Urteil zum Tagebuch der Anne Frank

Von Siegfried Verbeke

Am 27. April 2000, nach einer jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzung, hat nun das Amsterdamer Berufungsgericht entschieden: Die Echtheit des Tagebuch der Anne Frank, wie es vom Vater des Mädchens zur Veröffentlichung herausgegeben wurde, darf in Frage gestellt werden, sofern dies mit gebührendem Respekt geschieht.


1991 hatte Siegfried Verbeke ein ins Holländische übersetztes Sachverständigen-Gutachten von Prof. Robert Faurisson über das Tagebuch veröffentlicht, das dieser 1978 verfaßt hatte. Nachdem zwei Organisationen Klagen eingereicht hatten, befand das Gericht von Amsterdam, daß das Tagebuch tatsächlich echt sei und daß folglich die Broschüre verboten werden solle.

Siegfried Verbeke focht dieses Urteil an, aber das Amsterdamer Berufungsgericht bestätigte nun dieses Urteil, wenn auch mit geänderter Begründung. Das Gericht erklärt nun, daß es nicht in die Kompetenz von Richtern falle, zur Echtheit des Tagebuchs Stellung zu nehmen, und daß es im Prinzip das gute Recht von S. Verbeke und R. Faurisson sei, die Echtheit in Frage zu stellen. Die zwei Verfasser hätten dies aber in einer Art und Weise getan, die das Andenken des Vaters des Mädchens verletze und/oder derer, die das Andenken der Anne Frank hochhalten. Darüber hinaus, und das sei noch wichtiger, stellten Verbeke und Faurisson ihre kritische Analyse in den Rahmen einer unverzeihlichen Herausforderung, nämlich einer revisionistischen Kritik des Holocaust.

Dieses Urteil erlaubt daher unter gewissen Bedingungen eine erneute Prüfung der Echtheit des Tagebuch der Anne Frank, die vorher in den Niederlanden verboten war, also der nach 1947 vom Vater des Mädchens, Otto Heinrich Frank, herausgegebenen Fassung.

Das Urteil erging also gegen S. Verbeke und R. Faurisson wegen der Form ihrer kritischen Analyse, und nicht, wie es die Kläger gefordert und anfangs auch erreicht hatten, wegen des Inhalts.

Darüber hinaus wies das Amsterdamer Gericht Ansprüche der Anne-Frank-Stiftungen gegen den flämisch-belgischen Revisionisten zurück. Es stellte zudem fest, daß Otto Frank nicht Annes echtes Tagebuch veröffentlicht hat, und daß die Hälfte des echten Tagebuchs nicht mehr existiert.

Nachdem Professor em. Robert Faurisson die Echtheit des Tagebuch der Anne Frank in dem Buch Vérité Historique ou Vérité politique? (Historische oder politische Wahrheit?) in Frage gestellt hatte, das 1980 bei La Vieille Taupe in Paris erschienen war, veröffentlichte die flämisch-belgische revisionistische Stiftung Vrij Historisch Onderzoek (V.H.O., Freie Geschichtsforschung) eine Übersetzung.

Nach dem Tod von Otto Frank 1980 kam das Original-Manuskript von Annes Tagebuch in den Besitz des Rijks Instituut voor Oorlogsdocumentatie in den Niederlanden (RIOD, Reichsinistitut für Kriegsdokumentation). 1986 „veröffentlichte" RIOD „The Diaries of Anne Frank" (Untertitel: the critical edition), in dem versucht wurde, Robert Faurissons Argumente zu widerlegen.

1991 veröffentlichte V.H.O. eine zweite Auflage von Faurissons Aufsatz, in der S. Verbeke die RIOD-Schlußfolgerungen kommentierte. Diese Anmerkungen mit dem Titel Het Dagboek van Anne Frank: een kritische benadering (Das Tagebuch der Anne Frank – eine kritische Wertung) wurde in holländischen Büchereien und Schulen in Umlauf gebracht.

Am 9. Dezember 1998, sieben Jahre später, reichten die Anne Frank Foundation in Amsterdam und die Anne Frank Foundation in Basel beim Amsterdamer Gericht Klage ein wegen zwei Punkten. Die genannten Stiftungen forderten:

– Das Gericht sollte auf der Grundlage eines Affidavits erklären, daß das Tagebuch der Anne Frank echt (oder mit hoher Wahrscheinlichkeit echt) sei, und daß die Beklagten rechtswidrig handelten, wenn sie Zweifel an der Echtheit in der (unzureichend substantiierten) Weise äußerten, wie es in ihrer Streitschrift zum Ausdruck kam.

– Das Gericht sollte den Beklagten verbieten, ihre Streitschrift oder jedwedes andere Material mit vergleichbarem Inhalt in Umlauf zu bringen, und die Beklagten sollten ein Ordnungsgeld von 25.000 HFL für jede Zuwiderhandlung bezahlen.

Die beiden Anne-Frank-Stiftungen verließen sich in dieser Angelegenheit vollständig auf die RIOD-Feststellungen. Auch der Richter in erster Instanz verließ sich auf diese nach seinen Worten „ausgezeichnete" Arbeit und befand in beiden Punkten zugunsten der Kläger, als er am 9.12.1998 wie von den Klägern beantragt sein Urteil gegen alle Beklagten erließ, nämlich Siegfried Verbeke, Robert Faurisson und die Stiftung Freie Geschichtsforschung.

Wohlgemerkt: Die von Siegfried Verbeke eingereichte schriftliche Klageerwiderung wurde nicht berücksichtigt, weil nach holländischem Recht eine angeklagte Partei nicht selbst die eigene Verteidigung wahrnehmen darf, sondern einen Anwalt beauftragen muß.

Siegfried Verbeke legte gegen diese Entscheidung Berufung ein, wobei er u.a. vorbrachte, daß gemäß Art. 6 Abs. 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention jeder Angeklagte das Recht hat, sich selbst ohne Beiziehung eines Anwalt zu verteidigen. In der Berufung wurde dieser Punkt in den Vortrag des Anwalts eingebracht und als zulässiger Einwand akzeptiert.

Der belgisch-flämische Revisionist konnte anhand des Textes der RIOD-Ausgabe beweisen, daß mehr als die Hälfte des echten Tagebuches der Anne Frank verloren gegangen war (oder von Anne selbst vernichtet worden ist) und daß folglich Otto Frank nicht ein „echtes Tagebuch" herausgeben konnte bzw. dazu in der Lage war. Er hatte in Wirklichkeit Anne Franks Roman Het Achterhuis (Das Hinterhaus) veröffentlicht, die er (Otto) mit „Notizen eines Tagebuchs" untertitelt hatte. Die Beklagten beantragten, das Gericht solle das Urteil aus erster Instanz aufheben.

Am 27. April 2000 wurde das Urteil der ersten Instanz geändert, und die Berufungsinstanz wies den Antrag der Kläger zurück, die Echtheit des Tagebuchs mit einer eidesstattlichen Erklärung zu bestätigen.

Aus den Urteilsgründen

»6.14. Das Gericht ist der Meinung, daß die einzig mögliche Schlußfolgerung, die aus der RIOD-Veröffentlichung gezogen werden kann, die ist, daß das Gerichtslabor guten Grund für die Annahme hat, daß die Manuskripte […] von der gleichen Person (Anne Frank) geschrieben worden sind, die auch das für den Textvergleich benutzte Material geschrieben hat, und weiter, daß Otto Frank diese Tagebuchtexte und losen Blätter in seinem Maschinenschrift-Manuskript gewissenhaft wiedergegeben hat.«

Diese Begründung geht nicht an den Kern der Sache, denn Siegfried Verbeke stimmte dem ja in seiner Klageerwiderung bei. Otto Frank mag zwar die losen Blätter gewissenhaft abgeschrieben haben, die losen Blätter enthielten aber den Roman Het Achterhuis (Das Hinterhaus), und nicht das echte Tagebuch.

»6.15. Das bedeutet nicht, daß die Diskussion über die Echtheit des Tagebuchs der Anne Frank jetzt ein für allemal beendet ist. Niemandem, einschließlich Verbeke, kann das Recht verweigert werden, Tatsachen und Umstände anzuzweifeln, die andere als bewiesen ansehen, und diese Zweifel zu äußern, wenn sich dazu Gelegenheit bietet. Diesbezüglich dürfen wir uns nur von den Rechten aus Artikel 9 (Gedankenfreiheit) und Artikel 10 (freie Meinungsäußerung) der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMK) leiten lassen.

6.16. […] Meinungsäußerungen, die anderen Menschen unnötiges Leid verursachen, stellen jedoch eine unzulässige Einschränkung der Rechte und Freiheiten anderer dar und sind daher nicht zulässig.

6.17. Wenn Zweifel an der Echtheit des Tagebuchs im Zusammenhang mit dem Revisionismus erhoben werden, werden die Gefühle vieler Menschen in schlimmer Weise verletzt. Da dies bei der Broschüre der Fall ist, überschreitet sie bei weitem die Grenzen, die im Rahmen der Freiheit der Meinungsäußerung annehmbar sind.

6.18. Ferner muß festgestellt werden, daß die Passagen der Broschüre, auf die im jetzt angefochtenen Urteil bezug genommen wird, (unter 1.I, 1 bis 14), als unnötig verletzend für Otto Frank angesehen werden müssen. Diese Äußerungen besudeln absichtlich das Andenken Otto Franks, und daher beflecken sie auch die Ehre und den guten Ruf der Anne-Frank-Foundation.«

[Der Abschnitt 1.I, 1 bis 14, beinhaltet die Wahl der Worte und Zitate bei sowohl Faurisson und Verbeke]

»6.19. Mit anderen Worten, das Gericht ist der Meinung, daß Verbeke gesetzwidrig handelte, als er in der Art, wie er es in seine Broschüre tut, Zweifel an der Echtheit des Tagebuchs der Anne Frank aufwarf.«

Nicht das Anzweifeln der Echtheit als solches ist also ungesetzlich, sondern die Art, in der die Zweifel geäußert werden.

»6.23. […] Verbeke ist zu dem Schluß gekommen, daß die RIOD-Version A echt ist, und daß die RIOD-Version C (das Maschinenschrift-Manuskript von Otto Frank, wie es von Contact/Bakker herausgegeben wurde) unzutreffenderweise in der RIOD-Ausgabe als echt bezeichnet wurde.

6.24. Die Einwände helfen Verbeke nicht, da sie nicht den Kern der Sache berühren. Es ist Verbeke offenbar nicht klar, daß sich dieses Gericht nicht damit befaßt, den Inhalt der RIOD-Ausgabe zu beurteilen, sondern daß es nur feststellen will, ob die Broschüre rechtswidrig die Rechte und Freiheiten anderer beeinträchtigt. […]«

Seltsamerweise haben aber gerade die Kläger beantragt, das Gericht möge den Inhalt beurteilen, und sie haben dafür die RIOD-Ausgabe als Hauptbeweis heranzogen.

»6.26. […] Dieses Gericht befaßt sich in der Tat nicht mit der Echtheit der Manuskripte, die Otto Frank nach dem Krieg anvertraut wurden, und die vom Gerichtslabor geprüft worden sind. Es will feststellen, ob die Echtheit der Manuskripte in der Art, wie es in der Broschüre erfolgt, in Frage gestellt werden darf.«

»6.33. Die Einwände gegen das Verbot der Verbreitung sind insofern gerechtfertigt, als sich dieses Verbot nicht auf das oben erwähnte Affidavit bezieht. Das Gericht wird daher ein neues Verbot aussprechen, mit spezifischem Bezug auf Verbeke, wie es nachfolgend geschieht.

»7.2. Das Verbreitungsverbot, wie es das Gericht erlassen hat, WIRD AUFGEHOBEN. Das Gericht wird es neu formulieren und ein neues Verbot erlassen.

8. ENTSCHEIDUNG

Das Gericht hebt den zweiten Teil des Urteils auf, […] und in dem Umfang, als es ein neues Urteil erläßt, verbietet das Gericht Verbeke, die Broschüre zu verbreiten […] oder sonstiges Material, in dem die Echtheit des Tagebuchs so in Frage gestellt wird, wie es in der Broschüre erfolgt ist.«

Der Unterschied besteht darin:

– Die erste Entscheidung verbot die Veröffentlichung der Broschüre und jeglichem Material gleichen Inhalts, weil die Echtheit als bewiesen angesehen wurde.

– Die Entscheidung des Berufungsgerichts verbietet die Broschüre und jegliches Material, das die Echtheit in solcher Art in Frage stellt, wie es die Broschüre tut.

Mit anderen Worten: Eine Infragestellung der Echtheit des Tagebuchs der Anne Frank darf nicht im Zusammenhang mit dem Revisionismus und der Infragestellung des Holocaust erfolgen, und es dürfen nicht die Worte und Sätzen benutzt werden, die in den unter I) vom Richter in erster Instanz zitierten Passagen zitiert werden.

Oder, um es anders zu sagen:

QUOD LICET JOVI, NON LICET BOVI !

Was dem Jupiter erlaubt ist, darf der Ochse noch lange nicht!

Juden dürfen Irvings Namen in den Schmutz ziehen; sie dürfen die deutsche Nation mit Lügen überziehen, wie auch alle Revisionisten, die eine seriöse Erforschung der Geschichte fordern. Aber Revisionisten dürfen ihrerseits nicht auf laufende Diskussionen Bezug nehmen oder die Integrität von Personen in Frage stellen (auch nicht von Toten), denen ein symbolischer Status verliehen wurde – durch wen eigentlich, darf man wohl fragen?


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 416f.


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