Buchbesprechung
Ein Mord ebnet den Weg für die Große Lüge

Von Jürgen Graf

Joseph Bellinger, Himmlers Tod – Freitod oder Mord? Die letzten Tage des Reichsführers SS, Arndt Verlag, Kiel 2005, 400 S., Großformat, viele, meist farbige Abb., € 25,80 (ISBN 3-88741-072-6.)

Unter der Überschrift „Gestapo-Chef schlägt den Alliierten ein Schnippchen, indem er Gift nimmt“ berichtete die Los Angeles Times am 25. Mai 1945:

„Hauptquartier der 2. britischen Armee, 24. Mai (AP). Heinrich Himmler, der Oberhenker in Hitlers Drittem Reich, starb letzte Nacht, indem er eine winzige gläserne Giftampulle zerbiss, die er in seinem Mund verborgen hatte. Der eulenhaft wirkende Chef der deutschen Gestapo sowie der Hitlerschen SS-Truppen... nahm sich im Sprechzimmer eines Hauses in Lüneburg das Leben, als ihn ein britischer Armeearzt untersuchte. Der Mann, den die Alliierten seit der deutschen Kapitulation gejagt hatten, trug bei seinem Tod nur ein Paar Socken. Als ihn der Arzt aufforderte, den Mund zu öffnen, und ihm die Zunge zurückstieß, um den Mund genauer untersuchen zu können, entschied Himmler, daß es nun so weit sei. Durch eine rasche Kopfbewegung löste er einen winzigen Glasbehälter, den er anscheinend seit seiner Gefangennahme drei Tage zuvor im Zahnfleisch verborgen hatte.“

Dies ist bis heute die offizielle Version vom Tode des Reichsführers SS Heinrich Himmler. Doch wie so oft in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs entspricht die offizielle Version auch hier nicht den Tatsachen. Heinrich Himmler schied nicht freiwillig aus dem Leben. Er wurde am späten Abend des 24. Mai 1945 in Lüneburg von britischen Soldaten umgebracht.

Gewiß, Zweifel an Himmlers Freitod sind im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte immer wieder lautgeworden. In seinem 1976 erschienenen revisionistischen Klassiker The Hoax of the Twentieth Century (dt.: Der Jahrhundertbetrug) äußerte Arthur Butz Skepsis gegenüber der Selbstmordthese. Es habe nicht im Interesse der Westalliierten gelegen, daß Himmler überlebte, meinte er. Mit dem Erscheinen von Joseph Bellingers 382-seitiger Studie Himmlers Tod – Freitod oder Mord? Die letzten Tage des Reichsführers SS ist die Selbstmordthese nun endgültig widerlegt.

Mehrere Jahre lang hat sich Bellinger intensiv mit der Frage nach den Umständen von Himmlers Tod auseinandergesetzt und eine beeindruckende Menge Literatur und Dokumente gesichtet. Die von ihm ins Feld geführten Indizien und Beweise sind dermaßen überwältigend, daß ernsthafter Widerspruch dagegen nicht möglich erscheint. Der offiziellen Geschichtsschreibung wird also, wie im Falle anderer, weitaus heiklerer Fragen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, nichts anderes übrigbleiben, als das Werk totzuschweigen.

Die in Martin Allens Buch Himmler’s Secret War zitierten Dokumente aus dem Londoner Public Record Office, die den Mord an Himmler eindeutig zu belegen schienen, doch kurz darauf von einem Experten als Fälschungen bezeichnet wurden, hat Bellinger bei seinem Recherchen noch nicht gekannt; er kam ohne sie aus. Von überwältigender Beweiskraft ist alleine schon eine in dem – hervorragenden – Bildteil seines Werks figurierende Fotografie der auf einer Handfläche liegenden Giftampulle, mit der sich der Reichsführer angeblich das Leben nahm: Sie maß nicht weniger als 2,5 cm. Laut der Selbstmord-Version hatte Himmler die Kapsel vom Moment seiner Gefangennahme am 23. Mai im Zahnfleisch verborgen. Obgleich er von den Briten drei Leibesvisitationen unterzogen und ausführlich verhört wurde, und obgleich er in Gefangenschaft aß und trank, soll die Kapsel keinem seiner Wächter aufgefallen sein! Wer’s glaubt, wird selig.

Die zahlreichen im Bildteil enthaltenen Fotos der Leiche lassen deutlich erkennen, daß Himmler vor seinem Tode Mißhandlungen ausgesetzt war; offenbar wurde ihm – vermutlich, während er sich gegen die erzwungene Einnahme der Giftampulle wehrte – das Nasenbein gebrochen.

Warum haben die Briten den Reichsführer SS umgebracht? Bellinger liefert folgende Erklärung:

„Für die Alliierten war es eine schiere Notwendigkeit, die Führung der SS rasch und gnadenlos unschädlich zu machen, um der ganzen Organisation die Fänge zu ziehen sowie der Widerstandsbewegung einen Schlag zu versetzen, von dem sie sich nicht mehr erholen konnte. Deshalb galt es, Männer wie Himmler und [den eine gute Woche zuvor ebenfalls von den Briten liquidierten SS-Obergruppenführer Hans-Adolf] Prützmann, welche die treibende Kraft des Widerstandes hätten werden können, sofort und ein für allemal unschädlich zu machen; anschließend übernahmen die Kommandos für psychologische Kriegsführung das Zepter und arbeiteten zunächst zielstrebig daran, die Moral der SS entscheidend zu brechen. Die Strategie scheint einfach und durchsichtig gewesen zu sein und lief darauf hinaus, die Niederlage der deutschen Nation auf ihre Führer abzuwälzen, die Selbstmord begangen hatten, weil sie zu feige gewesen waren, die Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, so daß nun der ‚Mann von der Straße‘ in der Patsche saß und für die ungeheuerlichen Verbrechen büßen mußte, die seine Führung angeordnet hatte. Das Ziel bestand darin, die SS für immer in Acht und Bann zu tun ...“

Das alles mag schon stimmen, doch scheint mir, daß Bellinger einen bedeutend wichtigeren Grund für die Ermordung Himmlers übersieht: Im Mai 1945 war der Nürnberger Prozeß bereits geplant, bei dem die Anprangerung eines industriellen Judenmordes in „Vernichtungslagern“ zentraler Anklagepunkt werden sollte. Himmler, der nicht in der Lage war, die Verantwortung auf Vorgesetzte abzuwälzen, und sich auch nicht mit Unwissenheit über die Vorgänge in den Lagern herausreden konnte, hätte diese Anklage selbstverständlich auf das entschiedenste bestritten. Und dies war nicht im Sinne der Sieger.

Was man Bellingers Buch vielleicht als Schwäche ankreiden mag, ist seine häufige Verwendung fragwürdiger Quellen wie etwa der Memoiren des Himmler-Masseurs Felix Kersten oder der Aufzeichnungen des zwiespältigen SS-Brigadeführers Walter Schellenberg. Bellinger wollte natürlich seiner Schilderung der letzten Wochen des Reichsführers SS Farbe verleihen, und da er sich – anders als beispielsweise David Irving in seiner Churchill-Biographie – dabei kaum auf die Tagebucheinträge von Zeitgenossen stützen konnte, mußte er zwangsläufig auch Quellen benutzen, deren Glaubhaftigkeit nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Dies ändert jedoch nichts daran, daß dieses fesselnde Buch jedem zeitgeschichtlich Interessierten aufs nachdrücklichste zu empfehlen ist.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 9(3) (2005), S. 339f.


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