Die Vergangenheitsbewältigung verschlingt ihre Kinder

Von Hans Wahls

Die Öffentlichkeit wird seit geraumer Zeit durch Nachrichten über den, wie landauf landab zu vernehmen ist, in der Bundesrepublik Deutschland wieder auflebenden Nazismus beunruhigt. In der Folge sind alle politischen Organe und gesellschaftlichen Gruppen verstärkt bestrebt, solche Erscheinungen aufzuspüren, ihnen entgegenzutreten und gegebenenfalls gerichtliche Verfolgung zu veranlassen. Es ist die Zielsetzung der vorliegenden Fallstudie, an einem Beispiel zu zeigen, wie diese Aufgabe im Umkreis der katholischen Kirche erfüllt wild.

Zu Beginn werden, zunächst kommentarlos, einige Stellen aus einem im Jahre 1984 geführten Schriftwechsel wiedergegeben.

  1. »Sie sind kein "lästiger Leser", sondern jemand, der offenbar nichts unversucht lassen will, die Verbrechen der Nazis und der SS zu verringern, zu entlasten usw. Wir sind kein historisches wissenschaftliches Blatt und denken gar nicht daran, uns auf eine solche Diskussion, wie Sie sie möchten, einzulassen.« (10. Februar 1984)

  2. »Seit einigen Wochen werden wir von gewissen Neonazis in den USA mit Briefen bombardiert, in denen "Beweise" für diese Behauptung verlangt werden. Ich hoffe, daß Ihr Brief nicht im Zusammenhang mit dieser Kampagne steht, die unter dem Deckmantel einer angeblichen historischen Gewissenhaftigkeit eindeutige Absichten verbirgt, nämlich die Verbrechen der Nazis im Dritten Reich zu verharmlosen.« (9. März 1984)

Zu dieser Behauptung siehe weiter unten.

  1. »Ich möchte Sie herzlich bitten, uns in Zukunft von solcher Art Propaganda zu verschonen. Frau Erb, die z.Zt. in Polen ist, hat wirklich keine Zeit, sich mit denen herumzuplagen, gegen die in der Bundesrepublik entsprechende Gesetze vorbereitet werden, die verhindern sollen, daß die grausam Ermordeten und die wenigen Überlebenden noch verhöhnt werden.« (18. April 1984)

  2. »Im übrigen sehe ich auch für das Kolbe-Werk keinerlei Veranlassung, Ihnen auf Ihre ultimativen Fragen zu antworten. Ich halte Sie nicht für legitimiert, in einer so fordernden Weise solche Art von Verhör anzustellen.

    Sie wissen, daß das Kolbe-Werk sich auf offizielle polnische Veröffentlichungen stützt. Es hat keine Veranlassung und auch keine Möglichkeit, diese zu widerlegen.

    Deshalb möchte ich Sie sehr bitten, mich mit weiteren Zuschriften zu verschonen.« (26. Mai 1984)

  3. »Im übrigen scheint es mir bezüglich der Tatsache, daß es überhaupt so etwas wie ein Kinder KZ gegeben hat, von nachgeordneter Bedeutung zu sein, wieviele Kinder in diesem KZ umgekommen sind. Jedes einzelne Kind, das in diesem Lager sterben mußte, ist bereits ein Kind zuviel gewesen.« (7. Dezember 1984)

Der Schriftwechsel, aus dem hier zitiert wurde, wurde durch die Arbeit des Maximilan-Kolbe-Werks e.V. (MKW) ausgelöst. Dieses personell mit der katholischen Kirche verbundene Werk ist nach dem heiliggesprochenen polnischen Franziskaner-Minoriten Maximilian Kolbe benannt. Er hat sein Leben im Hungerbunker von Auschwitz für einen Familienvater geopfert, wie im Heiligsprechungsverfahren ermittelt wurde. Unterlagen darüber liegen mir nicht vor.

Das MKW, ein Hilfswerk, dessen Gründung im Jahre 1973 auf eine im Jahre 1964 unternommene Bußwallfahrt nach Auschwitz zurückgeht, widmet sich der Unterstützung polnischer Bürger, die während der Besetzung im Zweiten Weltkrieg gelitten haben.

In einer Broschüre des MKW mit dem Titel Im Dienst der Versöhnung heißt es auf Seite 6:

»Das Kinder-KZ in Lodz

Ein Kinder-KZ? Ja, Sie lesen richtig: ein Kinder-KZ! Es wurde im Dezember 1942 im Auftrag des Reichsführers SS Himmler in Lodz eingerichtet. Freilich unter dem offiziellen Titel "Polen-Jugend-Verwahrlager der Sicherheitspolizei in Litzmannstadt". Obwohl es sich als eine Art Erziehungslager gab, waren die Lebensbedingungen und Behandlungsmethoden mindestens von gleicher Unmenschlichkeit wie in anderen Konzentrationslagern. Mehr als 13000 Kinder im Alter von zwei bis 16 Jahren machten diese Hölle durch, nur etwa 1000 haben überlebt.«

Diese Passage wurde im Oktober/November 1983 in bebilderten Aufsätzen im konradsblatt, einer Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg, und in der von Mario von Galli herausgegebenen katholischen Wochenzeitschrift Christ in der Gegenwart (Monatsbeilage Bilder der Gegenwart) verbreitet.

Die Behauptung von den angeblich 12000 in Lodz ermordeten Kindern hatte einen in den USA ansässigen Forscher auf den Plan gerufen. Er bat im Januar 1984 die Redaktion des konradblatts, die Angabe zu berichtigen.

Dabei verwies er auf ein 1981 im Rowohlt Taschenbuch-Verlag erschienenes, von drei polnischen Autoren verfaßtes Buch Kinder im Krieg – Krieg gegen Kinder. Die Geschichte der polnischen Kinder 1939-1945, in dem zwar von dem Kinder-KZ, nicht aber von den 12000 Morden die Rede ist.

Diesem Ansinnen ist das Blatt nicht nachgekommen. Darauf bat mich der Forscher aus den USA, mit dem ich schon früher gelegentlich wegen zeitgeschichtlicher Mystifikationen in Verbindung gestanden hatte, mich an den Nachforschungen in dieser Sache zu beteiligen. Ich hatte diesen Herrn nie gefragt, ob er ein "Nazi" sei. Begibt man sich übrigens vorübergehend auf die schlichte Definitions- und Argumentationsebene einiger der zitierten Briefscheiber, liegt der Eindruck nahe, daß es einerseits gegenwärtig allzuwenig "Nazis" gibt und räumt andererseits gern ein, daß die verbalen Keulenschwinger auf keinen Fall Nazis sind. Doch selbst wenn ich über die nachtwandlerische Sicherheit des Redakteurs von Christ in der Gegenwart verfügte, wie sie sich im oben zitierten Brief vom 9. März 1984 offenbart, so hätte ich die Verbindung mit ihm weiter gepflegt. Dies ist in der Folge bis heute, auch in der Zusammenarbeit bei der Abfassung der vorliegenden Studie, geschehen. Mir ist nicht an der Aufspürung von Nazis, sondern an der Aufklärung mir zweifelhafter Behauptungen gelegen. Dabei war zu beachten, daß Informationen, die von einschlägig eingeordneten Personen stammen, nicht schon deshalb verdächtig sind, wie umgekehrt Informationen von seiten unbelasteter Personen nicht schon deshalb ungeprüft übernommen werden können, weil sie keine Nazis sind.

Die Reaktion auf meine an Bilder der Gegenwart gerichtete Bitte, mir die Quelle für die Angabe der 12000 ermordeten Kinder bekanntzugeben, war recht ungnädig, wie aus dem dritten Zitat zu entnehmen ist. Zum Inhaltlichen meiner Anfrage war lediglich zu erfahren, die Materialien über das Kinder-KZ seien vom MKW gestellt worden, die aber nicht mehr zur Hand seien. Immerhin verwies der Redakteur auf das Buch Kinder im Krieg – Krieg gegen Kinder, ohne zu bemerken, daß dieses Buch die "hinterfragte" Zahlenangabe eben nicht enthält.

Mein anschließender Brief an das MKW schloß mit den Sätzen:

»Bei meiner Anfrage geht es mir darum, ob die Angaben belegbar sind. Dies ist ein Wahrheitsinteresse, das ich unabhängig von einer moralischen Betrachtungsweise bei Gefahr, mich Verdächtigungen auszusetzen, gern befriedigt haben möchte.«

Vermutlich haben diese Sätze die Beantworterin davon abgehalten, mir im Stile des zweiten hier angeführten Zitats zu antworten, obwohl diese antwortende Mitarbeiterin des MKW durchaus in der Lage ist, eine scharfe Klinge zu führen, wie sich aus der Briefpassage des vierten Zitats ergibt. Diese Stelle ist in einem Brief an meinen amerikanischen Partner enthalten. Die Dame teilte mir mit, sie habe sich mit allen Dokumenten des Kinder-KZs in Lodz befaßt. Es wurden mir drei Quellen genannt, die sich sämtlich auf Untersuchungen der "Hauptkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen in Polen", der "offiziellen polnischen historischen Forschungsstelle" stützten. Diese Forschungsstelle hat im Jahre 1969 eine Dokumentation Verbrechen an polnischen Kindern 1939-1945 herausgegeben, die im Jahre 1973 auch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde.

Als besonders zuverlässig hatte der mit zwei Arbeiten genannte Józef Witkowski gegolten. Er sei, so hieß es, selbst Insasse des Kinder-KZ gewesen und habe am ausführlichsten darüber gearbeitet. In einer Schrift zu diesem Thema konnte sich Witkowski auch auf seine Zusammenarbeit mit der Internationalen Wissenschaftlichen Sektion des Internationalen Kinderjahres 1979 berufen, so daß auch in dieser Hinsicht Wissenschaftlichkeit zu ihrem Recht kam.

Eine längere Beschäftigung mit der "Hauptkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen in Polen", mit ihr arbeitet die Zentrale Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg eng zusammen, ermutigte nicht, dieser als wissenschaftlich bezeichneten Einrichtung Vertrauen entgegenzubringen.

Eigene Forschungen erwiesen sich als ungemein zeitaufwendig. Die Belastung wurde jedoch von beiden Partnern übernommen, um zu erproben, ob wenigstens auf einem eingegrenzten Felde eine öffentliche Berichtigung von Fälschungen durchsetzbar sein würde.

Im Ergebnis besonders wertvoll waren Anfragen bei der Staatsanwaltschaft der Stadt Hamburg. Sie hatte, beginnend mit dem Jahre 1970, Ermittlungen über Tötungshandlungen im Polen-Jugendverwahrlager Lodz durchgeführt. Eine Akteneinsicht war nicht zu erlangen. Jedoch konnte in Erfahrung gebracht werden, daß das Verfahren gegen alle Beschuldigten, darunter den Lagerleiter Fuge, soweit nicht durch Tod der Beschuldigten erledigt, eingestellt wurden, weil die Beweismittel bei keinem Beschuldigten einen hinreichenden Tatverdacht zu begründen vermochten. Eine Zusammenarbeit der Staatsanwaltschaft Hamburg mit polnischen Behörden, die mehrere, das Lager in Lodz betreffende Verfahren durchgeführt haben, ist nicht zustande gekommen. Nach Mitteilung der Staatsanwaltschaft liegen belegte »Einzeltötungen auf Grund willkürlicher Tatentschlüsse« unter einhundert. Für etwas mehr als 70 Sterbefälle lägen Dokumente vor, aus denen sich aber nicht entnehmen ließe, auf welche Weise es zum Tod gekommen sei. Von der Zentralen Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg war zu erfahren, daß in Polen nach dem Kriege 72 das Lager betreffende Sterbeurkunden von Häftlingen aufgefunden worden sind.

Das konradsblatt hat auch Informationen aus dem Buch Feinde des Lebens von Hans Mausbach und Barbara Mausbach/Bromberger, erschienen im Röderberg Verlag, Frankfurt, ausgewertet. Der Röderberg Verlag steht in der Hauptsache im Dienst des Antitotalitarismus, allerdings mit Beschränkung auf die antifaschistische Variante. Dem Kinder-KZ in Lodz ist in dem Buch ein besonderer Abschnitt gewidmet, in dem man anfangs auch erfährt, daß in der Zeit der faschistischen Besetzung von 1939 bis 1945 1.800.000 polnische Kinder dem faschistischen Terror zum Opfer gefallen seien. Befragt nach der Quellenlage, hat Frau Bromberger das Auschwitzmuseum in Polen und die Dokumentationen der "Hauptkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen in Polen" angegeben. Das Buch läßt auch sonst erkennen, daß die Verfasser dem pädagogischen Wert opulenter Zahlenangaben besonderes Vertrauen entgegenbringen.

Die Erkenntnisse der Hamburger Staatsanwaltschaft werden in dem Buch nicht erwähnt.

Es war nicht zu erwarten, daß sich die achtbaren Großmedien mit dem Gegenstand beschäftigen würden, es sei denn im Sinne der Zitate zu 1. bis 3. Dagegen nahm die einschlägig verfemte Presse die Sache mehrfach auf. Sie stützte sich dabei auf Angaben meines Partners und eine in Zusammenarbeit mit ihm entstandene Ausarbeitung »Das Maximilian-Kolbe-Werk, das 8. Gebot und die publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserates« (Juni 1984). Diese Studie wurde neben den kirchlichen Stellen auch der Dokumentationsstelle für unkonventionelle Literatur der Bibliothek für Zeitgeschichte, Stuttgart, und einem privaten Kreis zugestellt.

Im übrigen waren die Ergebnisse unserer Ermittlungen kein Anlaß, die von den Adressaten als "Bombardement" empfundenen Bitten um Berichtigung unwiederholt zu lassen. Die Reaktionen des Präsidenten des MKW, des Erzbischofs Dr. Saier, der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken waren frostig. Es ist unbekannt, warum es schließlich doch zu der Verlautbarung kam, die anschließend wiedergegeben wird. Vielleicht waren es unsere Hinweise auf das 8. Gebot "Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" und eine Ermahnung des Papstes anläßlich des 18. Welttags der sozialen Kommunikationsmittel im Juni 1984:

»Eure Information lasse sich stets von Kriterien der Wahrheit und Gerechtigkeit leiten, wobei Ihr es als Eure Pflicht betrachten müßt, richtigzustellen und wiedergutzumachen, wenn Euch ein Irrtum unterlaufen ist.«

In der Ausgabe vom 10. Februar 1985 erschien in Christ in der Gegenwart (gleichlautend in der Ausgabe des konradblatts unter Bezugnahme auf dessen Veröffentlichung vom 6. November 1983) folgender Leserbrief:

»Der Schmerz ist nicht geringer

In der Oktober-Ausgabe 1983 der Zeitschrift "Bilder der Gegenwart" (die dem "Christ in der Gegenwart" beiliegt) sind Zahlen über die im "Jugendverwahrlager der Sicherheitspolizei Litzmannstadt" inhaftierten Kinder veröffentlicht worden. Sie beruhten auf Angaben in dem Buch "Feinde des Lebens" von Mausbach-Bromberger (1979) und auf polnischen Quellen. Aufgrund von Beanstandungen haben wir uns noch einmal über den Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Arolsen bemüht, genauere Zahlen zu erhalten. Kurz vor Weihnachten wurden wir darauf hingewiesen, daß der Historiker Michael Hepp im Auftrag des Magazins "Stern" seit zwei Jahren in dieser Angelegenheit recherchiere und inzwischen seine Nachforschungen fast abgeschlossen habe. Herr Hepp hat uns seine Ergebnisse mitgeteilt. Danach lebten zwischen 3000 und 4000 Kinder im Kinder-KZ Lodz. Von diesen starben an Ort und Stelle zwischen 500 und 800. Wie viele in die bekannten Vernichtungslager "überstellt" worden sind, ließ sich nicht feststellen. Ebenso unbekannt ist die Zahl der Kinder, die zum "Eindeutschen" ins Reich gebracht wurden.

Wie auch immer die "wahren" Zahlen dieser Vernichtungsaktion aussehen mögen, ob sie geringer sind als jene, die heute in Polen angegeben werden – das nimmt dieser historischen Erinnerung nichts von ihrem Schrecken, von ihrem Schmerz.

Elisabeth Erb, Maximilian-Kolbe-Werk, 7800 Freiburg.«

Dieser Leserbrief ist unredlich. Er nennt nicht die ursprünglich in die Welt gesetzte Zahl von 12.000 Morden. Immerhin liegt, wird von der höchsten Hepp-Zahl ausgegangen, eine Verfünfzehnfachung der Zahl der tatsächlich zu Tode gekommenen Kinder vor. Statt hier der Informationspflicht voll nachzukommen, sind verschiedene frageabweisende Ablenkungen in die Verlautbarung eingebaut worden. Der erinnerungswürdige Spruch Gregor des Großen »Melius est ut scandalum ut veritas relinquatur« (Besser ist’s, es gibt Skandal, als die Wahrheit kommt zu kurz) blieb unbeachtet. So bleibt der Skandal als feiges Zurückweichen vom "Skandal". Schämig wurde die polnische Hauptquelle, nämlich die "wissenschaftlich" arbeitende "Hauptkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen in Polen" verschwiegen. Ja, es wird im letzen Absatz des Leserbriefes sogar suggeriert, die 12.000 Morde könnten evtl. doch stimmen. Was sollen sonst die Anführungsstriche bei dem Wort "wahren" Soll das etwa heißen, daß alle Zahlen zwischen 800 und 12.000 wahr sind ?

Wie nun hat man sich die Überstellung von Kindern in die Vernichtungslager vorzustellen? Das MKW gibt dazu einen Hinweis. In einer Broschüre des MKW findet sich folgendes Zitat :

»Wenn die SS eine Selektion von Kindern vornahm, so brachte sie in der Höhe von 1,20 m eine Latte an. Alle Kinder, die durch diese Latte hindurchgingen, kamen zum Verbrennen. Da sie dies wußten, streckten die kleinen Kinder ihre kleinen Köpfchen so hoch wie möglich in die Höhe, um so in diejenige Gruppe zu kommen, die am Leben blieb. (aus "Auschwitz, ein Gang durch das Museum", von Kazimierz Smolen).«

Es konnte nicht ausbleiben, daß angesichts der aufgedeckten und widerwillig zugegebenen Mystifikation auch andere Angaben des MKW in den zweifelnden Blick gerieten. So ist auf Seite 37 der Broschüre Auf dem Weg zur Versöhnung zu lesen, beim Warschauer Aufstand im Jahre 1944 seien 560.000 Tote zu beklagen gewesen. Würde man die oben ermittelte fünfzehnfache Übertreibung als durchgängig zu verwendenden Standard zugrundelegen, läge die tatsächliche Zahl bei rd. 38.000. Tatsächlich liegt wiederum eine maßlose Propagandaaufblähung vor. Mein Partner hat in einer sorgfältigen Dokumentation nachgewiesen, daß die Zahl bei l00.000 liegt. Natürlich hat er sich dabei nicht in die Nähe solcher "wissenschaftlicher" Kreise begeben, mit denen das MKW so leichtgläubig Kontakt unterhält.

In diesem Zahlenmorast bewegt sich ganz ungeniert auch der Heilige Vater. In der zitierten Schrift wird die Aussage des Papstes aus dem Jahre 1979 in Auschwitz wiedergegeben, wonach dort vier Millionen Menschen zu Tode gekommen seien. Mein Partner hatte bereits im Jahre 1980 den Vatikan über die Katholischen Bischöfe Deutschlands und Österreichs wissen lassen, das eine gewaltige Übertreibung vorliege. Dennoch hat Johannes Paul II. die Zahl von vier Millionen in der Folge wiederholt. Das Institut für Zeitgeschichte in München, dessen Mitarbeiter keineswegs "gewisse Nazis" sind, hat schon vor Jahren derartige Behauptungen widerlegt und von einer Million gesprochen.

Dabei ist der Papst noch zurückhaltend. Erst kürzlich wurde vom Süddeutschen Rundfunk verbreitet, in Auschwitz seien 8 Millionen Menschen ermordet worden.

Weiter ungeniert ist auch die Zeitung Christ in der Gegenwart. In der Ausgabe vom 10. März 1985 behauptet sie, die Sowjetunion habe im Zweiten Weltkrieg zwanzig Millionen Tote zu beklagen gehabt. Die Zahl ist fast um das Dreifache übertrieben (vgl. Stalin-Interview, Prawda 14. März 1946).

Ein Leser hat die makabre Frage gestellt, warum manche Leute nicht genug Millionen Leichen haben können. Die Frage kann beantwortet werden. Diese Millionen werden meist von jenen Weltanschauungsträgern in den Ostblockstaaten, z.B. in Polen und in der Sowjetunion, eingeschleust und dann im Westen von ihren Gesinnungsgenossen bereitwillig übernommen, die prinzipiell nichts gegen Hekatomben von Menschenopfern einzuwenden haben, wenn sie der "Befreiung" der Menschheit dienen. Wer daher diesen Quellen aufsitzt, macht sich indirekt zu Komplizen von Zielsetzungen, die beim besten Willen nicht mit demokratischen oder gar christlichen Vorstellungen in Einklang zu bringen sind.

Der Redakteur wird die Einwendung parat haben, Christ in der Gegenwart sei kein »historisches wissenschaftliches Blatt« (siehe Zitat 1.). Soll das ein Freibrief für jedwede Propagandaübertreibung und Greuelgeschichte sein, und wie steht es um die Forderung des Papstes, Informationen müßten sich von den "Kriterien der Wahrheit und Gerechtigkeit" leiten lassen?

Die Zeit naht heran, endlich all den jahrzehntelang angesammelten Informationsschutt entschlossen zu beseitigen, der immer mehr die Vermittlung des tatsächlich Geschehenen behindert. Leugnung und Verharmlosung wurden bisher geradezu gefördert und der Blick für die allen totalitären Systemen immanente Unmenschlichkeit getrübt.

Darüber hinaus heißt es, sich mit der "Einer-ist-schon-zu-viel"-Floskel auseinanderzusetzen, wie sie in einem Brief des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vorkommt (Zitat 5.). Diese Platitüde taucht, wie meine lange Erfahrung lehrt, mit schöner Regelmäßigkeit als Schlußsatz auf, wenn infolge von "Bombardements" eigentlich die weiße Fahne gehißt werden müßte.

Die Formel ist ein dialektischer Kniff, voll tückischer Hinterlist. Sie verbindet Unbestrittenes mit Strittigem und versucht damit, das Strittige in den Bereich des Unstrittigen zu schubsen. Man betont, wenn auch vom Kontrahenten überhaupt nicht bestritten, selbst auf der richtigen moralischen Seite zu stehen. Man betont es deshalb, um dem Gegner zu nötigen, weitere Klärungsversuche aufzugeben, da sie im Grunde unmoralisch seien. Der so Angesprochene wird eingeschüchtert, weil er bei fortgesetztem Bohren befürchten muß, als "gewisser Nazi" verdächtigt zu werden. Damit steht er in der Gefahr, seinen bürgerlichen Ruf einzubüßen. Es muß bedrücken, daß sich kirchliche Kreise an derartigen Machenschaften beteiligen.

Aus den von 1. bis 3. zitierten auftrumpfenden Briefstellen kann geschlossen werden, daß sich die verschiedenen Einschüchterungstaktiken allmählich abnutzen. Doch besteht bei den Initiatoren das unverminderte Bedürfnis, die eigenen "Wahrheits"-Besitzstände zu verteidigen, um die Blößen zu verdecken. Aus Kreisen dieser Taktiker stammen auch die Befürworter des 21. Strafrechtsänderunggesetzes bezw. seiner Abwandlung (Lex Engelhard anno 1985. Ähnlich die Lex Deckert anno 1994, Anm. der Red.). Was man davon erwartet, geht mit entwaffnender Offenheit aus der in Zitat 3. wiedergegebenen Äußerung hervor, man habe keine Zeit, sich mit denen herumzuschlagen, gegen die in der Bundesrepublik Gesetze vorbereitet würden.

Es ist aber vorauszusehen, daß die Zahl derjenigen wachsen wird, die sich den Mund nicht mehr verbieten lassen wollen und aus Gründen der Selbstachtung auch nicht mehr verbieten lassen können. Diese Entwicklung wird sich auf Dauer gesetzlich nur eindämmen lassen, wenn mehr als bisher schon geplant, der Legalitätsgrund bürgerlichen Verständnisses, sei es durch schärfere Gesetze, sei es durch Rechtsauslegung, aufgegeben wird. Zu befürchten sind weiterhin immer phantastischere Zahlen- und Greuelerfindungen, die erst recht Proteste auslösen müssen. Damit bewegt sich ein unheilvoller Regelkreis immer weiter. Die Aufsässigkeit wird als Beweis für einen wiederauflebenden Nazismus gedeutet und führen zu neuen "Abwehr"-Maßnahmen, wie dies so grobschlächtig in Zitat 1. erhofft wird. Damit wird der Verbreitung von Duckmäuserei, Unredlichkeit, Heuchelei, Denunziantentum, Gesinnungsschnüffelei und Zensur Tor und Tür geöffnet.

Die Vergangenheitsbewältigung verschlingt ihre eigenen Kinder.

In einem denkwürdigen Aufsatz aus dem Jahre 1983 hat Ludolf Herrmann einmal von der Bewältigung der Bewältigung gesprochen. Die vorliegende Fallstudie läßt die Notwendigkeit einer solchen Revision erkennen. Sie deckt zwar nur auf einem begrenzten Felde einige Mechanismen auf, die die Deutschen daran hindern sollen, endlich wieder zu sich selbst zu finden. Die Vorgänge haben aber durchaus zeittypischen Charakter. Insofern sind sie ein Lehrstück im Sinne Bertolt Brechts. In dessen epischem Theater wollte er die Widersprüche aufzeigen, in denen sich die auftretenden Figuren befinden. Der Zuschauer sollte aus dem, was ihm gezeigt worden war, die Konsequenzen ziehen, nämlich eine Veränderung der gezeigten Zustände herbeizuführen. Es ist der Wunsch und die Hoffnung der Verfasser der vorliegenden Arbeit, daß sie als illusionsfreie Aufforderung zur "Veränderung der gezeigten Zustände" verstanden wird.

Verfaßt am 8. April 1985


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 418-421.


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