsche Jahrhundert (DVA, Stuttgart 1996) und der frühere Professor für Politikwissenschaft (1961-1968) und seitherige freier Schriftsteller Christian Graf von Krockow (Jg. 1927) in seinem Buch Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890-1990 (Rowohlt, Reinbek 1990) ausgehen, hier in negativer Auswirkung bestimmend und prägend, ist ansonsten weltweit keine Rede. Das ist nicht weiter erstaunlich, weiß doch die Welt, daß das deutsche Volk nicht kriegslüstern ist, daß es in der Welt am wenigsten an Kriegen beteiligt war, daß laut einer israelischen Weltumfrage bei Militärs und Historikern (1958) die deutschen Soldaten die tapfersten, diszipliniertesten und fairsten waren, daß nicht sie es waren, die die Weltkriege wollten oder "vom Zaume brachen", es dafür, wie aus den geraubten Quellen ersichtlich wurde, keine Pläne oder Belege gab!

Vor allem ist weltweit bekannt, daß das deutsche Volk während zweier Weltkriege mit übler und verlogener Feind- und Greuelpropaganda überschüttet, menschenunwürdig behandelt, rechtlos gemacht, weitgehend ausgeraubt wurde und deutsche Menschen nach dem Kriege noch über Jahre Zwangsarbeit leisten mußten und dazu noch sieben Millionen willkürlich umgebracht wurden! Da die Welt das weiß, fanden sich auch ausländische Wissenschaftler in großer Zahl bereit, sich freiwillig in den Dienst der Wahrheit zu stellen und Gerechtigkeit herbeizuführen. Selbst US-Präsident Ronald Reagan tat der Welt am 5. Mai 1985 in Bitburg (Eifel) an den Gräbern deutscher Soldaten kund:

»Den Deutschen ist ein Schuldgefühl aufgezwungen worden und zu Unrecht auferlegt!«

Was muß eigentlich noch geschehen, bis sich in Deutschland Volksvertreter, Staatsdiener, Wissenschaftler, Kirchen, Medien und die sonstige Öffentlichkeit in den Dienst der historischen Wahrheit und Gerechtigkeit stellen? Daß eine unseriöse Anti-Wehrmachtsausstellung, ein fragwürdiges Urteil "Soldaten sind Mörder!" oder das umstrittene Buch von Goldhagen weltweit eher Ablehnung, wenn nicht gar Verachtung anderer Völker finden, ist doch nicht zu übersehen oder zu überhören. Das 20. Jahrhundert war kein "deutsches" Jahrhundert, eher ein gewaltsam verhindertes "deutsches Jahrhundert"! Bei allem Studien- und Quellenfleiß, den o.a. Autoren durchaus aufweisen, in der Sache können sie nicht überzeugen. Unvergessen, was die junge Britin Alison Gundle 1985 einem Sprachrohr der alternativen Szene (Ökosophie, Freiburg im Breisgau 1985) unter der Überschrift »Nachtgedanken zur Deutschen Frage« in tiefer Sorge mahnend anvertraute:

Sie glauben zu spielen,
und es wird mit ihnen gespielt[9]

»Wo einst Deutschland war, ist heute ein Leerraum, in dem sich eine namenlose Angst aufstaut, denn vor und hinter diesem Volk lauert der Abgrund eines Unterganges. [...] Deutschsein, auch im lautersten Sinne, ist in dieser Republik verpönt. Es ist in hohem Maße bedrückend und erschütternd, die alltägliche Selbstverdrängung und Selbstverstümmelung der Westdeutschen mitzuerleben. Die Menschen der BRD sind wohl noch unfreier als die DDR-Deutschen, weil sie den faktisch viel größeren Spielraum nicht nutzen, sondern sich selbst belügen. Seit nunmehr 35 Jahren wird der Jargon der siegreichen Westmächte, in erster Linie der Vereinigten Staaten von Amerika, hierzulande brav nachgeplappert. Dieser unheimliche Konsens, diese kollektive Selbstvergessenheit scheint fast das einzige zu sein, was diese atomisierte Republik noch zusammenhält. Diese Selbstentfremdung ist Linken und Rechten, den Angepaßten und den Alternativen gemeinsam. [...] Weiß das deutsche Volk denn nicht, daß es auf den Bildschirmen seiner besten Freunde noch verhöhnt und abgeschlachtet wird? [...] Es wird heute fast immer übersehen, daß es nicht nur die Hölle, sondern auch den deutschen Himmel gab, daß die deutsche Seele auch mehr Licht und Liebe über die Welt ergossen hat, als man sonst für menschenmöglich gehalten hätte. Dieses engelgleiche Kind, das mit dem Badewasser ausgeschüttet wurde, das seit mehr als 30 Jahren verborgen unter dem Schlamm liegt, gilt es wieder liebend in die Arme zu nehmen! Kulturelle Selbstbesinnung ist nämlich die Voraussetzung für alles andere. Denn es gibt kein Volksein ohne kulturelle Identität, und der spirituelle und kulturelle Substanzverlust bietet immer einen guten Nährboden für die falschen Götzen.«

Daß die Fragestellung des Themas "War das 20. Jahrhundert ein deutsches Jahrhundert?" im Hintergrund stets die Kriegsschuldfrage mit einschließt, scheint unvermeidlich zu sein. Von vielen Deutschen unbemerkt bleibt aber noch die durch wissenschaftliche Forschungsarbeit zunehmende Erschütterung der bisher angenommenen Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch beider Weltkriege. Es ist aber wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Unhaltbarkeit solcher Alleinschuldthesen gegenüber Deutschland im Bewußtsein der Menschen durchgesetzt hat - trotz aller Ablenkungsbemühungen.

 

II.

»Die Zeit, die wir jetzt durchleben, wird in fünfzig Jahren vielleicht als die lächerlichste der deutschen Geschichte bezeichnet werden. Lächerlich, weil nichts stimmt. [...] Das ist so in der Kultur, auch in der Politik.«

Dirigent Günter Wand (Stern, Nr. 9/1996, S. 71 f.)


Vermutlich würde Madame de Staël den früheren Hamburger Historiker Professor Fritz Fischer (Jg. 1908) als einen jener deutschen Professoren bezeichnet haben, »der so lange an der Objektivität herumbastelt, bis er bewiesen hat, daß die Deutschen Unrecht getan haben«. Zu seinem 80. Geburtstag am 5. März 1988 titelte dann auch das Hamburger Abendblatt zu seinen Ehren: »Der Mann, der Deutschlands Schuld aufdeckte«! Das "Aufdecken" und Aufschrecken geschah durch F. Fischers Buch Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918 aus dem Jahre 1961,[10] das Deutschland nicht nur die Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs anlastete, sondern auch dessen langfristige Vorbereitung sowie eine politische Kontinuität von der kaiserlichen Reichsregierung bis zu A. Hitler. Hieraus entwickelte sich eine heftige Kontroverse, in der sich u.a. die Professoren G. Ritter, L. Dehio, M. Freund, KD. Erdmann und G. Mann[11] gegen F. Fischers Thesen wandten. Letzterer holt seinen Kollegen F. Fischer dann ebenfalls wieder auf den Boden geschichtswissenschaftlicher Realitäten zurück:[12]

»Die These Fritz Fischers ist aus einem Guß. [...] Ja, sein Werk ist fast nichts als die Analyse von Dokumenten, die sich, so will es unser Historiker, zu einem bisher nie so recht gesehenen, nie wahrgehabten, jetzt aber nicht länger zu verschleiernden schlimmen Zusammenhang fügen. [...] Wer kann da noch zweifeln? Wir zweifeln trotzdem. Das ganze Werk Fischers scheint uns im Grunde verfehlt. [...] Als eine Materialsammlung würde es genügen, aber dann wäre ein bloßer Dokumentenband wohl das Beste gewesen. Als eine Geschichte deutscher Politik im Ersten Weltkrieg genügt es nicht. Akten - Sitzungsprotokolle, geheime Denkschriften, Briefe, Gesprächsnotizen, kaiserliche Marginalien - sind für die politische Geschichtsschreibung unentbehrlich, sind einer ihrer Pfeiler. Aber nur einer. Dem Werk, das sich in seiner großen Masse auf Akten stützt, fehlt nicht bloß der Atem der Erzählung; es fehlt ihm ein gar zu wesentlicher Teil der zu verstehenden, darzustellenden Realität, nicht alles, was in Akten steht, hat geschichtliche Bedeutung. [...] Nun kommt aber die andere Seite, die "Entente", in Fischers Werk nahezu nicht vor. Von 856 Seiten sind 855 den deutschen Kriegszielen, eine einzige den Kriegszielen der Russen, Briten und Franzosen gewidmet. [...] Aber auch die Deutschen lebten in dieser Zeit, und was sie erstrebten, läßt sich ohne Vergleich mit dem, was ihre Gegner erstrebten, nicht gerecht bewerten. Ein solcher Vergleich hätte zeigen können, daß der deutsche Imperialismus von dem französischen, russischen, englischen nicht wesensverschieden, daß Deutschland nur ein später Nachahmer seiner glücklicheren Konkurrenten war.«

Fischers Aufdeckungsversuch deutscher Alleinkriegsschuld am Ersten Weltkrieg kann längst als widerlegt gelten!

Vor diesem Hintergrund kann man bezüglich des Buches von Professor Eberhard Jäckel Das deutsche Jahrhundert die erstaunte Frage seines Kollegen Arnulf Baring als Rezensenten verstehen:[13]

»Warum dieser Titel?«

E. Jäckel führt dazu im Vorwort aus:

Deutschlands Lage nach zwei Weltkriegen

»Es war das deutsche Jahrhundert. Kein anderes Land hat Europa und der Welt im 20. Jahrhundert so tief seinen Stempel eingebrannt wie Deutschland, schon im Ersten Weltkrieg, als es im Mittelpunkt aller Leidenschaften stand, dann natürlich unter Hitler und im Zweiten Weltkrieg, zumal mit dem Verbrechen des Jahrhunderts, dem Mord an den europäischen Juden, und in mancher Hinsicht gilt es kaum weniger für die Zeit nach 1945. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts war von den Nachwirkungen beherrscht, und noch an seinem Ende nimmt Deutschland wegen dieser Ereignisse einen herausragenden Platz im Gedächtnis der Völker ein.«

An anderer Stelle heißt es nochmals konzentrierter:

»Es [...] rechtfertigt sich unsere Bezeichnung [...] allein aus dem, was Deutschland sich selbst und der Welt in diesem Jahrhundert angetan hat. Zweifellos ist es einen besonderen Weg gegangen.«

Professor Arnulf Baring nimmt in seiner o.a. Besprechung u.a. den Satz von E. Jäckel auf, »Es war das deutsche Jahrhundert. Kein anderes Land hat Europa und der Welt im 20. Jahrhundert so tief seinen Stempel eingebrannt wie Deutschland«, und kommentiert zu Recht:

»Das läßt sich bezweifeln, und Jäckel selbst zögert offensichtlich bei dieser Behauptung. Er hält für möglich, daß man das 20. Jahrhundert auch das russische, mit noch größerem Recht das amerikanische nennen könne. In der Tat. War unser Jahrhundert nicht geprägt vom Aufstieg der Vereinigten Staaten zur schließlich einzigen Weltmacht? [...] Vermutlich glaubt Jäckel, die von ihm wiederholt betonte Einzigartigkeit der Judenvernichtung rechtfertige seinen Titel. Aber ist das so? Man braucht nur an die unerhörten Massenverbrechen des Stalinismus[14] zu denken oder an die millionenfach umgebrachten Grundbesitzer beim Sieg der chinesischen Kommunisten, man muß sich Kambodscha, auch Serbien oder Ruanda stellvertretend für alle Schauplätze des Grauens vor Augen halten, um zu erkennen, daß das 20. Jahrhundert in vielen Erdteilen eine Phase bis dahin unbekannter, unerhörter Ausrottungsaktionen gewesen ist. [...] Wie man es auch dreht und wendet: Die beschämenden zwölf Jahre waren nicht das Jahrhundert, und es war überhaupt nicht das unsere, weder im Guten noch im Bösen!«

Ob es die Vorbereitung des Ersten Weltkrieges durch die "Entente" war, der Zeitraum des dritten dreißigjährigen Krieges (1914-1945) oder danach die friedensvertragslose Zeit bis zur Gegenwart: Deutschland war und ist "Objekt" und nicht "Subjekt" in diesem Jahrhundert - ob es das sein wollte oder nicht!

 

Schlußfolgerungen

  1. Das 20. Jahrhundert war kein "deutsches" Jahrhundert. Es hätte es sein können, denn Anfang des 20. Jahrhunderts war Deutschland dank vorausschauender Politik Bismarcks das dynamischste und zukunftsfähigste Land, das bei friedlicher Weiterentwicklung zu den führenden Nationen der Welt gehört und diese auch entscheidend fördernd mitgeprägt hätte.[15] Aber genau das durfte aus Sicht neidvoller Staaten nicht sein. So wurde dieses Jahrhundert von jenen Mächten geprägt, die diesen Aufstieg mit aller Gewalt verhindern wollten und verhindert haben. Man kann es als das dominierende "amerikanische" Jahrhundert bezeichnen.
  2. Es bleibt ein Faszinosum, wie die Fülle an Fakten und Akten, an Zeugen und Zeugnissen, die dieses gegen Deutschland aufgerichtete Szenarium belegen, durch Umerziehung so verdrängt werden konnte, daß man selbst das zum Teil Auf-den-Kopf-stellen der tatsächlichen Vorgänge nicht mehr oder kaum noch wahrnahm. In erkennbarer Methode werden die im Sinne Toynbees praktizierten "Herausforderungen" gegenüber Deutschland unterschlagen und die provozierten "Antworten" dann als "Verbrechen" in voller Einseitigkeit angeklagt und verurteilt.
  3. An zwei Beispielen wurden in diesem Aufsatz solche "Herausforderungen" und "Antworten" im Zuge der notwendigen geistigen Auseinandersetzung aufgezeigt. Wir alle sind aufgefordert, im Interesse einer friedlichen Zukunft für Deutschland Wahrheit und Gerechtigkeit zu suchen und zu verteidigen.
  4. Es war schon eine Zumutung, als man am 17. September 1989 in der F.A.Z. nachlesen konnte, was am Tag zuvor in der britischen Zeitung Sunday Correspondent zu lesen stand:

»Wir müssen jetzt ehrlich über die deutsche Frage sein, so unbequem sie auch für die Deutschen, für unsere internationalen Partner und für uns selbst sein mag. [...] Die Frage bleibt in der Essenz die gleiche. Nicht wie wir verhindern, daß deutsche Panzer über die Oder oder Marne rollen, sondern wie Europa mit einem Volk fertig wird, dessen Zahl, Talent und Effizienz es zu einer regionalen Supermacht werden läßt. Wir sind 1939 nicht in den Krieg eingetreten, um Deutschland vor Hitler oder die Juden vor Auschwitz oder den Kontinent vor dem Faschismus zu retten. Wie 1914 sind wir für den nicht weniger edlen Grund in den Krieg eingetreten, daß wir eine deutsche Vorherrschaft in Europa nicht akzeptieren können!«

Ein Kommentar ist wohl überflüssig!


Anmerkungen

Alle Abbildungen: Archiv des Autors

[1]O. Buchbender, H. Schuh, Die Waffe, die auf die Seele zielt. Psychologische Kriegführung 1939-1945, Stuttgart 1983; K. Kirchner, Flugblätter. Psychologische Kriegführung im Zweiten Weltkrieg in Europa, München 1974, H. Sturminger, 3000 Jahre politische Propaganda, Wien 1960, W. Wittek, Der britische Ätherkrieg gegen das Dritte Reich, Münster 1962; W. Woj, An der Seite der Roten Armee. Zum Wirken des Nationalkomitees "Freies Deutschland" an der sowjetisch-deutschen Front 1943 bis 1945, Berlin (Ost) 1973; E. Howe, The Black Game. British Subversive Operations against the Germans during the Second World War, London 1982; D. Lerner, Propaganda in War and Crisis, New York 1951; M. Beham, Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik, München 1996.
[2]G. Franz-Willing, Umerziehung. Die De-Nationalisierung besiegter Völker im 20. Jahrhundert, Coburg 1991; C. Schrenck-Notzing, Charakterschwäche. Die Politik der amerikanischen Umerziehung in Deutschland, Frankfurt/M., Berlin 1993; K. Ziesel, Der deutsche Selbstmord. Diktatur der Meinungsmacher, Recklingshausen 1965; W. Sargant, Die Seelenwäscher, Viöl 1991.
[3]Vgl. G. Franz-Willing, Kriegsschuldfrage der beiden Weltkriege, Rosenheim 1992, S. 7 ff.
[4]J. Swift, Gullivers Reisen, Wien, München 1991. (Augsburg 1958).
[5]G. Sichelschmidt, Deutschland verblödet. Wem nutzt der dumme Deutsche?, Kiel 1995, S. 24.
[6]G. Mann, »Die deutsche Geschichte der letzten 150 Jahre«, in Ztschr. Offene Welt (Köln u. Opladen), März 1961.
[7]Vgl. G. Mann, »Mißbrauch der Geschichtswissenschaft« (1940), in: Geschichte und Geschichten, Frankfurt/M. 1961, S. 57. Ebenfalls hierzu ein unter dem Titel »Geschichte als Ort der Freiheit« geführtes Gespräch (Interview) mit Adelbert Reif, abgedruckt in: C.J. Burckhardt (u.a.), Geschichte zwischen Gestern und Morgen, München 1974, S. 70ff.
[8]P. Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000, (Fischer) Frankfurt/M. 1989. (In Klappentext u. Einführung).
[9]siehe Der Schlesier, 18.10.1996, S. 2.
[10]F. Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland 1914/18, Düsseldorf 1961 (896 S.).
[11]Siehe: E. W. Graf Lynar (Hg.), Deutsche Kriegsziele 1914-1918. Eine Diskussion, (Ullstein-Buch Nr. 616) Frankfurt/M./Berlin 1964. (Hier sind Diskussions-Beiträge zum Fischer-Buch enthalten von Hans Herzfeld, Gerhard Ritter, Rudolf Neck, Fritz T Epstein, Michael Freund, Golo Mann sowie zwei Aufsätze von Fritz Fischer).
[12]G. Mann, »Der Griff nach der Weltmacht«, in ebenda, S. 183-193. Hier: S. 183, 186 f.
[13]A. Baring, »Wem gehört das Jahrhundert? Deutsch oder nicht? Jäckels Bilanz hat einen hohen Rang«, in: F.A.Z. v. 29.1.1997, S. 12.
[14]Vgl. u.a.: St. Courtois u.a., Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998.
[15]V. Biek, Der deutsche Weg. Unser nationaler Aufbruch ins 21. Jahrhundert, Berg am See 1999, S. 121 ff und S. 304 f.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 250-254.


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