Von Kindern, die Auschwitz überlebten

Von Jean-Marie Boisdefeu

Im Juni 1998 fand in Brüssel das „Dritte Internationale Treffen für audiovisuelle Zeugnisse Überlebender der NS-Konzentrations- und Vernichtungslager“ statt.

Die israelische Forscherin Anita Tarsi, die hauptsächlich über die Fortunoff-Archive arbeitet, hielt hierbei einen Vortrag über das Schicksal einer Gruppe von Kindern, die zwischen den Jahren 1927 und 1938 geboren (damals also 6 bis 17 Jahre alt) waren und von Dachau nach Birkenau geschickt, dort aber nicht bei ihrer Ankunft [zwecks Vergasung] „selektiert“ wurden. Aus dem Bericht, den die Auschwitz-Stiftung1 darüber veröffentlicht hat, geht hervor, daß Marie Lipstadt, Mitglied des Verwaltungsrates der Auschwitz-Stiftung, in der anschließenden Diskussion ihr Erstaunen zum Ausdruck brachte:

„Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, daß man, wenn man unter 15–16 Jahre alt war, sofort in die Gaskammer kam.“

Anita Tarsi antwortete, daß auch sie verwundert gewesen sei zu erfahren, daß Kinder, die 1944 nach Auschwitz kamen, nicht vergast wurden, daß es jedoch tatsächlich so gewesen sei: Ende Juli, Anfang August 1944 kamen zwei Gruppen von Kindern nach Birkenau, eine aus Majdanek, eine aus Dachau, die nicht vergast wurden (angeblich jedenfalls nicht sofort, einige – aber nicht alle – sollen einige Wochen später [für eine Vergasung] selektiert worden sein). Frau Tarsi konnte jedoch keinen Grund für diese Gnade der SS angeben; sie stellte zur Diskussion, daß diese Kinder nicht von der SS erwartet worden waren, und die SS nicht wußte, was sie mit ihnen machen sollte, oder daß dies vielleicht an den großen Massen von Juden lag, die zu jener Zeit aus Ungarn ankamen. Will Frau Tarsi damit etwa ausdrücken, daß die SS überfordert und schlecht organisiert war?

Ein gewisser Salomon R. beteiligte sich dann an der Diskussion und gab Frau Tarsi recht. Er erklärte, er habe in Monowitz ein Kommando von 25 bis 30 Kindern unter 12 Jahren bemerkt. Als er 1945 nach Belgien zurückkam, habe er 5 Kinder getroffen, die ihre Deportierung nach Auschwitz überlebt hatten [es könnte sich bei diesem zweiten Diskussionsteilnehmer um den am 4.3.26 geborenen Salomon R. handeln, der aus Malines mit dem Transport III am 15. August 1942 mit sechzehneinhalb Jahren nach Birkenau deportiert wurde und seither von den Historikern für tot gehalten wird].

Diese Angaben sind durchaus erstaunlich, ja geradezu verwirrend.

1. Heutige Forscher stoßen immer wieder auf eine bekannte und leicht nachprüfbare Tatsache: einzelne Kinder und sogar Gruppen von Kindern sind nach Auschwitz deportiert worden und haben überlebt.

Die Historiker von gestern haben dies nicht in Betracht gezogen, ja, eher noch verschleiert, was die Unwissenheit und das Erstaunen ihrer Nachfolger erklärt.

Diese Wiederentdeckung ist ohne Zweifel darauf zurückzuführen, daß audiovisuelle Zeugnisse Mode geworden sind, und daß natürlich jetzt, ein halben Jahrhundert nach dem Kriege, die Forscher nur noch Überlebende befragen können, die bei ihrer Deportierung im Kindesalter waren.

2. Die spezielle, von Frau Tarsi angeführte Tatsache, findet sich übrigens im Kalendarium wieder, das nicht umhin kann zu berichten (wir werden weiter unten sehen, warum), daß am 1. August 1944 eine Gruppe von 128 Jungen im Alter von 8 bis 14 Jahren aus dem Ghetto von Kaunas über Dachau ankam und registriert wurde. Ihre Mütter und Schwestern wurden in das Lager Stutthof verschickt (wo es auch nach offizieller Geschichtsschreibung keine Gaskammern gab). Die Väter und älteren Brüder hingegen kamen nach Stettin.

In Dachau hatten Häftlinge den armen Kindern erklärt, daß Auschwitz ein Vernichtungslager sei, und einige von ihnen waren unterwegs geflohen. Die Kinder kamen bei ihrer Ankunft in Auschwitz in ein Quarantänelager, wodurch klar ist, daß die SS keineswegs die Absicht hatte, sie zu vergasen (das Kalendarium verschweigt uns allerdings den Grund dafür).

3. Marie Lipstadts Erstaunen ist als solches erstaunlich. Sie wurde nämlich selbst mit dreizehneinhalb Jahren nach Auschwitz deportiert, wo sie am 2. August 1944 eintraf, also einen Tag nach Ankunft der Jungen. Und offensichtlich wurde auch sie nicht vergast. Das Kalendarium behauptet zwar das Gegenteil, hat aber unrecht: aus dem Transport, dem Marie Lipstadt mit insgesamt 47 Kindern angehörte (der 26. Transport ab Malines-Brüssel), wurden 202 Deportierte nicht [für den Arbeitseinsatz] selektiert und, wie das Kalendarium sagt, sofort vergast: „Die anderen 202 Personen, darunter 47 Kinder, wurden in den Gaskammern getötet“. Es steht jedoch fest, daß Marie Lipstadt, obwohl ein Kind, bei ihrer Ankunft registriert und nicht vergast wurde. Es ist auch festzustellen, daß Marie Lipstadt kein Einzelfall war, denn auch andere Kinder aus ihrem Transport sind wieder aufgetaucht.

In Fällen, wo die Anzahl der Kinder eines Transports kleiner ist als die Gesamtzahl der Nichtregistrierten, kann das Kalendarium zwar dogmatisch behaupten, daß die Kinder zur Gruppe der Nichtregistrierten gehörten und vergast wurden. Wenn jedoch die Anzahl der Kinder die Zahl der Verschonten übersteigt, kann man das nicht mehr vortäuschen. Das Kalendarium kann natürlich einfach die Anwesenheit von Kindern unterschlagen. Das war z.B. der Fall beim Transport holländischer Juden aus Vught am 3. Juni 1944, (s. Akribeia Nr. 5, Oktober 1999, S. 142 – in Kürze in VffG auf deutsch). Das läßt sich jedoch nicht mehr durchführen, wenn der ganze Transport aus Kindern besteht, wie hier der Transport aus Dachau: man muß dann leider eine ärgerliche Tatsache akzeptieren, weil sie sich nicht vertuschen läßt.

4. Die Teilnehmer an diesem Internationalen Audiovisuellen Treffen, die alle berufsmäßige Forscher oder bekannte Aktivisten sind, scheinen nicht zu wissen, daß in den verfügbaren Dokumenten zahlreiche verschonte Kinder zu finden sind. Natürlich gibt es viele Zeugnisse für die Ankunft großer Mengen jüdischer Frauen und Kinder aus Ungarn in westlichen Lagern in den Jahren 1944/1945. Wir beziehen uns hier jedoch auf Dokumente (wenn möglich standesamtlicher Art), die diese unglücklichen Kinder aus der Anonymität herausheben und spezifische Fälle betreffen (wir befassen uns hier nur mit Kindern unter 15 Jahren und beileibe nicht mit allen solchen Fällen).

So finden sich in einer Liste, die von einer zionistischen Organisation im September 1945 im ehemaligen Lager Bergen-Belsen aufgestellt wurde, Namen und Geburtsdaten von sehr vielen ungarischen Kindern (einige wurden in der Haft geboren). All diese Kinder sollen im Frühjahr und Sommer 44 Auschwitz durchlaufen haben, so behaupten die Historiker (in einigen Fälle übrigens zu unrecht). Wir zitieren als Beispiele:

Es läßt sich auch der Fall anführen, von dem wir bereits in Akribeia Nr. 4, März 1999, S. 226 gesprochen haben; eine junge Ungarin, die Auschwitz durchlief ohne vergast zu werden: Sara Gottliner-Atzmon, 11 Jahre, kam im Sommer 1944 ins Lager, in Begleitung ihres jüngeren Bruders und eines noch sehr kleinen Neffen, die beide ebenfalls verschont blieben.

Auch in den Transporten aus der Tschechoslowakei (Theresienstadt) finden sich Kinder, die überlebt haben, so etwa die kleine Wienerin Ruth K., Ankunft Sommer 1944 mit 12 Jahren.

Die Juden aus Korfu kamen am 30. Juni 1944 nach Auschwitz und die Arbeitsunfähigen, drei Viertel des Transportes, wurden laut Kalendarium sofort vergast. Wie läßt sich dann die Anwesenheit des kleinen Gabriel B. (bei seiner Deportation 13 1/2 Jahre alt) im September 1945 in Bergen-Belsen erklären?

In den holländischen Transporten (s.o. Akribeia Nr. 4) gab es 17 Kinder unter 15 Jahren, die am 3. Juni 1944 ankamen, registriert wurden und überlebt haben; einige von ihnen sind sogar später nach Holland zurückgekehrt, so etwa:

Dazu kommen die vielen aus Frankreich und Belgien deportierten Kinder, die dort geboren wurden, französisch sprachen, und französische Vornamen hatten, die angeblich blockweise bei ihrer Ankunft vergast wurden, so etwa:

Halten wir noch fest, daß Jeannette 15 Monate jünger war als das älteste der Kinder aus Izieu, die im selben Transport eintrafen (Fritz L., 15 Jahre) und die laut Kalendarium alle vergast wurden. Aus diesem Transport sind noch mindestens fünf weitere Kinder, alle jünger als Fritz, nach Frankreich zurückgekehrt.

Er wurde bei der Selektion auf die „linke Seite“ der nicht arbeitsfähigen Frauen geschickt (wie die alten Frauen und Frauen mit kleinen Kindern), die laut Kalendarium und Zeugen (verläßlichen Zeugen, versteht sich) sofort vergast wurden. Tatsächlich wurde Friedel aber ins Frauenlager eingewiesen und später unter der Nummer A5241 registriert.

Es handelt sich hier tatsächlich um die berühmte Simone Lagrange.

Er traf am 11. August 1944 ein, wurde ins Durchgangslager eingewiesen und laut Kalendarium am 5. September 1944 vergast. Tatsächlich wurde er unter der Nummer B 9722 am 7. September registriert und kam, wie alle die erwähnten Kinder, nach Hause zurück.

Man kann daher folgendes feststellen: Es finden sich überlebende Kinder in allen Transporten der untersuchten Periode (nachdem die Deutschen im Frühjahr 1944 die Ukraine verloren hatten). Nebenbei sei bemerkt, daß, wenn die Sterbebücher des Jahres 1944 verfügbar wären, dort zweifellos zahlreiche jüdische Kinder zu finden wären, denn in den Sterbebüchern von 1942 und 1943 ist nicht ein einziges verzeichnet. Das könnte durchaus der Grund sein, warum besagte Sterbebücher noch nicht wieder aufgetaucht sind. Denn gerade angesichts dieser Nachweise könnten sich die Historiker nicht länger um die ganz wichtige Frage drücken: Warum findet man Spuren von überlebenden oder toten Kindern, die deportiert worden sind, nachdem die Deutschen die Ukraine verloren hatten, aber warum finden sich keine Spuren von vor dieser Zeit?

Kommen wir jedoch auf die Überlebenden zurück:

Man kann vielleicht sagen (wie dies manchmal geschieht), daß dieses Kind älter aussah als es war, jenes sich unter den Röcken seiner Mutter versteckt hat, für ein Drittes kein Gas mehr bereit stand, oder für ein viertes die Gaskammern gerade nicht funktionierten. Und die anderen? Tja, das weiß man halt nicht. Im Kalendarium steht nur, daß sie vergast wurden, was unzutreffend ist. Ihre Rückkehr steht im unerklärlichen Widerspruch zu dem Dogma, daß sie alle, mit wenigen Ausnahmen, gleich nach Ankunft vergast wurden.

Wir müssen also mit großer Bescheidenheit eingestehen, daß die Rückkehr dieser Kinder ein Mysterium ist, also ein Glaubensakt, der unserer ärmlichen Vernunft unzugänglich ist. Die einzige rationale Erklärung ist vielleicht, daß die Ausnahme zur Regel geworden ist und daß, wie Pierre Vidal-Naquet es im Hinblick auf die „Multiplikatoren“ von Jean-Claude Pressac gesagt hat, es sich dabei um eine „wissenschaftliche Errungenschaft handelt, die wir nicht ungestraft beiseite legen können“. Sagen wir es einmal so.

Anmerkungen

Zuerst veröffentlicht in Akribeia, Nr. 6, März 2000, S. 94 bis 99