EIN ABSTECHER NACH PRAG

Abgesehen von dem zufälligen Zusammentreffen mit Da-nuta Drbuszenska beim Volksfest, verlief der restliche September wegen dreier Ereignisse weniger angenehm.

Das erste Ereignis, ein Wochendenausflug nach Prag, sollte eigentlich eine erfreuliche Reise werden, doch das Gegenteil traf ein. Das Wetter spielte eine große Rolle. Es goß in Strömen, endlos, und auch die Politik war ein bedeutender Faktor an jenem schlimmen Wochenende.

Ich hatte mehr erwartet. Abstecher zu historisch wichtigen Städten in Europa waren eine gute Belohnung für die Arbeit in Deutschland. Die meisten Amerikaner verbrachten ihre Wochenendausflüge in den Bergen Deutschlands. Doch ein dreitägiges Wochenende verführte jedermann zum Reisen, oft über die Grenzen hinweg.

Das Wetter war in jenem Sommer angenehm und beständig. Wir Amerikaner waren darüber überrascht, da wir auf kurze, für gewöhnlich kühle Sommer in Zentraleuropa eingestellt waren. Anfang September begann es allerdings zu regnen, gerade vor einem verlängerten Wochenende. Das regnerische Wetter hielt seit dem Tag meiner Abfahrt an.

Für ein Drei-Tage-Wochenende war eine Fahrt nach Prag eine logische Wahl. Die Tschechoslowakei grenzt an Bayern und die Hauptstadt Prag war leicht mit dem Zug erreichbar. Damals war die Eisenbahn das Haupttransportmittel für die Amerikaner in Europa. Die Fahrkarten waren billig, die Züge komfortabel und immer pünktlich. Flugreisen waren fast nur vom Hörensagen bekannt und ich kannte in Deutschland keinen, der ein Auto hatte. Eine Bahnfahrt nach Prag war mit nur einmal Umsteigen in Nürnberg nicht schwierig. In Nürnberg erhielten wir die benötigten Visa für die Tschechoslowakei.

Geographisch gesehen lag die Tschechoslowakei in der östlichen Hälfte Europas, doch wirtschaftlich und politisch war es das einzige östliche Land in Europa, das noch westli-

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chen Bindungen hatte. Die Wirtschaft war noch einigermaßen stabil und obwohl die Preise nach dem gesetzlichen Umrechnungskurs niedrig waren, waren die des schwarzen Marktes fünfmal so hoch wie die des regulären Marktes. So bot ein Wochenende in Prag wirklich gute Kaufmöglichkeiten. Der vorteilhafte inoffizielle Kurs, den die Geldwechsler boten, machte die Hotelunterkunft, die Mahlzeiten und Einkäufe zu einem billigen Vergnügen. Ich kannte niemanden, der jemals in Prag war und seine Dollars offiziell bei einer Bank umgetauscht hatte. Alle taten es auf dem Schwarzmarkt.

Beinahe alle meine Kollegen waren schon einmal in Prag gewesen und alle waren mit begeisterten Berichten über die schöne Stadt zurückgekehrt, ich hörte Erzählungen über die barocke Pracht, die vom Krieg verschont geblieben war. Prag war keine der gewöhnlich eintönigen und grauen Provinzstädte. Diese Stadt wurde gerne mit Paris verglichen.

Neben den Sehenswürdigkeiten und den Einkaufsmöglichkeiten war Prag auch in anderer Hinsicht ein verlockendes Ziel. Alle, die wir in Deutschland tätig waren, vermißten die Möglichkeit, das Geld für solche Produkte auszugeben, für die Deutschland und seine Nachbarn berühmt waren. Viele Monate nach dem Ende des Krieges waren die Regale in den Geschäften immer noch leer. Auch die Schaufenster hatten nichts zu bieten, da es in der Tat nichts gab, was ausstellens-wert war. Auch den Luxus netter Hotels gab es noch nicht und der Wunsch in einem guten Restaurant bedient zu werden, blieb unerfüllt. Alle diese Wünsche konnte Prag erfüllen.

Meine Kollegen sprachen von Modeschmuck, besonders von Granatschmuck echt günstig. Ich konnte kaum einen Granat von einein Kieselstein unterscheiden. Von den niedrigen Preisen angetan, entschied ich mich für Granatschmuck. Ich wollte ihn meinen Schwestern mitbringen.

Ich hatte ein einziges Paar abgetragener schwarzer Schuhe, die ich seit meiner Abreise von Amerika trug. Deshalb wollte ich mir noch ein Paar Schuhe kaufen. Schuhe - wie alle Kleidung - waren in der Tschechoslowakei noch rationiert,

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doch man sagte mir, das sei kein Problem, da Schuhe auf dem Schwarzmarkt zu kaufen wären.

Als Smitty, Mary Fox, Muriel Klingelhuts und ich nach Prag gereist waren, begann sich unsere Einstellung zu den Sowjets und deren Satelliten-Regierungen in Europa zu ändern. Zuvor hatten Deutschlands Feinde in Osteuropa, besonders jene, die in den Lagern inhaftiert waren, unsere bedingungslose Sympathie. Doch als die UdSSR ihren Stern quer durch Osteuropa trug, verwandelte sich unsere positive Einstellung in Mißtrauen. Damals hatten wir noch den Eindruck, daß die Tschechoslowakei frei von jeder sowjetischen Vorherrschaft war. Wir hielten die Tschechen für Freunde und das Land für einen Teil des Westens.

Eine Kollegin aus Dachau, Augusta Lapins (die Protokollführer nannten sie einfach »Gussie«), hatte bereits Pläne, wollte zur tschechisch-polnischen Grenze reisen, um dort die Familie ihres Verlobten Jesse Lukomski kennenzulernen. Lukomski war der gleiche Pole, den ich während meiner Tätigkeit in Melsungen kennengelernt hatte. Nachdem die Voruntersuchungsstelle aufgelöst worden war, versetzte man Lukomski nach Dachau, wo er Gussie kennenlernte und die zwei verlobten sich. Eines Tages verließen sie Dachau um wie geplant, seine Familie an der Grenze zu treffen, da Jesse es nie gewagt hätte, Polen zu betreten. Während wir uns am Freitag Nachmittag unsere Visa in Nürnberg besorgten, nahmen wir an, daß sie schon an der Grenze waren.

Bahnfahrten in Europa sind faszinierend, besonders für jemand, der Zugreisen nur von den Vereinigten Staaten her kennt. Die Tatsache, daß die europäischen Länder um so viel kleiner sind als die der Vereinigten Staaten und daß es so große Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten gibt, haben oft verblüffende Veränderungen bei der Grenzüberschreitung zur Folge. Diese Veränderungen kommen ganz plötzlich, da eine Reise von einem Land ins andere manchmal nicht mehr als ein paar Stunden dauert, selbst wenn man die kleinen Verzögerungen bei den Paß- und Zollkontrollen berücksichtigt.

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Die Zweite-Klasse-Wagen waren damals in verschiedene komfortable Abteile unterteilt, mit Platz für jeweils acht Personen. Somit waren die Reisenden in kleineren Gruppen unter sich, im Gegensatz zu den Großraumwagen. Deshalb sitzen sich oft wildfremde Menschen gegenüber, es kommt zwangsläufig zu einer Annäherung und zu Gesprächen.

Im Jahre 1947 offenbarte die kurze Reise von Nürnberg nach Prag einen um so größeren Unterschied, weil Nürnberg beinahe vollständig zerstört war, Prag jedoch fast verschont geblieben war und jedem Besucher einen gewissen Glanz bot.

Prag hatte dem geschichtlich Interessierten viel zu bieten. Prag war früher hauptsächlich von Deutschen besiedelt gewesen und in der Schule lernten deutsche Kinder, daß 1348 die erste deutsche Universität in Prag gegründet wurde. Prag war die Hauptstadt von Böhmen und Mähren und war ein integraler Bestandteil des Österreich-Ungarischen Reiches gewesen.

Böhmen und Mähren wurden als Folge der Zwangsfriedensverträge nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zusammen mit der Slowakei und der Karpatho-Ukraine zur Tschechoslowakei, einem Vielvölkerstaat. Mehr als drei Millionen Deutsche waren dort als ein bedeutender Teil der Bevölkerung verblieben. Diese Sudetendeutschen, die von den Tschechen schlecht behandelt wurden, ermöglichten es Hitler, im Einverständnis mit Großbritannien, Frankreich und Italien im Jahre 1938 die rein deutsch besiedelten Gebiete in das Reichsgebiet aufzunehmen. Im folgenden Jahr besetzte Deutschland Böhmen und Mähren. Nach der Beendigung des Krieges nutzten die Tschechen die Beendigung der deutschen Herrschaft haßerfüllt zur brutalen Vertreibung der Deutschen aus, obwohl die meisten Deutschen seit Jahrhunderten mit dem Land verwurzelt waren.

Bei unserer Reise von Nürnberg nach Prag gab es eine Konstante: das Wetter. Bis nach unserer Ankunft in Prag schüttete es, was der Himmel nur hergeben konnte, bis in die Nacht hinein. Die Wälder, normalerweise wunderschön im beginnenden Herbst, hatten ein sumpfiges, feuchtes Aussehen

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bekommen. Die überall gegenwärtige Feuchtigkeit ließ die brillantesten Farben langweilig erscheinen.

Jedenfalls blieb von dem kurzen Frühherbsttag nicht viel übrig, was erlebenswert war. Wir kamen durch Pilsen, die Stadt, die dem berühmten Bier den Namen gab, was mir damals aber nichts sagte, zumal ich kaum etwas trank und von Pilsener Bier noch nie etwas gehört hatte.

Bei Erreichen der Grenze wurden wir von den tschechischen Grenzkontrolleuren barsch nach unseren Pässen gefragt. Nach dem Ausfüllen eines Formblattes für den Währungsumtausch durften wir einreisen. Das offizielle Papier, anscheinend eine Neuerung, sollte dazu dienen, den Umtausch von Dollars in Kronen zu kontrollieren.

Diese neue Prozedur nervte uns, da niemand in unserer Gruppe daran dachte, Geld anderswo als auf dem Schwar-markt zu tauschen. Nachdem wir uns abgesprochen hatten, entschieden wir uns, diese Wechselkurspapiere zu ignorieren und zu machen, was wir wollten.

Als Amerikaner genossen wir die Rechte - ich werde heute rot, wenn ich dies schreibe - von Eroberem innerhalb der amerikanischen Zone Deutschlands, bishin zu dem Punkt, daß kein Deutscher einem Amerikaner etwas verbieten konnte. Sogar das Reisen mit der Bahn in Deutschland war für Amerikaner praktisch frei. Man ging einfach an dem Bahnkontrolleur, der die Fahrgelder kassieren wollte, vorbei. Wir fanden bald heraus, daß diese Dinge in der Tschechoslowakei anders lagen.

Wir kamen spät am Abend in Prag an. Dachten wir anfangs, daß das schlechte Wetter der Grund für die Unfreundlichkeit der Zöllner gewesen war, so wurden wir im Umgang mit dem Hotelpersonal bald eines besseren belehrt. Unser Hotel befand sich schräg gegenüber der Eisenbahnstation. Es war komfortabel möbliert und hatte angenehme Räume, die allerdings un-beheizt waren, was die frostige Haltung des Personals, das niemals sprach oder lächelte, noch unterstrich.

Wir konnten nichts tun, als uns zurückziehen und auf besseres Wetter hoffen. Doch wir wurden enttäuscht, da es das

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ganze lange Wochenende immer nur regnete. Wir erwischten keinen einzigen Sonnenstrahl in der Tschechoslowakei, der Himmel blieb grau, und es war weiterhin feucht und kühl.

Die Stimmung im Hotel war dementsprechend. Als wir zum Frühstück herunterkamen, war das Hotelpersonal noch zurückhaltender geworden. Obwohl alle Englisch sprechen konnten, zögerten sie dieses zu tun. Die wenigen die es taten, sprachen schnell und leise, als ob sie beim Gespräch mit einem Amerikaner stets beobachtet würden. Man konnte das Gefühl nicht vermeiden, daß jeder darauf wartete, daß etwas geschah. Sogar die Luft schien dick und schwer, nicht so sehr wegen des Regens, sondern wegen einer unerklärlichen Spannung.

Wir vier versuchten das alles während des Frühstücks bei einer Tasse Kaffee lässig abzuschütteln. Von unserem Fenster aus hatten wir einen Bl ick auf den Platz vor dem Bahnhof. Wir plauderten und bemerkten kaum die wenigen Fußgänger, die den Platz überquerten, als plötzlich jemand an unserem Tisch sagte: »Schaut, dort ist Gussie!«

Und sie war es, in Richtung Bahnhof gehend, allein und nicht mit Jesse Lukomski. Sie war leicht zu erkennen, nicht nur deswegen, weil so wenig Leute auf dem Platz waren, sondern wegen der auffälligen amerikanischen Kleidung, die neuer war im Vergleich zu dem, was die Europäer noch besaßen. Einer von uns lief hinaus und holte sie in das Cafe.

Gussie erzählte nun, warum sie alleine in Prag war. Es war eine schlimme Geschichte, verbunden mit wütenden Klagen über die Tschechen und Polen. Als sie und Jesse in Nürnberg die Visa holen gingen, verweigerten die Tschechen das Visum für Jesse. Gussie erhielt ihres. Obwohl Jesse eine amerikanische Kennkarte besaß, hatte er keinen amerikanischen Paß. Da er immer noch polnischer Bürger war, galt er als staatenlos. Das Treffen mit Jesses Familie wurde vorher brieflich arrangiert. Als man Jesse das notwendige Reisevisum nicht erteilen wollte, entschied man sich, Gussie alleine reisen zu lassen. In Jesses Familie verstand man absolut kein Wort Englisch und Gussie sprach weder ein Wort Polnisch

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noch Tschechisch und auch nicht mehr als ein paar Worte Deutsch. Gussie setzte sich also in den Zug und liess Jesse in Deutschland zurück.

Das Treffen mit Jesses Familie war unproblematisch. Gussie gab zu, daß anfangs alles recht beklemmend war und man sich kaum unterhalten konnte, bis dann Jesses Mutter Wein bestellte. Dadurch, meinte Gussie, wurden die Sprachbarrieren beseitigt. In diesem Sinne war die Reise recht angenehm. Gründlich verärgert war sie jedoch durch das intolerante Benehmen der tschechischen Grenz- und Zollbeamten. Sie kochte vor Zorn wegen jener Beamten, die sie während der Reise traf.

In der ersten Nacht ihres Besuches klopfte die tschechische Polizei gegen die Tür. Obwohl sie durch die Tür erklärte, daß sie sich schon zur Ruhe gelegt habe, bestanden die Polizisten darauf einzutreten und untersuchten ihr Zimmer und das Gepäck. Sie fragten nach dem Gund, warum sie zur Grenze gekommen war, da sie offensichtlich bezweifelten, daß sie nur ihre zukünftigen Schwiegereltern sehen wollte. Erst nach Stunden gingen sie weg.

Nach einer schlaflosen Nacht war Gussie sehr früh aufgestanden und nach Prag abgereist. Ihre Erfahrung mit der tschechischen Polizei hatte sie so verbittert, daß sie mit dem nächsten Zug nach Deutschland zurückkehren wollte. Nachdem sie nun aber Freunde getroffen hatte, nahm sie sich ein Herz und blieb noch, um Einkäufe für ihre geplante Hochzeit zu tätigen. So blieb sie noch für den Rest des Wochenendes mit uns zusammen.

Wir trennten uns nach dem Frühstück, und jeder ging seine eigenen Wege, entweder um Sehenswürdigkeiten anzuschauen oder um einzukaufen. Ich entschied mich zunächst fürs Einkaufen. Obwohl ein Stadtbummel im Regen kein Vergnügen ist, wollte ich den Rest des Tages damit verbringen. Das Wechseln von Dollars in Kronen zu Schwarzmarktkursen war kein Problem. Die meisten Hotelangestellten hätten gewechselt.

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Ich verabredete mich mit dem Hotelportier. Doch ich fand sein Benehmen bei diesem Umtausch ärgerlich. Er wickelte 'den Tausch direkt vor dem Hotel ab, indem er einfach die Kronen in einen Handschuh hineinsteckte. Dann gab er mir den Handschuh zum Anziehen. Ich tat es, nahm das tschechische Geld und gab dafür amerikanische Dollars. Nach dieser Aktion starrte er mich an, lächelte und fragte, ob ich Jude sei (er selbst sah jüdisch aus). Obwohl ich sagte, ich sei keiner, blieb er darauf bestehen, daß ich einer sei und ignorierte meine wiederholten Verneinungen.

Ich fand die Granat-Armbänder mühelos. Sie lagen aufgestapelt in einer Art von Fünf-Groschen-Laden. Der Preis paßte, denn mit dem eingetauschten Schwarzmarktgeld kostete mich keines der Armbänder, die ich erwarb, mehr als fünf Dollar. (Eine meiner Schwestern gestand mir später, daß sie das Armband bei einem Juwelier hatte schätzen lassen, der es auf fünfundsechzig Dollar taxierte, ein ansehnlicher Betrag für die Zeit von 1947/48.) Ich kaufte in einem Geschäft am Wenzelsplatz ebenfalls ein Paar der besten schwarzen Schuhe, die ich finden konnte. Auch dies war wegen der günstigen Umtauschrate ein gutes Geschäft.

Den Rest des Tages verbrachte ich, obwohl es ständig regnete, mit der Besichtigung von Prag. Die Stadt war trotz des Wetters mit ihren ehrwürdigen Gebäuden wunderschön. Trotzdem blieb die Stimmung entmutigend. Ich konnte die unangenehme Spannung, die ich beim Erreichen der Stadt gespürt hatte, nicht loswerden. Als ich keinen fand, der Englisch sprach, ging ich ins Deutsche über. Doch die Tschechen wollten nicht deutsch sprechen, die meisten gingen erst gar nicht darauf ein, obwohl viele zweifelsohne die deutsche Sprache gut beherrschten.

Was ich über die Architektur der Stadt gehört hatte, schien nicht übertrieben zu sein. Die Stadt war gut angelegt. Eine aufwendige, Wenzelsplatz genannte Straße, führte zum Nationalmuseum. Alle Gebäude waren mit Fresken versehen, es gab viele aufwendige und komplizierte Steinmetzarbeiten. Ich

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kam auf den Uferweg entlang der Moldau, die mitten durch Prag fließt und von zahlreichen und schönen Brücken überquert wird. Die Moldau mündet schließlich in die Elbe.

Ich besichtigte den Hradschin, das Prager Schloß und auch den St. Veits Dom und die Teynkirche die überwiegend im gotischen Baustil gehalten ist. Als ich an der Oper vorbeikam, stellte ich fest, daß La Traviata auf dem Spielplan stand. Ich entschied mich, die Vorstellung zu besuchen, neugierig, wie sich das auf tschechisch anhören würde.

Trotz der Schönheit des Opernhauses verlief der Abend recht lustlos. Die Vorstellung war fürchterlich. Die Stimmen der Sänger waren schrill und armselig. Die junge tschechische Frau, die neben mir saß, antwortete auf meine Frage, ob dies das führende Opernensemble in Prag sei, mit einem einfachen, doch betonten: »Nein, ich hoffe nicht.«

Es regnete immer noch, als wir montags Prag verließen und die Rückreise nach Deutschland antraten. Ich machte mir wegen des Zolls Sorgen, denn ich hatte Schuhe, die an Fremde nicht verkauft werden durften. Noch besorgter war ich wegen der Währungs- Wechselbescheinigung, denn man konnte herausfinden, daß ich, so wie meine Freunde, kein Geld legal gewechselt hatten. Ich entledigte mich des nicht verwendeten Formblattes, um abzuwarten, wie es mit unseren Chancen beim Grenzübergang stand.

Wir waren beim Erreichen der tschechisch-deutschen Grenze eine recht nervöse Gesellschaft. Unsere Vergehen erschienen uns, zum Beispiel im Vergleich zu dem geschmuggelten Gewehr, das eine amerikanische Frau dabei hatte, gering. Sie hatte es für ihren Bruder mitgenommen. Sie wußte, daß sie ernsthaft in Schwierigkeiten geraten würde, falls man das Gewehr bei ihr finden würde. Mit einer unglaublichen Ruhe setzte sie sich einfach auf das Gewehr, als die tschechischen Beamten an der Grenze in den Zug kamen. Sie war eine gewichtige Dame, dennoch konnte ich nicht sehen, ob sie das Gewehrauch wirklich ganz verdeckte. Doch dann sah ich das Gewehr plötzlich nicht mehr.

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Unsere Hoffnung, daß der Zug an der Grenze nicht durchsucht werden würde, erfüllte sich nicht. Zu unserem Schrek-ken hielten die Tschechen den Zug an und begannen eine gründliche Durchsuchung jeden Abteils, wobei sie alle Dokumente und das Gepäck kontrollierten. Unser Abteil befand sich in der Mitte des Waggons. Wir begannen, nervös geworden, unsere Strategie zu besprechen. Ich schlug vor, daß wir alle eine betonte Unschuld zur Schau tragen sollten. Da die Beamten für gewöhnlich kein Englisch verstanden, wollten wir vorgeben, keine andere Sprache zu verstehen. Eines der Mädchen im Abteil (völlig entnervt) platzte heraus: »Laßt uns angeben, daß wir auch nicht einmal Englisch verstehen«; wir lachten so über ihren Spass, daß wir beinahe unser Dilemma vergessen hätten.

Als ich den Zollbeamten erwartete, erinnerte ich mich plötzlich meiner neuen Schuhe im Gepäck. Meine Begleiter, denen ich meine Sorge mitteilte, rieten mir, ich solle sie anziehen. Das leuchtete mir ein. Ich nahm die Schuhe aus dem Gepäcknetz über mir, und mit nervösen Fingern fummelte ich an den Schuhbändern an meinen Füßen herum. Als ich mit dem Fuß in einen der neuen Schuhe hinein wollte, ging es nicht, weil dieser mit Papier gefüllt war.

Inzwischen war der Zöllner im Nachbarabteil angelangt und ich war bis an die Grenze einer Panik nervös geworden. Ich hatte hektisch begonnen, das Papier aus den Schuhen zu entfernen, als ich bemerkte, wie die anderen die Papierreste hinter den Sitzen versteckten. Aufschauend blickte ich direkt in die Augen des tschechischen Zollbeamten, der durch die Glasscheibe der Abteil- Schiebetür direkt auf mich herunterschaute.

Zu dem Umstand, daß ich mich in der Mitte des Abteils auf dem Boden mit einem schwarzen und einem braunen Schuh an den Füßen befand, das jeweilige Gegenstück zu den Schuhen vor mir, sagte er nichts. Anscheinend hatte er es nicht gesehen und auch ignoriert, daß meine Begleiter das Papier versteckt hatten. Sie saßen ruhig auf ihren Plätzen, warteten

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auf eine Anrede. Zunächst sprach er uns in Tschechisch an. Als er merkte, daß ihn niemand verstand, ging er aufs Deutsche über und fragte uns nach den Geldumtauschscheinen. Als er nichts als fragende Blicke sah, nahm er aus seiner Tasche ein Blankoformular des Scheines und zeigte es uns. Als wenn wir uns abgesprochen hätten (doch wir hatten das wirklich nicht getan) gaben wir mit erleichtertem Lächeln zu verstehen, daß wir ihn vollständig verstanden hatten. So zog jeder von uns seinen Eisenbahn-Fahrschein aus der Tasche! Der Beamte schaute auf uns, sprachlos verblüfft, und - ging.

Wir atmeten etwas auf, doch das Gefühl blieb, daß es vielleicht nur eine kurze Verschnaufpause war. Ich entfernte das Papier aus dem zweiten schwarzen Schuh und zog ihn an. Wir warteten, doch der Beamte, der unser Abteil eigentlich nicht betreten hatte, sondern nur in der Türe stehengeblieben war, kehrte nicht zurück - auch sonst niemand. Wir hörten ihn noch im nächsten Abteil und dann nicht mehr.

Der Zug blieb mehr als eine Stunde im Bahnhof. Wir waren nicht in der Lage, frei zu atmen, bis der Zug endlich sicher durch Deutschland fuhr. Keines unserer Gepäckstücke war überprüft worden. In den anderen Abteilen hatte man alles gründlich durchsucht. Später erfuhren wir, daß viele der Amerikaner im Zug in das Zollhaus mußten, wo die Zöllner diejenigen Waren beschlagnahmt hatten, für die keine Geldumtauschscheine vorgelegt werden konnten.

Unsere Ankunft in Dachau erschien uns beinahe wie eine Heimkehr. Als am Dienstag die Sonne wieder hervorkam, schien sie sich sogar in den Gesichtern der Deutschen in der Stadt widerzuspiegeln. Ich vermutete, daß es in Prag immer noch regnete und daß die Leute dort immer noch reserviert und unfreundlich waren. Ich habe Prag seither mehrere Male besucht, und immer wieder regnete es, wenn ich dort war.

Bald nach unserer Rückkehr erfuhren wir den Grund für die Spannung, die in Prag geherrscht hatte. Nur wenige Tage nachdem wir die Stadt verlassen hatten, erlebte Prag einen Staatsstreich. Es wurden viele einflußreiche Tschechen und

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Slowaken verhaftet, weitere Verhaftungen folgten. Einige nicht-kommunistische Mitglieder der tschechoslowakischen Regierung, darunter der bekannte Jan Masaryk, erhielten Briefbomben mit der Post. Nur einige wurden entdeckt, bevor sie explodierten. Jene, die den Bombenanschlägen nicht zum Opfer gefallen waren, wurden entweder verhaftet oder exekutiert. Masaryk sprang in Prag aus einem Fenster in den Tod. Oder wurde er hinuntergestoßen?

Offiziell hatte sich die Tschechoslowakei mit der Sowjetunion noch nicht verbündet, doch alles zielte darauf ab. Der neue Ostblock schien mit der Tschechoslowakei komplett zu sein. Die Furcht und die Feindseligkeit, die wir in Prag zu spüren bekamen, war nicht nur eine Einbildung, sie war echt. Bald danach wurden die Grenzen geschlossen, und es konnten keine Amerikaner mehr in die Republik einreisen. Und gerade die Tschechoslowakei war es gewesen, deren Freiheit die Alliierten als eines ihrer höchsten Ziele angesehen hatten.

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