Der Erste Weltkrieg: Der Wendepunkt - Teil 1

Von Prof. Dr. Ralph Raico

Einführung

1919, als das Gemetzel an den Fronten zu guter Letzt vorbei war, versammelten sich die Sieger in Paris, um eine Reihe Friedensverträge zusammenzubrauen. Dann wurden diese pflichtschuldigst von den Vertretern von vier der 5 besiegten Nationen - Deutschland, Österreich, Ungarn und Bulgarien, nicht aber der Türkei - unterzeichnet - jeweils in einem der in der Nähe liegenden Schlösser. Die Unterzeichnung des wichtigsten Vertrages, nämlich dem mit Deutschland, fand in dem großen Schloß von Versailles statt.

Artikel 231 des Versailler Vertrags lautete (rückübersetzt):[1]

»Die Alliierten und assoziierten Regierungen bekräftigen und Deutschland akzeptiert die Verantwortung Deutschlands und seiner Verbündeter für die Verursachung der Verluste und Schäden, die den Alliierten und ihren verbündeten Regierungen und Nationen als Folge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges auferlegt wurden.«

Es war ohne Beispiel in der Geschichte von Friedensverhandlungen, daß die Verlierer des Krieges die Schuld für dessen Ausbruch auf sich nehmen sollten. Die Tatsache, daß der Kriegsschuldparagraph die deutsche Haftbarmachung für nicht festgesetzte, aber riesige Wiedergutmachungen beinhaltete, verschärfte die Kontroverse, wer für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gemacht werden sollte. Sie wurde umgehend zu einer der meistdiskutierten Fragen in allen historischen Werken - und ist es geblieben.

Woodrow Wilson mit seinem Vorgänger Präsident William H. Taft am Tag vor Wilsons Vereidigung am 4.3.1913

Als die Bolschewisten die Macht ergriffen, öffneten sie triumphierend die zaristischen Archive und veröffentlichen Dokumente, darunter einige der Geheimverträge der Entente-Mächte, wie die Beute aufgeteilt werden sollte, wenn der Krieg vorbei war. Ihr Ziel war es, die scheinheiligen "kapitalistischen" Regierungen in Verlegenheit zu bringen, die auf der Reinheit ihrer Sache beharrt hatten. Dieser Schachzug trug dazu bei, daß viele andere Nationen ihre eigenen Dokumente früher veröffentlichten, als sonst wahrscheinlich zu erwarten gewesen wäre.

In der Zwischenkriegszeit entwickelte sich unter den Wissenschaftlern ein Konsens, daß der Kriegsschuld-Paragraph des Versailler Vertrags historisch gesehen wertlos war. Die Beurteilung von Sidney Fay[2] erlangte vielleicht am meisten Anerkennung. Er verteilte die Hauptverantwortlichkeit zwischen Österreich, Rußland, Serbien und Deutschland. 1952 kam ein Komitee angesehener französischer und deutscher Historiker zu der Schlußfolgerung:[3]

»Die Dokumente erlauben nicht, irgendeiner Regierung oder Nation 1914 einen vorsätzlichen Wunsch nach einem europäischen Krieg zuzuschreiben. Das Mißtrauen war auf seinem Höhepunkt, und führende Kreise waren von dem Gedanken beherrscht, daß ein Krieg unvermeidlich war. Jeder dachte, die andere Seite sei auf einen Angriff aus.«

Dieser Konsens wurde 1961 zunichte, als Fritz Fischer sein Buch Griff nach der Weltmacht veröffentlichte. Die Einschätzung von Fischer und den ihm folgenden Wissenschaftlern läuft darauf hinaus, daß die deutsche Regierung 1914 absichtlich einen europäischen Krieg entzündet habe, um ihre Hegemonie über Europa auszudehnen.[4] (Würden doch nur alle Historiker die Motive ihres eigenen Staates so zynisch betrachten!)

Die Forscher der Fischer-Schule erzwangen bestimmte Änderungen der zuvor allgemein herrschenden Ansicht. Aber das Pendel der Geschichtsschreibung hat jetzt allzuweit in die Fischer-Richtung ausgeschlagen. Ausländische Historiker waren geneigt, seine Analyse mit Bausch und Bogen zu übernehmen, vielleicht weil sie in ihr Bild paßt »von der deutschen Geschichte, das in weitem Umfang durch die Erfahrung von Hitler-Deutschland und den Zweiten Weltkrieg bestimmt ist.«[5] Beispielsweise behauptet ein amerikanisches Nachschlagwerk zum 1. Weltkrieg geradeheraus:[6]

»der Kaiser und das Auswärtige Amt [...] nutzten zusammen mit dem Generalstab absichtlich die Krise aus [die durch die Ermordung von Franz Ferdinand entstanden war], um einen allgemeinen europäischen Krieg herbeizuführen. Die Wahrheit ist einfach, erfrischend einfach.«

Nun, es mag sein, daß sie doch nicht so einfach ist. Während die in der Zwischenkriegszeit von einigen nationalistischen deutschen Historikern verbreitete Legende von der völligen Unschuld ihrer Regierung »effektiv widerlegt wurde, gibt es in manchen Kreisen die Tendenz, eine umgekehrte Legende zu schaffen, die einzig Deutschland die Schuld zuweist und so die Legende nur in einer anderen Form verewigt«, warnte Fritz Stern.[7]

Das Vorspiel zum Krieg

Die Wurzeln des 1. Weltkrieges reichen in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zurück.[8] Nach Frankreichs Niederlage gegen Preußen änderte das Heraufkommen eines großen deutschen Reiches 1871 dramatisch das Gleichgewicht der Kräfte in Europa. Über Jahrhunderte hatten die deutschen Lande den europäischen Mächten als Schlachtfeld gedient, die sich die Uneinigkeit der deutschen Staaten für ihre eigene Expansion zunutze machten. Jetzt hatte das politische Geschick des preußischen Ministerpräsidenten Bismarck und die Stärke der preußischen Armee ganz klar die führende Macht auf dem Kontinent geschaffen, die sich von Frankreich bis zur russischen Grenze und von der Ostsee bis an die Alpen erstreckte. Eine der Hauptsorgen Bismarcks, der als preußischer Minister und deutscher Kanzler noch zwei Jahrzehnte im Amt blieb, war, die neugeschaffene Einheit dieses Zweiten Reiches zu bewahren. Vor allem aber mußte ein Krieg vermieden werden. Der Vertrag von Frankfurt, der den französisch-preußischen Krieg beendete, zwang Frankreich, das Elsaß und die Hälfte von Lothringen abzutreten, ein Verlust, mit dem sich die Franzosen auf Dauer nicht abfinden würden. Um Frankreich zu isolieren, brachte Bismarck ein System von Verteidigungsbündnissen mit Rußland, Österreich-Ungarn und Italien zustande, das sicherstellte, daß Frankreich keinen Bundesgenossen für einen Angriff auf Deutschland finden würde.

1890 wurde der alte Kanzler von dem neuen Kaiser Wilhelm II. entlassen. Im gleichen Jahr wurde Rußland plötzlich von der Bindung an Deutschland befreit, als der Rückversicherungsvertrag auslief und nicht erneuert wurde. Jetzt begannen diplomatische Bemühungen in Paris, um Rußland für eine Allianz zu gewinnen, die künftigen französischen Zwecken dienen konnte - defensiv und möglicherweise auch offensiv.[9]

Die Verhandlungen zwischen den zivilen und militärischen Führern der beiden Länder brachten 1894 einen französisch-russischen Militärvertrag zuwege, der über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges hinaus wirksam blieb. Zur damaligen Zeit war selbstverständlich, was General Boisdeffre zu Zar Alexander III. sagte:

»Mobilisierung bedeutet Krieg.«

Sogar eine Teilmobilisierung von Deutschland, Österreich-Ungarn oder Italien sollte mit einer Total-Mobilisierung Frankreichs und Rußland und der Eröffnung der Feindseligkeiten gegen alle drei Mitglieder des Dreibundes beantwortet werden.[10]

In den folgenden Jahren war die französische Diplomatie weiterhin »glänzend brillant«[11], wie Laurence Lafore es formulierte. Im Gegensatz dazu stolperten die Deutschen von einem Fettnäpfchen ins andere, das schlimmste war wohl, ein Flottenwettrüsten mit England einzuleiten. Als man dort schließlich beschloß, die traditionelle Abneigung gegen Bündnisse mit anderen Mächten in Friedenszeiten aufzugeben, brachte Frankreich eine Entente cordiale, ein herzliches Einvernehmen zwischen den beiden Nationen zuwege. 1907 verständigten sich England und Rußland - mit freundlicher Ermunterung Frankreichs - in bezug auf verschiedene Streitpunkte, und es entstand eine Tripel-Entente, die dem Dreibund gegenüberstand.

Die zwei Bündnisse unterschieden sich jedoch stark in bezug auf ihre Stärke und ihren Zusammenhalt. England, Frankreich und Rußland waren Weltmächte, Österreich und Italien waren dagegen die schwächsten europäischen Mächte. Darüber hinaus war Italiens Unzuverlässigkeit als Bündnispartner allbekannt, während Österreich-Ungarn, das aus mehreren sich befehdenden Nationalitäten zusammengesetzt war, nur durch die Treue zur alterwürdigen Habsburger Dynastie zusammengehalten wurde. In einer Zeit, wo der Nationalismus wucherte, war diese Treue mancherorts nicht allzuviel wert, vor allem bei Österreichs serbischen Untertanen, von denen sich viele mehr mit dem Königreich Serbien verbunden fühlten, wo wiederum glühende Nationalisten auf die Gründung eines Großserbien, oder gar auf ein Königreich aller Südslawen - ein "Jugo-Slawien" - hofften. Eine Reihe Krisen in den Jahren vor 1914 festigten die Tripel-Entente in einem Ausmaß, daß sich die Deutschen einer "Einkreisung" überlegener Mächte gegenüber sahen. 1911, als Frankreich daranging, die Unterwerfung Marokkos zu vervollständigen, protestierte Deutschland heftig. Die folgende Krise ließ nun erkennen, wie nahe sich England und Frankreich gekommen waren: ihre militärischen Führer erörterten, im Falle eines Krieges britische Streitkräfte über den Kanal zu schicken.[12] 1913 sah ein geheimes Marineabkommen vor, daß die englische Marine im Fall von Feindseligkeiten den Schutz der französischen Kanalküste übernehmen sollte, während die Franzosen am Mittelmeer Wache hielten.

»Die englisch-französische Entente war nun tatsächlich eine Militärallianz.«[13]

Im demokratischen England ging all das vor sich, ohne daß das Volk, das Parlament oder sogar die Mehrheit des Kabinetts davon wußte.

Der Marokko-Streit wurde beigelegt, indem Deutschland afrikanische Gebiete überlassen wurden, was zeigte, daß koloniale Streitigkeiten zwar Spannungen hervorriefen, aber nicht wichtig genug waren, um zu einem Krieg zwischen den Mächten zu führen. Aber der französische Einmarsch in Marokko setzte eine Reihe Ereignisse in Gang, die den Krieg auf dem Balkan herbeiführten, und dann den Großen Krieg. Einer früheren Übereinkunft zufolge hatte Italien das Recht, das heutige Libyen zu besetzen, das damals im Besitz der ottomanischen Türken war, wenn Frankreich Marokko einnahm. Italien erklärte der Türkei den Krieg, und der italienische Sieg machte den kleinen Balkan-Staaten Appetit auf die Überbleibsel der türkischen Besitzungen in Europa.

Rußland hatte große Ambitionen auf dem Balkan, vor allem nach seinem Fehlschlag im Fernen Osten im Krieg mit Japan 1904-05. Nicholas Hartwig, Rußlands überaus einflußreicher Botschafter in Serbien, war ein extremer Panslawist, also ein Anhänger der Bewegung, die slawischen Völker unter russischer Führerschaft zu vereinigen. Hartwig organisierte die Bildung des Balkanbundes, und 1912 erklärten Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland der Türkei den Krieg. Als Bulgarien den Löwenanteil der Beute für sich forderte, fielen im folgenden Jahr, im zweiten Balkankrieg, seine ehemaligen Verbündeten, zusammen mit Rumänien und der Türkei, selbst über Bulgarien her. Diese Kriege verursachten in Europa große Beunruhigung, vor allem in Österreich, das eine von Rußland unterstützte Expansion Serbiens fürchtete. In Wien drängte Conrad, der Chef der Armee, auf einen Präventivkrieg, aber der alte Kaiser verwarf dies. Serbien ging aus den Balkankriegen nicht nur mit einem stark vergrößerten Territorium hervor, sondern auch beseelt von einem überhöhten Nationalismus, den Rußland mit Freuden ermunterte. Sasonoff, der russische Außenminister, schrieb an Hartwig: »Serbiens gelobtes Land liegt auf dem Territorium des heutigen Ungarn«, und wies ihn an, mitzuhelfen, die Serben »für den künftigen unvermeidlichen Kampf« vorzubereiten.[14] Im Frühjahr 1914 arbeiteten die Russen auf einen neuen Balkanbund unter russischer Führung hin. Sie erhielten starke Unterstützung von Frankreich, dessen neuer Präsident Raymond Poincaré in Lothringen geboren und selbst ein aggressiver Nationalist war. Es wurde angenommen, daß der neue Bund, von Serbien angeführt, etwa eine Million Mann an Österreichs Südflanke aufbieten und damit die militärischen Pläne der Mittelmächte zunichte machen konnte.[15]

Rußlands Militärkonzentration war seinem Ehrgeiz entsprechend. Norman Stone schrieb über das Rußland am Vorabend des Krieges:

»Die Armee bestand aus 114 1/2 Infanterie-Divisionen, verglichen mit Deutschlands 96, und verfügte über 6720 mobile Kanonen, gegenüber 6004 deutschen. Der strategische Eisenbahnbau hatte einen solchen Umfang, daß Rußland bis 1917 in der Lage gewesen wäre, innerhalb einer Mobilisierung von 18 Tagen fast hundert Divisionen in den Krieg gegen die Mittelmächte zu führen und Deutschland in seiner Gesamtbereitschaft nur um drei Tage nachstand. In gleicher Weise wurde Rußland wieder eine wichtige Seemacht [...], 1913-14 gab es 24 Mio. £ aus, verglichen mit 23 Mio. £ der Deutschen.«

Das in Gang gesetzte Programm forderte sogar noch beeindruckendere Kräfte bis 1917, wo sie wohl gebraucht würden:[16]

»Es wurden Pläne vorangetrieben, um mit einem Überraschungsschlag zur See Konstantinopel und die Dardanellen einzunehmen, und ein Flottenvertrag mit Großbritannien ermöglichte eine gegen Deutschland gerichtete Zusammenarbeit in der Ostsee.«

Rußland sah Deutschland als einen unvermeidbaren Feind an, weil Deutschland niemals zustimmen würde, daß Rußland die Dardanellen einnehmen oder eine Balkanfront schaffen und anführen würde, deren Ziel der Untergang Österreich-Ungarns war. Die Habsburger Monarchie war Deutschlands letzter zuverlässiger Verbündeter und ihr Zerfall in eine Ansammlung kleiner, meist slawischer Staaten hätte Deutschlands Südflanke für einen Angriff bloßgelegt. Deutschland würde in eine militärisch unhaltbare Lage kommen, der Gnade seiner Gegner ringsum ausgeliefert. Österreich-Ungarn mußte daher um jeden Preis erhalten werden.

US-Poster während des Ersten Weltkrieges: Sammeln für die leidenden Franzosen

Die Ereignisse hatten eine solche Gangart angenommen, daß Oberst Edward House, der durch Europa reiste, um für Woodrow Wilson Informationen zu sammeln, im Mai 1914 an den Präsidenten berichtete:[17]

»Die Lage ist außergewöhnlich. Der Militarismus ist geradezu verrückt geworden. [...] Es gibt zu viel Haß, zu viel Neid. Frankreich und Rußland werden über Deutschland und Österreich herfallen, wann immer England damit einverstanden ist.«

Und der Krieg kam...

Der unmittelbare Ursprung des Krieges von 1914 liegt in der krankhaften Politik des Königreichs Serbien.[18] Im Juni 1903 ermordeten serbische Armeeoffiziere ihren König und die Königin im Palast und warfen ihre Leichen aus dem Fenster. Zugleich massakrierten sie verschiedene königliche Verwandte, Kabinettsminister und Angehörige der Palastwache. Es war eine Tat, über die viele in der zivilisierten Welt erschreckt und empört waren. Die Militärclique ersetzte die pro-österreichische Obrenović-Dynastie durch die anti-österreichische Karageorgević-Dynastie. Die neue Regierung verfolgte eine pro-russische panslawistische Politik, und ein Netzwerk von Geheimgesellschaften schoß empor, das eng mit der Regierung verknüpft war, deren Ziel die "Befreiung" der serbischen Untertanen Österreichs (und der Türkei) und vielleicht auch der anderen Südslawen war.

Der Mann, der Ministerpräsident wurde, Nicolas Pasic, wollte ein Groß-Serbien schaffen, zwangsläufig auf Kosten Österreich-Ungarns. Die Österreicher fühlten ganz richtig, daß die Aufgabe ihres von Serben bewohnten Landesteils und womöglich gar der von anderen Südslawen bewohnten Gebiete den Zerfall des großen multinationalen Reiches auslösen würde. Für Österreich stellten die serbischen Pläne eine tödliche Gefahr dar.

Der russische Botschafter Hartwig arbeitete eng mit Pasic zusammen und unterhielt mit einigen der Geheimorganisationen Verbindung. Das Ergebnis der zwei von ihm geförderten Balkankriege war, daß sich Serbien größenmäßig fast verdoppelte und Österreich-Ungarn nicht nur politisch, sondern auch militärisch bedrohte. Sasonoff, der russische Außenminister, schrieb an Hartwig:

»Serbien hat erst den ersten Teil seines historischen Weges betreten, und muß zur Erreichung seines Zieles noch einen schrecklichen Kampf durchstehen, in dem sogar seine ganze Existenz auf dem Spiel steht.«

Sasonoff fuhr fort, wie oben gezeigt, die serbische Expansion auf die Ländereien von Österreich-Ungarn zu richten, deretwegen Serbien den »künftigen unvermeidlichen Kampf« führen müßte.[19]

Die nationalistischen Gesellschaften weiteten ihre Aktivitäten nicht nur innerhalb Serbiens aus, sondern auch in den österreichischen Gebieten Bosnien und Herzegowina. Die radikalste dieser Gruppen hieß Union oder Tod und war auch als "Schwarze Hand" bekannt. Sie wurde von Oberst Dragutin Dimitrijević geführt, Apis genannt, der zugleich auch Chef des königlich-serbischen Militärnachrichtendienstes war. Apis war ein Veteran des Gemetzels von 1903 an seinem eigenen Königspaar wie auch einer Reihe anderer politisch motivierter Mordanschläge.

»Er war aller Wahrscheinlichkeit nach in bezug auf Königsmord der führende europäische Experte seiner Zeit.«[20]

Einer seiner engen Verbindungen war Oberst Artamonov, der russische Militärattaché in Belgrad.

Franz Joseph, der ehrwürdige Kaiser von Österreich-Ungarn, der 1948 auf den Thron gekommen war, würde offensichtlich nicht mehr lange leben. Sein Neffe und Erbe, Franz Ferdinand, war zutiefst besorgt über die das Reich zerreißenden ethnischen Probleme und suchte sie mit einer großen Strukturreform zu lösen, sei es in Richtung auf einen Föderalismus für die verschiedenen nationalen Gruppen, oder ansonsten durch eine Triade, die Schaffung einer dritten, slawischen Komponente im Reich, neben der deutschen und der ungarischen. Da ein solches Zugeständnis den Ruin eines jeden Planes für ein Großserbien bedeutet hätte, war Franz Ferdinand ein einleuchtendes Ziel für eine Ermordung durch die Schwarze Hand.[21]

Im Frühjahr 1914 rekrutierten serbische Staatsangehörige, die Agenten der Schwarzen Hand waren, eine Gruppe junger bosnischer Fanatiker für diese Aufgabe. Die Jugendlichen wurden in Belgrad trainiert und mit Gewehren, Bomben und Führern (ebenfalls serbische Staatsangehörige) versehen, um ihnen über die Grenze zu verhelfen. Sie erhielten auch Zyankali für die Zeit nach Vollendung ihrer Aufgabe. Ministerpräsident Pasic erfuhr von dem Anschlag, informierte sein Kabinett und machte wirkungslose Versuche, ihn zu stoppen, einschließlich einer verschleierten, praktisch sinnlosen Warnung, die er an einen österreichischen Beamten in Wien übermittelte. (Es ist auch wahrscheinlich, daß der russische Attaché Artamonov von dem Anschlag wußte.[22]) Die Österreicher erhielten keine Mitteilung, die so klar war, daß die Ermordung hätte verhindert werden können. Am 28. Juni 1914 erwies sich der Anschlag als brillanter Erfolg, als Gavrilo Princip, der gerade 20 Jahre alt geworden war, Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in den Straßen von Sarajewo niederschoß und tötete. In Serbien wurde Princip sofort als Held gefeiert, genau wie in Jugoslawien nach dem Ersten Weltkrieg, wo der Jahrestag der Morde als nationaler und religiöser Festtag gefeiert wurde. Eine Marmortafel wurde an dem Haus angebracht, vor dem die Erschießung stattgefunden hatte. Die Inschrift hatte die Widmung:[23]

»An diesem historischen Ort proklamierte Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 die Freiheit.«

In seiner berühmten Geschichte des Ersten Weltkrieges schreibt Winston Churchill über Princip:[24]

»Er starb im Gefängnis, und ein Monument, das in den letzten Jahren durch seine Landsleute errichtet wurde, gibt Kunde von seiner und ihrer Niedertracht.«

In Wien glich in diesem Sommer 1914 die vorherrschende Stimmung weniger Belgrads Freude über die Tat als Churchills ärgerlicher Verachtung. Diese Greueltat war die sechste in weniger als vier Jahren und ein starker Beweis für die zunehmende serbische Gefahr. Ob zu recht oder unrecht - die Österreicher schlußfolgerten, daß die weitere Existenz eines expansionistischen Serbiens eine unannehmbare Bedrohung für die Habsburger Monarchie darstelle. Ein Ultimatum sollte abgefaßt werden, das Forderungen enthielt, die Serbien gezwungen wäre zurückzuweisen, was Österreich einen Vorwand für einen Angriff liefern sollte. Schließlich würde Serbien vernichtet und wahrscheinlich unter seinen Nachbarn aufgeteilt werden (wobei sich Österreich, dem nichts daran lag, mehr unzufriedene Südslawen als Untertanen zu bekommen, wahrscheinlich bei der Teilung heraushalten würde.) Natürlich könnte es Rußland einfallen, zu intervenieren. Aber dieses Risiko waren die Österreicher bereit, auf sich zu nehmen, vor allem nachdem sie den "Blankoscheck" von Kaiser Wilhelm erhalten hatten, alle für notwendig erachteten Maßnahmen weiterzuführen. In der Vergangenheit hatte die deutsche Unterstützung für Österreich die Russen gezwungen, klein beizugeben.

Jetzt steht den Wissenschaftlern das Tagebuch von Kurt Riezler zur Verfügung, dem Privatsekretär des deutschen Kanzlers Bethmann Hollweg. Aus diesem und anderen Dokumenten wird deutlich, daß Bethmann Hollwegs Standpunkt während der Juli-Krise schwierig war. Wenn Österreich als Macht verschwinden würde, wäre Deutschland durch den wuchernden Panslawismus bedroht, der von der wachsenden russischen Macht im Osten und vom französischen Revanchismus im Westen gefördert wurde. Als er die Österreicher ermutigte, Serbien umgehend anzugreifen, hoffte er, daß der Konflikt damit örtlich begrenzt blieb und die serbische Gefahr zunichte gemacht würde. Auch dem Kanzler war klar, daß die Mittelmächte einen den ganzen Kontinent umfassenden Krieg riskierten. Wenn Österreich aber schnell reagieren und Europa mit »einem schnellen fait accompli« konfrontieren würde, so glaubte er, daß der Krieg auf den Balkan begrenzt werden könnte und »die Interventionen Dritter soweit wie möglich [vermieden] werden könnten.« Auf diese Weise könnte die deutsch-österreichische Allianz mit einem wunderbaren politischen Sieg hervorgehen, der die Entente aufspalten und Deutschlands "Einkreisung" vielleicht aufbrechen könnte.[25] Aber die Österreicher zauderten, und das Ultimatum wurde Serbien erst am 23. Juli ausgehändigt. Als Sasonoff es in St. Petersburg las, rief er aus:

»Das ist der europäische Krieg !«

Die Russen fühlten, daß sie Serbien nicht nochmals im Stich lassen durften, nachdem es ihnen nicht gelungen war, die österreichische Annexion von Bosnien-Herzegowina zu verhindern oder für Serbien nach dem zweiten Balkankrieg einen Seehafen zu erlangen. Am 24. Juli erklärte Sasonoff auf einer Kabinettsitzung, daß Serbien im Stich zu lassen einen Verrat an Rußlands "historischer Mission" als Beschützer der Südslawen bedeuten würde und Rußland damit zu einer zweitrangigen Macht reduziert würde.[26]

Am 25. Juli beschlossen die russischen Führer, das in Gang zu setzen, was in ihren Plänen als »die Vorbereitungsphase auf den Krieg« bekannt war, ein Vorspiel zur Generalmobilmachung. Diese gegen beide Mittelmächte gerichtete Maßnahme setzte »eine ganze Folge von Militärmaßnahmen entlang der österreichischen und deutschen Grenze in Gang[27] Schon 1920 hatte Sidney Fay die Aussage eines serbischen Offiziers zitiert, der am 28. Juli von Deutschland nach Rußland gereist war und unterwegs auf der deutschen Seite der Grenze keine militärischen Maßnahmen feststellte, während im russischen Polen »in großem Maßstab Schritte zur Mobilisierung ergriffen worden waren

Fay kommentierte weiter:[28]

»Als der Krieg kam, ermöglichten es diese geheimen "Vorbereitungsmaßnahmen" Rußland, die Welt durch die Schnelligkeit zu überraschen, mit der es seine Truppen nach Ostpreußen und Galizien hineinführen konnte.«

Auch in Paris begannen die Militärchefs bereits am 25. Juli, Vorbereitungen für die Generalmobilmachung zu treffen.[29]

Am 28. Juli erklärte Österreich Serbien den Krieg. Der französische Botschafter in St. Petersburg, Maurice Paléologue, drängte die Russen - höchst wahrscheinlich mit Unterstützung Poincarés - zu Unnachgiebigkeit und zur Generalmobilmachung. (Jedenfalls hatte Poincaré den Russen 1912 praktisch einen "Blankoscheck" gegeben, als er ihnen versicherte, »Frankreich würde marschieren, wenn Deutschland Österreich [auf dem Balkan] unterstützt[30] Nach der (recht wirkungslosen) österreichischen Bombardierung Belgrads wurde der Zar am 30. Juli zur Freude der russischen Generale überredet, die Generalmobilmachung zu genehmigen (der Erlaß wurde für einen Augenblick widerrufen, aber dann schließlich bestätigt). Nikolaus II. war sich darüber klar, was das bedeutete:[31]

Helden-Land Frankreich: Aufruf zu einer Unterstützungsdemonstration im Central Park, New York

»Denken Sie, welch schreckliche Verantwortung Sie mir empfehlen zu übernehmen. Denken Sie an die Tausende und Abertausende Männer, die in den Tod geschickt werden!«

Was war schief gegangen? James Joll schrieb:[32]

»Die Österreicher hatten geglaubt, daß ein energisches Vorgehen gegen Serbien und ein deutsches Hilfeversprechen Rußland abschrecken würde. Die Russen hatten geglaubt, das die Zurschaustellung von Stärke gegen Österreich sowohl die Österreicher kontrollieren wie auch Deutschland abschrecken würde. Beide Seiten mußten schließlich Farbe bekennen.«

Rußland - und durch seine Unterstützung Rußlands auch Frankreich - waren genauso wie Österreich und Deutschland bereit, im Juli 1914 einen Krieg zu riskieren.

Als der Konflikt zunehmend unvermeidbar erschien, riefen die Generale in allen Hauptstädten danach, ihre Pläne für den Ernstfall vorzunehmen. Der bekannteste war der Schlieffen-Plan, der einige Jahre vorher entworfen worden war und die deutsche Strategie im Falle eines Zweifrontenkriegs bestimmte. Er forderte eine Kräftekonzentration gegen Frankreich, um einen schnellen Sieg im Westen zu erlangen, um dann den Großteil der Armee an die Ostfront zu bringen, wo sie die Russen, die man für wenig beweglich hielt, treffen und besiegen sollte. Als sich die Deutschen der russischen Mobilisierung und der offensichtlichen Absicht, Österreich anzugreifen, gegenüber sahen, aktivierten sie den Schlieffen-Plan. Es war, wie Sasonoff ausgerufen hatte, der europäische Krieg.[33]

Am 31. Juli gab das französische Kabinett der Forderung von Armeechef General Joffre statt und erließ die Generalmobilmachung. Am nächsten Tag besuchte der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Portalès, den russischen Außenminister. Nachdem er ihn viermal gefragt hatte, ob Rußland die Mobilmachung wieder aufheben werde und jedesmal eine verneinende Antwort bekommen hatte, überreichte Portalès Deutschlands Kriegserklärung an Sasonoff. Das deutsche Ultimatum an Frankreich war eine Formalität. Am 3. August erklärte Deutschland auch Frankreich den Krieg.[34]

Die Frage der "Kriegsschuld" ist endlos aufgeworfen worden.[35] Es kann mit Sicherheit festgestellt werden, daß Fischer und seine Schüler ihren Standpunkt in keiner Weise bewiesen haben. Daß z. B. Helmut Moltke, der Chef der deutschen Armee, wie Conrad, sein Pendant in Wien, auf einen Präventivkrieg drängte, ist seit langem bekannt. Aber beide Militärführer wurden von ihren Vorgesetzten unter Kontrolle gehalten. Jedenfalls gibt es keinen wie auch immer gearteten Beweis dafür, daß Deutschland 1914 absichtlich einen europäischen Krieg loslöste, den es jahrelang vorbereitet hätte, keinen Beweis in den diplomatischen und innenpolitischen Dokumenten, in der Militärplanung, bei den Aktivitäten der Geheimdienste, oder bei den Beziehungen zwischen dem deutschen und dem österreichischen Generalstab.[36]

Karl Dietrich Erdmann formulierte das Problem gut:[37]

»1914 hätte der Frieden bewahrt werden können, wenn Berchtold, Sasonoff, Bethmann-Hollweg, Poincaré, Grey oder eine der betroffenen Regierungen dies so aufrichtig gewollt hätten, daß sie gewillt gewesen wären, bestimmte politische Ideen, Traditionen und Auffassungen zu opfern, die nicht allein ihre eigenen persönlichen waren, sondern die ihrer Völker und ihrer Zeit.«

Diese nüchterne Beurteilung wirft ein bezeichnendes Licht auf die falschen Annahmen derer, die mit der Fischer-Richtung sympathisieren. John W. Langdon gibt z. B. zu, daß eine jegliche russische Mobilisierung »eine weitergehende Antwort von Deutschland erfordert hätte.« Er fügt jedoch hinzu, daß die Erwartung, Rußland werde nicht mobilisieren, »wenn es sich einer offensichtlichen österreichischen Entschlossenheit gegenübersieht, die serbische Souveränität zu unterminieren und das Kräftegleichgewicht auf dem Balkan zu ändern - das bedeutete, etwas Unmögliches zu erwarten.« Damit entschuldigt Langdon Rußland weil, wie er sagte, Österreich »zu einem Handlungsverlauf entschlossen schien, der klar den russischen Interessen in Osteuropa zuwiderlief[38] Wahr genug - aber Rußland "schien gezwungen", Serbien zu benutzen, um sich österreichischen Interessen entgegenzustellen (dem österreichischen Interesse, zu überleben), und Frankreich "schien gezwungen", Rußland volle Unterstützung zu geben, und so weiter. Genau deshalb sprechen die Historiker von einer geteilten Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

England muß noch in die Rechnung einbezogen werden. Auf dem Höhepunkt der Krise waren Premierminister Asquith und Außenminister Edward Grey in einer prekären Lage. Obwohl die Entente cordiale formal kein Bündnis darstellte, hatten geheime Militärgespräche zwischen den Generalstäben gewisse Erwartungen und sogar bestimmte Verpflichtungen geschaffen. Aber abgesehen von hohen Militärkreisen und natürlich Winston Churchill, dem Ersten Lord der Admiralität, war niemand in England scharf auf einen Krieg. Es war ein "Glück" für die englischen Führer, daß Deutschland ihnen aus der Verlegenheit half. Der Erfolg eines Angriffs auf Frankreich - das war der springende Punkt beim Schlieffen-Plan - hing vor allem von der Schnelligkeit ab. Sie konnte nur - so dachte man - durch eine Verletzung der Neutralität Belgiens erreicht werden. Diese wurde von den Mächten, die den Vertrag von 1839 unterzeichnet hatten, garantiert. Mit dem Feingefühl des Ausdrucks, das deutschen Staatsmännern ihrer Zeit eigen war, nannte Bethmann Hollweg den Vertrag über die belgische Neutralität »einen Wisch Papier«.[39] Grey bezeichnete in seiner Rede vor dem Unterhaus den Einmarsch in Belgien als »das gräßlichste Verbrechen, das je das Blatt der Geschichte befleckt hat.«[40]

Die Verletzung der belgischen Neutralität war zwar bedauerlich, aber durchaus nicht ohne Präzedenz in den Annalen der Großmächte. 1807 liefen Einheiten der britischen Marine im Hafen von Kopenhagen ein, bombardierten die Stadt und bemächtigten sich der dänischen Flotte. Zu dieser Zeit herrschte Frieden zwischen England und Dänemark, das in den napoleonischen Kriegen neutral war. Die Engländer behaupteten, Napoleon bereite eine Invasion Dänemarks vor und wolle sich selbst der Flotte bemächtigen. In einem Manifest an die Kopenhagener erklärten sie, England handle nicht nur im Interesse seines eigenen Überlebens, sondern für die Freiheit aller Völker.

Woodrow Wilson mit seiner Frau auf dem Weg
zur Vereidigung zur zweiten Amtszeit am 5.3.1917

Als die deutsche Flotte wuchs, wurden in England von Sir John Fischer, dem Ersten Seelord, und sogar von Arthur Lee, dem Ersten Lord der Admiralität, Rufe laut, die deutsche Flotte »zu kopenhagen«. Sie wurden zurückgewiesen, und England beschritt den Weg, die Deutschen beim Flottenwettrüsten zu übertreffen. Aber die Bereitschaft hochrangiger Briten, zugunsten nationaler Interessen, die als lebenswichtig eingeschätzt wurden, ohne Skrupel zu handeln, war in Deutschland nicht unbemerkt geblieben.[41] Als die Zeit kam, gingen die Deutschen hart gegen das neutrale Belgien vor, sie verschonten aber die Belgier mit Belehrungen über die Freiheit der Menschheit. Wohlgemerkt: als der König von Griechenland 1916 gegen die Einnahme griechischen Territoriums durch die Alliierten protestierte - die Neutralität von Korfu war wie die Belgiens von den Mächten garantiert worden - blieb sein Protest unbeachtet.[42] Die Invasion in Belgien war nur ein Vorwand für London.[43] Das war John Morley klar, da er die Machenschaften von Grey und der Kriegspartei im Kabinett kannte. In einem letzten Aufleben von echt englischem Liberalismus reichte Lord Morley, der Biograph von Cobden und Gladstone, seinen Rücktritt ein.[44]

Englands Kriegseintritt war entscheidend. Er besiegelte auf mehr als eine Art das Schicksal der Mittelmächte. Ohne Englands Kriegsteilnahme wären auch die USA nie eingetreten.

Woodrow Wilson und sein "zweites Ich"

Bei wem auch immer die Schuld am Krieg lag - für die überwältigende Mehrheit der Amerikaner war er 1914 nur einer der europäischen Schrecken, aus denen sie ihre Neutralitätspolitik herausgehalten hatte, die von den Gründern der Republik erklärt worden war. Pasic, Sasonoff, Conrad, Poincaré, Moltke, Edward Grey und der Rest - das waren die Leute, vor denen ihre Väter sie gewarnt hatten. Es war kein Ausgang des Krieges denkbar, der Amerikas weite und solide Stellung auf dem Kontinent durch eine Invasion bedrohen konnte. Die Amerikaner sollten es einer gütigen Vorsehung danken, die ihnen dieses gesegnete Land, diese uneinnehmbare Festung geschenkt hat, daß wenigstens Amerika nicht in dieses sinnlose Gemetzel der Alten Welt hineingezogen würde. Das war undenkbar. Aber - 1914 war Thomas Woodrow Wilson der Präsident der Vereinigten Staaten.

Der heutzutage am häufigsten mit Woodrow Wilson verbundene Ausdruck ist "Idealist". Der Ausdruck "machthungrig" wird dagegen selten gebraucht. Aber sogar ein ihm nicht unwohl gesonnener Gelehrter hat kürzlich über Wilson geschrieben:

»Er liebte die Macht, sehnte sich nach ihr und glorifizierte sie irgendwie.«

Als er noch Gelehrter war, sinnierte Wilson über die Wesensart der US-Regierung und schrieb:[45]

»Ich kann mir Macht nicht als etwas Negatives und Nicht-Positives vorstellen.«

Sogar bevor er in die Politik einstieg, war er fasziniert von der Macht des Präsidentenamtes und wie sie gesteigert werden konnte, wenn man sich in ausländische Angelegenheiten einmischte und überseeische Gebiete beherrschte. Der Krieg mit Spanien und die Eroberung von Kolonien in der Karibik und jenseits des Pazifik wurden von Wilson begrüßt, weil sie heilsame Änderungen im föderalen System der USA bewirken könnten. »Der Sprung in die internationale Politik und die Verwaltung weit entfernter Schutzgebiete« hatte bereits dazu geführt, daß »dem Präsidenten weit mehr Macht und Möglichkeiten für eine konstruktive Staatsführung gegeben waren.«

»Wenn in der Politik und den Überlegungen einer Nation Auslandsangelegenheiten eine herausragende Rolle spielen, muß die Exekutive notwendigerweise der Führer sein, muß jede anfängliche Bewertung zum Ausdruck bringen, immer den ersten Schritt tun, die Informationen liefern, aufgrund derer gehandelt werden muß, muß anregen und in weitem Umfang kontrollieren, wie sie geführt wird. Der Präsident der Vereinigten Staaten ist jetzt wie selbstverständlich an der Front des Geschehens. Es gibt jetzt kein Problem, die Reden des Präsidenten gedruckt und gelesen zu bekommen - jedes Wort davon. [...] Die Regierung abhängiger Gebiete muß weitgehend in seiner Hand sein. Aus dieser einzigartigen Veränderung können sich interessante Dinge ergeben.«[46]

Wilson erhoffte sich eine anhaltende »neue Führerschaft der Exekutive«, wo selbst die Chefs der Ministerien »einen neuen Einfluß auf das Wirken des Kongresses« ausübten.

Wilsons Reputation als Idealist läßt sich in weitem Umfang auf seine ständig erklärte Friedensliebe zurückverfolgen. Aber sobald er Präsident geworden war, - noch bevor er das Land in den Ersten Weltkrieg führte - war seine Handlungsweise in Lateinamerika alles andere als pazifistisch. Sogar Arthur S. Link (den Walter Karp als den Hüter der Wilsonschen Flamme bezeichnete) schrieb in bezug auf Mexiko, Zentralamerika und die Karibik:

»Die Jahre von 1913 bis 1921 bezeugen Interventionen durch das Außenministerium und die Marine - in einem Ausmaß, wie es selbst bei so ausgesprochenen Imperialisten wie Theodore Roosevelt und William Howard Taft nie zuvor in Erwägung gezogen wurde.«

Die Protektorate erstreckten sich über Nicaragua, den Einmarsch und die Unterwerfung von Haiti (was etwa 2000 Bewohnern Haitis das Leben kostete), und die militärische Besetzung der Dominikanischen Politik - das waren die Meilensteine von Wilsons Politik.[47] Alles war eingehüllt in den Dunst der ihm eigenen Phrasen über Freiheit, Demokratie und die Rechte der kleinen Nationen. Der Pan-Amerika-Pakt, den Wilson unseren südlichen Nachbarn vorschlug, garantierte »die territoriale Unversehrtheit und politische Unabhängigkeit« aller Signatarstaaten. Angesichts Wilsons ständiger Einmischung in die Angelegenheiten Mexikos und anderer lateinamerikanischer Staaten war dies Heuchelei in großem Stil.[48]

Das unerhörteste Beispiel von Wilsons kriegerischem Interventionismus vor dem Europäischen Krieg war Mexiko. Hier führte sein Versuch, den Verlauf eines Bürgerkrieges zu manipulieren, zu den Fehlschlägen von Tampico und Vera Cruz.

Präsident Woodrow Wilson (links) mit "Oberst" Edward Mandell House (rechts), des Präsidenten "alter ego".[49]

Im April 1914 legte eine Mannschaft amerikanischer Seeleute ihr Schiff in Tampico ohne Erlaubnis der Behörden an und wurde verhaftet. Sobald der mexikanische Kommandant von dem Zwischenfall erfuhr, ließ er die Amerikaner frei und sandte eine persönliche Entschuldigung. Das wäre das Ende der Affäre gewesen, »hätte nicht die Regierung in Washington nach einem Vorwand gesucht, um einen Kampf zu provozieren«, um die Seite zu begünstigen, die Wilson im Bürgerkrieg favorisierte. Der diensthabende amerikanische Admiral forderte von den Mexikanern 21 Salutschüsse für die amerikanische Flagge. Washington stärkte ihm den Rücken und gab ein Ultimatum heraus, das unter Androhung schlimmer Folgen auf dem Salut bestand. Marineeinheiten erhielten Befehl, Vera Cruz einzunehmen. Die Mexikaner leisteten Widerstand, 126 Mexikaner wurden getötet, fast 200 verwundet (US-Zahlen zufolge), und auf amerikanischer Seite wurden 19 getötet und 71 verwundet. In Washington wurden Pläne für einen ausgewachsenen Krieg gegen Mexiko geschmiedet, wo zwischenzeitlich beide Bürgerkriegsparteien die Yankee-Aggression verurteilten. Schließlich wurde ein Vergleich angenommen, und Wilson verlor die Lust, die mexikanische Politik zu kontrollieren.[50]

Zwei Wochen vor der Ermordung des österreichischen Thronfolgers hielt Wilson eine Rede anläßlich des Flaggen-Feiertags (14. Juni). Seine Bemerkungen ließen nichts Gutes ahnen in bezug auf die amerikanische Zurückhaltung bei dem kommenden Krieg. Auf die Frage, was die Flagge in der Zukunft symbolisieren werde, antwortete Wilson:

»Die gerechte Anwendung unbestrittener nationaler Macht. [...] Selbstbestimmung, Würde, die Behauptung des Rechts einer Nation, den anderen Nationen der Welt zu dienen.«

Als Präsident werde er »auf die Rechte der Menschheit bestehen, wo immer die Flagge entrollt werde.«[51]

Wilsons Zweites Ich - eine der Hauptpersonen, um die Vereinigten Staaten in den europäischen Krieg hineinzuführen - war Edward Mandell House. House, der den honorigen Ehrentitel "Oberst" führte, wurde von seinen Zeitgenossen als ein geheimnisumwobener Mann betrachtet. Er war nie in ein öffentliches Amt gewählt worden, wurde aber trotzdem in innen- und vor allem außenpolitischen Angelegenheiten der zweitmächtigste Mann im Land, praktisch bis zum Ende von Wilsons Regierungszeit. House begann als Geschäftsmann in Texas, kam in die Führung der Demokratischen Partei dieses Staates und dann auf nationaler Ebene. 1911 schloß er sich Wilson an, dem damaligen Gouverneur von New Jersey, der Präsidentschaftskandidat werden wollte. Die beiden hatten eine denkbar enge Zusammenarbeit. Wilson ging so weit, öffentlich die ziemlich bizarre Erklärung abzugeben:[52]

»Herr House ist mein zweites Ich. Er ist mein unabhängiges Selbst. Seine und meine Gedanken sind eines.«

Die Mentalität dieses "geheimnisumwobenen Mannes" wird durch einen futuristischen politischen Roman erhellt, den House 1912 veröffentlichte: Philip Dru: Administrator. Das Werk enthält eine merkwürdige Vorwegnahme der Rolle, die der Oberst Wilson spielen helfen sollte.[53] In diesem speziellen Werk führt der Titelheld einen Kreuzzug, um die reaktionäre und repressive Geldmacht zu stürzen, die die USA regiert. Dru ist eine wahre Messias-Gestalt:

»Er erscheint mit Gerechtigkeit gerüstet und mit dem Licht des Verstandes in seinem Blick. Er kommt als Fürsprecher für gleiche Chancen und er kommt mit der Macht, seinen Willen durchzusetzen.«

Nachdem er eine große Armee angesammelt hat, stellt sich Dru in einer titanischen Schlacht gegen die Massenkräfte des Bösen (nahe Buffalo, New York):

»Die menschliche Freiheit hat noch nie so sicher vom Ausgang eines Konflikts abgehangen wie dieses Mal.«

Natürlich siegt Dru und wird »Administrator der Republik«, wobei er »diktatorische Macht« übernimmt. Seine Sache ist fraglos derart rein, daß ein jeder Versuch, die reaktionäre Politik der vorherigen Regierung »zu fördern« als »staatsgefährdend angesehen und mit dem Tode bestraft zu werden pflegte.« Dru formt nicht nur eine neue Verfassung für die Vereinigten Staaten und schafft einen Wohlfahrtsstaat, er schließt sich auch mit den Führern der anderen Großmächte zusammen, um die Weltordnung zu erneuern, und bringt der ganzen Menschheit Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit.[54]

Französisches Propaganda-Plakat: Die deutsche Krake auf dem Weg zur Unterwerfung Europas

Wilson verwendete House als seinen persönlichen Vertrauten, Ratgeber und Abgesandten und überging dabei seine eigenen ernannten und vom Kongreß durchleuchteten Beamten. Es war die gleiche Position, die Harry Hopkins etwa 20 Jahre später bei Roosevelt einnehmen sollte. Als der Krieg ausbrach, beschwor Wilson seine Landsleute, neutral zu bleiben - sogar mit Worten und Gedanken. Das war etwas unaufrichtig, wenn man bedenkt, daß seine ganze Regierung, mit Ausnahme des armen bedrängten Außenministers William Jennings Bryan, von Anfang an für die Alliierten war. Der Präsident und die meisten seiner Ressortchefs waren anglophil bis ins Mark. Liebe zu England und allem Englischen war ein unabdingbarer Bestandteil ihres Selbstgefühls. Angesichts eines bedrohten Englands äußerte sogar der Höchste Richter des Obersten Gerichtshofs der USA, Edward D. White, das Verlangen, nach Kanada zu gehen, um sich bei der britischen Armee als Freiwilliger zu melden. Im September 1914 konnte der britische Botschafter in Washington, Cecil Spring-Rice Edward Grey versichern, daß Wilson »ein verständnisvolles Herz« für Englands Probleme und seine schwierige Lage habe.[55]

Diese eingefleischte Voreingenommenheit der amerikanischen herrschenden Schicht wurde durch die britische Propaganda bestärkt. Am 5. August 1914 kappte die britische Marine die Kabelverbindungen zwischen den USA und Deutschland. Jetzt mußten die Nachrichten für die USA über London geschleust werden, wo die Zensoren Berichte zugunsten ihrer Regierung formen und ausrichten konnten. Schließlich wurde der britische Propaganda-Apparat im Ersten Weltkrieg der größte, den die Welt bis dahin erlebt hatte. Später war er ein Muster für den NS-Propagandaminister Josef Goebbels. Philip Knightley bemerkte:

»Die britischen Versuche, die Vereinigten Staaten auf Seiten der Alliierten in den Krieg zu bekommen, durchdrangen jede Phase des amerikanischen Lebens. [...] Es war einer der größten Propaganda-Kampagnen der Geschichte, und sie wurde so gut und so geheim durchgeführt, daß bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs wenig davon herauskam, und die ganze Geschichte muß erst noch erzählt werden.«

Bereits in den ersten Kriegswochen verbreiteten sich Geschichten über die gräßlichen "Greueltaten", die von den Deutschen in Belgien verübt worden seien.[56] In den Augen der amerikanischen Parteigänger für Englands Sache sollten sich aber zur See die abscheulichsten Züge der "Hunnen" zeigen.

Amerika tritt in den Krieg ein

Mit Ausbruch des Krieges in Europa begannen im Nordatlantik Feindseligkeiten, die schließlich den Grund - oder besser den Vorwand - für Amerikas Teilnahme lieferten. Fragen in bezug auf die Rechte der neutralen und der kriegführenden Mächte traten sofort in den Vordergrund.

1909 hatte eine internationale Konferenz die Erklärung von London ausgearbeitet, eine Erklärung, wie internationales Recht auf die Seekriegführung anzuwenden sei. Da sie nicht von allen Unterzeichnerstaaten ratifiziert wurde, trat die Erklärung nie in Kraft. Als jedoch der Krieg begonnen hatte, erkundigten sich die Vereinigten Staaten, ob die Kriegführenden gewillt waren, diese Bestimmungen einzuhalten. Die Mittelmächte bejahten, sofern auch die Entente dies tun würde. Die Briten bejahten mit gewissen "Modifikationen", die im Endeffekt die Erklärung aufhoben.[57] Die britischen "Modifikationen" beinhalteten, daß eine Vielzahl vorher "freier" Waren auf die "bedingte" Konterbanden-Liste kamen, und der Status grundlegender Rohstoffe - Lebensmittel als deren wichtigstes - in absolute Konterbande geändert wurde - angeblich, weil sie von der deutschen Armee genutzt werden konnten.

Die traditionelle Auffassung des internationalen Rechts wurde in bezug auf diesen Punkt anderthalb Jahrzehnte vorher durch den britischen Premierminister, Lord Salisbury dargelegt:[58]

»Nahrungsmittel mit einem feindlichen Zielort können nur dann als Kriegskonterbande angesehen werden, wenn sie Nachschub für die feindlichen Streitkräfte darstellen. Es reicht nicht aus, daß sie möglicherweise dazu benutzt werden. Es muß bewiesen werden, daß dies tatsächlich zum Zeitpunkt ihrer Beschlagnahme ihre Bestimmung war.«

Das war auch die Position der US-Regierung im Lauf der Geschichte. Aber 1914 beanspruchten die Briten das Recht, Nahrungsmittel wie auch andere vorher nur bedingte Konterbande zu beschlagnahmen, nicht nur, wenn sie für feindliche Häfen bestimmt war, sondern sogar für neutrale Häfen - der Vorwand war, sie würden letztlich Deutschland und damit die deutsche Armee erreichen. In Wirklichkeit war das Ziel, wie Churchill, Erster Lord der Admiralität, offen zugab, »die ganze Bevölkerung - Männer, Frauen und Kinder, alt und jung, Verwundete und Gesunde - durch Aushungern zur Unterwerfung zu bringen.«[59]

England übernahm nun »mit einem glatten Bruch des internationalen Rechts [...] praktisch die gesamte Kontrolle über den ganzen neutralen Handel.«[60] Ein scharfer Protest wurde von den Anwälten des US-Außenministeriums entworfen, aber nie abgeschickt. Statt dessen konferierten Oberst House und der britische Botschafter Spring-Rice und kamen auf eine Alternative. Die Vereinigten Staaten baten London, seine Politik nochmals zu überdenken, wiesen aber von sich, daß die neue Note auch nur einen "formalen Protest" darstelle. Die Briten erklärten ihr Wertschätzung für das Verständnis der Amerikaner und beschlossen stillschweigend, ihre Übertretungen fortzusetzen.[61] Im November 1914 verkündete die britische Admiralität, vermutlich als Reaktion auf die Entdeckung, daß ein deutsches Schiff Minen vor der englischen Küste legte, daß künftig die gesamte Nordsee "Militärgebiet" oder Kriegszone sei, die vermint würde und in die neutrale Schiffe »auf eigenes Risiko« einfuhren. Die britische Handlungsweise war ein eklatanter Verstoß gegen internationales Recht - einschließlich der Erklärung von Paris von 1856, die England unterzeichnet hatte - unter anderem, weil sie offensichtlich keine der Kriterien einer legalen Blockade erfüllte.[62]

Französisches Plakat mit einer Auflistung der von der
deutschen Kriegsmarine (angeblich) versenkten
Rotkreuzschiffe.

Die britischen Schachzüge bedeuteten, daß der amerikanische Handel mit Deutschland de facto beendet wurde, da die Vereinigten Staaten die Rüstungskammer der Entente wurden. Viele der großen amerikanischen Unternehmen waren nun nicht nur gefühlsmäßig, sondern auch finanziell mit England verbunden und arbeiteten nun auf die eine oder andere Weise für die alliierte Sache. Das Morgan-Haus, das sich selbst als Nachschub-Koordinator für England anbot, beriet sich bezüglich seiner finanziellen Operationen für die Entente regelmäßig mit Wilsons Regierung. Das Wall Street Journal und andere Wirtschaftszeitungen waren bei jeder Gelegenheit lautstark pro-britisch, bis sich die USA schließlich in das europäische Getümmel stürzten.[63] Die USA lehnten es ab, sich dem Protest der skandinavischen Neutralen gegen die Schließung der Nordsee anzuschließen und sandte auch keinen eigenen Protest.[64] Als jedoch im Februar 1915 Deutschland die Gewässer um die britischen Inseln zum Kriegsgebiet erklärte, in dem feindliche Handelsschiffe riskierten, zerstört zu werden, wurde Berlin mitgeteilt, daß Deutschland zu »strenger Verantwortung« gezogen würde, sofern irgendein amerikanisches Schiff oder amerikanisches Leben durch eine U-Boot-Aktion verloren ginge.

Im März 1915 wurde ein englisches Dampfschiff, Falaba, das Munition und Passagiere transportierte, torpediert, was u.a. den Tod eines Amerikaners mit sich führte. Die folgende Note an Berlin verschanzte sich hinter Wilsons widersinniger Doktrin, daß die USA das Recht und die Pflicht hätten, Amerikaner zu beschützen, die auf einem Schiff unter Kriegsflagge fuhren. John Bassett Moore, der über dreißig Jahre lang Professor für internationales Recht an der Columbia-Universität und langjähriges Mitglied des Haager Tribunals sowie nach dem Krieg ein Richter am Internationalen Gerichtshof war, stellte später hierzu und zu ähnlich absurden Wilsonschen Prinzipien fest:[65]

»Was am entscheidendsten zu der Verwicklung der Vereinigten Staaten in den Krieg beitrug, war die Beanspruchung eines Rechts, kriegführende Schiffe zu beschützen, die Amerikaner als zum Reisen geeignet ansahen, und die Behandlung bewaffneter kriegführender Handelsleute als friedliche Fahrzeuge. Beide Annahmen widersprachen sowohl der Vernunft wie auch dem etablierten Recht, und niemand sonst, der sich als neutral bekannte, brachte derlei vor.«

Wilson hatte Amerika auf einen direkten Kollisionskurs mit Deutschland gebracht.

Am 7. Mai 1915 erfolgte der berühmteste Zwischenfall im Nordatlantik. Das britische Linienschiff Lusitania wurde versenkt, und 1195 Menschen kamen ums Leben, darunter 124 Amerikaner (das war die weitaus größte Zahl amerikanischer Opfer durch deutsche U-Boote vor Amerikas Kriegseintritt).[66] Es gab einen Aufschrei bei der Ostküsten-Presse und bei der gesamten amerikanischen Polit-Hierarchie.

Wilson war aschfahl. Eine Note wurde nach Berlin abgefeuert, die das Prinzip der »strengen Verantwortlichkeit« wiederholte und unheilverkündend schloß, daß Deutschland[67]

»nicht erwarten wird, daß die Regierung der Vereinigten Staaten mit Worten und Taten irgend etwas unterläßt, was die Durchführung ihrer heiligen Pflicht gebietet, um die Rechte der Vereinigten Staaten und ihrer Bürger zu bewahren und ihren Genuß und ihre freie Ausübung sicherzustellen.«

Zu dieser Zeit brachten die Engländer den Bryce-Bericht über die belgischen Greuel heraus. Der Bericht war ein rohes Produkt der Entente-Propaganda, profitierte jedoch vom Namen des angesehenen englischen Schriftstellers und unterstrich die wahre Natur der unsagbaren Hunnen.[68] Überall waren die Anglophilen empört. Das Establishment der Republikanischen Partei erhöhte den Druck auf Wilson und forderten eine schärfere Gangart. Die große Mehrheit der Amerikaner, die inständig einen Krieg vermeiden wollten, hatte in keiner der Hauptparteien einen Fürsprecher. Amerika war dabei, die Früchte der de facto "Außenpolitik über alle Parteien hinweg" zu ernten.

In ihrer Antwort auf die Note des Außenministeriums bemerkten die Deutschen, daß die U-Boot-Kriegführung eine Vergeltungsmaßnahme für die illegale Hungerblockade war, daß die Lusitania Kriegsmunition mitführte, daß sie als Hilfskreuzer der britischen Marine registriert war, daß britische Handelsschiffe angewiesen waren, auftauchende U-Boote zu rammen oder auf sie zu feuern - all das war richtig - und daß die Lusitania bewaffnet gewesen war - was zweifelhaft war.[69] Wilsons Außenminister versuchte, ihm zuzureden:

»Deutschland hat ein Recht zu verhindern, daß Konterbande an die Alliierten geht, und Schiffe, die Konterbande führen, sollten nicht darauf vertrauen, daß mitfahrende Passagiere sie vor einem Angriff schützen - das wäre, als ob man Frauen und Kinder vor den Soldaten in Stellung brächte.«

William Jennings Bryan erinnerte den Präsidenten daran, daß ein amerikanischer Kompromißvorschlag, dem zufolge England Nahrungsmittel nach Deutschland hereinlassen, während Deutschland die U-Boot-Angriffe auf Handelsschiffe aufgeben sollte, von Deutschland begrüßt worden war, während England ihn zurückgewiesen hatte. Schließlich sprudelte Bryan heraus:[70]

»Warum sollte man schockiert sein, wenn ein paar Leute ertrinken, wenn es keinen Einwand geben darf, eine ganze Nation auszuhungern?«

Im Juni, als er davon überzeugt war, daß die Regierung auf einen Krieg hinsteuerte, trat Bryan zurück.

»Die Zeiten sind hart, Eure Majestät -
Sie lassen uns nichts übrig«

»Ich habe wirklich angefangen, Dich zu bewundern, mein Freund, als Du dieses Lusitania-Ding abgezogen hast. Als Du das tatest, sagte ich mir: "Das ist ein mann ganz nach meinem Geschmack!"«

Kumpel: Der Teufel und der Kaiser (US Dia-Serie)

Die britische Blockade forderte einen hohen Zoll, und im Februar 1916 verkündete Deutschland, daß feindliche Handelsschiffe - außer Passagierlinienschiffe - als Hilfskreuzer behandelt würden, die ohne Warnung angegriffen werden konnten. Das US-Außenministerium konterte mit der Erklärung, daß bewaffnete Handelsschiffe kriegführender Staaten die volle Unangreifbarkeit friedlicher Schiffe genössen, solange »zwingende Beweise eines aggressiven Zweckes« im Einzelfall fehlten.[71] Wilson wies Aufrufe des Kongresses zurück, die Amerikaner wenigstens zu warnen, daß derjenige, der mit bewaffneten Handelsschiffen reise, selbst das Risiko trage. Während des mexikanischen Bürgerkriegs hatte er die Amerikaner gewarnt, nicht nach Mexiko zu reisen.[72] Aber jetzt wies Wilson dies unerbittlich zurück.

Noch einmal richtete sich die Aufmerksamkeit auf den Seekrieg, als ein französisches Passagierschiff, die Sussex, die keine Flagge oder Erkennungszeichen führte, durch ein U-Boot versenkt und mehrere Amerikaner verletzt wurden. Eine barsche amerikanische Note erwirkte von der deutschen Regierung, die sehr darauf bedacht war, einen Bruch zu vermeiden, das sogenannte Sussex-Versprechen: Deutschland würde nicht mehr ohne Warnung feindliche Handelsschiffe in der Kriegszone angreifen. Dies wurde jedoch ausdrücklich von der Annahme abhängig gemacht, daß »die Regierung der Vereinigten Staaten jetzt fordern und darauf bestehen werde, daß die britische Regierung künftig die Bestimmungen des internationalen Rechts einhält.« Washington ließ seinerseits die Deutschen kurz und bündig wissen, daß ihre eigene Verantwortlichkeit »absolut«, und in keiner Weise von der Handlungsweise anderer Mächte abhängig sei.[73]

Wie Borchard und Lage kommentierten:[74]

»Die durchgängige Weigerung von Präsident Wilson, einen Zusammenhang zwischen den britischen Regelverletzungen und der deutschen U-Boot-Kriegführung zu sehen, ist wahrscheinlich der Kernpunkt der amerikanischen Einmischung. Die eingenommene Position ist offensichtlich unhaltbar, denn es ist die Pflicht eines Neutralen, keinen doppelten Maßstab anzuwenden und keine Seite zu bevorzugen.«

In Wirklichkeit war die amerikanische Regierung alles andere als neutral. Der Ausdruck "Anglophile" ist nicht stark genug, um unseren Botschafter in London, Walter Hines Page, zu charakterisieren, der mit seinem erbärmlichen Eifer, seinen Gastgebern zu gefallen, alle Merkmale eines richtigen englischen Spaniels an den Tag legte. Später schrieb Edward Grey über Page:

»Von Anfang an zog er in Betracht, daß die Vereinigten Staaten früh auf Seiten der Alliierten in den Krieg gebracht werden könnten, wenn ihnen die Sache richtig beigebracht würde und der Präsident einen eindrucksvollen Aufruf erließ. [...] Pages Ratschläge und Anregungen waren von größtem Wert, denn er warnte uns, wo wir vorsichtig sein sollten, oder ermunterte uns, wo wir ohne Gefahr hart bleiben konnten.«

Grey erinnerte besonders an einen Vorfall, als Washington der britischen Marine das Recht abstritt, amerikanische Schiffsladungen nach neutralen Häfen anzuhalten. Page kam mit der Botschaft zu ihm.:

»"Ich wurde angewiesen," sagte er, "Ihnen folgende Depesche vorzulesen". Er las vor, und ich hörte zu. Dann fügte er hinzu: "Ich habe jetzt die Botschaft verlesen, aber ich stimme ihr nicht zu. Überlegen wir, wie wir sie beantworten sollten.«

Grey sah Pages Verhalten natürlich als »die höchste Form von Patriotismus« an.[75]

W. Wilson (links) im offenen Wagen am Ende seiner zweiten Präsidentschaft am 4. März 1921

Pages Haltung war natürlich bei seinen Vorgesetzten in Washington nicht fehl am Platz. Robert Lansing, Bryans Nachfolger als Außenminister, beschrieb in seinen Memoiren, wie England nach dem Lusitania-Zwischenfall »seine Politik, die Blockade fester zu zurren und jeden nur möglichen Kanal zu schließen, durch den Waren ihren Weg nach Deutschland finden konnten«, fortsetzte und dabei sogar noch krassere Verstöße gegen die Rechte der Neutralen beging. Wenn die Briten Noten des US-Außenministeriums beantworteten, die diese Politik in Frage stellten, machten sie nie das geringste Zugeständnis. Sie wußten, daß das nicht nötig war. Denn, wie Lansing zugab:

»Wenn ich mit der britischen Regierung verhandelte, war ich immer überzeugt, daß wir letztendlich ein Verbündeter Großbritanniens würden und daß es daher nicht anging, unsere Auseinandersetzungen einen Punkt erreichen zu lassen, wo die diplomatische Korrespondenz durch Maßnahmen ersetzt würde.«

Wenn sich die USA erst einmal den Engländern angeschlossen hätten, »würden wir wahrscheinlich gerne einige der Strategien und Handlungsweisen übernehmen, die die Briten bereits übten«, weil dann auch die Amerikaner danach streben würden, »die Moral des deutschen Volkes durch eine wirtschaftliche Isolierung zu zerstören, durch die ihnen alles Lebensnotwendige abgehen würde.« Mit verblüffender Offenheit enthüllte Lansing, daß der jahrelange Notenaustausch mit England eine Heuchelei war:[76]

»Alles wurde in einen Schwall von Worten eingehüllt. Das erfolgte mit voller Absicht. Es sicherte die Fortdauer der Kontroversen und ließ die Fragen ungelöst. Das war notwendig, damit dieses Land frei handeln und sogar gesetzwidrig handeln konnte, wenn es in den Krieg eintrat.«

Auch Oberst House war deutlich unneutral. Er handelte gegen eine jede frühere amerikanische Praktik wie auch gegen internationales Recht und behauptete, daß die Natur der ausländischen Regierung dafür entscheidend sein sollte, welche Kriegführenden die "neutralen" Vereinigten Staaten bevorzugen sollten. Als sich der österreichische Botschafter bei House über den britischen Versuch beklagte, die Völker Mitteleuropas auszuhungern, »Deutschland sieht sich vor einer Hungersnot, wenn der Krieg fortdauert«, berichtete House Wilson selbstgefällig über die Unterredung:[77]

»Er vergaß hinzuzufügen, daß man keine Einwendungen gegen Englands Machtausübung machen kann, weil es demokratisch kontrolliert wird.«

In ihrem Präsidenten fanden Page, Lansing und House einen Mann, dessen Herz wie das ihre schlug. Wilson vertraute seinem Privatsekretär seine tiefe Überzeugung an:[78]

»England kämpft unseren Kampf, und Sie werden sicher verstehen, daß ich bei der gegenwärtigen Weltlage ihm keine Hindernisse in den Weg legen werde. [...] Ich werde nichts tun, um England in Schwierigkeiten zu bringen, wenn es um sein Leben und das Leben der Welt kämpft.«

In der Zwischenzeit hatte Oberst House einen guten Zweck für den bevorstehenden amerikanischen Kriegseintritt gefunden: um die Demokratie zu fördern und »die Welt auf den richtigen Weg zu bringen.« Der Autor von Philip Dru: Administrator enthüllte seine Vision dem Präsidenten, der »wußte, daß Gott ihn dazu ausersehen hatte, große Dinge zu tun[79] Die Feuerprobe würde hart sein, aber »egal, welche Opfer wir bringen, das Ziel wird sie rechtfertigen.« Nach diesem Endkampf gegen die Kräfte der Reaktion würden die Vereinigten Staaten sich mit anderen Demokratien zusammentun, um den Frieden der Welt und die Freiheit zu Land und zu Meer für immer zu bewahren.

Wilson gegenüber äußerte sich House verführerisch:[80]

»Ich glaube, das ist die Rolle, für die Sie bei dieser Welttragödie vorgesehen sind, und es ist die edelste Rolle, die jemals einem Menschenkind zukam. Dieses Land wird Ihnen auf einem solchen Weg folgen, ungeachtet was es kosten wird.«

Die Deutschen hungerten - wie es die britischen Führer geplant und gehofft hatten. 1916 »überlebten sie mit einer mageren Ration Schwarzbrot, Wurstscheiben ohne Fett, pro Person drei Pfund Kartoffel pro Woche und Kohlrüben«, und dann gab es eine Kartoffel-Mißernte. Ein deutscher Schriftsteller formulierte es so:[81]

»Bald sprachen die Frauen, die bleich vor den Läden Schlange standen, mehr über den Hunger ihrer Kinder als über den Tod ihrer Ehemänner.«

Am 13. Januar 1917 kündigte Deutschland an, daß es am nächsten Tag den unbeschränkten U-Boot-Krieg einführen werde. Wilson war erstaunt, aber es ist kaum einsichtig, warum. Denn die Deutschen hatten jahrelang damit gedroht, falls der illegalen britischen Blockade kein Ende gesetzt werde. Die USA brachen die Beziehungen mit Berlin ab. Der Präsident entschied, daß amerikanische Handelsschiffe bewaffnet und von amerikanischen Seeleuten verteidigt werden sollten, und stellte so Munition und andere Konterbande, die nach England verschifft wurde, unter den Schutz der US-Marine. Als Robert Lafollette und zehn andere US-Senatoren sich gegen das Gesetz wandten, das hierzu ermächtigen sollte, beschuldigte Wilson sie:

»Eine kleine Gruppe böswilliger Leute, die niemanden sonst als sich selbst repräsentieren, haben die große Regierung der Vereinigten Staaten hilflos und verächtlich gemacht.«

Wilson zögerte aber, etwas zu unternehmen, denn es war ihm durchaus bewußt, daß die widersprechenden Senatoren weit mehr als nur sich selbst repräsentierten.

Es gab bekümmernde Berichte - aus Sicht der Kriegspartei in Washington - wie der von William Durant, dem Chef von General Motors. Durant rief Oberst House an und ersuchte ihn, die Kriegshetze einzustellen. Er war gerade aus dem Westen zurückgekommen und hatte zwischen New York und Kalifornien nur eine Person getroffen, die den Krieg wollte.[82] Aber die Meinung begann umzuschlagen und gab Wilson die Chance, die er brauchte. Ein Telegramm, das Alfred Zimmermann vom deutschen Auswärtigen Amt an die mexikanische Regierung geschickt hatte, war vom britischen Nachrichtendienst aufgefangen und an Washington weitergegeben worden. Zimmermann schlug eine Militärallianz mit Mexiko vor, falls der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland ausbräche. Mexiko wurde der amerikanische Südwesten versprochen, einschließlich Texas. Das Telegramm wurde an die Presse gegeben. Jetzt, wo ihm zum ersten Mal von der allgemeinen Stimmung der Rücken gestärkt wurde, befahl Wilson die Bewaffnung der amerikanischen Handelsschiffe. Mitte März wurde eine Reihe Frachter versenkt, nachdem sie in die erklärte U-Boot-Zone eingefahren waren, und der Präsident berief für den 2. April den Kongreß zu einer Sondersitzung ein.

Anhand seiner Kriegsrede könnte man Woodrow Wilson als einen Anti-Washington ansehen. George Washington gab in seiner Abschiedsrede den Rat, daß »die Hauptverhaltensregel für uns in bezug auf andere Nationen ist, unsere Handelsbeziehungen auszuweiten, um mit ihnen so wenig wie möglich politische Beziehungen zu haben.« (Hervorhebung im Original) Wilson war auch der Antipode eines John Quincy Adams. Adams, der Verfasser der Monroe-Doktrin, erklärte, daß die Vereinigten Staaten von Amerika »nicht ins Ausland gehen, um dort Unholde zu vernichten.« Wilson schrieb diese ganze Tradition ab und brachte die Vision eines Amerika auf, das in zahllose politische Verbindungen mit fremden Mächten verstrickt war und ständig auf der Lauer lag, um Unholde zu vernichten. Als Amerika in den Krieg eintrat, war sein Ziel,[83]

»für den letzten Frieden der Welt und für die Befreiung seiner Völker - einschließlich des deutschen Volkes - zu kämpfen: für das Recht der Nationen, seien sie groß oder klein, und das Vorrecht der Menschen, überall ihre eigene Lebensführung und Regierung zu wählen. Die Welt muß reif für die Demokratie gemacht werden. [Amerika kämpfe] für eine universelle Herrschaft des Rechts durch ein derartiges Zusammenspiel freier Völker, das allen Nationen Frieden und Sicherheit bescheren und die Welt endlich frei machen soll.«

Wilson wurde im Kongreß vom Führer der Demokraten, Claude Kirchin, und im Senat von Robert LaFollette Kontra gegeben, aber es half nichts.[84] Im Kongreß herrschte beinahe Hysterie, als beide Kammern die Kriegserklärung mit großer Mehrheit billigten. Die Politiker und ihre Genossen an den Universitäten, auf den Kanzeln und die Presse begrüßten eifrig den Sprung in den Weltkrieg und die Aufgabe des bisherigen Amerika. Was die Bevölkerung im allgemeinen betraf, so fügte sie sich, wie ein Historiker bemerkte, aufgrund der allgemeinen Langeweile am Frieden, der Gewohnheit, ihren Führern zu gehorchen, und einer sehr unrealistischen Vorstellung über die Folgen davon, daß Amerika die Waffen aufnahm.[85]

Dreimal bezog sich Wilson in seiner Kriegsbotschaft auf die Notwendigkeit, daß ohne Leidenschaft und Rachsucht gekämpft werden müsse - das glich eher der Vorstellung, die ein Professor vom Kriegführen hat. Die Wirklichkeit sollte für Amerika ganz anders werden.

(Fortsetzung folgt)


Anmerkungen

Ralph Raico ist Professor für Geschichte am Buffalo State College und ehemaliger Absolvent des Ludwig von Mises Institute. Entnommen dem Buch von John V. Denson (Hg.), The Costs of War: America's Pyrrhic Victories, 2. Auflage, Transaction Publishers, New Brunswick/London 1999, S. 203-247, hier S. 203-230.

Bildquelle, falls nicht gesondert vermerkt: Library of Congress, Washington, http://memory.loc.gov/ammem/odmdhtml/preshome.html (W. Wilson) und http://lcweb2.loc.gov/pp/wwiposquery.html (Poster).

[1]Alan Sharp, The Versailles Settlement: Peacemaking in Paris, 1919, St. Martin's Press, New York 1991, S. 87. Der alliierte Brief (Covering Letter) vom 16. Juni 1919 fügte die Anklage ein, die Deutschland beschuldigte, absichtlich den Großen Krieg entfesselt zu haben, um Europa zu unterwerfen, »das größte Verbrechen«, das je von einer angeblich zivilisierten Nation verübt worden sei. Karl Dietrich Erdmann, »War Guilt 1914 Reconsidered: A Balance of New Research«, in H.W. Koch (Hg.), The Origins of the First World War: Great Power Rivalries and German War Aims, 2. Aufl., Macmillan, London 1984, S. 342.
[2]Sidney B. Fay, The Origins of the World War, 2 Bd., Free Press, London [1928] 1966.
[3]Joachim Remak, The Origins of World War 1, 1871-1914, 2. Aufl., Harcourt, Brace, Fort Worth, TX,1995, S. 131.
[4]Siehe Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht - Germany's Aims in the First World War, W. W. Norton, New York [1961] 1967; ders.., War of Illusions: German Policies from 1911 to 1914, übers. von Marian Jackson, W. W. Norton, New York [1969] 1975; Imanuel Geiss, July 1914: The Outbreak of the First World War, Selected Documents, Charles Scribner's, New York [1963-64] 1967); und ders., German Foreign Policy, 1871-1914, Routledge and Kegan Paul, London 1975. Das Werk von John W. Langdon, July 1914: The Long Debate, 1918-1990, Berg, New York 1991, ist eine nützliche und informative historiographische Übersicht aus Sicht eines Fischer-Anhängers.
[5]H.W. Koch, »Introduction« in ders., Origins, aaO. (Anm. 1), S. 11.
[6]Holger H. Herwig und Neil M. Heyman, (Hg.), Biographical Dictionary of World War I, Greenwood Press, Westport, Conn., 1982, S. 10.
[7]Fritz Stern, »Bethmann Hollweg and the War: The Limits of Responsibility«, in Leonard Krieger und Fritz Stern, (Hg.), The Responsibility of Power: Historical Essays in Honor of Hajo Holborn, Doubleday, Garden City, N.Y., 1967, S. 254. Vgl. H.W. Koch, »Introduction«, aaO. (Anm. 5), S. 9: Fischer »ignoriert die Grundbereitschaft der anderen europäischen Mächte, in den Krieg einzutreten, aber auch ihre exzessiven Kriegsziele, die jegliche Form eines Verhandlungsfriedens unmöglich machten. Es fehlt der vergleichende Maßstab und die Methode.« Auch Laurence D. Lafore, The Long Fuse: An Interpretation of the Origins of World War I, 2. Aufl., Waveland Press, Prospect Heights, Ill., 1971, S. 22:
»Fischers Vorgehensweise ist bezüglich der deutschen Seite der Dinge sehr enggehalten, und eine weitere Übersicht zeigt deutlich, daß die Deutschen keineswegs als einziges Volk bereit waren, einen Krieg zu riskieren, und die ein expansionistisches Programm im Sinn hatten.«
[8]Die folgende Erörterung bezieht sich neben anderen Werken auf Luigi Albertini, The Origins of the War of 1914, Isabella M. Massey, 3 Bd., Greenwood, Westport, Conn., [1952-57] 1980; L.C.F. Turner, Origins of the First World War, Norton, New York 1970; James Joll, The Origins of the First World War, 2. Aufl., Longman, London 1992; Remak, Origins, aaO. (Anm. 3) und Lafore, The Long Fuse, aaO. (Anm. 7).
[9]George F. Kennan, The Fateful Alliance: France, Russia, and the Coming of the First World War, Pantheon, New York 1984, S. 30.
[10]Ebenda, S. 247-52.
[11]Lafore, aaO. (Anm. 7), S. 134.
[12]Im Februar 1912 stellte Joffre, der Chef der französischen Armee fest: »Alle Vorbereitungen für die englische Landung sind bis ins letzte Detail getroffen, so daß die Englische Armee an der ersten großen Schlacht teilnehmen kann!«, Turner, Origins, aaO. (Anm. 8), S. 30f.
[13]Ebenda, S. 25.
[14]Albertini, Origins, aaO. (Anm. 8), 1, S. 486.
[15]Egmont Zechlin, »July 1914: Reply to a Polemic«, in H.W. Koch, Origins, aaO. (Anm. 1), S. 372.
[16]Norman Stone, The Eastern Front, 1914-1917, Charles Scribner's Sons, New York 1975, S. 18
[17]Charles Seymour (Hg.), The Intimate Papers of Colonel House, Houghton Mifflin, Boston 1926, 1, S. 249.
[18]Zu dieser Diskussion siehe vor allem Albertini, Origins, aaO. (Anm. 8), 2, S. 1-119; und Joachim Remak, Sarajevo: The Story of a Political Murder, Criterion, New York 1959, S. 43-78 und passim.
[19]Albertini, Origins, aaO. (Anm. 8), 1, S. 486
[20]Remak, Sarajevo, aaO. (Anm. 18), S. 50
[21]Albertini, Origins, aaO. (Anm. 8), 2, S. 17:
»Er wurde von den serbischen Nationalisten und den Südslawen, die ihre Inspiration von Belgrad bezogen, als ihr schlimmster Feind angesehen.«
[22]Ebenda, 2, S. 86
[23]Ebenda, 2, S. 47, Anm. 2. Ein jugoslawischer Historiker dieses Verbrechens, Vladimir Dedijer, sympathisierte auch sehr mit den Attentätern, die seiner Ansicht nach einen Akt des Tyrannenmordes begingen »für das Gemeinwohl, auf der Grundlage der Lehren des Naturrechts«. Siehe sein The Road to Sarajevo, Simon and Schuster, New York 1966, S. 446.
[24]Winston S. Churchill, The World Crisis, Charles Scribner's Sons, New York 1932, 6, S. 54.
[25]Konrad H. Jarausch, »The Illusion of Limited War: Chancellor Bethmann Hollweg's Calculated Risk, July 1914«, Central European History 2(1) (März 1969), S. 60f.; Turner, Origins, aaO. (Anm. 8), S. 98; auch Lafore, The Long Fuse, aaO. (Anm. 7), S. 217:
»Es wurde gehofft und erwartet, daß keine weitergehenden europäischen Komplikationen folgen würden, und falls doch, daß Deutschland für sie bereit war.«
[26]Remak, Origins, aaO. (Anm. 3), S. 135,
[27]L.C.R Turner, »The Russian Mobilization in 1914«, Journal of Contemporary History, 3(1) (Januar 1968), S. 75f.
[28]Fay, Origins, aaO. (Anm. 2), 2, S. 321, Anm. 98.
[29]Turner, »Russian Mobilization«, aaO. (Anm. 27), S. 82.
[30]Albertini, Origins, aaO. (Anm. 8), 2, S. 587ff., 3, S. 80-85; Turner, Origins, aaO. (Anm. 8), S. 41.
[31]Turner beschreibt dies in »Russian Mobilization«, aaO. (Anm. 27), S. 85f., als »vielleicht wichtigste Entscheidung, die in der Geschichte des zaristischen Rußland getroffen wurde.«
[32]Joll, Origins, aaO. (Anm. 8), S. 23, auch S. 125f.
[33]L.C.F. Turner, »The Significance of the Schlieffen Plan«, in Paul M. Kennedy (Hg.), The War Plans of the Great Powers, 1880-1914, George Allen and Unwin, London 1979, S. 199-221.
[34]S.L.A. Marshall, World War I, Houghton Mifflin, Boston 1964, S. 39-42.
[35]Für eine einigermaßen überzeugende Zuordnung der »nationalen Verantwortung« findet sich bei Remak, Origins, aaO. (Anm. 3), S. 132-41.
[36]Zechlin, »July 1914 «, aaO. (Anm. 15), S. 371-85. Geiss, z. B., in German Foreign Policy, aaO. (Anm. 4), S. 142-45, fehlinterpretiert völlig die Bedeutung des deutschen »Kriegsrats« vom 8. Dezember 1912, wenn er ihn als Beginn eines »Planes«, darstellt, der schließlich mit Deutschlands Kriegsentfesselung 1914 verwirklicht worden sei. Siehe Erwin Hölzle, Die Entmachtung Europas: Das Experiment des Friedens vor und im Ersten Weltkrieg, Musterschmidt, Göttingen 1975, S. 178-83; auch Koch, »Introduction«, aaO. (Anm. 5), S. 12f.; und Turner, Origins, aaO. (Anm. 8), S. 49. Siehe auch den wichtigen Artikel von Ulrich Trumpener, »War Premeditated? German Intelligence Operations in July 1914«, Central European History 9(1) (März 1976), S. 58-85. Trumpener stellt u.a. fest, daß es keinen Beweis für signifikante Änderungen in den schläfrigen Routinen des deutschen Generalstabs gab, nicht einmal nach Deutschlands Blanko-Scheck an Österreich, und daß die Handlungsweise der deutschen Militärführer bis zur letzten Juliwoche nahelegen, daß ein Krieg mit Rußland zwar in den Bereich des Möglichen gezogen wurde, aber »nicht als recht wahrscheinlich« angesehen wurde (Moltke wie auch der Chef des Militärnachrichtendienstes kehrten erst am 25. Juli aus dem Urlaub nach Berlin zurück)
[37]Karl Dietrich Erdmann, »War Guilt 1914 Reconsidered«, aaO. (Anm. 1), S. 369 (rückübersetzt).
[38]Langdon, July 1914, aaO. (Anm. 4), S. 181 (Hervorhebung im Original).
[39]Was Bethmann Hollweg tatsächlich dem britischen Botschafter sagte, war weniger schockierend (rückübersetzt):
»Kann diese Neutralität, die wir nur aus der Notwendigkeit verletzen, weil wir um unser Überleben kämpfen, [...] wirklich die Rechtfertigung für einen Weltkrieg abgeben? Reduziert sich die Bedeutung dieser Neutralität im Vergleich zum Unglück eines solchen Weltbrandes nicht auf einen Wisch Papier?«
Siehe Jarausch, »The Illusion of Limited War«, aaO. (Anm. 25), S. 71.
[40]Marshall, World War I, aO. (Anm. 34), S. 52.
[41]Jonathan Steinberg, »The Copenhagen Complex«, Journal of Contemporary History, 1(3) (Juli 1966).
[42]H.C. Peterson, Propaganda for War. The Campaign against American Neutrality, 1914 - 1917, University of Oklahoma Press, Norman 1939, S. 45f.
[43]Joll schreibt in Origins, aaO. (Anm. 8), S. 115, Greys Lüge vor der Öffentlichkeit und dem Parlament der britischen Demokratie zu, die »Minister zwingt, ränkevoll und unaufrichtig zu sein«. Joll fügt hinzu, daß Franklin Roosevelt von 1939-41 und Lyndon Johnson im Vietnam Krieg aktuellere Beispiele dafür darstellen. Ein demokratischer Führer, »der selbst davon überzeugt ist, daß die Umstände einen Kriegseintritt erfordern, muß oft das, was er tut, vor denen verbergen, die ihn gewählt haben
[44]John Morley, Memorandum on Resignation, Macmillan, New York 1928. In der Diskussion vor der schicksalhaften Entscheidung fragte Lord Morley das Kabinett:
»Haben Sie je darüber nachgedacht, was geschieht, wenn Rußland gewinnt?«
Er stellte fest, daß das zaristische Rußland »als Vormacht in Europa aufsteigen werde«. Lloyd George gab zu, nie darüber nachgedacht zu haben.
[45]Walter A. McDougall, Promised Land, Crusader State. The American Encounter with the World since 1776, Houghton Mifflin, Boston/New York 1997, S. 126,128.
[46]Woodrow Wilson, Congressional Government: A Study in American Politics, Peter Smith, Gloucester, Mass. [1885] 1973), S. 22f. Diese Äußerungen stammen von 1900. Wilson griff auch das verfassungsmäßige System von Kontrollen und Gleichgewicht an, weil es eine wirkungsvolle Regierung beeinträchtige, S. 186f.
[47]Arthur S. Link, Woodrow Wilson and the Progressive Era, 1910-1917, Harper and Brothers, New York 1954, S. 92-106.
[48]Sogar Link, ebenda, S. 106, stellt fest, daß die von Wilson und seinen Kollegen geäußerten Prinzipien nur Lippenbekenntnisse waren, die sie nicht gewillt waren, einzuhalten.
[49]Entnommen The Barnes Review 6(2) (2000), S. 5.
[50]Ebenda, S. 122-28; and Michael C. Meyer and William L. Sherman, The Course of Mexican History, 5. Aufl., Oxford University Press, New York 1995, S. 531-34.
[51]Arthur S. Link (Hg.), The Papers of Woodrow Wilson, Princeton University Press, Princeton, N.J., 1979, 30, S. 184-86. Wilsons Talent für Selbsttäuschung war bereits offensichtlich. Er erklärte:
»Ich wundere mich manchmal, warum Männer auch jetzt diese Flagge nehmen und zur Schau stellen. Wenn ich geachtet werde, brauche ich keine Achtung zu fordern.«
Offensichtlich war der Tampico-Vorfall von vor zwei Monaten seinem Gedächtnis entschwunden.
[52]Seymour, The Intimate Papers of Colonel House, aaO. (Anm. 17), 1, S. 6, 114.
[53]Edward M. House, Philip Dru: Administrator. A Story of Tomorrow, 1920-1935, B.W. Huebsch, New York [1912] 1920.
[54]Ebenda, S. 93, 130, 150, 152 und passim.
[55]Charles Callan Tansill, America Goes to War, Peter Smith, Gloucester, Mass., [1938] 1963, S. 26ff. Vgl. den Kommentar von Peterson, Propaganda for War, aaO. (Anm. 42), S. 10:
»Die amerikanische Aristokratie war ausgesprochen anglophil.«
[56]Philip Knightley, The First Casualty, Harcourt Brace Jovanovich, New York 1975, S. 82, 120f; Peterson, Propaganda for War, aaO. (Anm. 42); John Morgan Read, Atrocity Propaganda, 1914-1919, Yale University Press, New Haven, Conn,.1941; und der Klassiker von Arthur Ponsonby, Falsehood in Wartime, E.P. Dutton, New York 1928. Der getarnte Apologet für einen globalen Interventionismus, Robert H. Ferrell, fand in American Diplomacy: A History, 3. Aufl., W.W. Norton, New York 1975, S. 470f., nichts Kritikwürdiges an den geheimen Propaganda-Bemühungen, die Vereinigten Staaten in einen Weltkrieg zu verwickeln, das gehöre zur »Kunst der friedlichen Überredung«. Man fragt sich, was Ferrel wohl zu einer vergleichbaren Kampagne von NS-Deutschland oder der Sowjetunion gesagt hätte.
[57]Tansill, America Goes to War, aaO. (Anm. 55), S. 135-62.
[58]Ebenda, S. 148
[59]Zitiert in Peterson, Propaganda for War, aaO. (Anm. 42), S. 83. Wie Lord Devlin es formulierte, waren die Befehle der Admiralität
»klar genug. Alle Nahrungsmittel, die über neutrale Häfen nach Deutschland verschickt wurden, sollten aufgebracht werden, und bei allen Nahrungsmitteln für Rotterdam sollte angenommen werden, daß sie für Deutschland bestimmt seien. [...] Die Briten waren zu der Aushungerungspolitik entschlossen, gleichgültig, ob sie statthaft war oder nicht.«
Patrick Devlin, Too Proud to Fight: Woodrow Wilson's Neutrality, Oxford University Press, New York 1975, S. 193, 195.
[60]Edwin Borchard und William Pooter Lage, Neutrality for the United States, Yale University Press, New Haven, Conn.,1937, S. 61.
[61]Ebenda, S. 62-72. Der US-Botschafter in London, Walter Hines Page, begann bereits, Farbe zu bekennen. Im Oktober sandte er ein Telegramm an das Außenministerium und kritisierte jegliche amerikanischen Proteste gegen britische Eingriffe in die Rechte Neutraler.
»Das ist kein Krieg in dem Sinn, wie wir bisher dieses Wort verwendet haben. Es ist ein gewaltiger Aufeinanderprall von Regierungssystemen, ein Kampf um die Auslöschung der englischen Zivilisation oder der preußischen Militärautokratie. Präzedenzfälle sind auf dem Müllhaufen gelandet.«
[62]Siehe Ralph Raico, »The Politics of Hunger: A Review«, in Review of Austrian Economics 3 (1989), S. 254, und die zitierten Quellen.
[63]Tansill, America Goes to War, aaO. (Anm. 55), S. 132, 83:
»Das Wall Street Journal sorgte sich nie um eine Politik der "redaktionellen Neutralität", und als der Krieg fortschritt, ließ es keine Gelegenheit aus, die Mittelmächte mit den maßlosesten Ausdrücken zu verdammen.«
[64]Ebenda, S. 177f.
[65]Peterson, Propaganda for War, aaO. (Anm. 42), S. 112. Vgl. Borchard und Lage, Neutrality, aaO. (Anm. 60), S. 136:
»Es gab keine Präzedenz oder rechtmäßige Befugnis für einen Neutralen, ein kriegführendes Schiff vor einem Angriff seines Feindes zu beschützen, weil es zufällig amerikanische Bürger an Bord hatte. Daß alle an Bord ausschließlich der Jurisdiktion des Landes unterworfen sind, unter dessen Flagge ein Schiff fährt, ist eine unstrittige Gesetzesregel.« (Hervorhebung im Original)
[66]Bezüglich der möglichen Verwicklung von Winston Churchill, dem Ersten Lord der Admiralität, in die Entstehung des Unglücks siehe »Winston Churchill - eine Neubewertung«, VffG 5(2) (2001), S. 188-195 und VffG 5(3) (2001), S. 293-305.
[67]Thomas G. Paterson (Hg.), Major Problems in American Foreign Policy: Documents and Essays, Bd. 2, seit 1914, 2. Aufl., D.C. Heath, Lexington, Mass., 1978, S. 30ff.
[68]Bezüglich des Schwindels mit dem Bryce Report siehe Read, Atrocity Propaganda, aaO. (Anm. 56), S. 2018; Peterson, Propaganda for War, aaO. (Anm. 42), S. 51-70; and Knightley, The First Casualty, aaO. (Anm. 56), S. 83-84,107.
[69]Tansill, America Goes to War, aaO. (Anm. 55), S. 323. Der deutsche Kapitän des U-Boots, das die Lusitania versenkt hatte, erklärte später, daß britische Kapitäne von Handelsschiffen bereits für das Rammen oder den Versuch, U-Boote zu rammen, ausgezeichnet worden waren oder Prämien erhalten hatten. Siehe auch Peterson, Propaganda for War, aaO. (Anm. 42), S. 114.
[70]William Jennings Bryan and Mary Baird Bryan, The Memoirs of William Jennings Bryan, John C. Winston, Philadelphia 1925, S. 397ff.; Tansill, America Goes to War, aaO. (Anm. 55), S. 258f.
[71]Borchard and Lage, Neutrality, aaO. (Anm. 60), S. 122-24. John Bassett Moore war beißend in seiner Kritik von Wilsons neuer Doktrin, derzufolge bewaffnete Handelsschiffe alle Rechte von unbewaffneten haben sollten. Moore zitierte Präzedenzfälle, die bis auf John Marschall zurückgingen und stellte fest:
»Mit dem tatsächlich eingenommenen Standpunkt waren die Vereinigten Staaten darauf bedacht, eine kriegführende Position aufrechtzuerhalten, während sie beteuerten, neutral zu sein.«
Alex Mathews Arnett, Claude Kitchin and the Wilson War Policies, Russell and Russell, New York [1937] 1971), S. 157f.
[72]Tatsächlich hatte Wilson während des Mexiko-Konflikts geradeheraus die Verschiffung von Waffen nach Mexiko verboten. Noch im August 1913 erklärte er:
»Ich werde in dieser Neutralitäts-Sache dem besten Beispiel der Nationen folgen und den Export jeglicher Art von Kriegswaffen oder Munition aus den Vereinigten Staaten in irgendeinen Teil der Republik Mexiko verbieten.«
Tansill, America Goes to War, aaO. (Anm. 55), S. 64.
[73]Ebenda, S. 511-15.
[74]Borchard and Lage, Neutrality, aaO. (Anm. 60), S. 168.
[75]Edward Grey, Viscount Grey of Fallodon, Twenty-Five Years: 1892-1916, Frederick A. Stokes, New York 1925, S. 101f, 108-11.
[76]Robert Lansing, War Memoirs, Bobbs-Merrill, Indianapolis, Ind., 1935, S. 127f.
[77]Seymour, The Intimate Papers of Colonel House, aaO. (Anm. 17), 1, S. 323.
[78]Joseph P. Tumulty, Woodrow Wilson as I Know Him, Doubleday, Page, New York 1921, S. 231. In den 20er und 30er Jahren wurden Beweise wie diese veröffentlicht, daß die US-Führer mit ihren Neutralitätsbekundungen schamlos gelogen haben. Das erklärt die Leidenschaft der Anti-Kriegsbewegung vor dem Zweiten Weltkrieg weit besser als die imaginären "Nazi-Sympathien" oder "Antisemitismus", die heutzutage von dümmlichen interventionistischen Schreibern bemüht werden. Sie helfen auch erklären, daß von Zeit zu Zeit immer wieder enthüllende Werke mit "populärem" Revisionismus erscheinen, deren Verfasser über die Tatsachen, die sie entdeckt haben, erbost sind, wie etwa C. Hartley Grattan, Why We Fought, BobbsMerrill, Indianapolis, Ind., [1929] 1969); Walter Millis, Road to War: America 1914-1917, Houghton Mifflin, Boston 1935; und später Charles L. Mee, Jr., The End of Order: Versailles 1919, E.P. Dutton, New York 1980 und Walter Karp, The Politics of War: The Story of Two Wars which Altered Forever the Political Life of the American Republic (1890-1920), Harper and Row, New York 1979.
[79]McDougall, Promised Land, aaO. (Anm. 45), S. 127.
[80]Seymour, The Intimate Papers of Colonel House, aaO. (Anm. 17), 1, S. 470; 2, S. 92.
[81]C. Paul Vincent, The Politics of Hunger. The Allied Blockade of Germany, 1915-1919, Ohio University Press, Athens 1985, S. 21. Siehe auch Raico, »The Politics of Hunger: A Review«, aaO. (Anm. 62).
[82]Seymour, The Intimate Papers of Colonel House, aaO. (Anm. 17), 2, S. 448.
[83]Arthur S. Link (Hg.),The Papers of Woodrow Wilson, January 24-April 6, 1917, Princeton University Press, Princeton, N. J., 1983, 41, S. 525-27.
[84]Siehe Arnett, Claude Kitchin, aaO. (Anm. 71), S. 227-35; und Robert M. LaFollette, »Speech on the Declaration of War against Germany«, in Arthur A. Ekirch, Jr. (Hg.), Voices in Dissent: An Anthology of Individualist Thought in the United States, Citadel Press, New York 1964, S. 211f.
[85]Otis L. Graham, Jr., The Great Campaigns: Reform and War in America, 1900-1928, Robert E. Krieger, Malabar, Fla., 1987, S. 89.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(4) (2001), S. 406-419.


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