DANUTA DRBUSZENSKA

Kurz nach Beendigung des Verfahrens gegen die spanischen Kapos mußte ich in einem anderen Nachfolgeverfahren zum Fall Konzentrationslager Mauthausen mitarbeiten. In vieler Hinsicht hatte dieser Fall Ähnlichkeit mit dem Verfahren gegen die spanischen Kapos. Wie gewöhnlich gab es auch diesmal die Begleitumstände mit den Berufszeugen, mit den entsprechenden Unsicherheiten bei der unvermeidlichen Verurteilung und dem harten Urteilsspruch für die Angeklagten. Warum dieses Verfahren ganz besonders in meinem Gedächtnis hängen blieb, war nicht so sehr die schlampige Art der Verhandlungen, noch der Aufmarsch der Berufszeugen, sondern die Aussage einer einzelnen Zeugin.

Ihr Name war Danuta Drbuszenska. Ein junges polnisches Mädchen, das überzeugend wirkte, weil es sich einfach und bescheiden gab. (Ihr Name war wegen der Verflechtung der Konsonanten so einprägsam, wie er schwierig auf der Maschine zu schreiben war).

Wie im Lauriano Navas Fall verwies der Hauptankläger, Mr. James Greenhill das Gericht auf die Entscheidung im Präzedenzfall Hauptverfahren Mauthausen:

- ... wonach die Durchführung der Massengrausamkeiten von Natur aus kriminell war und die daran Teilnehmenden nach einem »allgemeinen Plan« handelten, nach welchem sie Menschen töteten, schlugen, quälten usw. und daß das Gericht berechtigt ist anzunehmen, daß die Beteiligten davon gewußt haben müssen. -

Und so handelte das Gericht, das in diesem Fall die Angeklagten, Franz Kotier et al., als Teil »dieser Gemeinschaft« zur Lagerverwaltung gehörig einstufte. Dies war leicht zu behaupten, denn alle waren Deutsche und gehörten zum Stammpersonal. Viele von Ihnen waren Angehörige der Waffen-SS.

Auf der Anklageliste standen elf Personen, doch nur acht erschienen vor Gericht, um auf die Anklagen zu antworten

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Franz Kofler stammte aus Österreich. Zu den anderen sieben gehörten Michael Heller und Stefan Lennert, die in Rumänien geboren waren. Doch ethnisch gesehen waren sie Volksdeutsche, die in der SS dienten. Der Angeklagte Gustav Petrat, ein Litauer, ebenfalls Volksdeutscherund SS-Mann, wurde 1942 als Deutscher eingebürgert. Die verbleibenden vier, Hermann Franz Bütgen, Quirin Flaucher, Arno Albert Reuter und Emil Thielmann, waren gebürtige Deutsche.

Mein Dienst als Protokollführer in diesem Prozess begann mit der Aussage von Danuta Drbuszenska, der ersten Zeugin der Anklage. Sie war eine attraktive junge Frau, ihr blasses ovales Gesicht wurde von blondem Haar umrahmt. Sie hatte hellblaue Augen und war ohne jedes Make-up. Sie war schlank und von durchschnittlicher Größe. Sie trug ein hellrosa Baum-woll-Sommerkleid mit kleinen vom vielen Waschen ausgelaugten,hellen Druckmustem. Sie war, wie sie aussagte, einundzwanzig - zwei Jahre älter als ich. Nach einem kurzen Aufenthalt im Internierungslager von Lodz (während der deutschen Besatzungszeit Litzmannstadt genannt) wurde sie ins Lager Mauthausen versetzt. Sie und eine Gruppe anderer polnischer Frauen waren, so hatte ich es verstanden, in Barak-ken untergebracht, die als Bordell eingerichtet waren; nicht nur für deutsches Lagerpersonal, sondern auch für solche Häftlinge, die sich solche Dienste leisten konnten oder die für irgendwelche Leistungen innerhalb des Lagers belohnt wurden.

Abgesehen von ihrem guten Aussehen war ich von dem Moment an als sie den Gerichtsraum betrat, von der Ruhe die von ihr ausging, eingenommen. Das einfache Kleid, das sie trug, gab ein lässiges Erscheinungsbild ab. Sie sprach mit einer Ruhe und einem so ausgeglichenen Ton, daß man den Eindruckhatte, ihre Worte seien wohlüberlegt und ihre Gedanken vollkommen geordnet. Ich hatte den Eindruck, daß das Gericht genau so dachte. Nach ihrer Aussage glaubte ich, daß es ausreichen würde, den von ihr Beschuldigten namens Gustav Petrat zu hängen.

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Drbuszenka machte nicht den Eindruck, daß sie sich bewußt war, wie vernichtend ihre Anklagen waren. Es schien ihr gleichgültig zu sein, welchen Eindruck sie vor Gericht machte. Sogar als sie die blutrünstigen Einzelheiten der Grausamkeiten schilderte, von denen sie vorgab Kenntnis zu haben, war sie die kühlste, tatsachenbewußteste Zeugin, die ich in Dachau kennengelernt hatte, da sie vollkommen unbeteiligt erschien, sogar während des Kreuzverhörs durch den Verteidiger. Sie schien mich nie zu bemerken. Doch ich beobachtete sie während Ihrer Aussagen intensiv.

Nachdem sie ihren Namen, ihr Alter, ihre Anschrift und ihren Beruf (übersetzt als Schneiderin, doch Näherin wurde angegeben) genannt hatte, wurde Drbuszenska gefragt, ob sie einen der Angeklagten kenne. Sie antwortete sofort mit »ja« und nannte die Nummer sechs - Petrat.

Drbuszenska bezeugte, daß sie und die anderen weiblichen Gefangenen Eisenbahnschienen zu tragen hatten, die so schwer waren, daß fünf Frauen dazu nötig waren, um eine Schiene zu tragen. Sie sagte aus, daß Petrat der SS-Mann war, der sie beaufsichtigt hatte. Sie fuhr fort Petrat anzuklagen, daß er sie und die anderen weiblichen Gefangenen ständig geschlagen hätte, wann immer sie in den Waschraum gegangen waren.

Gemäß der Aussage Drbuszenskas, wurde sie von Petrat ausgewählt, doch sie wußte nicht warum. Sie schwor, daß sie einmal, als die Gefangenen sich zur Zählung auf dem Appellplatz einzufinden hatten »um zur Arbeit zu gehen«, von der Blockältesten, der höchsten Häftlingsvorgesetzten in der Baracke, gemeldet und herausgeholt v/urde. Petrat schlug ihr dann mit einer aus Holz und Eisen hergestellten Keule gegen die Innenseite ihres Oberarms, wodurch sie eine ungefähr vier Zoll lange und ein Zoll breite Narbe zurückbehielt. Auf die Aufforderung des Anklägers hin ging sie gelassen auf die Richter zu und hob langsam den Arm, so daß jedes Mitglied die Narbe auf der Innenseite des Oberarms sehen konnte. Sie sagte aus, daß die Keule ungefähr zweieinhalb Fuß lang und ungefähr so dick wie ihr Handgelenk gewesen sei

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Danach, so führte die Zeugin weiter aus, nahm der Angeklagte sie »zurück aufsein Apartment«, wo er sie zunächst an den Haarzöpfen zog und schlug. Dann nahm er ihre Haarbänder, schlang sie um ihre Handgelenke, zog sie dann an den Haarzöpfen auf und nieder, solange, bis sie ohnmächtig wurde. Während sie ohnmächtig war, so fügte sie hinzu, nahm Petrat ihre Hände nach hinten und band sie hinter ihrem Rücken an einen Stock.So blieb sie eine halbe Stunde lang hängen. Drbuszenska sagte aus, daß sie ihr Bewußtsein erst wieder in der Baracke des Gefangenenblocks zurückerlangt hatte. Sie fügte hinzu:

- »Meine Freundinnen erzählten mir danach, daß ich eine halbe Stunde gehangen hätte. Doch ich vermag nicht zu sagen, ob er mich weiter geschlagen hatte, da ich bewußtlos war.« -

Ich war so eingenommen von der Drbuszenska, daß mir erst viel später die Ähnlichkeit ihrer Aussage bezüglich des Hochziehens und Herunterlassens an den Haaren, mit der Aussage von Moses Meschel im Verfahren gegen die spanischen Kapos in den Sinn kam, der auch an den Ohren hochgezogen wurde, um dann zu Boden geworfen zu werden.

Es fiel mir auch nicht auf, daß die Drbuszenska nicht gefragt wurde, wie ihre Freundinnen es wissen konnten, daß sie über eine halbe Stunde gehangen haben soll. Drbuszenska konnte es kaum selbst wissen, da sie ja, bevor es geschah, bewußtlos war und erst zu sich gekommen war, nachdem sie wieder im Gefangenenblock war. Nur sie und Petrat waren in dem von ihr bezeichneten »Apartment« zusammen, wo der Vorfall stattgefunden haben soll. Sie erzählte auch nicht, wie sie in den Gefangenenblock zurückgekommen war. Hatte er sie hingetragen? Diese bedeutende Unstimmigkeit schien weder die Richter, den Ankläger noch die Verteidigung zu bekümmern. Ich erinnere mich nur, daß ich mir selbst die Frage stellte, doch diese schnell wieder vergaß. Denn was sich danach abspielte, war im höchsten Grad verwunderlich.

Als Drbuszenska fortfuhr ihr trauriges Märchen zu erzählen, blickte ich auf Petrat, den Mann, den sie beschuldigte, und

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sah, wie er tief errötete! Der ehemalige SS-Mann sah auf den Boden und dann wieder auf. Er hatte ein schelmisches Lächeln im Gesicht, so, als wenn man einen kleinen Jungen ertappte, der gerade dabei war, einen Keks aus einer Schale zu nehmen. Der Kontrast zwischen den beiden war so enorm, als ob die Rollen verwechselt wären. Das Mädchen war ohne jede Regung, ruhig und gefaßt, und schien von allem unbeeindruckt zu sein, während der Mann, den sie beschuldigte, jünglinghaft, um nicht zu sagen kindlich erschien. Ich weiß nicht, ob den Richtern diese Ungereimtheit auffiel, doch ich vermutete sofort, daß zwischen den beiden keine Grausamkeit, sondern eine tiefe Intimität vorgekommen war. Petrats Erröten schien dies zu bestätigen.

Nachdem sie gefragt wurde, ob Petrat sie jemals wieder mißhandelt hatte, antwortete Drbuszenska: »Danach schlug er mich nicht mehr, weil ich zu sagen pflegte: >Warte nur, wenn die Amerikaner kommen, wirst du in jedem Falle fertiggemachte, und er erwiderte dann: >Nein, zuvor wirst du fertiggemachte«

Diese Auseinandersetzung zwischen einem angeblich harten SS- Wachmann und einer jungen attraktiven weiblichen Gefangenen wäre nicht begreiflich, wenn sie nicht verliebt gewesen wären. Ich war jung, doch nicht so jung, um mir nicht klarzumachen, daß sie damals im Lager genau so alt war wie ich bei dieser Verhandlung. Hätte Petrat die Drbuszenska wirklich verabscheut, so hätte er sie eher verprügelt als mit ihr zu lamentieren, wer bei der Ankunft der Amerikaner zuerst »fertiggemacht« werden würde.

Die nächste Frage des Anklägers an die Drbuszenska lautete: »Nun, wissen Sie noch von weiteren Mißhandlungen Petrats an anderen Häftlingen in Mauthausen?«

Ihre Antwort lautete »Ja«. Drbuszenska sagte aus, daß sie und ihre Freundin Zilenska die gemeinsame Freundin Wis-niewska, die an einem Bruch litt und nicht alleine gehen konnte, zum Waschraum führten. Als sie dort ankamen, stand Petrat mit einem anderen SS-Mann - gegen den die Drbus-

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zenska ebenfalls »von anderer Seite her« Anschuldigungen vorzubringen hatte - auf einem Faß. Da die Wisniewska nicht ohne Hilfe gehen konnte, schlug Petrat sie mit der gleichen Keule, mit der sie früher mißhandelt worden war, so brutal auf den Kopf, daß nach Aussage der Drbuszenska, das ganze Gehirn herausspritzte und so viel Blut floß, daß zwei SS-Leute zwei Gefangene holten, um alles zu reinigen und sie auf eine Bahre zu legen und dann zum Krematorium zu tragen.

Als sie gefragt wurde, ob ihre Freundin tot war, als sie fortgetragen wurde, antwortete Drbuszenska: »Sie war tot und das kann nicht anders gewesen sein, weil das ganze Gehirn herausfiel, als er sie schlug. Sie stürzte zu Boden und konnte nicht mehr aufstehen. Wir standen da und weinten.«

Sie erzählte all das mit einer unglaublichen Ruhe und ohne jede Veränderung in der Stimme oder in der Sprechgeschwindigkeit. Man hatte den Eindruck, als würde Drbuszenska von einem langweiligen Ausflug mit einer Kirchengemeinde erzählen.

Als ihre Freundin Wisniewska zum Krematorium gebracht wurde, nahmen Danuta Drbuszenska und Zilenska ihre Handtücher und gingen zum Gefangenenblock zurück. Sie gingen dann zusammen mit einer anderen Freundin zum Krematorium. Während ihre beiden Freundinnen aufpaßten, ging Drbuszenska heimlich an ein Fenster des Krematoriums und beobachtete, wie Wisniewskas Körper auf eine große Schale oder etwas ähnliches gelegt wurde. Darauf wurde sie in den Ofen geschoben und verbrannt. Sie beobachtete eine Anzahl von Leuten und sah, wie er (Petrat) sie antrieb. Er sagte: »Beeilt euch, beeilt euch!« Es gab einen fünfminütigen Alarm. Die Amerikaner sollten sehr bald da sein. Die Drbuszenska sagte, daß dieses Ereignis am 15. April 1945 stattgefunden habe, ungefähr zwei Monate vor der Ankunft der Amerikaner (die Eintragung lautet »zwei Monate«, obwohl die Zeugin wohl »zwei Wochen« gemeint hat, da die Amerikaner am 1. Mai 1945 eintrafen).

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Während des Kreuzverhörs fragte der Verteidiger Major William Gates die Drbuszenska, ob Petrat sie in jenem Moment geschlagen hatte, als sie nichts in ihren Händen hatte. Sie antwortete, daß sie eine gestohlene Karotte in ihren Händen hielt. Die Blockälteste hatte gesehen, wie sie die Karotte gestohlen hatte. Dies war der Grund dafür, daß er sie geschlagen hatte. Auf weitere Fragen des Verteidigers antwortend, sagte sie, daß Petrat sie auf der Arbeitsstelle geschlagen hatte. Auf die Frage, wo Petrat gestanden habe, als er sie traf, antwortete sie, daß er ungefähr eineinhalb Fuß links von ihr entfernt war (die Narbe war nämlich an ihrem rechten Arm). Sie fügte dann schnell hinzu, daß sie, als er im Begriff war sie zu schlagen, ihren Arm hob, um ihren Kopf zu kratzen.

Der Verteidiger fragte Drbuszenska, ob sie jemals eine Liebschaft mit Petrat hatte (was meinen eigenen Verdacht erhärtete). Sie entging dieser Frage, indem sie stattdessen mit eisiger Ruhe antwortete: »Ich würde ihn töten, wenn ich es könnte.« Der Verteidiger weiter: »Und in dem Moment, als er sie mit jenem Gegenstand schlug, versuchten Sie da nicht das gleiche zu tun?« Hierauf entgegnete die Drbuszenska: »Danach verfluchte ich ihn, weil ich nichts mit ihm zu tun haben wollte, und wenn er vorbeiging, sagte ich nicht einmal >Guten Morgen< zu ihm.«

Der Verteidiger fragte weiter: »Sie haben Lebensmittel von anderen Häftlingen gestohlen. Es war nicht das erstemal, daß Sie Lebensmittel von Ihren Landsleuten gestohlen haben, nicht wahr?« Die Anklage erhob gegen diese Frage Einspruch, doch der Gerichtspräsident erlaubte sie Drbuszenska antwortete: »Nein, wir waren beim Kartoffelschälen. Ich nahm die Karotte während des Kartoffelschälens. Es ist unwahr, was Sie sagen.«

Es gab noch eine Beschuldigung gegen Petrat, an die ich mich, wenn auch nicht so genau, erinnere. Sie wurde von Andor Fried, einem siebzehnjährigen polnischen Juden vorgetragen. Fried war einer von mehreren Zeugen, die ausgesagt hatten, daß Petrat eine lange Kolonne von Gefangenen wäh-

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rend des Marsches von Gunskirchen bis Mauthausen in den letzten Kriegstagen begleitet habe. Er schien bei der Gegenüberstellung Petrats unsicher hinsichtlich der Identität, da der Mann, den er beobachtet hatte, ungefähr »eineinhalb Häuserblocks« entfernt der Kolonne folgte.

Trotzdem versicherte Fried, daß er trotz der großen Entfernung gesehen habe, wie Petrat Nachzügler oder jene die in die Straßengräben gefallen waren, getötet habe. Im späteren Verlauf der Verhandlung wurde Andor Fried von der Anklage triumphierend aufgefordert auszusagen, daß ihn - als er während einer Gerichtspause verhältnismäßig dicht an dem Angeklagten, der in der Halle wartete, vorbeiging - Petrat ihn ein »jüdisches Schwein« genannt habe.

Falls Fried die Wahrheit gesagt hat, beweist seine Geschichte, daß er unsicher war, Petrat hätte durch die Anklagen zu Recht so beleidigt sein können, daß er ihn durchaus ein »jüdisches« oder sonstiges Schwein genannt haben konnte. Doch wenn ein Zeuge in einer Sache lügt, so kann man sicher sein, daß er wieder lügen wird. Es ist deshalb auch möglich, daß Petrat niemals etwas Derartiges gegenüber Fried geäus-sert hat.

Die Beschuldigung, daß Petrat dem Zwangsmarsch gefolgt sei, wurde widerlegt oder mindestens durch die Zeugen der Verteidigung stark in Zweifel gezogen. Diese sagten aus, daß Petrat den Transport gar nicht begleitet haben konnte, da die Begleitung von Transporten außerhalb seines Aufgabenbereichs lag. Sie sagten aus, daß Petrat in Mauthausen eingesetzt wurde, weil er an der russischen Front eine schwere Verwundung erlitten hatte und daß sein körperlicher Zustand es ihm nicht erlaubt habe, ein Motorrad zu fahren. Ein anderer Zeuge stellte die Theorie auf, daß Fried den Angeklagten Petrat mit Hans Altfuldisch verwechselt haben könnte, der im Hauptfall Mauthausen zum Tode verurteilt worden war.

Belastungszeugen sagten weiter aus, daß Petrat Häftlinge, die im Steinbruch gearbeitet haben, geschlagen und getötet haben soll. Er wurde angeklagt, einen Häftling, der hingefal-

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len war, getötet zu haben, indem er auf dessen Kopf herumtrampelte. Petrat war Hundehalter. Das heißt, daß er außerhalb des Lagers mit einem Hund an der Leine ging. Der Hund galt als bissig.Es wurde erzählt, daß er Fleischstücke aus den Häftlingen herausriß.

Andere Zeugen der Verteidigung sagten dagegen aus, daß Petrats Hund eine fette faule Hündin war, die zwar geknurrt, doch nie angegriffen habe. Sie sagten außerdem aus, daß Petrats Gegenwart den Häftlingen die Garantie dafür gab, daß alle Vorschriften beachtet wurden. Dennoch, so Drbuszenska, sei er häufig in dem Waschraum gewesen, wo nach ihren Aussagen Männer keinen Zutritt hatten.

Quirin Flaucher wurde von einem Gefangenen genau so schwerwiegend belastet, wie Drbuszenka den Angeklagten Petrat belastet hatte. In Flauchers Fall gab es wenigstens einen glaubwürdigen Zeugen: Jean Loureau, der Franzose, der schon im Fall Lauriano Navas ausgesagt hatte. Loureau, der aus Frankreich nach Deutschland gereist kam, sagte aus, daß Flaucher, ein verurteilter Verbrecher, der Blockälteste und Kapo im Block 8 war, einer Krankenstation mit Häftlingen vieler Nationen. Einige der Patienten waren Russen - sowohl Kriegs- als auch politische Gefangene. Doch im Krankenrevier lagen auch Jugoslawen, Belgier, Franzosen, Polen, Deutsche, Österreicher, Italiener und sogar einige Schweden. Flaucher war besonders zu solchen Kranken bösartig, die unter Durchfall litten und nicht immer in der Lage waren, sich unter Kontrolle zu halten. Wann immer einer dieser Kranken zum Waschraum ging und den Boden verschmutzte, wurde Flaucher wütend und er schlug auf den Kranken schwer ein.

Loureau beschrieb so einen Totschlag durch Flaucher. Loureau konnte nicht sagen, warum Flaucher den Häftling, einen kranken Jugoslawen, geschlagen hatte. Doch er bezeugte, daß Flaucher verlauten ließ, er wolle ihm fünfzig Peitschenhiebe geben. Loureau sagte weiter aus, daß der Gefangene gezwungen wurde, sich über einen Stuhl zu legen. Während Loureau die Hände des Geschlagenen hinter dessen

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Rücken festhielt, mußte ein Sanitäter dessen Kopf zwischen den Beinen halten. Dann peitschte ihn Flaucher aus. Der Jugoslawe erduldete einige Schläge ohne einen Laut. Doch als das Auspeitschen weiterging, schrie er und strampelte sich frei. Dann fiel er vom Stuhl auf den Boden. Als er nicht aufstand und damit den Befehl Flauchers verweigerte, warf dieser die Peitsche fort, zog das Opfer auf die Füße und begann, den Mann gnadenlos mit den Fäusten zu bearbeiten. Nachdem der Jugoslawe erneut zu Boden fiel, begann Flaucher ihn mitleidlos mit den Füßen zu treten, solange bis er tot war.

Loureau sagte auch aus, daß Flaucher homosexuell sei und er sich zwei Jungen in Block 8 hielt, die er als »Frauen« benutzte. Auf die Frage, ob er das je gesehen hatte, sagte Loureau, daß er einmal gesehen habe, wie Flaucher einen von ihnen geküßt hat. In der Tat machten alle anderen Zeugen gegen Flaucher ähnliche Aussagen. Siebezeugten, daß er nach Jungen suchte, die ungefähr vierzehn, fünfzehn Jahre alt und für Sexspiele geeignet waren. Weigerten sie sich, so schlug oder mißhandelte Flaucher sie auf andere Weise.

Gussie Lapins (später Gussie Lukomski) kam von der Aufnahme dieser Zeugenaussage zurück und sagte mir, daß einer der Zeugen, Herbert Wisniewski, ein junger polnischer Jude, der gegen Flaucher ausgesagt hatte, während des direkten Verhörs durch den Ankläger im Zeugenstand zusammengebrochen sei. Er hatte ausgesagt, daß die Deutschen nach dem Warschauer Aufstand gegen Ende 1944 eine Anzahl Jugendlicher im Alter von vierzehn und fünfzehn Jahren verhaftet und nach Mauthausen gebracht hätten. Flaucher hätte gewünscht, mit ihnen zu schlafen. Als sie sich weigerten, habe er sie geschlagen. Als der Ankläger fragte, ob er dieses Schlagen gesehen habe, wurde Wisniewski ohnmächtig und fiel zu Boden.

Zwei Tage später erklärte der Ankläger dem Gericht, daß er eine Mitteilung von Wisniewski erhalten habe, in der er sich für seinen Zusammenbruch vor Gericht entschuldigte. Er er-

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klärte jedoch, daß er nicht zurückkehren würde, um auszusagen. Der Ankläger führte aus, daß er die Untersuchung der •Zeugen abgeschlossen habe. Doch der Verteidiger verlangte die Streichung der Zeugenaussage, da er nicht die Gelegenheit erhalten habe, den Zeugen einem Kreuzverhör zu unterziehen. Auf den Hinweis, daß Wisniewski eine Erklärung hereingeben würde, erklärte der Verteidiger, daß dies nicht ausreiche. Nach einer kurzen Beratung wies das Gericht den Einwand des Verteidigers mit der Begründung zurück, daß das Gericht die beeidigte Erklärung des Zeugen anstelle einer gerichtlichen Befragung akzeptieren werde. Die Eingabe der Verteidigung war dennoch beachtlich, denn eine Erklärung, die nur das enthielt, was der Zeuge oder die Anklage wünschte, ohne jede Herausforderungsmöglichkeit durch die Verteidigung, sei absolut unerträglich.

Die anderen Zeugen der Anklage stammten aus der Gruppe der in Dachau versammelten Berufszeugen. Ihre Aussagen warfen mehr Fragen auf, als daß sie glaubwürdige Antworten boten. Einige von ihnen waren anscheinend erfunden oder so grob übertrieben, daß sie eigentlich als unglaubwürdig einzustufen gewesen wären. Immer wieder waren die Angeklagten Opfer von Verwechslungen oder Identitätsmängeln geworden. Die Berufszeugen beschuldigten verschiedene Angeklagte des Schiagens und der Tötung von Häftlingen, wahllos, blind, wie aus einer Laune heraus.

Ein Zeuge namens Simon Bressler sagte aus, daß Hermann Bütgen die Häftlinge, die er im Steinbruch zu beaufsichtigen hatte, fortwährend geschlagen habe. Doch Bresslers Beschreibung von Bütgen paßte auf Michael Heller, einen Wachmann. Bütgen arbeitete nicht einmal im Steinbruch. Heller jedoch, den der Zeuge nicht anzeigte und den er offensichtlich nicht gekannt hat, tat dort Dienst.

Bressler wurde gefragt: »Haben Sie den Angeklagten Nr. 2 (Bütgen) jemals dort bei der Ausführung von Unmenschlichkeiten gegenüber irgendeinem Gefangenen in Mauthausen gesehen?«

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Bressler antwortete: »Erhat jeden Gefangenen geschlagen. Er versetzte ihnen einen Schlag, dann noch einen Schlag und das den ganzen Weg durch den Steinbruch.«

Auf die Frage, wieviele Gefangene durch den Angeklagten geschlagen worden seien, antwortete Bressler: »Alle. Wir waren achthundert Mann, und er schlug alle achthundert.«

Ein anderer Zeuge der Anklage, Josef Feldstein, sagte aus, daß er seit Ende 1942 bis Mai 1945 in Mauthausen war, bis das Lager durch die Amerikaner befreit wurde. Er zeigte auf den Beklagten Hermann Bütgen, als er gefragt wurde, ob er irgendeinen im Rahmen dieses Verfahrens kennen würde. Er identifizierte ihn jedoch als »Wittingen«. Feldstein sagte, daß Bütgen die Steinbruchtätigkeit anstelle von Michael Heller ausgeführt hätte. Als er aufgefordert wurde, den Namen zu buchstabieren, sagte er, er wisse nur, daß »Wittingen« der Name des Angeklagten sei; er könne ihn aber nicht buchstabieren.

Feldstein sagte aus, daß er gesehen habe, wie »Wittingen« Gefangene im Steinbruch schlug, wo Feldstein zur Arbeitsabteilung eingeteilt gewesen war. Feldstein stellte die Behauptung auf, er habe gesehen, wie »Wittingen« einen Häftling namens Tittelbaum, einen Bekannten Feldsteins, erschoß. Feldstein führte weiter aus, daß er während der acht oder zehn seiner Einsätze im Steinbruch gesehen habe, wie »Wittingen« Häftlinge geschlagen und ungefähr dreihundert getötet habe. Grund für das ungeheuerliche Abschlachten sei die Weigerung der Gefangenen gewesen, den Befehlen »Wittingens« zu gehorchen. Sie hätten kleine anstatt große Steine getragen. Feldstein beschwor auch, daß »Wittingen« Gefangene gegen den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun in den Tod getrieben und auch andere Insassen erschossen habe.

Auf die Frage, ob er sicher sei, daß es der gleiche Mann war, den er in Mauthausen gesehen habe, sagte Feldstein, daß er ein gutes Gedächtnis habe und er könne sich auch noch dreißig Jahre danach gut an ihn erinnern.

Dann sagte Jacob Sztejnberg für die Anklage aus und identifizierte den Angeklagten Nr. 2 Hermann Bütgen, der als

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Blockleiter oder Wache gedient habe. Sztejnberg behauptete, daß Bütgen die Häftlinge, die im Steinbruch arbeiteten, bewacht und viele oft bis zum Tode geschlagen habe, wenn die Steine, die sie trugen, kleiner als gefordert waren.

Sztejnberg beschuldigte auch Petrat und Flaucher, dessen Name er komischerweise wie »Laucher« aussprach. Wegen seiner etwas vagen Aussage gegen Flaucher befragt, wurde Sztejnberg - ein als arrogant bekannter Zeuge - unwirsch und machte sarkastische Bemerkungen zum Ankläger, der lediglich die Aussage des Zeugen klären helfen wollte. Der Gerichtspräsident musste schließlich Sztejnberg vor das Gericht rufen, um ihn darüber zu belehren, daß das Gericht keine weiteren frechen Bemerkungen hören wolle.

Er habe auf die Fragen zu antworten und das Gericht würde entscheiden, was richtig und was falsch sei.

Während dieser Verhandlung war die Anklage sichtlich darüber verärgert, daß die Aussagen gegen einen Angeklagten dazu führen konnten, einen anderen Angeklagten zu entlasten. Feldstein hatte Bütgen vorgeworfen, Taten begangen zu haben, die auch Michael Heller hätte begehen können. Auf der anderen Seite verteidigte Wilhelm Mornstein den Angeklagten Heller. Während er den Angeklagten Thielmann beschuldigte, Greueltaten begangen zu haben, behauptete er, daß Heller »das genaue Gegenteil« gewesen sei. Feldstein sagte aus, daß Heller stets seine Furcht zum Ausdruck brachte, über das, was er sah, und er hätte gesagt, daß er froh wäre, da herauszukommen.

Herbert Melching, ein weiterer Zeuge der Anklage, sagte aus, daß er gesehen habe, wie Franz Kotier, der als Leiter des Kommandos für den Zählappell verantwortlich war, Gefangene zu Tode geschlagen habe. Auf die Frage des Verteidigers, wie sicher er sei, daß die Gefangenen zu Tode geschlagen wurden, antwortete Melching: »Ich bin sicher, weil die Schläge sehr hart waren.« Er gab zu, daß er keine Beweise dafür habe, ob die Männer, die nach seiner Aussage umgebracht worden waren, wirklich getötet worden seien.

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Kofler war ebenfalls angeklagt, eine Gruppe von fünf Juden in den Waschraum gebracht zu haben, um sie dort auszupeitschen. Dann habe er versucht, sie gegen den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun zu treiben. Als die Juden sich wehrten, quälte er sie solange, bis sie so willenlos waren, daß sie sich gegen den Zaun treiben und töten Hessen.

Ein anderer Zeuge der Anklage, Peter Bleimüller, sagte aus, daß Kofler einmal wöchentlich zum jüdischen Block gekommen sei, um jüdische Gefangene zu schlagen. Bleimüller gab an, dies sei während der Monate Januar und Februar 1942 geschehen, als kein Jude des Lagers mehr als drei Tage überlebte. Koflers Verteidigung war einfach: Er fragte, warum nicht ein einziger der 180 Häftlinge des Blocks 5 ausgesagt habe, daß er Häftlinge dieses Blocks gegen den elektrisch geladenen Zaun getrieben hätte. Er betonte, daß der einzige Zeuge in dieser Sache vom Block 4 sei.

Ein anderer Zeuge, der gegen Kofler auftrat, war ein Josef Schwaiger. Er gab an, daß Kofler Gefangene während des Zählappells geschlagen habe. Während des Kreuzverhörs beschuldigte der Verteidiger den Angeklagten Schwaiger, er sei nur verbittert, weil dieser ihm seine Freundin weggenommen hatte; Schwaiger hatte angeblich geschworen, daß er mit seinem Rivalen noch quitt werden würde (die Freundin war eine Frau von Schwertberg, die in einem Haus in der Nähe Mauthausens wohnte, in dem Schwaiger häufig gearbeitet hatte).

Gegen die Angeklagten Stefan Lennert oder Amo Albert Reuter war wenig vorzubringen. Die Aussage gegen Reuter, daß er Gefangene geschlagen und Berichte über Häftlinge abgefaßt habe, stand auf schwachen Füssen. Die Anklage gegen Lennert wurde schließlich fallen gelassen, da er nachweisen konnte, daß er während der Zeit, in der er Grausamkeiten in Mauthausen begangen haben sollte, in Rumänien auf Urlaub war.

Doch schließlich wurde es offensichtlich, daß das Gericht nicht nur mehr Vertrauen in die Aussagen der Zeugen setzte, sondern auch sofort und fast blindlings akzeptierte, was die

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Zeugen der Anklage aussagten. Und dies trotz der Widersprüchlichkeiten bei der Indentifizierung der Angeklagten und anderer Schwachstellen. Wie bei den Dachauer Prozessen üblich, gab es auch hier keine Belege dafür, daß die von der Verteidigung beigebrachten Dokumente auch nur annähernd berücksichtigt wurden.

Aufgrund des fehlenden Belastungsmaterials gegen Stefan Lennert, befand ihn das Gericht für nicht schuldig. Stefan Lennert war der einzige Angeklagte, der freigesprochen wurde. Hermann Bütgen wurde zu drei Jahren und Arno Albert Reuter zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Emil Thielmann bekam lebenslänglich. Michael Heller, Franz Kofler, Quirin Flaucher und Gustav Petrat wurden zum Tode durch Erhängen verurteilt. Ich war über Petrats Urteil nicht überrascht. Danuta Drbuszenska hatte mit ihrer tödlichen Aussage die Grundlage dafür gelegt.

Ich sah sie noch einmal, ganz zufällig, kurznach der Verurteilung. Es war auf einem Volksfest in jenem September in Dachau. Ich bin dorthin gegangenem einmal ein solches Fest kennenzulernen. Als ich über den Festplatz schlenderte, erkannte ich plötzlich Drbuszenska, die ebenso wie ich alleine durch die Menge ging. Ich glaubte erst, sie wolle mich nicht erkennen, doch ich täuschte mich. Sie kam geradewegs auf mich zu, als ob wir alte Freunde wären. Wir verbrachten den Nachmittag zusammen und genossen, was das Volksfest zu bieten hatte. Es gab zwar keine Lebensmittel, doch es gab Schaubuden, ein Karussell und einen Liebestunnel. Spät am Abend trennten wir uns als Freunde.

Später bereute ich, daß ich sie nie auf den Prozess angesprochen hatte. Doch ich war damals wenig an den Angeklagten interessiert. Dafür konzentrierte sich mein Interesse ganz auf sie. Ich kann mich an keine Äußerung über ihre Pläne erinnern. Ich weiss nicht, ob sie weiter in Deutschland bleiben oder nach Polen zurückkehren wollte. Ich sah sie nie wieder.

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