Kommentar zu Charles D. Provans Artikel Miklos Nyiszli und sein Auschwitz-Buch in neuem Licht

Von Jürgen Graf

Der ungarische Arzt Dr. Miklos Nyiszli, dessen „Erlebnisbericht" über Auschwitz erstmals im Jahre 1947 in ungarischer Sprache erschien, hat bei der Entstehung und Festigung der Auschwitz-Legende eine wichtige Rolle gespielt. Die 1951 unter dem Titel Médecin à Auschwitz publizierte französische Version erfreute sich eines beträchtlichen Erfolges, und später erschien eine ganze Reihe von Übersetzungen in verschiedene Sprachen; noch im Jahre 1992 wurde das Werk unter dem Titel Im Jenseits der Menschlichkeit vom kommunistischen Berliner Dietz Verlag neu aufgelegt.

Allem Anschein nach ist Nyiszli der Schöpfer des Mythos von den Bestialitäten des SS-Arztes Dr. Josef Mengele, der nicht nur persönlich Hunderttausende von Juden in die Gaskammer geschickt und dazu Mozartmelodien gepfiffen, sondern auch die abartigsten und scheußlichsten Experimente an Menschen, insbesondere Zwillingen, durchgeführt haben soll. Daß Mengele, dessen Assistenzarzt Nyiszli in Auschwitz gewesen sein will, seit den fünfziger Jahren als feste Größe in beinahe jedem „Tatsachenbericht" wirklicher oder angeblicher ehemaliger Auschwitz-Häftlinge herumgeistert, dürfte somit letzten Endes auf das literarische Wirken Herrn Dr. Miklos Nyiszlis zurückzuführen sein.

Um Nyiszli selbst ist es freilich in der offiziellen „Holocaust"-Literatur schon seit geraumer Zeit auffallend still geworden. Die Enzyklopädie des Holocaust beispielsweise befindet ihn noch nicht einmal eines Namenseintrags für würdig. Und dies mit gutem Grund: Sein Opus enthält nämlich dermaßen hanebüchene Absurditäten, daß es selbst den „Holocaust"-Historikern, die sich nicht eben durch eine übermäßig kritische Einstellung gegenüber Zeugenaussagen auszeichnen, arges Bauchgrimmen bereitet. Zwei im Beitrag von Charles D. Provan erwähnte Beispiele mögen hier ausreichen:

Obgleich dies alles mit den Händen zu greifen ist, hat Charles Provan den dreisten Schwindler Nyiszli, dessen Machwerk schon in den sechziger Jahren von Paul Rassinier und dann in den achtziger Jahren noch ausführlicher von Carlo Mattogno zerpflückt worden ist,[1] zum Gegenstand jahrelanger Forschungen gemacht und bei seinen Recherchen eine Beharrlichkeit an den Tag gelegt, die fürwahr einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Er hat in weiß Gott wie vielen Archiven nachgeforscht, sich Nyiszlis Doktorarbeit aus dem Deutschen übersetzen lassen (offenbar versteht Provan kein Deutsch, obwohl die Kenntnis dieser Sprache für jeden, der sich ernsthaft mit dem „Holocaust" auseinandersetzen will, ein absolutes Muß ist), hat sich die Ausgaben der Budapester Zeitung besorgt, in denen die erste Version des Buches als Serie erschien, und schließlich eine Übersetzung der betreffenden Texte aus dem Ungarischen in Auftrag gegeben, was ihn bestimmt ein Heidengeld gekostet hat. Welche Erkenntnisse haben Provan diese immense Fleißarbeit und diese finanziellen Opfer nun eingebracht?

Zunächst einmal hat er herausgefunden, daß Dr. Nyiszli tatsächlich existiert hat. Daran war von Anfang an kaum zu zweifeln. Auch Paul Rassinier hat in seinem 1964 erschienenen Le Drame des Juifs Européens[2] die Existenz Nyiszlis durchaus nicht ausdrücklich bestritten, sondern meinte lediglich, entweder habe es diesen Mann nicht gegeben, oder aber er sei nicht in Auschwitz-Birkenau gewesen.

Ferner hat er einige Episoden aus dem Leben des Dr. Nyiszli eruiert, beispielsweise, daß dieser als Angehöriger der rumänischen Delegation an der Welthandelsausstellung in den USA weilte, oder daß er persönlich auf die in Leserbriefen an ihm geäußerte Kritik geantwortet hat. Nun mag es ja durchaus von gewissem Interesse sein, das eine oder andere über das Privatleben eines Betrügers zu erfahren, genauso wie es interessant sein mag, eine Biographie Al Capones zu lesen. Doch für die Beurteilung des Inhalts von Dr. Nyiszlis Auschwitz-Buch ist dergleichen ganz und gar unmaßgeblich.

Schließlich ist Provan zur Erkenntnis gelangt, daß es sich bei dem Buch um einen „Roman" handelt. Auch dies ist nicht sonderlich aufregend. Da Nyiszli aber, wie Provan selbst hervorhebt, in seiner Einleitung behauptet, er habe seine Schrift »unter Vermeidung selbst der kleinsten Übertreibungen und Ausschmückungen« zu Papier gebracht und somit Anspruch darauf erhebt, einen Tatsachenbericht verfaßt zu haben, erweist er sich dadurch wiederum als schamloser Schwindler und Lügner.

Charles Provan: Gut gemeint ist oft das Gegenteil von Gut.

Provan, der sich an jeden Strohhalm klammert, um seinem windigen Helden doch noch ein Mindestmaß an Glaubwürdigkeit zu retten, versucht diesen „Roman" säuberlich von den anderen Aussagen Nyiszlis zu Auschwitz - seiner Erklärung von 1945 sowie seinem Affidavit von 1947 - zu trennen: In letzteren, so meint er, habe Nyiszli das festgehalten, was er für die Wahrheit hielt. Doch auch dieser Strohhalm ist allzu dünn, denn jemand, der einen so frechen Unfug wie Médecin à Auschwitz zusammenschmiert und dann als »Tatsachenbericht« feilbietet, hat sich als historischer Zeuge von vorne herein disqualifiziert.

Daß Provan dies nicht begreift, liegt offensichtlich an gewissen Mängeln in seinem logischen Denkvermögen. Diese Mängel offenbaren sich bereits am Anfang seines Beitrags, wo er schreibt:

»[...] gewann ich die Überzeugung, daß in der Tat Millionen von Juden während des Kriegs vergast worden waren, und zwar hauptsächlich in den Lagern der Operation Reinhard. So wurde ich zum Revisionisten und Exterminationisten zugleich [...]

Ein Exterminationist ist jemand, der an die Massenvernichtung von Juden in Gaskammern glaubt, während ein Revisionist jemand ist, der nicht daran glaubt. Daher ist der Satz »So wurde ich zum Revisionisten und Exterminationisten zugleich« genau so sinnlos wie »Ich bin gottgläubig und Atheist zugleich«, oder »Dieser Gegenstand ist ein Würfel und eine Kugel zugleich«. Die Kritik an der einen oder anderen Zeugenaussage macht Provan noch lange nicht zum Revisionisten, denn selbst fanatische Verfechter des orthodoxen „Holocaust"-Bildes wie Pierre Vidal-Naquet bestreiten durchaus nicht, daß es auch falsche Zeugenaussagen über Auschwitz und die anderen „Vernichtungslager" gibt. Provan ist ein Exterminnationist reinsten Wassers, kein Revisionist.

Natürlich ist es Provans gutes Recht, entgegen aller Evidenz an die Massenvernichtung in Gaskammern zu glauben und trotzdem an revisionistischen Konferenzen teilzunehmen. Um die Revisionisten von der Realität der Vergasungen zu überzeugen, wird er freilich mit bedeutend mehr aufwarten müssen als mit dem Unsinn des Herrn Dr. med. Miklos Nyiszli, mag dieser nun in dessen „Roman", in seiner Erklärung von 1945 oder in seinem Affidavit von 1947 figurieren.

In seinen eigentümlichen Gedankengängen gemahnt Provan bisweilen an Jean-Claude Pressac. Wie er in seinem Artikel darlegt, hat er das Problem, daß Nyiszli von vier Aufzügen im Krema I (heutige Zählung: II) von Birkenau spricht, obgleich es dort anerkanntermaßen nur einen Aufzug gab, zunächst dadurch zu lösen versucht, daß er von einem Diktier- oder Druckfehler ausging und annahm, Nyiszli habe nicht von »vier großen Aufzügen«, sondern von »einem großen, großen Aufzug« gesprochen. (die Wörter für „vier" und „groß" sind einander im Ungarischen ähnlich). Auf so einen Gedanken wäre ich, obgleich ich mich nicht für besonders phantasiearm halte, nie und nimmer gekommen, doch könnte ich mir durchaus vorstellen, daß Pressac darauf verfallen wäre, der in seinem 1989 erschienenen Wälzer Auschwitz. Technique and Operation of the Gas Chambers ebenfalls viel Gutes über Nyiszli zu berichten wußte und ihm lediglich einen manischen Drang zur Multiplikation aller Zahlen mit vier ankreidete.

Und zu guter Letzt noch ein formaler Kritikpunkt: Weiß Herr Provan eigentlich nicht, daß man in einer wissenschaftlichen Arbeit seine Quellen in Fußnoten zu nennen pflegt? Kaum eine seiner Behauptungen ist mit Quellenangaben abgestützt, was besonders bei Verweisen auf andere revisionistische Arbeiten und auch bei seinem Hinweis auf Langbein schmerzlich ist, da man seine Angaben nicht nachprüfen kann.

Ich habe Charles Provan an der IHR-Konferenz vom Mai 2000 persönlich kennengelernt und kurz mit ihm gesprochen. Ganz offensichtlich ist er weder ein Heuchler noch ein ins revisionistische Lager eingeschleustes trojanisches Pferd, sondern ein netter, ehrlicher Mensch, der aufrichtig bemüht ist, einen Beitrag zur historischen Wahrheitsfindung zu leisten. Sein Artikel über Nyiszli kann nicht als solcher bezeichnet werden, und die wenigen interessanten Informationen, die sich diesem entnehmen lassen, rechtfertigen Provans aufwendige Recherchen schwerlich. Wenn Provan einen Beitrag zur Klärung der noch offenen Fragen zum Schicksal der Juden während des Zweiten Weltkrieg leisten will, wird er rationaler forschen und argumentieren müssen, als er dies bei seiner Auseinandersetzung mit Nyiszli getan hat. Ich wünsche ihm aufrichtig, daß ihm dies künftig gelingen möge.


Anmerkungen

[1]Carlo Mattogno, »Medico ad Auchwitz«: Anatomia di un falso, Edizioni La Sfinge, Padua 1988.
[2]Deutsch: Paul Rassinier, Das Drama der Juden Europas, H. Pfeiffer, Hannover 1965

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(1) (2002), S. 45-47.


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