Buchbesprechung

Marschall Schukow: Lebensweg über Leichen

Von Dan Michaels

Viktor Suworow, Marschall Schukow – Lebensweg über Leichen, Pour le Mérite, Selent 2002, 350 S., €25.80

Jeder Krieg bringt echte Militärstrategen und Helden hervor. Viele von ihnen sterben auf dem Schlachtfeld, oder ihre Verdienste bleiben unerkannt.

Marschall Georg Schukow war als viermaliger „Held der Sowjetunion“ unbestreitbar der höchstausgezeichnete Militär der Sowjetunion. Im Zweiten Weltkrieg stieg er bis zum Posten als Stellvertreter des Obersten Befehlshabers auf. Er war nach Josef Stalin die bekannteste Gestalt der UdSSR.

Viktor Suworow, wohl der führende Revisionist des deutsch-russischen Krieges, zeigt in seinem jüngsten Buch auf, daß Schukow weder ein echter Held noch ein großer Stratege war. Wie Suworow ausführt, war Schukow nicht nur der einzige General der Weltgeschichte, der für den Verlust von mehr als 5 Millionen seiner Männer im Kampf geehrt werden sollte, sondern er war auch ein skrupelloser Kommandeur, der seine Untergebenen durch grobe Inkompetenz und Rohheit verheizte. Und was seinen Charakter als Menschen angeht, so legt Suworow dar, daß Schukow in keiner Weise ein ehrenhafter Soldat war, sondern, wie die Russen sagen, ein „Soldafon“ – ein roher, großmäuliger Despot.

Die gesamte Geschichte der Sowjetunion ist, wie Viktor Suworow in seinem jüngsten Buch schreibt, eine auf Lügen und Propaganda aufgebaute Fälschung.

Abgesehen vom russischen Volk selbst, dessen Mut und Opferbereitschaft anerkannt werden muß, gab es während des ganzen Sowjetregimes keine wirklichen kommunistischen Helden; vor allem zählen diejenigen nicht dazu, die uns aus Presse und elektronischen Medien des sowjetischen Propagandaapparates (Agitprop) als solche präsentiert wurden. Suworow präsentiert den Fall des vierfachen „Helden der Sowjetunion“ Marschall Georgi Schukow als typisches Beispiel für dieses erfundene Heldentum.

Wie Suworow feststellt, war das Märchen von Schukows Genialität eine Erfindung der kommunistischen Partei und des Marschalls selbst in seinen Memoiren.1 Es wurde durch kommunistische Politkommissare und Propagandisten wie General David Ortenberg, den Chefredakteur der Militärzeitung Roter Stern, und Boris Polevoi (Pseudonym von Boris Kampow), den Chefredakteur der Prawda in der ganzen Welt verbreitet. In den westlichen Medien wurde die Legende von Gesinnungsgenossen und naiven Dummköpfen nachgeplappert und ausgeschmückt. Ein umnachteter Geistlicher schlug um 1970 sogar vor, die Russisch-Orthodoxe Kirche solle Schukow heiligsprechen.

Als im Grunde genommen roher und unprofessioneller Soldat genoß Schukow wenig Achtung bei seinesgleichen, z. B. den Marschällen Bulganin, Wassilewski, Jeremenko, Sacharow, Golikow, Konew, Rokossowski, Timoschenko, Birjusow.

Suworow zitiert, wie diese Kollegen Schukow beschreiben. Die am häufigsten gebrauchten Adjektive zur Charakterisierung Schukows sind: angeberisch ,roh, brutal, sadistisch, dumpf, krankhaft narzißtisch, anmaßend. Sie benutzten auch Ausdrücke wie Schlachter, Betrüger, Trunkenbold, Prahlhans, Karrieremacher, und dergleichen. Diese Bezeichnungen beruhen durchaus nicht auf beruflichen Eifersüchteleien. Zu Schukows Pech stimmte zuerst Stalin und später Chruschtschow dieser Bewertung bei.

Der heutige russische Militärhistoriker Pawel Bobilew vom Militärhistorischen Institut des Russischen Verteidigungsministeriums gibt zu, daß „Marschall Schukow in seinen Memoiren eine überwiegend eigennützige und sich selbst reinwaschende Version dessen zusammenbraut, was tatsächlich Mitte der 1940er Jahre und am Vorabend des Krieges geschah.“2

Marschall Schukow war nicht der Meisterstratege und Urheber der meisten Sowjetsiege auf dem Schlachtfeld, als den ihn die Medien beschrieben haben. Statt dessen war er einer von Stalins brutalen Scharfrichtern, ein rücksichtloses Individuum, dem uneingeschränkte Vollmacht gegeben war um sicherzustellen, daß die von Stalin und dem Höchsten Oberkommando (Stawka) entwickelte militärische Strategie und Taktik erfolgreich umgesetzt wurden, ungeachtet der Verluste an Menschen oder Material.

Suworow vergleicht Schukows Rolle und Verantwortlichkeit mit der des Chefs der Geheimpolizei, Genrich Jagoda, dem die Leitung beim Bau des Ostsee-Weißmeerkanals zugeschrieben wird, bei dem unzählige Tausende Sklavenarbeiter umkamen. Jagoda war der Sklavenhalter, der dafür sorgte, daß die Arbeiter zur Verfügung standen, aber er hatte nichts mit der Planung, dem Bau und der nachfolgenden Betreibung des Kanals zu tun. Genauso war es mit Schukow, der seine Männer ins Gefecht trieb, ohne eine Strategie entwickelt zu haben, die den Sieg mit den geringstmöglichen Verlusten einbrachte. Mit Bezug auf Schukows Vorgehensweise schrieb Marschall Rokossowski:3

„Schukow liebte es mehr, Befehle zu geben, als seine Leute zu führen. In schwierigen Augenblicken konnte kein Untergeordneter irgendeine Hilfe – sei es die Hilfe des Kameraden, des Führers, oder ein ermutigendes Wort eines befreundeten Ratgebers – von seiner Seite erwarten.“

Suworow behandelt Schukows Werdegang chronologisch von seinen frühen unverdienten „Siegen“, bis schließlich zu seiner voll verdienten Amtsenthebung.

Die Schlacht von Chalchin-Gol

Schukows erstes Kommando, bei dem er seinen ersten Orden als „Held der Sowjetunion“ erhielt, war im Sommer 1939 die Schlacht am Chalchin-Gol in der Mongolei, die von vielen als Generalprobe für den geplanten sowjetischen Angriff auf Deutschland 1941 angesehen wird. Als der Kreml den Entschluß faßte, den Japanern eine Lektion zu erteilen und zugleich die sowjetische Kriegsmaschinerie auszuprobieren, wurde General Schukow für die Leitung der Operation ausgewählt. Er erhielt freie Hand, beliebig viele Leute und Material anzufordern. Suworow zufolge entwarf Schukow nicht selbst die plötzliche sowjetische Dampfwalzen-Einkesselung, die mit übermächtigen Kräften durchgeführt wurde.

Während die Schlachtberichte Schukows Namen und die der Politkommissare erstrahlen lassen, die der Operation beigeordnet waren, und sogar einzelne Helden in der Truppe benennen, werden die entscheidenden Offiziere – der Generalstabschef und der Leiter der Operativen Abteilung, die für die Führung und das Ergebnis der Schlacht am meisten verantwortlich waren – in keiner Weise erwähnt. Suworow stellte bei seinen Nachforschungen fest, daß die meisten wichtigen Daten der Operation immer noch als geheim eingestuft und unzugänglich sind. Er fand aber schließlich den Namen von Schukows Generalstabschef in den wenig verbreiteten Memoiren von Marschall Matwej Sacharow. Das Verdienst, die bei Chalchin-Gol so erfolgreich angewandte Strategie entwickelt zu haben, kommt nicht General Schukow zu, sondern dem Brigadekommandeur M.A. Bogdanow, der damals der beste Stabschef der Roten Armee war.

Flottenadmiral Nikolaj Kusnezow, der später von Marschall Schukow persönlich entfernt wurde, kommentierte Schukows Rolle in der Schlacht:4

„Später war er [Schukow]bestrebt, alle Erfolge in den Kämpfen mit den Japanern sich selbst zuzuschreiben.“

Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg

Ende 1940, nach seiner Rückkehr von dem erfolgreichen Feldzug in der Mongolei, fand Schukow die Karte Europas verändert vor: Sie zeigte Stalins Einmarsch in Finnland, den Baltischen Staaten und Bessarabien, wie auch Hitlers Vormarsch in Westeuropa.

Im Dezember 1940 beorderte Stalin alle seine wichtigen Militärkommandeure und das ganze Politbüro zu einer zehntägigen Konferenz nach Moskau, um die möglichen Strategien im Falle eines Krieges mit Deutschland zu erörtern. Die Konferenz begann am 23. Dezember. Angeblich sollte sie sich mit der Frage befassen, wie die Sowjetunion bei einem Angriff durch Deutschland am besten verteidigt werden könne. Suworow stellt aber fest, daß in Wirklichkeit die meisten Referate der Teilnehmer Methoden erörterten, wie Deutschland am besten angegriffen werden könne.5

General Schukow, damals Kommandeur des Kiewer Militärbezirks, wurde – dank seiner einzigartigen Erfahrungen in der Mongolei – dazu auserkoren, den Hauptvortrag zu halten: „Der Charakter der modernen Angriffsoperation“. Schukow behauptete, zu sehr von seinen anderen Pflichten beansprucht zu sein und delegierte das Abfassen der Rede an einen bis dahin wenig bekannten, aber begabten Offizier, nämlich Oberst I. Ch. Bagramjan.

Wie Suworow berichtet, stieg Bagramjan später bis zum Rang eines Marschalls auf und konzipierte im Zweiten Weltkrieg die sowjetische Sommeroffensive von 1944, die den Mittelbereich der deutschen Front durchbrach.

Suworow nennt andere Vorträge, die auf der Konferenz gehalten wurden, z.B. „Die Luftstreitkräfte in der Angriffsoperation und im Kampf um die Luftherrschaft“ durch General P. W. Rytschagow, den Chef der Luftwaffen-Hauptverwaltung und „Die Nutzung mechanisierter Verbände in der modernen Angriffsoperation und die Einführung eines mechanisierten Korps in den Vorstoß“ von General D. G. Pawlow. Als General F. N. Remisow den Volkskommissar für Verteidigung, Marschall S. K. Timoschenko ansprach und sagte, „Genosse Volkskommissar für Verteidigung, moderne Verteidigung verstehen wir vor allem...“ unterbrach ihn Timoschenko brüsk „Wir sprechen nicht von Verteidigung“.

Die Referate, wie bei einer offensiven Kräfteentfaltung vorgegangen werden sollte, um einen plötzlichen, dampfwalzenähnlichen Angriff gegen Deutschland zu bewerkstelligen, (ähnlich wie gegen die Japaner in der Mongolei) wurden gut aufgenommen.

Alle Konferenzteilnehmer waren bezüglich der Vorträge zu absoluter Geheimhaltung verpflichtet. Dennoch konnte Schukow in seinen 1969 veröffentlichten Memoiren darüber berichten – er gab fälschlicherweise an, die Konferenz habe sich mit der Verteidigung der Sowjetunion im Falle eines deutschen Angriffs befaßt.

Vorkriegsmanöver

Im Januar 1941, unmittelbar nach der Konferenz, wurden strategische Operationsmanöver in großem Stil abgehalten, um die theoretischen Erörterungen der Konferenz zu überprüfen. Stalin und das ganze Politbüro waren Beobachter. Der Volkskommissar für Verteidigung, Marschall Timoschenko, leitete die Kriegsspiele.

Marschall Schukow zufolge kommandierten er und etwa 21 andere Generale die (blauen) „Westmächte“, d.h. die einmarschierenden deutschen Kräfte, während General D. G. Pawlow mit 28 Generalen die verteidigenden (roten) Ostkräfte der Russen befehligte.

Wunderbarerweise entwickelte Schukow, seinem eigenen Bericht zufolge, seine Kräfte in genau der Weise, wie es die Deutschen ein Jahr später bei ihrem Angriff taten. Der Verfasser Iwan Stadnjuk beschreibt Schukows Brillanz sarkastisch:6

„Sein Talent war so herausragend, daß ihm ein Blick auf die Karte genügte, um die Situation einzuschätzen. Er versetzte sich in die Gedanken der deutschen Militärführung und konnte so fast unfehlbar die Entscheidungen vorhersehen, die die Deutschen trafen.“

Suworow hat sich als junger Leutnant gewundert, warum der Chef des Generalstabes, Armeegeneral K.A. Merezkow nicht selbst die Verteidigung geleitet hatte, da sie doch für das Überleben des Staates so wichtig war.

In Wirklichkeit wurde im Januar 1941 nicht ein Kriegsspiel durchgeführt, sondern deren zwei, was aber von Marschall Schukow in seinen Memoiren verheimlicht wird.7

Das erste lief vom 2. bis 6. Januar, bei dem die „Deutschen“ ihren Angriff von Ostpreußen aus führten, während das zweite vom 8. bis 11. Januar ablief, wobei die „Deutschen“ von Rumänien und Ungarn aus angriffen.

Im zweiten Kriegsspiel kommandierte Schukow die sowjetischen Streitkräfte, während Pawlow die „Deutschen“ kommandierte. Suworow führt aus, daß in diesen Manövern die westlichen Kräfte nur 3512 Panzer und 3336 Flugzeuge hatten, während die Sowjets 8811 Panzer und 5652 Flugzeuge hatten – entgegen der Legende, die Deutschen hätten bei der Operation Barbarossa mit überlegenen Kräften angegriffen.

Im tatsächlichen Krieg hatten die Deutschen sogar noch weniger Panzer und Flugzeuge, während die sowjetische Seite über noch mehr verfügen konnte.

In diesen Kriegsspielen, so führt Suworow weiter aus, hatten die Sowjetstreitkräfte zwei Wahlmöglichkeiten für einen Angriff: einen direkten Schlag nördlich von Polessje gegen Ostpreußen, Königsberg und Berlin, der die gesamte deutsche Armee vernichtet hätte, oder südlich von Polessje in Richtung auf Budapest und die rumänischen Ölfelder. Stalin selbst wählte die zweite Alternative.

Die Internationale Lage

Bald nach den Manövern im Januar 1941 wurde Schukow zum Chef des Generalstabes ernannt. Suworow betont, Schukow hätte in dieser Position Stalin warnen müssen, daß Hitler aufgrund des Vormarsches der sowjetischen Kräfte in den vergangenen zwei Jahren in Finnland, dem Baltikum und in Rumänien keine andere Wahl hatte, als anzugreifen, bevor Deutschland völlig von seinen Rohstofflieferanten abgeschnitten würde.

Deutschland war nämlich völlig vom schwedischen Eisenerz sowie von Nickel und Holz aus Finnland abhängig. Die Sowjetunion hatte aber erstens in den vorangegangenen Jahren ihre Baltische Flotte dermaßen ausgebaut, daß diese allein über mehr Schiffe verfügte, als Deutschland zur Verteidigung gegen die vereinigten Flotten der Engländer und Amerikaner im Atlantik hatte (die gesamte Marine Deutschlands verfügte damals über insgesamt 57 U-Boote, während die UdSSR allein in der Ostsee 65 U-Boote hatte). Zweitens war die Sowjetunion erfolgreich in Finnland einmarschiert und konnte jetzt leicht den Bottnischen Meerbusen sperren. Drittens hatte die Sowjetunion die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen besetzt. Keine dieser Maßnahmen war für die Sowjetunion aus Gründen der Verteidigung notwendig. Sie waren augenscheinlich ergriffen worden, um Deutschland von seiner Versorgung mit Rohstoffen abzuschneiden.

In ähnlicher Weise hätte Schukow wissen müssen, daß die sowjetische Besetzung von Bessarabien und der Nordbukowina, die Deutschlands einzige und wichtigste Ölversorgung bedrohte, für Deutschland kaum lange Zeit erträglich war. Er hätte Stalin vor einem möglichen Angriff warnen müssen. Er tat es nicht.

Nach Suworows Meinung wäre es in Bezug auf die rumänischen Ölfelder für die Sowjets strategisch besser gewesen, entweder die Ölfelder von Ploesti unvermittelt einzunehmen, oder überhaupt nichts in dieser Richtung zu unternehmen. Das Gros der deutschen Militärmaschinerie war zu dieser Zeit an der Westfront eingesetzt. Die Ostfront war weit offen. Indem die Russen etwas Halbes machten und Bessarabien und die Bukowina vereinnahmten, erreichten sie nur, den deutschen Tiger zu reizen und Rumänien ins deutsche Kriegslager zu führen. In die Ecke gedrängt, konnte der Tiger nur angreifen. Stalin traf diese politischen Entscheidungen, aber Marschall Schukow hätte aus strategischen Gründen davon abraten können und sollen.

Der 22. Juni 1941

Als am 22. Juni 1941 der deutsche Tiger die Sowjetunion angriff, war das Hauptquartier des Obersten Befehlshabers (Stawka) von erstaunlicher Unentschlossenheit gelähmt. Wie Suworow berichtet, lag das nicht daran, daß die UdSSR nicht auf einen Krieg vorbereitet gewesen wäre: sie war bis an die Zähne bewaffnet und beinahe bereit, in einem Offensivkrieg nach eigenen Plänen anzugreifen. Das Codewort für den sowjetischen Angriff auf Deutschland und Europa lautete „Grosa“, was „Gewitter“ bedeutet. Sehr ausführliche Einmarschpläne waren an alle Frontkommandeure verteilt worden, in roten Päckchen, die aber erst nach besonderer Anweisung geöffnet werden durften. Marschall Wassilewsky kommentierte dies nach dem Krieg und schrieb:8

„Natürlich gab es operative Pläne, sogar sehr detailliert ausgearbeitete, ebenso wie Mobilmachungspläne. Mit diesen Mobilmachungsplänen war buchstäblich jede Einheit ausgestattet, bis hin zu völlig unbedeutenden rückwärtigen Einheiten wie Vorratslagern oder Wirtschaftskommandos [...] Das Übel lag nicht darin, daß uns operative Pläne gefehlt hätten, sondern an der Unmöglichkeit ihrer Ausführung in der eingetretenen Situation.“

Die Stawka hatte absolut keine Pläne für einen Defensivkrieg entwickelt. Die roten Päckchen mit den operativen Pläne wurden nie geöffnet. Josef Stalin und Marschall Schukow sind hierfür verantwortlich.

Darüber hinaus erfolgte der Hauptansturm der Deutschen nördlich von Polessje, während Schukow, der behauptet hatte, genau zu wissen, was die Deutschen planten, seine Hauptkräfte südlich von Polessje entfaltet hatte. Da Schukows eigene Pläne durcheinander gebracht worden waren, waren seine ersten Befehle an die sowjetischen Streitkräfte undurchdacht und wirr.

Am 22. Juni, dem Tag des deutschen Angriffs, gab Schukow den Befehl Nr.1 aus, der den Sowjetstreitkräften befahl, auf provokative Aktionen in keiner Weise zu reagieren. Später an diesem Tag folgte der Befehl Nr. 2, nachdem die Deutschen bereits durch die sowjetischen Verteidigungen vorgedrungen waren. Als am 24. Juni der Befehl Nr. 3 ausgegeben wurde, besiegelte er das Schicksal der Fronttruppen der Roten Armee, da er jenseits aller Realität die Rote Armee in der Region Suwalki aufforderte, anzugreifen, den Feind einzukesseln und zu vernichtet. Das Umgekehrte geschah.

Zwei Monate später, im August, hatte Schukow wieder eine strategische Entscheidung zu treffen, wie Suworow in Erinnerung ruft. General Guderians Panzereinheiten hatten die strategisch wichtige Stadt Jelnja eingenommen, einen Brückenkopf 300 km von Moskau entfernt. Im August war das deutsche Oberkommando unentschlossen, ob Guderians Kräfte einen Vorstoß auf Moskau oder einen Dreh nach Süden machen und sich mit den Kräften von General Kleist vereinen sollten, um die Sowjetarmeen vor Kiew einzukesseln. Schukow beschloß, einen Frontalangriff auf die deutschen Stellungen bei Jelnja zu unternehmen. Schukow nahm zwar schließlich Jelnja ein, aber seine Verluste an Menschen und Material waren so groß, daß sein Pyrrhussieg eine der ganz großen Katastrophen des gesamten Feldzugs auslöste.

Zu Schukows Unglück schafften es nämlich Guderians Hauptkräfte, an den Sowjets vorbeizukommen, ohne entdeckt zu werden. Bevor sie sich nach Süden wandten, verminten die Deutschen die Gegend um Jelnja gründlich. Schukows Kräfte griffen die nun verlassene Jelnja-Stellung an und erlitten auf den Minenfeldern schwere Verluste. In der Zwischenzeit hatten sich Guderians Kräfte mit der südlichen Gruppe von Kleist vereinigt. Sie kesselten 6 sowjetische Armeen ein, konnten 665.000 sowjetische Gefangene einbringen, 884 Panzer, 3178 Feldgeschütze und große Mengen an Munition und Treibstoff erbeuten.

Die Legende von Marschall Schukows Genialität schreibt diesem die erfolgreiche Verteidigung von Leningrad zu, die Abwehr der Deutschen vor den Toren Moskaus, die deutsche Niederlage von Stalingrad und die Einnahme von Berlin. Doch um die Front nach der verhängnisvollen Niederlage seiner Armeen zu stabilisieren, berief Stalin eine Woche nach dem deutschen Angriff den begabten Strategen General Andrej Jeremenko, der Kommandeur der Fernost-Armee in Chabarowsk war. Jeremenko sollte den europäischen Schauplatz übernehmen, die Ordnung wiederherstellen und den deutschen Vormarsch verlangsamen. Dies erreichte Jeremenko – nicht Schukow – in harten Schlachten um Smolensk und Brjansk.

Leningrad

Schon seit der Zarenzeit hatte Leningrad über derartig starke Verteidigungsanlagen zu Land und zur See verfügt, daß jeder Versuch einer Besetzung der Stadt von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Mit der Artillerie-Unterstützung der Geschütze der Baltischen Flotte war die Verteidigungskraft der Stadt in der Tat gewaltig. Nur ein Verrückter, so sagt Suworow, hätte Kräfte auf die Einnahme der Stadt verschwendet, nur um eine Trophäe zu erhalten. Da Hitler kein Verrückter war, entschied er, die Stadt ihrem Elend zu überlassen und seine jetzt ausgedünnten und erschöpften Kräfte auf ein wichtigeres Ziel zu richten: Moskau. Folglich rettete Schukow eine Stadt, die zu stürmen die Deutschen gar keine Absicht hatten, kommentiert Suworow sarkastisch.

Moskau

Es stimmt zwar, daß die Deutschen an der Toren Moskaus gestoppt wurden, wie Suworow betont, aber Marschall Schukow hatte wenig damit zu tun. Erstens waren die deutschen Streitkräfte nach fünf Monaten ununterbrochener Kämpfe ausgedünnt und erschöpft. Sie hatten ihre Nachschubgüter aufgebraucht, vor allem den Treibstoff, und sie hatten noch keine Winterbekleidung erhalten. In vielen Fällen verfügten die Einheiten nur über 40 Prozent ihrer Sollstärke. Zweitens hatte das sowjetische Oberkommando (Stawka), und nicht Schukow weitere 39 kampfbereite Divisionen und 42 Brigaden aus Sibirien, dem Ural, Kasachstan an die Westfront verbracht.

Die sowjetische Verteidigung entlang des Flusses Lama, der genau westlich und nordwestlich der russischen Hauptstadt verläuft, erwies sich als besonders schwer zu überwinden. Erstmals im russisch-deutschen Krieg wurden die sowjetischen Verteidigungsanlagen und die Verteidigungskräfte mit vollendetem Geschick organisiert. Dem russischen Kommandeur, der dies bewerkstelligt hat, fiel kein Ruhm zu. Der Name des Generals war Andrej Wlassow. Er lief später zu den Deutschen über.

Die deutschen Verluste in der Schlacht um Moskau waren in der Tat bedeutsam, und in vielen Bereichen der Front mußten die Deutschen den Rückzug antreten. Suworow zufolge übertrieb Schukow dann die deutschen Verluste und das Ausmaß des deutschen Rückzugs. Er überzeugte Stalin, daß eine Großoffensive an der gesamten Westfront die Deutschen völlig in die Flucht schlagen würde. Anstatt ihre Kräfte wie eine Faust zu ballen, um die deutsche Hauptgruppierung zu zerschlagen, griffen die Sowjets entlang der gesamten Front an, wie die ausgespreizten Finger einer Hand. Die Verluste der Roten Armee waren gewaltig, als sich die deutschen Linien festigten. Schukow verlor drei weitere Armeen und zwei Korps. „Nicht kleckern, sondern klotzen“ heißt der berühmte deutsche Spruch, den Schukow offenbar nicht kannte.

Obwohl die Russen die Deutschen im ersten Kriegswinter nicht aus Rußland vertreiben konnten (der russisch-deutsche Krieg sollte weitere dreieinhalb Jahre andauern) lobte Stalin Schukow und verlieh ihm neue Ehren. Suworow weist auf Stalins Gepflogenheit hin, die blutigsten politischen Henker reichlich mit Orden zu versehen. Daher machte Stalin auch Lew Mechlis, Lawrenti Berija, Nikolai Bulganin und andere Politmörder zu Generalen und Marschällen, pries sie und verlieh ihnen höchste Orden.

Stalingrad

Die Legende von Marschall Schukows Genie schreibt diesem auch das Verdienst des Sieges von Stalingrad zu. Suworow zeigt aber, daß Schukow wenig Zeit in Stalingrad verbracht hat: Sein erster Besuch erfolgte am 31. August, als er Gegenangriffe vorschlug. Nach zwei Wochen kehrte er nach Moskau zurück.

Sein letzter Besuch in Stalingrad war am 16. November. Die sowjetische Hauptoffensive zur Einkreisung begann am 19. November – ohne Schukow. Der Marschall war hauptsächlich damit beschäftigt, erfolglose Angriffe an anderen Frontabschnitten ins Werk zu setzen, vor allem in Richtung Sytschewka, Rschew, und Wjasma. Für diese fehlgeschlagenen Operationen wurden Schukow mehr Soldaten und Material zur Verfügung gestellt (fünf Armeen, plus fünf weitere unter Marschall Konew), als bei der erfolgreichen Stalingrad-Operation zum Einsatz kamen, die Schukow ursprünglich für weniger wichtig hielt.

Suworow zufolge wußten weder Stawka noch Schukow, daß die Deutschen 22 Divisionen in die Stalingrad-Operation geworfen hatten. Schukow und Stawka glaubten, daß nur 7 bis 8 deutsche Divisionen in der Falle waren und planten eine Offensive mit breiter Front und tiefem Durchstoß (600 km) in Richtung auf Riga, Witebsk und Minsk. Wie sich dann zeigte, kam dieser als Hauptoffensive geplante Vorstoß nur 37 km voran und brachte schwere Verluste ein.

Als das Ausmaß des sowjetischen Sieges bei Stalingrad erkannt wurde, hätte Marschall Schukow den gesamten südlichen Flügel des deutschen Vorstoßes in den Kaukasus einkesseln können. Hätten die Sowjets Rostow eingenommen, wären die Deutschen im Kaukasus abgeschnitten worden und der Krieg wäre vielleicht schon in diesem Jahr beendet gewesen, so spekuliert Suworow. Schukow versäumte jedoch, diese Gelegenheit wahrzunehmen.

Schukow hatte absolut nichts mit dem sowjetischen Sieg bei Stalingrad zu tun. Das größte Verdienst für die erfolgreiche sowjetische Umzingelung der deutschen 6. Armee fällt, wie schon im Herbst 1941 beim Aufhalten des deutschen Vormarsches auf Moskau, wiederum General Andrej Jeremenko zu, dem Strategen, der von Stalin Anfang August 1941 beauftragt wurde, eine südöstliche Front zu errichten, die Stalingrad und den Kaukasus beinhalten sollte. General Aleksander Wassilewski war der verantwortliche Kommandeur der Streitkräfte von Stalingrad. General Wasili Tschujkow kommandierte die berühmte 62. Sowjetarmee in Stalingrad.

Operation Mars

Das erfolgreiche Stalingrad-Unternehmen überraschte sowohl Schukow als auch Stalin. Als das sowjetische Oberkommando im Herbst 1942 seine Offensiven plante, wurden mehrere größere Offensiven nach den Planeten Mars, Uranus und Saturn benannt. Das Unternehmen Mars, auch bekannt als die Rschew-Sytschewka-Offensive, lief etwa 400 km westlich von Moskau ab und stand hauptsächlich unter General Schukows Verantwortung. Das Unternehmen Uranus, die Einkesselung von Stalingrad, stand unter dem Befehl von General Aleksander Wassilewski, und das Unternehmen Saturn schließlich war als Vorstoß nach Rostow geplant. Von diesen drei gleichzeitigen Operationen erhofften sich die Sowjets den vollständigen Zusammenbruch der Deutschen Heeresgruppe Mitte.

Die Schukow zugestandenen Kräfte waren etwa gleich groß wie die Wassilewskis. Mars begann am 29. November, Uranus am 19. November. Für die Operation Mars teilte Schukow etwa 670.000 Männer und 2000 Panzer ein, während Wassilewski etwa 700.000 Mann und 1400 Panzer für die Einkesselung von Stalingrad zur Verfügung standen. Stalingrad war natürlich ein ganz wichtiger sowjetischer Erfolg und ein Wendepunkt des Krieges. Das Unternehmen Mars unter Schukow war dagegen ein vollständiger Mißerfolg. Schukow konnte die deutschen Verteidigungslinien nicht durchbrechen. Bei diesem Versuch hatte er 200.000 Gefallene und verlor den Großteil seiner Panzer. Um sein Versagen zu vertuschen, behauptete die Stawka später, daß Mars nur als Ablenkung von Stalingrad durchgeführt worden sei. In Wirklichkeit hatte der ursprüngliche Plan der Stawka die größten Hoffnungen in Schukow gesetzt. Auf Grund seines Versagens konnte sich die Heeresgruppe Mitte wieder neu gruppieren und die Front weitere 18 Monate halten.

Diese wenig bekannte Schlacht wird als „Schukows größte Niederlage“ bezeichnet.

Kursk

Genau das gleiche geschah bei der großen Panzerschlacht von Kursk. Wie Suworow schildert, hatte Schukow mit den Vorbereitungen und auch mit der Führung der Schlacht so gut wie nichts zu tun. Er besuchte am Vorabend der Schlacht, nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, das dortige sowjetische Hauptquartier, und vier Stunden nach Beginn der Schlacht begab er sich zu einem anderen Abschnitt. Zwei gutvorbereitete sowjetische Fronten, – die Mittelfront unter General Rokossowski und die Front von Woronesch unter General N.F. Watutin erwarteten den deutschen Angriff. Marschall Wassilewski überwachte das Ganze von Moskau aus.

Die Sowjets waren über die deutschen Pläne vollständig von den Engländern informiert worden, die zu dieser Zeit den Enigma-Code lasen und eine Auswahl davon an den sowjetischen Nachrichtendienst sandten. Zur Sicherheit hatte der sowjetische Nachrichtendienst darüber hinaus seinen Agenten John Cairncross in Bletchley Park [Sitz des britischen Geheimdienstes] stationiert, um genauere Informationen zu beschaffen. Nach dem Sieg prahlte Schukow und brüstete sich seines neuen Sieges. Jahre später erinnerte sich Marschall Rokossowski:9

„An mich wenden sich die Genossen, die an der Kursker Schlacht teilgenommen haben, und fragen: Warum verzerrt G. K. Schukow in seinen Erinnerungen die Wahrheit, indem er sich etwas zuschreibt, was ihm nicht gebührt?“

Berlin

Schließlich beansprucht Marschall Schukow noch die Erstürmung von Berlin als weiteres Ruhmesblatt. Marschall Schukow wurde im Januar 1945 von Stalin nach Moskau berufen und mit der Führung der 1. Weißrussischen Front beauftragt, Marschall Konew mit der 1. Ukrainischen Front und Marschall Rokossowski mit der 2. Weißrussischen Front. Stalin bestärkte den Wettstreit zwischen Schukow und Konew, die deutsche Hauptstadt einzunehmen.

Rokossowski, der polnischer Abstammung war, wurde auf einen Nebenschauplatz abgeschoben, weil Stalin wollte, daß ein Russe die deutsche Hauptstadt einnähme.

Im Endkampf um Berlin wurde die Stadt von Überbleibseln verschiedener Wehrmachtseinheiten, dem Volkssturm und kleinen Einheiten französischer und deutscher Waffen-SS verteidigt. Die russischen Streitkräfte nahmen schließlich in der ersten Maiwoche Berlin ein – mit einer Übermacht im Verhältnis von etwa 10:1 bei Menschen und Waffen, mit zusätzlichen polnischen und rumänischen Einheiten, und mit Hilfe der britischen und amerikanischen Luftwaffe, die Berlin und Dresden und andere Städte auf dem Weg der Russen zerschmetterten. Die schwachen deutschen Verteidigungskräfte fügten Schukows Übermacht einen Verlust von über 300.000 Gefallenen und zwei Panzerarmeen zu. Es war ein für Schukow typischer Sieg, bei dem die russischen Verluste weit höher waren, als notwendig gewesen wäre.

Die Besetzung Deutschlands

Marschall Schukow durfte auf einem weißen Hengst die Siegesparade in Moskau anführen. Aber Stalin schätze Schukows Intelligenz nicht sonderlich hoch ein. Er hatte nach dem Krieg 10 Marschälle, aus denen er seine Militärratgeber in Moskau aussuchen konnte. Dem berühmten Marschall Schukow gab er die Aufgabe, in Deutschland wieder Ordnung herzustellen und dem Marodieren, Plündern, Vergewaltigen, der Trunksucht und der allgemeinen Anarchie Einhalt zu gebieten, die das Ansehen der Roten Armee und der Sowjetunion befleckten. Zu seinem persönlichen Ratgeber wählte Stalin Marschall Aleksander Wassilewski, der vielleicht einer der begabtesten russischen Generale war.

Der mit der deutschen Besetzung beauftragte Schukow hatte sein Hauptquartier in Wünsdorf und beschränkte die niedereren Dienstgrade allmählich auf das Kasernenleben. Er selbst ließ seiner Gier aber freien Lauf. Natürlich brauchte er hierfür Komplizen, von denen er viele bei den höheren Dienstgraden fand, vor allem bei den Offizieren der Geheimpolizei NKWD. Der NKWD-General Iwan Serow, selbst ein Held der Sowjetunion, und NKWD-General Konstantin Telegin organisierten den Großteil der Plünderungen für den Marschall und seine Freunde.

Suworow bezeichnet Schukow als „ersten sowjetischen Oligarchen“, der durch massenhafte Plünderung von Wertsachen (Juwelen, Pelze, Teppiche, Gemälde, seltene Bücher usw.), ein gewaltiges finanzielles Potential aufbaute und durch Geschenke an hochgestellte Freunde ein dichtes Netz von Beziehungen errichtete, so daß er schließlich fast uneingeschränkte Macht besaß.

Suworow Archivsuche ergab, daß General Bulganin im August 1946 an Stalin berichtete, daß „Jagoda sieben Waggons mit 85 Verschlägen mit Möbeln in seinem Gewahrsam hatte, die Marschall Schukow gehörten.“

Zur Illustration, wie das Ding gedreht wurde, zitiert Suworow mehrere Erklärungen von General Aleksei Sidnew, dem NKWD-Kommandeur von Berlin vor einer 1948 in Moskau abgehaltenen Anhörung:10

„Ich bekam von Schukow eine Krone geschickt, die allem Anschein nach der Gattin des Deutschen Kaisers gehört hatte. Aus dieser Krone war das Gold entfernt worden für die Verzierung einer Reitpeitsche, die Schukow seiner Tochter zum Geburtstag schenken wollte.“

„Serow befahl mir, ihm die besten Goldsachen allesamt direkt zu übergeben. Ich befolgte diese Weisung und übergab zu verschiedenen Zeiten Serows Apparat ungefähr 30 Kilogramm Gold in Form von Gegenständen… Außer mir gaben auch die anderen Sektorenleiter viele Goldsachen an Serow weiter.“

Stalin sah die Fäulnis und fürchtete außerdem, daß sich die Armee-Generäle und NKWD-Generäle gegen ihn verbünden könnten. Deshalb ging er gegen Schukow vor. Im Juni 1946 erklärte Generalissimo Stalin:11

„Marschall Schukow hat jede Bescheidenheit verloren und, fortgerissen von persönlichem Ehrgeiz die Ansicht vertreten, seine Verdienste würden ungenügend gewürdigt, wobei er in Gesprächen mit Untergebenen sich selbst die Ausarbeitung und Durchführung aller grundlegenden Operationen des Großen Vaterländischen Krieges zuschrieb, einschließlich derjenigen, zu denen er keinerlei Beziehung hatte.“

Als Stalin jedoch im gleichen Jahr seinen führenden Militärs vorschlug, Schukow all seiner Kommandos zu entheben, ihn zu inhaftieren und vielleicht zu erschießen, rieten die Generale und Marschälle einhellig davon ab. Suworow zufolge fürchteten sie, daß, wenn Stalin Schukow säuberte, sie selbst als nächstes an die Reihe kämen. Sie hatten alle die Säuberungen der 1930er Jahre im Gedächtnis. Also degradierte Stalin Schukow (bis dahin war der Marschall nach Stalin der mächtigste Mann gewesen) und wies ihm ein Kommando im Militärbezirk Odessa zu.

Anhörungen und Gerichtsverfahren wurden durchgeführt, um die schlimmsten Verbrecher zu verurteilen. Der Sekretär des Zentralkomitees Andrei Schdanow untersuchte die Plünderungsaktionen von Schukow und Telegin. Schukow versuchte sich zu verteidigen:12

„Die Anschuldigung gegen mich, ich hätte beim Anhäufen von Sachen mit Telegin gewetteifert, ist eine Verleumdung. Ich kann nichts über Telegin sagen. Ich meine, er hat die Ausstattung in Leipzig nicht auf rechtem Wege erworben. Was ich ihm auch persönlich gesagt habe. Was er dann damit gemacht hat, weiß ich nicht.“

Schdanow starb 1948, was den Angeklagten sehr dienlich war. Stalin versetzte Schukow 1948 in den Ural und hielt ihn außer Sichtweite. Die drohende Säuberung fand nie statt, und Marschall Schukow sollte nach Stalins Tod Verteidigungsminister werden.

1957, als Chruschtschow an der Macht war, der im Gegensatz zu Stalin seine Opponenten nicht ermordete, stimmten die Generale und Marschälle geschlossen der Enthebung Schukows von all seinen Ämtern und Kommandos zu. Und so geschah es.

Schukows Ordensliebe und Menschenverachtung

Zu der von den Kommunisten erfundenen Legende gehörte, daß Schukows Truppen den Marschall liebten, und daß er seine Truppen liebte. Aber Marschall Schukow benutzte und verheizte seine Männer wie Opferlämmer. Es gibt keinerlei Anzeichen, daß Schukow jemals versuchte, das Leben seiner Männer zu schonen und die Verluste auf dem Schlachtfeld durch brillante Taktik oder Kriegslisten gering zu halten. Wer nicht freiwillig zum Opferaltar ging, wurde einfach erschossen. 6,5 Millionen Gefallene der Sowjetarmee wurden begraben, aber nur etwa 2,3 Millionen Tote konnten identifiziert werden.

Massengräber waren die Regel, und oftmals wurden die Gefallenen nicht einmal begraben, sondern dort, wo sie fielen, einfach liegengelassen – selbst nach dem Krieg.

Suworow meint, daß Schukow seine Leute nicht so hätte verheizen können, wenn er für jeden Gefallenen einen Fichtensarg hätte beschaffen müssen. Aber die Großzügigkeit und verschwenderische Gleichgültigkeit, mit der Schukow Leben vergeudete, sowie seine Geringschätzung und Mißachtung der Gefallenen brachte schlichtweg die Haltung der Kommunistischen Partei gegenüber dem Individuum zum Ausdruck.

Suworow beschreibt aber auch, wie gut der Marschall und die Politkommissare für sich selbst sorgten. Während und nach dem Krieg war Schukows ganzer Oberkörper voller Medaillen und Orden jeglicher Art. Der Marschall liebte vor allem die mit wertvollen Steinen geschmückten Auszeichnungen. Zugleich mußten sich die gemeinen Soldaten, die die Kämpfe austrugen und den Krieg gewannen, mit der einfachen Spange „Sa otwagu“ („für Tapferkeit“) begnügen. 1991 wurden in einem Moskauer Warenhaus etwa 3,2 Millionen wertvolle Medaillen und Orden gefunden, die für die niederen Ränge vorgesehen gewesen waren. Marschall Schukow, der nach dem Krieg Verteidigungsminister war, fand nie die Zeit, diese Medaillen zu verleihen, obwohl er sich selbst oft eine neue verlieh.

Wie Suworow berichtet, betrieb Parteisekretär und Staatsoberhaupt Leonid Breschnew den schlimmsten Mißbrauch mit Kriegsauszeichnungen. Beispielsweise verlieh er sich selbst an jedem seiner Geburtstage 1966, 1976, 1978 und 1981 einen neuen „Held-der-Sowjetunion“-Orden.

Atomtest 1954

Suworow deckt ein besonders drastisches Beispiel von Schukows prahlerischen „Liebe“ zu seiner Heimat und den Soldaten unter seinem Kommando auf, das sich im September 1954 bei einer Militärübung ereignete, über die erst Jahrzehnte später berichtet wurde. Um die Wirkung einer Nuklearexplosion auf Bodenkräfte zu untersuchen, wurde am 14. September 1954 um 9,53 Uhr ein Experiment durchgeführt. Unter Leitung von Marschall Schukow warf ein Bomber aus einer Höhe von 13 Kilometern eine Atombombe ab. Ihre Sprengkraft entsprach 40 Kilotonnen Trotyl und damit der Sprengkraft der Bomben von Hiroshima und Nagasaki zusammen. Sie sollte in einer Höhe von 350 Meter über den 45.000 Soldaten der Manövertruppen (die Blauen als Verteidiger, die Roten als Angreifer) zünden. Zu dieser Zeit gab es in den medizinischen Einrichtungen in der Sowjetunion keinerlei Mittel gegen die Folgen einer radioaktiven Bestrahlung infolge einer Atomexplosion oder zur Behandlung hiervon. Suworow führt an, daß durch die Explosion Tausende junge Männer zeugungsunfähig wurden, unzählige erlitten Verstrahlungen, Blutfluß, Leukämie und andere verkrüppelnde oder tödliche Krankheiten.

Die beteiligten Truppen wurden auf Geheimhaltung eingeschworen. Die meisten wurden dann als dienstuntauglich aus der Armee entlassen.

Schukow wählte als Ort des Experiments das im Militärbezirk des Südurals gelegene Totskoje-Versuchsgebiet aus – ein besonders fruchtbares Landwirtschaftsgebiet zwischen der Wolga und dem Ural am Samara-Fluß. Die Bauern, die in der Umgebung lebten, wurden nicht vor dem Experiment evakuiert und erlitten die gleichen schlimmen Schäden wie die Truppen. Marschall Schukow wurde für seine kühne Führung gelobt. Es wurde gar vorgeschlagen, ihm einen fünften Orden „Held der Sowjetunion“ zu verleihen.

Nach Stalins Tod kam Schukow als 1. Stellvertreter des Verteidigungsministers nach Moskau zurück und wurde 1955 Verteidigungsminister. Bei den folgenden politischen Auseinandersetzungen tat sich Schukow mit Nikita Chruschtschow zusammen und organisierte mit dem KGB-Vorsitzenden Iwan Serow im Juni 1957 einen Staatsstreich, der Chruschtschow zum Sowjetführer machte. Schukow bereitete einen weiteren Staatsstreich vor, um selbst an die Macht zu kommen, wurde aber im Oktober nach einer Gegenverschwörung aller Posten enthoben.

Mitte der 1990er Jahre förderte Präsident Jelzin einen neuen Schukow-Kult und ließ ihm zu Ehren Statuen errichten.

Fassen wir zusammen: Suworow legt überzeugend dar, daß man nicht einen General als Militärgenie oder großen Strategen ansehen kann, der im ersten Kriegsjahr 5,3 Millionen Männer, 6,3 Millionen Gewehre, 20.500 Panzer, 10.300 Flugzeuge und 101.100 Geschütze verloren hatte und in den folgenden Kriegsjahren nochmals so viel; einen General, der nie die geringste Fürsorge für das Leben seiner Männer aufbrachte einen General, der eine Übermacht von 5:1 oder 10:1 benötigte, um überhaupt mit dem Feind mithalten zu können; ein General, der sich selbst Orden verlieh, ein General, der sich durch Plünderung des besiegten Feindes persönlich bereicherte – kurzum – ein General wie Marschall Schukow, dessen Karriere auf Bergen von Leichen beruhte – überwiegend von Männern unter seinem Befehl.

Wie fast alles in der ehemaligen Sowjetunion war die Legende Schukow ein Betrug. In Wirklichkeit war Schukow eher ein williger Henker Stalins als ein professioneller Soldat: Er war ein Meister im Verheizen von Soldaten.

Es überrascht nicht im geringsten, daß viele ehemalige kommunistische Beamten ihre Schukowschen Züge einfach auf ihre russische Version des Kapitalismus übertragen haben: nämlich ihren Mangel an Moral, ihre kriminellen Instinkte, ihre Wertschätzung für Privilegien, ihre Vorliebe für das Ausplündern, ihren Mangel an Professionalität. Schukow selbst hätte einen ausgezeichneten Mafioso abgegeben – oder eben, wie Suworow schreibt, den ersten Oligarchen. Schukows Technik, sich mit loyalen Komplizen zu umgeben, und dann die geplünderten Waren mit einflußreichen Leuten auf hohen Posten zu teilen, setzt sich im „kapitalistischen“ Rußland fort. Heute wird dieses System von Bestechungen „krisha“ (Schutz) genannt.

Die von Schukow jahrelang in verschiedenen hohen Ämtern praktizierte Brutalität und Kriminalität spiegelt sich in den heutigen Militäreinrichtungen Rußlands im gnadenlosen Drill junger Rekruten wider, dedowstschina genannt. Rekruten werden in der Grundausbildung so brutal behandelt und von ihren Vorgesetzten schikaniert, daß viele aus der Armee desertieren und manche sogar Selbstmord begehen. Und noch viel mehr junge Männer tun wegen dieser brutalen Tradition natürlich alles in ihrer Macht Stehende, um dem Militärdienst überhaupt zu entgehen.

Die entlarvenden Untersuchungen und Berichte von Viktor Suworow haben in den vergangenen Jahren in Europa und vor allem in Rußland Aufsehen erweckt. Suworows Nachforschungen waren so nachdrücklich, daß manche Russen glauben, der britische Nachrichtendienst habe ihm sein Material geliefert. Ob dies zutrifft oder nicht – seine Kritiker können kaum die Richtigkeit seiner Befunde bestreiten.

Suworow ist ein wichtiger, vielleicht der wichtigste russische Revisionist des Zweiten Weltkrieges.

Es ist erfreulich, daß dieses Buch von Suworow jetzt auch auf Deutsch vorliegt – eine englische Ausgabe fehlt immer noch, und dies gilt auch für andere seiner Werke.

Anmerkungen