"Swing tanzen verboten"

Von Eberhard Wardin

Legendenbildung und Totschweigen nimmt über 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges immer größere Ausmaße an – selbst bei harmlosen Fröhlichkeiten. Das "Feindbild" wird zur Schulderhaltung immer weiter aufgeblasen – die Deutschen werden auch als Kulturbanausen dargestellt.

Kein Wort heute von dem vielfältigen ernsten und heiteren Unterhaltungsbetrieb, auch in der Reichshauptstadt Berlin, fast bis zum Ende des Krieges. 1935, 1936, 1937, 1938 liefen in deutschen Kinos amerikanische Filme (z.B. "Polizeiauto 88"), lief die jeweilige "Broadway-Melody" mit der Tänzerin Eleonor Powell und dem Grotesktänzer Buddy Ebsen, dem Leitschlager "Der Sterne Schein ist mein und Dein" wochenlang in allen deutschen Filmtheatern.

Die deutschen Kapellen spielten zum Tanz deutsche und amerikanisch-englische Titel, die deutschen im Rhythmus des Swing – "Küß mich, bitte, bitte küß mich" oder "Das Fräulein Gerda". Im Berliner "Moka Efti" in der Friedrichstr. spielte der Klarinettist Erhard Bauschke (auch im Frack) seinen Swing. Besonders gern gehört der "Organ Grinders Swing", hier dargeboten als "Hofkonzert im Hinterhaus" (alle schaun zum Fenster raus).

Zum 5-Uhr-Tee tanzte man zur "Penny-Serenade" ("Ich stand einst unterm Fenster einer Senorita") und später "Lambeth-Walk", und niemand scherte sich drum. Im "Blumengarten Oberschöneweide" spielte das italienische Orchester John Abriani "Musik für Mizzi" und das ital. Orchester Tullio Mobiglia war in verschiedenen Bars gern gehört.

Im "Delphi-Palast" spielte noch 1943 das belgische Orchester Jean Omer (15 Solisten mit Sängerin) und Jomny Rambell im "Efti" den "Moten-Swing". Später spielte im "Delphi" der Trompeter Günter Herzog mit 15 Solisten, auf dem Dach in Leuchtschrift angekündigt: »ein neuer Stern im Delphi« (und noch vom Wehrdienst freigestellt. Die Samtdecke des "Delphi" war als Sternenhimmel gestaltet.)

Im "Roten Saal" des "Imperator" spielte auch 1943 noch der hervorragende Posaunist Kurt Widmann mit seinem Orchester – alles, was er spielte, spielte er "Swing". Bereits 1936 spielten mindestens 12 Spitzenorchester in der Reichshauptstadt, die nicht nur in den teuersten Hotels ("Adlon", "Eden", "Esplanade"), sondern auch in preisgünstigeren Tanzlokalen (Bernhard Etté oder das deutsch-amerikanische Tanzorchester Walter Lemke, oder Pat Bonen im ersten Stock des noch 1999 stehenden "Hochhaus am Alexanderplatz")

Sogar das Hausorchester des "Delphi", Heinz Wehner, spielte zwischendurch immer wieder in anderen Gaststätten. Der Trompeter Kurt Hohenberger spielte mit seinem Orchester in "Quartier Latin" und "Femina" und Barnabas von Gezy lange Jahre im "Hotel Esplanade". Noch Ende 1943 kam auf "Brunswik" eine melodiöse Platte "Deep purple" und "I promise you" mit dem dänischen Sänger Fin Olsen heraus. In Berlin gab es auch auf "Brunswik" Aufnahmen des englischen Klarinettisten Harry Roy mit den Titeln "Tulip- Time" und "Stop between round the mulberry-bush" oder "Boo-hoo" zu kaufen. Das Orchester spielte allabendlich im englischen Sender Sottens "Swing". Die englischen Pianisten Ivor Moreton und Dave Kay spielten "A tisket – a tasket" und eine deutsche Neuerscheinung war "Bei Dir war es immer so schön" nur tp+piano. Es gab noch das sentimentale "September in the Rain" und in einem Schallplatten- und Musikgeschäft nahe der Jerusalemer Kirche eine Aufnahme des Rumba-Königs Qavier Cugat "El bom para".

Getanzt werden durfte in Berlin noch bis 1942 – von da ab wurde noch "gehört". Natürlich konnten übereifrige Parteifunktionäre Anstoß an überakzentuiertem Tanzstil nehmen, besonders wenn er mit den Gesten oppositioneller Einstellung zum Regime betrieben wurde. War ja nicht notwendig, ist ja nicht verboten worden.

1938 spielte im Berliner "Wintergarten" nicht nur das britische Symphonieorchester unter Sir Thomas Beecham mit großem Erfolg, sondern auch das große Tanzorchester von "Radio London" mit dem Gitarristen Eddy Peabody. Der Höhepunkt der "Swingmusik" in Berlin spielte sich nicht nur bei Gastspielen der Orchester Teddy Stauffer, Fud Candrix oder Ernst van’t Hoff ab (der "etwas schleppend" den besten Swing in Europa gespielt habe), sondern noch bis zum August 1944 in Berlin-Wilmersdorf, im "Cafe Leon" am Lehniner Platz. Trotz der inzwischen ungeheuren Verluste durch Bombenangriffe, trotz des Zusammenbruchs der "Heeresgruppe Mitte" durfte hier das 16 Mann-Orchester Hans Werner Kleve noch Tanzmusik spielen ("es ging hoch her"). Kleve sagte später:

»alle Kapellen hatten amerikanische Titel im Repertoire, sie wurden verlangt und gespielt, niemand störte sich daran!«

Das Cafe "Leon" diente von 1935 bis 1937 dem "Jüdischen Kulturbund" als Kleinkunstbühne – wahrscheinlich auch ausschließlich für jüdische Besucher. Franz Thon, später Big-Band-Leader beim NDR in Hamburg, »hat dort ungefähr im Jahre 1937 mit kleiner Besetzung in "Geschlossenen Veranstaltungen" für ein ausschließlich jüd. Publikum gespielt!"«

Deutsche Tanzorchester spielten sogar im besetzten Hinterland zur Truppenbetreuung, aber auch vor Teilen russischer Zivilbevölkerung sog. "schräge Musik", sobald die Frontlage es erlaubte, so im "Stadttheater Brjansk". Nach meinen eigenen Erfahrungen geschah dies auch in einem Gebäude des Flugplatzes Potschinok mit kleiner Besetzungen (Lieder wie "Wind weht weit übers Meer" u.a.) für die Piloten des "Kampfgeschwaders General Wever", "Stukageschwader Immelmann" des Oberst Rudel und ungarische Piloten an deutscher Seite. Ebenso spielte im "Soldatensender Minsk" unter der Leitung des Unteroffiziers Kistenmacher ein Orchester. Dazu kamen die Tanzorchester vieler europäischer Radiostationen, viele davon auch in Italien mit einer Sängerinnengruppe "Grasmückentrio". Ebenso spielten für uns Soldaten des Ostheeres im "Kurzwellensender Berlin" Abend für Abend die Orchester Lutz Templin und "Charlie And His Orchestra" schwungvolle Musik mit hervorragendem "Swing".

Wahrscheinlich selbst von amerikanischen Orchestern in der amerikanisch-englischen Truppenbetreuung unüberbietbar, spielte bis zum Ende in Italien das 35 Mann-Orchester eines mobilen Soldatensenders mit vielen ehemaligen amerikanischen kriegsgefangenen Musikern, die sich freiwillig eingliederten. Ihre auch nach Nordafrika ausgestrahlten Sendungen war den Alliierten ein Dorn im Auge. So erhielt dieser mobile Soldatensender, oft nach Beginn der Sendungen angepeilt, Fliegerbesuch. Er mußte dann abbrechen und rollte weiter.

Selbstverständlich wurden den deutschen Soldaten in ganz Europa auch klassische Musikprogramme, Klavierkonzerte und Liederabende geboten, aber die "schräge Musik" war eben das Gegenstück zu allen Belastungen. Was der "Swing" für die Musiker die Kunst des Chorusspielens und der Improvisation darstellte, war selbst für die reinen Hörer die Faszination diese Stils! Nachgetragen werden muß noch, daß das angebliche Schild der Reichsmusikkammer "Swing tanzen verboten" nur ein Werbegag einer Schallplattenfirma war!

Vorbei sind die Zeiten der großen Tanzorchester, verweht die wilden Jahre der Orchester Nat Gonella, Les Brown oder Woody Herman. In sentimentaler Erinnerung aber noch die leiseren Melodien deutscher Orchester vom Kurzwellensender Berlin, auch in die Funkerhütte im tiefen Schnee vor Moskau.

Nur wenige leben noch und erinnern sich noch an "So wird’s nie wieder sein" oder "I’m in the mood for love" als fernen Gruß in die Eiswüste – manchmal sogar im Hörer des Feldfernsprechers mal weitergereicht an die Besten, die Kameraden von der Infanterie, wenn, dann im Nachspann an das "Aufziehn" des "Belgrader Jungen Wachtpostens" vom "Soldatensender Belgrad" an jedem Abend Punkt 22 Uhr. Mit "Lili Marleen" und um 24 Uhr, wenn der Trompeter vom Soldatensender Rom leise das sentimentale "Arrivi derci" blies, bis es im Morgengrauen im Äther wieder zu zirpen begann.


Literatur: Knud Wolffram, Tanzdielen und Vergnügungspaläste: Berliner Nachtleben in den dreißiger und vierziger Jahren; von der Friedrichstraße bis Berlin W, vom Moka Efti bis zum Delphi, Reihe deutsche Vergangenheit, Bd. 78: »Stätten der Geschichte Berlins«, Edition Hentrich, Berlin 1992, S. 214-216, ISBN 3-89468-0-47-4.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 353f.


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