Ein Jude spricht mit Himmler

Heinrich Himmlers nächtliches Gespräch mit Norbert Masur im April 1945

Von Jürgen Graf

Anfang 1945 wußte der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, daß das Deutsche Reich den Krieg militärisch verloren hatte. Trotzdem gab er die Hoffnung nicht auf, „noch etwas für Deutschland retten zu können“, wie er sich im Gespräch mit Vertrauten ausdrückte. Himmler war überzeugt, daß die Anglo-Amerikaner eine sowjetische Vorherrschaft in Europa nicht hinnehmen und früher oder später eine Verständigung mit Deutschland suchen würden, um dem Vormarsch der Roten Armee Einhalt zu gebieten und die Sowjets aus den von ihnen eroberten Gebieten zu verdrängen. Diese – selbstverständlich vollkommen wirklichkeitsferne – Hoffnung war von alliierten Agenten zielstrebig geschürt worden, die Himmler seit langer Zeit mit Desinformation über die Pläne der Westalliierten belieferten.

Ohne Adolf Hitler darüber in Kenntnis zu setzen, beauftragte Himmler seinen Leibarzt, der häufig nach Schweden reiste, dort Kontakte zu einem Vertreter des Jüdischen Weltkongresses anzubahnen. Sein Kalkül dürfte wie folgt ausgesehen haben: Als Gegenleistung für die Freilassung jüdischer KL-Häftlinge würde der Kongreß die Anglo-Amerikaner dazu bewegen, Deutschland ihrerseits gewisse Konzessionen zu machen, die den ersten Schritt zu dem erhofften Waffenstillstand an der Westfront darstellen sollten. Damit ging Himmler ein erhebliches Risiko ein: Hätte Hitler, der ihm seit geraumer Zeit mißtraute, erfahren, daß der Reichsführer hinter seinem Rücken Verhandlungen mit Juden führte, so hätte er diesen bei seinem nächsten Besuch in Berlin vermutlich auf der Stelle festnehmen und womöglich wegen Hochverrats erschießen lassen.

Im Februar 1945 traf sich Kersten in Stockholm mit einem hochrangigen Delegierten des Jüdischen Weltkongresses, Hillel Storch, der ihm zu Händen Himmlers eine Liste mit Forderungen übergab. Dazu gehörte als wichtigster Punkt die Freilassung zumindest eines Teils der noch in nationalsozialistischen Konzentrationslagern einsitzenden Juden, die anschließend nach Schweden oder in die Schweiz verbracht werden sollten.

Nachdem Kersten Himmler die Liste überreicht hatte, legte er ihm nahe, einen Vertreter des Kongresses zu Verhandlungen zu empfangen. Himmler ging auf diesen Vorschlag ein und sicherte dem betreffenden Unterhändler freies Geleit zu.

Aus unbekannten Gründen trat Hillel Storch die Reise nach Deutschland nicht selbst an, sondern beauftragte damit den deutschstämmigen Juden Norbert Masur. Dieser war 1938 mit seiner Familie nach Schweden ausgewandert, wo er in der Folge als erfolgreicher Geschäftsmann tätig war und schon bald eine wichtige Rolle in der dortigen jüdischen Gemeinde spielte.

Von Kersten begleitet, flog Masur am Nachmittag des 19. April mit falschen Papieren, die ihm Himmlers Leibarzt Dr. Brandt besorgt hatte, von Stockholm nach Berlin. Ein Gestapo-Wagen brachte die beiden vom Flugplatz Tempelhof zu Kerstens 70 km nördlich der deutschen Hauptstadt gelegenem Landgut in Hartzwalde.

Am Morgen des 20. April machte einer von Himmlers engsten Mitarbeitern, SS-Brigadegeneral Walter Schellenberg, dem Gut seine Aufwartung und unterhielt sich mit Masur beim Frühstück über die Kriegslage. Himmler selbst befand sich zu diesem Zeitpunkt in Berlin, um an den Feierlichkeiten zu Adolf Hitlers 56. Geburtstag teilzunehmen.

Da die Fahrt auf den zerbombten Straßen viel Zeit in Anspruch nahm, traf Himmler – in Begleitung von Schellenberg, Kersten und Dr. Brandt – erst um 2.30 Uhr morgens in Hartzwalde ein. Seine Unterredung mit Masur dauerte etwa zweieinhalb Stunden. Anschließend verließ er Kerstens Landgut, da am Morgen des 21. April ein Treffen mit Graf Folke Bernadotte, dem Präsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes, auf seiner Agenda stand.

Nach seiner Rückkehr nach Schweden verfaßte Masur eine Broschüre mit dem Titel En Jude talar med Himmler [Ein Jude spricht mit Himmler], die 1945 bei Albert Bonniers Förlag, Stockholm, erschien.

Angesichts der erheblichen historischen Bedeutung dieser Schrift läge die Vermutung nahe, daß sie gleich in die europäischen Hauptsprachen übersetzt wurde, doch weit gefehlt: Erst volle vierzig Jahre nach dem Erscheinen der schwedischen Ausgabe veröffentlichte die amerikanisch-jüdische Zeitschrift Moment in ihrer Ausgabe vom Dezember 1985 eine englische Übersetzung, in der freilich drei Seiten des Originals fehlten, ohne daß die Leser auf diese Kürzung hingewiesen wurden.1

Unverständlicherweise ist Norbert Masurs Broschüre niemals ins Deutsche übertragen worden. Diese Lücke will ich nun füllen, wobei ich die Einleitung, in der die – von mir bereits zusammengefaßte – Vorgeschichte der Reise Masurs sowie diese selbst beschrieben werden, weglasse; meine Übersetzung setzt an der Stelle ein, als Himmlers Ankunft in Hartzwalde geschildert wird. Ich stütze mich dabei auf die schwedische Originalversion, die mir Carl Nordling, Stockholm, freundlicherweise zugestellt hat.

Aus Norbert Masur: Ein Jude spricht mit Himmler:

Punkt halb drei hörten wir einen Wagen vorfahren. Kersten ging in den Hof hinaus, und nach einigen Minuten trat Heinrich Himmler ein, gefolgt von Schellenberg, seinem Adjutanten Dr. Brandt und Kersten. Himmler begrüßte mich mit „Guten Tag“, nicht mit „Heil Hitler“, und erklärte mir, er empfinde Genugtuung darüber, daß ich gekommen sei. Wir setzten uns an einen Tisch, und es wurde Kaffee für fünf Personen serviert.

Himmler war elegant gekleidet; seine gut sitzende Uniform war mit Rangabzeichen und Orden geschmückt. Er wirkte gepflegt, machte trotz der späten Stunde einen lebhaften Eindruck und war äußerlich ruhig und beherrscht. Sein Äußeres wirkte vorteilhafter als auf den Fotos. Vielleicht war sein unruhiger, etwas stechender Blick ein Zeichen von Sadismus und Härte. Hätte ich seine Vergangenheit nicht gekannt, so hätte ich nicht geglaubt, daß dieser Mann für den umfangreichsten Massenmord der Geschichte verantwortlich war.

Himmler begann sofort zu sprechen. „In unserer Generation“, sagte er unter anderem,

„hatten wir nie Frieden. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war ich vierzehn Jahre alt. Kaum war der Krieg vorbei, begann in Deutschland der Bürgerkrieg, und beim Spartakus-Aufstand spielten Juden eine führende Rolle. Die Juden in unserer Mitte waren ein fremdes Element, das stets für Unruhe sorgte. Mehrmals sind sie aus Deutschland vertrieben worden, doch sind sie stets wieder zurückgekehrt. Nach der Machtübernahme wollten wir diese Frage ein für alle Male lösen, und ich plante eine humane Lösung durch Auswanderung. Ich verhandelte mit amerikanischen Organisationen, um eine rasche Auswanderung zu bewerkstelligen, doch nicht einmal die als judenfreundlich geltenden Länder wollten die Juden hereinlassen.“

Ich wandte ein, vielleicht sei es für das deutsche Volk bequemer, keine Minderheiten in seiner Mitte zu haben, doch jedenfalls entspreche es nicht mühsam gewonnenen Rechtsbegriffen, daß Menschen, die in einem Land wohnten, wo meist schon ihre Väter und Vorväter gelebt hätten, plötzlich aus ihrer Heimat vertrieben würden. Trotzdem hätten sich die Juden in ihre Zwangslage gefügt und auszuwandern versucht, doch die Nazis hätten innerhalb weniger Jahre einen Zustand beenden wollen, der im Laufe von Generationen herangewachsen sei, und das sei unmöglich.

Himmler fuhr fort:

„Der Krieg brachte uns in Berührung mit den proletarisierten ostjüdischen Massen, und das beschwor ganz neue Probleme herauf. Wir konnten keinen solchen Feind in unserem Rücken dulden. Die jüdischen Massen waren mit schweren Seuchen infiziert, besonders Flecktyphus. Ich selbst habe Tausende meiner besten SS-Männer durch diese Epidemien verloren. Und die Juden halfen den Partisanen.“

Auf meine Frage, wie die Partisanen denn Hilfe von den Juden hätten erhalten können, die doch in großen Ghettos eingesperrt worden waren, erwiderte Himmler:

„Die Juden gaben Informationen an die Partisanen weiter. Außerdem schossen sie im Ghetto auf unsere Truppen.“

Das also war Himmlers Version des heldenmütigen Kampfes der Juden im Warschauer Ghetto. Welch fürchterliche Verdrehung der Wahrheit! Ich versuchte Himmler vorsichtig von der unglücklichen Idee abzubringen, die deutsche Judenpolitik gegenüber einem Juden verteidigen zu wollen, denn dieser Versuch einer Verteidigung mußte ihn ja dazu zwingen, eine Unwahrheit nach der anderen zu sagen. Doch das war unmöglich. Es schien ihm ein Bedürfnis zu sein, diese Verteidigungsrede ausgerechnet vor einem Juden zu halten, denn er fühlte sicherlich, daß die Tage seines Lebens oder doch zumindest seiner Freiheit gezählt waren.

Er fuhr fort:

„Um die Seuchen einzudämmen, waren wir gezwungen, Krematorien zu errichten, wo wir die Leichen der unzähligen Menschen verbrennen konnten, welche diesen Krankheiten zum Opfer gefallen waren. Und daraus will man uns jetzt einen Strick drehen!“ 2

Das war sein widerwärtigster Versuch, die Wahrheit zu verdrehen. Ich war so erschüttert über diese Erklärung der berüchtigten Leichenfabriken, daß ich nur schweigen konnte.

„Der Krieg im Osten war unglaublich hart“, sagte Himmler weiter.

„Wir wollten keinen Krieg mit Rußland. Doch plötzlich entdeckten wir, daß Rußland 20.000 Panzer hatte, und da waren wir zum Handeln gezwungen. Es galt zu siegen oder unterzugehen. Der Krieg an der Ostfront stellte unsere Soldaten auf die schwerste Probe. Eine unwirtliche Natur, bittere Kälte, unendliche Weiten, eine feindselige Bevölkerung und überall Partisanen im Rücken. Nur mit Härte konnte sich der deutsche Soldat behaupten. Wurde aus einem Dorf auch nur ein einziger Schuß abgefeuert, so konnte man gezwungen sein, das ganze Dorf niederzubrennen. Die Russen sind keine normalen Gegner, wir können ihre Mentalität nicht verstehen. Sie weigerten sich selbst in der hoffnungslosesten Lage, zu kapitulieren. Wenn das jüdische Volk durch die Härte dieses Kampfes gelitten hat, so darf man nicht vergessen, daß das deutsche Volk ebensowenig verschont worden ist.“

Das Gespräch ging zu einem anderen Thema über, den Konzentrationslagern.

„Ihren schlechten Ruf haben diese Lager durch ihren unglücklich gewählten Namen erhalten“,

waren Himmlers einleitende Worte.

„Man hätte sie Umerziehungslager nennen sollen. Nicht bloß Juden und politische Gefangene wurden dort interniert, sondern auch kriminelle Elemente, die man nach Verbüßung ihrer Strafe nicht freiließ. Als Folge davon hatte Deutschland 1941, also in einem Kriegsjahr, die niedrigste Kriminalitätsrate seit Jahrzehnten. Die Häftlinge mußten hart arbeiten, aber das mußte auch das ganze deutsche Volk. Die Behandlung in den Lagen war streng, aber gerecht.“

Ich unterbrach ihn:

„Aber es läßt sich wohl nicht leugnen, daß in den Lagern schwere Missetaten [svåra illgärningar] vorgekommen sind“?

Er antwortete:

„Ich muß zugeben, daß einige solche geschehen sind, doch habe ich die Schuldigen bestraft.“

Obwohl ich – ausschließlich im Hinblick auf meine Aufgabe, jüdische und sonstige Häftlinge zu befreien – natürlich genötigt war, das Gespräch weiterzuführen, konnte und wollte ich in diesem Augenblick, wo er von der „gerechten Behandlung“ in den Konzentrationslagern sprach, meine Erregung nicht bezähmen. Es war für mich eine Befriedigung, ihm im Namen des leidenden jüdischen Volkes wenigstens das eine oder andere über die Verbrechen ins Gesicht sagen zu können, die in diesen Lagern verübt worden waren. In diesem Moment fühlte ich als Fürsprecher des gebeugten, doch nie ausrottbaren Rechts mich als der Stärkere von uns beiden. Und ich glaube, Himmler empfand die Schwäche seiner Position.

Ich versuchte nun abermals, ihn von diesen Verteidigungsversuchen abzubringen. „Vieles ist geschehen, was nicht ungeschehen gemacht und nicht wiedergutgemacht werden kann“, begann ich.

„Doch wenn es in der Zukunft noch eine Brücke zwischen unseren Völkern geben soll, so müssen zumindest alle Juden, die heute in den von Deutschland beherrschten Gebieten am Leben sind, auch am Leben bleiben. Darum ersuchen wir um die Freilassung sämtlicher Juden in den Lagern, welche nahe bei Skandinavien oder der Schweiz liegen, damit sie nach Schweden oder in die Schweiz evakuiert werden können, und bezüglich der übrigen Lager ersuchen wir darum, daß die Gefangenen dort gelassen werden, wo sie sind, daß man sie gut behandelt, ihnen genügend Essen gibt, und daß die Lager ohne Widerstand den Alliierten übergeben werden, wenn sich die Front dem Lager nähert. Außerdem bitten wir um die Erfüllung der Wünsche, die in den verschiedenen Listen des schwedischen Außenministeriums enthalten sind und sich auf die Freilassung gewisser inhaftierter Schweden, Franzosen, Holländer und Juden sowie als Geiseln gefangen gehaltener Norweger beziehen.“

Kersten unterstützte meine verschiedenen Wünsche energisch. Ich bat Himmler, die Anzahl der noch in Konzentrationslagern lebenden Juden anzugeben, und er führte folgende Zahlen an: Theresienstadt 25.000, Ravensbrück 20.000, Mauthausen 20.000 – 30.000 sowie eine geringere Anzahl in einigen anderen Lagern. Er behauptete auch, in Auschwitz habe es 150.000 Juden gegeben, als dieses Lager den Russen in die Hände fiel,3 in Bergen-Belsen hätten sich 50.000 und in Buchenwald 6.000 Juden aufgehalten, als diese Lager den Briten bzw. Amerikanern übergeben wurden. Ich wußte, daß seine Zahlenangaben fehlerhaft und besonders im Fall Auschwitz gewaltig übertrieben waren.

In Ungarn, sagte Himmler, habe er 450.000 Juden zurückgelassen. „Was für einen Dank habe ich dafür geerntet?“ fragte er scheinheilig. „Die Juden schossen in Budapest auf unsere Truppen.“ Ich wandte ein, daß, wenn 450.000 Juden zurückgelassen worden seien, von den ursprünglich 850.000 Juden 400.000 deportiert worden und einem ungewissen Schicksal entgegengegangen sein mußten. Die in Ungarn verbliebenen Juden konnten ja nicht wissen, was für ein Los sie erwartete, und dies mußte ihre Reaktion erklären. Himmler setzte sich über solcherlei Einwände hinweg; offenbar argumentierte er nach La Fontaines bekanntem Vers: 4 „Dies Untier ist gar fürchterlich, greift man es an, so wehrt es sich.“

Himmler fuhr weiter fort:

„Es war meine Absicht gewesen, die Lager widerstandslos zu übergeben, wie ich versprochen hatte. Ich habe Bergen-Belsen und Buchenwald auch übergeben, doch hat man es mir schlecht gelohnt. In Bergen-Belsen wurde einer der Wachposten mit Stricken gefesselt und zusammen mit einigen kurz zuvor gestorbenen Gefangenen fotografiert. Und diese Bilder werden nun um die ganze Welt verbreitet. Auch Buchenwald habe ich ohne Widerstand übergeben, doch vorrückende amerikanische Panzer begannen plötzlich zu schießen. Das Lazarett, das aus leichten Holzhäusern bestand, geriet in Brand, und dann fotografierte man die Leichen. Mit diesen Fotos betreibt man jetzt Greuelpropaganda.

Als ich im letzten Herbst 2700 Juden in die Schweiz entließ, wurde auch dies zu einer Pressekampagne gegen mich persönlich benutzt. Man schrieb, ich habe diese Menschen nur freigelassen, um mir ein Alibi zu verschaffen. Ich brauche kein Alibi, ich habe stets nur das getan, was ich als für mein Volk notwendig erachtete, und dazu stehe ich, ich bin nie ein reicher Mann geworden. Niemand ist während der letzten zwölf Jahre so mit Schmutz beworfen worden wie ich. Ich habe mich nie darum geschert, auch in Deutschland darf ein jeder über mich schreiben, was er will. Doch die Veröffentlichungen über die Konzentrationslager werden als Hetze gegen uns verwendet, und das beflügelt mich nicht gerade dazu, die Lager weiterhin zu übergeben. Vor einigen Tagen ließ ich beispielsweise ein Lager in Sachsen zwangsevakuieren, als sich die Spitzen amerikanischer Panzerkolonnen näherten. Warum sollte ich anders handeln?“

Ich befürchtete, auf Himmlers wiederholte Klagen über die Publizierung der entsetzlichen Entdeckungen in den Konzentrationslagern, die er als „Greuelpropaganda“ abzutun versuchte, könne die Forderung folgen, als Gegenleistung für die Einwilligung in unsere Forderungen diese Publikationen zu stoppen. Zweifellos glaubte Himmler unter dem jahrelangen Einfluß der Goebbels-Propaganda, die Juden kontrollierten tatsächlich die Weltpresse, wie die nazistische Lügenpropaganda geltend machte, und vielleicht glaubte er, daß ich als Repräsentant der Juden Einfluß auf die Presse der alliierten und neutralen Länder ausüben könne, obgleich wir hatten ausrichten lassen, daß ich als Privatperson kam.

Um einer direkten Forderung zuvorzukommen, fiel ich ihm ins Wort und machte ihn an die Pressefreiheit in demokratischen Ländern aufmerksam.

„Nicht einmal die Regierung hat in einem demokratischen Land die Macht, unerwünschte Veröffentlichungen zu verhindern. Langfristig entscheidend sind doch die Tatsachen, die hinter diesen stecken. Die letztes Jahr erfolgte Freilassung von 2.700 Juden hat in der Presse weltweit ein günstiges Echo gefunden, ebenso wie der Umstand, daß die aus Theresienstadt Freigelassenen sich in einem verhältnismäßig guten Gesundheitszustand befanden. Ich habe den Eindruck, daß Theresienstadt das beste Lager ist. Weiterhin Gefangene freizulassen, ist die einzig richtige Politik, gleichgültig was die Presse schreibt. An der Rettung der überlebenden Juden ist nicht bloß das jüdische Volk interessiert. Die schwedische Regierung hat ihr Interesse dadurch kundgetan, daß sie Dr. Kersten und mich zu dieser Reise bevollmächtigt hat. Auch auf die Regierungen und Völker der alliierten Länder würde die Einwilligung in unsere Wünsche einen vorteilhaften Eindruck hinterlassen. Und vor der Geschichte ist die Rettung der übriggebliebenen Juden von größter Bedeutung. Eine Fortsetzung dieser Zwangsevakuierungen kann Deutschland nur zum Nachteil gereichen. Die Straßen müssen abgesperrt, die Versorgung muß geordnet werden, etc.“

Himmler bemerkte, daß Theresienstadt kein Lager im eigentlichen Sinne des Wortes sei, sondern eine ausschließlich von Juden bewohnte Stadt, die von ihnen verwaltet werde und wo sie sämtliche Arbeiten verrichten müßten. „Diese Organisation ist von mir und meinem Freund Heydrich geschaffen worden, und wir haben uns gewünscht, daß alle Lager so aussehen sollten“, sagte er heuchlerisch.

Es folgte eine längere Diskussion. Ich unterstrich die Notwendigkeit der vorgeschlagenen Rettungsmaßnahmen, wobei ich von Kersten unterstützt wurde. Insbesondere betonten wir immer wieder, daß die Evakuierung der Ravensbrück-Häftlinge nach Schweden bewilligt werden müsse.

Ich schenkte allgemeinen Versprechungen von seiten Himmlers kein Vertrauen. Hingegen glaubte ich, einigermaßen präzise formulierte Versprechen würden möglicherweise eingehalten, allein schon aus dem Grund, daß Himmlers Mitarbeiter daran interessiert sein würden, sich an solche Zusicherungen zu halten. Außerdem war zu befürchten, daß die letzten Wochen des deutschen Kampfes für die Eingesperrten besonders kritisch sein könnten. Die Veröffentlichungen über Buchenwald konnte die Naziführer, entweder Himmler selbst oder die Hitler-Kaltenbrunner-Gruppe, dazu veranlassen, alle noch übriggebliebenen Konzentrationslager dem Erdboden gleichzumachen, um jede Spur und jeden lebenden Zeugen ihrer Verbrechen zu beseitigen. Die letzten Tage des Todeskampfs des Dritten Reiches konnten also auch jene wenigen in Lebensgefahr bringen, denen es bisher gelungen war, jahrelange Leiden und Folter in den Lagern zu überleben.

Himmler wollte sich mit seinem Adjutanten Dr. Brandt beraten. Ich ging mit Schellenberg in ein angrenzendes Zimmer. Während unserer Abwesenheit diktierte Himmler zwei an Kersten adressierte Briefe.5 Als ich nach ungefähr zwanzig Minuten in den Salon zurückkehrte, erklärte Himmler: „Ich bin bereit, 1.000 Jüdinnen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück freizugeben, und ihr könnt sie über das Rote Kreuz abholen lassen. Die Freilassung einer Anzahl französischer Frauen aus Ravensbrück gemäß der Liste vom schwedischen Außenministerium wird genehmigt. Ungefähr 50 in norwegischen Lagern internierte Juden werden auf freien Fuß gesetzt und zur schwedischen Grenze geführt. Der Fall der 20 Schweden, die von einem deutschen Gericht verurteilt worden sind und sich im Gefängnis von Grini befinden, wird wohlwollend geprüft werden, und wenn möglich soll ihre Freilassung erfolgen. Die Frage nach der Freilassung einer Anzahl als Geiseln genommener Norweger wird wohlwollend geprüft werden. Eine größere Anzahl namentlich genannter, meist holländischer Juden in Theresienstadt wird freigelassen werden, wenn das Rote Kreuz sie abholen kann. Doch sollen die Jüdinnen aus Ravensbrück nicht als Jüdinnen bezeichnet werden; wir können sie, sagen wir, Polinnen nennen. Natürlich muß nicht bloß Ihr Besuch absolut geheim bleiben, sondern auch die Ankunft der Juden in Schweden muß geheimgehalten werden. Was die Einstellung der Zwangsevakuierungen und die Übergabe der Lager an die Alliierten anbelangt, so werde ich mein Bestes tun, um diesen Wünschen nachzukommen.“

[Es folgen nun die in der englischen Übersetzung weggelassenen Seiten.]

Charakteristisch war Himmlers Furcht davor, die freigelassenen Jüdinnen unter ihrer richtigen Bezeichnung gehen zu lassen. Hierin spiegelten sich jene Meinungsunterschiede zwischen Himmler und Hitler wider, die Schellenberg mir gegenüber am Vormittag angedeutet hatte. Auch wenn Himmler im Moment sicherlich die Macht besaß, wollte er wahrscheinlich um der Juden willen keine Scherereien haben. Schellenberg hatte allerdings bereits durchblicken lassen, daß Hitlers Position vollständig untergraben war.

Beim Gespräch wurden auch allgemeine politische Fragen zur Sprache gebracht. Himmler ließ seinem Haß gegen den Bolschewismus in bekanntem nazistischem Stil freien Lauf; ich zitiere einige Äußerungen:

„Die Amerikaner werden noch einsehen, daß wir als Schutzwall gegen den Bolschewismus gedient haben.“ „Hitler wird als großer Mann in die Geschichte eingehen, weil er der Welt die nationalsozialistische Lösung geschenkt hat, die einzige sozialpolitische Form, die sich gegen den Bolschewismus hätte behaupten können.“

Die ganze Zeit über nannte er Hitlers Namen nur ein einziges Mal.

„Die amerikanischen und englischen Soldaten werden vom bolschewistischen Geist angesteckt werden und in ihren Heimatländern soziale Unruhen hervorrufen.“

„Die deutschen Massen sind so radikalisiert, daß sie, wenn der Nationalsozialismus fällt, sich mit den Russen verbrüdern werden, deren Macht dadurch noch zusätzlich zunehmen wird.“

„In Deutschland gibt es bis zum Herbst und Winter eine Hungersnot.“

Hier fügte er, nach einem Augenblick des Schweigens, wie für sich selbst hinzu:

„Es wird unübersehbare Schwierigkeiten geben; zum Wiederaufbau der Welt wird viel Weisheit benötigt werden.“

„Die Amerikaner haben ihren Krieg gewonnen; die deutsche industrielle Konkurrenz ist auf Jahrzehnte hinaus gebrochen.“

„Man verlangt von uns die bedingungslose Kapitulation. Das kommt nicht in Frage. Ich fürchte mich nicht davor, zu sterben.“

„In Frankreich herrschte unter unserer Besetzung Ordnung, obgleich ich dort nur 2.000 deutsche Polizisten hatte. Alle hatten Arbeit, alle bekamen genug zu essen. Es glückte uns, im Hafenviertel von Marseille Ordnung und gesunde Verhältnisse zu schaffen, was noch keine französische Regierung fertiggebracht hatte.“

„Ich habe Verständnis für eine Bevölkerung, die für die Freiheit ihres Landes kämpft. Wir haben uns nie dazu herabgelassen, zu Methoden zu greifen wie die Engländer, welche dem französischen Maquis halfen, indem sie Fallschirmspringer in falschen Uniformen oder Zivilkleidern absetzten.“

Himmlers Verständnis für den Kampf der Partisanen kam etwas spät. Bei seinen verachtungsvollen Worten über die Fallschirmspringer mußte ich an Holland und insbesondere Rotterdam denken. Die Verlogenheit seiner Argumentation war typisch für das ganze Gespräch.

Das Treffen dauerte genau zweieinhalb Stunden. Um fünf Uhr morgens verließ Himmler das Gut im Auto. Die ganze Zeit über – mit Ausnahme der zwanzig Minuten, wo ich mich in einem anderen Zimmer aufhielt – hatten wir gesprochen. Eine halbe Stunde lang war ich mit ihm allein, ein freier Jude Angesicht in Angesicht mit dem gefürchteten und unbarmherzigen Gestapochef, der fünf Millionen jüdische Leben auf seinem Gewissen hatte. Himmler redete meist ruhig und brauste auch bei scharfen Einwänden meinerseits nicht auf. Obgleich er seine äußere Ruhe beibehielt, wurde seine Nervosität immer klarer erkennbar. Er sprach viel. Das hier Wiedergegebene entspricht lediglich dem wichtigeren Teil des Gesprächs; meine eigenen Worte habe ich nur dann angeführt, wenn sie unentbehrlich zum Verständnis des Ablaufs der Unterredung sowie der Verhandlungen sind. Doch meine Darstellung entspricht entweder wörtlich oder sinngemäß genau dem, was gesagt wurde, auch wenn die chronologische Reihenfolge nicht im Detail beachtet wurde.

Ohne Zweifel war Himmler sowohl intelligent als auch gebildet, doch war er kein Meister in der Kunst der Verstellung. Sein Zynismus kam besonders zum Ausdruck, wenn er von den Katastrophen sprach, die seiner Ansicht nach eintreffen würden. Typisch waren die Worte, die er beim Abschied zu Kersten sagte: „Der wertvolle Teil des deutschen Volkes geht mit uns unter; was mit dem Rest geschieht, ist bedeutungslos.“ Im Gegensatz zu Hitler war er auch in seinem Verhältnis zu den Juden Rationalist. Hitler hegte ja eine ausgeprägte Abneigung gegen diese. Himmler handelte nicht aus dem Gefühl heraus. Er ließ kaltblütig morden, solange er dies als seinen Zielen dienlich erachtete, und konnte einen anderen Weg wählen, wenn es für seine Politik oder für ihn selbst vorteilhafter war.

[Hier endet der in der englischen Fassung fehlende Teil.]

Welche Motive konnten Himmler zu den kleinen Konzessionen bewogen haben, die er in den letzten Kriegsmonaten und auch uns gegenüber machte? Gegenleistungen verlangte er nicht. Er glaubte sicherlich auch nicht daran, sein eigenes Leben mit Zugeständnissen retten zu können. Dazu war er allzu intelligent; er wußte sehr wohl, daß sein Sündenregister zu groß war. Möglicherweise wollte er vor der Geschichte in einem vorteilhafteren Licht erscheinen als die übrigen Hauptverantwortlichen für Deutschlands Verbrechen. Verwunderlich war die schwache Argumentation bei seiner Verteidigungsrede. Eigentlich konnte er zu seiner Verteidigung nichts anderes vorbringen als Lügen. Keine Logik in den Konstruktionen, keine Größe in den Gedanken, die sogar ein Verbrecher haben kann, selbst wenn seine Moral gegen das Rechtsbewußtsein normaler Menschen verstößt. Nur Lügen und Ausflüchte! Konsequent war bloß seine zynische Auffassung, daß der Zweck die Mittel heilige. Daß er einer der Hauptverantwortlichen für die Massenmorde an den Juden war, ging indirekt aus seinen eigenen Worten hervor. Ich erinnere mich mit Sicherheit daran, daß er bezüglich der Anzahl der Juden in Ungarn sagte: „Ich habe 450.000 zurückgelassen.“ Daraus kann man ja, da er dazu keine weiteren Angaben machte, den Schluß ziehen, daß er persönlich einen wesentlichen Teil der Verantwortung für das Geschick der übrigen ungarischen Juden trug. Die von ihm genannte Ziffer der in Ungarn zurückgelassenen Juden war ebenfalls falsch, jedenfalls enorm übertrieben.6

Während der Unterredung sagte Himmler nicht ausdrücklich, der Krieg sei für Deutschland bereits verloren, doch ließ er dies bei allem, was er von sich gab, durchblicken.

Nachdem Himmler uns verlassen hatte, schliefen wir ein paar Stunden lang oder versuchten dies zumindest. Meine innere Spannung hatte nachgelassen. Nun galt es, so rasch wie möglich nach Berlin zu kommen und dann nach Stockholm, um mit dem Außenministerium und dem Roten Kreuz die Maßnahmen zur Durchführung der bewilligten Evakuierung zu erörtern.

Um zehn Uhr fuhren wir per Auto nach Berlin. Auf dem Weg dorthin sah ich ein Bild, das sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt hat: Das Herrenvolk auf der Straße. Ein Fahrzeug nach dem anderen. Wagen, vollgestopft mit altem Hausgerät, das man vor der Flucht hastig zusammengerafft hatte. Zwischen dem Gerümpel: Frauen, Kinder, Greise. So zog diese Prozession menschlichen Elends von Stadt zu Stadt, bei Wind und Wetter, weg von der Front. Nirgends durften sie haltmachen; nach kurzen Aufenthalten zwecks Verpflegung wurden sie zur Weiterfahrt gezwungen, gejagt von der näherrückenden Front und von Tieffliegern. Das selbe Elendsbild, das wir oft auf Fotos und in unserer Phantasie gesehen haben: Franzosen, Polen, Russen, Juden auf der Flucht vor der deutschen Soldateska, Bilder, die vom Siegesjubel des deutschen Volks begleitet worden waren. Nun bekamen die Deutschen endlich selbst zu spüren, was sie anderen Völkern angetan hatten.

Kurz vor Oranienburg fuhren wir an langen Marschkolonnen in Zivil gekleideter Männer vorbei, denen Wachtmannschaften folgten. Es waren dies Häftlinge aus dem Konzentrationslager Oranienburg auf dem Weg nach Norden, weg von der Front. Wiederum eine Zwangsevakuierung, weil die Russen heranrückten.

Lieber die Straßen durch diese sinnlosen und für die bedauernswerten Opfer qualvollen und lebensgefährlichen Transporte verstopfen, als die Beute aus der Hand geben!

Die Nähe der Front machte sich bemerkbar. Man hörte Kanonendonner. Die Straßen waren überfüllt mit Fahrzeugen aller Art. Unser Auto wurde angehalten; wir sollten Verwundete mitnehmen. Doch durften wir weiterfahren, die Straße wurde freier, und bald waren wir in Berlin. Nun sah ich die Millionenstadt bei Tageslicht. Ein gespenstischer Anblick! Ein Ruinenfeld gigantischen Ausmaßes. Die Fassaden der Häuser halbzerstört, das Innere der Häuser ausgebrannt. Nur selten ein unversehrtes, bewohnbares Haus. Schon vor dem Kampf um Berlin selbst sollen zwei Drittel der Stadt total zerstört gewesen sein, und doch sollen drei Millionen Menschen weiterhin dort gelebt haben. Wie und wo, ist unbegreiflich. Während der ganzen Fahrt durch die Stadt sah ich kein einziges richtiges Geschäft. Vor einigen Häusern standen arme und schlechtgekleidete Menschen Schlange, um Lebensmittel zu kaufen. Verkehr gab es außerordentlich wenig, wenige Fußgänger, selten eine Straßenbahn. Wir fuhren zur schwedischen Gesandtschaft. Das elegante Viertel auf der einen Seite des Tiergartens war ganz „ausradiert”. Nur die Siegessäule stand unbeschädigt!

[Die folgenden fünf Sätze fehlen in der englischen Übersetzung, auch diesmal, ohne daß die Auslassung vermerkt würde, wie es journalistischer Redlichkeit entspräche.]

Wir versuchten, Graf Bernadotte zu treffen, fanden ihn aber nicht in der Gesandtschaft vor. Wir wußten, daß Graf Bernadotte in der Nähe von Berlin war, denn er wollte sich mit Himmler treffen, kurz nachdem dieser uns verlassen hatte. Wir fuhren zum Gestapo-Haus in Westberlin und sprachen dort mit einem von Schellenbergs Mitarbeitern, der für die deutsche Seite die Transporte des Roten Kreuzes überwachte. Er sagte, er wisse, wo sich die schwedische Buskolonne befinde: Man hatte die Evakuierung der Skandinavier eben abgeschlossen und war unterwegs nach Deutschland. Er wollte versuchen, Graf Bernadotte zu erreichen, um die Kolonne nach Ravensbrück umleiten zu lassen.

[Die Fortsetzung erscheint in der englischen Version wieder.]

Unsere Aufgabe in Berlin war abgeschlossen. Nun galt es, nach Hause zu kommen. Die Belagerung Berlins hatte begonnen; russische Granaten schlugen bereits im Stadtzentrum ein. Um zwei Uhr nachmittags sollte ein Flugzeug nach Kopenhagen abfliegen. Es schien unsicher, ob die Maschine starten würde. Der Gedanke an die Schwärme von Flugzeugen, die wir am Vortage gesehen hatten, rief nicht gerade ein behagliches Gefühl hervor. Wie sollte ein deutsches Flugzeug diesen Herrschern des Luftraums entrinnen? Die Luft schien freilich rein zu sein, wie die Deutschen sich ausdrückten. Wir wurden mit schweren Schwimmwesten ausgerüstet, und um vier Uhr setzten wir in einer schweren Kondormaschine, einem Truppentransportflugzeug, ab. Nach knapp zwei Stunden landeten wir wohlbehalten in Kopenhagen. Welches befreiende Gefühl, in einer Stadt mir richtigen Häusern, mit ruhigen, wohlgekleideten Menschen zu sein! Wir reisten sofort per Zug nach Helsingør weiter, und um neun Uhr abends standen wir wieder auf sicherem Boden. Wir waren in Schweden. Die Reise war zu Ende.

In Stockholm erfuhren wir am Sonntagmorgen vom Außenministerium, daß von der schwedischen Gesandtschaft in Berlin schon ein Telegramm in unserer Sache eingetroffen war. Im Auftrag Graf Bernadottes wurde darin mitgeteilt, daß die Busse bereits unterwegs nach Ravensbrück waren. Einige Tage später erfuhren wir von Graf Bernadotte, daß Himmler außer der Freilassung von tausend Frauen, die er uns versprochen hatte, der Evakuierung sämtlicher Frauen aus Ravensbrück nach Schweden zugestimmt hatte. So konnte das Schwedische Rote Kreuz innerhalb einiger Tage 7000 Frauen vieler verschiedener Nationalitäten retten, von denen ungefähr die Hälfte Jüdinnen waren. Die rund 50 Juden, die in norwegischen Konzentrationslagern eingesperrt waren, wurden auf freien Fuß gesetzt und trafen ein paar Tage später hier ein. Das Außenministerium teilte ferner mit, daß die schwedischen Gefangenen in Grini sowie einige hundert in Geiselhaft befindliche Norweger als Folge unserer Verhandlungen freigelassen worden waren.

[Auch der folgende Abschnitt fehlt in der englischen Übersetzung.]

Ein Besuch bei den geretteten jüdischen Frauen in Lagern in Südschweden war erschütternd. Was sie sechs lange Jahre lang gelitten hatten, war unsäglich. Zuerst in Ghettos eingesperrt, dann in einem Konzentrationslager nach dem anderen, darunter dem schlimmsten von allen, Auschwitz. In all diesem Unglück stets hungrig, stets in Todesangst vor der vollständigen Vernichtung, schwer arbeitend, gequält. Daß sie überleben konnten, ist ein Wunder, und nur die Stärksten konnten all diese schrecklichen Leiden jahrelang aushalten. Wie sollen sie zu einem normalen Leben zurückkehren können? Die meisten sind allein auf der Welt, ihre Familien sind verschwunden, vermutlich vernichtet. Ihre Häuser, ihre Umwelt – es handelt sich meist um polnische Jüdinnen – sind allesamt zerstört. Holländerinnen, Belgierinnen und andere, Jüdinnen und Nichtjüdinnen, können in ihre jeweiligen Heimatländer zurückkehren. Doch für diese polnischen Jüdinnen gibt es keinen Weg zurück. In ihrer Heimatgegend würde alles nur die Erinnerungen an die Leiden im Ghetto und an Auschwitz heraufbeschwören, die Erinnerungen an verschwundene Familien, an ermordete Freunde, an zerstörte Gemeinden. Sie sehnen sich danach, wieder in einer freien jüdischen Umgebung zu leben. Palästina ist vermutlich ihre einzige Chance, zu einem normalen Leben mit menschlichem Glück zurückkehren zu können.

[Der nun folgende Schluß erscheint auch in der englischen Fassung.]

Das dramatische nächtliche Treffen zwischen zwei Todfeinden, dem berüchtigten Gestapo-Chef und einem Vertreter des gepeinigten jüdischen Volkes, ermöglichte die Befreiung einer geringen Anzahl unter den zahllosen Opfern des Nazismus. Ein jüdischer Einsatz zugunsten des von der Ausrottung besonders bedrohten jüdischen Bevölkerungsteils war unter den gegebenen Umständen nur in Zusammenarbeit mit anderen in derselben Richtung wirkenden Kräften möglich. Medizinalrat Kerstens Rolle bei der Ermöglichung der Verhandlungen sowie seine Teilnahme an diesen ist bereits erwähnt worden. Die praktische Ausnutzung der Verhandlungsergebnisse und die tatsächliche Rettung der Gefangenen konnte, soweit es um die Evakuierung aus Deutschland ging, lediglich durch die aufopferungsvolle Arbeit des Schwedischen Roten Kreuzes erfolgen, die in Übereinklang mit den hohen Idealen dieser Institution stand. Die Durchführung der Aufgabe wurde im Rahmen der großen Rettungsaktion des schwedischen Außenministeriums durch dessen Initiativen und aktive Unterstützung ermöglicht. Es wurden keine Bedingungen gestellt, und bezüglich der Zahl oder Nationalität der zu Rettenden wurden keinerlei Beschränkungen verhängt. Alle waren als Gäste der Regierung willkommen. So wurden sie für das Leben und die Freiheit gerettet.

Norbert Masur

Soweit der Bericht von Norbert Masur. Hat dieser nun Heinrich Himmlers Aussagen wahrheitsgemäß wiedergegeben?

Beurteilung des Masur-Berichts

Wir zögern nicht, diese Frage mit ja zu beantworten, und zwar darum, weil das, was Himmler laut Masurs Darstellung gesagt hat, in Übereinstimmung mit unserem heutigen, dokumentarisch abgestützten Wissen über die betreffenden Geschehnisse steht. Es stimmte, daß Himmler und die anderen NS-Führern eine relativ humane Lösung der Judenfrage durch Auswanderung angestrebt hatte, daß aber selbst als judenfreundlich geltende Länder sich sträubten, jüdische Emigranten aufzunehmen. Es stimmte, daß die Juden im Osten die Partisanenbewegung nach Kräften unterstützt hatten; nicht zuletzt jüdische Quellen heben dies gebührend hervor. Es stimmte, daß die Krematorien in den Konzentrationslagern als unmittelbare Folge des Seuchensterbens gebaut worden waren und daß man der SS, wie Himmler illusionslos voraussah, daraus dann einen Strick drehte. Schließlich entsprachen Himmlers Angaben über die Zahl der zu jenem Zeitpunkt noch in den Lagern inhaftierten Juden weitgehend den Tatsachen, wenn man davon absieht, daß er die Anzahl der vor der Evakuierung von Auschwitz dort befindlichen Juden um ein rundes Drittel zu hoch angab.

Ungemein aufschlußreich ist nun der Unterschied zwischen dem von Norbert Masur nachträglich verfaßten Kommentar zu Himmlers Aussagen sowie den Antworten und Einwänden, die er seinen eigenen Worten zufolge während der Unterredung selbst vorbrachte. Wie von einem jüdischen Emigranten und Vertreter des Jüdischen Weltkongresses nicht anders zu erwarten war, vertrat er in seiner Broschüre das damals eben im Entstehen befindliche Geschichtsbild: Himmler war verantwortlich für „den größten Massenmord der Geschichte“; die Konzentrationslager waren „Leichenfabriken“. Doch im Gespräch mit dem Reichsführer hatte er diesem lediglich vorgehalten, daß es in den Lagern unleugbar „schwere Missetaten“ (svåra illgärningar) gegeben habe – was Himmler auch einräumte, mit dem zutreffenden Hinweis darauf, daß er in einigen Fällen die Bestrafung der Schuldigen angeordnet habe (immerhin wurden der Majdanek-Kommandant Hermann Florstedt sowie der Buchenwald-Kommandant Karl Koch von der SS hingerichtet, und gegen zahlreiche Angehörige des Lagerpersonals wurden unterschiedlich hohe Strafen verhängt). Unter „schweren Missetaten“ kann man neben einzelnen Morden und Mißhandlungen möglicherweise Massentötungen begrenzten Umfangs verstehen, nie und nimmer aber einen fabrikmäßigen Massenmord an Hunderttausenden oder gar Millionen.

Masur schreibt zwar, es habe ihm Genugtuung bereitet, Himmler wenigstens einen Teil der Wahrheit über die begangenen Verbrechen „ins Gesicht zu sagen“, schweigt sich aber in seiner Schrift darüber aus, was er ihm, neben dem Hinweis auf die „schweren Missetaten“, denn sonst noch ins Gesicht gesagt habe.

Mit keinem einzigen Wort hatte er auf die Gaskammern hingewiesen, in denen doch Millionen von Juden ermordet worden sein sollten. Dabei hatten die Sowjets das KL Majdanek immerhin bereits im Juli 1944, also neun Monate vor Masurs Treffen mit Himmler, befreit und bald darauf behauptet, in jenem Lager seien 1,7 Millionen Menschen ermordet worden, ein „großer Teil“ davon durch Vergasen. Am 2. Februar 1945 hatte die Prawda von gigantischen Massenmorden in Auschwitz berichtet, die teils mittels eines elektrischen Fließbandes, teils in „Gaskammern im östlichen Lagerteil“ (also nicht in Birkenau!) begangen worden seien. Als einflußreicher Vertreter des Jüdischen Weltkongresses wußte Masur selbstverständlich über all diese Behauptungen bestens Bescheid. Daß er sie Himmler gegenüber nicht zur Sprache brachte, läßt nur einen Schluß zu:

Norbert Masur glaubte im April 1945 nicht an die Gaskammern und wollte sich Himmler gegenüber nicht lächerlich machen, indem er mit offenkundiger Greuelpropaganda aufwartete.

Auch in seiner Schrift, die noch im selben Jahre 1945 erschien (den Monat kennen wir nicht), erwähnt er die Gaskammern ebenso wenig wie die anderen Mordtechniken, von denen damals noch die Rede war (Dampfkammern, Luftabsaugekammern, elektrische Tötungsanlagen).7 Vermutlich war er sich damals noch unsicher, welche Mordmethode sich offiziell durchsetzen würde (noch im Dezember 1945 wurde von den Polen für Treblinka die Tatwaffe Dampfkammer behauptet) und er zog es deshalb vor, sich nicht festzulegen.

Heinrich Himmler überlebte das Treffen mit Norbert Masur nur um 34 Tage. Nach offizieller Geschichtsversion beging er in englischer Gefangenschaft mittels einer Zyankalikapsel Selbstmord, doch ist dies nur eine der zahllosen Lügen über den Zweiten Weltkrieg.

Im Frühling 1945 waren die Vorbereitungen für den kommenden Nürnberger Prozeß bereits angelaufen, und es war klar, daß die Judenausrottung in „Vernichtungslagern“ den zentralen Anklagepunkt gegen die Besiegten darstellen würde. Bei diesem Prozeß konnte man den Reichsführer-SS einfach nicht als Angeklagten brauchen. Ein Dönitz, ein Göring, ja sogar ein Hans Frank, von denen keiner mit den Konzentrationslagern unmittelbar etwas zu tun gehabt hatte, konnte sich damit verteidigen, von den dortigen Vorgängen nichts gewußt zu haben – Heinrich Himmler als Chef der für die Verwaltung der Lager zuständigen Organisation war dieser Ausweg von vornherein verwehrt. Mit der Anklage eines systematischen Massenmordes in den Konzentrationslagern konfrontiert, hätte er mit absoluter Sicherheit geantwortet, daß es einen solchen Massenmord nicht gegeben habe; das erfolterte Geständnis des ersten Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss, laut dem in jenem Lager allein bis November 1943 drei Millionen Menschen umgekommen waren, hätte ihn gänzlich unbeeindruckt gelassen.

So wurde Heinrich Himmler von den Briten am Tage nach seiner Gefangennahme umgebracht. Den Nachweis dafür erbringt der amerikanische Autor Joseph Bellinger in seinem Buch Himmlers Tod – Freitod oder Mord? Die letzten Tage des Reichsführers-SS, das 2005 beim Arndt-Verlag herauskam (siehe Besprechung in diesem Heft).

Bellinger geht darin auch auf Himmlers Unterredung mit Norbert Masur ein und kommentiert diese wie folgt:

„Er [Himmler] hatte zweieinhalb Stunden lang fast ununterbrochen gesprochen. Es war dies gewissermaßen sein Plädoyer vor dem Tribunal der Geschichte, vor dem er sich gegen die Anklage verteidigte, während des zwölfjährigen Bestehens des Dritten Reiches zahlreiche Greueltaten befohlen oder geduldet zu haben. Daß dieses Plädoyer ausgerechnet von einem Juden überliefert wurde, dessen Familie zu den unzähligen aus rassischen oder religiösen Gründen Verfolgten gehört hatte, entbehrt fürwahr nicht der Ironie.“

Anmerkungen

1 Am 8. Juni 1990 bat Prof. Robert Faurisson den schwedischen Buchautor Christopher Jolin, der ihm seine Hilfe angeboten hatte, brieflich darum, das schwedische Original mit der englischen Übersetzung zu vergleichen und ihm allfällige Unstimmigkeiten zu melden. Jolin antwortete am 23. August, zwar sei die englische Fassung weitgehend korrekt, doch fehle darin die Übersetzung von drei Seiten, auf denen sich Himmler zu politischen Fragen äußere; er legte seinem Schreiben diese drei Seiten samt einer Übertragung ins Englisch bei.
Ich danke Prof. Faurisson für die Zustellung von Kopien der beiden Briefe sowie des in Moment erschienenen englischen Textes.
2 Auf deutsch im Text.
3 Hier hat Masur Himmlers Aussage offenbar mißverstanden. Dieser könnte allenfalls gesagt haben, vor Beginn der Evakuierung von Auschwitz – die bereits im Herbst 1944 einsetzte – seien dort 150.000 Juden inhaftiert gewesen, obwohl diese Ziffer auch für jenen Zeitpunkt noch zu hoch gewesen wäre: Im August 1944, als die Häftlingszahl von Auschwitz ihren höchsten Stand erreichte, saßen dort 135.000 Gefangene ein (Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Rowolt Verlag, Reinbeck bei Hamburg 1989, S. 860). Der Anteil der Juden unter den Häftlingen dürfte damals rund 80% betragen haben.
4 „Cet animal est très méchant, quand on l’attaque, il se défend.“ (Entgegen Masurs Angaben stammt dieser Knüttelvers nicht von La Fontaine. Wie Prof. Faurisson mitteilt, ist er einem französischen Bänkellied des 19. Jahrhunderts entnommen.)
5 In der englischen Fassung ist dieser Abschnitt aus unerfindlichen Gründen falsch übersetzt; dort heisst es: „Himmler wollte sich mit seinem Adjutanten Dr. Brandt beraten. Kersten und ich gingen mit Schellenberg in ein angrenzendes Zimmer.“
6 Diese Behauptung Masurs entspricht nicht den Tatsachen.
7 siehe hierzu auch den Artikel von Carlo Mattogno: „Auschwitz: 60 Jahre Propaganda“ VffG, 9. Jahrg., Heft 2, November 2005.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 9(3) (2005), S. 301-309.


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