Freiheit braucht Mut

Über das Schein-Heldentum der deutschen konservativen Presse

Von Karl-P. Schlor

Über den Mut der FAZ-Redaktion, das grausame Spiel mit der neuen Rechtschreibung zu beenden – oder warum die Leitung der größten deutschen Tageszeitung bei der Lösung des größten Problems der deutschen Nachkriegsgeschichte kläglich versagt.


Warum die FAZ ab 1. August 2000 zur ursprünglichen Rechtschreibung zurückkehrt, die neue Schreibform trotz zunächst angepaßter Verhaltensweise wieder aufgibt, bleibt für mich ein Rätsel. Soviel Mut, soviel Verhaltensauffälligkeit gegen verordnete politische Korrektheit bei solch relativ Unwichtigem wie der Schreibweise ist für mich nicht zu begründen. Um was geht es denn schon? Ist es denn so wichtig, anstatt "Nazi"-Gräuel wieder die altbekannten Greuel, begangen im deutschen Namen, wiederaufleben zu lassen? Ist es wichtig, die neuen Regeln der Trennung wieder gegen die alten zu tauschen? Man kann über diese Hervorhebung einer Lappalie durch große Aktionen nur den Kopf schütteln, viel lieber hätte ich folgende Rundfunk-Sondermeldung am 26. Juli vernommen – und diese dann auch als wirklich sensationell empfunden:

Wie soeben die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bekanntgeben, werden sie ab sofort mit ihrer journalistischen Arbeit alles unternehmen, um dem Klima des Meinungsterrors in Deutschland zu begegnen. Dazu gehöre im Besonderen, von der bisherigen politischen Korrektheit abweichende Meinungen zu publizieren, damit zur Diskussion zu stellen und letztlich eine Meinungsvielfalt zu gewährleisten, die dann wirklich dem Artikel 5 des Grundgesetzes entspreche.

Wie gerne hätte ich dann in den darauffolgenden Tagen und Wochen wirklich Neues, bisher nur in vom Verfassungsschutz beobachteten oder gar vom Staatsanwalt verfolgten Gazetten oder Monatsheften in den Spalten der FAZ gelesen. Viel lieber hätte ich aber einen Artikel oder ein kluges Essay aus der Tastatur eines FAZ-Leitenden zur Kenntnis genommen, mehr noch, zu weiterer Verbreitung verholfen, das etwa folgenden Wortlaut hätte haben müssen (Der Name ist nur fiktiv, ebenso wie die weiteren Auslassungen):

Die Unvergleichlichkeit des Holocaust

oder warum die Bundesrepublik
bis heute kein souveräner Staat ist

ein Essay von unserem Mitherausgeber
Bertram Kahler

Mit der Unvergleichbarkeit oder auch der Singularität (Einzigartigkeit) des sogenannten Holocaust (griechisch für Brandopfer), gemeint ist die Vernichtung von 6 Millionen Juden durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, wurde bisher jedwede Maßnahme gegen die Bundesrepublik Deutschland für moralisch gerechtfertigt erklärt, obwohl diese Maßnahmen – ich nenne sie mal so, um Begriffe wie Erpressung oder Kollektivhaftung zu vermeiden – allesamt einen schwerwiegenden Eingriff in die Souveränität des Nachkriegsstaates Bundesrepublik Deutschland darstellen. Es ist sogar soweit gekommen, daß die Unvergleichbarkeit zur Quasi-Staatsreligion erklärt wurde, wer gegenteiliger Ansicht war, wurde bisher ausgegrenzt, mehr noch, existenzvernichtend bekämpft, im günstigsten Fall als Person totgeschwiegen. Gerade wir in der FAZ-Redaktion haben leider auch bei diesem Meinungsterror mitgewirkt, so als wir uns nach Einflußnahme durch einen ehemaligen leitenden Redakteur dazu bereit fanden, den damaligen FAZ-Publizisten Prof. Ernst Nolte nicht mehr zu drucken. Warum? Nun, Nolte hatte im sogenannten "Historikerstreit" einen Zusammenhang zwischen der Stalinschen Kulakenvernichtung und Hitlers Judenvernichtung etwa 12 bis 15 Jahre später gesehen, hatte aber Hitlers Verbrechen mit den voran geschehenen Stalins beileibe nicht entschuldigt. Die Hüter unserer ehemals christlichen Staatsreligion – inzwischen zur Holocaust-Religion konvertiert – fanden aber Noltes These als "relativierend", verbaten sich jeden Vergleich von Hitlers Verbrechen mit anderen, spulten das ganze Szenario der Häresiebekämpfung mit den entsprechenden Folgen für den angegriffenen Gotteslästerer ab, bis er in der Versenkung verschwand.

Gerade weil wir im Falle des Ernst Nolte schuldhaft verstrickt waren, empfinden wir es als unsere Pflicht, nun heute – nach unserer Entscheidung vom 26. Juli 2000 mit dem Gebot der Wiederherstellung der Meinungsfreiheit – nicht nur Nolte zu rehabilitieren, sondern auch die deutschen Leser endlich darüber zu informieren, warum wir immer noch in keinem souveränen Staat leben, nämlich weil wir die Lüge von der Unvergleichbarkeit des Holocaust bis jetzt aufrechterhalten haben. Diese Verkrustung gilt es ab heute aufzubrechen, in allen Medien sollte ein Disput beginnen, eine sachlich-wissenschaftliche Diskussion muß installiert werden, damit unsere Politiker, allen voran ein Bundeskanzler, nicht mehr mit der "Holocaust-Doktrin" bei Verhandlungen mit ausländischen Partnern unter Druck gesetzt werden kann. Wir weisen damit auch in die Zukunft, kann es doch nicht angehen, ständig mit einem mehr als 55 Jahre zurück liegenden Verbrechen deutsche Gegenwart und Zukunft zu gestalten! Deshalb beginnen wir mit einer Forderung des hierzulande unrühmlich aufgefallenen US-Amerikaners, des Soziologen Daniel Goldhagen, nach einer "vergleichenden Völkermordforschung des Zwanzigsten Jahrhunderts", lassen wir unsere Historiker unbeeinflußt forschen, lassen wir sie auch ruhig "revisionieren", wenn es am bisherigen etwas zu revidieren gilt! Verbieten wir unseren Gerichten in immer mehr rechtsstaatlich fragwürdigen Verfahren gegen sogenannte Revisionisten von einer "Offenkundigkeit" zu faseln, die es nicht gibt bzw. dem Juristen erlaubt, sich zum Gutachter einer anderen Disziplin zu machen, von der er nicht die geringste Ahnung hat! Als ersten Hinweis auf die Unrichtigkeit der angeblichen "Unvergleichbarkeit" erlaube ich mir auf die Stalinsche Kulakenvernichtung in den Jahren 1927-1933 hinzuweisen. Nach dem Buch des Stanford-Geschichtsprofessors Robert Conquest "Ernte des Todes" beziffern sich die planmäßig durch Verhungern umgebrachten Kolchose-unwilligen Bauern auf 8 Millionen, davon 30% Kinder, also etwa 2,5 Millionen! Ist das nicht vergleichbar mit dem Holocaust? Bevor nun "antifaschistische" Kollegen vor Wut aufheulen, gebe ich ihnen zu bedenken, daß einer von ihnen, der "Spiegel-Essayist" Hans Magnus Enzensberger, im Februar 1990 schrieb, "daß der Holocaust mit 4, 5 anderen Menschheitsverbrechen verglichen werden müsse, er durchaus nicht singulär sei." Ein zweites Forschungsfeld könnten die mehr als 10 Millionen Deutschen sein, die ab dem 8. Mai 1945 bis etwa Ende 1949 umgekommen sind, also n a c h dem Ende des Krieges. Allein 5 Millionen sind in den Westzonen verhungert, siehe "Verschwiegene Schuld" des Kanadiers James Bacque, auch ein Buch, das als Quelle dienen kann. Genug für heute, die Geschichtswissenschaft möge endlich mit ihrer Arbeit beginnen! Für unsere Politiker sollten diese Zeilen genügen, um endlich weiteren "Reparationswünschen" zu begegnen. Nur so gewappnet, können wir Souveränität erlangen – nach außen – um im Innern wieder rechtsstaatliche Verhältnisse eintreten zu lassen. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es so schön im Artikel 1 des Grundgesetzes, damit ist auch die Würde der Menschen gemeint, die einen Völkermord mit dem anderen vergleichen!

Ja, genauso und nicht anders würde ich die FAZ mutig nennen, wenn man so etwas dort lesen könnte, und nicht die lächerliche Angelegenheit mit der Ankündigung der "Rückkehr zur alten Rechtschreibung"!


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 426f.


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