Theologische Aspekte der Zeitgeschichtsschreibung

Von Hans Wahls

Zeitgeschichtsschreibung eine Religion? Der Gedanke ist nicht neu. Der Journalist Joachim Neander hat ihn 1990 in einem Beitrag in der Tageszeitung Die Welt unter der Überschrift »Last der späten Geburt« entwickelt. Die Überschrift bezieht sich auf ein Wort des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl von der »Gnade der späten Geburt«, das ihm allerdings nicht nur Freunde verschafft hatte.

Der Politiker hatte seiner Zeit nicht erläutert, von welcher Instanz er Gnade zugeteilt bekommen habe. Eine mögliche Straffälligkeit im Sinne einer geschriebenen Rechts- und Verfassungsordnung kann er nicht gemeint haben, jedoch ist der theologische Gehalt seiner Aussage unverkennbar. Überlegungen zu rechtlich normierten Gnadenakten sind hier für die Deutung hilfreich. Nach einen Kommentar zum Grundgesetz (Schmidt/Bleibtreu/Klein) dürften solche Gnadenakte ihre Quelle letztlich in der von der christlichen Theologie gelehrten göttlichen Gnade haben. Nach dieser Lehre hat die Gnadenbedürftigkeit ihren Grund im biblischen Sündenfall. Auch den Deutschen bleibt die Wohltat der Gnade erhalten. Das setzt aber ihre nie endende Bußfertigkeit voraus.

Diese Lage hat der Historiker Hans-Ulrich Wehler erkannt, als er 1990 riet, alle staatlichen Feiertage abzuschaffen und durch zwei nationale Feiertage zu ersetzen: den Buß- und Bettag und den 8. Mai. Der Gedanke war lange fruchtbar noch, wie aus der Debatte über eine evtl. Abschaffung des Buß- und Bettags zu erkennen war. Die Bevölkerung will weitgehend die Beibehaltung dieses Feiertages.

Inzwischen ist dem unverbindlichen Theologisieren die Einsetzung einer Kirche als pflichten- und verhaltenssetzende Institution ansatzweise gefolgt. Einige Anzeichen für die Verkirchlichung werden hier genannt.

Grundlegend für eine Kirche ist eine Heilige Schrift. Sie tritt uns in diesem Zusammenhang als das Grundgesetz entgegen.

Andachtsstätten in Gestalt von KZ-Gedenkstätten mit demnächst einer repräsentativen Zentrale in Berlin überziehen das Land.

Reliquien sind dieser Kirche nicht fremd. So die aus dem Fett jüdischer Leichen hergestellten Seifenstücke, wobei es unerheblich ist, ob es diese tatsächlich gegeben hat oder nicht. Auch die Reliquien der katholischen Kirche haben oft eine fragwürdige Herkunftsgeschichte. Darauf kommt es aber nicht an. Es zählt allein die Förderung der Glaubensfestigkeit.

Devotionalien treten uns in Gestalt der Fotos entgegen, die in der bekannten Wehrmachtsausstellung gezeigt werden.

Ein besonderes Kapitel sind die oft mit der Schilderung grauenhafter Einzelheiten verbundenen Märtyrerberichte. Sie treten heute in Gestalt von Zeugenaussagen und einer reichhaltigen Romanliteratur auf. Im Glauben gibt es nichts Unglaubliches. Grundlegend ist der Satz von Tertallian »Credo, quia absurdum« (Ich glaube es, weil es widersinnig ist).

Die heutige Lage ist vergleichbar mit der, als die katholische Kirche sich gegen aufkommende Irrlehren, z.B. den damals "modernen" Darwinsmus, zur Wehr setzen mußte. Die Beschäftigung mit deren Werken war ohnehin durch ein kirchenamtlich geltendes Verzeichnis Index libroram prohibitorum (Verzeichnis der verbotenen Bücher) untersagt. Man würde heute von einer "Kirchlichen Prüfstelle für glaubensgefährdende Schriften" sprechen. Papst Plus X forderte daher 1910 von allen katholischen Priestern die Ableistung des sogenannten "Antimodernisteneides". Ähnlich würden die Revisionisten heute durch Äußerung von Zweifeln, die sie wissenschaftlich nennen, schwere Schuld auf sich laden, weil sie den Bestand der Kirche in dem hier beschriebenen Sinne überhaupt in Frage stellen.

Das revisionistische Unterfangen wird in der BRD mit aller Härte durch die Staatsmacht geahndet. Die BRD wirkt dadurch beispielhaft für viele europäische Länder. Das Ansehen der BRD wird dadurch gefördert.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 428.


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