Psychoanalyse und die Utopie wechselseitiger Schutzlosigkeit

Zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud

Von Ernst Manon

„Sie haben die Presse, sie haben die Börse, jetzt haben sie auch das Unterbewußtsein!“ spottete Karl Kraus 1910.1

„Wer einen Patienten analysiere“, so schrieb Sándor Ferenczi schon 1918, „unterziehe dabei, ob er wolle oder nicht, sein eigenes Selbst und dessen Entwicklung einer Revision.“ Später spitzte er diesen Gedanken noch zu: „Mutuelle Analyse“ – wechselseitige Öffnung von Arzt und Patient – sei die einzige Möglichkeit, der professionellen „Hypokrisie“ zu entkommen. Der FAZ-Redakteur Lorenz Jäger schreibt weiter dazu:

„Wer das „Klinische Tagebuch“ liest, begibt sich in einen geistigen Raum, der zunehmend enger wird. Nicht ohne Bedrückung stellt man fest, daß die Krankheit zum einzigen Interesse wurde, das Ferenczi noch ans Leben fesseln konnte. Das Tagebuch entwirft eine Utopie wechselseitiger Schutzlosigkeit ... Aber die Analyse scheint zu einem Mikrokosmos ohne Ausweg zu werden. ... Die Analyse wurde zum Katarakt, der die Persönlichkeit mit sich riß.“

Ernest Jones, der Freud-Biograph, diagnostizierte bei Ferenczi die Keime einer „destruktiven Psychose“. Erich Fromm, darüber um eine Beurteilung gebeten, schrieb damals:2

„Der wichtigste Punkt ist die typisch stalinistische Umschreibung der Geschichte, bei der die Stalinisten den Ruf ihrer Gegner ruinieren, indem sie sie als Spione oder Verräter bezeichnen. Die Freudianer machen das, indem sie sie ‚geisteskranksinnig‘ nennen.“

„Im Gegensatz zu Freud hat sich heute die Erkenntnis durchgesetzt, daß die Gegenwart nicht durch die Vergangenheit zu verstehen ist, sondern umgekehrt: Versteht man die Gegenwart in der psychoanalytischen Situation, dann versteht man auch die Vergangenheit, und nach dieser Erkenntnis wird ‚technisch‘ verfahren“

berichtet Caroline Neubaur von einem Psychoanalyse-Kongreß in Versailles.3 Die Kinderpsychologin Annemarie Dührssen hat Erich Fromm

„immer wieder einmal spöttisch davon reden hören, daß die Streitigkeiten der verschiedenen psychoanalytischen Gruppen dem Tanz um den Wunder-Rebbe glichen.“4

Fromm hatte seine Psychoanalytikerin Frieda Reichmann geheiratet, die ein jüdisches Sanatorium geleitet hatte, wo Tora und Therapie auf Freudscher Grundlage gepflegt wurden, was von Witzbolden damals das „Torapeutikum“ genannt wurde. Wie der spätere Kabbalaforscher Gershom Scholem berichtet, hatten sich bis auf einen alle, auch die freudianische Analytikerin selbst, das orthodoxe Judentum weganalysiert, was die Schließung des Torapeutikums nach sich zog. Fromm war einer der ersten, der die Lehren von Freud und Marx miteinander verbinden wollte. Er, ehemals einer der gesetzestreuesten Zionisten, gab den Zionismus auf und wurde ein begeisterter Trotzkist.5

Wenig freundliches wußte der jüdische Kulturphilosoph Egon Friedell (eigentl. Friedmann, 1878–1938) über die Psychoanalyse zu berichten. Als Sohn einer jüdischer Tuchhändlerfamilie ließ er sich mit 19 Jahren taufen und verkündete, „die Fesseln Esras und Nehemias abgeworfen“ zu haben, sodaß „das Gesetz Mose keine Stätte mehr findet in meinem Kopf“:6

„Die Psychoanalyse hat einen katastrophalen Defekt: das sind die Psychoanalytiker, deren Elaborate eine Mischung aus Talmud und Junggesellenliteratur darstellen. Die Amerikaner nennen die Psychoanalyse im Gegensatz zur Christian science die ‚Jewish science‘. In ihr scheint in der Tat jenes odium generis humani, das schon die Alten den Juden nachsagten, wieder einmal zu Wort gekommen zu sein: ihr Ziel ist ganz unverhüllt die Verhäßlichung und Entgötterung der Welt. ‚Mit den Juden‘, sagt Nietzsche, ‚beginnt der Sklavenaufstand in der Amoral. Man müßte einmal die Psychoanalyse psychoanalysieren. Ihre Konzeption wächst aus dem Herrenwunsch des Neurotikers, der sich die Menschheit zu unterwerfen sucht, indem er sie sich angleicht, aus einer Übertragungsneurose, die ihren eigenen hypertrophischen Libidokomplex als ‚Welt‘ objektiviert, aus einem Instinkthaß gegen die religiösen Bewußtseinsinhalte, die der Adept der Jewish science aus allen Mitmenschen eliminieren möchte, weil er unterbewußt weiß, daß er als Jude, und das heißt: als typischer homo irreligiosus, auf diesem Gebiet mit den ‚anderen‘ nicht konkurrieren kann. Kurz: es ist, abermals mit Nietzsche zu reden, ‚ein Parasitenattentat, ein Vampirismus bleicher unterirdischer Blutsauger‘; es handelt sich um einen großartigen Infektionsversuch, einen schleichenden Racheakt der Schlechtweggekommenen: die ganze Welt soll neurotisiert, sexualisiert, diabolisiert werden. Die Psychoanalyse verkündet den Anbruch des Satansreichs. Vielleicht kündet sie wahr; vielleicht naht wirklich das Zwischenreich des Teufels, dessen Anbeter, wie der Kenner der schwarzen Messe weiß, als höchste Heiligtümer seinen Phallus und seinen Hintern verehren. Es ist, zum drittenmal mit Nietzsche zu reden, ‚eine jüdische Umwertung der Werte‘.“7

Eine gewisse Bestätigung finden wir bei Gershom Scholem, wenn er schreibt, daß „der Begriff des Heiligen Betrugs ... von Beginn an zu einem Eckstein der sabbatianischen Lehre“ wurde.

„Zugleich fällt es schwer, sich nicht über die Präfiguration mancher sehr modernen psychoanalytischen Ideen in diesen paradoxen Thesen der kabbalistischen Psychologie zu wundern.“8

„... so stellt sich die schwerwiegende Frage“ meint Paul Watzlawick, „bis zu welchem Grade die modernen Psychotherapien selbst an dem Grundübel leiden, das zu beheben sie sich berufen fühlen.“9 Diesen Gedanken hatte allerdings bereits Karl Kraus 1913 in der Fackel auf den Begriff gebracht:

„Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.“

Der amerikanische Arzt und Psychoanalytiker Daniel Stern meinte:10

„Eine der verwirrenden Seiten der Psychoanalyse ist ja, daß Theorien nicht ‚wahr‘ sein müssen. Sie müssen nützliche Metaphern anbieten, um Patienten so behandeln zu können, daß diese ihr Leben besser verstehen.“

Wir verstehen dann aber natürlich auch das Leben und die Leiden der Prominenten besser. So hat etwa Hillary Clinton öffentlich bekannt, daß die außerehelichen (Fellatio-)Abenteuer ihres Ehemanns, des damals angeblich mächtigsten Staatschefs dieser Erde, auf dessen schwere Kindheit zurückzuführen seien:11

„Es gab da einen schrecklichen Konflikt zwischen seiner Großmutter und seiner Mutter. Ein Psychologe hat mir einmal erzählt: Die schlimmste Situation, die man sich für einen Jungen vorstellen kann, ist, wenn er im Mittelpunkt eines Konflikts zwischen zwei Frauen steht. Das führt zu dem Wunsch, es immer beiden recht zu machen.“

Jerry Oppenheimer behauptet in einem Buch über Das Innenleben der komplexen Ehe von Bill und Hillary Clinton, die First Lady hätte 1974 einen Wahlhelfer einen „Judenbastard“ genannt. Bill sprang ihr in einem Interview in der Daily News zur Seite:12

„Sie mag ihn einen Bastard genannt haben. Das würde ich nicht ausschließen. Ich habe sie aber nie einen Witz mit einer ethnischen Verbindung erzählen hören.“

In einem „multiethnischen“ Staat kann man es nicht jedem recht machen. Bei einem Nahost-Besuch im Herbst 1999 hatte sie die Frau des damaligen Palästinenserchefs Arafat auf die Wange geküßt, nachdem diese Israel der Massenvergiftung von Frauen und Kindern beschuldigt hatte. „Shame on Hillary“ hieß es auf der Titelseite der New York Post. Auf eigene jüdische Wurzeln ging sie wohlweislich nicht ein, nachdem der Forward enthüllt hatte, daß Hillarys Stiefgroßvater ein Jude gewesen und die Halbschwester ihrer Mutter später zum jüdischen Glauben übergetreten sei. „Hillary ist BEINAHE jüdisch.“ hieß es in der New York Post. „The First Shiksa wants to be a Yenta? Oy!“13 Doch nun zurück zu Freud.

„Sie wissen nicht, daß wir ihnen die Pest bringen.“ soll Freud einmal zu Carl Gustav Jung gesagt haben, als sie mit dem Schiff nach Amerika übersetzten.14

„In keinem anderen Land der Welt hat die Lehre Sigmund Freuds tiefere Wurzeln geschlagen.“ weiß Jörg von Uthmann, der frühere New York-Korrespondent der FAZ, zu berichten:15

„Der Grund für den sensationellen Erfolg der Psychoanalyse in Amerika ist nicht schwer zu erraten: Sie kam der amerikanischen Urüberzeugung entgegen, daß jeder Mensch als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt und ein verbrieftes Anrecht darauf hat, glücklich zu werden. Wer in Amerika andeutet, für Intelligenz und Charakter könnten auch genetische Faktoren von Belang sein, ist gut beraten, rechtzeitig Polizeischutz anzufordern ...“

„Das Werk von Freud ist viel eher ein für die gegenwärtige Generation geschriebenes Kapitel der jüdischen Geschichte, in gewisser Weise der neueste Kommentar zum Talmud, und darin liegt wohl nicht das ganze Maß der ihr möglichen Geltung, so doch ihre tiefste Rechtfertigung.“

So die Einschätzung von Franz Kafka.16

Ähnlich wie Marx hatte auch Freud eine eigene geheime, wenn auch eher geistige, Leibwache. Nachdem sich der Bruch mit Carl Gustav Jung abzeichnete, wurde ein „Geheimes Komitee“ gegründet. Dem Selbstverständnis der Mitglieder entsprach es, „wie die Paladine Karls des Großen das Reich und die Politik ihres Herrn zu hüten“, wie es der Initiator, Ernest Jones formulierte.17 Die Neurotiker seien „Gesindel“ – nützlich allenfalls zur Fortbildung der Theorie und zur materiellen Sicherung des Arztes, notierte Sándor Ferenczi nach einer mündlichen Äußerung des Meisters in sein Tagebuch.18

In seinem Kurzen Abriß der Psychoanalyse hatte Freud noch 1928 betont:

„In theoretischer wie therapeutischer Hinsicht verwaltet die Psychoanalyse ein Erbe, das sie vom Hypnotismus übernommen hat.“

In einer Buchbesprechung von Martin Stingelin heißt es nun:19

„Entkleidet man das psychoanalytische Setting im Licht dieser Vorgeschichte Schritt für Schritt vom mit dem Hypnotismus übernommenen Erbe, bleibt, wie der Soziologe und Wissenschaftshistoriker Andreas Mayer jetzt eindrücklich gezeigt hat, buchstäblich nichts Sichtbares übrig.“

Im übrigen berichtet David Korn, daß Freud „dem Faschismus und dem Duce Mussolini aufgeschlossen gegenüberstand“.20

Nach Jeshajahu Leibowitz, dem israelischen Philosophen,21 ist die „Psychoanalyse eine jüdische Möglichkeit, Geld zu verdienen, das ist ein schlechtes Zeichen für die Juden. In der Theorie ist sie nicht wissenschaftlich, sondern nur eine Mythologie, in der Praxis ist sie nicht effektiv“.

Auf die Frage, warum sie solange ihren Status aufrechterhalten konnte, wenn sie nicht effektiv sei:

„Das Christentum hat sich auch zweitausend Jahre gehalten.“22

Theodor Wiesengrund Adorno meinte:

„An der Psychoanalyse ist nichts wahr als ihre Übertreibungen.“23

Wenn Herbert Marcuse schrieb:24 „Die Wahrheit der Psychoanalyse liegt darin, daß sie ihren herausforderndsten Hypothesen die Treue hält“, so möchte Russell Jacoby vom History Dept. der University of California in Los Angeles dies auch für die Kritische Theorie, also letztlich den Kommunismus, gelten lassen.25 Brecht hatte es in seinem Stück Die Maßnahme noch griffiger formuliert:

„Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: daß er für den Kommunismus kämpft.“

Ivan Denes formulierte eine Erkenntnis, die wir immer wieder bestätigt sehen:26

„Einer Teilwahrheit wurde das Gewicht eines Schlüsselprinzips in der anthropologischen Erkenntnis zugeteilt – wie es schon ähnlich verlaufen war mit der analytischen Erschließung der Rolle des wirtschaftlich-materiellen Faktors in der Deutung der Weltgeschichte. Unter der Wucht der in glaubensfremde Bereiche eingedrungenen talmudischen Denkweise hatte die Welt der Verlockung nicht standgehalten, sofort der Wirklichkeit eine allgemeingültige Erklärung in den Bauch hineinzureden. Die vulgärpsychoanalytische Deutungsweise wurde zur geistigen Seuche, von der sogar akademische Medizin, die Psychologie und nicht in minderem Maße auch die Sozialwissenschaften heimgesucht wurden.“

Daß es keineswegs etwa nur die „ausgeflippten“ und „durchgeknallten“ Typen sind, die an den Grundfesten unserer Kultur rütteln, mag das Beispiel des Kanadiers George Brock Chrisholm zeigen, der mit dem Aufbau der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betraut war, fünf Jahre lang deren erster Generalsekretär war und schließlich zum ersten Präsidenten der World Federation of Mental Health gewählt wurde. Er schrieb:

„Die Neu-Interpretation und schließliche Ausmerzung der Begriffe Recht und Unrecht sind endlich das Ziel praktisch aller effektiven Psychotherapie geworden ... Der Vorschlag, daß wir aufhören sollen, unseren Kindern Moral und Recht und Unrecht zu lehren und statt dessen ihre ursprüngliche geistige Integrität schützen sollen, wird wahrscheinlich Protest hervorrufen ... Es wird behauptet, daß die Beseitigung von Recht und Unrecht unzivilisierte Menschen, Unmoral, Gesetzlosigkeit und soziales Chaos hervorbringen würde. Tatsächlich sind aber schon die meisten Psychiater und Psychologen und viele andere angesehene Menschen diesen Ketten entronnen und fähig geworden, frei zu beobachten und zu denken ... Wenn die Menschheit von der lähmenden Last von Gut und Böse befreit werden soll, so müssen die Psychiater die erste Initiative ergreifen. Diese Herausforderung müssen wir annehmen ... Zusammen mit den anderen Wissenschaften vom Menschen muß die Psychiatrie bestimmen, was die unmittelbare Zukunft der Menschheit sein soll. Niemand anderer kann dies, und es ist daher in erster Linie eine Verantwortung der Psychiater.“

Er gab dann noch der Hoffnung Ausdruck, daß es zwei bis drei Millionen geschulter Psychiater bald gelingen würde, die Menschen von den „perversen“ Begriffen Recht und Unrecht zu befreien.27 Und weiter:

„So wollen wir also die Verantwortung übernehmen, diese Welt umzuwandeln durch Zerstörung der traditionellen Werte, das heißt durch Neuinterpretierung und spätere Auslöschung des Konzepts von recht und unrecht, welches die Grundlage unserer bisherigen Kindererziehung ist ... notfalls sogar mit Gewalt.“28

„The truly free man creates his own morality“ stellte schon der russisch-jüdische Revolutionär Alexander Herzen fest.29

Die Psychoanalyse konnte zunächst als Alternative zum Marxismus erscheinen, denn dieser bekämpfte sie heftigst. Sie besetzte das Feld, das er ihr frei ließ – zusammen mit dem Strukturalismus. „1968 war das Jahr der allgemeinen Versöhnung“: Im „Hörsaal Freud-Che Guevara“ unterrichtete Lucien Goldman den „Freudo-Marxismus“. François Chatelet, so erinnert sich Alain Besançon, „wollte ihm den Strukturalismus, den Existentialismus, die Phänomenologie und vieles andere beifügen.“ Doch Besançon30 war von seiner Neurose der Epoche geheilt, die Synthese von Marx und Freud nicht nach seinem Geschmack:31

„Ich hegte den Verdacht, diese beiden Doktrinen könnten zwei Arten einer gemeinsamen Gattung sein. Was der Marxismus war, wußte ich seit langem. Ich entfernte mich langsam von der Psychoanalyse und ihrem Milieu.“

Marx und Freud gemeinsam war der Unwille, ja die Unfähigkeit, Irrtümer einzugestehen. In seiner Abhandlung Kindheitserinnerung Leonardos, in der er versuchte, Leonardo da Vincis psycho-sexuelle Entwicklung zu rekonstruieren, war Freud einem an sich unbedeutenden, aber für seine Folgerungen fatalen Übersetzungsfehler aufgesessen, den zu berichtigen er unterließ. Schon frühzeitig hatte er Vorkehrungen getroffen, um das Eingeständnis von Irrtümern zu vermeiden. Bei der Schätzung des Büchleins über Leonardo setze er voraus,

„daß man mit den krummen Wegen der Psychoanalyse recht vertraut sei“.32

„In den bestgedeuteten Träumen muß der Psychoanalytiker oft eine Stelle im Dunkeln lassen, weil man bei der Deutung merkt, daß dort ein Knäuel von Traumgedanken anhebt, das sich nicht entwirren will ... Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung gerät, müssen ja ohne Abschluß bleiben und nach allen Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt auslaufen.“33

Daniel Krochmalnik, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde von Heidelberg, führt die Psychoanalyse auf die rabbinische Traumhermeneutik zurück und kommt zu einem ähnlichen Ergebnis:34

„nicht der Traum an sich, sondern der gedeutete Traum geht in Erfüllung ... Das setzt voraus, daß die Träume erst wirksam werden, wenn der Träumer sie sich im wachen Zustand nach der einen oder anderen Methode bewußt gemacht und angeeignet hat.“

Ja, es kommt sogar zu einer Umkehrung:

„Alle Träume richten sich nach der Deutung.“

Theodor Lessing, der Freuds Hypothesen kritisch gegenüberstand, schickte ihm eines Tages ein Buch, in dem er behauptete, Freud hätte keinen Satz geschrieben, der nicht schon Jahre zuvor zwischen Nietzsche und dessen jüdischem Freund Paul Rée diskutiert worden sei:35

„Es gibt heute nichts an Psychologie und Psychoanalyse, das nicht seine Urquelle hätte in jenen Gesprächen, die damals Rée und Nietzsche miteinander geführt haben. Nicht ein einziger Gedanke ist hinzugekommen.“

Worauf Freud ihn auf seine „Haßliste“ setzte.36

Die Geburt der Psychoanalyse aus der Lüge ist der Untertitel einer Abrechnung mit Freud des 1951 in Groningen geborenen Autors Han Israëls: Der Fall Freud, und 2005 ist in Paris ein Schwarzbuch der Psychoanalyse – Livre noir de la Psychanalyse – erschienen.37

Der in die Jahre gekommenen Psychoanalyse wachsen nun unter dem Zuspruch des Dekonstruktivisten Jacques Derrida neue Flügel: „Sein messianischer Zentralbegriff ist das ‚nichtnegative Unmögliche‘. In diese messianische Kategorie übersetzt er das Ziel der freudschen Psychoanalyse ... Er meint allerdings, was Freuds prophetischer Kritik und Skepsis fehle, sei das Messianische: Ein wahrer Prophet muß, gemäß Derrida, messianisch sein. Diesem Messianischen eröffnete er eine Heimstatt. Damit ‚mondialisiert‘ er Begriffe der innerjüdischen Heilserwartung.“

So berichtet Caroline Neubaur von einer Psychoanalyse-Tagung an der Sorbonne, wo Derrida seinen „genuin psychoanalytischen Appell für ‚une psychanalyse à venir‘, eine Psychoanalyse, die da kommen muß“ vortrug.38 „Als einer der bedeutendsten Denker der Gegenwart“ erhielt Derrida am 22. September 2001 den mit 100.000 DM dotierten Frankfurter „Theodor W. Adorno-Preis“.39 „Die Nachkriegsanalyse geht nun zu Ende, und das bringt eine Götterdämmerung mit sich“ resümiert Caroline Neubaur von einer neuerlichen Psychoanalyse-Tagung in Ulm. „Die Gründungsväter waren vor allem Anti-Hitler-Götter.“40

Zum Schluß noch ein echter jüdischer Witz:41 „Zwei Psychoanalytiker fahren nach Beendigung der Sprechstunde im Fahrstuhl herunter. Der eine sagt: ‚Schrecklich, den ganzen Tag dem greulichen Unsinn der Patienten zuhören zu müssen!‘ – ‚Wer hört schon zu?‘ – ‚Who listens?‘ ist ein geflügeltes Wort geworden.“

©: Juni 2006

Anmerkungen