Das Schicksal der jüdischen Familie „Glazig“ in Holland

Von Carl O. Nordling

Durch Zufall bekam ich Einblick in das Familienbuch einer holländisch-jüdischen Familie, die im östlichen Teil Hollands lebte, der für eine kleine Minderheit holländischer Juden Heimat war. (Mehr als 80 Prozent lebten in den Städten von Noord-Holland und Zuid-Holland, dem Amsterdam-Rotterdam-Gebiet.) Die verschiedenen Familiennamen der Mitglieder dieser Familie sind für diese Studie nicht von Bedeutung und deswegen nicht erwähnt. Die folgenden Daten dienen als Beispiel für das Schicksal einer jüdischen Familie in Ostholland während des 2. Weltkrieges. Leider gibt die Aufstellung keine Auskunft über das Todesjahr der 23 hier aufgeführten Personen, die in den Jahren zwischen 1850 und 1890 geboren waren (zuzüglich einiger jüngerer Personen, die gestorben sein können, ohne daß es erwähnt wird). Deswegen ist es nicht möglich festzustellen, wie viele Personen im Jahr 1940 noch am Leben waren, als Holland von Deutschland besetzt wurde. Es war notwendig, bei der Schätzung der im Jahre 1940 noch lebenden Mitglieder der „Glazig“-Familie von gewissen Voraussetzungen auszugehen.

Ausweislich der Daten des Familienbuches (unter Berücksichtigung der Umstände) lebten zu dieser Zeit 117 (plus/minus 5) Mitglieder der Familie.

Vor Kriegsende wurden weitere drei „Glazigs“ geboren und (zumindest) fünf starben ohne deportiert zu werden. Von den 117 lebenden Personen wurde folgende Anzahl deportiert (nach Auschwitz, Sobibor oder Mauthausen), eingeteilt nach Altersgruppen:

Geburtsjahr deportiert nicht deportiert zusammen
1850-59 2 1 3
1860-69 8 7 15
1870-79 28 7 35
1880-89 11 4 15
1890-99 6 2 8
1900-09 7 9 16
1910-19 6 8 14
1920-29 3 2 5
1930-39 0 6 6
Summe: 71 46 ± 5 117 ± 5

Die Tabelle zeigt, daß die älteren Jahrgänge von den Deportationen härter betroffen waren als die jüngeren.

Die Deportationsrate für die Gruppe, die 1940 älter als vierzig Jahre war, betrug 72 Prozent, während die der zwischen zehn und vierzig Jahre alten nur 46 Prozent betrug. Kinder, die im Jahr 1940 unter zehn Jahre alt waren, wurden gar nicht deportiert.

Das Familienbuch gibt uns das Todesdatum für 68 der deportierten Personen und die übrigen drei sollen die Lager überlebt haben.

Ein Vergleich zwischen den angegebenen Todesdaten und den Abfahrtsdaten der Deportationszüge zeigt uns, daß die Todesdaten immer als drei Tage nach Abfahrt der einzelnen Züge angegeben sind. Daher ist es offensichtlich, daß die Person, die das Familienbuch führte, einfach annahm, daß jeder, der nicht lebend nach Holland zurückkehrte, sofort nach Ankunft in Auschwitz oder wo immer getötet worden war. Es ist jedoch wohlbekannt, daß nicht alle Deportierten sofort nach ihrer Ankunft getötet wurden. Wenn der Todestag eines Einzelnen z. B. als „10. September 1942“ angegeben ist, besagt das in Wirklichkeit lediglich, daß diese Person am 7. September deportiert wurde und seither nichts über ihr weiteres Schicksal bekannt wurde. Es ist durchaus möglich, daß einige der 68 Glazigs, die nach dem Krieg nicht nach Holland zurückkehrten, in Wirklichkeit Auschwitz überlebt haben und erst auf dem Marsch bei der Evakuierung des Lagers starben. Oder sie könnten auch während der letzten Kriegsmonate erst in einem anderen Lager verstorben sein. Es besteht sogar die Möglichkeit, daß einige von ihnen den Krieg wirklich überlebten und sich aus irgendeinem Grunde entschlossen, nicht in ihre Heimatstadt zurückzukehren, sondern ein neues Leben in einem anderen Land zu beginnen. Es hätten dafür gute Gründe geben können, etwa wenn sie herausfanden, daß praktisch alle holländischen Juden vernichtet worden seien und sie nicht erwarten konnten, Verwandte oder jüdische Freunde in ihrer alten Heimat vorzufinden.

Leider sind die Informationen eines großen Teiles der „Glazig“-Familie im Familienbuch zu unvollständig, um sie als Vorlage für das Schicksal der holländischen Juden allgemein zu verwenden.

Etwa die Hälfte der Überlebenden war 1945 unter 15 Jahre alt. Die Verluste der „Glazig“-Familie waren auffallend niedriger, als die generell bei den holländischen Juden angegebenen.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 9(3) (2005), S. 310.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis